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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
4
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40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.06.2016 7.119
 
Huhu =)
Zu diesem Kapitel gibt es nun (endlich =p) mal wieder ein Karte, damit ihr eure Vorstellungskraft nicht mit vermutlich wenig vertrauten Orten eines fernen Kontinents foltern müsst ;).
Der Süden

Was bisher geschah ...
Die Harmonie im Dorf ist schwer angeschlagen. Rin kritisiert offen die immer noch anhaltende Familienfehde zwischen Inuyasha und Sesshōmaru in Anbetracht aufziehender Kriege, während Kaito den nur oberflächlich bestehenden Dorfzusammenhalt bemängelt. Minoru würde das Pulverfass gern hinter sich lassen, muss jedoch mit Rin auf den Fürsten warten.
Nach einer Unterredung mit seinem Fürsten befindet sich Kōhei mit Shippō auf dem Weg nach Akashi, einer Küstenstadt, um Saburō - den dritten, unbequemen Sohn seines Herrn - als neuen Erben an den südlichen Hof zu bringen.

҉
Während Minoru Rin gegen Mittag durch hohe Wiesen zurück zum Dorf folgte, brachte der sanft streichende Wind die erste Frühlingswärme des Jahres mit sich. Als habe jemand irgendein sonderbares Tor geöffnet und alles Getier entlassen, das über den Winter in kühler Dunkelheit eingesperrt gewesen war, begann der Wald um sie herum zu leben. Grillen zirpten in gemeinschaftlicher Lautstärke gegen das Zwitschern der Vögel an und die Luft war von vielbeinigen, umherschwirrenden Flatterkram beinahe überfüllt. Auf den Reisfeldern arbeiteten Menschen und auch im Wald schlug eine Axt im unermüdlichen Takt auf totes Holz ein.
Minoru wedelte entnervt eine Hummel von sich, die ihn seit einigen Minuten wie toll umkreiste. Verwirrte Insekten. Der einzige Blumenduft, den er unterwegs eingesammelt haben konnte, stammte von längst verdorrten Pflanzen und hing ihm immer noch mit derselben Penetranz in der Nase wie die Witterung frischer Erde.
Kein Wunder, dass sie gleich zufrieden gewesen war, obwohl er verkündet hatte, mit niemandem ein Wort wechseln zu wollen. Tote waren gemeinhin nicht für ihre ausufernden Konversationen bekannt. Da Rin jedoch einige dieser Leichen im Leben gekannt zu haben schien, hatte Minoru auch in seiner eher bescheidenen Laune davon abgesehen, sie darauf hinzuweisen, dass ein menschlicher Friedhof wohl kaum der bevorzugte Aufenthaltsort eines Yōkais war. Nun gut, es lagen keine Bannsprüche über diesem Totenfeld wie er es bei anderen Grabstätten der Menschen erlebt hatte, aber es handelte sich immer noch um sakralen Boden, der ihm wenig Zuneigung abringen konnte. Im Gegenteil – bis er dieses verdammte Gefühl von Verfolgung wieder von sich gestreift hatte, konnte gut einige Tage dauern. Andererseits sollte er lernen mit solchen Situationen umzugehen. Wie sah das denn aus, wenn er später eine menschliche Ruhestätte allein aufgrund des geweihten Bodens mied?
Rin sah ohnehin deutlich mitgenommener aus. Sie hatte lange an einem Grab gesessen und alte, verwelkte Blumen aufgesammelt als handle es sich um zerbrechlichstes Material, das noch anderweitig verwendet werden sollte und die niedergeschlagene Stimmung, die sie mit einem Mal umgab, war für sie so absonderlich untypisch, dass Minoru beinahe froh war, als sie nun langsam zu ihrem bekannten, geschwätzigen Ich zurückfand.
„Danke, dass du mitgekommen bist. Ich fühle mich noch elender, wenn ich allein dorthin gehe.“
Minoru entgegnete daraufhin nichts und folgte mit dem Blick dem Wippen eines zurückschnellenden Ahornastes, den sie vor sich aus dem Weg geschoben hatte. Statt ihn ebenfalls zu verbiegen, tauchte er unter dem Ast hinweg.
„Sie war schon sehr alt, als sie mich aufgenommen hat“, murmelte Rin vor ihm eher für sich selbst. „Als sie im vergangenen Frühjahr verstarb, habe ich Musashi umgehend verlassen. Ich müsse den Umgang mit Menschen lernen, damit ich mich wirklich entscheiden könne, hat sie immer gesagt. Entschieden hatte ich mich schon Jahre zuvor, aber sie war alt und gebrechlich und hat sich gut um mich gekümmert. Ich konnte sie nicht allein zurücklassen. Natürlich wäre sie nie wirklich allein gewesen, aber es kam mir dennoch falsch vor.“
Mit leisem Ingrimm erinnerte sich Minoru an Inuyasha, der ihr vorgeworfen hatte, gleich nach dem Tod dieser alten Frau in den Westen gegangen zu sein. Was für ein Narr sein Onkel doch im Grunde war.
„Sie wollte mich zur Miko ausbilden.“ Minoru hob den Kopf und zog ungläubig eine Braue empor. „Du und eine Miko?“
„Verrückt, nicht wahr? Ich wollte nicht, weil ich Angst hatte, dass ich dann niemals wieder mit Yōkai leben könnte. Dabei hätte ich mir nur Kagome ansehen müssen, um zu wissen, dass das durchaus möglich ist. Aber zumindest den Umgang mit Arznei und einigen helfenden Handgriffen habe ich mir angeeignet. Das genügt mir. Ich bin schlecht darin, mich auf lange Zeit zu konzentrieren und Meditation wird mir nie liegen.“
Die Gefährtin seines Onkels war demnach also eine Priesterin. Es hätte ihm gleich aufgehen müssen, als der Mönch von Läuterung gefaselt hatte, aber ihre Aura wirkte ebenso wenig bedrohlich wie der Rest dieser Frau, die ihm als eine der Wenigen hier ausschließlich mit Freundlichkeit begegnet war. Das warf seine Ansichten von Priestern jäh über den Haufen. Missmutig schob er seine Hände tiefer in die Ärmel.
Rin musterte ihn über die Schulter und musste lächeln. „Zu viele Priester, Mönche und Dämonenjäger, hm? So ist das nun einmal, wenn sich die gesamte Rotte, die einst Naraku verfolgt hat, an einem Ort niederlässt.“
Als kein Funken der Erkenntnis in seinen Augen zu sehen war, wurde sie stutzig. „Du hast keine Ahnung, von wem ich rede, oder?“
„Nicht einmal ansatzweise.“
Unvorstellbar, wie schnell Geschichte in Vergessenheit geraten konnte! Schön, all das hatte sich vor seiner Geburt zugetragen und Minoru war sicherlich nicht mit einer Umgebung gesegnet gewesen, die ihm bereitwillig von vergangenen Kriegen berichtet hatte, aber es war dennoch befremdlich, jemanden vor sich zu haben, der von den wohl einschlägigsten Ereignissen der letzten Jahrzehnte keinen blassen Schimmer hatte. Beinahe war sie versucht, diese Wissenslücke mit einer Kurzfassung zu füllen, entschied sich im letzten Moment jedoch anders und klappte den Mund wieder zu. Ein so unbedarftes Opfer für ihre ausführlichen Geschichtsstunden durfte sie Jaken und Myōga nicht unterschlagen.
„Nun, das war ja auch vor deiner Zeit“, räumte sie letztlich ein. „Du solltest bei Gelegenheit vielleicht Jaken-sama nach ihm fragen.“
Bildete er sich das gerade nur ein oder war sie das Sinnbild von Scheinheiligkeit, wie sie da süffisant lächelnd vor ihm stand und zufriedener dreinschaute als ein Welpe, dem man zum ersten Mal vom Knochen probieren ließ?  
Das Knacken eines feinen Astes, das aus einiger Entfernung lautstark an sein Ohr drang, ließ Minoru herumfahren. Aber es war nur Honoka, die durch das hohe Gras auf sie zugeeilt kam.
„Rin-chan! Minoru!“, sie kam lächelnd neben ihnen zum Stehen. „Ich konnte euch im Dorf nirgends finden. Ich hatte schon befürchtet, ihr seid abgereist ohne euch zu verabschieden!“
„Und das würde dich wundern?“, erkundigte sich Minoru beinahe sarkastisch, ehe Rin auch nur den Mund aufmachen konnte und putzte Honoka damit ihre zufriedene Ausstrahlung mit einem Mal vom Gesicht.
„Nein“, gab sie kleinlaut zu. „Nicht unbedingt. Ich hatte nur gehofft, dass ihr noch in der Nähe seid.“
„Ich würde nicht gehen ohne noch einmal bei euch vorbeizuschauen“, versicherte Rin aufrichtig, dann blickte sie mitfühlend auf das Mädchen herab. „Habt ihr viel Ärger bekommen?“
„Kann man so sagen.“ Honoka stellte einen kleinen, geflochtenen Bambuskorb ins Gras und atmete lang aus. „Sie waren sehr wütend, wenn auch nur aus Besorgnis und vor allem Vater hat mich überhaupt nicht verstanden. Er und Kaito haben sich fürchterlich gestritten, bis Mutter dazwischen gegangen ist, und ich glaube, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sie uns das wirklich verzeihen können. Ich soll zur Strafe meiner Mutter helfen. Im Haus und mit der Arbeit, aber das ist nicht gerade schrecklich. Kaito soll das Winterholz dieses Jahr allein machen und vermutlich ist es ihm nur recht, nicht Zuhause sein zu müssen. Er ist gleich heute Morgen in den Wald gegangen.“
„Klingt, als wäret ihr verhältnismäßig glimpflich davon gekommen“, merkte Rin mit einem beschwichtigenden Lächeln an. Sie hatte andere Erziehungsmethoden gesehen. Hart, fast erbarmungslos und ohne viel vorangegangene Diskussion. Natürlich hatte sie sich instinktiv zum Schutz der Kinder aussprechen wollen, war aber von Sesshōmaru augenblicklich darauf hingewiesen worden, dass diese Dinge sie in keinem Moment tangieren durften.
Honoka stimmte ihr umgehend zu. „Sie sind froh, dass wir zurück sind. Das würde auch härtere Strafen nicht so schlimm machen. Wir hätten es durchaus verdient. Was heißt... ich finde, ich hätte es verdient, aber sie sind der Meinung, Kaito sei ebenso schuldig und da ist nichts zu machen. Ich soll sein Mittagessen vorbeibringen – und eures habe ich auch dabei. Vielleicht können wir ja alle zusammen essen?“
Minoru bemerkte sofort, wie Rins Blick fragend und abwägend zugleich über ihn fiel wie ein drohender Schatten. Aber anstelle eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich gleich wieder an Honoka. „Hältst du das für eine kluge Idee?“
Das Mädchen nickte überzeugt. „Wir werden uns schon nicht gegenseitig umbringen. Auch die Jungen nicht, da bin ich mir sicher.“ Abwartend sah sie zu Minoru, der in stoischer Verschwiegenheit den Blick über die Grasflächen wandern ließ. Als er sie offensichtlich ignorierte, hakte sie schließlich bestimmt nach. „Nicht wahr??“
Er riss den Kopf herum und funkelte sie aus aufgebracht goldenen Augen heraus an. „Habe ich je Anstalten gemacht, ihm den Kopf für seine respektlose Dämlichkeit abzureißen?“
Honoka zuckte im ersten Moment zurück, dann zog sich ein verspieltes Lächeln über ihre blassen Lippen. Mit einer gewissen Leichtigkeit in allen Bewegungen griff sie ihren Bambuskorb, der deutlich nach warmen Reis, Gemüse und Fleisch duftete, und lief durch das hohe Gras voraus in Richtung Wald. Minoru zuckte nachdenklich ein wenig mit den spitzen Ohren und schob die Hände zurück in die Ärmel seines halblangen Kimonos, bevor er den beiden anderen, von dieser Idee deutlich weniger überzeugt, folgte.

„Wie weit ist es bis zum anderen Ufer?“ Das kräftige Pony des jungen Fuchses scharrte mit dem Huf am Wegesrand und machte Anstalten, den Kopf nach dem kargen Grün der Küste zu strecken. Shippō zog die Zügel harsch an. Das Tier stampfte empört auf der Stelle und schnaubte unzufrieden. Die Zuneigung des Falben für seinen Reiter war eindeutig größer gewesen, als der sich noch nicht in Sachen Durchsetzungsfähigkeit erprobt hatte.
„Nicht weit. Vier Kilometer vielleicht.“ Kōhei ließ sein Pony in einen leichten Trab verfallen und trieb es über die breite Straße, die sich am Waldrand unmittelbar entlang der Küste erstreckte. Am Strand wateten Menschen während der Ebbe durch die ufernden Gewässer der Harima-See und stellten große Netze auf, um mit der Flut die landwärts zurückkehrenden Fische zu fangen, die sich nun in größeren Tiefen aufhielten. Es war bereits später Nachmittag und die Sonne neigte sich gen Horizont, um Landschaft und Meer in ein leuchtendes Rot zu tauchen. Den Treffpunkt am Rande Akashis hatten sie bereits vor Stunden erreicht; vom Erben des Südens war bisher jedoch keine Spur.
Wer noch nie das Meer gesehen hatte, für den war Akashi ein sonderbarer, fast malerischer Ort. Die verhältnismäßig große Menschenstadt war bekannt für ihren Fisch, den sie vorwiegend in der Akashi-Straße, einer Meerenge, unmittelbar vor ihren weiten Stränden fingen. Die Meerenge verband die Harima-See mit der Bucht von Ōsaka und galt als ebenso schön wie gefährlich. Nur bei miserabelsten Wetter  mit dichtestem Nebel war es dem menschlichen Auge versagt, die Insel Awaji auf der anderen Seite der Wasserstraße zu erkennen, deren Ufer so nah wirkte, dass man in Versuchung kommen konnte, hinüberzuschwimmen. Für Menschen wie Yōkai eventuell möglich, aber dennoch gefährlich, wusste man doch nie, was in den Tiefen des Wassers neben tückischen Strömungen und Fischen lauerte. Unwetter hatten hier schon manche Familie von einem Tag auf den anderen um ihren Ernährer gebracht – und doch kamen die Gewässer und alle übrigen Naturgewalten zusammen nicht einmal im Entferntesten an die Massen von Menschenleben, die durch ihresgleichen gefordert wurden. Nur einen kurzen Marsch ostwärts lagen die großen Städte Kōbe und Ōsaka. Gewaltige Ansammlungen menschlicher Kultur, Gebäude und Körper. Sie wandelten mit der Unermüdlichkeit gereizter Ameisen durch ihre Straßen und bevölkerten die kleinsten Gassen bis in die frühen Morgenstunden hinein. Das war ein derart absonderliches Verhalten für ihre sonst so ängstliche Art, dass es Kōhei bei seinem letzten Besuch in Kōbe ein sonderbar beklemmendes Gefühl beschert hatte. Dieser Ausflug war Jahre her. Er hatte sich mit Jirō einen Spaß daraus gemacht, überzogen selbstbewusste Menschenwelpen gehörige Angst einzujagen und sie auf den Platz zu verweisen, der ihnen im Gefüge zugedacht worden war. Gerade die männlichen Exemplare neigten in einem gewissen Alter dazu, sich für unfehlbar mächtige Schöpfungen einer höheren Macht zu halten, die sich allem und jedem überlegen fühlten. Meistens waren es genau diese Menschenkinder, die nach einer Hetzjagd durch die halbe Stadt vor den Yōkai zu Boden gingen und in aberwitzigsten Lautäußerungen um ihr erbarmungswürdiges Leben winselten. Lächerlich.
Aber das waren vergangene Zeiten. Kōhei empfand längst keine Freude mehr an so nichtigem Gespiel und überließ es gern den Jüngeren, mit den Menschen der Städte und Dörfer ihren Schabernack zu treiben. Die Lektionen, die sie diesem unausstehlichen Volk beibrachten, währten ohnehin selten lange und was sollten sie als Dämonen den Menschen schon antun können, was diese sich ohnehin nicht jeden Tag gegenseitig zumuteten? Es gab kaum ein Dorf, das unter den kriegerischen Zeiten dieser Epoche nicht litt und auch die großen Städte blieben nicht verschont. In Ōsaka belagerte einer ihrer Feldherren bereits seit gut zwei Jahren verbissen ein Kloster. Kein Gebiet, in dem man freiwillig siedeln wollte. Doch auch wenn sich die menschlichen Provinzen um Settsu und Izumi, in denen die Städte Akashi und Ōsaka lagen, seit vielen Jahrhunderten im Besitz der Kitsune befanden, so scherten sich die Yōkai doch wenig um die Belange der sterblichen Bewohner. Für Hayato-sama waren die Kämpfe der menschlichen Kriegsherren, die auf seinem Land stattfanden, nicht mehr bedeutsam als die Revierkämpfe der Drosseln in seinem weitläufigen Garten. Belangloses Klingen- und Schnäbelwetzen.
Der Taishō des südlichen Heeres zog die frische Seeluft tief in die Lungen ein und ließ seinen Blick über Awaji-shima jenseits der Meerenge schweifen. Die Insel hatte bis auf ihre spärliche Besiedlung und das milde Klima wenige Vorzüge. Die Menschen dort lebten fast ausschließlich von Landwirtschaft und Fischfang und wäre es nicht um der Lage Willen gewesen, Hayato-sama hätte dieses wertlose Stück Boden wohl nie in Besitz nehmen wollen. Aber nachdem sie die Provinzen Settsu und Izumi eingenommen hatten, war der nächste logische Schritt diese Insel als Bindeglied und Brücke zu Shikoku zu anexieren – mitsamt den auf ihnen lebenden, dunkel gefärbten Kitsune, die sich entsprechend ihrer gewöhnlichen, animalischen Äquivalente 'Silberfüchse' nannten.
Allein bei dem Gedanken an Saburō wurde Kōhei beinahe schlecht. Er erinnerte sich nur mit Widerwillen an die wenigen Tage vor vielen Jahren, als der ungeliebte Sohn des Fürsten zur Initiationsfeier seines jüngeren Halbbruders erschienen war – und der gesamte Hof für einige Tage beinahe fühlbar die Luft angehalten hatte, um nicht durch ein Missgeschick in das schallende Kreuzfeuer zu geraten. Er war jung gewesen, die genauen Abläufe höfischer Feiern nicht gewohnt, und trotz allem hatte er binnen Stunden dafür gesorgt, dass alle vorlauten Mäuler mit einem Mal verstummten und noch Wochen später die imaginären Abakusse der Ratgeber seines Vaters auf den Lacktischen schepperten, während sie abzuwägen suchten, wie gefährlich dieser Abkömmling seiner restlichen Familie werden konnte. Sie hatten damit gerechnet, dass die Nähe seiner Mutter in Einstellung und Wesen auf ihn abgefärbt hatte, die Einsamkeit der Insel jedoch eine Gesellschaftsfähigkeit in ihren Grundzügen ausschloss. Saburō hatte diese vorschnellen Unterschätzungen nur allzu rasch und deutlich Lüge gestraft. Mit der Präsenz einer kokett-angriffslustigen Viper war er mit einer Selbstverständlichkeit durch die fremden Hallen seines Vaters geschritten, die die Grenze zur Unverschämtheit deutlich strapaziert hatte. Allein seine Anwesenheit an diesem Tag war eine gezielte Provokation für seinen Vater: Saburō war mit genügend jüngeren Brüdern gesegnet, um sich für die nächsten dreihundert Jahre in regelmäßigen Abständen an Initiationsfeiern zu beteiligen. Doch seinen ersten und einzigen offiziellen Besuch hatte er sehr bedacht auf das Genpuku eines Jungen gelegt, dessen erstaunliche Ähnlichkeit zu seinem Vater eben diesen dazu verleitet hatte, von seiner sonstigen Ignoranz gegenüber überzähligen Söhnen – sprich allen, die nicht sein Erbe waren – abzusehen und sich den gefährlichen Luxus zu erlauben, das Kind zumindest in gewisser Weise zu mögen. In diesem Gefüge, in dem manch Welpe viel riskiert hätte, um die Anerkennung seines Vaters zu verdienen, hatte Saburō sehr deutlich die Grenzen dessen ausgereizt, was ihm als Sohn des Fürsten genehmigt war, und seinen Vater damit beinahe zur Weißglut getrieben ohne ihm auch nur einen wirklichen Angriffspunkt zu bieten.
Kōhei, der damals noch aufstrebendes Mitglied des Heeres gewesen war, hatte man an dem Abend zum Wachdienst eingeteilt. Er erinnerte sich mit Graus an den gutaussehenden Yōkai, der sich am späten Abend genüsslich neben ihm an die Wand gelehnt hatte. Seine Bernsteinaugen hatten das schiefe Lächeln seiner fein gezeichneten Lippen widergespiegelt als wolle er bewusst erreichen, dass man eine unmittelbare Verbindung zwischen ihm und dem blutigen Chaos zog, das zeitgleich unter den Gästen ausbrach. Der Fürst hatte alle Mühe gehabt, die Anwesenden ohne Eingreifen seiner Soldaten wieder zur Räson zu bringen, und während sich zunächst  niemand erklären konnte, wie dieser Stimmungsumschwung zustande gekommen war, wurde im Nachhinein nur allzu deutlich, dass Saburō die Anwesenden gegeneinander aufgebracht hatte – für einen verstoßenen Fremden wie ihn ein schier unmögliches Unterfangen; zumal in dieser kurzen Zeit. Trotz seiner Jugend und der Abgeschiedenheit Shōdoshimas war er bereits damals, vor mehr als sechshundert Jahren, mit einem Maß an Manipulativität ausgestattet gewesen, das selbst die überzogensten Geschichten über täuschende, gehässige Kitsune in den Schatten stellte – und diese Eigenschaft würde in den letzten Jahrhunderten sicher keine Milderung erfahren haben. Allein, dass er die Abgesandten seines Vaters nun schon seit Stunden warten ließ, zeigte deutlich, dass er nicht gewillt war, sich dem Fürsten ohne Weiteres zu fügen. Er reizte abermals seine Grenzen aus – und die waren in Anbetracht seiner neuen Stellung fast exponentiell erweitert worden. Zu allem Überfluss.
Kōhei konnte sich gerade noch der Störquelle zuwenden, da schreckten auch schon die Ponies auf. Laute Schreie gellten durch den Wald und Kōheis Wallach stieg sofort, als ein Kind unmittelbar vor seinen Hufen aus dem Unterholz schoss, über den Weg flitzte und auf den Strand eilte. „Yōkai“, schrie das Mädchen laut und die Fischenden wandten sich mit fragendem Blick zu ihr um, bis die Bedeutung der Worte langsam wie eine ansteckende Krankheit um sich Griff und die Menschen erst in Aufruhr und dann fast augenblicklich in Panik versetzte. Sie ließen ihre Netze fallen, stolperten aus dem Meer wie eine Schar aufgescheuchter Gänse und fielen teilweise unbeholfen zu Boden, als sie den stabileren, sandigen Untergrund erreichten.
Kōhei klopfte dem aufgebrachten, braunen Wallach versöhnlich den Hals und seufzte leise. Nun, immerhin ließ Saburō ihn nicht weiter warten. Der Fürstensohn sorgte lediglich dafür, dass er für die nächsten hundert Jahre im Gedächtnis der Menschen verblieb und seinem Vater, der wenig davon hielt, Menschen auf so direkte Weise mit Kitsune zu konfrontieren, ein weiteres Zeichen seines Unwillens zu schicken. Die Menschen auf dem Strand erstarrten zu Salzsäulen, als die Yōkai am Ende der Straße in Sicht kamen. Saburō ritt vorweg. Das elegante, schlanke Pony so schwarz wie sein kurzes Haar, das sich kaum von dem dichten Pelz abhob, der wie ein hochstehender Kragen auf seinen Schultern ruhte. Nicht einmal ein blindes Kind hätte darüber hinweg sehen können, dass diese Person ein Dämon war. Doch die immer noch panischen Menschen schienen den Silberfuchs nicht im Mindesten zu interessieren. Seine bernsteinfarbenen Augen, die wie glühende Kohlen in finsterster Nacht flammten, waren auf Kōhei gerichtet, der mit einem mulmigen Gefühl von seinem Wallach stieg und das menschliche Erscheinungsbild fast unwillig inmitten der verängstigten Fischer aufgab. Der schwarze Haarknoten löste sich allmählich, bis lange rote Strähnen einem Fluss gleich über seinen Rücken fielen und zuvor braune Augen in smaragdenem Grün glänzten. Ein seichtes, verstohlenes Zucken der weißen Spitzen seiner drei sonst so leuchtend roten Fuchsschwänze verriet seine Anspannung, die in Anbetracht des Erben und der ihm folgenden Sänfte erneut ungeahnt auflebte. Saburō war gekommen – und er war nicht allein.

„Eure Mutter ist ein Schatz“, verkündete Rin unbeschwert, als sie ihr Mittagessen im Schoß ihres dunkelvioletten, etwas zu weit fallenden Yukatas ausgepackt hatte. Auch dieses Kleidungsstück hatte sie von den Dorfbewohnern bekommen und im Gegensatz zu vielem anderen Kram auch benötigt, da sie ihre ursprüngliche Reisegarderobe nach ihrer Ankunft zeitnah den Flammen zugeführt hatte, um den Gestank von toten Drachen loszuwerden. Im Gegensatz zu Yūseis Seide schienen Gerüche aus einfacher Baumwolle kaum auswachsbar.
Honoka gab mit vollem Mund ein zustimmendes Geräusch von sich. Sie saßen auf einer von der Sonne angenehm beschienenen Lichtung auf dem Waldboden, Minoru wie üblich ein Stück abseits. Im Vergleich zur Reise hatte sich wenig verändert: Der weibliche Anteil der Gruppe schwatzte munter, der männliche schwieg. Neu war allerdings, dass Minoru nicht der einzige war, der das Essen trotz Hunger noch nicht angerührt hatte. Kaito lehnte mit dem Rücken an einem Baum, hatte die Beine an den Knöcheln auch im Stand überschlagen und starrte auf seine Schale hinab als sehe er durch sie hindurch. Durch mangelnden Appetit ließ sich dieses für ihn sonderbare Verhalten kaum erklären. Auf der Reise hatte sich gezeigt, dass die Natur eines Han'yō deutlich mehr Nahrung einforderte als es sogar die eines jungen Yōkai tat und in Anbetracht des ansehnlichen Haufens frisch geschlagenen Holzes würde er kaum behaupten können, keinen Hunger zu haben. Ebenso absonderlich war, dass er Minorus Anwesenheit kommentarlos hingenommen hatte und sich auch nicht weiter um ihn zu scheren schien. Das war beinahe, als habe jemand ernsthafte Gedanken in seinen Dickschädel gepflanzt, die ihm nun das Gehirn zermarterten.
„Ist alles in Ordnung mit dir, Kaito?“, fragte schließlich auch Rin, der das abwesende Verhalten des Jungen ebenfalls aufgefallen war. Er sah für einen Moment auf, musterte sie angespannt und nickte dann knapp. Die schwarzen Haare hatte er zum Arbeiten zu einem kurzen, ungleichmäßigen Zopf zusammengebunden, dessen einzelne Strähnen deutlich verrieten, dass sie unfachmännisch gekürzt worden waren. Schließlich stellte er die Schale neben sich auf den Boden, um doch wieder an die Arbeit zu gehen. Mit einem Ruck riss er die Axt aus ihrer unfreiwilligen Verankerung in einem breiten Baumstumpf und schulterte sie. Rin betrachtete ihn voller Unwohlsein, vermied es jedoch, ihn abermals anzusprechen. Es dauerte nicht lange bis Schalen geleert und Mägen gefüllt waren. Sogar Minoru hatte sich dazu durchringen können, die Aufmerksamkeit Kagomes anzunehmen.
Rin und Honoka hatten sich unterdessen darauf geeinigt, dass Rin dem Mädchen beim Sammeln bestimmter Pflanzen helfen würde, die sie für ihre Mutter besorgen sollte. Minoru hatte seine Ablehnung für diese Unternehmung überdeutlich kund getan, indem er sich als Hund inmitten der Lichtung ausgestreckt hatte und den ersten warmen Sonnenschein des Jahres auf seinem Fell genoss. Kaito nahm ohnehin keine Notiz von ihm und solange der Han'yō ihn ignorierte und nicht auf die Idee kam, ihm irgendwelche abstrusen Beleidigungen an den Kopf zu werfen, würde die Atmosphäre in ihrer leicht dahinfließenden Anspannung verbleiben. Rin hatte mit einem mulmigen Gefühl akzeptiert, dass Minoru sie nicht begleiten wollte und zumindest versichert, möglichst in der Nähe zu bleiben, war dann aber mit der Zuversicht aufgebrochen, dass die Jungen vielleicht endlich gelernt hatten, einander zumindest zu dulden.
Kaito schlug unbeirrt Holzscheite zurecht und stapelte sie eher grobsinnig zu einem Haufen auf. Wann immer Minoru unauffällig die Augen öffnete, um einen kurzen Blick auf ihn zu werfen, schien Kaito in seinen Gedanken versunken. Wenn es nicht so befremdlich gewesen wäre, hätte Minoru die Situation beinahe als angenehm empfinden können. Vielleicht war dieses subtile Gefühl von Ruhe aber auch einfach nur pure Resignation. Er war dankbar, endlich wieder in einem Wald liegen zu können und dieses mit menschlichen Stimmen, menschlichen Kram und menschlichen Gerüchen vollgestopfte Dorf in einiger Entfernung zu wissen. Die Umstände hier gingen ihm langsam aber sicher an die Nerven und auch wenn Kaito eben immer noch Kaito war, wirkte sein zumindest in Anteilen vorhandenes Yōki in einer Flut aus menschlichen Eindrücken fast vertraut und auf bedenklich angenehme Weise beruhigend.
Als es jedoch mit einem Mal aufwallte, hob Minoru augenblicklich den Kopf.
Die Ruhe seines Vetters hatte ein jähes Ende gefunden und noch lange bevor die Menschen in ihren dunklen Kampfanzügen zwischen dem sprießenden Grün der Bäume hervortraten, hatte Minoru sie gewittert. So viel zu seiner menschenfreien Erholsamkeit.  
„Da bist du ja“, stellte eine junge Frau gelassen fest und trieb die eiserne Spitze ihres Holzspeeres tief in die lockere Erde zu ihren Füßen. Die andere Frau an ihrer Seite war das Ebenbild der ersten, wenngleich sie ihre deutlich längeren Haare zu einem kunstvollen Knoten trug, der, mit unzähligen Haarnadeln gespickt, einen ernsten Eindruck vermittelte, der sich keineswegs in ihren Zügen wiederfand. Minoru legte den Kopf enger an die Vorderpfoten und betrachtete die Zwillinge möglichst unauffällig.
„Wir haben schon im Dorf nach dir gesucht, um uns zu entschuldigen.“ Die auf den ersten Blick bereits deutlich souveränere Schwester war vorgetreten und schien sich wenig an der umgeschlagenen Stimmung zu stören.
„Geht“, knurrte Kaito angespannt. „Sofort.“
„Du könntest uns zumindest die Chance lassen, wenn du schon -“
„Zur Hölle mit dir, Saki! Ich sagte, du sollst endlich verschwinden!“ Kaito ließ die Axt mit Wucht in den Holzklotz fahren, auf dem er seit Stunden den schon lange umgestürzten Baum in feuerfertige Stücke zerschlug. Das Metall schoss krachend in das trockene Material und ließ es splitternd bersten.
Nun fand auch die andere Frau ihre Stimme:„Wir wollen doch lediglich -“
„Es ist mir gleichgültig, dass eure Eltern euch dazu breitschlagen konnten, eine Entschuldigung hervorzuwürgen!“, unterbrach er sie wütend und kämpfte das erneute Knurren herunter, das sich wie von allein in seiner Kehle bildete. „Geht mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse!“
„Das sähe dir ähnlich.“ Saki frimelte wenig beeindruckt an dem roten Band herum, das ihr kurzes, schwarzes Haar davon abhielt, störend in ihr Gesicht zu fallen und machte sich nicht einmal die Mühe Kaito genauer anzusehen. „Ob du es willst oder nicht, wir haben uns hiermit dafür entschuldigt, deine Schwester in diese Dinge hineingezogen zu haben. Auch wenn wir natürlich nicht ahnen konnten, dass sie gleich wegläuft.“
Kaito bleckte die Zähne und verschränkte mit gewissem Hohn die Arme vor der Brust. „Du schämst dich auch für gar nichts.“
„Was erwartest du von mir?“, hakte die Dämonenjägerin scharf nach. „Dass ich mich für die Wahrheit entschuldige? Es ist Fakt, dass wir nicht einfach mit Vater Dämonen austreiben können, solange ihr dabei seid. Das Honoka zu sagen, mag dumm gewesen sein, aber es bleibt dabei.“
„Ich sage es zum allerletzten Mal: Seht zu, dass ihr verschwindet und mir aus dem Weg geht. Ich will euren Schwachsinn nicht hören.“
Mei, die sich bisher wie üblich zurückgehalten hatte, berührte zaghaft die Hand ihrer Schwester und sah sie voll Unsicherheit aus ihren dunkelbraunen Augen an. „Lass uns gehen“, flüsterte sie verhalten. „Das führt zu nichts.“
Saki zog ihrer Zwillingsschwester die Hand weg und richtete ihren Blick entschlossen auf Kaito, der mit angespannten Muskeln in einigen Metern Entfernung die Hand um den Griff der Axt gelegt hatte und mit den Klauen gereizt kleine Löcher in den hölzernen Schaft trieb.
„Menschen haben Angst vor Dämonen. Das ist nun einmal so. Wir wissen alle, wozu sie fähig sind und die Alten haben den Verlust, den sie bringen, beinahe alle am eigenen Leib erfahren. Wie viele Familien wurden durch Yōkai zerstört oder ausgelöscht? Wie viele Unschuldige in den Tod gerissen? Willst du erwarten, dass sie Nachsicht und Vertrauen gegenüber denen zeigen, die sie Jahrzehnte lang in ihren Träumen verfolgt haben? Unser Dorf mag sich an die Anwesenheit dieser Ungeheuer gewöhnt haben, aber da sind wir nun einmal mit die Einzigen. Sobald wir außerhalb arbeiten, werden die Menschen in euch nur den Dämon sehen, ganz gleich wie ihr seid. So können wir kein Vertrauen in der Bevölkerung aufbauen – und das ist nun einmal nötig. Es ist doch nichts Persönliches.“
„Nein, natürlich nicht“, spottete Kaito bissig. „Nur eine Frage, ob ich Freunde zum Preis des Ansehens verrate.“
„Wir verraten doch niemanden.“ Saki stieß erbost die Luft aus ihren Lungen aus und ballte entnervt die Hände zu Fäusten, als ihre Erläuterungen bei Kaito nicht zu fruchten schienen. „Wir müssen doch nur irgendwann daran denken, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen sollen! Findest du es nicht sehr starrsinnig von dir, Tatsachen so gleichgültig von der Hand zu weisen? Selbst die Menschen in unserem Dorf haben Angst, Kaito – und das mit Recht. Natürlich gibt es Dämonen, die sich nicht wie wilde Bestien aufführen. Shippō hat mehrfach unter Beweis gestellt, dass er Menschen wohlgesonnen ist und auch euer Vater ist für das Dorf ein großer Vorteil. Dennoch lockt ihr andere hierher. Weniger gutmütige, grausame Wesen, die jedem von uns sofort den Garaus machen würden. Seit Rin fort ist, war zumindest abzusehen, dass dieser Hundedämon nicht mehr hierher kommt, aber statt euch mit eurem Leben hier zufrieden zu geben und einfach einzusehen, dass wir unmöglich zusammenarbeiten können, musstet ihr ja unbedingt in den Westen gehen. So harmlos ihr auch sein mögt: Yōki lockt Dämonen an und ihr eure Familie – die Seite der Familie, von der man besser die Finger lässt. Hast du eine Ahnung, was die Inuyōkai erst vor wenigen Jahren in Echigo und Uzen angerichtet haben?“
„Ich bin kein verfluchter Inuyōkai“, knurrte Kaito scharf, dem die Wut langsam aber sicher die Sinne vernebelte. Die einzelnen Vorwürfe verschwammen zu einem einzigen, großen Brocken Stumpfsinn, den er unmöglich mit logischen Argumenten widerlegen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Minoru legte langsam die Ohren an, als das wutgeladene Yōki seines Vetters über ihn hinwegstrich wie ein warmer Windstoß, der an seinem Fell zerrte.
„Nein, aber du bringst sie hierher!“ Sie klang beinahe verzweifelt, aber Kaito sah sie lediglich aus lodernden Augen an. Mei, die beschwörend versuchte, ihre Schwester davon zu überzeugen, nach Hause zu gehen, fuhr erschrocken zusammen, als der hölzerne Stiel der Axt in Kaitos Händen zersplitterte und er davon nicht einmal viel zu bemerken schien. Ohne eine erneute Warnung auch nur in Erwägung zu ziehen, ging Kaito drohend auf die Zwillinge zu. Saki, die offenbar bemerkte, dass sie zu weit gegangen war, riss ihren Speer wieder aus dem Boden und richtete ihn unversehens auf den nahenden Han'yō. „Bleib zurück!“, zischte sie warnend. „Das ist kein Grund, handgreiflich zu werden.“
Missbilligend ließ Kaito seinen Blick über die in der Sonne funkelnde Speerspitze schweifen, bevor er sein Wakizashi, untermalt von einem leisen, metallischen Schaben, aus der Schwertscheide zog.
Minoru erhob sich gemächlich auf alle Viere und näherte sich der Szenerie in beinahe schlenderndem Gang. Kaito hatte alles Recht der Welt, diese vorlauten Weiber für ihre großspurigen Schmähungen zu häuten – zumindest in den Augen eines wenig harmonisch denkenden Yōkai. Die Feindseligkeit zwischen ihm und dem Han'yō verlor in Anbetracht dieser Situation an Gewicht. Zwar war Minoru nicht sonderlich erpicht darauf, sich mit zwei jungen Dämonenjägerinnen anzulegen, aber sollten sich zwei gegen einen wenden, würde er nicht stumpf in der Gegend herumliegen wollen. Die Zwillinge, allen voran Mei, wirkten ohnehin nicht sehr handlungssicher. Mei schien bisher zu verblüfft und panisch, um sofort zu einer Reaktion zu kommen und spielte unentschlossen an dem mit Rochenhaut überzogenen Griff ihrer Klinge herum. Erst als sie sich letztlich doch dazu durchgerungen hatte, die Waffe zu ziehen, ließ das überdeutlich warnende Knurren des Hundes sie erschrocken zusammenfahren. Minoru hatte sie mit gesträubtem Nackenfell und leicht gefletschten Zähnen gestellt, was tatsächlich ausreichte, um sie aus dem Konzept zu bringen. Doch seine Ohren drehten sich beinahe im selben Moment einer schnell herannahenden
Geräuschquelle zu.
Kaito hatte gerade unmittelbar vor Sakis Speer innegehalten und die verbissen anmutende Taijiya mit einem erhabenen Ausdruck fixiert, als sie mit der Waffe vorstieß. Der Han'yō zog den Kopf gerade rechtzeitig zur Seite, ließ sein Schwert augenblicklich fallen und entriss ihr in einer einzigen, gezielten Bewegung den Speer – nur um sie im nächsten Moment mit der stumpfen Seite brutal niederzuschlagen. Bevor Mei reagieren oder Kaito nachtreten konnte, donnerte eine ganze Gruppe von Personen auf die Lichtung – Inuyasha, Kagome und Sango. „Kaito, aus!“
Der Angesprochene krachte unter schmerzhaftem Schreien zu Boden und Minoru entging dabei nicht, wie die Kette aus dunklen Perlen, die er stets um seinen Hals trug, verräterisch schimmerte. Wenn er bisher noch nicht von der Situation angewidert gewesen war, dann spätestens jetzt. Während Kagome – die mit ihrem gellendem Zwischenruf ganz offensichtlich dafür verantwortlich war, dass sich ihr Sohn nun mühsam wieder auf die Beine kämpfen musste – vom Rücken ihres Partners sprang, stellte sich Minoru beinahe instinktiv jedes einzelne Haar auf, das er am Leibe trug.
„Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?“, fragte sie in einer Mischung aus Wut und Sorge. „Mit gezogenen Waffen aufeinander loszugehen?! Selbst wenn du nur die stumpfe Seite genommen hast, hättest du ihr den Schädel einschlagen können!“
Sie ließ Kaito unbeachtet und kniete neben Saki nieder, währenddessen auch Sango fast panisch zu ihrer bewusstlosen Tochter eilte, deren Blutgeruch sich wie eine Wolke in der Umgebung ausbreitete, derweil die lebenswichtige, rote Flüssigkeit in den Waldboden sickerte.
„Okaa-san!“, Mei klang verzweifelt und wollte gerade zu ihrer Mutter eilen, als Minoru neben ihr die animalische Form aufgab und sie prompt in die nächstbeste Hecke stieß, wo sie sich inmitten der Brennnesseln und Brombeerranken überschlug. Dämliches, hilfebedürftiges Rindvieh. Wenn sie vorher nichts geregelt bekommen hatte, musste sie nun nicht noch nach ihrer Mutter schreien. Er würdigte sie keines Blickes, schnaubte lediglich verächtlich, während er zu Kaito aufschloss, der zumindest wieder auf seine Knie hoch gekommen war. Für wenige Sekundenbruchteile musterte Minoru seinen Vetter mit einem von Unglauben geprägten Ausdruck – bis seine Züge hart wurden.
„Das ist selbst für einen dahergelaufenen Straßenköter erniedrigend“, stellte er kalt fest. Kaito trieb seine Klauen tief in die Erde und bebte vor Wut und Scham.
Minoru wandte sich nicht wenig offensiv zu Inuyasha, der die Aussage des Jungen als Angriff gewertet hatte und zumindest in einem Anflug von Verwunderung eine Braue hob, als ihm die Aura des Inuyōkai wie brühendes Wasser entgegenschlug.
Er hatte genug von Leuten, die behaupteten, ihren Kindern zugetan zu sein, nur um sie aus Angst an die Kette zu nehmen – ob sie dabei nun Armbänder oder Halsketten verwendeten, war vollkommen zweitrangig. Sie setzten es mit solch einer Selbstverständlichkeit gegen ihren Sohn ein ohne sich auch nur einen Moment für die Umstände zu interessieren, dass es Minoru fast die Galle hochtrieb.
„Wie könnt ihr es nur wagen?“, seine Stimme hatte einen finsteren Unterton angenommen. „Dass er euer Sohn ist, berechtigt euch zu gar nichts!“
Kaito mochte ein Vollidiot sein, aber bei den Umständen in diesem Dorf und dem Verhalten seiner Eltern wunderte Minoru das langsam kein Bisschen mehr. Wer wäre bei dieser Aussichtslosigkeit nicht irgendwann davon überzeugt, dass die versammelte Weltgemeinschaft nur die schlechten Seiten an einem sah? Inuyashas Züge nahmen sogleich eine erregte Farbe an: „Vorlautes Balg, wenn -“
„Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte sie für den Schund, den diese Wahnsinnige von sich gegeben hat, ohne weitere Rückfragen in Stücke gerissen! Aber das scheint hier niemanden zu interessieren, nicht wahr? Unter 'Freunden' muss man solche Dinge ja offensichtlich hinnehmen, ohne sich wirklich dagegen wehren zu dürfen. Und du scheinst mir auch nicht gerade die herausragende Hilfe für deine Kinder zu sein, wenn sie schon lieber zu Fremden laufen, als euch um Rat zu bitten. Vielleicht bist du genau deswegen so ein Arsch. Aber das ist beim besten Willen nicht mein Problem, wenn du mit deinem Versagen nicht zurechtkommst!“
Kaito starrte wie geschlagen zu Minoru, der sich zwischen ihm und seinem Vater aufgebaut hatte.
In Inuyashas Augen flammte der tiefste Hass auf, den er in den letzten Jahren hätte empfinden können. Noch nie hatte jemand ihn so offen angegriffen und beleidigt – schon gar nicht jemand, der ihm nicht einmal bis an die Schulter reichte und zu allem Überfluss auch noch aussah wie eine verwilderte, biestige Version seines älteren Bruders. Er hatte die Hand kaum in Minorus Richtung bewegt, als der augenblicklich in tiefem Grollen zu Knurren begann. „Fass mich an und du stirbst.“
„Willst du mir etwa drohen?“, erkundigte sich sein Onkel höhnisch, sah jedoch davon ab, ihn für sein vorlautes Mundwerk zu Boden zu bringen. Zu allem Überfluss gab es jemanden auf der Welt, der wenig begeistert davon wäre, wenn sein Sohn ebenso blutend am Boden lag wie Saki. Stattdessen hob er mit verächtlichen, abwertenden Lächeln das Kinn. „Für einen mickrigen Welpen nimmst du den Mund ganz schön voll!“
„Du solltest vielleicht daran denken, dass Welpen mal erwachsen werden“, konterte Minoru ohne Umschweife und so selbstbewusst, als glaube er tatsächlich daran, dass Zeit allein seine Möglichkeiten beeinflussen könnte. „Aber dafür fehlt dir ganz offensichtlich der Weitblick, sonst würdest du daran denken, dass sich diese Versklavung deines Sohnes irgendwann rächen könnte! Wovor habt ihr geisteskranken Menschenfreunde eigentlich Angst? Dass er einen dieser verlogenen Sterblichen reißt? Gut so! Soll er doch! Vielleicht lernen sie dann endlich ihre Zunge zu hüten, statt sich darauf zu verlassen, dass jegliche Gegenwehr hier auf ungerechteste Weise erstickt wird! Dann hat diese verlogene Bande wenigstens endlich einen wirklichen Grund, sich vor euch zahnlosen Schoßhunden zu fürchten! Schande über dich und deine Frau, dass ihr euer eigenes Blut aus Angst so behandelt! Ihr seid in erster Linie euren Kindern verpflichtet und nicht dem verdammten Frieden in eurem ach so netten Dorf!“
Inuyasha fletschte fast zeitgleich die Zähne und packte den Jungen grob am Kragen, um ihm vom Boden zu heben und kräftig zu schüttel: „Du überheblicher, kleiner Flohsack! Ich zieh' dir das Fell über die Ohren. Vielleicht lernst du dann, gegenüber Erwachsenen die Schnauze zu halten!“
„Inuyasha-sama! Lasst ihn herunter! Ihr wisst ja nicht, was Ihr da tut!“ Myōga sprang zwischen den Schultern der beiden umher und zerrte am Arm des Han'yō als könne er dadurch etwas bewirken. Dann wurde er wütend. „Ihr lasst den Jungen sofort herunter oder ich rede nie wieder ein Wort mit Euch!“, donnerte er so überzeugt, dass Inuyasha ihm tatsächlich einen Funken Aufmerksamkeit widmete, bevor er ihn mit der freien Hand von der Schulter schnipste und mit einer gewissen Genugtuung zusah, wie der Flohgeist benommen zu Boden segelte. Der Anflug eines erfolgreichen Lächelns gefror ihm jedoch im selben Moment, in dem die Aura des Jungen unangenehm brennend auf die bloßen Hautstellen traf, die nicht durch das Feuerrattenfell seines Suikans geschützt waren.
Ein flüchtiger Blick in die rot schimmernden Augen des Jungen verhieß nichts Gutes und Inuyasha tat das einzige, das ihm in diesem Moment sinnvoll erschien, und warf ihn hart von sich.
Bevor er aufschlug, schaffte Minoru es zumindest, sich zu drehen, sodass er nur unglücklich mit der Schulter über den Boden schrappte, bevor er mit dem nächsten Überschlag irgendwie auf die Beine kam und mit dem Rücken an einen Baum krachte. Das große Gewächs schien für einen Moment überdehnt zu ächzen, bevor seine Krone im milden Wind raschelte und dann wieder still stand als sei nie etwas geschehen.
Minoru, der einige Schwierigkeiten hatte, die Gedanken von nebeligen Schwaden zu lösen, riss die Klauen mit Mühen aus dem Baum, die er zur zusätzlichen Sicherheit so tief unter die Rinde getrieben hatte, dass ihm nun die Fingerkuppen brannten. Nur in Fetzen gelangte der Streit in seinen Geist, der nun auch zwischen den Anwesenden entflammt war. Kagome fauchte ihren Mann an, während Kaito versuchte, die Wogen zu glätten. Verfluchtes, submessives Geplänkel! Das einzige, das jedoch wirklich zu Minoru durchdrang, war Rin, die entgeistert nach ihm rief und Inuyasha beinahe über den Haufen rannte. „Minoru, tu das nicht! Bitte!“
„Sie hat Recht, du weißt als allerletztes, wohin du gehörst, wenn du denkst, diese Menschen seien deine Freunde und würden euch wohlwollend behandeln, solange ihr nur artig Sitz und Platz macht!“ Inuyasha zuckte bei den letzten Worten unwillkürlich zusammen, knurrte dann aber augenblicklich, auch wenn er außer Stande war, dem Jungen argumentativ etwas entgegenzusetzen. Er erinnerte sich in stillem Grauen an die Zeit, in der er selbst es gewesen war, der von der Kette zu Boden gebracht wurde, kam aber nicht dazu, daraus ein sinnvolles Gegenargument zu spinnen. Diskussionen lagen dem Han'yō nicht, schon gar nicht, wenn er in Rage war. Bevor er jedoch einen bissigen Kommentar erdenken konnte, schlidderte Rin unvermittelt auf den immer noch vor Yōki schwelenden Minoru zu und presste ihn mit vollem Gewicht an den Baum, als sie sich an ihm warf. „Hör auf... .“
Verdutzt starrte er über ihre Schulter, Augen groß wie Wagenräder, und verstand erst jetzt allmählich, dass er im Begriff gewesen war, die Fassung zu verlieren. Sie strich ihm sanft über die Haare, als müsse sie ein verzweifeltes Kind trösten. „Wir verschwinden hier“, flüsterte sie überzeugt. „Sofort, wenn du willst.“
Er schob sie von sich und schauderte gehörig, strich sich selbst über die Haare als müsse er das Gefühl loswerden, das ihre Hand hinterlassen hatte. Dann fuhr er sich durch den Nacken, um die aufgestellten Haare dort zu glätten und schloss für einen Moment die Augen.
„Rin-“
„Oh, seid bloß alle still!“, fuhr die junge Frau auf, als sie von den anderen angesprochen wurde, und lenkte ihre Aufmerksamkeit lieber auf den Jungen vor sich. „Alles in Ordnung? Es tut mir so leid. Ich hätte bei euch bleiben sollen!“
„Das hätte nichts geändert“, gab Minoru leise zurück, während sich langsam migräneartige Kopfschmerzen einstellten. „Können wir dann?“
Sie blinzelte fragend. „Was denn?“
„Fort. Du hast gesagt-“
„Ach, aber natürlich!“ Sie warf einen von Wut verhärteten Blick über die Schulter, um Inuyasha mit einem Ausdruck zu strafen, der pure Vernichtung gleichzusetzen gewesen wäre, wenn sie ihn nicht über die Jahre auch anders kennen und schätzen gelernt hätte. Saki hatte sich zumindest wieder aufgesetzt und schien bis auf eine blutende Platzwunde und einen gehörigen Schrecken unversehrt zu sein, während Kagome mit sanfter, von Schuldgefühlen zerfressener Stimme auf ihren Sohn einredete. Der hatte jedoch, selbst wenn er seiner Mutter zuhörte, nur Augen für seinen Vetter, dem er mit vollkommen undefinierbaren Blick betrachtete, als müsse er etwas Wichtiges ergründen.
Dann folgte Rin Minoru, der sich mit der langsam sinkenden Sonne westwärts wandte, nachdem Myōga sich wieder auf seiner Schulter niedergelassen hatte und schwermütig die Lichtung überblickte. Minoru wusste, dass er über die Stränge geschlagen hatte. So deutlich wie noch nie. Wenn sein Vater davon erfuhr, würde er im Boden versinken müssen, um seinen Kopf zu behalten! Beinahe vor diesen Leuten die Kontrolle verloren und sich mit seinem deutlich überlegenen Onkel angelegt – er musste wirken wie ein lebensmüder Irrer! Aber wie hätte er den Mund halten können? Vielleicht war es unter Menschen löblich, Frieden zu jedem Preis anzustreben – aber war es wirklich fair, denjenigen zu strafen, der nach all den Provokationen schlussendlich die Fassung verlor? Kaum. Doch dazu allein hätte er nie etwas gesagt. Die Kette aber... – seine Linke strich prüfend über die Falte seines Ärmels, in der er die Fuchskoralle sicher verstaut hatte. In dem Moment zu schweigen, hätte er sich niemals verziehen.
҉
Musashi scheint nicht der hoffnungsvolle Ort der Ruhe zu sein, den sich viele wünschen.. Wobei Minorus Sichtweise, wie bereits erwähnt, nicht unbedingt der unbewerteten Realität entsprechen muss. Von diesem Dorf werden wir für die nächsten Kapitel nun jedoch Abstand nehmen und Einblicke erhalten, die neues Licht auf viele Einzelheiten werfen sollten. Was das genau heißen soll? Nun, das sehen wir dann in # 32 und den folgenden Kapiteln - einem Abschnitt auf den ich mich seit Monaten freue wie ein kleines Kind. Ich hoffe, euch wird es beim Lesen so viel Spaß machen wie mir beim Verfassen! =) Viele Grüße und danke für euer Interesse!
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