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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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11.04.2016 6.828
 
Hallo zusammen!
Vielen, vielen Dank für nun schon fast 1100 Views! Ich freue mich wirklich unheimlich!

Was bisher geschah ...
Kaito und Honoka durchstreifen die leergefegten Wehrkreise, deren Bewohner ihnen aus dem Weg gehen. Sie werden schließlich von Kanae aufgegabelt, die sie zum Palast bringt. Dort teilt Rin ihnen mit, dass sie sie nach Hause begleiten wird - zusammen mit Sesshōmaru und Minoru.
Minoru ist währenddessen auf dem Arbeitstisch seines Vaters eingeschlafen, welcher zu einer Unterredung mit dem Generaleutnant gerufen wird.
Der überreicht ihm eine Nachricht von Akio, einem weit östlich siedelnden Ratsmitglied, der an den Grenzen Bewegungen der Panther ausgemacht hat. Sesshōmaru will sich zunächst selbst gen Osten wenden, doch Ryouichi kann den Fürsten überzeugen, stattdessen die Kinder nach Musashi zu eskortieren und die Panther dem Heer zu überlassen.

  ҉
Wie eine ernstzunehmende Drohung hingen die grauen Wolken tief über den gebirgigen Waldabschnitten, die sie nun seit Tagen durchstreiften und doch fiel nie auch nur ein einzelner Tropfen auf den frühlingskalten Boden. Kaito hielt sich in dem Tross möglichst schützend an der Seite seiner kleinen Schwester – auch wenn dies bedeutete seinem Onkel unbehaglich nah sein zu müssen. Honoka hatte mittlerweile aufgegeben, ihrem Bruder dieses Verhalten zu untersagen und unterhielt sich mit Rin über die kleinen und größeren Ereignisse im Dorf, als sei jede mögliche Gefahr und in erster Linie Kaito nichts als reinste, klare Luft. Im Grunde tat das jeder hier. Allen voran der Fürst, der seiner nicht einmal halbblütigen Verwandtschaft beim Aufbruch in frühsten Morgenstunden lediglich einen kalten, prüfenden Blick zugeworfen hatte und seitdem noch schweigsamer gewesen war als sein arroganter Sohn, der sich in den letzten Tagen nur alle paar Stunden bei der Gruppe hatte sehen lassen. Die übrige Zeit war er als ein mittlerweile nicht mehr ganz weißer Hund umhergestreunt; mal knapp hinter ihnen, oftmals jedoch die Reisenden flankierend und zwischen all dem jungen, sprießenden Grün nur als heller Schimmer zu erkennen. Erst gegen Abend, kurz bevor sie rasteten, war Minoru stets zu den Übrigen zurückgekehrt und hatte sich in einigem Abstand am kühlen Boden zusammengerollt.
Nachdem sie jedoch am Mittag die Westgrenzen hinter sich gelassen hatten und nun schon seit einiger Zeit in die weiträumigen Ebenen abstiegen, die ganz im Osten auf den Pazifik trafen, hatte er sich der Gruppe unerwartet angeschlossen, wenngleich er sich immer noch deutlich am Rand der unfreiwilligen Gemeinschaft aufhielt und mit keinem das Gespräch suchte.
Im Gegensatz zur schlichten Kleidung, die er bei ihrem ersten Treffen im Wald getragen hatte, gab der auffallende Kimono, schneeweiß mit dunkelrotem Ärmelsaum, deutlich mehr Aufschluss über seine gehobene Stellung. Der dunkelbraune Obi, mit roten Einflüssen verziert, war jedoch um einiges zu lang und Minoru hatte ihn mehrfach um die Hüfte binden müssen, um den Stoff zu bändigen. Der Junge war im Allgemeinen etwas zu klein und schmächtig geraten, reichte Kaito gerade einmal bis zur Schulter und wirkte vor allem in der Nähe seines eindrucksvollen, hochgewachsenen Vaters eher wie ein Kind als ein Jugendlicher, der kaum viel jünger sein konnte als Kaito selbst es war. Das alles war ihm zwar schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, aber mit dem Wissen, dass dieser Wicht der Sohn seines weithin gefürchteten Onkels sein sollte, wurden diese Erkenntnisse fast aberwitzig. Kaito war selbst schlank, aber gut einen Kopf größer als sein Vetter und im Gegensatz zu ihm den Umgang mit Waffen von Kindesbeinen an gewohnt. Inuyasha hatte Wert darauf gelegt, dass seine Kinder nicht unerfahren und schutzlos in der Welt herumirrten, wie er es einst getan hatte und brachte dabei eine für ihn ungewöhnliche Form von Geduld auf, von der Honoka allerdings eher profitierte als ihr Bruder, der seinen Vater des Öfteren wutschnaubend und schreiend erlebt hatte. Zum Glück hielten so anstrengende Gemütszustände, in denen er entweder so gut wie gar nichts sagte oder nur bissige Antworten gab, kaum lange an und endeten spätestens mit einem mahnenden Blick ihrer Mutter sehr abrupt.
Diese Unart, die ihr Vater bei schlechter Laune entwickelte, schien jedoch beim Rest der Familie ein unangenehmer Dauerzustand zu sein. Während Rin und Honoka sich unbeschwert unterhielten oder gleichsam mit klarer Stimme alte Lieder sagen, sagte keiner der beiden Yōkai auch nur ein Wort oder tat etwas anderes als stur einem Weg zu folgen, den nur sie kannten, der aber zugegebener Weise deutlich angenehmer war als der, den Kaito und Honoka in den Westen genommen hatten. Er strich zum wiederholten Male mit der flachen Hand über die hölzerne Schwertscheide seines Wakizashi. Der Chūyō hatte ihn zwar mit einem fragwürdigen Lächeln darauf hingewiesen, dass er in Zukunft besser auf sein Schwert achten solle, es ihm aber vor dem Aufbruch aus dem Palast unbeschadet wieder ausgehändigt. Der Spinner hielt sich vermutlich auch noch für einen amüsanten Zeitgenossen.
Minoru hingegen trug ein deutlich längeres, aber ebenso einfaches Katana an seiner Seite, und auch Honoka hatte man nicht wehrlos auf die Reise geschickt. Über ihrer Schulter hingen ein neuer Kurzbogen aus Ulmenholz und ein dunkler, mit Urushi lackierter Bambusköcher voller Pfeile. Auch Kaito hatte von seiner Mutter einiges im Umgang mit einem Bogen gelernt, aber er hatte früh bemerkt, dass ihm im frontalen Kampf die nötige Ruhe für diese Waffe fehlte. So war Kaito zumindest hinsichtlich des Reisezieles und der Ausrüstung beruhigter.
„Shippō hat erst kürzlich die Akademie abgeschlossen“, berichtete Honoka, als Rin sich nach den anderen Dorfbewohnern erkundigte. „Er ist auf dem besten Weg ein mächtiger Fuchsdämon zu werden, so wie er es immer wollte.“
„Nun schon?“, fragte Rin erstaunt. „Ich dachte, so eine Ausbildung dauert viel länger.“
„Tut sie. Er ist jetzt in den Süden gegangen, um am dortigen Hof weiter zu lernen und je nachdem, wie es dort läuft, kann er sich weitere Lehrmeister suchen. Von Vater und den anderen konnte er viel lernen, hat er gesagt, aber sie sind eben doch keine Kitsune.“
„Nein... natürlich nicht. Es freut mich sehr für ihn, dass er seinen Weg gefunden hat. Aber das war nicht anders zu erwarten, so quirlig und überzeugt wie er immer war. Und was ist mit Saki und Mei?“
Honoka blieb einen Moment still, als die Sprache auf die Zwillingsmädchen von Sango und Miroku fiel. „Sie wollen jetzt unbedingt mit Kohaku und Kirara auf Dämonenjagd gehen“, antwortete sie schließlich. „Aber er sträubt sich dagegen, sie mitzunehmen.“
„Nun ja, Kohaku ist an ein Leben in Gesellschaft nicht mehr gewöhnt. Es ist nur verständlich, dass er zögert. Vor allem, wenn die Mädchen genauso von ihrer Mutter und den anderen lernen könnten, wenn sie wirklich Dämonenjäger werden wollen. Euer Vater nimmt Kaito doch genauso zu den Aufträgen mit, da wäre es nur gerecht, wenn Mirokus Töchter ihn auch begleiten könnten.“
Honoka warf einen kurzen, zögernden Blick über die Schulter, sah ihren Bruder einen Moment lang flüchtig an und schaute wieder gen Boden, als sie bemerkte, wie ausdruckslos seine Miene war. „Schon“, meinte sie letztlich. „Aber das ist nicht was sie wollen, schätze ich.“
Rin schüttelte verständnislos den Kopf und schob ihr die feine, violett-weiße Blüte einer Sternhyazinthe in das geflochtene, graue Haar „Dann ist es ihre eigene Schuld, wenn sie im Dorf verschimmeln.“
„Zumindest Saki ist der Meinung, dass das nicht förderlich für ihre späteren Geschäfte wäre“, fügte Honoka leise hinzu und nun spitzte auch Kaito die Ohren. Rin sah sie verdutzt an, aber Honoka schwieg und kaute mit einem Mal auf ihrer Unterlippe als habe sie ein Thema angesprochen, über das sie dringend reden wollte, aber nicht auszuführen vermochte.
„Das ist doch unsinnig. Warum denkt sie das?“
„Meinetwegen“, erriet Kaito leichthin als handle es sich um eine unschädliche Selbstverständlichkeit, mit der er ohnehin gerechnet hatte – was in diesem Fall aber durchweg nicht der Wahrheit entsprach.
Rin drehte sich zu ihm um und blieb stehen. „Deinetwegen? Das ist doch wohl nicht dein Ernst.“
Als jedoch Honoka nichts Gegenteiliges sagte und nicht einmal wagte, ihren Bruder anzusehen, sah er sich bestätigt. „Sich mit einem Han'yō zu umgeben, muss für einen Taijiya geschäftsschädigend sein“, vermutete er fast höhnisch. „Freundschaft hin oder her. Und um mir das ins Gesicht zu sagen, waren sie sicherlich zu feige.“
„Du hast diesem alten Mann die Nase gebrochen“, erinnerte Honoka ihn flüsternd. „Natürlich haben sie Angst.“
„Dann sollten sie ihre Berufswünsche besser an den Nagel hängen“, fauchte er wütend. „Dieser alte Sack kann froh sein, dass es nur seine Nase gewesen ist und du hättest mir das gleich sagen können!“
„Dann hättest du sie zur Rede gestellt!“
Ihrem Bruder stellten sich die Nackenhaare auf. „Worauf du Gift nehmen kannst.“
„Welchem Mann hast du die Nase gebrochen?“, fragte Rin streng, die derartige Ausbrüche von Kaito nicht unbedingt gewohnt war.
„Das ist doch völlig irrelevant“, schnappte Kaito und fixierte seine Schwester. „Hinterrücks zu meiner kleinen Schwester zu gehen! Die sind doch nicht mehr gescheit! Wolltest du deswegen weg?“ „Kaito-“ „Ja oder Nein?!“
Honoka blieb einige Sekunden wie angewurzelt stehen, dann wandte sie sich von ihm und seinen vor Wut glimmenden Augen ab, um einige schnelle Schritte nach vorn zu gehen. Eine offizielle Antwort blieb sie ihm jedoch schuldig.
Kaito konnte unheimlich werden, wenn er wirklich wütend war und sie hatte gewusst, dass er darauf nicht gelassen reagieren würde. Nie jedoch hatte Honoka angenommen, dass einmal so nahestehende Personen die Vorurteile unterstreichen würden, die er seit Jahren hegte – und wenn er erfahren hätte, was sie sonst noch über ihn sagten, wäre er vermutlich gänzlich aus der Haut gefahren. Sie hatte genug Schmähungen in ihrem jungen Leben vernommen, aber bisher hatte sie immer gedacht, die Menschen seien einfach durch Angst in ihrer Wahrnehmung beschränkt und wüssten es schlicht nicht besser. Als die Zwillinge – oder zumindest Saki, denn Mei widersprach ihrer Schwester selten und gab ihre eigene Meinung wenig kund – ihre Bedenken in freundlichstem Ton geäußert hatten, war Honoka derart vor den Kopf gestoßen gewesen, dass sie die beiden ohne jeglichen Kommentar hatte sitzen lassen. Kaito hatte den Mädchen nie geschadet, war, ganz im Gegenteil, hilfsbereit und freundlich gewesen wie zu jedem im Dorf, der sich auch ihm und seiner Familie gegenüber wohlgesonnen verhielt. Dass er dazu in der Lage war, einen Menschen ernsthaft zu verletzen und den Mann sicher schlimmer zugerichtet hätte, wenn ihre Mutter nicht augenblicklich dazwischen gegangen wäre, war auch für Honoka verstörend gewesen, aber je mehr sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, dass er in den letzten Jahren eine Ader entwickelt hatte, die sie durchaus fürchtete – nicht um ihretwillen, denn ihr würde er mit Sicherheit kein Haar krümmen. Und doch hatte sie es ihm nicht sagen können und allein nicht sagen wollen. Er wäre niemals mit ihr in den Westen gegangen, wenn er auf dem Weg von den Umständen erfahren hätte, die sie zum Ausreißen getrieben hatten; ja, eher direkt umgedreht, um die Zwillinge zur Rede zu stellen.
Aber sie hatten nach Westen gehen müssen. Familie war der einzig konstante und vorurteilsfreie Zusammenhalt nachdem nun auch indirekte Anfeindungen seitens ihrer Freunde aufkamen – und der Rest der Familie war nun einmal im Westen. Für ihn und für sich selbst, für ihre Eltern und das ungeborene Geschwisterkind hatte sie sich nichts mehr gewünscht als etwas mehr Sicherheit und Zusammenhalt, aber bisher war davon von Seiten der Yōkai wenig zu spüren. Sie behandelten sie nicht herablassend oder grausam, wie man es von Dämonen vielleicht erwartet hätte, sondern eher wie Luft. Nur Rin hielt wie immer unerschütterlich zu ihnen – Rin, die sich noch nie daran gestört hatte, ob es sich bei ihrem Gegenüber um einen vollwertigen, blutrünstigen Dämon oder unerfahrenen Han'yō gehandelte. Wirklich schlechte Erfahrungen hatte sie nur mit Menschen und Wölfen gemacht und allein aufgrund ihrer Erlebnisse basierte die Vorsicht, die sie mit diesen walten ließ.
Honoka schauderte, als Kaito sie wutschnaubend abermals um eine Antwort anrief.
„Könntet ihr euch leiser streiten?“, fragte da plötzlich Minoru, während dem Mädchen die Tränen in die Augen stiegen. „Ich wäre sehr verbunden.“
Kaito richtete den Blick vernichtend knurrend auf seinen Cousin und fletschte mit einem Mal die Zähne. „Willst du mir was vorschreiben, du halbe Portion Hund? Sind wir den feinen Ohren der Herrschaft etwa zu laut?“ Minoru warf einen prüfenden Blick auf Kaito, war aber auch nicht sonderlich erpicht darauf, diese dämliche Herausforderung anzunehmen und sah seufzend wieder nach vorn.
„Was?!“, hakte Kaito gereizt nach und vergaß dabei völlig, dass er dem Welpen drohte, während der Vater sicherlich nicht so teilnahmslos war, wie er sich gab.
„Kaito! Es ist unnötig, wegen solchen Dingen die Stimme zu heben“, mahnte Rin in einem scharfen Ton. „Minoru wollte sicherlich nicht-“
„Von wegen!“ Kaito hatte die Ohren eng an den Kopf gepresst und funkelte Minorus Rücken immer noch wütend an. „Komm schon, Kleiner. Haben deine Eltern dir nicht beigebracht, dass man Wege bis zum Ende geht oder hast du einfach nur Angst?“
„Holzkopf“, brummte Minoru und schob die Hände tiefer in die Ärmel.
Rin seufzte laut. „Oh Minoru, bitte -“ Sie sprang erschrocken zurück, als Kaito knurrend auf die Stelle niederfuhr, an der einen Sekundenbruchteil vorher noch Minoru gestanden hatte. Der landete einige Meter weiter vorn in verspottender Ruhe wieder auf dem Boden und musterte seinen Vetter mit abschätzigem Blick. „Wie vorhersehbar.“
„Du hältst dich wohl für sehr toll!“, fauchte Kaito scharf. „Bleib einfach stehen, dann sehen wir ja, was hinter deinem großen Mundwerk steckt.“ Er legte eine Hand an den Griff seines Schwertes und spannte jeden vorhanden Muskel an, als Minoru lediglich unberührt mit der Zunge schnalzte.
„Bitte. Tu es. Ich glaube, bisher hat nur der halbe Wald mitbekommen, wo wir sind.“
„Minoru hat recht“, fuhr Rin abermals bestimmt dazwischen und stellte sich nun vor den Han'yo, um eine Hand auf seinen Schwertgriff zu legen. „Wir sollten leiser sein. Und friedlicher.“
Sie bedachte Kaito mit einem strengen Blick, der langsam die Hand von der Waffe nahm und sich nur mühsam beruhigte, dann schüttelte sie tief seufzend den Kopf. Warum konnten sie sich nicht einfach vertragen? Vorsichtig wandte sie sich ab und legte Honoka einen Arm um die Schulter, drückte die Wange an ihr Haar. „Liebes. Nicht weinen. Es war gut gemeint, die Zwillinge und Kaito gleichermaßen schützen zu wollen, aber du solltest nicht versuchen, so schwierige und verletzende Dinge allein zu tragen. Es ist nicht anständig, dich hinein zu ziehen, weil sie Angst vor deinem Bruder haben. Und wir wissen beide, dass Kaito eigentlich nicht zum Fürchten ist.“
Dieser brummte leise, strich sich einige Haare über die Schulter zurück und betrachtete Minoru noch einen Moment. Der ging längst weiter, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen.

Mit der Dämmerung wurden ihre Schritte kürzer und hielten letztlich an einem sprudelnden, klaren Flusslauf voller Forellen. Der Fürst war wieder einmal verschwunden, wie es des Öfteren seine Art war und mittlerweile wunderte es niemanden mehr, dass er von einer Minute auf die andere nirgends mehr zu sehen war. Am allerwenigsten Rin, die mit bis zu den Knien aufgebundenen Kimono im eiskalten Wasser stand und versuchte, einen der flinken Fische zu fangen. Sie war es gewohnt, dass er ging, wann immer es ihm beliebte und zurückkehrte, wenn es nötig war oder er seine Angelegenheiten – welcher Natur auch immer – erledigt hatte. Seine Abwesenheit bedeutete jedoch in keinem Falle Schutzlosigkeit. So viel war sicher.
Mit einer gezielten, schnellen Bewegung stieß sie in die Fluten und trug die zappelnde, schlüpfrige Forelle mit geübtem Griff ans Ufer. Honoka sah ihr ungläubig nach. Sie war bereits im Wasser weggerutscht, nun bis auf die Knochen durchnässt, hatte zwei Fische vollkommen verfehlt und den dritten fallen lassen, als er zu zappeln begonnen hatte – während Rin so souverän wirkte, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan als Fische mit bloßen Händen zu fangen.
Kaito hob anerkennend eine Braue, dann widmete er sich wieder seiner Forelle, die er hinter einem Felsen gestellt hatte. Beinahe gelassen stand sie in der strömungsberuhigten Zone hinter dem Stein und schlug gleichmäßig ruhig mit ihrer Schwanzflosse dem letzten treibenden Strom entgegen. Dann eine schnelle Bewegung – und fort war sie. Der Han'yō knirschte mit den Zähnen und sah brummend auf. Der Einzige, der sich hier offenkundig zu fein dafür war, das Abendessen zusammenzutragen, war Minoru. Der saß in Form dieses vermaledeiten, weißen Hundes am Ufer, ließ sich die frische Abendluft um die schwarze Nase wehen und tat seit einer gefühlten Ewigkeit nichts anderes als gelangweilt auf den Fluss zu sehen oder die Ferne zu beobachten.
„Das gibt es doch nicht“, fluchte Honoka, als ihr auch der nächste Fisch wieder aus den Händen rutschte. „Das kann doch nicht so schwer sein!“
„Du hast Klauen, Liebes. Benutze sie“, meinte Rin lachend, während sie sich am Ufer niederließ, um den Fang auszunehmen.
„Der arme Fisch!“, protestierte sie vehement und schüttelte sich bei der Vorstellung, eines der schwimmenden Tiere mit den Klauen zu perforieren. „Du schaffst das ja auch!“
Rin lächelte mild. Es hatte Stunden gedauert, bis sich die Anspannung zwischen den Kindern gelegt hatte und es würde deutlich weniger Zeit in Anspruch nehmen, sie wieder aufzubauen. Kaito hatte kein Wort mehr über die Zwillinge oder Minoru verloren und war schließlich zu einer für ihn seltsam distanzierten Normalität zurückgekehrt, woraufhin auch seine Schwester wieder näher an ihn herangetreten war. Für Rin war es befremdlich, ihn so zu erleben und sie war sich sicher, dass diese verletzende Angelegenheit bezüglich der jungen Dämonenjägerinnen für ihn noch lange nicht aus der Welt geschafft war. Dennoch war gut zu sehen, dass er in der Lage war, diesen Unmut im Beisein Unbeteiligter zu beherrschen. Und trotz allem: Rin war nicht blind. Sie hatte den Kotodama no Nenju, die Kette aus heiligen Perlen, die einst sein Vater getragen hatte, um seinen Hals bemerkt. Kagome hatte sie Inuyasha schon vor Jahren abgenommen. Dass sie sie nun ihrem eigenen Sohn umgelegt hatte, war Rin Zeichen genug.
Ein lautes Platschen riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken sah sie auf und beobachtete Minoru, der mit einigen Zügen zurück ans Ufer schwamm und sich das klare Wasser aus dem weichen Fell schüttelte, in dem nun einiger Dreck in hellbraunen Fäden ablief. Zwischen seinen Fängen zappelte eine ersterbende Forelle, die er, Kaitos Schnauben geflissentlich ignorierend, ins Gras fallen ließ.
„Ich kann sie ausnehmen“, bot Rin an, die ihre bereits mit einem ihrer vielen, im Kimono versteckten Messer fachgerecht vorbereitet hatte.
Minoru musterte sie eine Weile mit aufgestellten Ohren, während die Forelle vor ihm das Leben aushauchte. Er kam nicht umhin zugeben zu müssen, dass Rin sich in den letzten Tagen, gerade für einen Menschen, als unerwartet überlebensfähig erwiesen hatte. Sie kannte erstaunlich viele essbare Pflanzen, auch wenn die nicht gerade seine bevorzugte Mahlzeit darstellten, und fischte klaglos in den kältesten Bächen – sehr erfolgreich und noch dazu schneller als er selbst, wenngleich ihre Finger nach einigen Minuten in der kalten Brühe kaum noch Gefühl aufweisen durften. Die Annahme, sie stelle für eine solche Reise nichts als eine Belastung dar, war vollkommen unberechtigt gewesen. Letzten Endes musste Minoru sich eingestehen, dass ihre Anwesenheit längst nicht so unerträglich war, wie er befürchtet hatte und sie zumindest während der vergangenen Monate bestrebt gewesen war, sich nicht weiter aufzudrängen. Für ihre Verhältnisse war mit diesem Verhalten sicher einiges an Anstrengung verbunden gewesen. Er hatte sie nur einige Stunden im Umgang mit den Han'yō beobachten müssen, um zu verstehen, dass sie sehr wohl auf seine selbstgewählte Distanz achtete. Wenn sie nicht gerade mit Honoka plauderte, sangen sie vor sich hin oder Rin verbrachte den halben Nachmittag damit, irgendwelches Grünzeug zu benennen und dessen Wirkung detailliert darzulegen, während sie Honoka an der Hand herumführte oder Kaito neckisch in die Seite stieß, was dessen Miene zumindest aus der mittlerweile eingefahrenen Härte aufweichen ließ. Auch den Fürsten selbst umschwirrte sie hin und wieder, unterhielt sich mit ihm in einem elendig langen Monolog und schien sich dabei nicht im Geringsten daran zu stören, dass sie keinerlei Antwort erhielt. Minoru war sich langsam sicher: Ihn nicht mit ihrem natürlichen Frohsinn zu belästigen hatte Rin sicher ebenso viel abverlangt, wie es ihm an Überwindung kostete, auch nur im Ansatz auf dieses Angebot einzugehen.
Sie musterte ihn immer noch geduldig, musste aber doch breit lächeln, als sich das Fell über den mageren Rippen einen Moment in einem tiefen Atemzug deutlich aufplusterte und er schließlich mit dem Fisch im Maul zu ihr trabte. Diesem Hund ein wenig Vertrauen abzugewinnen war mit Abstand noch schwieriger als dessen Vater zu einer Unterhaltung zu bewegen. Aber man wuchs eben auch nur mit seinen Aufgaben. Als sie ihm den Fisch abnahm, unterdrückte sie den Impuls, die Hand durch das nasse Fell zwischen den Ohren gleiten zu lassen und stieß stattdessen ein Messer in das Herz der Forelle, während Minoru sich neben ihr auf die Hinterbeine sinken ließ und einen Blick zu den Geschwistern in den Fluss warf – sicher nur, um sie nicht ansehen zu müssen. Er war so berechenbar.
„Vom Ufer aus einen Fisch zu fangen ist sicher nicht leicht“, merkte sie vorsichtig an und zu ihrer Überraschung ließ er sich neben ihr mit dem Rücken zuerst ins Gras fallen, schüttelte einen durchnässten Ärmel seines seidenen Kimonos aus und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
„Auf jeden Fall ist es nasser.“ Nun wandte sie doch den Kopf.
„Was?“, fragte er beinahe ungeduldig, als sie ihn einige Sekunden fassungslos anstarrte.
„Wann... wann hast du dich entschieden in eine Konversation einzusteigen?“
„Brauchst du wirklich eine Zeit oder ist das so eine überflüssige Frage, die keine Antwort will?“
Sie blinzelte kurz, dann musste sie laut lachen, wich einem fragenden Blick seinerseits jedoch zügig aus. „Wenn du ohnehin nass bist, könntest du den anderen beiden vielleicht helfen“, schlug sie schließlich vor und erntete dafür nur ein leises Schnauben. „Dass ich mir dir spreche, heißt noch lange nicht, dass ich den Lagerheiligen spiele.“
„Schade. Damit hättest du mich wenigstens gänzlich aus dem Konzept gebracht.“ Sie beendete ihre Arbeit an dem Fisch und ließ das Messer sinken. „Wird es noch lange dauern, bis wir am Dorf ankommen?“
„Soll ich jetzt für dich abschätzen, was lang ist?“, schnappte Minoru und Rin erwischte sich dabei, wie die Muskeln ihres Kiefers unter Spannung gerieten. Nach Schweigen kam also Bissigkeit? Als sie ihn jedoch ansah, bemerkte sie einen Schimmer aufgeweckten Funkelns in seinen Augen. Verwundert musste sie feststellen, dass er sich tatsächlich über sie lustig machte. Humor war das Letzte, das sie erwartet hatte. Andererseits – hatte sein Umgang mit diesem Wolfjungen nicht auch sehr vertraut und neckisch gewirkt?
„Morgen vor Sonnenuntergang, wenn wir das Tempo halten“, antwortete er schließlich auf die eigentliche Bedeutung ihrer Frage und betrachtete die ziehenden, grauen Wolken über sich. Bis zu einem gewissen Punkt konnte Minoru ihre Verbindung zu diesem Dorf sogar verstehen, aber die Aussicht auf ein Menschendorf, in dem man durch die Geschwister sicher erfahren würde, dass er eben kein einfacher junger Hund sondern ein Dämon war, beruhigte ihn nicht gerade. Menschen reagierten unter Umständen unvorhersehbar auf eine mögliche Gefahr und arbeiteten allein schon aufgrund ihrer körperlichen Schwäche mit allen erdenklichen Tricks und in diesem Dorf hauste nach neusten Erkenntnissen auch noch eine ganze Brut von Taijiya. Die Bekanntschaften seines Vaters verwirrten ihn zusehends.
„Das ist gut. Je eher wir dort sind, desto schneller können ihre Eltern wieder ruhig schlafen.“ Dann senkte Rin ein wenig die Stimme. „Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.“
Minoru nickte knapp. Wenn dieser Inuyasha auch nur halb so wütend werden konnte, wie der Fürst, war es bei einer Abwesenheit von einigen Wochen sicher kein Zuckerschlecken, die heimische Schwelle wieder zu übertreten – bei ihm hatten immerhin einige Stunden gereicht, um seinen Vater in einen Zustand zu bringen, den Minoru nicht unbedingt ein zweites Mal erleben musste.
„Er ist ungewöhnlich lange weg“, merkte Minoru schließlich leise an und setzte sich für einen Moment auf, um die Luft besser zu prüfen. Eine unbekannte oder besorgniserregende Witterung lag allerdings nicht darin.
„Keine Sorge“, meinte Rin beruhigend. „Er ist es, vor dem andere sich fürchten.“
„Er ist der Letzte, um den ich mich sorge.“
„Oh, das wird er aber nicht gern hören“, gab sie frech zurück.
„Wenn du anfängst, mir die Worte im Mund umzudrehen, kannst du wieder Selbstgespräche führen.“
Sie lachte laut auf. „Aber es stimmt, er ist heute Abend länger fort als in den letzten Tagen. In Anbetracht der Streitigkeiten heute Nachmittag aber auch nur verständlich. Wir waren sehr laut, da muss er erst einmal sehen, wer auf uns aufmerksam geworden ist. Außerdem ist es nicht seine Art, den ganzen Tag in der Gruppe umherzustreifen. Früher ist er manchmal für mehrere Tage verschwunden und genauso plötzlich wieder bei uns aufgetaucht. Jaken ist jedes Mal vor Angst fast gestorben, wenn er allein auf mich aufpassen musste. Aber erinner' ihn bloß nicht daran.“
„Schwer möglich. Seit meiner Ankunft in der Burg ist er mir kaum mehr unter die Augen gekommen.“
Rin sah ihn eine Weile nachdenklich an, dann legte sie den Kopf schief. „Weißt du nicht, wo er steckt?“ Minoru zog eine Braue hoch und sah sie vielsagend an.
„Er und A-Un suchen Sesshōmaru-samas Mutter“, erklärte sie ein wenig verblüfft. „Ich dachte, das hätte er dir gesagt. Das ist noch schwieriger als zu erraten, wann er zurückkommt. Er selbst hat einmal mehrere Wochen gebraucht, um sie aufzuspüren. Dass Jaken nun schon fast zwei Monate fort ist, wundert mich gar nicht. Aber Sesshōmaru-sama konnte sie kaum selbst suchen gehen und so hat Jaken dich zumindest eine Weile in Ruhe gelassen. Er ist sonst viel zu neugierig – und weiß noch weniger, wann er den Mund halten muss als ich.“
Minoru sah sie eine Weile nachdenklich an. Jaken suchte also nach seiner Großmutter? Nun, er hätte es spätestens erfahren, wenn diese Frau im Palast aufgetaucht wäre. Hatte er eigentlich tatsächlich gedacht, die ganze Familie bestünde nur aus seinem Vater und dessen Halbbruder samt Anhang? Er konnte es Myōga nicht verdenken, diese Feinheiten verschwiegen zu haben, immerhin hatte er ihm diesbezüglich selbst den Mund verboten. Eine so hochgestellte Inuyōkai wie es die Mutter des derzeitigen Fürsten mit Sicherheit war, bereitete ihm allerdings allein bei dem Gedanken an ihre Existenz Magenschmerzen. Es ergab jedoch Sinn, dass der Fürst einen seiner Leute nach ihr sandte. Wenn er nämlich recht behielt und sich die Nachricht eines westlichen Erben im Land verbreitete, wäre die einstige Fürstin sicherlich nicht sehr dankbar, wenn sie diese Kleinigkeit aus zweiter oder dritter Hand erfuhr – wenn sie nicht schon schnippisch genug darauf reagieren würde, es von einem Kappa zu erfahren. Minoru kannte nicht viele Inuyōkai und noch viel weniger weibliche Angehörige seiner Art, aber bisher hatte sich diese Bevölkerungsgruppe als sehr leicht reizbar in sein Gedächtnis eingebrannt. Und wie sollte eine Frau sein, die einen Mann wie seinen Vater erzogen hatte? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und Rin, die das durchaus sah, verzog ein wenig das Gesicht, als verstehe sie nur zu genau, was er gerade dachte.
„Bestimmt hat Sesshōmaru-sama es dir nicht gesagt, um dich nicht gleich mit einem Ansturm fremder Leute zu bedrängen. Deswegen hat er schließlich auch den Großteil des Palastes von dir fern gehalten. Mach dir keine Gedanken um deine Großmutter. Sie hat mit einer spitzen Bemerkung abgetan, dass er mich mit sich herumschleppt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie bezüglich eines vollblütigen Erben viel Schlechtes zu sagen hat.“
Sicher, dachte Minoru bitter, du bist auch nicht Teil ihrer Reputation, wenn du falsch atmest.

Es war Abend geworden und bald darauf kam die Stille der Nacht. Während der letzte Rest Forelle in der Nähe des Feuers warm gehalten wurde, schliefen die Kinder bereits. Honoka lag erschöpft in den Armen ihres Bruders, der den Rücken an eine mächtige Eiche gelehnt hatte und Minoru in einiger Entfernung zum kleinen, Licht spendenden Lagerfeuer. Wie ein einziger, weicher Hügel weißen Fells hatte er sich am Boden zusammengedreht und atmete sacht. Seiner neuerlichen Redsamkeit zum Trotze mied er die direkte Nähe der Gruppe in der Nacht.
Rin legte noch einmal einige dünne Äste nach, um das Feuer am Leben zu halten und erschrak weder sichtbar noch im Innersten, als sie sich wieder umwandte und Sesshōmaru in der tiefen Dunkelheit unter einer jungen Buche an der schroffen Rinde lehnte. Seine helle Kleidung und das weiße Haar stachen aus der Finsternis hervor als bildeten sie einen neuen Leuchtkörper am schwarzen Firmament. Rin ließ sich ganz selbstverständlich an seiner Seite niedersinken und legte ihren Kopf sacht an den Oberarm des Fürsten. Erschöpft seufzend schloss sie die Augen.
Er hatte sich wohl weißlich die gesamte Reise über aus den Unterhaltungen und Streitigkeiten der Jugend herausgehalten. Rin hingegen war unendlich müde.
Über die bloßen Friedensbemühungen hinaus wurde sie das bedrückende Gefühl nicht los, dass sie seit dem Streit der Geschwister überschattete als wandle eine dunkle Wolke mit ihren Schritten durch die Lande. Sie hatte beide Kinder seit dem Augenblick ihrer Geburt begleitet, ebenso die Zwillinge. Und nun, kaum dass sie ein Jahr fort gewesen war, hatten sich diese vertrauten Seelen auf so verletzende Weise zerstritten, dass es sie tief und anhaltend schmerzte. Ihr war bewusst, dass die Mädchen von Sango und Miroku mit Sicherheit keine persönliche Abneigung gegen die Halbdämonen hegten, dennoch schien es nur zu deutlich, dass sie wider besseren Wissens lieber ihre Freunde verneinten als von anderen Menschen schlecht angesehen zu werden.
Kaito... sie konnte nur von Glück sprechen, dass es Minoru scheinbar gänzlich an Streitsucht und einem leicht verletzlichen Ego mangelte. Die vielen herausfordernden Blicke und Bemerkungen schienen ihn nicht zu erreichen. Es war jedoch fraglich wie lange diese tolerante Geduld noch Bestand hätte. Kaito hatte schon immer das große Talent besessen, Situationen mit Leichtigkeit zu erfassen – und es selten dämlich genutzt, um bewusst und unbewusst Salz in die feinsten Wunden zu streuen. Sie fürchtete den Moment, in dem Minoru entschied, bestimmte Dinge nicht mehr zu ignorieren; insbesondere, wenn Sesshōmaru abwesend war. All ihre Möglichkeiten einen solchen Moment zu entschärfen endeten bei ihrer bloßen Existenz und addierten sich zu einem einzigen, riesigen Nulleffekt, der dem feindlichen Aufeinandertreffen der Jungen nichts entgegenzusetzen hatte. Aber vielleicht war diese Angst auch unbegründet. Sie mussten nur noch einen einzigen Tagesmarsch in seidiger Eintracht verbringen. Einmal im Dorf hätten die Geschwister genug damit zu tun, sich ihren Eltern zu erklären und Rin bezweifelte zudem stark, dass Minoru viel Zeit in einem Menschendorf verbringen wollte.
„Rin.“
Manchmal waren diese Yōkai einfach zu feinfühlig, auch wenn sich dies meist nur auf ihre Umgebungswahrnehmung beschränkte und so bemerkte er natürlich, wenn sie von so finsteren Gedanken heimgesucht wurde. Schweigend schmiegte sie den Kopf noch ein wenig enger an die glatte Seide seines Oberarmes.
„Ihr seid lang fort gewesen“, sagte sie nach einer Weile leise. „Ihr wurdet vermisst.“
Sie musste lächeln, als er sich ein wenig bewegte und auf sie herabsah. Sie hob den Kopf und erwiderte den leeren Blick gutmütig, dann sah sie zu Minoru, der in einigem Abstand ruhte.
„Er schläft nicht tief, oder?“
„Nie“, erwiderte der Fürst ruhig, bevor er sie abermals still betrachtete.
„Es ist nicht gerecht“, sagte sie nach einer Weile mit belegter Stimme. „All das nicht. Hass, Zerstörung und Tod, die das Shikon no Tama gebracht hat, sind mit ihm und Naraku vergangen und dennoch... dennoch all dies. Intrigen, Kriege, Vorurteile, Kummer und Angst. Selbst die nächste Generation ist nicht in der Lage Frieden zumindest im engsten Kreis zu wahren.“
„Dieser lächerliche Wicht war nicht der Kern allen Unheils. Nur ein kaum nennenswerter Teil davon“, entgegnete Sesshōmaru. „Er hat eine Weile eine Hand voll Leute in Aufregung versetzt und ist von der Welt verschwunden wie Viele vor und nach ihm. Kinder sterben, Frauen werden vergewaltigt, Männer aller Art hintergangen. Das ist nichts Beklagenswertes, nur das Leben.“
„Zynismus.“ „Die Wahrheit.“ „Diese Wahrheit ist verachtenswert“, sie zog sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Findet Ihr es zu viel verlangt, ein wenig Frieden zu wollen?“
Er sah sie mit vielsagendem Blick an und sie schnalzte leise mit der Zunge. „Ja, ich bin mir des Widerspruches durchaus bewusst, ausgerechnet Euch danach zu fragen. Es ist eine Sache Kriege um riesige Landstriche zu führen, aber eine ganz andere diese Fehden verdeckt auszutragen und zuzulassen, dass selbst die Jüngsten Feindschaften aufbauen.“ Er wollte gerade etwas sagen, aber sie fuhr ihm harsch dazwischen. „Kommt mir jetzt nicht damit, dieser Unsinn bilde den Charakter!“
„Du nimmst dir zu viel heraus“, mahnte er sie mit gesetzter Stimme, als Minoru bereits mit den Ohren zuckte. „Und steigerst dich in Unsinn hinein. Diese Auseinandersetzungen sind belanglos.“
„Belanglos?“ zischte sie wütend. „Jemand stiehlt Euren Sohn, um Euch zu schaden und Ihr nennt aufkeimenden Hass innerhalb der Familie belanglos? Streit ist das Letzte, das wir brauchen können – und das wisst Ihr genau, sonst würden wir die beiden nicht zu ihren Eltern eskortieren. Ihr verdrängt diese Angelegenheit öffentlich in die Nichtigkeit. Versucht das nicht auch vor mir. Ich bin zu lange bei Euch, um diese Scharade mitzuspielen.“
„Du vergisst, mit wem du sprichst“, sagte er scharf und hart. „Deine Gefühle für diese Dorfkinder sind deine Sache. Belästige mich nicht mit ihrer irrelevanten Uneinigkeit, nur weil du nicht ertragen kannst, dass sie nicht harmonieren. Ich habe keine Zeit für derartig infantiles Gehabe.“
Ihre rehbraunen Augen funkelten wütend, dann wich die Aufregung in Sekundenbruchteilen einer inneren Ruhe und sie musterte ihn lediglich nachdenklich.
„Ich weiß, wer Ihr seid – und dass niemand wagt, Euch zu widersprechen“, erwiderte sie schließlich entschieden. „Aber diese Dinge sind nicht belanglos. Ja, ich liebe diese Kinder und es schmerzt mich, wenn sie leiden oder sich gegenseitig verletzen. Dafür sind sie mir zu nah. Aber wenn wir Zwist und Zwiespalt in diesen Zeiten zulassen, sind alle in Gefahr. Ihr scheint tatsächlich zu glauben, ich kümmerte mich wie früher nur um meinen Zeitvertreib. Was tut der Chūyō, während unserer Abwesenheit?“
Nun hatte sie seine vollendete Aufmerksamkeit. Deutlich angespannt pressten die Muskeln seine Kiefer zusammen und er musterte sie durchdringend. „Kein Wort mehr davon.“
Sie seufzte lang und sank wieder gegen ihn, was er kommentarlos geschehen ließ und hüllte sich ein wenig in sein weiches Schulterfell. „In Ordnung“, flüsterte sie ergeben.
Er legte den Kopf zurück an die Rinde. Menschen. Nur die Hälfte ihrer Gespräche schien eine sinnvolle Intention zu verfolgen und die andere Hälfte diente meist doch nur der Mitteilung unseliger Befindlichkeiten. Rin war längst nicht mehr das Kind, das er dieser alten Priesterin anvertraut hatte. Sie war zu aufmerksam und sensibel, um Unstimmigkeiten nicht zu bemerken und es war ihm eindeutig zuwider, dass sie in der Lage schien, ihn deutlicher zu lesen als die meisten anderen. Er konnte sie nicht mehr so leicht in einem ungewissen Frieden halten wie noch vor einigen Jahren und diese neuerlichen Seufzer, schwermütigen Gedanken und Sorgen resultierten aus diesem Unvermögen, sie von derartigen Dingen zu isolieren.
Sesshōmaru wollte gerade die Augen schließen, als ein dumpfes Gefühl ihn innehalten ließ.
Binnen weniger Sekunden kam Bewegung in den weißen Hund auf der anderen Seite des Feuers. Minoru hob den Kopf, sprang auf die Beine; Fell und Ohren blitzartig aufgestellt. Rin zuckte vor Schreck zusammen, als auch Kaito in ihren Augenwinkeln hochfuhr und eine Hand an die Waffe legte. Honoka rieb sich verdutzt den Schlaf aus den Augen und sah zu ihrem Bruder empor.
Minoru ließ ein kaum hörbares Brummen vernehmen, hatte sich dem schwarzen Dickicht zugewandt, das neben dem Fluss in ein tieferes Waldgebiet auslief. Der Schatten außerhalb des Feuers war von Yōki erfüllt. Schwach oder unterdrückt, das war nicht ganz klar, aber die Nuancen änderten sich jeden Augenblick wie das Wogen einer ungeduldigen Welle am Ufer. Sie hatten sich die letzten Stunden bedeckt gehalten. Minoru schauderte einen Moment, als er deutlich bemerkte, wie die Aura seines Vaters, die er sonst so wohl bedeckt hielt, warnend über ihn hinweg strich und sich für alle als deutlich bedrohliche Energie spürbar über das Lager legte. Das kaum wahrnehmbare Rascheln verstummte für einen kurzen Augenblick, bevor es in beinahe beleidigter Kühnheit wieder aufbrauste. Unverschämtheit. Nun, Oni waren bekanntermaßen dumm und Hunger machte sie nicht gerade gescheiter.
Minoru legte abermals die Ohren an und trat einen Schritt zurück. Er konnte keine genaue Witterung ausmachen; nicht einmal raten, um welche Art Dämon es sich handeln mochte, aber ein gewöhnliches Tier war es mit Sicherheit nicht.
Sesshōmaru bemerkte durchaus, dass auch eine stille Drohung den Belagernden nicht zum Abzug gereichte und so erhob er sich in einer geschmeidigen Bewegung; Rin dicht an seiner Seite.
„Hundchen haben sie geßagt. Hundchen außerhalb von Weßten.“ Das Zischen schien aus allen Richtungen zu kommen. Der enge Griff um eine Kehle, der sich langsam zuzog. Minoru sträubte sich das Fell, als die Stimme im nächsten Moment direkt hinter ihm zu sprechen schien und er sprintete hastig vor die Füße seines Vaters, wo er dicht am Boden und sprungbereit kauernd knurrte.
„Mir dächte, die Brut strebt gen Himmel. Gleich drei zarte Kinder.“
„Drei der Zuckersüßen“, schnurrte es da unweit der Stelle an der Kaito eben noch mit Honoka geschlafen hatte. Der stand nun mit gezogenem Schwert beinahe direkt neben seinem Onkel und hielt seine Schwester eng bei sich, die sich mit angelegtem Pfeil und erhobenen Bogen aufmerksam umsah. „Der Zarten, Schmackhaften, Reinen. Will das Hundchen nicht teilen?“
„Viel zu große Laßt für einen einzelnen Hund. Sterben so flink, die Kleinen. So viel Verlußt.“
Rin wurde mit einem Schlag klar, wie vorteilhaft diese Unterdrückung des kindlichen Yōkis Seitens der Mutter war, wenn sie die vor Wonne säuselnden Stimmen dieser Bestien hörte, denen der Geifer hörbar schon aus den Mäulern ran, wenn sie nur daran dachten, eines der Kinder zu verschlingen. Zum ersten Mal war von ihr nicht einmal im Ansatz die Sprache und es behagte ihr deutlich weniger, dass sich die Feinde dieses Mal auf die Kinder zu fixieren schienen und keines dieser Wesen auch nur einen Anflug von Angst zeigte.
„Ich will nicht gefressen werden“, keuchte Honoka leise, hielt den Bogen aber bis zum Anschlag gespannt und fixierte einen Fleck in der Dunkelheit, der ihr seit einer Weile verdächtig vorkam.
„Hier wird niemand gefressen“, meinte Rin bestimmt und versuchte in der Finsternis irgendetwas zu erkennen, das die ohnehin besseren Augen der anderen vielleicht übersahen – so unwahrscheinlich das auch sein mochte.
„Nun im Monde, kleiner Hund, tanzt silbern Nacht zum Schaden. Kannst nicht weichen, kannst nicht flieh'n, wirst hundertfach begraben“, summte eine Stimme zu ihrer Rechten und gleich darauf erklang jenseits des Lichtscheins ein durchdringendes Fauchen und unter zumindest zwei der Kreaturen brach ein ohrenbetäubender Streit aus, der einzig und allein der Klärung diente, wem nun der erste Bissen zustünde. Ein bestialischer Gestank drang zwischen den Bäumen hervor, sodass selbst der Fürst unangenehm berührt die Zähne aufeinander biss und die größte Mühe walten ließ, diesen erhaben zu erdulden. Aussichtslos. Nicht einmal er konnte ausmachen, wo sich die unbekannte Zahl Gegner nun tatsächlich aufhielt. Sie verhinderten bewusst ein orientierendes Hören und dieser abartige Gestank betäubte zu allem Überfluss den feinen Geruchssinn der Anwesenden zu einem nicht beschreibbaren Grad. Kaito hatte längst das Gesicht halb unter dem Ärmel verborgen und versuchte unter dem Stoff hindurch zu atmen, aber auch dies schaffte keine nennenswerte Abhilfe, während Minoru, der es gewohnt war, gerade bei Nacht fast ausschließlich seinem Geruchssinn zu folgen, langsam die Galle hochkam, wenn er den kläglichen Versuch unternahm, eine Witterung auszumachen.
Sesshōmaru ahnte, dass die Feinde im Schatten in dem Augenblick zum Angriff übergehen würden, wenn er auch nur den leisesten Verdacht einer Offensive ankündigte und so hatte er bisher nicht einmal Bakusaiga gezogen, sondern ließ lediglich die Hand auf dem mit feinen, weißen Seidenband umwickelten Griff seines Schwertes ruhen. In dem Moment, in dem die Situation eskalierte, würde es ausreichend problematisch die Unversehrtheit der gesamten Gruppe zu bewahren, auch wenn es keine Herausforderung wäre, diese niederen Kreaturen nacheinander der Unterwelt zuzuführen.
Minoru würgte abermals, spuckte Anteile seiner letzten Mahlzeit aus und wurde unfreiwillig in ein humanes Erscheinungsbild zurückgezwungen, was ihm deutlich widersagte. Seine Augen funkelten böse, während sie wütend die Dunkelheit absuchten und er knurrend einen weiteren Schritt zurück machte. Rin legte ihm sanft die Hände auf die Schultern, um ihn zumindest annähernd zu beruhigen und bewirkte damit immerhin, dass er verwirrt verstummte.
„Bleibt auf dem Weg“, befahl Sesshōmaru schließlich und zog Kaito unsanft am Kragen seines Yukata vor sich. Honoka ließ wie erwartet den Bogen sinken und sah ihrem Bruder ein wenig erstaunt nach, dessen goldene Augen sich vor Schreck geweitet hatten, während Minoru seinen Obi noch einmal festzog, um das Stück Stahl zu sichern, das er im Ernstfall vermutlich als Letztes ziehen würde. Kaito wollte gerade aufgebracht protestieren, als ein ohrenbetäubender Lärm im hellen Schein konzentrierten Yōkis in Form eines grellgrünen Energiebandes alles in seinem Weg zerlegte und der Fürst eine breite Schneise in Holz und Blatt, Gewebe und Knochen des Ringes umkreisender Yōkai schlug. Dann fielen die Schranken. Schemen drängten aus der Finsternis hervor, gewaltige, unförmige Gestalten, die unter abermals aufwallendem Gestank und kreischendem Geschrei den trockenen Boden zwischen den Bäumen unter grobschlächtigen Körpern zerquetschten.
Minoru und Kaito reagierten gleichzeitig, sprinteten, dicht gefolgt von Honoka, durch das Nachtlager auf den eröffneten Pfad zu und mussten nur einen Wimpernschlag später dem ersten Yōkai ausweichen, der mit ersterbenden Ächzen über dem Feuer zusammenbrach. Funken stoben umher und legten sich über den schlangenähnlichen Körper; die knöchernen Schuppen teils zerschlagen, die mächtigen Kiefer zuckend wie im Leben.
Honoka tat vor Entsetzen einen Sprung nach vorn, als weitere Dämonen fielen und zwischen ihren Leichen larvenartige Würmer zum Vorschein kamen, die gleichsam ihnen und den beiden Zurückgebliebenen entgegenstrebten. Mit einiger Mühe setzte sie angewidert über die stinkenden Überreste einiger Yōkai hinweg, die als Opfer des Erstschlages den Weg säumten und schloss zu den Jungen auf, bis die Dunkelheit sie verschluckte.
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