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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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27.04.2016 8.086
 
Was bisher geschah ...
Die Reise nach Musashi gestaltet sich schwierig. Nachdem Honoka Hinweis darauf gibt, dass die Ablehnung Zwillinge von Sango und Miroku - Saki und Mei - dafür verantwortlich ist, dass sie Zuflucht im Westen suchte, wird Kaito wütend und legt sich schließlich auch mit Minoru an. In der Nacht gerät die Gruppe in einen Hinterhalt. Sesshōmaru stellt sich dem Kampf und verhilft zeitgleich den Kindern zur Flucht.
Während Kōhei mit den jungen Akademieabsolventen einige Tage im Gelände verbringt und Shippō zu seinem neuen Schüler wählt, erreicht den Süden eine Nachricht der Panther, die hoffen, in den Kitsune Verbündete gegen den Westen zu finden.

  ҉
Die Bäume standen in den Ebenen unbehindert dichter zusammen als noch in den Ausläufern der Gebirge. Das Gelände wurde vorhersehbarer, einfacher für Sprints, aber in großen Abschnitten auch offener, wo die Menschen siedelten und den Wald bewirtschafteten. Minoru hatte die Route wohl weißlich nicht durch menschliches Siedlungsgebiet gelegt - zumindest so gut er es hatte vermeiden können - und langsam kam er in Bereiche des Landes, die er nur allzu gut kannte. Aber all das half wenig in Anbetracht der Schneise der Verwüstung, die ihre Verfolger hinterließen. Er hatte sich daran gehalten, den Weg nur dann zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig gewesen war und ihn möglichst bald wieder aufgesucht, aber nachdem sie nun mehrere Stunden am Stück gerannt waren, fiel auch ihm das Atmen schwerer, der Kopf dröhnte und es blieb ihnen nichts als hoffen und laufen.
Ein Großteil dieser tosenden Dämonen war ihnen nicht gefolgt und sehr wahrscheinlich dem Inu no Taishō zum Opfer gefallen. Einige Wenige allerdings hatten der jungen Beute nachgesetzt und Minoru glaubte die Stimme des seltsam zischelnden Exemplares unter den Drohungen der Verfolger ausgemacht zu haben, die ihrer Fährte unablässig folgten.
Honoka gab sich erstaunlich flink und wendig, war mehreren der Yōkai geschickt ausgewichen, als sie die Schneise genutzt hatten, die der Fürst ihnen geschlagen hatte und schlug sich tapfer, auch wenn ihr die Angst sämtliche Haare abstehen ließ, während Kaito den ein oder andere Oni, der ihnen auf plumpen Beinen und mit grobschlächtigen Werkzeug bewaffnet zu allem Überfluss während des Weges frontal entgegen geprescht war, in einzelne Stücke zerlegt hatte. Die Hoffnung, dass sich die Verfolger mit diesem Happen zufrieden gaben, war allerdings bald dahin gewesen.
„Verflucht, wie weit denn noch?!“, fragte der Han'yō gepresst, als sie über einen schmalen Fluss hinweg gesetzt hatten und er einen kurzen Blick nach hinten wagte. Die Yōkai waren nur Schatten zwischen den Bäumen, große, mittlerweile sehr wütende Schatten. „Die müssen doch mal müde werden.“
Minoru warf einen flüchtigen Blick gen Himmel, um die Richtung abzuschätzen und wandte sich etwas weiter nach Süden. „Vor Sonnenhoch keineswegs. Selbst dann nicht, wenn wir das Tempo halten könnten.“
„Mit Glück verziehen sie sich bei Sonnenaufgang!“, keuchte Honoka, die ihren Bogen nun fest mit der Hand umschlossen hielt. Von drei Pfeilen hatte sie immerhin zwei zielsicher in eines dieser widerlich stinkenden Wesen versenkt. Dass sie davon nicht langsamer wurden oder gar aufgaben war kaum ihre Schuld. Minoru hatte bisher nur dürftige Blicke auf die Yōkai werfen können. Mit großen, glänzenden Schuppen übersäte, schlangenähnliche Wesen, die den Boden kaum zu berühren schienen, aber zwischen eng stehenden Bäumen deutlich an Geschwindigkeit eingebüßt hatten. Mit jeder freien Fläche holten sie allerdings unweigerlich auf.
„Was wollen die eigentlich von uns?“ Honoka sah abgehetzt aus, war es nicht gewohnt so lange und unter Druck zu laufen.
„Einen netten Plausch, schätze ich. Etwas Zärtlichkeiten und ein ausgedehntes Frühstück – was glaubst du, was die wollen?!“, fauchte Kaito zurück. „Was sollte eigentlich diese grandiose Aktion uns allein loszuschicken? Wollte der nicht auf uns aufpassen?!“
„Noch leben wir, oder? Mach dir lieber Sorgen um Rin! Sie kann sich ja wohl kaum selbst helfen!“
Kaito schnaubte laut über den Kommentar seiner Schwester. „Braucht sie auch nicht! Sie hat ja wohl den absoluten Daiyōkai-Bonus. He, Zwerg, wie ist das von seinem eigenen Vater versetzt zu werden?“
Minoru knirschte überdeutlich laut mit den Zähnen, kam aber nicht dazu nur einen Ton zu sagen, da Honoka ihren Bruder im vollen Lauf schon wütend einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt hatte. „Er hat recht, du bist ein Holzkopf!“
„Auf wessen verdammter Seite stehst du eigentlich?“
„Spart euch den Atem!“ Minoru hatte langsam genug von diesem Han'yō, der ihn ohne jedweden Grund pausenlos verbal angriff. Das war weder auszuhalten noch zu dulden, aber er wusste es besser als sich nun hier an Ort und Stelle mit ihm zu raufen und dabei Kopf und Kragen zu riskieren. Rin war bei seinem Vater vermutlich tatsächlich sicherer als sie, die sie nun seit Stunden vor irgendwelchem niedrigen Getier flohen, aber diese Flucht barg doch allemal weniger Risiko als ein Verharren in dem umstellten Lager. Warum der Fürst sie jedoch nicht längst eingeholt hatte war Minoru schleierhaft. Er konnte kaum die ganze Zeit für die Beseitigung dieser Yōkai benötigt haben und doch war von ihm bisher keine Spur. Sollte er sie aus noch anderen Gründen fortgeschickt haben? Es half nichts. Sie mussten dieses Dorf möglichst unversehrt erreichen und bis dahin sollten sie unnötige Auseinandersetzungen vermeiden – was danach kam, war eine völlig andere Sache.
Ein ganzes Stück hinter ihnen hatte die Horde von nunmehr nur noch zwei dieser Bestien den Fluss mühelos überquert und züngelte schnaubend in der Luft herum, um die Witterung wieder aufzunehmen. Kaito hatte einen kurzen Blick über die Schulter geworfen und verlor in Abetracht ihrer nun deutlich sichtbaren Verfolger, die kurz darauf wieder aus seinem Sichtfeld verschwanden, jegliche Farbe im Gesicht. „Drachen.“
Honoka geriet beinahe ins Stolpern. „Was?! Bist du sicher?“
„Ich weiß wie ein verfluchter Drache aussieht!“
„Es gibt keine Drachen mehr auf Honshū!“, protestierte sie zur eigenen Beruhigung.
„Sag das denen und nicht mir!“ Kaito wusste genug über Drachen, um keinen von ihnen begegnen zu wollen. Diese Kreaturen, die einst die Insel dominiert hatten, waren Myōgas Geschichten zufolge nicht besonders gut auf Inuyōkai zu sprechen. Eine Verteidigung durch Angriff, wie er sie vorgezogen hätte, rückte damit in unerreichbare Ferne. Doch gerade als er dachte, das sich dadurch die Situation verschlimmert hätte, standen sie plötzlich knietief im Wasser. Ungläubig betrachtete er den See, der sich vor ihnen erstreckte wie ein nicht endender, dunkler Spiegel.
Minoru erschauderte. Hier sollte kein See sein. Weder auf der Karte noch in seinen Erinnerungen war hier etwas anderes gewesen als ein eher schroffes Tal ohne einen einzigen Tropfen überflüssigen Wassers. Ein leises, eisernes Klirren verriet, dass Kaito sein Schwert gezogen hatte.
Honoka tat es ihm gleich, holte einen Pfeil aus dem Köcher und setzte ihn an die Sehne. Ihre Hand war so ruhig, dass jeder erfahrene Schütze vor Neid erblasst wäre. Minoru stieg aus dem See heraus und fragte sich zum wiederholten Male, wo diese Biester wohl ihre Schwachstelle haben mochten und ob sie überhaupt dazu kommen würden, einen effektiven Treffer zu landen. Den See würden sie jedenfalls weder durchschwimmen noch umrunden können, ohne dass diese Ungetüme sie einholten. Er zog sein Katana – und reichte es Kaito, der ihn mit großen, verwunderten Augen ansah.
„Ich kann damit nichts anfangen“, erklärte er ruhig. „Du schon.“
Sein Wakizashi war vielleicht lang genug um die Schuppen zu durchstoßen, aber ob es darüber hinaus tief genug reichte, um nennenswerten Schaden anzurichten war zu bezweifeln. Dafür musste er kein Experte im Schwertkampf sein.
Honoka starrte ihn fassungslos an. „Du kannst nicht ohne-“
„Nimm schon“, unterbrach er sie und war beruhigt, als Kaito das Wakizashi ohne weitere Diskussionen in die Scheide rutschen ließ und das Katana abwägend in der Rechten drehte.
Dann brach die Hölle über sie herein. Schlängelnd und lachend. Die beiden Kreaturen wiegten sich hämisch auf ihren kurzen, klauenbewehrten Beinen und ließen ihre schweren, langen Körper Gruben in die feuchte Erde walzen. Ohne die Beine und die ausladenden Hörner an ihren Köpfen hätte man diese Yōkai tatsächlich für Schlangen halten können, deren massige Stirn wie bei vielen Reptilien von einer gigantischen Nō-Masken verziert wurde, die mit leuchtend roten Augen auf die jungen Hunde herabblickten. Drachen, eindeutig, und sie stanken bestialisch. Der Dunkelgrüne der beiden, um einiges drahtiger als sein brauner Kumpane, stieß mit einem Schlag vor, verfehlte Honoka, die geschickt zur Seite auswich und ihren ersten Pfeil mit voller Wucht zwischen die Augen seiner hellen Maske schnellen ließ. Das Geschoss prallte ab, ließ den Drachen einen Moment verharren, bevor er sich schüttelte und die Maske zu einem hämischen Lachen verzog. Nun wurde auch Honoka zittrig. Sie hatte sich allein von diesem testenden Angriff nach außen von den Jungen abdrängen lassen, nur um feststellen zu müssen, dass auch der Kopf kein lohnendes Ziel war. So saßen sie ziemlich tief in der Tinte – und jeder weitere Fluchtversuch war kaum als lohnenswert einzustufen.
Dann waren sie über ihnen, stürzten sich auf die drei Kinder wie Aasgeier auf lang ersehnte Kadaver, schnell und mit Wucht. Minoru machte einen Satz zur Seite und im nächsten Moment über den niederfahrenden Kopf hinweg. Er versuchte mit den Klauen zwischen die abstehenden Segmente am Nacken zu gelangen, traf aber lediglich die glatte Oberfläche der beweglichen Schuppen, die jedwede Lücke sofort schlossen und die geringste Verletzung verhinderten. Stattdessen wehrte sich der Drache gegen den lästigen Jungen. Mit einem einzigen Schlag seines Schwanzes, der nahtlos in seinen Körper überging, fegter er Minoru von seinem Rücken und der hatte alle Mühe, dem nächsten Biest dabei nicht direkt vor das geifernde Maul zu fallen, das sich gerade unversehens auf Honoka stürzte.
Kaito, die auf den jungen Inuyōkai gerichtete Aufmerksamkeit nutzend, trieb das Katana mit Gewalt tief in die Richtung, in der er das Herz des Olivfarbenen vermutete. Doch auch als er es bis zum Schaft versenkt hatte, machte der Dämon keinerlei Anstalten, sich geschwächt zu zeigen, sondern fuhr wutentbrannt auf den Han'yō nieder, den Fluchtweg zu einer Seite mit dem schlagenden Schwanz versperrend. Kaito wich nur dürftig aus, drückte sich mit der Schulter an die Brust des Yōkai und versuchte mit Krallenschlägen sein Schwert aus dem Gewebe zu befreien, als er es nicht herausziehen konnte.
Keuchend sprang er im letzten Moment nach oben weg, um dem Schlund der Bestie zu entkommen und ließ die Waffe stecken. Diese gewaltige Größe der Drachen hatte eine schier endlose Liste von Vorteilen, machte sie aber auch unbeweglich, je näher die drei sich an ihren gewaltigen Körpern hielten. Minoru hatte derweil auch die letzte Überlegung, hier etwas als Hund ausrichten zu können, verworfen. Auf zwei Beinen konnte er deutlich höher springen und seine Zähne wären ohnehin nicht tief genug eingedrungen um irgendetwas Sinnvolles auszurichten. Er hatte es zwischendurch versucht, aber war von Geruch und Aussichtlosigkeit eines Besseren belehrt worden. Das hier war nun einmal leider keine Jagdbeute. Honoka erwies sich als außerordentlich geschickt, wenn es darum ging, Lücken zu finden und einen gewissen Abstand beizubehalten und profitierte stark davon, dass die Jungen den Dämonen zwar keine ernsthaften Verletzungen zufügten, sie aber durchaus zu beschäftigen wussten. Einzig einer ihrer Pfeile surrte Minoru auch nach dem Ausweichen noch so nah am Ohr vorbei, dass er beinahe damit rechnete, sie habe ihn treffen wollen.
Kaito hatte indes das Katana dürftig befreien können. Es war abgebrochen, bevor es überhaupt gänzlich aus dem Körper des Drachen herausgerutscht war. Nun wusste er mit dem Haufen zerstückelten Metalls nichts weiter anzufangen. Einem beseelten Schwert wäre das niemals passiert und mit etwas Yōki hätte er damit auch deutlich mehr Aussichten auf Erfolg gehabt, aber eine solche Waffe war weit außerhalb seiner Reichweite. Er rollte unter einem erneuten Angriff des Kopfes weg, der daraufhin mit ungebremst in das Ufer donnerte, dass die kleinen Steine in der verschlammten Erde meterweit durch die Luft schossen. Er war gerade wieder auf den Beinen – als er sich abermals zur Seite werfen musste gelang es ihm lediglich den Großteil seines Körpers vor dem Maul des Dämons zu retten, der die scharfen Zähne in seinem langen, nachtschwarzen Haar versenkte und ihn daran amüsiert in die Höhe riss als sei das alles ein vergnügliches Unterfangen.
Kaito schrie auf, versuchte über dem eigenen Kopf ohne Sicht die Klauen in irgendein verletztliches Stück Drache zu schlagen. Mit dem Kopf zuerst in diesem Maul zu landen war sicher weniger leidvoll als anders herum, aber er hatte für beides wenig übrig.
Plötzlich riss etwas harsch an seiner Kopfhaut und er schlug aus voller Höhe längs auf dem Boden auf. Der Dämon über ihm zischte und fauchte in den abwegigsten Tönen, während schwarzes Haar und Teile seiner Zunge in den Schlamm fielen. Minoru, der neben Kaito auf dem Boden aufsetzte, stieß ein bedrohliches Knurren aus und warf dem immer noch vor Wut und Schmerz keifenden Ungetüm einen yōkigezeichneten Klauenhieb entgegen, der den Angreifer zumindest für einen Augenblick zurückzucken ließ. Dann setzte er sofort zum Sprung an. Der Drache fischte ihn mit der Klaue aus der Luft wie eine lästige Fliege und brachte ihn ohne Umschweife zurück auf den schlammigen Uferboden, während Honoka dem zweiten, eher bräunlichen Drachen, kontinuierlich und erfolgreich auswich. Es war aussichtslos. Sie konnten diese Biester nur mit Mühe verwunden und egal wie oft sie sich aus den Angriffslinien zu retten vermochten würden sie letztlich doch hoffnungslos unterliegen. Es blieb noch ein letzter Ausweg, aber weder wusste Minoru, wie er ohne fremde Hilfe diese ominöse Endform eines Daiyōkai nutzen konnte, noch ob er dann in der Lage war sie eigenständig zu kontrollieren – und er war dem Gedanken nicht sonderlich zugetan, in irgendeinem Wald zur Besinnung zu kommen, nur um feststellen zu müssen, dass er neben diesen Drachen auch die anderen beiden auf dem robusten Gewissen hatte. Ganz zu schweigen davon, dass er sich auch in der Form keine allzu großen Chancen ausrechnete.
Auch Honoka bemerkte langsam den Engpass, als sie nach ihren Bambuspfeilen griff und nichts als Luft zu fassen bekam. Resignierend tat sie einen Schritt zurück und überlegte gerade, ob es wohl sinnig sei, sich ausgerechnet in so einem Moment den Techniken des unbekannten Nahkampfes hinzugeben, als ein lautes und durchdringendes Sirren die Luft erfüllte. Der gerade frontal attackierende Kopf des Drachen wurde just zur Seite geschlagen und krachte gegen einen nahestehenden Baum, der mit lautem Knarren und Splittern nachgab und stürzte. Minoru gelang es gerade noch sich mühevoll unter den dunkelgrünen Klauen des verwunderten Drachens hervorzuziehen, als der gigantische Bumerang ein zweites Mal durch die Luft surrte und zielsicher das dunkle Horn des Ungetüms über ihm davonriss, bevor er zu einer Gruppe herbei eilender Menschen zurückflog.
Einige Schreie gellten durch die Nacht und noch bevor Minoru begreifen konnte, was geschah, hatte Kaito die Situation punktgenau erfasst und sich mitsamt seinem Cousin in den tiefen Uferschlamm zur Seite geworfen, gerade als das Ungetüm über ihnen in einer grellen Fontäne reiner Energie von den Füßen gerissen wurde und sich in Einzelteilen über dem See verteilte.
Sein Artgenosse stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus und wandte sich den neu erschienenen Angreifern zu, als er bereits von der zweiten Energiewelle getroffen wurde, die den Boden zu seinen Füßen mit tiefen Furchen durchgrub und auch ihn kompromislos mit sich riss.

Seit einer ganzen Weile beobachtete der General den jungen Fuchs, der möglichst unauffällig zu vertuschen versuchte, dass er von Pferden so wenig Ahnung hatte wie Kōhei Freude an Kabuki, wenn er nicht gerade auf seine eigene Weise an diesem menschlichen Schauspiel beteiligt war.
Zwei Tage waren vergangen seitdem sie den südlichen Hof nach Kōheis Unterredung mit Fürst Hayato verlassen hatten und mittlerweile war der frische Salzgeruch der See ebenso ein ständiger Begleiter geworden wie die vielen Menschen, die in der Nähe des Meeres siedelten.
Sie grüßten höflich, verbeugten sich vor den wohlhabend gekleideten Männern auf ihren gut genährten, braunen Pferden und nahmen nicht wahr, dass sie dabei zwei Dämonen ihren Respekt zollten. Kōhei hatte es vorgezogen diese Reise im Auftrag des Fürsten möglichst unauffällig zu bewältigen und daher gleich bei Abreise am Hof eine menschliche Gestalt gewählt und die Pferde aus den Stallungen geholt. Eine solche Verwandlung war für ihn eine leichte Übung. Durchaus ein wenig komplexer als eine einfache Illusion um sich herum aufzubauen, aber dafür weniger störanfällig. Shippō hatte sich zunächst ein wenig schwer getan, auch wenn ihm Verwandlungen nach Kōheis bisher eher lückenhafter Einschätzung eher zu liegen schienen als Illusionen. Es hatte eine Weile gedauert, bis er in der Lage gewesen war, seinen Fuchsschwanz erfolgreich zu verbergen, aber ansonsten sah seine Imitation recht glaubhaft aus – wenn man von dem überdeutlichen Rotstich in den sonst dunklen Haaren einmal absah. Das Wichtigste war ohnehin, dass Klauen, spitze Ohren und der Fuchsschwanz verschwanden.
Kōhei hatte sein nun schwarzes Haar zu einem dicken Knoten gebunden und nickte manchem Menschen freundlich zu oder tat als sehe er sie überhaupt nicht, so wie es ihre ranghöheren Artgenossen und Fürsten mit Sicherheit getan hätten.
Fürsten. Wie erwartet hatte der Seine auf die Anfrage der Hyōyōkai postwendend und unverzüglich nach Kōhei verlangt und wie erwartet beabsichtigte Hayato-sama nicht, die Panther zu unterstützten. Ganz im Gegenteil: Er war außer sich gewesen; so sehr, dass dem roten Pelz, der den weit ausfallenden Kragen seines schwarz-grauen Kimonos besetzte, die Haare zu Berge gestanden waren.
„An welcher Stelle ihrer verkümmerten Phantasie glauben diese Spatzenhirne eigentlich, dass ich auch nur einen Finger für sie krumm machen würde?“
Kōhei kannte seinen Herrn mittlerweile lang genug, um zu wissen, dass man besser den Mund hielt, sobald er aus seiner für gewöhnlich erhabenen und gebieterischen Ausdrucksweise in wütende Beleidigungen abrutschte – was selten genug und meist dann geschah, wenn ihm die Dummheit anderer Personen beinahe physische Schmerzen bereitete.
„Man sollte meinen, die seien lernfähig! Laufen den Hunden wieder ins aufgesperrte Maul – und das seit tausenden von Jahren!“ Er hatte sich wutentbrannt auf seine Tatami-Matten sinken lassen und den vor Zorn funkelnden Blick seiner bernsteinfarbenen Augen auf seinen General gerichtet, um die Frage zu stellen, die Kōhei selbst die ganze Zeit umgetrieben hatte: Wie kamen die Panther auf die Idee, dass die Kitsune auch nur ein tendenzielles Interesse daran hegen könnten, dem Westen in seinem Wirken feindlich gegenüber zu treten? Kōhei hatte dem Fürsten seine Sicht der Dinge ausführlich dargebracht.
Es war ihm mit jeder Überlegung unwahrscheinlicher erschienen, dass die Panther eine Verbindung zwischen dem Hundewelpen und den Kitsune hatten ziehen können. Die Entwicklung der mächtigen Häuser stand bei nennenswerten Vorkommnissen stets im öffentlichen Interesse und wer ein wenig Verstand dabei anwandte nahm schnell Abstand davon, die Nachricht über eine Vermählung oder eine Geburt als schlichte Mitteilung eines erfreulichen Ereignisses anzusehen. Derartige Ansichten waren naiven Mädchen, verträumten Frauen und lebensunfähigen Männern vorbehalten. Vermählungen waren nichts anderes als geschmiedete Allianzen und Säuglinge die Krieger von Morgen, deren spätere Rolle im Kampf um die Vorherrschaft bedrohlich unklar war.
So war es nicht verwunderlich, dass die plötzliche Kunde eines jugendlichen, westlichen Erben diverse, teils haarsträubende Spekulationen über dessen bisherigen Verbleib ausgelöst hatte. Der derzeitige Westen war eine verhaltene Bedrohung für jedes andere Volk, das in seiner Region auch nur den leisesten Herrschaftsanspruch stellte und ihn zu wahren gedachte. Damit würde der zukünftige Westen, und damit die Situation des Gesamtgefüges, aller Voraussicht nach von diesem ominösen Jungen abhängen.
Jedoch involvierte keine dieser besagten, unzähligen Theorien die Füchse in unangemessen anklagender Weise oder reichte auch nur im Ansatz an den Kern der Wahrheit heran, dessen Ausmaß weniger als einer Hand voll Personen bekannt war. Bei den meisten anderen wären die Leute unweigerlich auf die Idee gekommen, eine solch sonderbare Situation entspringe einem wohl ausgearbeiteten und erfolgreichen Komplott, aber dieser Umstand überstieg bei einer Persönlichkeit wie dem Inu no Taishō die Vorstellungskraft der Gerüchte.
Den letzten Rest Wahrscheinlichkeit am Mitwissen der Panther eliminierte der Inu no Taishō höchstselbst, da er mit Sicherheit alles daran setzte, den Kindesentzug möglichst nicht publik werden zu lassen. Es zeugte von allumfassenden Versagen seinerseits, dass es jemandem möglich gewesen war, ihm seinen Sohn für fünfzehn Jahre nicht nur zu entziehen sondern gleichsam vorzuenthalten – wobei Kōhei einer der Wenigen war, der um die Chancenlosigkeit des feindlichen Fürsten in dieser Hinsicht wusste. Beinahe hatte der Fuchs einen Funken Mitleid für ihn übrig, aber da Sesshōmaru das einzige Element im Gefüge darstellte, das in den letzten fünfzehn Jahren von dieser Angelegenheit unwissend unbehelligt geblieben war, erstickte der Mitleidsfunken bereits im glimmenden Keim. Sesshōmaru spürte lediglich ein Nachbeben dessen, was andere durchlebt hatten.
Nein, die Panther mussten zwangsläufig davon ausgehen, dass der Süden vollkommen neutrale Absichten hegte und mit alledem nichts zu tun hatte. Es gab jedoch einen Gedankengang der so augenfällig wie simpel war: Die Panther verloren schlichtweg die Nerven. Karan tot, Shunran schwer verwundet und im Grunde unbrauchbar, waren von den vier Pantherdevas nur noch zwei übrig und wer die Verbindung zwischen den Geschwistern kannte, wusste, dass die Verbliebenen diese Schmach nicht ohne Weiteres hinnehmen wollen würden – und Katzen waren immerhin für ihre Rachsucht bekannt, nicht für ihr strategisches Kalkül. Ein solcher Krieg war Selbstmord, gerade zu dieser Zeit.
Unbesonnen wie sie sich gaben und von Verlust geblendet hatten sie keinerlei Chancen gegen den Westen. Sesshōmaru war nicht sein Vater. Er würde keine Sekunde zögern und mit aller Härte vernichten, was sich ihm in den Weg stellte ohne auch nur einen Gedanken an Gespräche oder – alle Mächte bewahret! – so etwas Herablassendes wie Verhandlungen zu verschwenden.
Vermutlich witterten die Panther eine gewisse Chance in der durch Minoru vermeintlich erschütterten Ruhe am westlichen Hof. Kōheis Auffassung nach war das ein fataler Fehler. Unruhe und Verwirrung, gerade solcher Natur, hätten die Strukturen und Abläufe vieler Völker erschüttert, so wie das Verschwinden des Wolfserben erst kürzlich den Norden in eine verletzbare Position gebracht hatte. Die Inu, wie er sie kannte, waren jedoch anders. Sesshōmaru war kein Mann, der sich von Gefühlen leiten ließ – wenn man voraussetzte, dass er zu Empfindungen fähig war – und vermochte es, in schwierigen Situationen keine Zweifel an seiner absoluten Autorität aufkommen zu lassen. Eine verletzte Katze war vielleicht versucht sich zurückziehen, aber dieser Hund wurde umso gefährlicher, je weiter man ihn in die Ecke zu drängen suchte – und das wusste sein Fürst nur zu gut.
Hayato-sama hatte ihm im Großen und Ganzen zugestimmt. Es war einer seiner Grundsätze zuerst die Ansichten der anderen zu hören, bevor er in eine Diskussion einstieg. Das bedeutete keinesfalls, dass Hayato auf die Gedankengänge seiner Untergebenen angewiesen war. Es gab jedoch nichts, das er mehr verachtete als heuchlerische, angepasste Personen, deren einziges Ziel es war, ihren Fürsten in seiner Meinung zu bekräftigen statt selbst zu denken.
„Ich stimme mit Euch in vieler Hinsicht überein. Es ist aus gegebenen Gründen eher auszuschließen, dass das willkürliche Ersuchen unserer Hilfe mehr in uns setzt als bloße Hoffnung. Sie glauben ein langer Friede sei ein Zeichen der Sympathie. Wir werden demnach weder in Taten noch in Worten Stellung zum Westen beziehen und den Panthern schlicht mitteilen, dass wir an einem Krieg nicht interessiert sind.“ Hayato hatte den aufgebrachten Pelzkragen mit bestimmtem Streichen seiner mit hellen Klauen bewehrten Hand wieder geglättet. „Sollten sie wider Erwarten an empfindliche Informationen gelangt sein, werden sie es uns spätestens dann auf die ein oder andere Weise mitteilen. In diesen Belangen sollten wir unsere Diskretion nämlich nicht überschätzen, ganz gleich wie klein die Zahl potentieller Gefahrenquellen ist und insbesondere dann, wenn unter den Eingeweihten ein bekannter Schwachpunkt existiert.“
Kōhei sträubte sich immer noch jedes Nackenhaar, wenn er an diesen Abschnitt der Unterhaltung mit Hayato-sama zurückdachte. Er hatte genau gewusst, auf wen sein Fürst dabei hatte anspielen wollen und einen Moment aufgebracht mit den Schwänzen gezuckt, als er wider allen Mühen dazu gezwungen worden war, einen Gedanken an diese verabscheuungswürdige Kreatur zu verschwenden.
„Saburō wird sich dieser Angelegenheit annehmen.“
„Saburō-sama?“ Kōhei hatte die Verwunderung nicht verbergen können. Davon abgesehen, dass der Fürst die Einteilung ausführender Kräfte im Regelfall Kōhei überließ, war es beinahe verstörend, dass er ausgerechnet Saburō den Vorzug gewährte. Der dritte Sohn des Fürsten war aus einer Ehe entstanden, die man gelinde ausgedrückt als gescheitert betrachten konnte.
Ein Mädchen aus politischen Gründen zu verschenken und gegen ihren Willen somit an einen Mann zu verheiraten war auch – und vielleicht sogar insbesondere – unter Dämonen nichts Außergewöhnliches und so war es auch vor der Vermählung kein Geheimnis gewesen, dass die junge Füchsin von ihrer Familie in diese Verbindung gezwungen wurde. Aber man sprach nicht über solche Dinge oder trug die persönlichen Aversionen gar nach außen; besonders nicht als Braut. Die Ehe hatte die Insel Awajima in das südliche Großreich gebracht – und eine äußerst widerspenstige, silberhaarige Frau an den Hof ihres neuen Gefährten und seiner übrigen drei Ehefrauen. Takara hatte seit dem ersten Tag nie daran zweifeln lassen, dass sowohl dieses politische Gefüge als auch der Fürst selbst, den sie vermutlich für dieses Arrangement verantwortlich machte, ihre persönliche Abneigung genossen. Hayato-sama war eine Eroberung in friedlicher Manier ohne unnötiges Blutvergießen stets als der erstrebenswerteste Weg erschienen, doch selbst Kōhei, der damals noch sehr jung gewesen war, hatte sich zu der Zeit oft genug gefragt, ob sein Fürst in diesem speziellen Fall im Nachhinein lieber dem Schwert den Vorzug gegeben hätte, um diese Insel zu bekommen. Kurz gesagt: Takara hatte ihm, seinen anderen Frauen und den gemeinsamen Kindern das Leben für einige Zeit zur wahren Hölle in den eigenen Palastwänden gemacht, ehe er ihr nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes angeboten hatte, ein separates Haus auf Shōdoshima zu beziehen. Sie hatte dankend angenommen, jedoch nicht ohne kratzbürstig darauf zu pochen, dass sie den südlichen Hof niemals ohne ihren Sohn verlassen würde.
Hayato-sama hatte sie wohlwollend ziehen lassen. Saburō war ohnehin nur der Dritte von vielen Söhnen und das einzige seiner Kinder, das je vom Herrn der Füchse Beachtung erfahren hatte, war sein ältester Sohn und Erbe Haru – ein breitschultriger, adretter Mann, deutlich älter als Kōhei, mit kastanienfarbenem Haar und den Bernsteinaugen seines Vaters.
Das letzte Mal, dass er Saburō zu Gesicht bekommen hatte, war Jahre her. Er hatte sich über die Jahrhunderte zu einem hochgewachsenen, schlanken Mann entwickelt, dem die Abgeschiedenheit Shōdoshimas nach Kōheis Einschätzungen ein wenig zu sehr aufs Gemüt geschlagen war. Er hatte von seiner Mutter deutlich mehr mit auf den Weg bekommen als die ungewöhnlichen Erbanlagen eines Silberfuches und so war der Kitsune mit dem kohlrabenschwarzen Haar und den funkelnden, orangefarbenen Augen, die vermutlich das einzige Erbe seines Vaters darstellten, weithin dafür bekannt, wenig Zuneigung für seine Halbsgeschwister und den übrigen südlichen Hof zu empfinden. Dass Hayato-sama nun ausgerechnet diesen Sohn mit einer so wichtigen Aufgabe betraute, war beinahe aberwitzig.
„Ihr werdet ihn bei Akashi treffen und zu mir bringen“, ordnete der Fürst tonlos an. „Was er wissen muss, wird er von mir erfahren. Sorgt nur dafür, dass er unbeschadet hierher kommt und bringt über ihn in Erfahrung, was immer möglich ist.“
Kōhei hatte versucht zu durchschauen, wohin das alles führen sollte und welchen Nutzen der Fürst nun doch aus Saburō ziehen wollte, aber er hatte sich einfach keinen Reim darauf machen können. Informationen über ihn beziehen zu wollen würde bedeuten, dass er den Sohn der verstoßenen Ehefrau besser einschätzen wollte, aber das ergab nur dann Sinn, wenn er ihn für längere Zeit benötigte.
„Darf ich Euch fragen -“
„Haru lebt nicht mehr.“
Kōhei war im Innersten versteinert und hatte seinen Herrn angestarrt, als erwarte er, dass der diese Aussage noch einmal revidierte. Aber er hatte nichts dergleichen getan; lediglich still und reglos auf der Tatami-Matte gesessen und seinen General mit derart gefühllosen Zügen betrachtet, das Kōhei mit einem Schlag bewusst geworden war, dass er lediglich eine bittere Wahrheit ausgesprochen hatte, für die er bereits eine undurchdringliche Maske zur Schau trug. Der Erbe der Kitsune war tot und kein Wort davon hatte den Palast verlassen – war nicht einmal bis zu ihm durchgedrungen!
Er hatte die Stirn an den harten Bambus sinken lassen und sein langer, roter Zopf war ihm ungnädig über die Schulter nach vorn gefallen, während er seinem Herrn aus tiefster Seele sein Beileid kundgetan hatte. Haru war ein sehr aufmerksamer Mann gewesen, in einigen Situationen weniger gelassen als sein Vater, aber couragiert und ehrlich. Ihn zu verlieren war ein harter Schlag, der sich auf den ganzen Süden ausweiten würde – und da der zweite Sohn des Fürsten bereits vor vielen Jahren gestorben war, war Kōhei auch mit einem gewissen Unbehagen klar geworden, warum sich Saburō nun doch im regen Gespräch befand.
„Wir brauchen Saburō, wenn dieses Land nach meinem Tod bestand haben soll“, hatte Hayato entschieden gesagt. Sollte sein Fürst eines Tages sterben, würde es nicht nur darauf ankommen, wer von seinen Kindern den größten Anspruch auf das väterliche Erbe hatte, sondern wer dazu in der Lage war, es gegen jeden Konkurrenten zu behaupten. Fürst Hayato wusste wovon er sprach. Er hatte vor einigen tausend Jahren die Führung übernommen, nachdem er einen seiner älteren Brüder und zwei seiner Vetter, darunter den eigentlichen Erben des Südens, getötet und deren jüngere Schwester zur Frau genommen hatte – im Grunde erstaunlich, dass diese Dame mit ihm besser auskam als Takara es je würde.
Sicherlich, es hätte in Hayatos Macht gestanden, Saburō zu übergehen, aber das hätten sich weder Sohn noch Mutter kommentarlos bieten lassen. Da war Takara wie alle Mütter – und die konnten wahrhaft unheimlich werden, wenn ihr Nachwuchs eine in ihren Augen unangemessene Behandlung erfuhr. Außerdem hätte der vernachlässigte Sohn seine Ansprüche dann sehr wahrscheinlich spätestens nach dem Tod seines Vaters geltend gemacht und in diesem Szenario wäre ein siegreicher Saburō vermutlich der Tod all seiner näheren Verwandten gewesen.
„Harus Tod darf unter keinen Umständen nach außen gelangen, ehe Saburō unsere potentielle Schwachstelle beseitigt hat und ich diese Angelegenheit glaubhaft entschärfen konnte. Wenn jemand erfährt, dass eine marodierende Hündin meinen Sohn gerissen hat, wird der Inu no Taishō sicherlich nicht mit einem Kondulenzbesuch aufwarten.“
Kōhei hatte sich bei diesen Worten der Magen umgedreht und je öfter er über die Offenbarung der längst vergangenen Ereignisse nachdachte, desto dunkler und bedrohlicher legten sich die Schilderungen des Fürsten über sein Gemüt wie undurchdringliche, erstickende Wolken.
Reika hatte Haru zerrissen. Im wahrsten, grausamsten Sinne des Wortes. Inmitten seines eigenen, bewachten und bewaffneten Palastes. Die Rekonstruktionen waren Bruchstückhaft, die Vorstellung allein ohnehin verstörend genug. Sie musste den Verstand verloren haben, anders konnte und wollte Kōhei sich diese Gemütswandlung nicht erklären, die gerade sie zu solch zielgerichtet grausamen Taten befähigte. Unter allen, die sich ihr entgegen stellten, sei der Fürstensohn ihr einziges Interesse gewesen. Nur Augen für ihn, niemanden sonst, bis kaum etwas von dem Erben des Südens übrig gewesen war. Wie sie das angestellt haben wollte, war Kōhei völlig schleierhaft. Er hatte bisher nicht die Chance bekommen, gegen einen Daiyōkai zu kämpfen und das sie einer gewesen war, konnte niemand bestreiten. Dennoch war Reika keine gewalttätige oder gar kriegerische Person gewesen; Haru hingegen ein ausgebildeter, schlachterprobter Yōkai, der niemals gezögert hätte, einen Angreifer auf sofortigem Weg in die Unterwelt zu schicken. Das ergab einfach keinen Sinn. Hayato-sama fehlte selbst jede Erklärung für diese Ereignisse und er hatte in den vergangenen Monaten aufgegeben, Antworten auf die Fragen zu suchen. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken, wie ein unbedarftes, zartes Weib es fertig gebracht hatte, seinen Sohn derart zuzurichten und darüber hinaus noch lange genug zu leben, um drei weitere Palastwachen mit in den Tod zu reißen, bevor sie ihren Verletzungen und seiner eigenen Lanze erlegen war. Kōhei hatte dafür tiefstes Verständnis. Die letzten Monate hatte der damit verbracht, das imaginäre Bild dieser sterbenden Frau aus seinen Träumen und Gedanken zu verbannen. Dabei war er nicht einmal zugegen gewesen, als sie gestorben war und hatte sich die Umstände weniger katastrophal ausgemalt.
Er biss die Zähne hart zusammen, bis seine Kiefer schmerzten und schloss für einen Moment besinnend die Augen. Wäre er doch nur nicht in den Norden gegangen, um Minoru zu suchen. Aber hätte er ahnen können, dass der Junge längst auf seinen Vater getroffen war? Dennoch, er hätte wissen müssen, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, als er sich von Reika verabschiedet hatte. Sie war die letzten Jahre über immerzu in einer Mischung aus Trauer, Resignation und Phasen voller unrealistischer Hoffnungen gefangen gewesen; insbesondere wenn es um ihren Sohn ging. Aber an jenem Tag war etwas anders gewesen.
Seine Hand hatte in den ihren gelegen und während sie mit ihren weichen, eleganten Fingerkuppen sanft über seine raue Haut gestrichen war als bedürfe er ihrer Unterstützung, hatte sie trotz aller Sorgen und Trauer ungewöhnlich gefasst gewirkt.
Ob man es weinend oder lachend hinbringt, ein Leben bleibt ein Leben. Den Weg zu bestimmen liegt nicht in unserer Hand. Es wird ihm doch nichts geschehen, nicht wahr? Du achtest auf meinen Jungen.
Hatte sie gewusst, dass dies kein Abschied auf Zeit war? Hatte sie vielleicht sogar gewartet, bis er den Palast verlassen hatte? Unwillkürlich ließ er einen Zügel los und fasste sich an den Handrücken. Was für ein Narr er doch war! Was für ein Heuchler vor sich selbst! Hatte er nicht immer geahnt, dass sie, unbedarft und sensibel wie sie nun einmal gewesen war, diesem Druck nicht lange standhalten würde und ihr mit schwindender Hoffnung auch immer weiter der Rückhalt entfiel, den er allein kaum zu ersetzen vermochte? Er, der Feind. Es war von Beginn her nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie einmal den Verstand verlor.
Wie verzweifelt sie gewesen sein musste, ausgerechnet ihm zu vertrauen und wie dumm er, der er doch tatsächlich geglaubt hatte, die Pflicht gegenüber seinem Herrn mit der aufopferungsvollen Zuneigung für diese Frau verbinden zu können. Reika hatte sich nie bei ihm beklagt. Nie mehr gefordert, als er zu verwirklichen vermochte. Er hätte sie nicht von ihren Ketten lösen oder ihren Sohn zu ihr zurückbringen können, ganz gleich wie sehr er es sich für sie gewünscht hatte.
Er hatte auf zwei Seiten gespielt, sich selbst dabei in halbwegs sicheren Gefilden gehalten und fühlte sich nun, als habe er beide betrogen: Seinen Fürsten und die Frau, die ihn bis zu seinem Tod in den Träumen verfolgen würde. Minoru hatte es gewusst. Kōhei konnte nicht erklären wie, aber in seinem Misstrauen hatte der Junge stets gewusst, dass sein vermeintlicher Vater ihm im Ernstfall nicht zur Seite stehen würde – und daraus seine Konsequenzen gezogen. War er als kleiner Junge noch in erregter Freude stürmisch darauf aus gewesen, dass Kōhei ihn auf den Arm hob, sobald der Fuchs durch die Tür herein trat, hatte er mit der Zeit begonnen verhaltener auf Besuche zu reagieren, sich zurückgezogen und war schließlich fast unerträglich ablehnend und kalt geworden.
Kōhei seufzte leise. Einst war er sich noch sicher gewesen, dass das, was er tat, richtig war; dass er damit zumindest dem Jungen half und damit indirekt auch seiner Mutter, wenn er sonst schon nichts für sie tun konnte. Aber war das wirklich die Wahrheit gewesen oder eine bequeme Lüge, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen und keine definitive Position beziehen zu müssen? Er wusste es nicht mehr. Er wusste gar nichts mehr, das seine wirren Gedanken ordnen konnte.
Kōhei fuhr sich mit einer Hand durch den Nacken und strich hart über einige angespannte Muskeln.
Reika zu verlieren war die eine Sache und schon schrecklich genug. Nun zu erfahren, dass sie in einem ersten und letzten Aufbegehren ihr Leben gelassen hatte, fühlte sich jedoch an, als krieche eine dumpfe Kälte in jede Ritze seines Körpers.
„Sensei?“ Die Stimme seines neuen Schülers riss ihn so hart in das Jetzt zurück, dass es beinahe physische Schmerzen verursachte. Er wandte den Blick zu Shippō, der beiläufig mindestens zum hundertsten Mal versuchte die ungewohnten Zügel zu bändigen, indem er sie auf der Suche nach der Mitte der Länge nach zwischen den Fingern hindurchgleiten ließ. „Ihr habt alle Farbe verloren. Ist alles in Ordnung?“
Kōhei rang sich ein Lächeln ab. Wenn er dieses Gespräch heute noch ein paar Mal ungewollt Revué passieren ließe, würde er sicher wahnsinnig. „Ja, alles in Ordnung“, log er ohne Umschweife. Was auch immer ihn belastete, er durfte seinen Schüler damit nicht behelligen. Zum einen hätte er es ihm ohnehin nicht erklären können und zum anderen war es nicht gerecht, wenn Kōheis aus den Fugen geratene Gefühlswelt sein Verhalten gegenüber dem Jungen beeinflusste. Er versuchte einen klaren Kopf zu bekommen und seine Aufmerksamkeit einzig seinem Schüler zu widmen, der ihn im Moment wenig überzeugt ansah, sich dann jedoch wieder dem Kleinkrieg gegen das ungewohnte Transportmittel Pferd hingab. Schließlich schien er verbissen zu resignieren und ließ die Strippen der zahmen Mähre ein wenig unzufrieden locker, was die Falbe dazu veranlasste den Kopf erleichtert auszuschütteln und binnen weniger Schritte die nächstbeste Hecke anzusteuern, wo sie den Kopf zum Grasen im Gestrüpp abseits des Weges versenkte.
Vollkommen perplex und ein wenig unbeholfen angelte der junge Mann nach den Zügeln und Kōhei kam nicht umhin, ihn mit einem leisen Anflug von Schadenfreude zu betrachten.
„Als du meintest, du könntest reiten, hatte ich mir das ein wenig anders vorgestellt“, neckte er ihn und trieb damit die Röte auf den Wangen des jungen Mannes in die Abgründe ungesunder Intensität. Wäre die Stute nicht freiwillig Kōheis Wallach gefolgt, hätte er Shippō in den letzten Tagen schon mehrfach irgendwo hinter sich verloren.
„Ich kann reiten“, protestierte er leise, aber vehement. „Nur nicht auf einer so eigensinnigen Fressmaschine.“ Damit erhaschte er die Lederriemen und zog einmal kräftig an ihnen, was lediglich dazu führte, dass das Tier erschrocken den Hals reckte und im Halbkreis einige steife Schritte rückwärts vollführte. Kōheis brauner Wallach sah seiner eher falb-farbenen Artgenossin verwirrt nach und drehte aufmerksam die Ohrmuscheln in alle Himmelsrichtungen.
Ein seidiges Lächeln huschte über Kōheis verschlagenes Gesicht: „Weißt du, wenn der Tee fürchterlich schmeckt, trägt selten die Schale die Schuld daran.“
„Das ist ein Albtraum.“
Das ist ein Pferd“, gab Kōhei lachend zurück. „Es zu reiten ist keine Kunst. Die Menschen tun das dauernd. Das einzige Problem dieser Biester ist ihre Sensibilität. Sie sind feinfühliger als jedes Katzenweib. Diese sind die Anwesenheit von Yōkai gewohnt, aber jeder andere Gaul nimmt vor dem kleinsten Dämon gleich Reißaus.“
„Warum reiten wir sie dann?“ Shippō war zwar durchaus überrascht gewesen, als Kōhei ihn zu seinem neuen Schüler ernannt hatte, aber Scheu fehlte diesem jungen Fuchs völlig.
„Weißt du, Menschen reagieren in ihrer Kleingeistigkeit ein wenig sonderbar, wenn ihresgleichen auf einem Yōkai reitet.“ Er wendete sein Pony und erwies sich gnädig, indem er Shippō noch einmal zeigte, wie er richtig saß und die Zügel hielt. „Was willst du denn geritten haben?“
„Eine Nekomata. Und ein Fahrrad.“
Kōhei musterte ihn eine lange Zeit und kam schließlich doch nicht umhin, einen fragenden Ausdruck in seinen smaragdgrünen Augen zu entwickeln. „Was in aller Welt ist denn ein Fahrrad?“
Sein Schüler sah ihn einen Moment verdutzt an, dann musste er lachen. „Eine sehr willenlose Reitmöglichkeit. Aber das ist schwer zu beschreiben. Wenn wir eins sehen, zeige ich es Euch gern.“
Er übernahm die Hilfestellungen mit Bravur und schaffte es bald sogar die Stute neben seinem Lehrer gehen zu lassen. „Wohin sind wir eigentlich unterwegs? Ihr habt mir immer noch keine Antwort gegeben.“
„Hast du gefragt?“ Kōhei konnte sich nicht daran erinnern, dass sie in den letzten Stunden gesprochen hatten und darüber hinaus war eine solche Auskunft nie erbeten worden.
„An die zehn Mal. Aber Ihr habt mich gekonnt ignoriert“, entgegnete er in einem unterschwellig eingeschnappten Tonfall.
Kōhei biss die Zähne zusammen und gab ein leises, undefinierbares Geräusch von sich. Er musste diese trüben Gedanken loswerden, aufmerksamer sein und sich auf das Zusammentreffen mit Saburō vorbereiten, der dem bisherigen Bild entsprechend mit Sicherheit kein sehr bequemer Zeitgenosse werden würde.

Der Uferschlamm war nass, kalt und zäh. Auch nachdem Kaitos Gewicht von ihm gewichen war, benötigte Minoru einige Müge und zwei Anläufe, um wieder auf die Beine zu kommen und versank abermals bis zu den Knöcheln im weichen Boden.
Die Drachen waren fort. Nur ihr abstoßender Geruch lag schwer und kaum erträglich in der Luft. Es war unmöglich bei diesem Gestank die Witterung der Personen aufzunehmen, die ihren Weg schnellen Schrittes und unbeirrt auch durch die tiefen Gräben fortsetzten, die eindeutig ein Angriff mit Yōki verursacht hatte. Dennoch bedurfte es nicht viel Erfahrung im Umgang mit anderen Individuen, um festzustellen, dass diese Fremden für die Geschwister keineswegs Unbekannte waren.
Honoka hatte die beiden Jungen längst hinter sich zurückgelassen und stürmte den drei Ankömmlingen ohne jegliche Scheu entgegen.
„Eure Eltern?“, fragte Minoru tonlos, der sich eine Schicht groben Schlamms aus dem Gesicht wischte und mit einem klatschenden Geräusch zum übrigen Schmodder auf den Boden pfefferte. Dieser Tag war einfach von vorne bis hinten zum Kotzen – aber man sollte sich nicht beschweren, wenn man dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen war.
„Unser Vater“, entgegnete Kaito mit fast abwesender Stimme, dann begann er von dem Gestank röchelnd zu husten. Ohne Zweifel, Inuyasha war schwer zu übersehen. Der erwachsene Han'yō war in einen auffälligen Suikan gekleidet, einer Kombination aus einer feuerroten langärmeligen Jacke und ebenso stechend gefärbter, ausfallender Hose. Beinahe mühelos trug er eine Klinge auf der Schulter, die mindestens so groß war wie er selbst, und ließ sie ungeduldig auf und ab wippen. Die aufgebrachte Wut in seinen goldenen Augen hätte durchaus mit dem kalten Zorn seines Halbbruders konkurrieren können.
Honoka lief auf ihn zu und warf sich dem vor Wut beinahe kochenden Mann mit erschreckender Zuversicht um den Hals, küsste seine Wange und schmiegte sich an seine Schulter wie an ein weiches Kissen. Als dieser mit unbeirrt erboster Miene das Schwert zur Seite rutschen ließ und den Arm um sie legte, entschied Minoru, dass er mit dieser Angelegenheit nichts weiter zu tun hatte. Mit einem vom widerlichen Saugen des anhänglichen Schlammes untermalten Geräusch stieg er auf festeren Boden und kniete neben einem einzelnen, etwa faustgroßen Brocken nieder, der wenige Minuten zuvor noch Teil eines Drachen gewesen war. Der faulige Gestank, der von dem Gewebe ausging, war auf empfindlichste Weise abstoßend und mit nichts zu vergleichen – nicht einmal mit dem Räuchersammelsorium eines ganzen Klosters. Er stieß den Brocken mit einer Klaue an und betrachtete ihn eine Weile, während Kaito in seiner Nähe bereits angewidert das Gesicht verzog.
„Tod“, entschied Minoru schließlich leise.
Kaito schnaubte höhnisch. „Ach, was du nicht sagst.“
Der Yōkai erwischte sich dabei, wie er mit den Augen rollte und Kaito einen genervten Blick zuwarf. Er richtete sich auf und trat den Klumpen seinem Cousin entgegen. Er landete zerteilt und ein wenig matschig zu dessen Füßen, lief beinahe auseinander wie längst von Verwesung zersetztes Fleisch und verbreitete seinen Gestank mit ebenso ausbreitender Intensität pestilenzartig in der Umgebung. Kaito zog erneut den Ärmel vor das Gesicht und musste mit einem leisen Schnauben zugestehen, dass dieser verschlammte Yōkai recht hatte: Diese Drachen hatten nicht erst vor wenigen Minuten ihr Ende gefunden. Wie war das möglich?
„Wo steckt er also?“, schnarrte es plötzlich direkt neben Minoru und er wandte sich in kalkulierter, aber wenig ehrlicher Ruhe zu seinem Onkel um. Dieser Mann sah seinem Vater durchaus ähnlich. Hochgewachsen, wenn auch ein wenig kleiner als der Fürst des Westens, besaß er dieselben goldfarbenen Augen und das weiße, lange Haar trug er ebenso offen wie der Taishō das Seine. Aber darüber hinaus hatten sie wenig gemein, insbesondere die anhaltende, distanzierte Erhabenheit des Fürsten ging seinem Halbbruder vollends ab und auch wenn Bewegung und Haltung seines Onkels selbstbewusst und impulsiv anmuteten, so reichte seine Ausstrahlung doch nicht im Mindesten an die vereinnahmende Präsenz von Personen wie etwa Nobus heran.
„Ist es also wahr“, brummte der Han'yō ohne eine Antwort abzuwarten und musterte Minoru, als müsse er sich versichern, nicht einem seltsamen, seltenen Tier gegenüber zu stehen. Minorus Stimmung verfinsterte sich fast schlagartig. Hier hatte jemand geplaudert. Sein Blick wanderte flüchtig an Inuyasha vorbei und fixierte die beiden Menschen, die er mitgebracht hatte. Der riesige Bumerang, der zuvor in den Kampf eingetreten war, ruhte auf der Schulter einer schlanken Dämonenjägerin in dunklem Kampfanzug, die sich an der Seite eines ebenfalls dunkel gekleideten Mannes hielt; dem Stab und dem Kesa - der Robe eines Buddhisten - nach zu urteilen sehr wahrscheinlich ein Mönch. Misstrauen in Sekundenbruchteilen zu überwinden war noch nie seine Stärke gewesen, ganz besonders nicht bei solchen Menschenschlägen. Andererseits hätte sein Vater sie kaum allein in Richtung des Dorfes gesandt, wenn er davon ausgegangen wäre, dass die dortigen Anwohner eine Bedrohung darstellten. So versuchte Minoru zumindest einen Teil seiner Anspannung zu lösen. Er musterte seinen Onkel, der sein Schwert mittlerweile wieder geschultert hielt. Breit wie ein Kinderarm war es an den geschwungen Stelle, in deren Nähe das Schwert zum Ende hin spitz zulief, als handle es sich um einen übergroßen Fangzahn mit Schwertgriff. Tetsusaiga. Dafür brauchte Minoru nicht einmal die Erläuterung des verschollenen Flohgeistes, der sich seit Tagen nicht mehr hatte blicken lassen. Durchaus imposant und deutlich verheerend, aber mit Sicherheit auch schwer und unhandlich. Als Inuyasha den Blick des Jungen bemerkte, zog er die Waffe ein kaum merkliches Stück näher an sich heran; knurrte gereizt – und verspielte sich augenblicklich sämtliche Chancen einer vernünftigen Unterhaltung. Kaito, der die Szene verfolgt hatte, reagierte ebenso sonderbar wie sein Vater und legte die Ohren auch noch in einiger Entfernung eng an. Der einzige, der den plötzlichen Stimmungsumschwung nicht verstand, war Minoru, der nicht ahnen konnte, dass der Zwist zwischen ihren Vätern neben einigen anderen Gründen vorwiegend die Erbansprüche auf dieses Schwert betraf, das, wie Tenseiga auch, aus dem Fangzahn seines Großvaters geschmiedet worden war.
Die beiden Halbdämonen wären in ihren aufkeimenden, vernichtenden Vorurteilen gegenüber ihrer jungen, vollblütigen Verwandtschaft herb enttäuscht worden, wenn sie nur geahnt hätten, wie wenig Minoru tatsächlich von diesen Dingen wusste.
Der konnte die plötzlich aufkommende Feindseligkeit nicht einordnen und nahm augenblicklich eine unterschwellig distanzierte Haltung an, deren ablehnende Note einen kalten Graben zwischen die Anwesenden zog. Das war mehr als Minoru je nach Außen hatte dringen lassen wollen. Er war vor ein paar Tagen unüberlegt in einen Kampf gelaufen, ja, aber hier war er sich sicher, dass er diesem Mann nicht einmal im Traum die Stirn zu bieten vermochte – oder gar wollte. Dennoch war da etwas, das ihm verbot, sich derart harsch und unbegreiflich behandeln zu lassen. Wo Nobu einst mit Recht die Ansicht vertreten hatte, Minoru besitze die für Hunde seltene Gabe, den Stolz im rechten Moment herunterzuschlucken, hatte er gleichwohl auch geahnt, dass auch diese Tugend ihre Grenzen hatte – und ein Mann, den er weder kannte noch traute, der ihn scheinbar grundlos anfeindete, nicht einmal die Tageszeit sagen konnte und sich im Allgemeinen abwertend verhielt, durfte nicht mit Freundlichkeiten rechnen; Rettung hin oder her. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand der junge Hund ein solch barsches Verhalten als vollkommen unangemessen und verwerflich. Statt auf irgendetwas zu antworten reagierte er überhaupt nicht.
Inuyasha, den allein schon die Ähnlichkeit des Sohnes zum Vater gereizt hatte, war nicht sonderlich erfreut, als sich nun auch gewisse Verhaltensweisen in diesem Zwerg widerspiegelten, die er an seinem großen Bruder auch noch nach Jahrzehnten hasste. Dass er selbst Auslöser dieses Verhaltens war, kam ihm nicht in den Sinn.
Honoka, die die Situation mit einigen schlechten Vorahnungen verfolgt hatte, erwies sich als deutlich geschickter und entschärfend.
„Sesshōmaru-sama hat uns vorausgeschickt, als uns diese Dämonen umzingelt hatten“, antwortete sie an Minoru stelle und trat von hinten an ihren Vater heran. „Nur diese beiden haben uns gestellt und wäre der See nicht gewesen, hätten wir das Dorf bestimmt erreicht.“
„Es ist noch weit bis nach Hause“, warf der Mönch streng ein. Miroku, der sich ein wenig auf seinen Stab stützte, war mit seiner Frau ebenfalls näher heran getreten. Sie sahen alle ein wenig übermüdet und angekratzt, wenn auch erleichtert aus.
Kaito machte daraufhin ein abwertendes Geräusch, das ihm jedoch halb in der Kehle stecken blieb, als die Gelenke in Inuyashas freier Hand warnend knackten.
Sango ergriff deeskalierend, aber auch verwirrt das Wort. „Wie lange ist das her?“
„Einige Stunden“, antwortete Honoka.
„Yōkai wie diese?“, verlangte Inuyasha zu wissen. „Keh! Als wenn Sesshōmaru für ein Dutzend von ihnen mehr als einige Sekunden opfern würde.“
„Es sieht ihm nicht ähnlich, Situationen zuzulassen, deren unglücklicher Ausgang auf ihn zurückfallen könnte“, merkte Miroku nachdenklich an und legte die Stirn in Falten. „Er hätte nicht zugelassen, dass wir seinen Sohn retten müssen, wenn es vermeidbar gewesen wäre. Der Schuld nimmt er sich nicht unbedacht an.“
Minoru wäre beinahe ein sehr abfälliger Ton entwichen. Die Sprachen von Schuld? Wirklich? Als habe der Inu no Taishō nichts Besseres zu tun als zwei ausgerissene Kinder durch halb Japan zu eskortieren! Wer stand hier wohl in wessen Schuld? Dass er jedoch längst zu ihnen aufgeschlossen haben sollte, war auch Minoru bewusst. Eine Position wie seine hielt man nicht inne, weil man sich von einigen Würmern die Stirn bieten ließ – untot hin oder her.
„Du solltest nach ihnen sehen, Inuyasha“, riet Sango mit einem Anflug von Besorgnis, die eher Rin als dem Herrn des Westens galt. „Wir bringen derweil die Kinder zu Kagome.“
Wieder stieß Inuyasha ein eher von Unwillen zeugendes Geräusch aus, brummte dann aber irgendetwas, das nach einer Zustimmung klang. Er betrachtete seine Kinder einen langen Augenblick, dann strich er Honoka durch das verdreckte Haar und legte Kaito für einen Moment eine Hand auf die Schulter, bevor er mit langen Sprüngen zwischen nahestehenden Bäumen verschwand. Minoru sah ihm still nach. Langsam wurde ihm diese Familiensache eindeutig zu kompliziert.

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Zur Verbildlichung der Gemengelage einmal eine Veranschaulichung des Südens.
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