Close by your side

von Enem
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
23.09.2015
27.10.2016
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Dieses Kapitel
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zwei




Unruhig wippte Nyota mit dem Fuß unter dem Tisch. Sie schob lustlos ihre Toastecken über den Teller, bis Leonard seufzend eine Hand auf ihre legte und somit ihre Aufmerksamkeit beanspruchte. Abrupt sah sie zu ihm hin. „Hm?“

„Hör auf damit.“

„Womit?“ Ja, doch, sie wusste eigentlich genau, was er meinte, vermutlich sagte Leonard deswegen jetzt auch nichts, sondern warf ihr nur einen bedeutungsvollen Blick zu. Für einen Moment hielt Nyota inne, dann schob sie den Teller angewidert weg. Sie trank einen Schluck von ihrem Wasser, und sah sie Leonard schließlich wieder an. „Ich mach mir Sorgen“, gab sie leise zu. „Er ist...“ dafür gab es eigentlich keine Worte und als sie wieder zu Jim hinsah, der eben am Replikator stand, sich jedoch nur einen Tasse Kaffee holte und gleich wieder verschwand, folgte ihr Leonards Blick. „Kannst du nicht irgendwas tun?“

Bevor Leonard etwas erwidern konnte, winkte Nyota jedoch schon wieder ab. „Das ist dumm von mir, bitte entschuldige.“

„Ist es nicht“, murmelte Leonard. „Und ich bin sicher, er weiß die Anteilnahme zu schätzen. Lassen wir ihm ein bisschen Zeit.“

Nyota seufzte und ihr Fuß wippte erneut. „Und die Beerdigung? Wann wird er gehen?“

„Ich glaube nicht, dass er geht“, murmelte Leonard und versenkte sich in seinem Glas.

„Was?“, zischte Nyota. „Warum nicht? Wir sind kaum einen Katzensprung von der Erde entfernt und es stehen auch keine dringenden Missionen an. Ich bin sicher, Spock hat keine Probleme damit, für ein paar Tage das Kommando über dieses Schiff zu halten. Zumal...“

„Ich glaube auch nicht, dass es darum geht“, brummte Leonard jetzt, sah sie kurz an und gleich wieder weg.

„Aber es ist seine Mutter!“

„Sag das nicht mir“, knurrte Leonard gereizt zurück. „Ich habe versucht, mit ihm darüber zu reden, er will nicht.“

Leidlich empört sah Nyota ihn an, dann warf sie endgültig ihre Serviette auf den Tisch und stand auf. „Unmöglich“, zischte sie dabei.

„Was?“ Verwirrt sah Leonard auf. „Was hab ich denn getan!“

„Nichts!“, fauchte sie ihn an. „Das ist es ja! Ihr Männer seid doch alle gleich!“ Damit wandte sie sich um und stürmte davon.

„Aber...!“, hörte sie den Arzt in ihrem Rücken, winkte ab, ohne sich nach ihm umzudrehen und huschte durch die Tür.

Da die Schicht der ersten Brückencrew erst in gut einer Stunde begann, gab es nicht viele Möglichkeiten, wo Jim zu finden war. Entsprechend suchte Nyota auch nur in zwei Besprechungs- sowie Aufenthaltsräumen, bevor sie das Quartier des Captains ansteuerte. Dort angelangt verharrte sie einen Moment lang vor der Tür, sah unschlüssig den Gang entlang, bevor sie sich eine Närrin schalt und doch den Sensor berührte. Sie hörte auch die Meldung der Computerstimme, nur geöffnet wurde nicht.

Unruhig trat Nyota von einem Fuß auf den anderen, zögerte ihre Entscheidung, doch wieder zu gehen, hinaus und aktivierte den Sensor noch einmal. Dieses Mal wurde sie hereingebeten und sie schlüpfte rasch in das Halbdunkel des Raumes.

„Entschuldigen Sie, Captain, ich wollte nicht stören“, begann sie auch sofort, ohne dass sie Jim überhaupt gesehen hätte. Das war völlig widersinnig, das war ihr schon klar, immerhin war sie hier. Und plötzlich stand er aus dem Sessel auf und Nyota fuhr erschrocken herum.

„Etwas Dringendes, nehme ich an?“, sagte Jim. Es klang wie eine Frage, ein wenig ungeduldig, oder auch nur müde.

„Etwas Persönliches“, korrigierte Nyota leise, blinzelte ihn an und versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Das war schwer. Jim hielt ungewöhnlich viel Abstand und das Licht war spärlich. Da er selbst auch nichts weiter sagte, fuhr sie schließlich fort. „Ich habe gehört, dass Sie das Schiff nicht verlassen werden, um...“

„Ich glaube nicht, dass ich das mit Ihnen erörtern möchte, Lieutenant“, unterbrach Jim sie sofort.

„Das verstehe ich“, sprang Nyota rasch ein. „Und das war auch nicht meine Absicht. Ich wollte nur...“ Auch jetzt ließ Jim sie nicht ausreden sondern wiegelte sofort ab. „Ich möchte wirklich nicht darüber reden. Und wenn es keine dienstlichen Fragen zu klären gibt, würde ich Sie bitten, jetzt zu gehen, Lieutenant. Danke. Wir sehen uns zum Schichtwechsel.“

Nyota rührte sich nicht. „Bitte um Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen“, murmelte sie.

„Nicht gewährt“, gab Jim sofort zurück. „Bitte gehen Sie jetzt.“

„Aber Sir!“

„Nyota!“

Er war tatsächlich lauter geworden und dass er sie mit Namen angesprochen hatte, hatte sie wohl beide gleichermaßen erschreckt, denn jetzt herrschte tiefes Schweigen, bis Nyota erneut das Wort ergriff. Unerwünscht, wie sie glaubte, aber was hatte sie jetzt noch zu verlieren.

„Manchmal glauben wir, für etwas nicht die Kraft zu besitzen, weil die Furcht überwiegt, aber wir finden sie wieder, wenn wir uns der Angst stellen.“

„Es geht nicht um Furcht“, antwortete er tatsächlich, kam jetzt sogar einen Schritt näher, sodass sie sein Gesicht sehen konnte. Er sah grauenvoll aus, blass mit dunklen Schatten unter den Augen. Wahrscheinlich hatte er keine Minute geschlafen.

„Meine Mutter ist tot. Es gibt nichts mehr in Riverside, wohin ich zurückkehren könnte. Nichts, was noch einen Sinn macht.“

Nyota legte den Kopf schief und betrachtete ihn eindringlich. „Sie haben noch Familie“, erinnerte sie ihn. Ein bitteres Lächeln huschte über Jims Züge und verschwand wieder. „Mein Bruder ist erst vor Kurzem versetzt worden. Im Moment lebt er auf Deneva, er wird niemals rechtzeitig da sein, das heißt, ich wäre allein mit meinem Stiefvater. Frank und ich... wir hatten nie ein sehr gutes Verhältnis. Er wird verstehen, warum ich nicht da bin.“

„Womöglich“, räumte Nyota ein und senkte den Blick. „Ich konnte nicht zur Beerdigung meiner Grandma“, begann sie schließlich leise. „Wir waren...“ eine unbestimmte Geste vervollständigte den Satz und sie sah ihn an. „Das tut immer noch weh. Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn ich mich nicht von meiner Mutter verabschieden könnte.“

Jim starrte sie so ausdruckslos an, dass Nyota sich unangenehm unter seinem Blick wand. Sie fröstelte und verschränkte nervös die Finger. „Ich wollte damit nicht sagen...“

„Ich weiß, was Sie damit sagen wollten, aber ich fürchte, dafür ist es ohnehin zu spät. Ich... wusste nicht einmal, dass sie krank war, sie hat es mir verschwiegen.“

Wieder senkte Nyota den Blick, weil sie einfach nicht mehr wusste, was sie sagen sollte. Womöglich war es ein Fehler gewesen, überhaupt hergekommen zu sein, aber für diese Überlegungen war es jetzt auch zu spät.

„Dürfte ich Sie jetzt bitten zu gehen?“, wiederholte Jim da. Immerhin klang es etwas sanfter als zuvor und Nyota nickte stumm. Sie murmelte eine Entschuldigung, wandte sich zur Tür um und mittendrin fuhr sie doch wieder herum.

„Und wenn ich Sie begleiten würde?“ Das Herz pochte ihr bis zum Hals. „Sir?“ Herrgott! Was war nur in sie gefahren?!

Gerade als sie dachte, dass er überhaupt nicht mehr reagieren würde, kam er doch noch etwas näher und betrachtete sie stirnrunzelnd. „Warum sollten Sie das tun?“

In Nyotas Kopf herrschte heilloses Chaos. Ja warum? Das war eine berechtigte Frage!

„Ahm...“ Sie kam ins Schwimmen. „Weil es... weil... Weil ich es für wichtig erachte“, platzte sie endlich heraus, atmete bebend aus und schüttelte den Kopf, „Entschuldigen Sie bitte, Sir, aber... Ich glaube, Sie mittlerweile gut genug zu kennen, um sagen zu können, dass Sie die falsche Entscheidung getroffen haben. Und ich...“ Sie lächelte schwach, ihr Blick irrte zu ihm hin, „... bin offensichtlich auch noch dreist genug, Ihnen das zu sagen, obwohl ich mir durchaus darüber im Klaren bin, dass das keinesfalls angemessen ist. Also werde ich jede disziplinarische Maßnahme, die Sie für gerechtfertigt halten, anerkennen, aber ich habe Ihnen meine Hilfe angeboten und ich habe das ernst gemeint. Wenn Sie also denken, dass es hilfreich wäre, wenn ich... wenn ich Sie begleite, dann würde ich...“ Endlich unterbrach sie ihren Redeschwall, sah ihn an und schloss gleich darauf die Augen. „Tut mir leid, Sir, das war – absolut unangebracht. Ich habe keine Erklärung dafür.“

Hatte sie erwartet, dass er sie daraufhin hinauswerfen würde, wurde Nyota überrascht, denn zum ersten Mal, seit sie ihm gegenüberstand hatte sie nun den Eindruck, tatsächlich zu ihm durchgedrungen zu sein. Er sah sie an, seine Augen schimmerten seltsam, dann wich er ihrem Blick aus und nickte schwach. „Danke“, murmelte er nur.

Für was genau konnte Nyota nicht sagen und so stand sie weiterhin keine drei Schritte von der Tür entfernt und wusste nicht, ob sie nun gehen sollte oder nicht. Und gerade, als sie sich durchgerungen hatte, ihn doch noch einmal anzusprechen, flüsterte er: „Vielleicht haben Sie recht.“

Schon wieder jagte Nyotas Puls in die Höhe und sie wartete angespannt. Aber es kam nichts weiter und so strich sie sich nervös über die Haare. „Möchten Sie, dass ich einen Transport organisiere, Sir?“, fragte sie nach einer Weile vorsichtig nach. Jim seufzte, doch schließlich nickte er schwach. „Nach Schichtwechsel, wenn möglich. Wir müssen die Abläufe nicht unnötig durcheinanderbringen.“

„Natürlich, Captain“, flüsterte sie und atmete innerlich auf. „Ich kümmere mich darum“, murmelte sie außerdem, bevor sie sich verabschiedete und rasch sein Quartier verließ. Erst draußen auf dem Flur wurde ihr so richtig bewusst, was sie gerade getan hatte, und verharrte für einen Moment mit wackeligen Knien an die Wand gelehnt. Sie verbarg das Gesicht in den Händen, atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie sich aufrichtete, ihren Kommunikator zückte und losmarschierte. Olsen war der diensthabende Kommunikationsoffizier, den sie erreichte.

„Genehmigter Transport für zwei Personen, Mr. Olsen. Captain Kirk, Lieutenant Uhura. Bitte bestätigen Sie den Transfer für 22 Uhr. Sternenflottenstützpunkt Riverside, Iowa. Außerdem benötigen wir einen weiterführenden Transfer, bitte kümmern Sie sich darum.“

Als sie den Kommunikator zuklappte, stieß Nyota den angehaltenen Atem aus und lief mit einem Kopfschütteln los. Noch zwanzig Minuten bis zum Schichtwechsel.

*


Immerhin, dieses Mal war Nyota ein bisschen zu früh, denn als sie in der Nacht den Transporterraum betrat, war außer dem Chefingenieur und einem Techniker niemand anwesend. Sie nickte beiden zu und wandte sich dann an Scotty. „Alles klar?“

Er bestätigte das. „Rendezvous mit dem Transportschiff pünktlich um 22.00 Bordzeit.“ Scotty sah auf und grinste schief. „Andorianisches Scoutschiff.“

„Andorianisch, hm?“ Nyotas Augenbrauen zuckten aber sie äußerte sich nicht weiter dazu. Vielleicht war das besser als vulkanisch, dachte sie, schüttelte dann über sich selbst den Kopf und schwenkte um. „Wo ist der Captain? Hat er sich gemeldet?“ Immer noch befürchtete sie, dass er im letzten Moment seine Entscheidung doch umwerfen würde, aber Scotty beruhigte sie diesbezüglich.

„Noch auf der Krankenstation. Die Meldung kam von Dr. McCoy, er wird ihn rechtzeitig herbringen.“

Nyota runzelte die Stirn. „Fehlt ihm etwas?“ Scottys Blick richtete sich schweigend auf ihren und sie winkte verlegen ab. „Oh, ich... ich meinte darüber hinaus. Vergessen Sie’s, Scotty. Ich bin...“ Ja was? Nyota atmete tief durch und warf einen raschen Blick zur Tür. Sie war nervös, das war der springende Punkt. Nervöser als sie sein sollte oder als es diese Situation rechtfertigen würde.

„Sie kriegen das hin“, sagte der Ingenieur gerade, berührte kurz ihren Arm und lächelte zuversichtlich. Dann kam ein externer Ruf und Scotty drehte sich wieder um. „Oh“, seine Finger huschten über den Bildschirm. „Ich glaube, das Taxi wartet.“

Und Jim war immer noch nicht da.

Kurz zögerte Nyota noch, dann nickte sie kurz, schnappte sie sich ihre Tasche und begab sich auf die Transporterplattform. Gerade als sie sich dort umdrehte, gingen die Türen auf und Jim kam in Begleitung des Arztes herein. Nyota atmete auf.

Er unterhielt sich mit dem Arzt, leise, man konnte kein Wort verstehen, und sah auch nicht her. Dafür wirkte er insgesamt deutlich gefestigter und Nyota vermutete zurecht, dass das Leonard zu verdanken war. Ein kurzer Blickwechsel zwischen ihr und dem Arzt folgte, er nickte ihr stumm zu und sie lächelte, bevor sie sich zu Jim umwandte, der jetzt neben sie getreten war. Er sah fremd aus in ziviler Kleidung, fand sie, aber wahrscheinlich war das umgekehrt genauso.

„Bereit, Lieutenant?“, fragte er ruhig und lächelte dabei sogar schwach. Nyota sah ihn an. Es fiel ihr schwer, das Lächeln zu erwidern, also nickte sie zunächst nur knapp. „Natürlich, Captain“, flüsterte sie am Ende doch noch und Jim richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Ingenieur. „Dann mal los, Scotty.“

Der Flug zur nächsten Raumstation mit Transportermöglichkeit zur Erde betrug nicht einmal 1,5 Stunden und war, trotz der beengten Verhältnisse in dem Scoutschiff, nicht ganz so unangenehm, wie Nyota befürchtet hatte. Jim war nicht sehr gesprächig, aber zugänglicher als noch am Morgen, abgesehen davon waren sie sicher beide müde und so störte sie sich nicht daran, dass sie die meiste Zeit in einvernehmlichen Schweigen verbrachten. Die andorianische Crew war womöglich instruiert worden, sicher kannten sie den Captain, und sie waren taktvoll und überaus zurückhaltend, etwas, das Nyota so gar nicht erwartet hätte.

Bis sie dann jedoch endlich in Riverside aus dem Hauptgebäude traten, war es beinahe Mitternacht und immer noch so warm, dass Nyota den Eindruck hatte, gegen eine Wand zu laufen. „Mein Gott“, murmelte sie leise und warf einen sehnsüchtigen Blick zurück auf das klimatisierte Gebäude. „Das ist ja schrecklich, ist es hier immer so warm?“

Jim warf einen blinzelnden Blick in den sternenklaren Nachthimmel. „Ich weiß nicht, was sie meinen, Lieutenant“, raunte er schließlich, ein leicht amüsierter Unterton begleitete das. „Wir haben August, das ist das, was wir hier eine laue Sommernacht nennen.“

Nyota stieß den Atem aus und schlüpfte dann aus ihrer Jacke. „Ja, und ich bin es nicht mehr gewöhnt. Kühlt es denn hier auch irgendwann ab?“

„Ja.“ Kurzerhand schnappte sich Jim ihre Tasche, bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen und lief los. „Im Januar.“

„Großartig.“

Als sie endlich in dem Gleiter saßen, atmete Nyota auf. Die Temperatur in dem Gefährt war angepasst, genau wie sie es von Bord der Enterprise kannte und so ließ sie sich leise seufzend in den Sitz fallen. Jim betrachtete sie kurz von der Seite. „Ist alles in Ordnung?“

Mechanisch nickte Nyota, während der Gleiter startete. „Ich bin nur müde“, gab sie schließlich zu und blinzelte in die Nacht hinaus, wo sich bereits nach wenigen Minuten alle Gebäude in der Dunkelheit verloren. Die Landschaft wich dem typischen Bild einer von der Landwirtschaft dominierten Region mit Feldern, flachen Wirtschaftsgebäuden und hin und wieder einem Wohnhaus, dessen beleuchtete Fenster in der Finsternis wie Sterne aufblinkten.

„Vielleicht sollte ich Sie auf das vorbereiten, was Sie erwarten wird“, meinte Jim, nachdem sie bereits eine Weile unterwegs waren und lächelte erneut, als sie ihn ansah. Es wirkte traurig und erzwungen und weckte in Nyota den Wunsch ihn irgendwie trösten zu können. Vielleicht einfach seine Hand zu nehmen, um ihm zu versichern, dass er nicht allein sein würde, aber wahrscheinlich war das unpassend, also ließ sie es.

„Das Haus meiner...“, er sah kurz auf seine Hände, „...Eltern“, sagte er schließlich. „Es ist vielleicht nicht ganz das, was Sie erwarten.“

Überrascht sah Nyota ihn an. Darüber machte er sich Gedanken? Aber sie unterbrach ihn nicht, ließ ihn reden, vielleicht tat es auch einfach gut.

„Es ist ein altes Farmhaus. Mein Großvater hat es in jungen Jahren... na ja, gekauft, hergerichtet... Ich glaube nicht, dass er Farmer sein wollte, aber er mochte die Illusion...“ Jetzt sah er auf und schmunzelte ein wenig. „Und ich glaube, er war gern allein: Es ist ziemlich abgelegen.“

„Das ist ja mit den heutigen Möglichkeiten kein Problem mehr“, wandte Nyota ein und Jim nickte nachdenklich.

„Der Rest ist allerdings geblieben“, fuhr er fort. „Hier draußen auf dem Land kennt jeder jeden. Nachbarn, die nächste Gemeinde, sie wissen alles, sehen alles, und wenn sie es nicht wissen – glauben Sie mir – erfahren sie es schneller, als es einem manchmal lieb ist.“

Nyota schmunzelte. „Sind das etwa Jugenderfahrungen, Captain?“

„Auch“, gab er mit einem schiefen Grinsen zu und zuckte dann die Schultern. „Hauptsächlich ist es eine Warnung. Die Leute hier reden gerne und... unter diesen Umständen...“ Als er sie ansah, glaubte Nyota bereits zu verstehen. Sie schmunzelte vage und zuckte gleichmütig die Schultern. „Sie kennen mich nicht.“

„Das wird sie nicht davon abhalten zu reden.“

„Ich glaube, dem bin ich gewachsen“, erwiderte Nyota gelassen. „Ich bin ein großes Mädchen, Captain, machen Sie sich um mich keine Sorgen.“

„Okay“, murmelte Jim jetzt, lehnte sich dann etwas vor und spähte in die Nacht. Seine Geste wies voraus auf einen Umriss, der sich aus den Schatten schälte. „Wir sind da.“

Was Jim schlicht als altes Farmhaus beschrieben hatte, erwies sich als tadellos erhaltenes Haus im amerikanischen Kolonialstil, dem man selbst in der Nacht und bei spärlicher Beleuchtung ansah, dass sich jemand sehr viel Mühe gab, es zu erhalten. In mehreren Fenstern unten brannte Licht und vermittelte das Gefühl eines echten Zuhauses. So wie Jim allerdings darauf zustapfte, sah er das wohl nicht. Nyota folgte ihm langsamer und betrachtete die Fassade des Hauses, versuchte einen Blick auf die Veranda zu erhaschen und lief dann rasch nach ihm die Stufen hoch, als die Tür aufging.

„Hallo Frank“, hörte sie noch, dann wurde Jim in der Umarmung eines riesigen Kerls verschlungen, was ihm sichtlich unangenehm war, denn er sträubte sich dagegen wie eine Katze und befreite sich rasch daraus. Dann wich er zur Sicherheit auch noch einen Schritt zurück und wies mit einer vagen Geste auf Nyota, sein Blick irrte über ihre Schulter, vermutlich war ihm das alles peinlich.

„Frank – Lieutenant Uhura. Lieutenant – mein Stief..“

„Frank“, ging der Mann einfach dazwischen, drängte sich kurzerhand an Jim vorbei und reichte ihr die Hand. „Nennen Sie mich einfach Frank“ und bevor Nyota sich versah, wurde sie ebenfalls in seiner Umarmung zerquetscht.

*


Nach dieser herzlichen, wenn wohl auch für alle Beteiligten überraschenden Begrüßung, wurden sie von Frank rasch ins Haus beordert. Er schleppte ihre Taschen davon und redete dabei in einem fort, was deutlich machte, wie nervös er war, vielleicht auch verstört in Anbetracht der Ereignisse. Jim gab ihr unterdessen mit allerlei Gesten zu verstehen, dass sie das alles ignorieren sollte und zwang ein nichtssagendes Lächeln auf sein Gesicht, als Frank zurückkam.

„Wollt ihr noch was essen?“

Während Jim seufzte und seinem Stiefvater mehr oder weniger freundlich erklärte, dass es mitten in der Nacht war und sie eigentlich nur müde waren und ins Bett wollten, musterte Nyota den Mann unauffällig. Im Moment wirkte er hauptsächlich unruhig, aber dahinter lag ein Kummer, den er nur schwer verbergen konnte. Er tat ihr leid, dieser große Mann, der so offensichtlich gebrochen war, weil man ihm den Halt im Leben genommen hatte. Konnte Jim das nicht sehen? Warum war er so schroff und abweisend? Man musste doch nur einen Blick in dieses aschfahle Gesicht werfen, um zu sehen, dass Frank kaum mehr fähig war, sich aufrecht zu halten.

„Ich hab euer Zimmer herrichten lassen. Trisha war so nett...“ haspelte er jetzt gerade weiter und vergrub die Händen in den Hosentaschen.

„Zwei“, ging Jim aufgebracht dazwischen. „Oder? Zwei Zimmer. Frank! Ich habe dir gesagt, ich komme nicht allein.“

Der unruhige Blick aus traurigen Augen huschte von Jim zu ihr und Nyota lächelte schwach.

„Das tut mir leid“, murmelte Frank in ihre Richtung. „Ich dachte...“

Jim schnaubte aufgebracht. „Sie ist mein Kommunikationsoffizier, nicht meine...“ Er winkte ab. „Ach vergiss es“, knurrte er, „wir klären das morgen.“ Damit wandte er sich gereizt um und sah zu Nyota zurück. „Lieutenant – bitte.“ Schon war er an der Treppe.

Nyota drehte sich noch einmal zu Jims Stiefvater um und sah ihn an. „Ihr Verlust tut mir sehr leid, Sir“, murmelte sie und erntete dafür vielleicht zum ersten Mal ein echtes Lächeln, wenn es auch nur für Sekunden anhielt.

„Frank“, korrigierte er. „Und danke.“

Sie wünschte ihm eine gute Nacht und folgte nun rasch Jim in  das Obergeschoss. Am Treppenabsatz wartete er bereits auf sie, lehnte an der Wand neben einer offenen Tür und deutete darauf. „Ihr Zimmer“, meinte er nur, als sie bei ihm angekommen war. „Ich werde...“ aber das führte er nicht zu Ende, sondern wiegelte mit einer unbestimmten Geste ab. „Ich habe Ihnen gesagt, dass es Missverständnisse geben würde.“

„Das kann man ihm unter den gegebenen Umständen wohl kaum vorwerfen“, gab sie schärfer zurück, als gewollt. „Sie hätten nicht so grob sein müssen.“

Da traf sie ein zorniger Blick, auch wenn Jim sonst gut verbarg, was in ihm vorging. „Keine Belehrungen, Lieutenant“, knurrte er. „Und schon gar nicht zum Umgang mit meinem Stiefvater. Gute Nacht.“ Und mit diesem Worten machte er kehrt und verschwand wieder die Treppe hinab.

Nyota stieß genervt die Luft aus und rollte mit den Augen, bevor sie in das Zimmer trat und „Licht“, murmelte. Leise drückte sie die Tür zu, drehte sich dann um und blickte überrascht auf.

Das war kein Gästezimmer. Unverkennbar, wessen Zimmer das früher gewesen sein musste. Mit einem weiteren tiefen Seufzen ließ Nyota sich auf das gemachte Bett sinken. Über ihr baumelte das Modell eines Raumschiffs von der Decke.

~*~