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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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26.05.2016 8.087
 
Was bisher geschah ...
Sango und Miroku haben die Kinder heil nach Haus eskortiert, wo sie von einer mehr als erleichterten Kagome begrüßt werden. Die Miko gibt sich alle Mühe, Minoru einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, während er auf seinen Vater wartet.
Doch als Inuyasha ins Dorf zurückkehrt, ist es lediglich Rin, die ihn begleitet - vom Fürsten keine Spur.
Ryouichis Kampf gegen die Panther wird an der Ostfront durch deren scheinbar unsterbliche Verbündete massiv erschwert. Als neben den dauerhaft regenerierenden Drachen ein sandfarbenes Exemplar auf dem Schlachtfeld erscheint, setzt der Generalleutnant alles auf eine Karte, um die westlichen Grenzen zu verteidigen...

҉
„Sie sind also nicht nur Wiedergänger, sondern zu allem Überfluss auch kaum endgültig zu töten“, stellte Miroku schließlich fest und verschränkte die Arme nachdenklich vor der Brust. Seine Frau neben ihm legte die Stirn in Falten und starrte in die Flammen, die den Wohnbereich von ihrer zentralen Feuerstelle mit Wärme und Licht versorgten. Die Berichte von Inuyasha und Rin hatten bald dazu geführt, dass das Haus gerammelt voll geworden war. Das sonderbare Ehepaar aus Mönch und Dämonenjäger war mitsamt ihrer Brut angerückt – ein kaum zehnjähriges Mädchen, das rastlos danach verlangte, draußen durch die Pfützen springen zu dürfen. Bei Einbruch der Nacht waren die grauen Wolken dazu übergegangen ihrer Drohung Taten folgen zu lassen und ergossen sich nun, der Stimmung gleich, verdrießlich über Musashi. Minoru sah nachdenklich den Hügel empor zum Schrein, der auf der Anhöhe errichtet worden war. Er hatte sich auf den Engawa zurückgezogen, der das Haus wie ein hölzerner Steg umgab und, auch wenn er längst nicht so breit war wie der des Palastes, zumindest eine halbwegs trockene Rückzugsfläche bot. Die Enge des Raumes sagte Minoru nicht zu und hier – halb im Freien – hatte er eine größere Chance unter dem bindfadenartigen Regen noch andere, vielleicht alarmierende Witterungen wahrzunehmen. Der Wind trieb das Wasser scharf unter das Überdach, ließ es über die Holzdielen spritzen und einen kleinen See bilden, der Minoru um die bloßen Füße schwappte. Dann war die Böe schon wieder vorbei, der Regen fiel fast senkrecht zu Boden. Trommelte hart und platschte laut. Dreckswetter.
„Schwache Würmer, wenn man die richtigen Mittel hat“, widersprach Inuyasha barsch, nahm sich eine weitere Schale voller Buchweizennudeln, goss eine ordentliche Portion sonderbar riechender Soße darüber und begann sie mit Hilfe zweier hübsch verzierter Stäbchen herunterzuschlingen – was ihn jedoch nicht davon abhielt, seine Meinung kundzutun. „Warum machen wir so einen Wirbel? Kagome tut zur Ausnahme einfach etwas Nützliches und läutert diese Viecher, sobald sie auftauchen. Dann sind wir sie auch los.“
Wäre Minoru sich durch diverse Gründe nicht sehr sicher gewesen, dass es sich bei dieser Kagome um eine Menschenfrau handeln musste, hätte er bei ihrem sich spürbar verfinsternden Gemütszustand beinahe gewettet, dass sie dennoch Yōki besitzen musste.
„Ich habe dein drittes Kind zur Welt gebracht. Ist das etwa nichts?“
„Das ist doch was ganz anderes. Ich meinte, im Kampf nützlich. Nicht nur im Haus.“
Als es daraufhin laut knallte hatte sie ihm ein Stück Feuerholz über den Schädel gezogen und warf es schnaubend wieder hinter sich. Nun wirklich: Sollte Minoru sich noch wundern, wo sein Vetter dieses feinfühlige Verhalten gelernt hatte? Keine weiteren Fragen.
Er schüttelte den Kopf, um einige Wassertropfen loszuwerden, die wie kleine Perlen an den losen Haaren in sein Gesicht hinabrannen.
„Auch wenn ich Inuyashas Ton nicht als sonderlich angebracht empfunden habe, hat er etwas Wahres gesagt. Wir werden hier nicht viel Sorgen mit diesen Drachen haben“, pflichtete der Mönch seinem Vorsprecher bei und fing seine herumstöbernde Tochter ein, um sie sich auf den Schoß zu ziehen. Sie verzog wenig angetan das Gesicht und blähte protestreich die Wangen auf. „Aber außer diesem gibt es noch andere Dörfer. Ganz davon ab scheint Sesshōmaru zu glauben, dass sie gezielt gegen ihn vorgehen, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Er hat nicht viel gesagt“, schnarrte Inuyasha angesäuert. „Wie immer. Aber wenn er mir Rin überlassen hat, wird das wohl Aussage genug sein.“
Die Erwähnte ließ ihre Stäbchen sinken und sah schließlich in die Runde. „Ja, er glaubt, dass sie hinter uns her sind. Und ich auch. Hättet ihr sie gehört, würdet ihr das auch glauben.“
„'Hundchen, haben sie gesagt. Hundchen außerhalb des Westens'“, wiederholte Kaito, der mit verschränkten Armen in einer Raumecke saß und leer ins Feuer starrte. Den Sprachfehler der Kreatur wollte er offensichtlich nicht imitieren.
„Wer sind 'sie'?“, wollte Sango wissen. Kaito schüttelte jedoch ratlos den Kopf: „Keine Ahnung. Klang, als seien sie auf uns angesetzt worden – oder auf jemanden.“ Seine goldenen Augen fixierten Minorus Rücken, der den Blick durchaus spürte, sich aber dennoch nicht regte.
Myōga, der von der aufkeimenden Feindschaft der Jungen ebenso wenig hielt wie Kagome, sprang aufgebracht auf Inuyashas Schulter umher. „Niemand muss einem Drachen sagen, dass er einen Hund töten soll! Euer verehrter Großvater hat seit Jahrtausenden Kriege gegen diese Brut geführt und schlussendlich mit seinem Leben dafür bezahlt, sie aus diesen Gefilden zu bannen. Einen Inuyōkai zu verschlingen wird sich keine dieser Bestien entgehen lassen.“
„Wir sind keine Yōkai“, knurrte Kaito widerborstig, aber der Floh lief lediglich vor Wut rot an.
„Halb oder vollwertig spielt keine Rolle. Glaubt Ihr, sie wären nicht in der Lage, das Blut Eures verehrten Großvaters wahrzunehmen? Kagome-sama hat kein Yōki, mit dem sie das Eurer väterlichen Linie überdecken könnte. Sie haben Euch vermutlich eher angreifen wollen als Minoru-sama, der deutlich nach seiner Mutter schlägt!“ Da schlug sich der Flohgeist zwei seiner vielen Hände vor den Mund und starrte ängstlich hinaus auf den Egawa. Minoru funkelte ihn so vernichtend an, dass der arme Alte das Gefühl hatte, auf der Stelle tot umfallen zu müssen. „Vergebt mir-!“
„Willst du andeuten, die seien wegen mir auf uns losgegangen?“, fauchte Kaito da plötzlich, hielt aber gleich inne, als seine Mutter ihm einen warnenden Blick zuwarf.
„Beruhigt euch!“, fuhr sie die versammelte Mannschaft an und atmete dann selbst einmal tief durch. „Auch wenn niemand sie auf euch gehetzt hat, ist doch offensichtlich, dass irgendetwas sie erweckt haben muss, nicht wahr? Darüber sollten wir uns den Kopf zerbrechen. Wer außer Sesshōmaru kann Personen von den Toten zurückrufen und hätte Interesse daran, solche Gegner auf unsere Familie zu hetzen?“
Sango wirkte einen Moment sehr verbissen und warf Minoru einen etwas abwägenden Blick zu, dann rang sie sich doch durch: „Nun, wenn wir davon ausgehen, dass das Oberhaupt eurer Familie in gewisser Weise Sesshōmaru ist -“
„So ziemlich jeder mit ein bisschen Verstand“, fuhr Inuyasha dazwischen und beantwortete damit Kagomes Frage, die ihn daraufhin ebenso strafend ansah, wie ihren Sohn zuvor. „Inuyasha!“
„Was denn? Es ist doch wirklich keine Kunst, mit diesem Köter aneinanderzugeraten! Und er hat sich in den letzten Jahren auch nicht sonderlich friedlich gezeigt. Das habe ich euch von Anfang an gesagt. Er lebt für Mord, Krieg und Grausamkeiten.“
Minoru, der nun offen in den Raum sah, betrachtete seinen Onkel eine Weile. Lächerlich, dass sein Vater sich mit diesem Ruf beinahe darüber aufregte, wenn er zwei Mönche aus dem Weg räumte.
„Die Splitter haben reihenweise Tote zurück ins Leben geholt, ebenso So'unga. Aber das Shikon no Tama und dieses Höllenschwert sind beide zerstört“, zählte der noch lebende Mönch auf der anderen Seite des Feuers schließlich auf und versuchte damit die erneut aufkochende Stimmung zu beruhigen. „Mir fallen sonst nur die vier Panthergeschwister ein. Aber die haben damals Frieden mit Sesshōmaru geschlossen, nachdem er den jüngeren das Leben gerettet hat.“
Er hatte diesen verfluchten Katzen den Hals gerettet? Minoru gab ein verächtliches Schnauben von sich, das Rin erstaunt zu ihm sehen ließ. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sich in irgendeiner Weise an dieser Diskussion beteiligen würde – selbst, wenn diese Beteiligung lediglich aus abfälligen Lautäußerungen bestand.
„Ich fürchte, den Frieden gibt es nicht mehr“, sagte sie fast kleinlaut. „Sie haben Grenzen übertreten und uns einen Hinterhalt gestellt.“
Kagome blinzelte erstaunt. „Das glaube ich nicht! Sie waren so glücklich und zufrieden, als Sesshōmaru sie gerettet hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das für Land und Besitz aufgeben würden.“
„Yōkai die Macht gegen Familie tauschen?“, Kaito zog fragend eine Braue hoch. „Aufgrund welchen Herzens?“
„Du sei mal still!“, fauchte seine Mutter ihn wütend an. „Du sitzt schließlich nur hier, weil dein Großvater so viel Herz hatte, eine Menschenfrau zu lieben!“
Kaito knurrte leise und knallte den Kopf hart gegen die Wand hinter sich. Minorus Ohren zuckten leicht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Wenn sein Großvater einen halbblütigen Sohn gezeugt hatte, musste unweigerlich ein Mensch im Spiel gewesen sein. Er schüttelte den Gedanken mit den nächsten Regentropfen ab.
„Wenn die Panther wirklich Wiedergänger ins Leben rufen können, ist die Sache einfach erklärt“, meinte Rin schließlich leise und alle Augen ruhten auf ihr. „Wenn es je einen Frieden gab, ist er vorbei. Sie wollen westliches Land und Rache. Ich weiß, dass Truppen ausgerückt sind, nur nicht wohin. Aber mit Sicherheit gen Osten. Ohne Sesshōmaru-sama und Tenseigas Macht werden sie keine Chance haben, wenn diese Kreaturen dauernd wiedererwachen.“
„Warte kurz, Sesshōmaru hat Truppen?“, fragte Sango verdutzt.
„Natürlich!“, fuhr Myōga auf, der immer noch furchtsame Seitenblicke zu Minoru warf. „Er ist immerhin Inu no Taishō!“
„Und wenn er Amaterasu persönlich wäre: Wen interessiert das?“, Inuyasha stellte seine Schale etwas zu hart auf den Boden auf. Das dünne Porzellan gab knirschend nach und entwickelte haarfeine Risse. „Was kümmert uns das alles, solange er irgendwann hier auftaucht und den Jungen mitnimmt?“
„Wenn ich Myōga-jiji richtig verstanden habe, werden diese Drachen auch dir und deinen Kindern jederzeit nachsetzten“, warf Miroku ein. „Das ist durchaus ein Grund zur Besorgnis.“
„Wir haben diesen Panthern nichts getan“, widersprach Honoka plötzlich, die längst auf ihrem Futon lag und bisher nur in aufmerksamer Verschwiegenheit gelauscht hatte. „Warum sollten sie uns schaden wollen?“
Minoru seufzte innerlich und wandte sich wieder dem nassen Hang zu, an dem bei dem Regen vermutlich lediglich die Vegetation einen Erdrutsch verhinderte. Diese Leute redeten eindeutig gern, zu viel und zu laut. Er versuchte den Kopf für einen Moment frei zu bekommen und zumindest die für ihn essentiellen Informationen zu filtern. Drachen waren offensichtlich eine Art Todfeind der Inuyōkai und im Speziellen nicht gut auf seine Familie zu sprechen. Dass noch Truppen an der Ostfront stationiert waren, war Minoru völlig unbekannt. Niemand hatte darüber auch nur ein Wort verloren. Also war das entweder sehr diskret behandelt worden oder der Umstand war neu – und das wiederum würde heißen, dass sich die Panther geregt hatten.
Er schloss die Augen und versuchte durchzuatmen. Die Zeiten, in denen sein vermeintliches Mischlingsdasein in Anbetracht des Inu no Taishō seine größte Sorge dargestellt hatte, lagen so unfassbar weit zurück, dass sie für Minoru kaum noch greifbar schienen. Das war ein anderes Ich, eine ferne Version seiner selbst, die er nur noch verschwommen wahrnahm. Es lagen nur wenige Monate zwischen diesen Leben und doch fiel es ihm schwer, sich an die ruhigen Stunden zu erinnern. Tage, Wochen, Monate in denen er allein durch die Wälder gewandert war. Unheimliche Nächte, nachdem er das Haus in den Bergen verlassen hatte, in denen er vor jedem Oni flüchten musste, ständig angespannt und unsicher gewesen war, bis er endlich gelernt hatte, sich auf Instinkte und Wahrnehmungen zu verlassen. Kalte, heiße Tage und kurze Nächte, in denen er vor Hunger nicht wusste, wie er den stechenden Schmerz in seinen Eingeweiden loswerden sollte. Takeru, der mit aufgestelltem Fell geduckt neben ihm kauerte und sich über das anhaltend miese Wetter beschwerte, bevor sie gemeinsam den Eber in der Senke stellten.
Ein unangenehmer Schauer ergriff Besitz von ihm, wanderte seinen Rücken entlang und zwang ihn zu einem unwillkürlichen Schaudern. Er hatte jetzt Vergangenheit und auch wenn es im Grunde nicht seine eigene war, würde sie ihn ebenso jederzeit einholen wie die Zugehörigkeit zu seinem Stamm. Primäre Dinge, die niemand zu ändern vermochte. Zur Hölle mit Neutralität. Er musste die Meinungen überdenken, die er sich gebildet hatte, als er noch niemand gewesen war. Vergessen, was er einst zu wissen geglaubt hatte.
„Wir sollten wachsam bleiben“, schlug Kagome schließlich vor. „Und warten, was Sesshōmaru zu sagen hat, sobald er zurück ist. Mehr können wir gerade ohnehin nicht tun. Sollte die Lage dramatischer sein als zurzeit abzuschätzen ist, müssen wir uns eben etwas einfallen lassen. Es wäre ja nicht das erste Mal.“
„Keh, du glaubst doch nicht, dass Hoheit sich zu einem Gespräch mit uns herablässt!“ Inuyasha verschränkte die Arme vor der Brust; warf den Kopf zur Seite. Seine weißen Hundeohren zuckten gereizt.
Minoru schloss die Augen. Diese fortwährenden Schmähungen gegen seinen Vater gestalteten sich langsam ermüdend und auf eine sehr offensive Art und Weise empfand er es als durchaus anmaßend, dass sie sie in seiner Gegenwart ausstießen und geflissentlich so taten als habe ihn das nicht zu interessieren. Minoru war per se nicht jemand, der für eine andere Person in die Bresche sprang und sein Vater konnte sich und sein Ansehen durchaus selbst verteidigen, aber war es nicht sehr unpassend, ein Elternteil vor dem Kind in facettenreichem Zwist darzustellen?
Als habe Rin gerade ähnliches gedacht, seufzte sie tief und warf ihre Stäbchen aus einiger Entfernung zielgenau in ihre leere Schale. Holz klapperte laut auf Porzellan und etwaige leisere Wortwechsel verstummten. Die Anwesenden sahen sie fragend an.
„Ihr geht mir mit diesem Gehabe auf die Nerven“, verkündete sie glatt und erhob sich in einer fließenden Bewegung, die auch daran keinen Schaden nahm, dass sie ihr Bein weiterhin nicht vollständig belasten konnte. „Wenn diese Familie zu meinen Lebzeiten noch lernt, zumindest respektvoll miteinander umzugehen und gemeinsame Feinde wie solche zu behandeln, sterbe ich wahrscheinlich auf der Stelle an einem Herzstillstand.“
Inuyasha, der sich am ehesten angegriffen fühlte, war zunächst zu verwundert, dass sie so deutlich und spöttisch Stellung bezog, um etwas zu entgegnen. Schließlich fing er sich jedoch und fand allein schon zur Erhaltung seiner üblichen Patzigkeit schnell die Sprache wieder: „Pah! Ich werde nie verstehen, warum du freiwillig zu ihm zurückgekehrt bist und auch noch behaupten kannst, mit ihm auszukommen! Du solltest langsam anfangen, auf Ratschläge zu hören: Irgendwann wird er sich gegen dich wenden.“
Sie funkelte den Han'yō über das Feuer beinahe herablassend an und weigerte sich auch nur im Ansatz auf seine absurden Kommentare einzugehen. „Oh, du und er, ihr könnt euch meinetwegen hassen, bis euer armer Vater sich im Grab umdreht“, zischte sie ihn an und diesmal verstummte er völlig. „Sollte ich aber noch einmal mitbekommen, wie dein unterirdisches Benehmen auf deine Kinder abfärbt, platzt mir der Kragen! Du bist noch blinder, noch hundert Mal sturer als er. Bist du nach den letzten Wochen immer noch zu starrsinnig, um zu begreifen, wie nötig wir Zusammenhalt brauchen?“
Minoru warf einen Blick über die Schulter und musterte Rin. Wäre es ihr möglich gewesen, ihre Nackenhaare hätten abgestanden wie die eines kampfbereiten Hundes. Sie musste viel Vertrauen in die Situation haben, wenn sie darauf setzte, dass keiner der Anwesenden ihr in einem drohenden Streit etwas zuleide tun würde. Andererseits: Es war Rin. Vermutlich nahm sie es einfach in Kauf, so wie sie sich auch zwischen ihn und Kōhei gestellt oder gleich ein vertrauliches Gespräch zu ihm gesucht hatte. Sie kümmerte sich offensichtlich selten um Konsequenzen – oder wusste sie besser einzuschätzen als er ahnte. Ein wenig steif wandte Minoru sich gänzlich zum Raum um und betrachtete die junge Frau einen Moment, bevor er schließlich die restlichen Beteiligten im Auge behielt, die sie alle ungläubig anstarrten. Das kleine Mädchen auf dem Schoß ihres Vaters sah verwirrt von einem zum anderen und schien nicht zu begreifen, warum es plötzlich so still geworden war. Dann erhob sich Kagome und legte Rin sanft die Hände auf die Schultern. „Beruhige dich, Rin-chan. Dieses Thema ist es doch nicht wert darüber zu streiten. Die beiden werden keine Freunde mehr. Nicht in diesem Leben. Dafür ist zu viel passiert und wir müssen das akzeptieren. Ich weiß, du strebst nach Harmonie, aber die finden wir leider nicht überall. Wir können nichts erzwingen.“
Rin musterte Kagome für einen Moment über ihre Schulter, dann entwich ihr ein abfälliges Geräusch. „Ihr redet über Drachen und mutmaßt über Feinde, debattiert über Einigkeit und im Grunde glaubt ihr doch alle, dass von unserer Seite nichts zu erwarten ist.“
„Von seiner Seite“, korrigierte Sango sanft. „Du bist-“
Unserer“, insistierte sie scharf. „Ich habe mich vor Jahren entschieden, wo mein Platz ist. Das solltet ihr auch so langsam mal versuchen.“
„Wir wissen, wo wir hingehören“, gab Inuyasha gereizt zurück und funkelte die junge Frau aus seinen goldenen Augen scharf an. „Dass du immer noch glaubst, einen Platz bei meinem Bruder zu haben, ist nicht unsere Schuld. Du hättest irgendwann einmal vernünftig werden können, statt nach Kaedes Tod gleich an seine Seite zu springen.“
„Du weißt als allerletztes, wo du hingehörst, Inuyasha“, gab sie kalt zurück und sah erhaben auf ihn herab. „Denkst du immer noch, du und deine Kinder könnten ihr Leben lang so tun als sei der Westen nur ein fremder Ort jenseits der Ebenen? Honoka mag den falschen Ansatz verfolgt haben, aber andere werden ähnliche Gedanken haben: Wenn der Krieg kommt, wirst du nicht in Musashi die Hände in den Schoß legen können – und niemand wird einen Dreck darauf geben, dass du mit deinem Bruder in einer ewigen Fehde lebst. Auch nicht, wenn sie deine Kinder schlachten. Was tust du, wenn dein Starrsinn Leben einfordert?“
Mit einem Ruck war Inuyasha auf den Beinen und knurrte sie tief an. „Ich muss mir von einer verblendeten Göre keine Vorträge anhören!“
Die beiden Streitparteien warfen sich über die Flammen giftige Blicke zu und nach einigen Minuten der funkelnden Stille, war es schließlich Inuyasha, der mit überlegenen Ton das Wort ergriff: „Du vertraust ihm, auch wenn er dir kein Wort über seinen Sohn gesagt hat?“
Minoru erstarrte für einen Moment innerlich und fürchtete, sie könne zu ihrer Verteidigung Dinge über ihn preisgeben, die er nicht in den Händen dieser Leute wollte. Ihm gegenüber war sie beinahe überfreundlich und hier fuhr sie aus der Haut als habe ihr jemand glühende Kohlen unter die Füße geschmissen. Doch auf ihren Lippen zeichnete sich lediglich ein dünnes, vernichtendes Lächeln ab. „Ja.“
Der Han'yō klappte den Mund auf, kam aber nicht dazu noch etwas zu sagen. „Vielleicht solltet ihr erst einmal anfangen vor eurer eigenen Tür zu kehren.“ Die Blicke wanderte zu Minoru, allen voran Rins, die zwar überrascht, aber auch dankbar schien, dass wenigstens einer ihr in gewisser Weise den Rücken stärkte.
„Ach, der Welpe kann ja doch sprechen“, schnarrte sein Onkel daraufhin verächtlich, aber Minoru ignorierte ihn und sah lediglich zu Rin. „Bist du sicher, dass du über Nacht bei diesen Leuten bleiben willst?“
Sie nickte langsam. „Sie sind trotz allem meine Freunde. Wenn man sich unter Freunden nicht mehr streiten kann, ist die Freundschaft nichts wert.“
„Rin hat recht. Wir sollten uns auf die Freundschaft besinnen, die wir teilen und uns alle beruhigen“, verkündete der Mönch ein wenig geschwollen. Er hatte sich die ganze Zeit aus diesem Streit herausgehalten und seine Tochter eng an sich gedrückt, um nun entschärfend aufzutreten. Allerdings hatte er dabei die Rechnung ohne Kaito gemacht, der bitter lachte und sich dann schnaubend aus seiner lehnenden Haltung in einen geraden Sitz aufrichtete. „Auf unsere Freundschaft?“, fragte er höhnisch und Minoru spürte, wie sich Honoka unruhig auf dem Futon regte und unangenehm berührt den Kopf hob. „Kaito...“
„Eure verdammte kleine Dorfgemeinschaft ist nichts als Schall und Rauch, wenn es darauf ankommt“, fuhr der unbeirrt fort. „Glaubt auch nur einer von euch, dass Honoka ohne Grund gegangen ist? Ich meine, wir reden von Honoka!“
Sango schüttelte ernst den Kopf. „Kaito, du bist doch derjenige-“
„Der zu den Yōkai rennt? Ich bin doch nicht bescheuert! Aber das ist fürchterlich einfach, nicht wahr? Wenn ich es gewesen wäre, müsste man sich keine Gedanken um das Warum machen.“
„Liebling, das müssen wir nicht noch heute Abend klären. Es ist gut, dass ihr zurück seid und was passiert ist können wir morgen immer noch in Ruhe besprechen.“
„Ich will, dass sie dabei sind“, sagte der Junge scharf und fixierte Sango und Miroku. „Dass sie wissen, was für widerliche Mistviecher ihre Töchter sind.“
„Bitte was?!“ Sango bekam große Augen, während Honoka gequält aufstöhnte und den Kopf im Kissen vergrub.
„Haben sie mittlerweile durchgesetzt mit ihrem Onkel Jagd auf niedere Lebewesen machen zu dürfen?“, hakte Kaito mit bösartigem Unterton nach. „Wenn sie irgendwann Han'yō töten wollen, sagt Bescheid, damit ich ihnen vorher den Kopf abreißen kann.“
Minoru zog einen Moment eine Braue hoch, als eine leichte Welle dämonischer Energie durch den Raum schwappte und das Baby in der Wiege zu schreien begann. Kagome eilte zu ihrer jüngsten Tochter und warf ihrem Sohn verstörte Blicke zu. „Wie kommst du auf diesen Unsinn?“
„Was sollen die Zwillinge angestellt haben?“, fragte nun auch Miroku, behielt dabei aber vollkommene Ruhe bei. Er musste diese ohnehin schon kochende Situation nicht noch anheizen.
„Kurzerhand verkündet, dass sie nicht mit dir zur Arbeit gehen wollen, weil Han'yō dabei sind“, knurrte Kaito. „Wir sind für sie nichts als geschäftsschädigender Anhang. Es geht hier um nichts weiter als Ansehen und Geld. Das sind die niedrigsten Beweggründe, jemanden fallen zu lassen und sie tun das ohne mit der Wimper zu zucken – ach ja, vergessen wir nicht, dass sie zu feige waren, mir das ins Gesicht zu sagen und es lieber Honoka unter die Nase gerieben haben.“ Er schnaubte wütend. „Wir werden hier genauso wenig geschätzt wie überall in der Welt!“
„Pah! Und dann muss sie gerade zu Sesshōmaru rennen? Was für ein Unsinn!“, fuhr Inuyasha seinen Sohn an. „Wenn du Ausreden für dein Verhalten suchst, sind das wohl die schlechtesten!“
„Wohin sonst, wenn das die einzige Familie ist, die uns außerhalb bleibt?! Freundschaft scheint ja nichts wert zu sein“, zischte der zurück. Minoru musterte seinen Vetter, dessen dunklen Ohren sich eng an sein schwarzes Haar legten, als er Gegenwind bekam und er die Beweggründe seiner Schwester entgegen seiner eigenen Meinung zu verteidigen begann. Es war überdeutlich gewesen, dass Kaito nie etwas von der Idee seiner Schwester gehalten hatte, aber vor den Erwachsenen wollte er ihr offensichtlich nicht in den Rücken fallen. Er konnte also erstaunlich sozial sein, selbst wenn das hieß, den eigenen Überzeugungen zu widersprechen. Erschreckend.
„Ihr hättet zu uns kommen können“, sagte Kagome streng und wiegte Yayoi sanft in ihren Armen, bis das Baby zu glucksen begann und offensichtlich wieder einschlief. Sie sah zerbrechlich aus, die Hundeohren winzig in silbrig-weißem, fast durchscheinenden Haar verborgen, ihr kleinster Finger nicht einmal so lang wie Minorus Klauen.
„Ich weiß...“, meldete sich nun auch Honoka. „Aber ich wollte Zeit für mich... und dann war ich schon so weit weg. Außerdem war das doch nicht neu. Kaito sagt seit Jahren, dass uns jeder hasst.“
„Das ist nicht wahr! Niemand hasst euch!“, protestierte ihre Mutter vehement und ließ sich neben ihr zu Boden sinken. Ihre Tochter aber drehte sich von ihr weg und kuschelte sich wieder in ihr Kissen. „Lieb von dir. Aber leider nicht wahr.“
„Wir sollten das klären, wenn die Zwillinge auch dabei sind“, entschied Sango schließlich laut. „Das wäre nur fair.“
„Da gibt es nicht zu klären“, Kaito klang hart und endgültig. „Für mich ist die Sache durch. Kommen sie mir nochmal quer, garantiere ich für gar nichts!“
Rin bahnte sich einen Weg zur Hintertür und blieb schließlich vor Minoru stehen, versperrte ihm die Sicht in den Raum, legte sacht eine Hand an den nachtblauen Stoff, der seine Brust lose überspannte und sah ihm müde in die Augen. „Du hast vielleicht recht. Die Auseinandersetzung geht uns nichts weiter an und wir sollten zur Ruhe kommen. Du siehst mindestens so müde aus wie ich mich fühle und hast das Essen nicht einmal angerührt.“ Sie seufzte lang und er machte ihr Platz, als sie auch nur leichten Druck auf ihre Hand legte, sodass sie auf die nassen Holzbretter des Engawa treten konnte.
„Ich will hier auch nichts essen.“
„Das dachte ich mir.“ Sie klang erschöpft. „Am Rand des Dorfes gibt es eine unbewohnte Hütte. Wir können dort die Nacht verbringen. Hoffen wir, dass dein Vater dann bald zurück ist.“
Minoru wandte dem Wohnraum den Rücken zu, in dem gerade ein erneuter Streit entbrannte und Kaito wütend die Stimme hob. Er knurrte leise und ließ die Hand über den Stoff seines Kimono gleiten, den Kagome eng an der Hauswand über eine Leine gehangen hatte. Er war immer noch feucht und würde bei dem Wetter auch sicher nicht zur Gänze trocknen, aber das war nicht so wichtig.
„Wir haben Truppen im Osten?“, hakte er schließlich nach und schenkte den Vorgängen im Haus keinerlei Beachtung mehr, während er den geliehenen Yukata gegen seinen Kimono tauschte.
Mit einem bitteren Gesichtsausdruck nickte Rin. „Der Chūyō ist dort. Ich weiß zwar auch nichts Genaueres, aber Ryouichi-sama rückt so gut wie nie aus. Die Ratsmitglieder an den östlichen Grenzen kommen eigentlich gut allein zurecht, also muss es etwas Ernstes sein – oder ein Exempel.“
„Wenn die Drachen auf Inu aus sind, was ist dann mit der Festung?“
Sie sah ihn nachdenklich an und schüttelte schließlich den Kopf. „Ich weiß es nicht, aber dein Vater wird die richtigen Entscheidungen treffen. Hab Vertrauen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, ihm keine zusätzlichen Sorgen zu bereiten. Alles andere wird sich fügen.“
Aufmerksam beobachtete sie ihn, wie er den kurz geschnittenen Kimono fast fachgerecht und mit gezielten Griffen über den Hanjuban streifte und zurechtlegte. Beinahe wollte sie ihn für seine Sorgfalt loben, als er den Obi mehr oder weniger nur praktikabel knapp oberhalb der Hüfte mehrfach um sich herum schlang und einen einfachen Knoten band, bevor er in den strömenden Regen trat.

Kühler Wind fuhr durch den Raum und trug den Geruch diverser Pflanzen, die eiserne Schwere der Schmiedeöfen und einen seichten Hauch von poliertem Holz heran. Ryouichi schlug die Augen auf und blickte starr zur Zimmerdecke. Sein Körper protestierte auf die unerdenklichsten Weisen und als er auch nur den Kopf drehen wollte, schoss ihm der Schmerz durch den Rücken bis hinab in den Steiß. Missmutig biss er die Zähne zusammen. Er sollte gar nicht mehr leben. Nicht nach diesem Kampf. Die Erinnerungen waren trotz aller Mühen vage. Er hatte Jahrhunderte gebraucht, um diesen Wahnsinn zu unterdrücken, ihn bestmöglich zu kontrollieren, um für niemanden eine Gefahr darzustellen, aber langsam musste er wohl einsehen, dass alle Beherrschung im aussichtlosen Nichts verlief, wenn er erst einmal Blut geleckt hatte oder kalkulierte Handlungen zugunsten entrückten Schlachtens weichen mussten. Ein Wunder, dass er überhaupt noch einen klaren Gedanken hatte fassen können, als Shisuna aufgetaucht war. Das tiefe Grollen, das sich allein bei dem Gedanken an diesen Drachen in seiner Kehle entwickelte, ließ ihn augenblicklich vor Schmerz zusammenfahren; den Laut im Keim verstummen. Ryouichi schloss die Augen und versuchte lindernder Kühle an seinem Kissen nachzuspüren – vergebens. Stattdessen brannten sich die lodernd roten Augen des Feindes durch seine Gedanken wie Speere durch eine offene Wunde. Er konnte nachfühlen, wo die gekrümmten Klauen der Bestie ihre Furchen unerbittlich in seine Haut getanzt hatten, ein ums andere Mal, heute wie damals. Das helle Lachen und die sanft gesäuselten Zugeständnisse Shisunas, bevor er alles Furcht und alles Wissen um Leid und Tod wie eine verheißungsvolle Aussicht am Ende einer langen, qualvollen Reise erscheinen ließ.
Drachen! Sie hatten Drachen zurück nach Hōnshu geholt. Nach allem was geschehen war, allem was passieren würde. Unsterbliche, gigantische Wiedergänge ohne jeden Skrupel! Nur die Realität konnte so grausam sein. Die verfluchte, unbarmherzige Wahrheit, die er längst hätte erkennen müssen. Sie würden ihn nie in Frieden lassen. Weder in Realität noch im Nachhall.
Ryouichi entfuhr ein erstickend leidendes Geräusch, wie die Antwort auf einen dumpfen, anhaltenden Schmerz. Jeder Muskel, jedes noch so winzige, beanspruchte Areal seines Körpers flehte augenblicklich um Gnade, ließ ihn in aufflammender Pein schreien, bis ihn schließlich ein hysterisches Lachen mit einem schauerlichen Schütteln erfasste und er kaum noch Luft bekam.
„Du bist aufgewacht.“ Er gefror beinahe augenblicklich innerlich und mit dem abrupt verebbenden Lachen kehrte auch der Schmerz zurück. Er schlug die Augen erneut auf und starrte abermals an die Zimmerdecke. „Muss ich dich daran erinnern, dass wir uns bezüglich deiner Strategie einig waren?“
„Ihr seid hier...“
„Darf ich erfahren, welchen Grund du dir sonst für dein Überleben ausgemalt hast?“, schnappte der Fürst hart und sah mit funkelnden Augen eisig auf ihn herab. „Ich sagte, du sollst es nicht übertreiben!“ Ryouichi wollte ihm vorsichtig widersprechen, aber Sesshōmaru schenkte ihm allein für den Versuch ein durchdringendes Knurren. „Rücksichtslos und ohne einen Funken Verstand Feinde bis zur Selbstaufgabe zu schlachten, ist kaum als kalkuliertes Vorgehen einzustufen! Ich dachte, du hättest endlich gelernt, deinen Wahnsinn unter Kontrolle zu halten.“
„Es schmerzt mich, Euch derart enttäuscht zu haben“, der Chūyō ließ den Kopf ein wenig tiefer in das Kissen sinken. „Ich sah keinen Ausweg.“
„Narr“, schalt der Fürst ihn scharf, dann atmete er tief durch und straffte die Schultern, als helfe das, den restlichen Tag irgendwie von sich zu wischen, den er damit verbracht hatte, Tenseiga zu bemühen, um diese Drachen ein für alle Mal vom Angesicht der Welt zu tilgen. Ryouichi hatte keine Möglichkeit zur Verfügung gestanden, diesen immer wiederkehrenden Yōkai auf Dauer die Stirn zu bieten und er hatte das einzige getan, das ihm in dieser Situation geblieben war: Die Front zurückgeschlagen, das Unheil möglichst lang vom westlichen Inland ferngehalten. Zeit, die es ihm ermöglicht hatte, zu seinen Truppen zu stoßen und sich dieser vermaledeiten Ausgeburten selbst anzunehmen. Es war die einzig sinnvolle Entscheidung gewesen und dennoch verblieb ein bitterer Beigeschmack über diesen wenig glatten Sieg. Sie hatten gut zwanzig Mann verloren. Nichts gegen vorangegangene Kriege, aber deutlich zu viel für eine einzelne Schlacht um Grenzbereiche. Niemand hatte mit diesen Drachen gerechnet, auch er nicht. Derart übertölpelt worden zu sein würde ihm noch für lange Zeit ein unangenehmes Stechen in der Brust bescheren. Er konnte von Glück sprechen, dass Inuyasha und seine sonderbare Gemeinschaft Minoru rechtzeitig zur Hilfe gekommen waren und ihr Dorf mit genügend sakralen Personen versorgt war, die einen Wiedergänger zur Not schnell auf seinen Platz verweisen konnten. Dass er das noch erleben musste! Diesem Han'yō würde er das selbstgefällige Grinsen vermutlich bis an sein Lebensende nicht aus der Visage schlagen können. Aber wenn das der Preis für Minorus Leben sein sollte, dann war das eben so. Sollte sich Inuyasha in seiner kleinen, beschränkten Welt damit rühmen, ihm zuvorgekommen zu sein. Diese Kurzsichtigkeit passte zu seinem stumpfen Gemüt.
Wie bereits seit Stunden warf er einen abwägenden Blick auf Ryouichi, der auch nun möglichst unbewegt auf seinem Futon lag. Einer seiner Arme war bis auf den Knochen aufgeschlitzt worden, der andere an der Schulter zertrümmert. Dazu kamen eine nicht allzu geringe Zahl weiterer Knochenbrüche und kleinerer Wunden, einige ausgeschlagene Zähne und Zerrungen.
Sesshōmaru war in ihrer Jugend oft genug gegen ihn angetreten, hatte ihn selbst wenig rücksichtsvoll behandelt und dementsprechend zugerichtet, um zu wissen, wie zäh dieser Inu sein konnte. Nein, körperliche Schäden in diesem Ausmaß waren für Ryouichi im Allgemeinen tragbar, solange sein Yōki dagegen halten konnte – und da wurde es kritisch. Er hatte es zu weit getrieben, sich in seiner blinden Aggression derart verausgabt, dass Sesshōmaru aufgrund seiner schwachen Aura für einen Moment der festen Überzeugung gewesen war, er ziehe eine Leiche unter dem gefallenen Drachen hervor. So angeschlagen war es unter keinen Umständen möglich, ihn zurück zur Festung zu bringen. Daher hatte der Fürst den Großteil seiner Truppen allein zu seinem Herrschaftssitz zurückgeschickt und lediglich die Verletzten in Akios Anwesen einquartiert. Er hasste Weniges mehr als einen seiner Vasallen wegen derlei zu behelligen, aber wenn er nicht riskieren wollte, die übrigen Männer auf dem Weg an ihre Wunden zu verlieren, blieb ihm kaum eine andere Wahl.
Viel besorgniserregender als Ryouichis leidender Körper war jedoch sein Geisteszustand. Er hatte im Schlaf gezuckt und geschrien, wie er es noch nie von ihm vernommen hatte. Seine Hände zitterten unaufhörlich und auch wenn er die Holzpanelen der Decke zu fixieren schien, zuckten seine schwefelgelben Augen unruhig in seinem fahlen, blutarmen Gesicht wie unter nervösen Anfällen.
Der Fürst der westlichen Lande schloss für einen Moment die Augen, um sich gänzlich zu sammeln, aber bevor er dazu kam, die Angelegenheit in gewöhnlicher Kühlheit abzuschließen, drang ein kaum vernehmliches Flüstern an seine empfindlichen Ohren. „Er war da.“ Ryouichi schauderte allein bei dem Gedanken an den riesigen Drachen, der seine Artgenossen um mindestens die Hälfte überragte. „Verwandelt, ja, aber es war sicher er. Er wusste, wer ich bin. Er wusste mehr, als jeder andere wissen sollte.“
Sesshōmarus gesamter Ausdruck verfinsterte sich mit einem Schlag. „Wer.“
„Ryūkotsuseis Bruder.“
Das Knurren, das dem Fürsten entfuhr, ließ sogar das Wasser in der nahestehenden Vase feine Wellen schlagen. „Diese Panther treiben es eindeutig zu weit!“, seine Stimme klang gereizter als für ihn üblich und Ryouichi hätte es nicht gewundert, bei diesem Ton einen roten Schimmer in seinen sonst so gleichgültigen Augen zu entdecken. Für ihn sagte diese Reaktion allerdings genug aus.
„Ihr habt ihn nicht getötet.“
„Eine Frage der Zeit“, stellte Sesshōmaru glatt fest. „Was weiß er?“
Ryouichi schwieg und lenkte sogar den Blick weiter auf die Seite, als der Fürst in seinen Augenwinkeln herantrat und sich bedrohlich aufbaute. „Rede schon. Weiß er von Minoru? Rin?“
„Nein. Das heißt, ich weiß es nicht. Von mir nicht.“
„Was verknotet dir dann die verfluchte Zunge, Ryouichi?“
Ein wenig betreten hob der Generalleutnant den Blick zu seinem Herrn, dessen sonst so weiße Skleren wie erwartet einen deutlich roten Grundton angenommen hatten. Die gelben Augen seines Gegenübers hingegen sprachen Bände und Sesshōmaru zuckte unwillkürlich zurück, das sogar das Weiß in seine Augen zurückkehrte. Er schwieg lange, dann schien er sich wieder zu fangen. „Ein Grund mehr, sich seiner zu entledigen“, knurrte er. „Ihr reist zur Festung zurück, sobald Ihr könnt. Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht. Keine Außeneinsätze, bis wir diese Untoten da haben, wo sie hingehören. Ich muss zurück nach Musashi. Kommt Ihr zurecht?“
Der tiefe, unüberwindbare Graben, der zwischen ihnen lag, tat sich gähnen auf. Ein Gefühl, so elendig wie es nur Bedauern sein konnte, legte sich wie ein Schatten über Ryouichis Gemüt und presste ihm beinahe physisch die Luftröhre zusammen, als der Fürst zu seiner üblichen Kälte zurückkehrte und vertraute Anreden einem kommandierenden Grundton weichen ließ.
„Ja, Herr.“
„Eure Entscheidung war angemessen, Chūyō.“
„Ich danke Euch für Eure Nachsicht, Oyakata-sama“, gab er ebenso steif zurück.
Als der Fürst daraufhin den Raum verließ, seufzte Ryouichi leise und richtete seinen Blick betrübt auf die reich verzierte Wand neben sich. Vielleicht hatte Shisuna recht und der Tod war angenehmer als diese Leere.

Der sonst friedliche Morgen wurde von lauten Revierstreitigkeiten überschattet. Die Amseln zeterten wie eine ganze Armee und schlugen sich in den verbliebenen Pfützen des Vortages Krallen und Schnäbel entgegen, bis eine unterlegen ihr Heil in der Flucht suchte und die Siegerin mit aufgeregt wippenden Schwanzfedern und energischem Siegesgeschnatter ihren Triumph kundtat.
Einen ganzen Tag hatte Minoru nun schon in dieser leerstehenden Hütte verbracht, die vor dem Tod einer alten Priesterin das Heim von seinem Onkel und dessen Familie gewesen war und seit ihrem Umzug in das größere Haus am Fuße des Tempelhügels keinen neuen Besitzer gefunden hatte. Rin war auch am vergangenen Tag im Dorf gewesen, hatte Bekannte getroffen und Geschichten ausgetauscht, bevor sie am Abend klatschnass vom anhaltenden Unwetter und Beladen mit allerlei Aufmerksamkeiten zurückgekehrt war, während er sich vehement geweigert hatte, den stillen Unterschlupf auch nur für eine Minute zu verlassen. Es reichte vollkommen, dass alle paar Stunden ein Mensch den Kiesweg entlangtrampelte, der direkt vor dem mit einer Matte verhangenen Hauseingang zum Wald verlief, und seinen sonderbaren Geruch in der Gegend verbreitete als markiere er seine Umwelt mit der Penetranz eines territorialen Katers.
Minoru murrte leise und schüttete den Rest seines noch dampfenden Tees hinunter.
„Du verbrennst dir eines Tages noch die ganze Kehle.“
„Wenn heißer Tee mein Leben kostet, wird niemand mich vermissen“, gab er stumpf zurück. Der junge Inu richtete sich im Rücken auf und zog die Schultern ein Stück zurück, um die Muskeln zu spannen und endlich die Müdigkeit loszuwerden, die nach einem Tag voller Untätigkeit an ihm haftete wie ein nimmersatter Blutegel. Auch das Frühstück – Reis mit Ei und Tee – waren Rin am Vortag von den Dorfbewohnern geschenkt worden, aber darüber hinaus wurde Minoru das Gefühl nicht los, dass hinter diesen Gaben teils ein wohl bedachter Zweck stand. Fast teilnahmslos stieß er die alte Teekanne mit der Kralle an. Sie war gebraucht und einfach, aber sehr gut erhalten. Neben ihr stand eine große, mit Reis befüllte Holzschale und eine aus Bambus geflochtene Trage voller Holz. Die Dorfbewohner, dem Geruch nach vor allem die Frauen, hatten Rin zudem Leinenstoff mitgegeben, einen gusseisernen Topf und Sandalen.
„Sie wollen dich einrichten, damit du bleibst.“
Die junge Frau stockte kurz, bevor sie amüsiert einige Falten aus ihrem Kimono strich und Minoru neuen Tee einschenkte. „Es sind sehr liebe Leute. Ein Dorf voller freundlicher Menschen ohne Verständnis. Sie haben gehofft, dass ich zurückgekommen bin. Aber keine Sorge: Ich habe ihnen gesagt, dass ich die Sachen bringe, bevor wir aufbrechen. Du musst mich wohl oder übel noch eine Weile aushalten.“
„So freundlich wie mein Onkel, meinst du?“ Sie strich sich seufzend das strähnige Haar zurück, aber als sie nichts sagte, fuhr er fort. „Dieser Ort gefällt mir nicht. Die Freundlichkeit ist oberflächlich, die Bündnisse ebenfalls und unter allem liegt mehr Misstrauen und Angst als abzuschätzen wäre. Wir sollten schnellstmöglich verschwinden.“
„Es sind keine Bündnisse, Minoru. Es sind Freundschaften. Wir müssen nicht immer einer Meinung sein, um uns gegenseitig die Treue zu halten.“
„Davon spreche ich nicht“, gab er entschieden zurück. „Sie fürchten meinen Vater. Alle. Du bist willkommen, weil sie wünschen, dass du Vernunft annimmst und wieder unter Menschen lebst.“
„Wobei ich ihnen viel Vergnügen wünsche“, spöttelte sie mit einem Schulterzucken. „Ich weiß, dass fast jeder hier meine Entscheidungen für dumme Fehler hält, aber sie sind mit Blindheit geschlagen, wenn sie in die Welt sehen. Für Blindheit anderer werde ich mich nicht biegen. Dafür ist das Leben zu kurz.“
Minoru schwieg und wandte den Blick nach draußen. Dieser Ort sagte ihm nicht zu. Die Menschen ergriffen vor Yōkai nicht sofort die Flucht, verhielten sich aber ansonsten wie gelähmtes Wild. Im Gegensatz zu Rin vertrauten sie den Dämonen nicht im Geringsten und sie war in ihren Augen sicher nichts anderes als ein naives, dummes Ding, das nicht bemerkte, wie sich die Schlinge um ihren Hals langsam tödlich zuzog – jemand, den man, wenn möglich, bekehren sollte, bevor sie wie eine Fliege im Netz zappelte. Dass sie Rin dabei nicht längst aufgegeben und ob ihrer Beharrlichkeit in diesem vermeintlichen Irrglauben belassen hatten, lag sicherlich nur daran, dass sie in den Augen der Menschen eine hilfsbereite und freundliche junge Frau war, der man solche Ideen eher als bemitleidenswert latenten Wahnsinn antrug als sie für ihre Entscheidungen fallen zu lassen. Sie bemitleideten sie, nichts weiter. Im Regelfall hätte Minoru diese Ansichten unterstrichen – abgesehen von dem Teil mit dem Mitleid. Ein Mensch, der mit dem Feuer spielte, musste damit rechnen, sich tödlich zu verbrennen und es schien nur natürlich, dass ihre Artgenossen wie eine Horde trotteliger Hennen hinter ihr dreingluckten, um sie zurück in ihre Gemeinschaft zu bringen. Aber nach allem, was er bisher erlebt hatte, wirkte dieses Bild falsch. Rin schien plötzlich wie die einzig Sehende unter Blinden. Der Fürst würde ihr nicht ein einziges Haar krümmen. Niemals.
Und das ließ das restliche Dorf mitsamt seinem Onkel und dessen Anhang auf einmal äußerst beschränkt dastehen – Gefangene ihrer Angst und gefährlicher Konfliktherde. Kaito hatte in gewisser Weise recht: Hier war längst nicht alles so friedlich wie es schien – und das lag beim besten Willen nicht nur an diesen ominösen Zwillingen. Sobald die Han'yō hier in Verruf gerieten oder gar die geringsten Ängste der Bevölkerung bestätigten, würde die Stimmung gefährlich ins Wanken geraten.
„Er wird bald hier sein“, versprach Rin schließlich sanft und betrachtete ihn nachdenklich. „Ich verstehe, dass du dich hier nicht wohl fühlen kannst. Es ging mir am Anfang genauso. Menschen sind bedauernswerte Wesen, die sich von niederen Gefühlen wie Angst und Gier leiten lassen und in Extremfällen ihre körperlichen Schwächen durch List und andere unangenehme Dinge kaschieren. Das wird auch immer so bleiben, aber man kann zur Not mit ihnen Leben.“
Ein wenig erstaunt wandte er sich zu ihr zurück und versuchte den Anflug eines Lächelns in ihrem Ausdruck zu erkennen, der sie sonst umgarnte wie eine Motte das Licht, aber da war nichts. Nur finstere Gedanken, die sich auf ihrer Miene niederschlugen.
„Du bist ein Mensch“, warf er schließlich ein, als sie lange nichts sagte.
Rin musterte ihn einen Moment, als müsse sie überlegen, wie sie diese Tatsache nun behandeln sollte, dann seufzte sie gedehnt. „Meine Eltern hatten nie wertvollen Besitz. Ein einfaches Haus in einem Dorf, weit entfernt von hier. Ein eigenes Feld und einen Ochsen. Wir hatten immer genug zum Essen, aber nichts von Wert. Die Banditen, die unser Haus niederbrannten, meine fliehenden Eltern in Stücke hackten und das halbe Dorf verwüsteten, werden bei uns nichts gefunden haben, aber vermutlich ging es ihnen auch gar nicht darum. Mein Vater hat meine Brüder und mich aus dem Fenster geworfen. Wir sollten uns im Wald in Sicherheit bringen. Meinen kleinen Bruder haben sie gleich nach wenigen Metern mit einem Pfeil niedergestreckt und während ich winzig genug war, mich im Wald unter einer Wurzel zu verstecken, haben sie auch den Ältesten erwischt und hinter ihren Pferden hergeschleift, bis er nicht mehr geschrien hat. Glaub mir, ich kenne die Abgründe menschlicher Natur. Töten als Zeitvertreib, es im nächsten Moment widerrufen. Yōkai sind grausam, manchmal herzlos, gefährlich und tödlich, aber sie machen keinen Hehl daraus. Auch unter euch gibt es Intrigen, Hass und Missgunst, das weißt du vermutlich am Besten, aber es behauptet zumindest kein Dämon, dass der gelebte Ausdruck seiner Gattung Richtlinie für korrektes Miteinander sein sollte. Um die Wahrheit zu sagen: Menschen machen mir Angst. Bis heute. Da konnten auch die vielen Jahre hier nichts ändern. Die Menschen hier kenne ich. Sie sind einfache Leute und trotz ihrer Ängste und Sorgen in Ordnung.“ Zum ersten Mal vermied sie es, ihn anzusehen, blickte auf ihre Hände und verschlang sie ineinander, als sie bemerkte, wie sie unkontrolliert ein wenig zitterten. Dann schüttelte sie den Kopf, als könne das vergangene Tage von ihr werfen. „Die Menschen in meinem Heimatdorf haben mich damals aufgenommen. Im Falle eines Waisenkindes, gerade eines Mädchens, bedeutet das, dass ich nicht direkt in den Wald gejagt, sondern im Dorf geduldet wurde, solange ich niemandem zur Last fiel. Alles andere war mir überlassen. Dass ich jahrelang nicht mehr gesprochen habe, war rückblickend nicht gerade zuträglich. Menschen haben eine Schwelle, an der ihr Bemühen und ihr Mitleid ein jähes Ende finden. Die hängt sehr eng mit Geduld zusammen und sobald sich dein bemitleidenswertes Verhalten nicht in der vorgesehenen Zeit ändert, beginnt irgendwann die Ignoranz – oder im schlimmsten Falle die Verachtung für deine Eigenarten.“ Sie schob sich einige Strähnen hinter die Ohren und endlich stahl sich wieder ein Lächeln auf ihre Lippen. „Ich wollte im Wald nach Wurzeln suchen, als ich deinen Vater gefunden habe. Zuerst dachte ich, er sei tot. Überall war Blut, seine Rüstung zerstört, aber er war durchaus lebendig und hat mir beinahe vor Schreck die Seele aus dem Körper getrieben, als er sich plötzlich knurrend aufgesetzt hat. Ich wusste ehrlich gesagt nicht genau, dass er ein Yōkai ist. Natürlich hat mir meine Mutter von Dämonen erzählt und generell waren sie in aller Munde, aber wenn welche ins Dorf kamen, was selten genug der Fall war, waren es eher absonderliche Ratten oder anderes Volk, das nur Menschen lästig werden konnte. In meiner kindlichen Naivität wollte ich ihm helfen und habe tagelang versucht, Wasser und Essen für ihn aufzutreiben, auch wenn er nie etwas davon wollte. Deinen Vater zum Essen zu bekommen ist wirklich eine ermüdende Sache! Er hat nie etwas angerührt und auch wenn er mich mehrmals darauf hingewiesen hat, dass meine Mühen unsinnig seien, wollte ich helfen. Schließlich habe ich es geschafft, mich beim Klauen einiger Fische erwischen zu lassen. Einige Männer des Dorfes waren nicht sonderlich erfreut deswegen, aber na ja, so ist das nun einmal. An dem Tag kamen zum ersten Mal richtige Yōkai auf der Suche nach einem Juwelensplitter in mein Dorf. Ookami. Sie haben ihre Wölfe auf die Dorfbewohner losgelassen. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, außer einer unendlichen, kalten Leere, die angenehmer Wärme wich, als Tenseiga mich vom Tod löste.“
„Du musst mir all diese Dinge nicht erzählen“, hob Minoru nach einer langen Pause an. „Ich weiß, dass er mich erwürgen wird, wenn ich dir auch nur ein Haar krümme. Es ist aber gut zu wissen, dass wir uns einig sind: Das hier ist kein Ort von Friede und Freundlichkeit, auch wenn du den Menschen hier mehr traust als anderen. Wir sollten nicht länger bleiben als nötig und nicht mehr Ärger provozieren als unbedingt erforderlich. Das könnte in einer unschönen Zwickmühle enden.“
„Hast du Angst vor den Menschen?“, fragte Rin sanft.
Minoru knurrte leise vor sich hin und schüttelte den Kopf. „Es sind viele, aber ich denke, ich würde mit ihnen zur Not fertig, wenn ich keine Rücksicht nehmen müsste. Aber diese Gruppe um Inuyasha stünde im Ernstfall auf der Seite der Schwachen. Gleich dem Grund, der den Kampf entfacht hat, wäre ich am Ende in der Schuld.“
„Das siehst du falsch“, protestierte sie vorsichtig und runzelte die Stirn. „Sie sind nicht ungerecht.“
„Er kann mich nicht leiden“, konstatierte Minoru kühl. „Und ich ihn auch nicht.“
„Kaito ist manchmal ein wenig schwierig, aber im Grunde eine ganz wunderbare Person. Er würde nie-“
„Ich spreche von seinem Vater.“
Nun bekam sie große Augen: „Du bist mit Inuyasha aneinander geraten? Jetzt schon?“
„Glaub nicht, dass ich ihm einen Grund gegeben hätte. Dazu kam ich nicht einmal“, Minoru betrachtete angesäuert die Oberfläche seines Tees, der wie ein winziger See in seiner Holzschale ruhte. Dieses Menschendorf und seine Bewohner gingen ihm gehörig gegen den Strich.
„Hat er dich etwa angerührt?“, fragte Rin in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und aufkeimender Aggression, dass Minoru sich zum ersten Mal darüber wunderte, was sie nun eigentlich in ihm sah.
„Lediglich gedroht. Wir müssen nicht weiter darüber reden. Wie es scheint wollen wir beide nicht unbedingt hier sein, auch wenn ich das bei dir erwartet hatte.“
„Ich hatte mich darauf gefreut, für ein paar Tage hier zu sein, um nach dem Baby zu sehen und alte Freunde zu treffen, aber ich hatte mir alles ein wenig anders vorgestellt. Einfacher und weniger aufgeladen. Unter anderen Umständen wären wir auch sicher anders aufgenommen worden.“
Minoru lachte heiser auf, was sie erschrocken zusammenzucken ließ. „Du meinst, wir wären anders aufgenommen worden, wenn Vater ihnen im Nacken gestanden hätte?“ Ein böses Lächeln schlich sich auf seine schmalen Lippen. „Ja, ich bin mir sicher, Inuyasha wäre nicht auf die Idee gekommen, mir zu drohen oder beiläufig über ihn herzuziehen. Wenn Angst sie freundlicher macht, kann mir ihre Freundlichkeit gestohlen bleiben. Ich bin falsches Gehabe und Feigheit leid.“
„Junger Herr....“
Minoru schnippste den Flohgeist hart von seiner Schulter, der wegen des aufflammenden Yōkis seines jungen Schützlings versuchen wollte, wohlwollend auf ihn einzureden. Der Alte hatte Nerven sich noch zu Wort zu melden!
Rin fing Myōga aus der Luft auf und bettete den bewusstlosen Yōkai sacht in ihren Handflächen. Es wurde eindeutig Zeit, dass Sesshōmaru zu ihnen zurückkehrte. Minoru war bisher ruhig geblieben und hatte alles duldsam über sich ergehen lassen, aber wie lange würde er den Zustand toleranter Ignoranz noch aufrecht erhalten können? Vermutlich musste sie von Glück sprechen, dass er der Erhaltung seines Ansehens allein aufgrund seiner Natur noch nicht viel Wert beimaß.
„Ich würde heute gern ein Stück außerhalb des Dorfes einige Freunde besuchen“, meinte sie schließlich vorsichtig und erhob sich, um mit einer freien Hand einige Reiskörner von ihrem Kimono zu sammeln. „Wäre es frech, dich zu bitten, mich zu begleiten?“
Minoru knurrte angesäuert und betrachtete sie von Kopf bis Fuß, als helfe ihm das in irgendeiner Form bei seiner Entscheidung. Hatten sie nicht gerade noch festgestellt, dass sie von den Menschen hier nicht viel zu erwarten hatten? Andererseits hatte er nicht die größte Auswahl: Außerhalb des Dorfes lauerte immer noch die Gefahr, auf andere Dämonen zu treffen, und auch wenn er ihr keinen besonders effizienten Schutz bieten konnte so war er doch in der Lage, prekäre Situationen früher zu wittern und damit eher zu meiden. Zudem brauchte er dringend ein wenig Freiraum.
„Ich werde kein Wort mit irgendjemandem wechseln“, stellte er ernst fest, während er das Band aus seinen Haaren zog, das die Beleidigung einer Frisur mit Mühe an Ort und Stelle zu halten suchte, und den langen Zopf mit einer Kralle entwirrte.
„Das ist auch nicht nötig.“  Rin lächelte zufrieden und klopfte sich ein wenig Staub von den Ärmeln, der sich in dieser alten Hütte gesammelt hatte. Dann schlüpfte sie in ihre Getas und machte sich auf den Weg, bevor er doch noch auf die Idee kam, den nächsten Tag in diesen vier Wänden zu vergeuden.
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