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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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13.05.2016 6.370
 
Was bisher geschah ...
Minoru, Kaito und Honoka fliehen erfolglos vor den Angreifern, die sich zum Entsetzen aller als Drachen entpuppen. An einem See werden sie von den Echsen gestellt und es kommt zu einem ungleichen Kampf, dem schließlich erst Inuyasha zu einem glimpflichen Ende verhelfen kann.
Während die Kinder mit Sango und Miroku ins Dorf gehen, macht sich Inuyasha auf den Weg, den Verbleib seines Halbbruders zu prüfen.

҉
Die Pfade erstreckten sich wieder in dichten, aufblühenden Wäldern hügeliger Landschaft. Minoru hatte sich der kleinen Prozession in einigem Abstand angeschlossen und war recht froh, dass der Weg der beiden Menschen bald wieder denjenigen kreuzte, den er sich mit Hilfe der Karten zurechtgelegt hatte. Ein erneuter Streit mit seinem Vater war nichts, das er provozieren wollte, indem er gegen eine einfache Anweisung verstieß und den abgesprochenen Weg verließ. Dieser See bereitete ihm jedoch weiterhin Kopfzerbrechen. Da er eine Illusion bereits mit Sicherheit ausgeschlossen hatte, blieb nichts weiter als das erniedrigende Eingeständnis der Realität dieses riesigen, unüberwindbaren Hindernisses, das weder die Karten noch seine Erinnerungen verzeichnet hatten. Dieser Fehler hätte sie leicht ins Grab bringen können. Sein Fehler. Unzufrieden schob er die Hände tiefer in die ausfallenden, verschlammten Ärmel. Wie konnte man kleine Aufgaben nur so unverhohlen tief in den Sand setzen? Zumindest konnte niemand ihm die Schuld am Erscheinen dieser Drachen geben. Allein bei dem Gedanken an diese stinkenden Ungeheuer breitete sich ein beklemmendes Gefühl in seiner Brust aus. Honoka hatte recht behalten: Drachen waren in diesen Gegenden ausgestorben und darüber offensichtlich nicht sehr erfreut. Wie aber kamen letzten Endes verweste Leichen zurück ins Diesseits?
Raureif lag noch auf dem Gras und während die Vögel schon eine Weile beschäftigt waren, ihre Reviere vehement und gleichermaßen mit Geschrei und Gekreisch zu verteidigen, lag über der Gruppe eine unangenehme Stille.
Minoru war diese Ruhe nur recht. Er trug keine Schuld an dem Ausreißen der Geschwister und hoffte lediglich, dass er am Rande des Dorfes eine sichere Schlafstelle aufstöbern könnte, um auf Rin und seinen Vater zu warten. Kaito sprach seit dem Zusammentreffen mit seinen Bekannten noch weniger als zuvor. Er hatte seinem Vetter das zerbrochene Katana wortlos zurückgegeben und auch dann kein Wort gesagt, als Minoru sich für die Rettung aus Tetsusaigas Reichweite bedankt hatte. Das Einzige, das Kaito ihm noch entgegenbrachte, waren vernichtende Blicke, deren Begründung Minoru längst egal geworden waren. Wie sinnlos sich Höflichkeit doch jedes Mal erneut darstellte, wenn er doch auf sie zurückgriff. Er hätte sich bei Kaito nicht bedanken müssen. Immerhin hatte er diesem undankbaren Idioten nur wenige Sekunden vorher selbst den Hals gerettet, als er mit bloßen Klauen den Großteil seiner Haare abgeschlagen hatte, um den Han'yō vor dem zahnbewehrten Maul des Drachen zu lösen. Dass er dabei die wütend züngelnde Echse gleich von einem Stück ihrer Zunge hatte trennen können, war eher Glück als Absicht gewesen, aber man nahm eben mit, was man kriegen konnte und so hatte er diesem übellaunigen Biest zumindest ein wenig zusetzen können. Kaito hatte den Verlust seines nachtschwarzen Haares noch nicht wirklich wahrgenommen – und Minoru war auch nicht sonderlich scharf darauf, dass er diese Veränderung in seiner unmittelbaren Nähe entdeckte. Ein unbestimmtes Gefühl teilte ihm mit, dass sein Vetter dies sehr wahrscheinlich nicht als Kollateralschaden betrachten würde – was langsam eindeutig die Frage aufwarf, ob Menschenblut verblödende Auswirkungen hatte.
Der hohe Aussichtsturm des zentral gelegenen Dorfes der Ebene reckte sich weithin sichtbar in das fahle Morgenlicht. Dutzende geflutete Felder, getrennt durch schmale und trockene Fußwege, dominierten die Landschaft und sowohl an den bewaldeten Hängen der Berge als auch vereinzelt in der eher kahlen Umgebung des Dorfes waren Ansammlungen hölzerner Hütten zu erkennen.
Unter den Menschen herrschte bereits reges Treiben und das Vieh schrie lauthals um Futter, Pflege und Aufmerksamkeit. Während den Geschwistern das Herz aufging, drehte sich Minoru der Magen um. Der Geruch nach Mensch hing so schwer und allgegenwärtig in der Luft, dass er ihn sogar durch den Restgestank der Drachen noch vereinzelt wahrnehmen konnte, der wie zäher Honig hartnäckig an ihnen haftete. Er würde dieses leidliche Anhängsel aus Gestank und Dreck loswerden müssen - und das bald.
Die Gruppe hatte das zentrale Dorf und die weiten Reisfelder bald hinter sich gelassen. Das Gelände stieg allmählich wieder an und sanfte, offen bewaldete Hügel wogten wie Wellen über das Land. Bereits bevor sie eine der Kuppen überquert hatten und im nächsten, kleinen Tal die ersten Dächer der Hütten in Sicht gekommen waren, konnte Minoru an Honokas Aufregung und Kaitos trüber Stimmung ablesen, dass sie beinahe am Ziel angekommen waren. Die beschaulichen Häuser standen einzeln über die kleine Senke verteilt zwischen frisch umgegrabenen Feldern, die den Geruch von feuchter Erde verbreiteten. Ein Fluss schlängelte sich künstlich begradigt heran und wurde von mehreren, befestigten Wegen überspannt. Minoru verlangsamte unbewusst seine Schritte. Der Geruch von Mensch war hier nicht so deutlich wie in der Nähe der anderen Siedlung, aber in die Senke zu gehen, fühlte sich an wie in einen Hexenkessel hinabzusteigen. Die Stadt, die er vor einigen Monaten zur Informationsbeschaffung betreten hatte, war um Längen größer und dichter besiedelt als dieses Dorf, aber damals hatte ihm niemand auch nur einen Funken Beachtung geschenkt. Die Menschen hatten selten etwas für Streuner übrig. Aber das war nicht alles. Etwas an diesem Ort bereitete ihm zusätzlich Unbehagen und als er den Blick hob, wurde Minoru auch mit einem Schlag bewusst, was hier ganz und gar nicht stimmte. Der Mönch und die Dämonenjägerin hielten zusehend auf einige Häuser am Ende eines bewaldeten Hügels zu, auf dem eine mit Lampen gesäumte, steile und sehr lange Treppe geradewegs auf eine Anhöhe hinaufführte, auf deren Plateau ein Schrein errichtet worden war. Als Minoru in der Ferne das Torii auf dem Treppenabsatz bemerkte, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Das Tor, das den Übergang von irdischer Welt zu heiligem Boden kennzeichnete, leuchtete in der aufgehenden Sonne mit seinem roten Lack wie ein erhabenes Mahnmal über der Menschensiedlung. Minoru stellte sich jedes Haar auf, das in dieser humanen Form dazu in der Lage war. Er hielt inne. Das war doch nicht ihr ernst!
Mönche und Taijiya allein wirkten auf einen jungen Yōkai bereits hinreichend bedrohlich; eine zusätzliche Annäherung an einen Schrein jedoch überschritt jedes Maß von Vernunft. In der Nähe eines Schreines waren Priester nie weit und wenn er eines gelernt hatte, dann dass er sich von diesen besser fernhalten sollte. Priester ließen sich selten täuschen, erkannten einen Dämon selbst in Tierform mit erschreckender Genauigkeit und zögerten in den wenigsten Fällen, zum vermeintlichen Schutz ihres Dorfes zum Angriff überzugehen. Er selbst hatte bisher glücklicherweise wenig unmittelbare Erfahrung mit dieser Menschengattung gemacht und war auch des Weiteren nicht besonders erpicht darauf.
Der Fürst hätte ihn sicher nicht in die Nähe des Dorfes geschickt, wenn er es nicht für sicher gehalten hätte, doch dieser Ort kam Minoru bedrohlicher vor als jeder Wald. Überall in der Umgebung waren Menschen. Wie in einem angeschlagenen Bienenstock surrten sie zwischen ihren Häusern umher, klapperten mit Gerätschaften und erfüllten die Luft mit ihren ungleichmäßigen, hastigen Herzschlägen. Er sah den anderen wenig überzeugt nach. Die Geschwister legten ein völlig konträres Verhalten an den Tag und eine leise Stimme in seinem Innern flüsterte Minoru, dass er keine großen Ambitionen hatte, sie beim Zusammentreffen mit ihrer restlichen Familie zu begleiten.
Aber die Anweisungen des Fürsten nach eigenen Vorlieben zu biegen, um diesem Ort zu entkommen und in einem nahegelegenen Wald auf ihn zu warten, würde Minoru sicher nicht wagen. Nicht nachdem er erst vor wenigen Tagen Einsicht beteuert und versprochen hatte, keinen Ärger mehr zu bereiten. Natürlich hätte er die Anweisung, den Weg nicht zu verlassen, dahingehend auslegen können, dass der Weg am Dorf endete, aber wollte er diese Erklärung wirklich gegenüber seinem Vater vorbringen, der immer noch nicht zu ihnen aufgeschlossen hatte? So schlimm konnte ein Dorf voller Dämonenjäger eigentlich gar nicht sein – und der Fürst hätte ihn ohnehin nicht in dieses Pulverfass geschickt, wenn er es nicht für sicher befunden hätte. Wenn er jetzt zögerte und all seine neuerlichen Gedanken in den Wind schoss, verlor er seine Glaubwürdigkeit und das würde für das zukünftige Miteinander Fatales bedeuten. Es half also nichts.

Honoka ging verschwiegen neben ihrem Bruder, der mittlerweile einen Arm um ihre Hüfte geschlungen hatte, um seine übermüdete Schwester zu stützen. Diese untoten Würmer hatten sie vor der Abendruhe gestört und Honoka war es nicht gewohnt, mitten in der Nacht für Hochleistungen aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Je näher sie dem kleinen Holzhaus am Fuße des Hügels kamen, desto schwerer legte sich Kaitos schlechtes Gewissen über seinen Geist. Er hatte es seinen Eltern in der letzten Zeit nicht leicht gemacht, hatte oftmals versucht seinen Kopf mit aller Macht durchzusetzen und war im Umgang mit provozierenden Fremden so unberechenbar, dass seine Mutter den Moment gefürchtet hatte, in dem er eine gewisse Linie überschritt und jemandem ernsthaft und nachhaltig schadete. Doch diese Dinge bedeuteten nichts im Vergleich zu über zwei Wochen voller Angst, Sorge und Suche. Zwei Wochen, in denen sie mit Sicherheit die Geburt ihres Geschwisterkindes versäumt und ihrer Mutter in den schweren Stunden unnötig Kummer bereitet hatten. Er fühlte sich elend und leer.
Miroku und Sango hatten die ganze Zeit über kein Wort gesagt. Auch sie schienen müde und es war Kaito nur recht, dass sie keine Anstalten machten, ihr Verschwinden zu bewerten. Sicher, sie hatten ihrem Vater geholfen sie zu finden und ohne die unerwartete Hilfe, hätte dieser Sonnenaufgang deutlich schwärzer ausgesehen, aber er wusste, dass es sich hinreichend schwer gestalten würde, den Mund zu halten, wenn gerade die Eltern der Zwillinge nun kritisch das Wort an sie wandten.
Noch bevor sie das Haus erreichten, das sie nach dem Tod der alten Priesterin Kaede vor gut einem Jahr bezogen hatten, kam Bewegung in die vier Wände. Kaito spürte die Aufregung, die sich unter dem Dach zusammenballte und etwas in ihm verkrampfte schmerzhaft. Honokas Reue schien hingegen von erwartungsvoller Vorfreude erstickt. Sie machte sich beinahe beflügelt von ihrem Bruder los und geriet ins Laufen, als die Tür zum Haus nur leise klapperte. Kaito hingegen kam ein Herzschlag abhanden, als er seine Mutter in der Tür stehen sah. Sie wirkte um Jahre gealtert, erschöpft und aufgebraucht. Als Kagome ihre ausgerissenen Kinder sah, erhellte sich ihr Ausdruck jedoch mit einem Mal zu früherer Leichtigkeit. Sie fing Honoka mit offenen Armen auf, die sie unversehens damit zu Boden zog und drückte ihre Tochter fest an sich.
Kaito war wie angewurzelt stehen geblieben und brachte keinen weiteren Schritt über sich. Im Angesicht des leichten Gemütes seiner Schwester wog seines so schwer als ruhe alle Last und Schuld allein auf seinen Schultern. Wie in Trance verfolgte er die erleichterte Begrüßung zwischen den beiden und nahm kaum wahr, dass Kagome irgendwann direkt auf ihn zukam.
„Kaito.“
Ihre forschen, braunen Augen fixierten ihn und er wich dem Blick flüchtig zur Seite aus. Auch als sie vor ihm stehen blieb, konnte er seiner Mutter kaum ins Gesicht sehen.
„Wir wollten das nicht“, brachte er irgendwie zusammenhanglos hervor. Kagome seufzte tief, legte ihm eine Hand auf den Rücken und zog mit der anderen seinen Kopf zu ihrer Schulter herab. Das Kind war einfach zu groß geworden in den letzten Jahren.
Dann gab sie ihn wortlos wieder frei, jedoch nicht ohne eine Hand an seine Wange zu legen und ihn aufmunternd anzulächeln. Ihre Fingerspitzen strichen über einige seiner verschlammten Strähnen und ließen die angetrocknete Erde herabrieseln. „So verdreckt seid ihr mir noch nie nach Hause gekommen“, merkte sie leise, aber doch eher nachdenklich an. „Ihr solltet baden, bevor ich euch ins Haus lasse. Eine warme Mahlzeit würde euch sicher auch gut tun, bevor ihr euch ausruht. Wir reden später über alles. In Ruhe.“
„Danke“, gab Kaito kleinlaut zurück, aber sie winkte mit wedelnder Hand ab als versuche sie eine lästige Fliege zu verscheuchen. Es hatte eine Zeit in den letzten Wochen gegeben, in der sie wütend gewesen war. Stocksauer auf ihre scheinbar ohne ersichtlichen Grund entflohenen Kinder. Aber diese war längst von Ängsten überschattet worden und nun war sie lediglich froh, ihre beiden Großen augenscheinlich unversehrt wieder unter ihrem Dach zu wissen. Mit jedem Tag der verging, wurde die Ruhe ihrer eigenen Mutter Kagome zu einem wahren Rätsel. Wie hatte die Frau nur all die Jahre überstanden, in denen ihre Tochter teils wochenlange Reisen durch ein von Dämonen überranntes Mittelalter unternommen hatte, während Kagome selbst die beängstigenden Gedanken nicht einmal dann vertreiben konnte, wenn sie sich in Erinnerung rief, dass es sich bei ihren Kindern nicht um wehrlose Menschen handelte? Gern hätte sie sich mit ihrer Mutter über diese Dinge unterhalten, ihr ihre Enkelkinder vorgestellt und von all den Dingen erzählt, die in den vielen Jahren geschehen waren. Aber der Brunnen blieb still, hielt die Pforte zu ihrer Zeit verschlossen und die bittere Wahrheit war, dass sie nicht einmal wusste, ob ihre Mutter überhaupt noch lebte. Aber sie hatte sich für dieses Leben entschieden, für Inuyasha, all die Beschwerden dieser mittelalterlichen Welt und bereute diese Entscheidung nicht einen Moment. Dennoch war es manchmal schwer an ihre Familie zurückzudenken. Nicht nur an ihre Mutter, sondern auch an ihren sicher nicht mehr kleinen Bruder Sōta und Großvater, bei dem sie mit den Jahren immer öfter bereut hatte, sein verschrobenes Interesse für uralte Artefakte nicht zumindest ein wenig geteilt zu haben – ihm zuliebe.
In solchen Nächten, in denen sie darüber wach lag, verdammte sie manchmal die feinen Sinne eines Halbdämonen. Inuyasha bemerkte meist sofort, dass etwas mit ihr nicht stimmte und wachte teilweise allein aus diesem Grund auf. Früher hätte er sich keinen Deut darum geschert, wie es ihr ging oder es zumindest nicht gezeigt – heute sah das anders aus. Die ersten Male hatte er noch ergründen wollen, was ihr fehlte, aber über ihr Schweigen diese Fragen aufgegeben und sie lediglich in seine Arme gezogen. Er war nicht gut darin, Dinge zu besprechen. Doch Kagome wollte ohnehin nicht mit ihm über diese Angelegenheiten reden. Es schien ungerecht, wenn sie über die Trennung zu ihrer Familie klagte, war er es doch, der seine Mutter früh verloren und seinen Vater niemals gesehen hatte.
Kagome sah Kaito noch einen Moment nach, während er sich auf den Weg zum Waschzuber auf dem Hinterhof machte und stockte einen Moment. Sein Haar war deutlich kürzer als zuvor und noch dazu sehr unordentlich abgeschnitten worden. Wohl wissend, dass man einen jungen Mann in seinem Alter besser nicht auf die neusten, vielleicht sogar unfreiwilligen Veränderungen aufmerksam machte, hielt sie den Mund und wandte sich mit wiedererwachtem Unmut an Sango und Miroku.
„Wo ist er?“, verlangte sie scharf zu wissen und sah Miroku an als trage er allein die Schuld an Inuyashas Abwesenheit.
Der Mönch schrumpfte sichtlich zusammen. Kagome war in letzter Zeit nicht unbedingt für ihre Milde bekannt, auch wenn sie gegenüber ihren Kindern vor lauter Erleichterung bisher sehr nachsichtig gewesen war.
„Die Kinder waren von zwei Drachen eingekesselt, als wir sie fanden. Nicht der Rede wert, aber es muss mehr von ihnen gegeben haben. Sesshōmaru und Rin haben die Kinder vorgeschickt, um sich um den Rest zu kümmern und hatten immer noch nicht zu ihnen aufgeschlossen, als wir eintrafen“, antwortete Sango anstelle ihres Mannes und versuchte möglichst beruhigend zu klingen – sofern das in Anbetracht von zwei ausgewachsenen Drachen möglich war –, während sie damit fortfuhr, dass Inuyasha nur nach dem Rechten sehen wolle. Es gab bessere Nachrichten, wenn man gerade aus dem Kindbett kam. Das kannte sie nur zur Genüge. Kagome wurde trotz aller Bemühungen ein wenig blasser und sah ihre Freunde einen Moment schweigend an.
„Drachen sind 'nicht der Rede wert'?“, fragte sie nach einer Weile als wolle Sango sie für dumm verkaufen.
„Es war nicht gerade Ryūkotsusei persönlich. Zwei ganz kleine Lichter. Inuyasha wird sicher bald zurück sein“, versicherte Miroku. „Mach dir keine Gedanken.“
Kagome besann sich auf ihre vernünftige Ader und versuchte sich zum ungezählten Male einzureden, dass Inuyasha niemand war, um den man sich sorgen musste – auch wenn die Geschichte sie anderes gelehrt hatte. Dass er sich jedoch offen um den Verbleib seines Halbbruders scherte, verwirrte sie ein wenig. Zwar war es keine grundsätzliche Änderung in seinem Verhalten, da er auch zuvor schon helfende Ansätze gezeigt hatte, wenn rar gesäte Situationen diese erlaubten, aber niemals hatte er so klar erkennbar durchscheinen lassen, dass sein Bruder ihm nicht egal war.
„Sesshōmaru in Schwierigkeiten?“, sie klang sehr ungläubig und auch Sango zuckte ein wenig ratlos mit den Schultern. „Wie wahrscheinlich ist das?“
„Nicht sehr“, gestand Miroku leise. „Aber wir wissen nicht, was sie wirklich aufhält. Nur dass er es für sinnvoll gehalten hat, die Kinder vorzuschicken und bisher nicht da ist. Spekulationen führen zu nichts. Es ist mir ohnehin ein Rätsel, warum er das für euch getan hat. Es sieht ihm nicht ähnlich, sich um andere zu kümmern.“
„Vielleicht weiß er, wie es euch ergangen ist, als die beiden fort waren, nachdem er jetzt selbst ein Kind hat“, schlug Sango vor. „Vielleicht war es Mitgefühl.“
Ein ernstzunehmendes Schweigen legte sich über die drei Freunde. Sie sahen sich der Reihe nach nachdenklich an, dann entfuhr ihnen ein synchrones, zutiefst resigniertes Seufzen.
„Vermutlich wollte er sie einfach loswerden“, entschied Kagome desillusioniert. Es gab viele Wunder, die die abwegigsten Dinge in den Bereich des Möglichen rückten. Miroku und Sango waren ein harmonisches Ehepaar, Inuyasha ein durchaus verantwortungsvoller Vater und Partner, ja, selbst Shippō war irgendwann ein wenig ernster geworden. Aber einen einfühlsamen, mitleidserfüllten Sesshōmaru konnte selbst ein extraorbitantes Wunder nicht bewerkstelligen.
Seit Myōga von diesem Jungen berichtet hatte, versuchte Kagome sich eine Beziehung zwischen dem distanzierten Inu no Taishō und einer Frau vorzustellen, die über Schweigen und arktische Kälte hinaus ging, aber jedes Mal, wenn in dieses Bild eine geschlossene Zimmertür involviert war, wurde sie von einer Welle Schüttelfrost gepackt und das Gedankenspiel brach in sich zusammen wie ein Kartenhaus im eisigen Sturm – und dennoch war das Kind hier. Der fast magere Junge mit der schwelenden Aura war ihr gleich beim Verlassen des Hauses aufgefallen, hielt sich aber bewusst in einigem Abstand zu der Gruppe und hatte bislang weder ein Wort gesagt noch einen einzigen Schritt getan. Kleidung und Haar des Inu waren ebenso verschlammt wie ihre eigenen Kinder, sein Ausdruck erschöpft und angeschlagen. Auch er war also mit diesen ominösen Drachen aneinander geraten, was das flaue Gefühl in ihrem Magen nur verstärkte. Sesshōmaru war sicherlich durchaus in der Lage die Fähigkeiten seines Sohnes einzuschätzen. Er war stets an Rins Seite gewesen, wenn ihr Schwierigkeiten gedroht hatten – warum also waren die Kinder so in die Bredouille geraten?
Sein Junge gab ein sonderbares Bild ab. Kagome hatte noch nie einen jungen Hundedämonen gesehen, geschweige denn einen, der Sesshōmaru so ähnlich sah und allein durch diesen Dreck nicht weiter von ihm hätte entfernt sein können. Auch hier stimmte irgendetwas nicht.
„Guten Morgen“, grüßte sie ihn freundlich und war schon beinahe erstaunt, dass sie ein knappes Nicken zur Antwort erhielt. „Du musst Minoru sein. Mein Name ist Kagome.“
Seine Miene blieb ausdruckslos, die Hände tief in die ausfallenden Ärmel geschoben musterte er sie mit geradem Rücken. Aber er fühlte sich hier eindeutig nicht wohl. Kagome war versucht, ihm warmherzig zu erklären, dass niemand hier ihm schaden wolle und er sich nicht fürchten müsse, konnte sich aber gerade noch davon abhalten. Das war ein Satz, den man Mitgliedern dieser Familie besser nicht entgegenbrachte, wenn man keine schnippischen, beleidigten oder wahlweise aggressiven Männer erleben wollte. „Du bist hier herzlich willkommen. Auf dem Hinterhof ist ein Waschzuber, am Feuer steht noch heiße Suppe und ein Schlafplatz ist für dich sicherlich auch noch da. Fühl dich wie Zuhause.“
Minoru betrachtete die sonderbare Frau in ihren Männerhosen und versuchte einen bösartigen Unterton aus ihrem Angebot herauszuhören. Vergebens. Sie betrachtete ihn lediglich freundlich, wenn auch bestimmt und schien auf eine Reaktion zu warten.
„Danke“, brachte er schließlich hervor, während ihr Blick sich auf den zerfetzten Stoff an seiner Schulter geheftet hatte, wo die Klaue des Drachen den Kimono zerrissen hatte. „Du bist verletzt.“ Als er nur leise schnaubte, musste sie lächeln, zog die Arme jedoch enger um den Körper und unterdrückte ob der aufkommenden, kühlen Brise ein leichtes Schütteln.
„Du solltest besser ins Warme gehen, Kagome-chan“, meinte Sango gutmütig und betrachtete ihre Freundin mit Sorge. „Wir werden auch Zuhause nach dem Rechten sehen. Dann komme ich nachher vorbei und helfe dir.“
„Ja, vielleicht sollten wir tatsächlich besser rein gehen“, meinte sie leise. „Ich danke euch von Herzen für eure Mühe.“
„Dafür musst du uns nicht danken“, gab Miroku entschieden zurück. „Es ist selbstverständlich. Bist du sicher, dass du zurechtkommst?“ Aus den Augenwinkeln musterte er Minoru für einen Moment. Während des Weges hatte er ihn schlecht einschätzen können.
„Natürlich. Ich bin mit meiner Familie in guter Gesellschaft“, erklärte sie entschieden und lächelte milde, wobei sie auch ihrem Neffen einen kurzen, vielsagenden Blick zuwarf.

Es war unehrenhaft, jenseits jeder Vernunft und an Fatalität kaum zu übertreffen. Alles war erfüllt von Blut, Verwesung und Fleisch. Drachen in der Luft, Drachen am Boden und dazwischen Panther – überall und nirgends. Hatte man einen Drachen niedergestreckt, kam der nächste, fuhr mit ohrenbetäubendem Lärm zwischen die Inu und verbreitete einen Geruch von Pestilenz, Seuche und Grabsekreten. Es war unausstehlich. Er roch schon lange nicht einmal mehr sein eigenes Blut, das dickflüssig den provisorischen Leinenverband an seinem zerrissenen Unterarm durchtränkte. Er ließ einen kurzen, prüfenden Blick über das Schlachtfeld wandern, das sich wegen der gigantischen Drachen in eine unvorteilhafte Breite gezogen hatte. Seine Truppen waren zerstreut und auch wenn die Drachen für sie händelbare Gegner darstellten, forderten diese Echsen doch eine vernichtende Menge an Aufmerksamkeit ein, die sie lieber ihren eigentlichen Gegner, den Panthern, hätten zukommen lassen. Akio schlug sich einen Weg in die rechte Flanke und setzte, unter Begleitung eines Pfeilregens seiner Leute, einen weiteren Drachen außer Gefecht. Insgesamt trieben nicht viel mehr als zehn dieser gewaltigen Reptilien auf dem Schlachtfeld ihr Unwesen, aber es konnten jederzeit mehr werden und wenn sie stets einen Weg fanden, nach wenigen Minuten in die Welt der Lebenden zurückzukehren, würden diese nach Tod stinkenden Kreaturen die Schlacht bis zur Weltendämmerung hinausziehen
Knurrend zog er den Yari aus einem verendeten Kater und fletschte in Anbetracht eines nachtblauen Drachen, der sich direkt vor ihm von den Toten erhob, unter der dunkelgrünen Tonmaske die Zähne. Wie oft er dieses Biest schon erschlagen hatte! Vier oder fünf Tode war es nun mit Sicherheit gestorben, und ein ums andere Mal setzte es sich wieder zusammen, als puzzelten die Diener der Unterwelt es persönlich wieder zurecht. Wütend flammte sein Yōki auf, ließ den hölzernen Schaft des Yari im Kern splittern und trennte gerade noch den Kopf der Echse ab, als die Waffe endgültig barst und sich in Einzelteilen über dem nun wieder toten Körper des Drachen verteilte, während bereits das nächste Reptil aus dem Himmel auf ihn hinabstieß. Ryouichi sprang zur Seite, duckte sich unter den Klauen weg und versuchte Abstand zwischen sich und den neuen Gegner zu bringen, der über ihm aufragte als wolle er dem Hauptturm des Honmaru erblassen lassen.
„Mein kleiner Hund!“, tönte die Maske auf der Stirn des sandfarbenen Monsters. „Wie erfreulich, dich so unbeschadet wiederzusehen.“
Ryouichi konnte beinahe spüren, wie ihm das Blut in den Adern gefror und das klare Denken ein jähes Ende fand. Der Drache lachte rauh, peitschte schadenfroh mit dem Schwanz umher und schlug damit einen seiner deutlich kleineren Artgenossen ungerührt in die nächste Felswand.
Metallisches Klirren, ersterbendes Schreien und kriegerische Rufe hallten von weit her, als der Chūyō benommen den Griff seiner zittrigen Hände um seine nachtschwarze Klinge verstärkte, die an seiner Hüfte ruhte.
„Angst.“ Der Drache brummte zufrieden. „Dein Gedächtnis ist doch nicht so kurz wie befürchtet.“
Er züngelte genüsslich, dann näherte er sich mit dem gewaltigen Maul und zerquetschte beiläufig einen Panther unter seinen scharfen Klauen, der sich ebenso auf Ryouichi hatte stürzen wollen. Mit einer mächtigen, beinahe schlängelnden Bewegung zog der Drache mit seinem langen Körper eine Barriere zwischen den Generalleutnant und die Front des Schlachtfeldes, schnaubte ihm mit einem einzigen, tiefen Atemzug die Maske vom Kopf und zog seinen Kreis weiter, bis er den Inuyōkai beinahe vollständig abgeschottet hatte und ihn ausgiebig betrachten konnte. Der Gestank, der aus den offenen Wunden des Reptils trat, war unerträglich und allgegenwärtig, aber er erreichte Ryouichi nicht mehr.
„Sie haben dich zurückgeholt“, säuselte der Drache in einem erschreckend zufriedenen Ton. „Deine Beziehungen müssen so tiefgehend und abnormal gewesen sein, wie deine widerliche Art angenommen hat. Wie grausam von ihnen. Sag, wärest du nicht lieber wieder tot als ihn in so unerreichbarer Nähe zu wissen?“ Er lachte heiser. „Das Unglück in den Augen. Du warst schon immer erbärmlich, Daisuke-chan.“ Das Monstrum eines Drachen wollte gerade zufrieden nach seiner erstarrten Beute züngeln, als es brüllend herumfuhr und mit dem Schwanz versuchte, seinen Nacken von diesem widerlichen Stechen zu befreien, das sich kalt und scharf in seinen Körper bohrte. „Chūyō!“, Setsuko riss den Speer zwischen den feinen Schuppen hervor, wich dem Schwanz aus, mit dem sich der Sandfarbene selbst einen gefährlich harten Schlag versetzte und trieb die Waffe abermals in ihren Gegner. „Ryouichi!“
Der blinzelte, schüttelte besinnend den Kopf und ging endlich zum Angriff über, riss die Obsidianklinge über den Boden und schlug damit eine todbringende Furche in Untergrund und Drachen. Der wirbelte zu ihm herum, stürzte sich im letzten Aufbegehren mit weit aufgerissenem Maul auf ihn. Ryouichi duckte sich unter dem verzweifelten Angriff weg und stieß die stets scharfe Waffe tief in die Rachenregion. Dann suchte er unter dem ersterbenden Drachen das Weite, bevor er von dem schlaffen Körper zerquetscht wurde und rette sich an einen beruhigteren Punkt weiter hinten in der Schlachtreihe. Setsuko setzte ihm nach, blieb aber in einigem Abstand stehen.
„Was zum Nether tut Ihr da bloß? Sollen Kanae und ich morgen an Eurem Grab stehen?!“ Ihre violetten Augen funkelten zornig, bis sie erschrocken feststellte, dass seine Hände zitterten. Nicht viel, aber doch so deutlich, dass sie es erkennen konnte. Dann besann sie sich, schob Verblüffung und Sorge zur Seite und knurrte wütend. „Eure Probleme sollten hinter Eurer Pflicht zurückstehen. Unser Leben hängt an Euren Entscheidungen!“
Seine schwefelgelben Augen hefteten sich auf sie als habe er sie gerade erst bemerkt – und sie blitzen für einen Moment unter dem Wahnsinn, den sie an ihm so fürchtete.
„Wie war das gerade?“, hob er bedrohlich leise an.
Setsuko tat das einzig vernünftige, verneigte sich tief und schwieg eisern.
Er nahm keinerlei Notiz von ihr, als er geradewegs in den tobenden Kampf zurückmarschierte und abermals, beinahe abwesend, die Klinge über den Boden zog. Das Yōki durchfuhr alles auf seinem Weg, traf einen Drachen quer und schleuderte die Panther in der Nähe seiner Druckwelle mehrere Meter durch die Luft. Die nahestehenden Inu, die die Technik ihres Kommandanten kannten, hatten den Angriff auch trotz der kaum wahrnehmbaren Witterung bemerkt und ihre Gegner in Verwirrung zurückgelassen, als sie sich ohne jede Vorwarnung zurückzogen und damit dem verheerenden Angriff entgingen. Dann stürzten sie sich zurück zwischen Drachen und Panther.
„Übertreib es nicht“, hatte er gesagt. So viele Jahre immer noch nichts verstanden.
Der blutige Pfad, den der Generalleutnant hinterließ, bestärkte alle in der Gewissheit, dass dies bis zum bitteren Ende geführt werden würde – wichen sie, wäre der Weg in den Westen frei und die Panther würden nicht zögern, jeden blutdurchtränkten Meter des Landes zu unterwerfen, wenn niemand sie daran hinderte.
Shisunas sandfarbener Körper wurde von wellenförmigen Regungen gepackt. Augen von Maske und Echsenkopf schimmerten wieder in glänzendem Rot. Ryouichi betrachtete den erwachten Drachen für einen Moment teilnahmslos und schließlich mit einem entrückten Lächeln auf den blassen Lippen, während sich seine Gedanken rastlos in der Ferne umtrieben. Vergib mir.

Minoru hob aufmerksam den Kopf und drehte die Ohren in Richtung des Hinterhofes. Er lag still auf dem steil ansteigenden Hügel hinter dem kleinen Holzhaus, umgeben von frisch knospenden Sträuchern und abendfeuchten Gräsern. Im Haus regte sich das Baby unbehaglich und gab absonderliche Geräusche von sich, während seine Mutter über den Hof schritt, um die trockene Wäsche vor Einbruch der Nacht von der Leine zu nehmen. Auch seine Kleidung hatte er versucht vorsichtig zu reinigen und über die Leine gehangen. Noch waren vereinzelt braune Schlieren an dem Stoff zu erkennen, aber der gröbste Schmutz war bereits beim Eintauchen ins klare Wasser abgelöst worden – ganz im Gegensatz zu den Yukatas der beiden anderen, die Kagome mehrfach hatte waschen müssen. Yūseis Stoffe waren eben auch in dieser Hinsicht herausragend.
Minorus Kopf sank zurück auf die Vorderpfoten. Er war unendlich müde und vermochte es dennoch nicht, in dieser fremden und bedrohlichen Umgebung Ruhe zu finden. Seine Aufmerksamkeit glitt flüchtig über die schlanke, dunkelhaarige Frau. Sie hatte ihm alles offen gestellt und ihn eingeladen, in ihrem Haus zu schlafen und mit ihren Kindern zu essen, aber er wollte die Räumlichkeiten nicht betreten. Kaito und Honoka waren bei Hof zunächst vor den Palasttoren abgewiesen worden und da er ohnehin nicht allzu großen Wert auf einen überdachten Schlafplatz legte, hatte Minoru vermeiden wollen, Kaito unnötig Wasser auf die Mühle zu schaufeln und seine Ruhe unter freiem Himmel gesucht. Einige Meter entfernt, in einem Holunderstrauch, saß Myōga und hatte während der letzten Stunden endlich aufgegeben, ihn zum Sprechen zu verleiten. Wie bereits vermutet stammten die Informationen, die das Dorf erreicht hatten, aus seiner Quelle und auch wenn er offensichtlich gute Gründe vorzuweisen hatte, wollte Minoru ihm doch nicht zuhören oder gar darüber sprechen, bevor er am Ende doch nur die Geduld verlor und dem alten Yōkai Verrat oder ähnlich verwerfliche Handlungen vorwarf.
Kagome legte Honokas violetten Yukata sorgsam zusammen und warf einen prüfenden Blick in Richtung des Hundes. Als er diese Form am Nachmittag vor ihren Augen angenommen hatte, war sie nicht umhin gekommen, ihn fast entsetzt anzustarren. Hatte sie die allgemeine Situation bisher schon für skurril gehalten? Sie hatte nicht einmal geahnt, dass diese Form möglich war! Hieß dass, Sesshōmaru konnte auch so... so harmlos und niedlich aussehen? Das wiederum war nicht skurril – das war unheimlich.
Leise seufzte Kagome in einem fast klagenden Ton und schloss für einen Moment erschöpft die Augen. Sie war überglücklich ihre Kinder sicher zurückzuwissen, aber die Abwesenheit ihres Gefährten brachte sie um eine allumfassende Erleichterung. Die Herumtreiber dösten bereits seit Stunden und holten den verpassten Schlaf der vergangenen Nacht in so allumfassender Stille nach, dass es Kagome beinahe unheimlich vorkam. Lediglich das jüngste Mitglied der Familie schrie hin und wieder in ohrenbetäubender Lautstärke um die Aufmerksamkeit seiner Mutter. Ansonsten ruhte aber auch Yayoi, eingewickelt in mehrere Lagen wärmenden, hellen Stoffes. Beinahe friedlich.
Etwas an dieser ganzen Angelegenheit war allerdings faul. Der alte Flohgeist war vor gut zwei Tagen nach jahrelanger Abwesenheit aus heiterem Himmel erschienen und hatte berichtet, dass Kaito und Honoka am westlichen Hof bei ihrem Onkel aufgetaucht wären – weitestgehend unversehrt. Während ihr tausende Steine vom Herzen gefallen waren, hatte Kagome ihren Mann davon abhalten müssen, etwaige Anschuldigungen darüber zu äußern, dass Sesshōmaru etwas mit dem Verschwinden ihrer Kinder zu schaffen gehabt hatte. Auch Myōga hatte das umgehend dementiert. Sie war jedoch selbst vollkommen perplex gewesen, als der Flohgeist behauptet hatte, ihre Tochter habe gezielt nach dem Sitz der Inuyōkai gesucht. Das ergab einfach keinen Sinn. Honoka hatte sich nie für Yōkai interessiert und war ohnehin nicht das Kind, von dem man kopflose Unternehmungen gewohnt war. Als dann noch die Rede davon war, dass ausgerechnet der Erbe des Westens, Sesshōmarus Sohn, ihren Kindern geholfen haben sollte, sprengte das den Rahmen an akzeptablen Absurditäten. Die Krone hatte Myōga seiner Geschichte schließlich damit aufgesetzt, dass er behauptet hatte, Sesshōmaru selbst eskortiere die Geschwister just in diesem Moment persönlich nach Musashi. Ein weiterer Anstieg der Verwunderung war durch diese Nachricht zwar nicht mehr möglich gewesen, aber sie hatte zumindest Inuyasha dazu bewogen, den Floh als senil und unzurechnungsfähig zu beschimpfen und ihn – Schnipps! – an die nächste Wand zu befördern. Kagome hatte ihm hingegen geglaubt. Das klang zwar alles zu sonderbar, um wahr zu sein, da gab sie Inuyasha durchaus recht, aber wenn das ihr Strohhalm sein sollte, dann würde sie ihn greifen. Wo hätten die Kinder sicherer sein sollen als in Begleitung Sesshōmarus? Sie hatte Myōga mit Fragen überhäuft und er war erleichtert gewesen, dass jemand seiner Nachricht Glauben schenkte; hatte ihr mit bekannter Freigiebigkeit alles erläutert – nur nicht Fragen, die den Jungen betrafen.
Die hatte er indiskret abgeblockt und war sie letztlich sogar übergangen. Das sah ihm gar nicht ähnlich und auch wenn Kagome in dem Moment dafür keinen Sinn gehabt hatte, so war doch zumindest der Rest der Gruppe misstrauisch geworden.
Schlussendlich war Inuyasha einfach aufgebrochen, gefolgt von Miroku und Sango, die ihre eigenen Kinder solange der Obhut ihrer ältesten Töchter überlassen hatten. Kagome hingegen war noch zu erschöpft von der Geburt ihres Kindes, als dass sie eine solche Reise hätte antreten können. Außerdem musste sie sich um die Kleine kümmern und so die Suche nach ihren Großen wohl oder übel anderen überlassen. Myōga war bei ihr geblieben, immer an der Seite der kleinen Yayoi, von der er vollkommen hingerissen schien. Es hatte ein seltsames Bild ergeben: Der alte Floh und das kleine, pausbäckige Mädchen, das friedlich schlafend die Händchen zusammenballte. Es gab friedliche Momente in dieser Welt, auch wenn ein seichter Schatten über ihnen allen lag.
Von Myōga war allerdings seit der Ankunft der Kinder nicht mehr viel zu sehen gewesen. Er war wie selbstverständlich zu Minoru zurückgekehrt, der von dem kleinen Yōkai allerdings keinerlei Notiz zu nehmen schien. Der Inuyōkai hatte sich gesträubt das Haus zu betreten – höflich, aber doch bestimmt. Die angespannte Stimmung zwischen den beiden Jungen war für jeden offenkundig und spätestens als Kaito die Veränderung an seinen Haaren bemerkt hatte, wäre die Situation von missmutigen, ja fast feindseligen Blicken beinahe in eine handfeste Auseinandersetzung umgeschlagen. Kagome hatte ihren Sohn sofort zurechtgewiesen, als sein aufwallendes Yōki wie eine Welle über den Hofplatz geschlagen war und zu seinem Glück hatte er auch augenblicklich den Mund gehalten, seinen Vetter mit einem wütenden Schnauben bedacht und war davonstolziert. Dass ein Daiyōkai sich derartiges Verhalten tatenlos gefallen ließ, war Kagome völlig neu. Selbst unter den meisten gewöhnlichen Dämonen reichte das winzigste Anzeichen feindlicher Absicht, um einen tödlichen Kampf zu entfachen. Aber hier war nichts dergleichen passiert und wenn sie Honokas lückenhafte Schilderungen bedachte, die sie bisher geäußert hatte, war ihr Sohn im Begriff alte Familienfehden aufrechtzuerhalten.
Sie war es endgültig leid. Diese nie enden wollende Feindseligkeit zwischen Inuyasha und seinem Halbbruder war ihr schon vor Jahren auf die Nerven gegangen, als sie noch gegen Naraku zu Felde gezogen waren. Wie viel schneller hätten sie die Splitter des Shikon no Tama sammeln und Naraku ein Ende bereiten können, wenn die beiden auch nur für ein paar Tage zusammengearbeitet hätten. Selbst als das Höllenschwert, das sich über Jahrtausende im Besitz der Familie befunden hatte, auf dem besten Weg gewesen war, die Welt in eine von Untoten verseuchte, zweite Hölle zu verwandeln, hatten diese Holzköpfe noch gezögert, sich zum Wohle eines gemeinsamen Zieles zusammenzutun. Rückblickend konnte man durchaus behaupten, dass den beiden eine Familienzusammenführung schwerer fiel als multiple Weltrettung. Kagome grummelte in sich hinein. Sie war schon beinahe vor Euphorie geplatzt, als Sesshōmaru und Inuyasha es irgendwie geschafft hatten, im Umkreis von nur wenigen hundert Metern zueinander zu existieren ohne in Streit zu verfallen – nämlich immer dann, wenn Sesshōmaru Rin besucht hatte. Inuyasha war des Streits bereits gegen Ende der Splittersuche müde geworden, aber seither hatten sie es lediglich zu einer ignoranten Koexistenz gebracht. Sie würde einen Teufel tun und Sesshōmarus Sohn vermitteln, dass er hier nicht willkommen war, bevor diese Fehde niemals ein Ende fand. Von Minorus Seite war bisher keine offene Feindseligkeit zu bemerken gewesen, aber wenn ihr Sohn meinte, in diesem uralten Familienstreit mitmischen zu müssen, würde er bald merken, was sie davon hielt.
„Willst du sicher nicht mit hinein kommen?“, fragte sie abermals, ohne sich zu ihm zu wenden. „Sonst stelle ich dir das Essen gleich heraus. Ich hoffe, du magst Rührei.“
Beinahe im selben Moment begann das Baby zu schreien als sei es von einer Horde wildgewordener Oni umzingelt und ersparte Minoru die mühsame Antwort. Kagome legte die gerade abgenommene Hose zur Seite und lief eilenden Schrittes zurück ins Haus. Minoru atmete tief aus und schloss die Augen. Die Parallelen zu Rin waren auffällig, aber vielleicht sollte ihn das nicht wundern. Sie war immerhin an diesem Ort aufgewachsen, an dem Menschen anscheinend keine Scheu vor Yōkai kannten und selbst ihre zum Teil dämonischen Kinder wie selbstverständlich erfolgreich zurechtwiesen. Ein tödlich strafender Blick seiner Mutter hatte ausgereicht, um Kaito zum Schweigen zu bringen und ins Haus zu treiben, das er seither nicht mehr verlassen hatte. Einem Menschen wäre es für gewöhnlich nicht einmal eingefallen, einem Han'yō oder gar einem Yōkai gegenüberzutreten. Kagome hingegen schien bestrebt, Minoru zu vermitteln, dass er an diesem Ort willkommen sei und bisher hatte er darin keine verschlagenen Absichten erkennen können.
Mit leisem Summen suchte sie das Baby zu besänftigen, das sich bald darauf wieder beruhigte und stellte kurz darauf ein dunkles Tongefäß auf den Hof, unter dessen Deckel duftender Dampf an die Luft stieg. Während sie sich aufrichtete hielt sie jedoch einen Moment wie erstarrt inne.
Minoru betrachtete sie misstrauisch und wollte gerade seufzend die Augen schließen, als der Wind in seinem Rücken drehte und ein wohl bekannter Geruch vom Dorf herangetragen wurde. Sofort erhob er sich auf zwei Beine, zog den Obi des gliehenen, blauen Yukata fester und umrundete das Haus mit schnellen Schritten, während Kagome den Weg durch das Gebäude nahm, um ihren Mann zu begrüßen, dessen Yōki sie längst wahrgenommen hatte.
Rin stand mit Inuyasha vor der Eingangstür. Ihre Kleidung war großteils zerrissen, einige tiefere Kratzer übersäten ihre Arme und auch an der Wange hatte sie eine Verletzung davongetragen. Alles in allem lächelte sie jedoch, auch wenn sie sichtlich Schwierigkeiten hatte ihr rechtes Bein vollständig zu belasten. Als sie Minoru bemerkte, der still an der Hausecke stand und beobachtete, wie Kagome ihrem Mann um den Hals fiel, war ihr die Erleichterung deutlich anzusehen. „Du bist wohlauf!“
Sie kam auf ihn zu und blieb in einigem Abstand strahlend stehen. „Inuyasha hat von den Drachen berichtet, die euch verfolgt haben. Das muss grausam gewesen sein. Ein Glück, dass sie euch rechtzeitig zur Hilfe geeilt sind. Diese Biester -“
„Wo ist mein Vater?“
Für einen Sekundenbruchteil war sie zu perplex, um etwas zu sagen. Noch nie hatte er den Fürsten so bezeichnet – und dann ausgerechnet jetzt! Sie klappte den Mund auf, dann doch wieder zu und wich seinem Blick für einen Moment aus, welcher neben der üblichen Härte einen Funken Unglauben enthielt, der ihr einen scharfen Stich versetzte.
„Rin.“ Seine Stimme nahm einen warnenden, beinahe anklagenden Unterton an. „Wo?“
„Es gab... Schwierigkeiten.“

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