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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
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15.03.2016 6.619
 
Was bisher geschah ...
Nachdem Minoru den Gestank der Mönche mit einigem Aufwand losgeworden ist, weißt Rin ihn zurecht.
Er verbringt die Nacht in Gedanken und sucht schließlich am nächsten Morgen seinen Vater auf, um die Differenzen aus der Welt zu schaffen.
Kaito und Honoka wurden bei Ryouichi und seiner Familie einquartiert, der sie in gewissem Maße gastlich aufnimmt.

҉
„Was haltet Ihr davon?“
Kōhei überflog die Nachricht zum wiederholten Male, faltete sie sorgsam zusammen und strich mit einer schwarzen Kralle nachdenklich über das feine Papier. Er sah dem Boten nach, der sich mit langen Sätzen auf den Heimweg machte, dann wedelte er mit dem Schriftstück vor der Nase eines Soldaten umher, der es ihm abnahm und auch ohne Anweisung wusste, dass er es auf direktem Wege seinem Fürsten bringen sollte.
Schließlich ließ er sich auf einem gefällten Baumstamm nieder und überblickte die vor ihm liegende Senke, in der eine Gruppe von gut zwanzig Kitsune an einem Feuer lagerte.
„Er wird jede Unterstützung versagen“, beantwortete er schließlich Jirōs Frage, der hinter ihm mit der Präsenz eines Berges aufragte. „Hayato-sama hat sich mit keinem Wort zum Westen positioniert. Wenn die Panther ihn um Beistand ersuchen sind sie verzweifelt oder sehr wütend.“
Er schlug ein wenig aufgebracht mit seinen drei Schwänzen, deren rotes Fell in der Abendsonne besonders intensiv zu glühen schien. Was Jirō jedoch als Wut gegenüber unverschämten Panthern interpretierte, war in Wahrheit der Ausgleich tiefgehender Überlegungen.
Der Osten war allein schon durch seine Lage in einer ziemlich bescheidenen Situation. Der Inu no Taishō hatte die nach dem Tod seines Vaters neutral gewordenen Gebiete um die menschlichen Provinzen Echigo und Uzen in den vergangenen Jahren wieder in den Westen eingegliedert und war den Panthern damit praktisch vor den Hauseingang marschiert. Alle übrigen Grenzen kollidierten mit den Ookami im Norden, dem Meer oder lagen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den zentralen Ebenen. Ein neutrales, eher friedliches Gebiet voller menschlicher Siedlungen, auf das zum Ärger des Ostens jedoch wieder Gebiete der Hunde folgten. Wollten diese mies gelaunten Großkatzen sich also mit anderen Völkern treffen, mussten sie schwimmen oder unweigerlich durch Feindesland marschieren, bevor sie in die neutralen Gebiete kamen, die das Reich Fürst Hayatos als weitläufiger Puffer umgaben. Bei der momentanen Laune des Inu no Taishōs wäre der Seeweg seiner unmittelbar folgenden Reaktion in Folge einer Grenzmissachtung sicherlich vorzuziehen gewesen – was die Frage aufwarf, welchen immensen Vorteil die Panther sich von den Kitsune wohl erhoffen mochten, dass sie seit Monaten einen derartigen Aufwand in diplomatische Beziehungen investierten.
Hatte der Osten auf Gutdünken seinen Fürsten gebeten, einen Krieg gegen den Westen zu unterstützen oder waren sie über die Aktivitäten des Südens besser informiert als zu erhoffen war? Nein, ausgeschlossen. Die von Hayato-sama eingeweihten Personen waren allesamt vertrauenswürdig und an einer Hand abzuzählen. Nicht einmal dessen ältester Sohn und Erbe ahnte, dass sein Vater hinter verschlossenen Türen einen Weg suchte, den Westen in die Schranken zu weisen. Die Anfrage der Panther basierte sehr wahrscheinlich also nur auf einer verzweifelnden Hoffnung. Zwischen den Fraktionen hatte es seit Jahrtausenden keine ernstzunehmende Auseinandersetzung feindlicher Art mehr gegeben und vermutlich hatte diese wohlwollende Haltung des Südens sie zu der Annahme verleitet, in den Kitsune einen möglichen Verbündeten zu finden. Bedauerlich für sie, dass sein Fürst einer offensiven Taktik derzeit nicht zustimmen würde. Die Hyōyōkai waren allein schon durch ihren Rachedurst dazu gezwungen, Karans Tod und Shunrans Entstellung angemessen zu beantworten. Würden sie einer Konfrontation aus dem Weg gehen, wäre es ein sicheres Anzeichen von Angst und Schwäche. Nun, sie hatten die Feuer geschürt, nun mussten sie eben dafür Sorge tragen, nicht völlig zerschlagen aus der Angelegenheit herauszukommen. Ihre Angst vor dem Westen war durchaus berechtigt, aber hätten sie nicht eher einen Gedanken daran verschwenden können, dass man besser keine schlafenden Hunde weckt, wenn man die passende Kette nicht zur Hand hat? Offensichtlich nicht.
Kōhei ließ erneut seinen Blick über die Absolventen schweifen, die er für einige Tage zur besseren Beurteilung mit in die südlichen Wälder genommen hatte. Sie waren jung, der Älteste kaum hundert Jahre alt, ungestüm, aufgebracht und dem trügerischen Gefühl verfallen nun, nach dem Abschluss der Welt der Erwachsenen anzugehören. Nach der Entscheidung für eine Karriere im Heer waren sie einst alle so gewesen und Kōhei erinnerte sich nur zu genau an jeden seiner Schüler. Viele von ihnen dienten bis heute unter seinem Befehl und er konnte dankend darauf verzichten, seine Männer für einen unüberlegten Osten ans Messer zu liefern.
Mit großer Wahrscheinlichkeit würde er wegen dieses aussichtslosen Ersuchens der Hyō aber schon morgen wieder vor Hayato-sama auf den Knien herumrutschen und Ratschläge geben müssen, während Jirō und die anderen Stabsmitglieder sich um die naiv-übermütigen Neuzugänge kümmerten. In die Zwischenwelt mit diesen Katzen!
Einer der Absolventen berichtete gerade über ein sehr wahrscheinlich erfundenes Ungeheuer, das in den Tiefen des nicht weit entfernten Biwa-Sees lebte und vorbeiziehende Wanderer mit seinen langen Tentakeln auf den Grund riss, um sie dort an seine nimmersatte Brut zu verfüttern. Ein anderer leerte währenddessen einen großen Eimer eiskalten Wassers über einer Gruppe Gleichaltriger aus, die kreischend aufsprangen, bevor eine der vielen Schlägereien losbrach, die die letzten Tage so amüsant gestaltet hatten. Jirō seufzte schwer, aber Kōhei hatte für dieses kindische Gebärden nur ein verschlagenes Lächeln übrig. Die Jungen benahmen sich, als handle es sich bei diesem Lager um eine reine Freizeiteinrichtung. Aber es waren nicht die ersten grünen Füchse, die der General unter seine Fittiche nahm. Es störte ihn in der Tat wenig, sie so unbekümmert zu sehen. Den meisten jungen Füchsen mangelte es an Ernsthaftigkeit und einem wirklichen Bezug zur harten Realität. Aber das war in einem gewissen Rahmen auch erwünscht und eingeplant, darüber hinaus nur allzu verständlich. Er selbst war immerhin auch nicht allwissend und abgebrüht auf die Welt gefallen und eine gewisse Ernsthaftigkeit würde sich in passenden Momenten schon einstellen – spätestens aber, wenn er sie etwas schärfer ansprach. Dennoch, einem Kitsune würden die verbitterte Grimmigkeit und die kalte Distanz anderer Völker immer fremd bleiben. Spitzzüngigkeit, Sticheleien und ein gewisser Hang zu derben Streichen waren gerade bei den Jungen ausgebildet, während die älteren Generationen meist einen Weg fanden, diese Züge in verdeckter Weise auszuspielen. Nur die allerwenigsten entwickelten mit der Zeit einen gewissen Zynismus oder Weltschmerz. Diese lebensfrohen Eigenschaften, die einem wahrlich ernsthaften, disziplinierten Volk wie etwa den Inuyōkai nur ein kaum merkliches Lächeln der Verachtung abringen konnten, waren für Kōhei ein Lichtblick – insbesondere da er sich nicht mehr sicher war, ob er sich nicht langsam in die Reihen der wenigen Bedauernswerten einfügte.
Was Inu und Drachen jedoch nie verstanden hatten, war der Vorteil dieser Züge, die einem Kitsune mitnichten zu einem schlechteren Kämpfer machten. Ganz im Gegenteil: Wer mit Illusionen und Formwandlung arbeiten wollte, brauchte neben Können und Erfahrung auch Neugierde und Vorstellungsvermögen. Während Letztere gerade bei jungen Füchsen noch stark ausgeprägt waren, musste an Erfahrung gearbeitet werden. Wie sollte er einem Absolventen abverlangen die Form einer kniehohen Buddhastatue anzunehmen, wenn dieser so ein Objekt noch nie gesehen hatte?
Für einen herausragenden Gestaltwandler, zu denen neben den Kitsune auch Tanuki und Katzenartige zählten, war über ein angeborenes Talent hinaus weitaus mehr essentiell: Kindliche Neugier, Gedankenfreiheit und Ehrgeiz im Angesicht der weltlichen Grausamkeiten zu erhalten und zeitgleich neue Eindrücke mit teils hartem Training zu verbinden. Ebenso wenig konnte er von ihnen erwarten, unter Druck und angespannter Atmosphäre diese Fähigkeiten frei auszuleben und das erforderte einen Erziehungsstil, den kein kriegerisches Volk jemals wirklich verstehen oder gar billigen würde. Er hatte genug von den Erziehungsvorstellungen einer Inuyōkai gesehen, um zu wissen, dass er sie abgrundtief verabscheute. Wenn er mit seinen Absolventen so umsprang wie sie mit Minoru, war praktisch ausgeschlossen, dass sie es auch nur fertig brachten die in der Akademie erlernten Techniken weiterhin anzuwenden. Er hätte Minoru niemals beibringen können, eine Illusion hervorzurufen – selbst wenn er ein vollwertiger Kitsune gewesen wäre. Dafür war das Kind einfach viel zu sehr von Hass zerfressen. Umso heller glimmte der kleine Funke von Stolz, den die Enttarnung Shunrans ausgefeilter Illusionen anfeuerte. Minoru hatte ihre erzeugte Realität so zielgenau als Lüge erkannt, dass er nicht einmal davor gescheut hatte, einen vermeintlichen Daiyōkai anzugreifen. Nur gut, dass bisher keiner die entscheidende Frage gestellt hatte, wie ein verdreckter, bissiger Hundewelpe die nötige Erfahrung sammeln konnte, die so eine Fähigkeit voraussetzte. Hunde hatten eben gute Nasen und das war offensichtlich Erklärung genug.
Was seine Absolventen anbelangte, so tanzte derzeit keiner wirklich außerhalb der erwarteten Reihen oder bereitete ihm übermäßiges Kopfzerbrechen. Alle bis auf einen.
Die smagradfarbenen Augen des Generals hefteten sich zum unzähligen Male auf den jungen Fuchs, den Jirō ihm vor einiger Zeit vorgestellt hatte. Shippō war nicht minder ausgelassen und übermütig als der Rest der Gemeinschaft, in Sachen Verwandlungskunst und Illusionen aber weit überlegen. Auch in körperlichen Auseinandersetzungen war er offenkundig erfahrener, weniger verschreckt und abgebrüht. Jirō hatte sich ebenfalls der Senke zugewandt und musterte, wie sein General, den jungen Fuchs, der in all dem Chaos, das mittlerweile im Lager ausgebrochen war, kaum herausstach.
„Ich fürchte, ich werde dich um einen deiner Schüler berauben müssen, Jirō“, meinte Kōhei schließlich und sah zu dem hünenhaften Kitsune auf, der die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt hielt und zunächst nur zustimmend brummte. Dann nickte er. „Ich hatte es fast erwartet. Er ist bei mir nicht gut aufgehoben.“ Als Kōhei ihm einen strafenden Blick zuwarf, korrigierte er sich schnell. „Wegen Magie, meine ich.“
„Ja, du hast gut daran getan, ihn zu mir zu bringen. Ich denke, es ist lohnenswert ein wenig mehr in ihn zu investieren. Spätestens morgen früh wird der Fürst mich an den Hof rufen. Shippō wird mich begleiten, also sorge dafür, dass sie heute Nacht nicht wieder kilometerweit herumstreunen.“
„Sehr wohl“, beteuerte Jirō. „Nur ihn?“
Ein sanftes Lächeln umspielte Kōheis Mundwinkel. „Hayato-sama verlangt mir zurzeit zu viele andere Dienste ab. Ich kann mich nicht auf die Ausbildung aller konzentrieren, einen jedoch kann ich überall hin mitnehmen, solange er mithalten kann – und ich habe genug gesehen, um zu wissen, welchen von ihnen ich will.“

Kaito warf probeweise einen Stein über die hohen Steinmauern und vernahm nach beklemmender Stille den Aufprall des Geschosses auf der Wasserfläche des Sotobori mit einem gewissen Ingrimm. Verflucht tief. Vielleicht sogar zu tief zum Springen, wenn sie keinen Halt an den Mauern fanden. Er legte die Ohren für einen Moment missmutig an und starrte vernichtend das kolossale Hindernis hinauf, bis er sich umwandte und seiner Schwester angespannt in die Gassen der eng stehenden Häuser an der Mauer folgte.
Kurz nachdem der Generalleutnant wegen irgendeines Boten zum Palast gerufen worden war, hatte Honoka das Haus verlassen und durchstreifte nun schon seit einer Weile den zweiten Wehrkreis. Kaito hatte seine Schwester mit Mühe davon abhalten können, sofort den Palast aufzusuchen, der auf einer Anhöhe neben dem schwindelerregend hohen, bedrohlichen Hauptturm in der Mittagssonne beinahe ein friedliches Bild dargeboten hatte. Von den angrenzenden Gärten war der Wind sanft herunter geweht und hatte den wohltuenden Geruch verschiedenster Frühlingsblumen herbeigetragen. Einladend, aber tödlich. Kaito hatte die vom Fürsten klar markierte Grenze in der vergangenen Nacht nur allzu deutlich wahrgenommen, als Ryouichi sie abgefangen und zu seinem Haus geleitet hatte. Sie waren im Palast nicht erwünscht und er wäre nicht so dumm, sich jemandem wie seinem Onkel auch nur mit einem Wort zu widersetzen, solange mehrere hundert Kilometer zwischen ihnen und ihren Eltern lagen. So waren die Geschwister der Allee, die sich wie eine blühende Schlange vom äußersten Wehrkreis bis vor den Vorplatz des Palastes zog, in die andere Richtung gefolgt und in dichter besiedelte Abschnitte der Festung gelangt.
Die Häuser waren allesamt in sehr gutem Zustand, meist aus Holz und dezent mit Lack und Ornamenten verziert. Mit ihren Nachbarn schlossen sie oftmals große, von der Straße abgewandte Hinterhöfe ein, von denen hin und wieder ein Gesprächsfetzen oder metallisches Klirren zu vernehmen war. Ansonsten waren die Straßen leer.
Nur die gewöhnlichen Hunde, die sich zwischen den Häusern ebenso streunend und herrenlos bewegten wie in manch menschlicher Siedlung, kreuzten in kleinen Gruppen ihren Weg, witterten kurz und zogen sich dann eilends und mit teils bedrohlichen Knurren zurück.
Kaito fuhr sich mit einer Hand durch das offene Haar, das ihm wie ein sternenloser Nachthimmel über den Rücken fiel. Im Gegensatz zu Honoka hatte er sein Heimatdorf des Öfteren verlassen, um mit seinem Vater und dem Mönch Miroku in anderen Dörfern und Städten niedere Dämonen auszutreiben. Die Bauern waren meist dankbar und zahlten gut – was auf Mirokus Verhandlungsgeschick zurückzuführen war – und mit der Entlohnung eines Daimyōs ließ sich sogar noch deutlich länger auskommen, aber trotz der Hilfe waren die Menschen jedes Mal froh, wenn er und sein Vater dem Dorf den Rücken kehrten. Mensch und Yōkai in ganz Japan, so verschieden sie auch sein mochten, hatten eines gemeinsam: Ihre Abneigung gegenüber Han'yō.
Kaito machte sich nichts vor. Dass die Straßen am Mittag so verwaist waren, lag einzig an ihrer Anwesenheit. Auch über die wenigen Yōkai, die selten genug zwischen den Gebäuden verkehrten, legte sich spätestens beim Anblick der ungewöhnlichen Ohren eine beinahe tastbare Anspannung. Doch während Kaito ob des aufwallenden Yōkis der meist bewaffneten und gerüsteten Männer jeden Moment mit einer Eskalation rechnete, wandten sich die Dämonen schlicht ab und gingen ihrer Wege. Dass nun aber auch die Hunde ein so ablehnendes Verhalten an den Tag legten, war ihm gänzlich neu. Wie er dieses Gefühl von Ausgrenzung verabscheute!
„Für den Menschen zu viel, für die Yōkai zu wenig Dämon“, hatte sein Vater einst dazu gesagt und auf seine achtlose Art mit den Schultern gezuckt, als Kaito sich über die unfaire Behandlung beschwert hatte. „Keine Seite wird uns annehmen, Kaito. Das wird sich nie ändern. Aber wir haben unsere Freunde, unsere Familie. Alles andere ist unwichtig.“
Zuhause deutete niemand mit dem Finger auf sie. Ihre Mutter galt durch ihre Kinder streng genommen zwar nicht mehr als Miko, doch die unentbehrlichen Heilkünste und sakralen Fähigkeiten einer Priesterin, mit denen sie über das Dorf wachte, waren ihr geblieben. Ebenso fürchtete kein einziges Mitglied der kleinen Gemeinde die Anwesenheit der Han'yō oder die gelegentlichen Besuche eines vollwertigen und durchtriebenen Kitsune. Sobald sie aber ihre Siedlung verließen und auf Fremde trafen, begann der Spießrutenlauf. Sein Vater hatte dies in seiner Jugend selbst erlebt und doch schien es ihn heute kaum noch zu stören. Auch Kaito gab sich die größte Mühe, die Schmähungen abblitzen zu lassen, aber er hatte in seinen jungen Jahren zu viele gehört, um noch darüber hinwegsehen zu können. Seit geraumer Zeit hatte Kagome ihre liebe Mühe, ihren Ältesten zurechtweisen, wenn Fremde in das Dorf kamen und nachdem Kaito vor einigen Monaten einem Mann für eine Beleidigung, an die er sich lieber nicht einmal erinnern wollte, das Nasenbein gebrochen hatte, verbot sie ihm sogar, das Haus zu verlassen, sobald eine Gruppe Reisender anwesend war – da half auch nicht, dass sein Vater ihm den Rücken deckte. Keine Chance.
Honoka ging mit dieser Angelegenheit ganz anders um. Die Aggressivität hatte sie von vorne herein ihrem Bruder überlassen und spielte böswillige Anfeindungen meist herunter.
„Sie haben Angst“, hatte sie irgendwann fast mitleidig gemeint. „Wenn Dämonen dir nur Tod und Leid brächten, würdest du sie auch fürchten. Und für sie sind wir eben zum Teil Dämon. Sie wissen es nicht besser.“
Solche Äußerungen aus dem Mund seiner kleinen Schwester waren ihm schon vor einigen Jahren altklug und seltsam distanziert erschienen. Er hatte nicht glauben wollen, dass er das einzige Mitglied der Familie war, dem diese Ablehnung an den Nerven zerrte – und recht behalten. Honokas plötzliches Interesse für die Familien ihrer Eltern, der überstürzte Alleingang in den Westen zu einem so ungelegenen Zeitpunkt und all ihr Reden über Zugehörigkeit entsprang letztlich doch denselben Eindrücken, die bei ihrem Bruder Aggression und Widerwillen hervorriefen. Die Seite ihrer Mutter war ihnen völlig unzugänglich und so suchte Honoka Hoffnung in der aufkeimenden Vorstellung einer verbindenden Vergangenheit zwischen ihnen und einem der kriegerischsten Dämonengeschlechter des Landes – wenn man der Mundpropaganda glauben durfte. Mehr als diese Informationen besaßen sie nicht. Ihren Onkel hatten sie auch während seiner seltenen Besuche bei Rin kaum gesehen und während Kagome offen und freigiebig, ja fast nostalgisch von ihrer Familie berichtet hatte, war Inuyasha den Fragen seiner Tochter kontinuierlich ausgewichen. Er gab vor, sich dafür nicht zu interessieren, aber Kaito war schnell aufgefallen, dass sich sein Vater in Wahrheit vor diesem Thema scheute – und eigentlich keine Ahnung hatte. Zwischen ihm und seinem Bruder herrschte eine neue, ganz private 'Eiszeit', wie seine Mutter zu sagen pflegte.
Der junge Han'yō atmete tief ein, bis sich der dunkelblaue Stoff seines Yukata an seiner Brust spannte und schloss für einen Moment die Augen, als er an seine Eltern dachte. Es passte nicht zu seiner Schwester, sich von Leichtsinn und Gedankenlosigkeit leiten zu lassen und dennoch hatte sie sich ganz allein auf den Weg nach Westen gemacht, um einen Daiyōkai zu treffen, der wissentlich im Disput zu ihrem Vater stand; hatte in Kauf genommen, ja, vielleicht sogar ausgenutzt, dass ihre Eltern ihnen durch die bevorstehende Niederkunft ihrer Mutter nicht ohne Weiteres folgen konnten und nun sicherlich krank vor Sorge waren.
Kaito verfluchte sich mit jedem Tag, der fernab der Heimat verging, ein wenig mehr. Es wäre an ihm gewesen, seine Schwester zurück nach Hause zu bringen. Geschlagene anderthalb Tage hatte er gebraucht, um sie in den Wäldern einzuholen und hatte beabsichtigt, sie für ihr unerklärliches Verschwinden scharf zur Rede zu stellen, bevor er sie am Kragen nach Hause zöge. Als er sie jedoch weinend unter verwachsenen Baumwurzeln vorgefunden hatte, war ihm die Wut im Hals stecken geblieben. Seine Schwester weinte nicht. Niemals. Sie war stets gefasst, freundlich und manchmal ein wenig zu stürmisch, aber wirklich traurig hatte er sie zum letzten Mal vor vielen Jahren gesehen. Bis heute wusste er weder warum sie weinend unter die Baumwurzel geflüchtet war noch welches Ereignis sie zu dieser überhasteten Reise getrieben hatte, und er war es überdrüssig danach zu fragen. Sie hatte sich vehement geweigert über eine vorzeitige Heimkehr auch nur zu diskutieren. Sie wollte westwärts, um jeden Preis diese Festung aufsuchen.
Was hätte er erwidern sollen, als sie dieselbe ungerechte Behandlung beweinte, die er seit Jahren verurteilte? Die Eintracht ihrer Ansichten endete allerdings genau an diesem Punkt und Kaito bereute mittlerweile nichts mehr als ihr in dem Augenblick nachgegeben zu haben. Auch als sie sich wieder gefasst hatte, war sie für seine Zweifel auf beiden Ohren taub gewesen. Er hatte versucht ihr klarzumachen, wie wenig sie von den Yōkai zu erwarten hatten – wenngleich er dabei deutlich schonender gewesen war als dieser taktlose Köter, dessen Worte für Honoka offensichtlich deutlich mehr ins Gewicht fielen als die Bedenken ihres eigenen Bruders, der seit Tagen genau die Interessenlosigkeit der Dämonen predigte, die Minoru so unverfroren selbst offenbart hatte. Aber dieselben Worte aus dem Mund eines vollwertigen Dämons – und sei er auch noch so klein – hatten für Honoka offensichtlich mehr Wert.
„Kaito-sama, solltet Ihr nicht im Haus bleiben?“
Kaito fuhr erschrocken zusammen und drehte sich gereizt um. Als er in fliederfarbene Augen blickte, hielt er verdutzt inne. Wie hatte sie es geschafft, sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen?
„Chichi-ue hat mir aufgetragen Euch zum Mittagessen zu bringen“, erklärte sie. „Er hat jedoch nichts davon gesagt, dass Ihr im Ort herumstreift.“
„Ja, so etwas in der Art hatte er erwähnt“, gab Kaito ob der Verwunderung fast tonlos zurück, bevor seine Schwester sich dazu verleiten ließ, eine fadenscheinige Ausrede zu suchen. Auch Honoka starrte Kanae verdutzt an und wusste nicht recht, wie sie auf diese sonderbare Anrede reagieren sollte. Die jedoch musterte die beiden Han'yō von Kopf bis Fuß und schüttelte schließlich den Kopf. „Dann solltet Ihr Euch beeilen, bevor er Euch suchen muss. Er hat Wichtigeres zu erledigen.“ Damit ging sie in Richtung der Allee davon. Die Geschwister sahen ihr eine ganze Zeit nur ungläubig nach, als sie sich jedoch noch einmal umdrehte und ihnen einen warnenden Blick zuwarf, folgte Honoka ihr bereitwillig. Kaito blieb noch einen Moment stehen, dann heftete er sich an die Fersen seiner Schwester und versuchte zu verarbeiten, dass diese Kanae in der Lage gewesen war, sich ihm unbemerkt zu nähern – dabei war sie sicherlich noch jünger als Honoka!
Bald darauf traten sie erneut zwischen die Blütenmeere der Allee; Kanae vorweg. Die Blüten fielen bereits in einzelnen Blättern zu Boden und übersäten den gepflasterten Weg in einem weiß-rosafarbenen Teppich.
„Sie sind so wunderschön“, Honoka strich sich eine Strähne ihrer mausgrauen Haare zurück über die Schulter. „Ich wünschte, wir hätten so wunderschöne Bäume in der Nähe unseres Dorfes. Dann könnten wir zur Blüte Hanami feiern wie Okaa-san früher.“
„Sie passen nicht hierher“, antwortete Kaito schlicht und wandte sich von den Bäumen der Allee ab. Seine Schwester verblieb nachdenklich, pflückte behutsam eine der weiß-rosafarbenen Blüten von einem niedrig hängenden Ast und bettete das Gebilde sorgsam auf ihrer Handfläche.
Ohne Druckstellen oder Risse, mit gleichmäßig kräftiger Farbgebung. Vollkommene Schönheit.
„Ebenso wenig wie wir“, fügte ihr Bruder verbissen hinzu, obwohl er den Gedanken gerade in Anwesenheit eines Yōkai für sich hatte behalten wollen. Solche Anmerkungen fielen bei Honoka ohnehin nicht auf fruchtbaren Boden, doch Kanae hatte angehalten und taxierte die Geschwister einige Sekunden lang, als wolle sie mehr betrachten als es zu sehen gab.
Kaito legte kommentarlos die Ohren an und stapfte ihr nach, während Honoka zu Kanae aufschloss und die Unterhaltung suchte.
Wäre ihm nicht so unwohl bei dieser Unternehmung gewesen, Kaito hätte selbst jeden Winkel dieser Festung erkunden wollen. Ja, auch jetzt verlangte sie ihm ein gewisses Maß an Respekt und Erstaunen ab. Doch die Eindrücke schwanden in Unbedeutsamkeit angesichts der Gefahr, die er überall wahrzunehmen dachte und die sich exponentiell zu steigern drohte, als Kanae nicht den Weg zu ihrem Haus Einschlug, sondern der Allee um eine weitere Treppe hinauf in die tiefer gelegenen Bereiche des Honmaru folgte, dessen größter Teil vom Palast mit seinen weiträumigen Gärten und anliegenden Gebäuden eingenommen wurde. Bereits diese Anlage übertraf die Ausdehnungen ihres Heimatdorfes an Fläche – von Pracht ganz zu schweigen. Kaito schluckte mit aller Macht das beklemmende Gefühl herunter, das sich in seiner Kehle eingenistet hatte wie eine blutsaugende, dicke Zecke. Auch wenn er deutlich mehr von der Welt gesehen hatte als seine Schwester, so reichte doch keines der besuchten Dörfer oder Burgen auch nur im Ansatz an die Ausmaße dieses westlichen Herrschaftssitzes heran, der sich mit seinem nördlichen Rücken Schutz suchend an die dahinter liegende Felswand schmiegte – und keine Beschreibung wäre hinreichend gewesen, um die Besorgnis und angespannte Haltung des jungen Han'yō wiederzugeben, als er begriff, dass Kanae sie nicht etwa zum Essen in ihr Haus, sondern in den Palast bringen wollte. Er wollte Honoka gerade am Arm packen und zurückziehen, als ihm ein sanfter, vertrauter Geruch von Mensch entgegenschlug.
„Ich weiß nicht, ob ich das so frei sagen darf, aber zur Zeit weiß ich einfach nicht, ob ich euch junge Leute vor Freude drücken oder lieber schallend ohrfeigen soll, wenn ich euch sehe.“
„Rin!“ Honoka lief ihr augenblicklich entgegen und warf sich mit einer solchen Wucht an die junge Frau, dass dieser gar nichts anderes übrig blieb, als die Arme um das Mädchen zu schließen und einige Schritte nach hinten zu stolpern. Kaito hatte immer befürchtet, dass sie unter all den Dämonen noch weniger akzeptiert werden würde als er außerhalb seines Freundeskreises, dass sie unglücklich darüber werden müsse und ihre frohe Ausstrahlung unter all dem leide. Aber nichts davon war der Fall. Sie strahlte ebenso hell wie ihr leuchtend gelber Kimono, der mit feinen Blüten bestickt war. In ihrem dunkelbraunen, beinahe schwarzen Haar hing etwas wirr ein wenig Stroh, das sie beiläufig aus den Strähnen zupfte und vor dem Stall zu Boden gleiten ließ. Kein Unglück, keine Trauer, sondern eher eine gewisse, einfache Erhabenheit, die er ihr in dieser Situation niemals zugestanden hätte.
„Du starrst mich an, als hättest du einen Geist gesehen, Kaito“, schalt sie ihn fast scherzhaft. „Hattest du erwartet, man würde mich fressen?“
„Etwas in der Richtung“, gestand er offen, während Rin Honoka an den Schultern fasste und sie etwas von sich schob. „Du wirst mir das erklären müssen, Honoka. Ich will dich nicht ausschimpfen, aber wenn eure Eltern wütend werden, ist es besser, dass einer weiß, was dich zu diesem Unsinn getrieben hat.“ Honoka warf einen Blick zu Kaito, klappte den Mund auf, brachte aber kein Wort hervor. „Oh, ich kann mir auch so denken, warum er hier ist“, merkte Rin an und strich ihr über das feine Haar. „Aber nun sollten wir essen und ausruhen. Der Rückweg wird lang genug.“
„Du begleitest uns?“, fragte Kaito erstaunt, im Grunde viel erleichterter darüber, dass es einen Ausweg aus diesen Mauern geben könnte.
„Ihr könnt von Glück sprechen, dass ihr überhaupt angekommen seid. Da werden wir euch doch nicht ohne Schutz zurück nach Hause schicken“, entgegnete sie tadelnd und gab Honoka wieder frei, um sie sanft in Richtung des Palastes zu schubsen.
„Du sollst auf uns aufpassen?“ Kaito klang nicht sonderlich überzeugt. Rin war alles andere als wehrlos, wie er oft genug gesehen hatte, aber sie war eben auch keine erfahrene Dämonenjägerin wie Sango. „Aber nein. Das ist genauso lächerlich wie du denkst“, ihr Lächeln nahm beinahe süffisante Züge an. „Sesshōmaru-sama würde mich doch nicht allein gehen lassen.“
„Meinst du das ernst?“ Honoka sah Rin ganz aufgeregt an.
„Du willst mir nicht erzählen, dass er sich dazu herablässt, mit uns durch die Landschaft zu ziehen.“ Kaito wollte gerade verstimmt die Arme vor der Brust verschränken, als Rins Lächeln mit einem Mal verschwand. „Er lässt sich sogar dazu herab, sich mit den Angelegenheiten undankbarer Kinder herumzuschlagen.“
Der junge Han'yō ließ die Arme lieber sinken und starrte ausweichend Löcher in die harten, gleichförmigen Pflastersteine des Vorplatzes. Rin hatte zu viel Zeit mit seiner Mutter verbracht und konnte schnell ähnlich unangenehme Züge annehmen, wenn man nur die falschen Grenzen zu übertreten drohte. Kaito hätte es besser wissen müssen, als vor ihr diesen speziellen Daiyōkai eine gewisse Form der Arroganz andichten zu wollen.
„Entschuldige Rin. Ich bin zur Zeit unausstehlich.“
Die junge Frau betrachtete ihn mit einem Anflug von Mitleid. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich außerhalb der Heimat nicht wohl fühlte und die Reise seine Nerven sicher ordentlich strapaziert hatte. Im Gegensatz zu einem gewissen anderen Junghund hatte Kaito nämlich schon in früher Kindheit an die Besorgnis seiner Eltern gedacht – und sie musste nicht viel raten, um zu ahnen, dass zumindest Inuyasha ihn vor Sesshōmaru gewarnt hatte. In gewisser Weise nicht zu Unrecht nach allem, was geschehen war. Außerdem konnte der Fürst nicht behaupten, sich je um seine nächste Verwandtschaft geschert zu haben. Dass dieser neuerliche Umstand Kaito nun einiges Kopfzerbrechen bereitete, war da nur zu verständlich. Er sollte nur nicht auf die Idee kommen, solche Kommentare in Hörweite seines Onkels von sich zu geben, bevor dieser seine Entscheidung nochmals abzuwägen gedachte. Es würde sich schon schwer genug gestalten, Kaito und Minoru für einige Tage in friedlicher Balance zu halten.

Mit einer seltsamen Art von Faszination betrachtete der Herr des Westens den jungen Inuyōkai, der zwischen all den Karten, Reinigungsutensilien und tödlichen Schwertern von den Strapazen der vergangenen Nacht eingeholt worden war und so friedlich schlief, als läge sein Kopf auf einem weichen Kissen und nicht auf dem harten Lack eines niedrigen Holztisches. Seit einer Weile schon ruhten die goldenen Augen des Fürsten auf seinem Sohn. Die auf dickes Papier gezeichneten und teils sehr komplexen Karten hatten für Minoru zunächst erwarteter Weise unergründliche Fremdkörper dargestellt. Er hatte einige Zeit und beschriftete Exemplare benötigt, um ein gewisses Verständnis für die Materie aufzubringen und schließlich begonnen mit Pinsel und Tusche Anmerkungen auf Bastpapier zu notieren, während der Fürst in schweigender Sorgsamkeit seine Waffen gepflegt hatte.
Sesshōmaru ließ eine Kralle auf eines der Schriftstücke niederfahren, die um Minoru verteilt lagen, zog es vorsichtig zu sich und hob kaum merklich eine Braue, als er den Inhalt überflog.
Er hatte eine Routenplanung erwartet, vielleicht Auflistungen benötigter Materialien, aber nichts dergleichen war darauf zu finden. Stattdessen schienen sie einzig als Gedankenstützen zur Erläuterung des Weges anhand dieser Karte zu dienen. Der Taishō sah den Jungen einen Moment nachdenklich an. Minoru notierte nur, um ihm die Route darlegen zu können, wie er es gewünscht hatte. Den eigentlichen Weg hatte der Junge längst im Geiste verinnerlicht. Erstaunlich, aber in Anbetracht seiner vorherigen Lebensweise nur zu verständlich. Vielleicht hatte Minoru mit seiner nicht ausgesprochenen Anklage recht und er unterschätzte ihn tatsächlich bis zu einem gewissen Grad. Viel bedauerlicher war allerdings, dass er sich selbst den Vorteilen seiner Eigenarten kaum bewusst sein dürfte.
Entgegen seiner sehr praktischen und auf Erfahrungen basierenden Veranlagungen war seine Handschrift der Inbegriff stilistischer Perfektion. Nicht ein Tuschefleck, sichere, gradlinige Pinselführung und nicht ein einziger Fehler. Seine Schrift war so linientreu, gleichmäßig und makellos, dass sie als Lehrbild geeignet gewesen wäre. Die des Fürsten selbst hatte über die Jahre beunruhigende Ähnlichkeit mit seiner Schwertführung angenommen. Schnell, präzise und mit teils flüssigen Übergängen und Ausläufen. Was hier allerdings vor ihm lag wirkte nicht wie die Notizen eines Kindes. Eine solche Schrift erforderte nicht nur jahrelange Übung, sondern auch einen tiefen Willen zur Perfektion, den sich der Fürst bei seinem Sohn bisher nicht hatte vorstellen können – und auch weiterhin anzweifelte. Kinder wollten nicht perfekt schreiben. Hier hatte jemand erfolgreich nachgeholfen.
Er warf abermals einen Blick auf den Inhalt. Bereits kurz hinter Grenze des Westens nahm die Zahl der Anmerkungen pro Streckenabschnitt mit einem Schlag rapide ab. Bekanntes Gelände. Er war so nah an seiner Heimat gewesen, dass er praktisch nur zwei Tagesmärsche von der Festung entfernt durch die Wälder gestreift war. Sesshōmaru konnte den anschwellenden Unmut nicht unterdrücken, der seinen Schlund empor kroch wie eine giftige, warme Schlange. Wäre er nicht der Meinung gewesen, als vermeintlicher Mischling unerwünscht zu sein, hätte Minoru mit Sicherheit den Westen betreten – und wäre von den Patrouillen möglicherweise schon Jahre zuvor entdeckt worden.
Als deutlich hastige Schritte auf dem Flur zu vernehmen waren, unterdrückte der Taishō den aufkeimenden Rachegedanken und breitete gerade rechtzeitig seine Aura als Zeichen aufmerksamer und dominierender Präsenz ruhig im Raum aus, bevor die Wache mit fester Stimme um Einlass bat.
Minoru schreckte dennoch knurrend aus dem Schlaf auf und war beinahe augenblicklich auf den Beinen. Die Wache wich ob des warnend aufwallenden Yōkis des Jungen ein Stück von der mit Papier bespannten Schiebetür zurück.
„Setz dich hin“, befahl der Fürst trocken. Minoru gehorchte widerstandslos und murmelte eine leise Entschuldigung, während er sich darüber bewusst wurde, dass er vor dem Taishō eingeschlafen sein musste. Sesshōmaru ließ einige Momente verstreichen und gewährte der Wache erst Zutritt, als Minoru zumindest augenscheinlich zur Ruhe gefunden hatte. Absehbares Verhalten. Wie ein schreckhafter Hund, der sich erst daran gewöhnen musste, dass jemand anderes den Schutz von Haus, Hof und nicht zuletzt seiner Person übernommen hatte.
Minoru war unterdessen damit beschäftigt, das unbehagliche Gefühl zu ignorieren, dass jemand hinter ihm stand und wandte sich schließlich doch halb zur Wache um, die unter ihrer dunkelgrünen, gepanzerten Uniform ihre Schultern straffte und den Kopf vor beiden senkte. „Der Chūyō ersucht Euch um Audienz, Taishō. Er ließ wissen, dass es dringlich sei.“
Sesshōmaru erhob sich und warf Minoru einen kurzen Blick zu, während er Bakusaiga zwischen die Lagen seines Obis gleiten ließ. „Du kannst hierbleiben, solange du nichts anrührst.“
„Seid Ihr sicher, dass Ihr das wollt?“, fragte Minoru vorsichtig und nickte nur schnell, als er sich damit einen warnenden Blick einhandelte.

„Bereiten Euch die Welpen Schwierigkeiten, Chūyō?“
Ryouichi warf einen Blick über die Schulter und versuchte diese ungewöhnlich schnippische Frage und die üblich ernste Miene des Mannes hinter sich zu deuten. Er wusste nur zu gut, wie gefährlich es werden konnte, wenn Sesshōmaru den Präferenzbereich emotionaler Distanziertheit verließ. Da war man mit erhöhter Vorsicht wohlwollend beraten, doch der dunkelhaarige Inu mit seinen sonderbar gelben Augen hätte seinen Posten vermutlich nicht allzu lange bewahren können, wenn er nicht auch in diesen Augenblicken angemessen zu reagieren wusste. Außerdem schien der Fürst im Vergleich zum Vorabend beinahe ruhig zu sein.
„Nein, Herr“, antwortete er schließlich. „Sie haben Baldrian sei Dank friedlich geschlafen und eine leichte Verletzung des Mädchens verheilt bereits gut. Sie ist ein dankbares und anständiges Kind. Er für meinen Geschmack ein wenig vorlaut, den Umständen entsprechend misstrauisch und entgegen seinem Alter erstaunlich selbstsicher, aber klug genug, sich nicht zu weit vorzuwagen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie uns hier größeren Ärger bescheren. Nein, mit zwei Kindern werde ich gerade noch selbst fertig. Das hier bereitet mir deutlich mehr Kopfschmerzen.“ Er reichte Sesshōmaru ein zusammengefaltetes Stück Papier, dessen Verfasser bereits auf den ersten Blick offenkundig war. Akio-sama, einer seiner Ratsmitglieder, der verbissen genug war weit im östlichen Grenzbereich seines Landes zu siedeln, schrieb in einem unverkennbar gleichmäßigen und sehr knappen Stakkato.
Panther nahe der Ostfront. Bisher viele Spähtrupps, insgesamt vielleicht einige hundert. Keine nennenswerten Befehlshaber. Mit Eindringen in den Westen ist zu rechnen. Erbitte schnellstmögliche Anweisung. Hochachtungsvoll Akio.“
„Damit geht unsere kurze Ruhephase wohl dahin“, meinte Ryouichi schließlich, als der Fürst den Brief schweigend wieder zusammenfaltete und ihn nachdenklich betrachtete.
„Absehbar“, gab er nach einer Weile zurück.
„Natürlich. Sie haben ihre Wunden allerdings länger geleckt als ich erwartet hatte. Dass sie sich so lange still verhalten haben, gefällt mir nicht. Toran ist keine unüberlegte Närrin. Mit ihren Panthern allein stehen sie auf verlorenem Posten. Entweder sie bluffen zu einem bestimmten Zweck oder besitzen namenhafte Unterstützung.“ Ryouichi, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte, tippte beharrlich mit der Kralle auf seinem Oberarm herum und lehnte sich mit der Schulter ein wenig an einen der hölzernen Pfeiler, der das Überdach der schmalen Terrasse trug, auf der sie standen. Dunkles, wetterfestes Mahagoni - eine Haltung, die nicht jeder in dieser Situation einzunehmen wagte. „Diese verfluchten Biester haben noch nie ehrlich gekämpft. Wir sollten in Erfahrung bringen, wer sie unterstützt. Je geringer ihre Hilfe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Aufmarsch und Angriff nur fingieren, um hinterrücks in einen ungeschützten Palast einzufallen. Minoru ist zu verlockend – selbst wenn er Shunran nicht verunstaltet hätte, wäre er das.“
Sesshōmaru musterte Ryouichi eine Weile, dann nickte er knapp und steckte Akios Nachricht in seinen Obi. „Wahr. Deswegen werdet Ihr ihn und die Han'yō meines Bruders fortbringen.“
Ryouichis gelbe Augen ruhten auf den fallenden Blüten eines Kirschbaumes, während seine Gedanken die möglichen Listen des Panther-Clans durchspielten.
„Fort ja. Das ist sicher, wenn – wartet, ich?“ Er sah den Fürsten an, als habe er nicht richtig gehört. „Ich soll sie in Sicherheit bringen?“
„Die Panther beweisen gutes Zeitgefühl. Geleitet die Kinder nach Musashi. Ich hole euch, wenn sich die Lage beruhigt hat.“
Ryouichi brauchte eine Weile, um die Tragweite zu begreifen und kam nicht umhin, den Taishō verdutzt anzustarren. Er hatte bereits damit gerechnet, dass Sesshōmaru trotz allen Zwistes einen Streit mit seinem Bruder vermeiden wollen würde, um die Zahl der Feinde so niedrig wie möglich zu halten. Da lag es nur nahe, die Ausreißer sicher der Gnade ihrer Eltern auszuhändigen. Minoru nun mit ihnen zu schicken war ebenfalls logisch, wenn er unangenehme Überfälle vermeiden wollte. Sollten sie doch eine bis an die Zähne bewaffnete Festung angreifen, wenn das, was sie wollten, hunderte Kilometer entfernt in Sicherheit war – und Ryouichi zweifelte keinen Moment daran, dass alle Augen hier auf Minoru gerichtet waren. Selbst wenn keiner der Gegner davon ausging, dass Folter oder Mord an seinem Sohn den Herrn der Hunde emotional berührten, so setzten sie doch auf dessen verletzbare Ehre und seinen Stolz. Außerdem war da etwas in seiner Miene, in seinem gesamten Ausdruck, das er von früher nur zu gut kannte. Diese neuen Informationen hatten ihn ein bereits gefasstes Vorhaben umplanen lassen. Da Katzen jeder Art nicht für ihre Vergebung bekannt waren, hatte der Chūyō seine Männer schon seit Monaten auf diesen und andere Fälle eingeschworen, die mit einem jungen Erben in die Grenzen des Möglichen rückten. In Anbetracht dieser laufenden Vorbereitungen und dem vorabendlichen Fiasko war beinahe ausgeschlossen, dass Sesshōmaru von vorn herein in Betracht gezogen hatte, ihn mit der Eskorte zu betrauen.
„Was gedenkt Ihr zu tun?“, fragte er aufmerksam und lehnte immer noch gelassen an dem Pfosten. Die Antwort war jedoch nur ein schweigsamer, vielsagender Blick; völlig ausreichend für den Generalleutnant. Er richtete sich auf, straffte die Schultern und fixierte seinen Herrn fest. „Nein.“
Sesshōmaru zog eine Braue hoch und musterte ihn ruhig. „Nein?“, fragte er fast neugierig, aber gleichwohl so bedrohlich, dass es sicher klüger gewesen wäre, sich hinter dem nächst schützenden Objekt zu verschanzen – wenn man nicht gerade Ryouichi war.
„Nein“, versicherte dieser abermals. „Mit Verlaub, mein Herr, aber ich bin Heerführer, nicht die Leibgarde Eures Sohnes. Ihr solltet an seiner Seite sein – Ihr, der Ihr ihn zu kontrollieren vermögt. Ich behaupte eine gewisse Kenntnis in Sachen Charakter zu besitzen und ich bin nicht besonders erpicht darauf, diesen Han'yō-Jungen und Minoru zeitgleich zu eskortieren. Euer Sohn mag augenscheinlich über dieselbe Distanz verfügen, die auch Ihr besitzt, aber ihm fehlt Eure Sicherheit und Ruhe. Mit den explosiven Kapazitäten komme ich nicht zurecht. Lasst mich für Euch dieses Panther-Heer vernichten und ich werde Euch ebenso wenig enttäuschen wie stets. Bei diesem jungen Daiyōkai ohne Maß gebe ich darauf keine Versicherung. Er braucht Euch. Jemanden der ihn zurückzuhalten weiß.“
„Ihr werdet tun, was Euch aufgetragen wird, Chūyō“, mahnte der Fürst scharf, aber Ryouichi schüttelte so überzeugt den Kopf, dass Außenstehende ihm sicher Suizidvorhaben unterstellt hätten. Der schwarzhaarige Inu jedoch wusste nur zu genau, wie weit er bei diesem Daiyōkai gehen konnte. Er kannte ihn zu lange, zu genau und sicherlich anders als selbst Rin es behaupten konnte.
„Ihr wisst, dass ich recht habe“, meinte er schließlich ruhig. „Mit diesem Herumgetanze an Euren Grenzen komme ich zurecht. Gebt mir freie Hand, dann korrespondiere ich mit Akio und bringe die unangenehme Angelegenheit zu einem schnellen Ende, sobald auch nur eine Kralle dieses schnurrenden Packs westlichen Boden berührt.“ Ryouichi musterte seine zerkratzten Hände und krümmte die dunklen Klauen für einen kurzen Moment. Seine Stimme war mit einem Mal leise geworden. Kaum mehr als ein Flüstern. Das Lächeln, das für einen Moment über seine Lippen huschte spiegelte den leichten Anflug von Wahnsinn wider, der sich über seine schwefelgelben Augen gelegt hatte.
„Warum hast du Baldrian im Haus?“
Ryouichis spitze Ohren zuckten für einen Moment – das einzige, undeutliche Signal von Überraschung, das er nicht zu unterdrücken vermochte. Die letzte vertrauliche Ansprache des Taishō lag Jahrhunderte zurück. So unbegreiflich verblassend weit entfernt wie viele Erinnerungen einer zurückliegenden Jugend. „Für Kanae“, antwortete der Generalleutnant nach einiger Stille. „Wenn sie nicht schlafen kann. Es hilft wahre Wunder bei den Kleinen – leider nur bei ihnen.“
„Du leidest unter Schlafproblemen“, folgerte der Fürst hart und sah ihm direkt in die nun wieder friedlich scheinenden Augen.
„Ich fürchte, ich schlafe nicht mehr als Ihr“, antwortete dieser steif.
„Ryouichi.“ Die Stimme des westlichen Herrn nahm einen warnenden Unterton an.
„Nein, mein Fürst, ich schlafe sehr gut“, erwiderte der Generalleutnant nun vollständiger.
„Gut.“ Sesshōmaru legte eine Hand an Bakusaiga und ließ sie über den Griff wandern. „Unaufmerksamkeit und Schwäche sind inakzeptabel.“
„Ich werde Euch nicht enttäuschen“, sagte Ryouichi, legte die Hand ebenfalls auf den Griff seiner Waffe und verneigte sich für einen kurzen Augenblick ungewöhnlich tief. Er hatte den Wink durchaus verstanden.
Sesshōmaru betrachtete seinen einstmaligen Trainingspartner mit einem stillen Anflug von Unbehagen. Diese Szenerie kannte er nur zu gut und er hasste sie mehr als die meisten unglückseligen Momente in seinem Leben.
„Daisuke“, der Name kam ihm schwer über die Lippen und als Ryouichi auf der Stelle in eine Art Starre verfiel und nur sehr zögerlich den Kopf hob, um den Taishō anzusehen, wusste er, dass es für ihn nach all den Jahren genauso fremd klang.
„...Ja?“
„Übertreib es nicht.“
„Was nötig ist. Nur das. Versprochen. Den Rest überlasse ich dir“, gab der Chūyō mit einem fast traurigen Lächeln zurück und beantwortete damit eine Frage, die seit Jahrhunderten zwischen ihnen lag und die keiner von beiden je offen gestellt oder beantwortet hätte: Entgegen aller Widrigkeiten, trotz der Veränderungen und Distanzen und wider allen Grauens, das er einst erduldet hatte, würde Ryouichi nicht eine Sekunde zögern, sein Leben für ihn zu geben. Abermals und endgültig.
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