Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
01.08.2019
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Hallo zusammen!
Es muss jetzt einfach raus. Sonst schreie ich noch dieses Dokument an. Ich schreibe schon seit Monaten immer wieder an diversesten Versionen dieses Kapitels herum und ahne, dass es noch einige mehr werden, wenn ich es nicht langsam einfach ins kalte Wasser werfe. Hier Kapitel 45 (nun vollständig!)
Beste Grüße, liebe Leser, und hoffentlich ein wenig Freude am Update. =)
Eure Silberfrost
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Was bisher geschah...
Kaito hat die Wache über sein Heimatdorf übernommen, als ein Drache Minoru geradewegs auf die von Flüchtlingen überflutete Siedlung zutreibt. Es kommt zur Schlacht, in dem unzählige umherlungernde Dämonen eine Mahlzeit versprechen. Kaito gelingt es, seinen schwer verletzten Vetter aus dem Kampfgeschehen auf eine Lichtung zu retten, wo sie von Saki und Mei angegriffen werden (Kapitel 44).

 ҉

Warme Luft und ein entferntes Summen drangen zu ihm vor. Mit jedem Atemzug spürte er das Stechen in seinen Knochen und die zittrigen Krämpfe, die seinen Körper schüttelten. Kaito versuchte, die Augen aufzuschlagen, wollte sich auf die Seite rollen, doch seine Muskeln gehorchten nicht. Das Summen klang mit jedem Moment abgehackter, wurde unterbrochen; mal heller, mal tiefer. Sein Verstand verarbeitete die Stimmen nur bruchstückhaft und jagte ihm stattdessen eiskalte Schauer über den Rücken, als der wache Instinkt begriff, wie wehrlos er alle, ausgeliefert war. Sein Magen verkrampfte, als Kaito sich erneut antrieb. Zur Bewegung, zur Gegenwehr, Eile, Kampf. Doch als hielte ihn manifestierte Schwärze wie klebriges Pech in seinem eigenen Selbst gefangen, hüllte sein nutzloser Körper ihn ein. Dieser zitterte und schauderte wie ein verängstigtes Kleinkind, verweigerte jedoch jeden Befehl, gleich wie verzweifelt er sein mochte. Kaito sträubte sich, schrie in die Stille hinein ohne auch nur den Mund zu öffnen oder einen Laut hervorzubringen. Dann endlich ließ sich seine Hand bewegen und schnellte empor. Ein schrilles Kreischen klirrte in seinen Ohren, während er sich im unermüdlichen Bestreben auf die Beine zu kommen im Dreck wand wie eine sterbende Schlange.
„Tut etwas! Er stirbt! Bitte!“
„Bleib gefälligst weg von ihm!“
„Bitte!“
Eine raue Hand schloss sich würgend um seine Kehle und ließ seinen Hinterkopf schmerzhaft auf den Boden aufschlagen. Fing seine herumirrenden Hände ab und presste sie über ihm in den Staub. Das Gewicht, das sich auf seine Hüften niederließ, machte weitere Gegenwehr aussichtslos.
„Offenbar kann er schlucken. Gib ihm das Zeug.“
„Aber wenn er sich verschluckt -“
„Glaubst du, es ist besser, wenn er seine eigene Zunge frisst? Mach schon, Kind!“
Jemand presste ihm etwas an die Lippen, doch Kaito sträubte sich nach Leibeskräften, bis über ihm Flüche ausgestoßen wurden und man ihn dazu zwang eine Flüssigkeit zu trinken, die ihn würgen ließ. Er spuckte die Hälfte wieder aus. Erneut erklangen Flüche. Es schmeckte tödlich bitter. Beim zweiten Mal legten sich Hände über seinen Mund.
„Schluck runter, Junge. Los.“
„Kaito, bitte. Das wird helfen. Wir wollen dir helfen.“
Er hustete heftig, als ein Teil des Gemisches in seine Luftröhre ran, schluckte mehr herunter, als sie ihm den dritten Becher einflößten und spürte nach einer Weile, wie ihm Tränen die Wangen herunterliefen. Er wollte nicht mehr. Nichts mehr. Sie sollten weggehen! Alle! Sein Körper zitterte weiterhin unkontrolliert wie Espenlaub. Tausende Nadelstiche schienen sich in seine Haut zu brennen und die Schemen vor ihm bewegten sich verschwommen zu grotesken Wesen. Es brauchte weitere zwei Becher und eine gefühlte Ewigkeit voller Widerstreben und Ängste, ehe er vor sich eine Person ausmachen konnte, dessen dunkelgrünes – ja, beinahe schwarzes Antlitz! - ihn lauernd fixierte. Kaito erstarrte vor Schreck, dann versuchte er das Wesen von sich herunter zu treten, ehe es ihm den Hals aufschlitzen mochte. Doch das ließ seine Kehle los und riss sich die lackierte Maske vom Gesicht.
Schwefelgelb leuchteten die Augen des Generalleutnants, der ihn erneut und ernüchternd mühelos mit einer Hand am Boden hielt.
„Alles in Ordnung, Junge“, raunte er. „Beruhige dich. Was wir dir gegeben haben war Senensal-Beerensaft. Gegen eine Vergiftung, die du dir im Kampf zugezogen haben musst. Es war Gegengift. Verstehst du, was ich sage?“
Kaito nickte langsam und Ryouichi ließ ihn gewähren, nahm die Hände von ihm und richtete sich auf. Dennoch blieb er mit vollem Gewicht auf Kaitos Hüften ruhen. Rin ließ sich neben dem Inu ins Gras fallen und sah Kaito aus rot verquollenen Augen an. Sie trug leichte Rüstung und ihre sonst so gut versteckten Messer offen zur Schau – zumindest einen Teil von ihnen. „Du lebst...“, erneut rannen ihr die Tränen über die Wange. „Ich dachte, wir hätten dich endgültig verloren. Du hast seit Stunden kein Lebenszeichen gezeigt... Tenseiga hat keine Diener der Unterwelt finden können, aber dein Herzschlag war für Sesshōmaru-sama fast gar nicht hörbar.“
„Es hatte aufgehört zu schlagen. Phasenweise“, korrigierte Ryouichi trocken. Er lehnte sich vor und tippte mit der Klaue auf ein Schmuckstück, das auf Kaitos Brust ruhte, ehe er sich erhob. „Du solltest dich bei Gelegenheit bei der Fürstinmutter für ihre Großzügigkeit bedanken.“
Kaito folgte seiner Geste mit fragendem Blick. Sein Oberkörper war mit einer getrockneten Kruste überzogen, die nach Erde und Kräutern roch. Um seinen Hals lag eine lange Perlenkette. Der Anhänger war ein in Gold gefasster, dunkler Stein, der in der prallen Mittagssonne funkelte wie der sternenbehangene Nachthimmel.
„Der Meidou-Stein ruft Seelen in ihre Hüllen zurück. Mehr aber nicht. Nur Tenseiga kann dabei physische Wunden heilen oder Gift aus dem Körper waschen. Rin hat versucht, dich zu entgiften, bevor wir dich zurückgeholt haben. Aber dein Herz hat dennoch mehrfach versagen wollen. Du brauchst Ruhe. Aufregung wird das übrige Gift nur wieder in deinem Körper verteilen.“
Rin schüttelte eine Tonflasche und entkorkte sie, um sie Kaito zu reichen. „Jaken und A-Un haben so viele Beeren gesammelt, wie sie finden konnten. Sie suchen auch jetzt noch. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber du musst mehr von dem Saft nehmen. Bitte.“
Sie krabbelte dichter an ihn heran und richtete ihn auf, damit er trinken konnte. Als Kaito nach der Flasche griff, fasste er daneben und zitterte so sehr, dass der Inhalt überzuschwappen drohte. Rin half ihm, das Tongefäß ruhig zu halten und an den Mund zu führen. Er versuchte es zu leeren, setzte jedoch nach der Hälfte ab und brauchte eine Weile, ehe er den Rest zu trinken wagte. Schließlich sah er auf seine Hände. Sie zitterten wie die des Dorfältesten, dem ohne Hilfe alles Essen auf dem Weg zum Mund zu Boden fiel. Sobald er den Kopf auch nur im Mindesten drehte, begann seine Sicht zu flackern und in sich zu verschwimmen. Rin bemerkte sein Entsetzen und legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Sicher wird es dauern, bis sich dein Körper erholt hat... . Aber du lebst! Das ist doch, worauf es ankommt.“
In den gelben Augen des Inus lag eine andere Wahrheit als in den mühevoll aufmunternden Worten der guten Seele an seiner Seite. Sie wussten nicht, ob er sich davon erholen konnte.
Ryouichi, der gerade seinen Obi richtete, hatte seinen Gedanken erraten: „Als der Fürst dich gefunden hatte, hätte ich geschworen, dass du ohne Tenseiga verloren bist. Dennoch atmest du. Deine Chancen abzuschätzen wäre vermessen. Du bist zäh und stur. Das sollte dienlich sein.“
Kaito musterte ihn nachdenklich. Seine Rüstung war unauffällig dunkel und schmucklos. In seinem schwarzen Obi ruhten zwei Schwerter, von denen nur eines in einer verzierten Scheide steckte. Hinter ihm lehnte eine Lanze an einer knorrigen Eiche. Das Erscheinungsbild täuschte einen gewöhnlichen Soldaten vor, doch Kaito kannte den Mann; erkannte die sonderbar gelben Augen und die dunkelgrünen Zeichnungen, die sich wie Tränen über seine Wangen zogen. Der Generalleutnant des Westens. Was tat er hier? Sie waren doch nicht im Westen, oder?
Kaito sah sich um und presste die Lider zusammen, sobald alles um ihn herum zu rotieren begann. Rin fuhr mit der Hand durch sein dunkles Haar und zog das blaue Band heraus, das vermutlich einst seinen kurzen Zopf gehalten hatte.
„Deiner Familie geht es gut. Sie suchen nach dir“, erklärte sie ungefragt und kämmte mit den Fingern durch seine Strähnen. „Es hat viele Tote gegeben, aber ich kannte kaum einen von ihnen. Ruh' dich noch etwas aus, dann bringen wir dich nach Hause.“

Stimmen holten Kaito aus dem Schlaf, als die Sonne ihren Zenit längst überschritten hatte. Er war erneut traumlos eingeschlafen, nachdem Rin ihn dazu genötigt hatte, zwei weitere Flaschen voller Beerensaft zu trinken. Dieses bittere Gesöff wirkte. Doch Wunder vollbrachte es nicht. Kaito fühlte sich immer noch wie gerädert und seine Knochen schmerzten als zersprüngen in ihnen bei jeder Bewegung hunderte kleiner Eiskristalle.
Dann vernahm er erneut die tiefen Stimmen und drehte den Kopf in ihre Richtung, was sein Körper umgehend mit dröhnendem Kopfschmerz und verschwommenen Lichtern quittierte. Er brauchte einen Moment, ehe er das knisternde Lagerfeuer erkannte, an dem Rin weitere Beeren zu Saft zerkochte. Weiter Abseits stand die hochgewachsene Gestalt Ryouichis und unterhielt sich mit jemandem, dessen tiefe, teils rauchige Stimme nur einer Person gehören konnte. Sobald sich seine Sicht auf die beiden Dämonen klärte, wurde ihm mit einem Schlag übel. Es fiel Kaito noch deutlich schwer, Zusammenhänge zu verarbeiten, aber dass die Anwesenheit der beiden höchstrangigen Yōkais des Westens in den Ebenen nichts Gutes verhieß, würde er vermutlich noch mit einem gespaltenen Schädel begreifen können. Der Fürst tendierte dazu, alles im Alleingang in die Hand zu nehmen und im Westen war sicher etwas vorgefallen. Warum um Himmels Willen nahm er also seinen Stellvertreter mit?
Es brauchte eine Weile, bis er begriff. Vorsichtig stemmte Kaito sich auf die Unterarme. Die Wunden, die Minoru ihm in seiner Panik geschlagen hatte, brannten, als habe er sie soeben mit einem Messer neu geöffnet. Dann sah er sich um. A-Un graste unweit des Feuers und Jaken döste, den Kopfstab im Schoß, in der Nachmittagssonne. Minoru jedoch war nirgendwo zu sehen. Hatten sie ihn etwa nicht gefunden? Ausgeschlossen! Sie waren zusammen dort gewesen! Selbst wenn man ihn von dort verschleppt hätte, hätten diese Inu ihn finden müssen!
Es bedurfte einiger Anläufe, bis Kaito Rins Namen verständlich über die Lippen brachte. Das Wort drang heiser und gebrochen aus ihm hervor und zog einen brennenden Schmerz nach sich, den sonst  nur ein verschlucktes Reibeisen hätte erzeugen können. Sie sah sich verdutzt nach ihm um und begann sofort breit zu lächeln. „Kaito!“
„Wo ist Minoru?“
Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen und auch die Gespräche versiegten augenblicklich. Kaito wandte den Kopf möglichst vorsichtig zu den beiden Männern, die ihn aufmerksam musterten. Es lief ihm kalt den Rücken herunter. Seit seiner Geburt behandelte ihn sein Onkel wie fade Luft. Nun galt die Aufmerksamkeit dieser kalten, goldenen Augen einzig und allein ihm. Er bereute jeden Moment, in dem er sich als Kind gewünscht hatte, nicht Objekt der Ignoranz zu sein! Das war die falsche Frage gewesen. Eindeutig die falsche Frage! Der Idiot konnte nicht tot sein! Er durfte nicht! Sein eigener Herzschlag hämmerte in seinen Ohren. Das Blut, das durch seinen Körper schoss, ließ ihn schmerzlich das Gesicht verziehen, als das Gift frohlockend Organe erreichte, aus denen es sich längst verabschiedet hatte.
Rin war sofort an seiner Seite. „Langsam. Entspann dich. Du bist in Sicherheit.“ Sie stützte ihn und reichte ihm erneut eine Flasche. „Wir hatten gehofft, du wüsstest, wo er ist. Honoka hat uns erzählt, dass du ihm mit dem Drachen beigestanden hast. Aber als Sesshōmaru-sama dich bei dem alten Brunnen gefunden hat, warst du allein. Dann hat der Drache ihn nicht erwischt?“
Kaito trank einen Schluck, um seinen Hals zu beruhigen und schüttelte schließlich den Kopf. Zumindest das hatte er verhindern können. Aber wahrscheinlich war das Schlachtfeld derart von Rauchbomben und dem Gestank von Eingeweiden verseucht, dass nicht einmal die Inu ausmachen konnten, was geschehen war. „Wo ist der Drache?“
„Er ist nach Osten geflohen, nachdem Tessaiga ihn mehrfach in Stücke gerissen hat. Bevor wir ankamen.“ Ryouichi war an das Feuer herangetreten und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Die Miene des Fürsten zu seiner Linken war zwar weitestgehend ausdruckslos, doch sein Yōki kroch derart heiß am Boden entlang, dass die ohnehin trockenen Gräser verschmorten: „Er war mit dir am Brunnen.“
In Kaitos Brust verkrampfte sich etwas. Sein eigener Vater war stets impulsiv, trug seine Launen offen zur Schau und explodierte bei Provokationen schnell. Zum Schutz seiner Familie hätte auch er gemordet – zur Not vielleicht sogar Außenstehende. Die Frage stellte sich bei seinem Bruder gar nicht. „Ja“, bestätigte Kaito möglichst fest. Mit dem Saft fiel das Sprechen leichter, doch es kostete Mühe, über die lodernde Wut nicht in Panik zu verfallen. „Der Rauch war zu dicht und bei der Energiekugel dieses Drachen ist uns fast der Bannkreis um die Ohren geflogen. Minoru war verletzt und die Echse wollte ihn. Also bin ich mit ihm auf die Lichtung.“ Er hielt inne. Jedes weitere Wort würde das gesamte Dorf verdammen. Dass die Bewohner Pfeile auf Minoru abgeschossen hatten, war vermutlich schon ausreichend. Was sonst noch geschehen war, würde nur die Krönung sein, die dafür sorgte, dass kein Mensch es für die nächsten Jahrhunderte wagen würde, in dieser Gegend zu siedeln.
„Wo du gestorben bist.“ Es war das erste Mal, dass sein Onkel in einem neutralen Ton direkt mit ihm sprach und auf eine Reaktion zu warten schien. Kaito erwiderte seinen Blick und versuchte eine Wahrheit zu verarbeiten, die der Generalleutnant ihm bereits vor Stunden aufgetischt hatte. Doch da war sie an ihm vorbeigezogen – die Gewissheit, dass er tatsächlich an diesem Gift krepiert war. Dass sie alle Mühe gehabt hatten, ihn mit Tenseiga, diesem Stein und Gegengift wieder ins Leben zu holen. Sie hatten ihn ermordet und am Brunnen liegen lassen wie all die Yōkai, die sie in den Jahren niedergemacht hatten. Es fühlte sich unwirklich an, dass die Zwillinge ihn wirklich getötet haben sollten. Er hatte vieles von ihnen erwartet, ihren Hass erduldet und sich an den Ratschlag seines Vaters gehalten, nicht derjenige zu sein, der ihnen einen Denkzettel verpasste. War sanfter mit ihnen umgegangen, als er es in einem Trainingskampf je getan hätte, nur um sich nichts nachsagen lassen zu müssen – und sie hatten ihn ermordet. Vergiftet und auf dieser verseuchten Lichtung liegen lassen, als wäre er niemand. Als hätten sie sich nie gekannt. Kollateralschaden, entbehrliches Material. Eher geduldet als gewollt. Er schluckte schwer. Die Abneigung Fremder war ihm nicht neu, die Feindseligkeit der Zwillinge ebenso wenig, aber dennoch war da das Gefühl hintergangen worden zu sein. Verraten. Er war so naiv gewesen! Anzunehmen, dass es etwas bedeutete, unter ihnen aufgewachsen zu sein. Dass sie ihm nicht schaden würden, wenn er ihre Ängste nur nicht bestätigte. Treu dummer Köter, der stets zu der Hand zurückkehrte, die ihn schlug. Weil er zahm war, sicherlich nicht gefährlich, Teil der Gemeinschaft, beherrscht, gut erzogen, harmlos.
„Kaito...“, Rin strich ihm sanft die Tränen aus dem Gesicht und legte ihre Hand über seine, die vor Wut zitterte. „Was auch immer passiert ist, ich bin für dich da. Vertrau' mir... .“
Er knurrte und war überrascht, dass sie nicht zurückwich, sondern ihren Griff um seine Hand stattdessen umso fester zog. Er ließ sie gewähren, sah jedoch zum Taishō auf, der ihn weiterhin aufmerksam musterte.
„Was mit ihm dort passiert ist, kann ich Euch nicht sagen. Er stand noch, als ich längst nichts mehr gesehen habe. Aber wenn Ihr mir versprecht, dass Ihr meiner Familie kein Leid zufügt, sage ich Euch, wer uns dort angegriffen hat.“
„Beleidige mich nicht, Junge. Du hättest mir jeden bereitwillig genannt – abgesehen von deiner kleinen Dorfgemeinschaft. Glaubst du, dein Verrat rettet sie noch?“
„Verrat? Ich?“, erwiderte er heiser. Er hätte ihm auch gleich ins Gesicht spucken können. Das wäre weniger erniedrigend gewesen. „Gehen wir jetzt so weit, dass man mir die Kehle durchschneiden kann, ohne dass ich mich wehren darf, nur weil ich kein Mensch bin? Mit diesen Giftbomben räuchert man Ratten aus! Ich bin draufgegangen, als ich deinen Sohn verteidigt habe und du wirfst mir Verrat vor?!“
„Hör auf zu winseln.“ Kaito zuckte zusammen und wandte sich um. Die Welt flackerte erneut vor seinen Augen auf und als die Konturen wieder Form annahmen, stand der Generalleutnant unmittelbar vor ihm. Rin schrie den Inu an, rief nach dem Fürsten und Kaito begriff erst, was los war, als kalter Stahl sich an seine Kehle schmiegte. „Was dachtest du denn? Dass es abträglich wäre, wenn er hier stirbt? Erwartest du nun Dankbarkeit? Narr! Dankbarkeit hat im Tod keinen Nutzen. Wir bringen dich nicht jedes Mal zurück, damit du für deine heroischen Handlungen Gegenleistungen einfordern kannst. Wenn du bereit bist, für jemanden zu sterben, dann sorg' dafür, dass er es wert ist. Wenn nicht, ist es deine Entscheidung. Dann will ich dich in seiner Nähe aber nie wieder sehen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Sie starrten sich an, greller Schwefel und lodernder Bernstein, während Yōki durch das Metall kroch und auf Kaitos Haut prickelte wie winzige Nadelstiche. Er hatte Schwierigkeiten die Drohung und Zurechtweisung zu begreifen. War der Kerl vollkommen übergeschnappt? Sollte sich nun jeder von Minoru fern halten, der nicht bereit war, den Kopf für diesen Bengel hinzuhalten? Kein Wunder, dass der keine Freunde hatte! Das war doch absurd! Und dieser Inu erst recht! Gern hätte er ihn angeschrien. Doch dessen Stimme war trotz seiner Wut so sachlich, dass Kaito unweigerlich einen Narren aus sich gemacht hätte.
Die Rettung sprang in zwei Sätzen von der Schulter des Fürsten und ließ sich auf dem Klingengrad des Schwertes nieder. „Es war nicht die Absicht des Jungen, sich über seinen Tod zu beklagen, Chūyō“, protestierte der winzige Floh ebenso ruhig. „Ich kenne ihn. Trotz seiner Jugend ist er kein leichtsinniger Narr. Wenn er Minoru geholfen hat, war er sich der Konsequenzen bewusst. Er weiß, dass jede Schlacht den Tod durch Feindeshand bedeuten kann. Jedoch von vermeintlichen Freunden verraten zu werden -“
„Wir verschwenden Zeit“, knurrte Kaito leise. Sein Kehlkopf tanzte bedrohlich nah über die Klingenspitze. Eine heiße, blutige Spur rann seinem Hals entlang auf die trockene Erde, während er aus den Augenwinkeln zu seinem Onkel sah. „Saki und Mei haben uns auf der Lichtung aufgelauert. Ich konnte sie in dem Rauch nicht wittern. Sie wollten, dass ich ihnen Minoru überlasse. Mein Fehler war, dass ich ihre Entschlossenheit unterschätzt habe. Ich war ein Idiot, die Anzeichen zu übersehen. Seit dem Beginn der Schlacht haben sie Jagd auf ihn gemacht. Die übrigen Dorfbewohner haben auf den Befehl meines Vaters hin umgehend das Feuer auf ihn eingestellt, während Sakis Pfeil Minoru nur dank Honoka nicht richtig getroffen hat. Dass sie überhaupt bei den Bogenschützen gewesen sind, kam mir komisch vor. Aber um die Position nur deswegen einzunehmen, hätten sie wissen müssen, was auf uns zukam. Das ergibt alles keinen Sinn. Egal. Es tut auch nichts zur Sache. Findet sie, dann findet Ihr vielleicht auch Minoru.“

Als das Dorf in Sichtweite kam, war das Elend allgegenwärtig. Die Mittagshitze hatte das tote Fleisch zum Kochen gebracht. Gedärme und Leichen klebten am Boden, auf dem Scharen von Fliegen ihre schwarzen Rüssel in vertrocknetes Blut pressten. Der Gestank legte sich wie eine zweite, zähe Haut über alles. Häuser waren abgebrannt oder zusammengebrochen. In einigen glomm noch ein Rest von Glut. Der Kriegsschauplatz kündigte sich seit dem Morgen mit schweren, dunklen Rauchsäulen  an, die von Scheiterhaufen inmitten des Dorfplatzes aufstiegen.
Die wenigen Überlebenden, die nicht von den Geschehnissen der letzten Nacht gelähmt waren, schleppten Leichen auf alten Viehkarren, verbrannten die Yōkai oder schaufelten am Dorfrand Gräber in die trockene Erde, um ihresgleichen zu bestatten.
Kaito, der auf A-Uns Rücken saß und damit den Generalleutnant neben sich um einige Köpfe überragte, wurde sichtlich blasser, gab sich jedoch Mühe alle Gefühle möglichst zu verbergen. Man mochte ihm beinahe glauben, dass all dies ihn kalt ließ. Doch wie hätte es das sollen? In einem Haus, dem nun eine ganze Wand fehlte und dessen Dachbalken in kleinen Rauchwolken geh Himmel dampften, hatte gestern noch eine ganze Familie gewohnt, deren Kinder täglich unter ohrenbetäubendem Lärm im Fluss badeten. Und in dem daneben eine alte Dame, die stets alle mit süßem Reiskuchen versorgte, weil sie sonst niemanden hatte, der sich über ihre Mühe freute. Wo sonst Feste gefeiert wurden, verbrannten Leichen; wo er einst gegangen war, lag Schutt und Blut und Asche. Es war etwas anderes, in fernen Dörfern Dämonen zu töten. Anders als den Tod vor der eigenen Haustür zu betrachten. Wie konnte eine Nacht nur solche Zerstörung hinterlassen? Wie ein Angriff nur so unpassend auf sie niedergehen?
„Honoka hat mir versichert, dass es deiner Familie gut geht.“ Rin legte eine Hand an die grünen Schuppen des Longmas und sah zu Kaito auf. „Ein Dorf kann man wieder aufbauen.“
„Wir werden sehen“, erwiderter er trocken und warf einen knappen Blick auf die Soldaten der Inu, die der Generalleutnant am Waldrand zu sich gerufen hatte. Gerüstete und bewaffnete Yōkai, die im Dickicht offenbar nur auf seine Befehle gewartet hatten und sie nun zu allen Seiten flankierten.
Ryouichi hatte das Misstrauen bemerkt und schenkte ihm ein mattes Lächeln, das sich in der Maske verlor: „Du bist zu klug, um zu denken, dass die zehn Mann noch einen Unterschied machen.“
Kaito schnaubte: „Warum habt Ihr sie dann überhaupt kommen lassen, frage ich mich?“
„In deinem Interesse.“
Der Junge musterte den schwarzhaarige Inu nachdenklich, doch dessen Maske lag so ungünstig an, dass neben der Mimik auch die Augen vollends verdeckt wurden. Keinerlei Hinweis auf seine Absichten. Doch als die Dorfbewohner die Dämonen bemerkten, wurde ihr Zweck deutlicher: Karren blieben mitten in den Straßen stehen, wo die Leichen von den Dielen rutschten. Mütter sammelten ihre schreienden Kinder ein und Männer eilten zu den Waffen, die jedoch unsicher in ihren Händen lagen. Wo der Schatten eines einzelnen Onis ausreichte, um Panik zu verbreiten, erstickten zehn Inu in Rüstung und Waffen jeden Heldenmut im Keim und retteten so vermutlich einige Leben vor dem Unmut des Fürsten. Dieser war selbst für Kaito offensichtlich. Es war schwer zu sagen, ob die Sorge um seinen Sohn oder die persönliche Beleidigung überwog, aber die kleinen Gesten bei distanzierter Miene und die Klauen, die immer wieder über Bakusaigas weißen Ledergriff strichen, sprachen Bände. Beide Beweggründe würden im Zweifelsfall dazu führen, dass von der Siedlung nichts übrig blieb.
Kaito kannte die Geschichten. Sesshōmaru hatte mehr als einmal gegen seinen Vater verloren, doch das war beinahe zwanzig Jahre her. Zwanzig Jahre in denen sein Bruder Schlachten geschlagen und Armeen geführt haben mochte. Der Taishō allein war ein hinreichendes Problem – mit dem Generalleutnant und zehn weiteren Soldaten jedoch würde auch die versammelte Schlagkraft der einst so erfolgreichen Gemeinschaft nicht viel Gegenwehr aufbringen können. Damit hing das Schicksal des Dorfes vom Wohlwollen eines Daiyōkai-Fürsten ab – man hätte sich auch gleich standesrechtlich erschießen lassen können.
„Kaito! Mama, Papa! Er ist hier!!“ Zwischen den Dorfbewohnern bahnte sich Honoka einen Weg. Ihr mausgraues Haar blitzte zwischen ihren Reihen auf, während sie sich unter Armen hinweg duckte, Lücken suchte und schließlich über die freie Fläche auf sie zulief.
Die Inu senkten umgehend die Speere, ehe Ryouichi beschwichtigend die Hand hob. „Lasst sie. Sie ist seine Schwester.“
„Kaito!“, Honoka kam erst bei Rin zum Stehen. „Vater sucht seit den Morgenstunden nach dir. Er ist eben erst zurückgekehrt. Geht es dir gut? Wo bist du gewesen? Du siehst schrecklich aus!“
„Es geht mir gut“, erwiderte er sanft und griff nach ihrer Hand, als sie sie nach ihm ausstreckte. Lügen kamen ihm normalerweise nicht so leicht über die Lippen, aber seiner kleinen Schwester wollte er nicht die schonungslose Wahrheit auftischen, solange es sich vermeiden ließ. Auch seiner Mutter nicht, sie hätte ihn nie wieder aus den Augen gelassen. Mit seinem Vater würde er sprechen können und müssen. Im rechten Moment.
Weniger umsichtig als Honoka es gewesen war, schob auch Inuyasha nun die Dorfbewohner auseinander und knurrte den einen oder anderen an, wenn er sich anschickte, die grobe Behandlung zu kommentieren. Dicht hinter ihm folgte neben Kaitos Mutter auch Sango, die immer noch kampfbereit gerüstet war, während sie ihre jüngste Tochter Shinju an der Hand führte. Beim Anblick der typischen Lederkleidung presste Kaito die Kiefer zusammen, bis er das Zittern seines Körpers in den Zähnen spüren konnte. Bevor er sich jedoch an den aufkommenden Gedanken festbeißen konnte, holte ihn eine Stimme neben ihm zurück in die Gegenwart.
„Weißt du, wie lange ich schon nach dir suche?“
Kaito blinzelte zu seinem Vater hinab, der mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn zu ihm aufsah und die umstehenden Soldaten vollends ausblendete.
„Seit den Morgenstunden“, erwiderte Kaito möglichst glatt und erntete dafür ein verächtliches Schnauben. Inuyasha hob seinen Sohn von A-Uns Rücken und zog ihn erschrocken an sich, als dessen Muskeln sich weigerten, sein Gewicht allein zu tragen. So viel zu dem Plan, seiner Mutter Unversehrtheit vorzugaukeln. An seinen Vater gelehnt schloss Kaito die Augen und atmete tief durch. Ihm war speiübel. Es war ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, sobald er in seiner Nähe war. Trügerisch und erniedrigend. Manchmal fühlte er sich derart Unselbstständig, dass es all sein Selbstwertgefühl in einem Rutsch den Bach hinuntertrieb. In seinem Alter waren seine Eltern bereits gegen rachsüchtige Halbdämonen zu Felde gezogen, hatten Sō'unga vernichtet und Ryūkotsusei geschlagen, während er sich von zwei Möchtegern-Taijiya ins Jenseits katapultieren ließ und anschließend nach Hause eskortiert werden musste. Wortwörtlich nicht in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Es war schlicht zum Kotzen! Würde er wenigstens ansatzweise über die Fähigkeiten seines Vaters verfügen, hätte Tessaiga auch diese Schlacht in kürzester Zeit entschieden! Aber auch wenn sich das Schwert auf eine Kooperation mit ihm eingelassen hätte, war es immer noch unfassbar schwer und ließ sich nur ganz selten dazu herab, eine Windnarbe anzudeuten. Wenn überhaupt. Vermutlich war er besser damit beraten, das Reptil mit Küchenmessern abzuwerfen, als die Hoffnung an das Dämonenschwert zu hängen. Im Grunde konnte sein Vater es auch gleich irgendwo verbuddeln, bevor er es ihm überließ.
„Mehr Mut als Verstand“, knurrte Inuyasha leise und eher für sich, während er Kaito noch ein wenig fester in die Arme schloss. Der schluckte hörbar: „Tut mir leid.“
„Was ist passiert?“
Bevor Kaito wusste, wie er das Erlebte gefahrlos in Worte fassen sollte, schnaubte A-Un neben ihm und rief ihm ins Gedächtnis, was nun vorrangig war. „Ohne sie wäre ich nicht hier“, gestand er mit gesenkter Stimme und spürte, wie sein Vaters umgehend verkrampfte, sobald er den Blick zu seinem Bruder wandte. Sie schwiegen. Keiner hatte Absicht, das Wort zu ergreifen, auch wenn beide sicherlich genug zu sagen gehabt hätten. Wie üblich. Nur dass Kaito dieses Mal nicht darauf hoffen konnte, dass die Situation in üblich friedlicher Ignoranz verstrich. Nicht heute.
Er sah zu Honoka, die über das gefährliche Funkeln im Blick ihres Bruders die Stirn runzelte. „Fehlt sonst noch jemand?“, fragte er scheinheilig.
Sie nickte zaghaft: „Saki und Mei sind verschwunden. Vater ist von der Suche zurückgekommen, um zu sehen, ob ihr mittlerweile wieder Zuhause seid. Was-. “
Als Kagome ihre rauen Hände auf seinen Arm legte, fuhr Kaito zu ihr herum. Ihr besorgter Blick unterbrach seine Gedanken und drehte ihm den Magen um. Sie hatte bereits in den vergangenen Wochen unter der Last der Flüchtenden schwer abgebaut, doch nun wirkte sie hagerer denn je. Blass und ausgelaugt. Er lächelte ihr mild zu: „Kein Grund zur Sorge, Mama.“
„Du bist immer schon ein miserabler Lügner gewesen, Kaito“, murmelte sie und strich ihm über die Wange. „Sag, was passiert ist. Was machen all die Leute hier? Wo ist Minoru?“
Er überging ihre Frage. „Miroku und Bosatsu suchen die Zwillinge?“
„Mit Kohaku, ja. Dein Vater wollte sich ihnen gleich wieder anschließen.“
„Kohaku ist hier?“, meldete sich nun auch Rin zu Wort.
Kagome nickte: „Er kam während der Schlacht hinzu. Ohne ihn und Kirara hätten die Dämonen uns bis zum Morgengrauen überrannt.“
Von dem Wortwechsel ermutigt, trat nun auch Sango näher heran. „Hast du die Mädchen gesehen?“,
fragte sie und drückte Shinjus Hand ein wenig zu sehr. Die Kleine verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Habe ich“, erwiderte Kaito unterkühlt. „Ich bedaure, dass ich nicht weiß, wo sie nun sind.“
Früher hätte er sich die Mühe gemacht, tatsächlich Bedauern in seine Stimme zu zwingen. Um der Mutter Willen, die um ihre Kinder fürchtete. Doch er war des Mitgefühls überdrüssig und so war es kein Wunder, dass Sango über die deutlich süffisante Drohung erschrak und auch Kagome ihrem Sohn verwunderte Blicke zuwarf.
Ehe sie ihn jedoch darauf ansprechen konnte, trat Sesshōmaru an den Generalleutnant heran: „Kümmert Euch um dieses Dorf und trefft mich dann wie besprochen.“
Ryouichi verneigte sich vor ihm. „Sehr wohl, Herr.“
„Wo genau willst du jetzt hin?“, verlangte Inuyasha zu wissen, doch sein Bruder war längst aufgestiegen und trieb in der heißen Sommerluft dem Wald entgegen. „He! Sesshōmaru!“
„Lass ihn“, zischte Kaito möglichst leise. „Je weiter er weg ist, desto besser.“
Es würde ihre Chancen deutlich verbessern. Die letzten Stunden hatten zwar gezeigt, dass der Generalleutnant in Sekundenbruchteilen zu einem unkalkulierbaren Risiko werden konnte, doch damit waren sie allemal besser bedient als mit einem nachweislich rachsüchtigen, reuelosen Daiyōkai. Auch wenn Kaito nicht darauf wetten wollte, dass sich die Fronten durch dessen Abwesenheit nun zwingend gewendet hatten. Wer in Sesshōmarus Nähe freie Luft atmen konnte und dabei noch offiziell hohe Posten belegte, war sicherlich nicht die Art Person, der man im Dunkeln allein begegnen wollte. Nur wie brachte er seinem impulsiven Vater auf die Schnelle bei, dass der Inu, der gerade Rin sanft hinter sich schob, keineswegs den üblicherweise eher harmlosen Begleitern seines Bruders entsprach?
Besagter Dämon betrachtete die Dorfbewohner, dann wandte er sich an die Menge: „Ich bin Ryouichi. Generalleutnant des westlichen Heeres und Stellvertreter des Inu no Taishōs.“
„Was soll der Scheiß?“ Kaito stolperte kurz, als Inuyasha ihn in die Arme seiner Mutter übergab und sich dann vor seine Familie schob. „Stellt mein Bruder neuerdings Horden von Laufburschen ab, um mir zu drohen?“
„Papa-“
„Du sei still!“ Inuyasha ließ Ryouichi nicht aus den Augen, betrachtete dessen Maske, Rüstung und Waffen, musterte die Soldaten flüchtig und legte schließlich eine Hand an Tessaigas Griff.
Kaito schloss die Augen und fluchte leise in sich hinein. Die Bauern, Schreiner und Schmiede des Dorfes mochte eine gewisse Anzahl von Dämonen ausreichend einschüchtern, aber seinen Vater würde auch eine ganze Armee nicht ohne Weiteres zur Kapitulation bringen. Erst recht nicht, wenn sie ihn reizten.
Zur Antwort löste Ryouichi das eigene Schwert aus der Scheide. Die Klinge war von einem ungewöhnlich tiefen Schwarz und schluckte das Sonnenlicht statt es zu spiegeln. „Ich sehe, woher Euer Sohn sein Selbstvertrauen nimmt.“
Das war nur halb wahr. Sicherlich hatte Inuyashas direkte Art teilweise auf ihn abgefärbt, doch im Gegensatz zu seinem Vater preschte er selten in einen Kampf ohne zuvor die Folgen ausreichend abgewogen zu haben – auch wenn seine Eltern ihm diese Gedankengänge vermutlich abgesprochen hätten. Auch im Hinblick auf den Drachen war ihm der möglicherweise tödliche Ausgang bewusst gewesen – es ärgerte ihn viel mehr, dass ihm die eigentliche Gefahr in seiner Naivität entgangen war.
Tessaigas rostiger Stahl flammte auf und entblößte den todbringenden Fangzahn. „Was willst du, Hund?“
„Seid Ihr verantwortlich für diese Menschen?“
Bevor sein Vater irgendeine schnippische Antwort geben konnte, fuhr Kaito dazwischen: „Die Verantwortung liegt beim Handelnden. Jeder trifft hier seine eigenen Entscheidungen. Es gibt keinen Anführer.“
Ryouichi schwieg für einen Moment, dann wandte er sich erneut an den kampfbereiten Halbdämon, der kaum drei Meter von ihm entfernt stand: „Die Zwillingsmädchen, die Ihr sucht, haben Jagd auf den Sohn des Fürsten gemacht. Ebenso wie sie ist er verschwunden. Sollte die Taijiya dem Jungen geschadet haben – .“
„Dafür dieser Aufstand?“, fragte Inuyasha spitz. „Drohungen und fadenscheinige Behauptungen? Weil die drei verschwunden sind, sollen die Mädchen nun die Schuld daran tragen? Euer Bengel hat den Drachen vor unsere Tore gebracht.“
„ – werden wir die Geisel entsprechend behandeln.“
„Geisel? Keh!“, Tessaigas Klinge reflektierte die Abendsonne, als Inuyasha den Griff um das Schwert festigte. „Für einen Spinner mit Theatermaske hast du ein viel zu großes Maul.“
Für einen Sekundenbruchteil war kaum mehr zu hören als das Aufeinandertreffen von singendem Stahl. Dann brach der Holzkarren unter Inuyashas Gewicht zusammen. Tessaiga wirbelte durch die Luft und blieb einsam mit der Klinge voran im blutigen Staub neben seinem Besitzer stecken, während sich Ryouichis Obsidianschwert an dessen Kehle schmiegte wie eine zweite Haut. „Mir mit Tessaiga zu drohen ist ein selten dämlicher Einfall, Inuyasha. Es ist schwerer und langsamer seitdem es erneut geschmiedet worden ist. Selbstverständlich könntest du mich damit töten – mit ausreichend Abstand. Nicht, wenn ich schon drei Meter vor dir stehe.“ Er trat dem Halbdämon mit Wucht auf das Handgelenk, als dieser sich nach dem nun stumpf erscheinenden Katana vortasten wollte. Das Geräusch berstender Knochen ging Kaito durch Mark und Bein, Honoka kreischte auf, doch jedweder Schmerzensschrei blieb aus. Inuyasha zischte lediglich wütend und biss die Zähne zusammen. „Bastard!“
„Oh bitte. Niemand mag schlechte Verlierer“, höhnte der Generalleutnant. Dann wandte er sich an die Soldaten. „Bringt mir das Taijiya-Mädchen!“
Umgehend kam Bewegung in die Gruppe. Sango hatte schneller zum Knochenbumerang gegriffen, als es den Inu lieb sein durfte. Die Dorfbewohner begannen zu schreien und auch Kagome tastete nach dem Bogen auf ihrem Rücken. Kaito griff ihr dazwischen, schob sie hinter sich und drehte sich etwas zu schnell zu den Dämonen um. Der Inu war nichts als ein Schemen in dunkler Rüstung als er sich vor ihm aufbaute und den Speer unmittelbar vor sein Gesicht hielt.
„Versuch es“, knurrte Kaito tief. „Aber dich nehme ich mit.“
Unter lautem Surren zog der Knochenbumerang eine Schneise durch die übrigen Inu, versprengte sie, wendete knapp und kehrte verheerend zu ihnen zurück. Doch der Verlust ihrer Formation störte sie nicht im Geringsten. Sie ließen sie bereitwillig fallen, gingen von den neuen Positionen zum Angriff über und stießen zum Teil in die Menge vor, die panisch auseinander stob. Damit war Sangos einziger Fluchtweg dahin. Einer der Dorfbewohner hatte seine Waffe gehoben und war in Schockstarre versteinert, bis der Inu ihm mit dem hölzernen Ende der Lanze niederschlug und eine kleinere Gruppe mit einem tiefen Grollen vertrieb. Es waren keine überraschenden Züge. Genauso gut hätte man zwei Füchse in einen Hühnerstall jagen können – oder eben ein Rudel Hunde in einen verschreckten Sprung von Rehen. Sango schrie sie wütend an, hielt ihre Tochter eng bei sich und einen Inu nach dem anderen mit dem Schwert auf Abstand. Es war offensichtlich, dass sie den Befehl erhalten hatten, niemanden zu töten. Andernfalls wären sie vor ihrer Gegenwehr nicht ständig zurückgewichen.
„Das reicht. Es gibt Wichtigeres als das hier“, entschied Ryouichi schließlich, zog auch Tessaiga aus dem Boden hervor und ließ Inuyasha dann liegen, als sei er ohne das Schwert nichts als ein weiterer Bauer auf diesem Feld. Kaito erstarrte und auch sein vor Wut kochender Vater verstummte, als Tessaiga in den Händen des Generalleutnant ruhig liegen blieb und keinerlei Anstalten machte, dem Inu die Handflächen zu versengen. Sesshōmaru hatte zwar stets Ansprüche auf das Schwert erhoben, war von Tessaiga jedoch ein ums andere Mal schmerzhaft abgewiesen worden. Ryouichi jedoch schien es durchaus zugeneigt. Der ließ sein eigenes Schwert in die Scheide gleiten, trat durch die Reihen seiner Männer hindurch und duckte sich unter einem Angriff der Dämonenjägerin her als sei sie eine blutige Anfängerin. Ihr nächster Schlag prallte kratzig an Tessaigas rostiger Klinge ab und auch den Dolch, den sie ihm ins Gesicht zu rammen versuchte, ratschte nur über den harten Lack der Maske, indes er ihr unentwegt näher kam. Ryouichi griff an ihr vorbei, nahm hin, dass sie ihm dabei mit der nächsten Bewegung den Dolch in den Unterarm schlug, während er sie an der Kehle packte. Dann warf sie achtlos in die sich zerstreuende Menschenmenge. Shinju brach in ein helles Kreischen aus, als er sie einem Sack gleich über die Schulter warf und schlug auf seinen Rücken ein. Zappelte und strampelte, biss ihm in die Schulter.
„Wie ich bereits zu erläutern versuchte: Wenn wir Minoru unbeschadet zurückbekommen, sorge ich dafür, dass die Kleine unverzüglich und unversehrt hierher zurückgebracht wird und es ihr bis dahin an nichts mangelt.“
„Und wenn nicht?!“, fauchte Inuyasha, der sich, ungeachtet seiner gebrochenen Hand, aufgerappelt hatte und schnaubend auf den Generalleutnant zuging, der umgehend von seinen Soldaten flankiert wurde.
„Nun, das ist eine recht einfache Rechnung“, erwiderte der trocken und würdigte Inuyasha keines Blickes, während er an Kaito vorbei zu A-Un ging. „Ich stehe zu meinem Wort, gleich welchen Ausgang das hier nimmt. Sollte ich jedoch erfahren, dass die Gören hier sicheres Obdach erfahren, mache ich dieses Dorf dem Erdboden gleich.“
Kaito jedoch sah er an, nachdem er sich vor Rin auf A-Uns Rücken geschwungen hatte. Der Generalleutnant musste die Maske nicht vom Gesicht nehmen, um ihm das Gefühl zu geben, auf Leber und Nieren geprüft zu werden. Das Mädchen in seinem Schoß schrie nach seiner Mutter,  versuchte sich aus den Klauen des Dämons zu befreien, der sich an alledem nicht störte.
„Das hier waren wir dir nicht schuldig“, ein Teil der Härte war aus seiner Stimme gewichen.
Sango versuchte im Hintergrund verzweifelt durch die Reihen der Yōkai zu brechen, Inuyasha an ihrer Seite, der sich einhändig jedoch nur schwerlich gegen die Übermacht behaupten konnte.
„Nein“, erwiderte Kaito mit erzwungener Ruhe, der die Hände seiner Mutter stützend in seinem Rücken spürte.„Das weiß ich.“
„Gut.“ Für einen Moment erwartete Kaito, dass der Inu über diesen Aufruhr doch noch zur Waffe griff; sie in Stücke riss und dem Fürsten ihre Leichen präsentierte. Doch es war Tessaiga, das er ihm wortlos entgegenstreckte.
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