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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
4
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40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.02.2016 7.312
 
Hallo zusammen =)
Ich bin noch ein wenig kribbelig, nun neue Charaktere benutzen zu können, nachdem durch Takerus Abwesenheit ein großer Teil weiterer Sichtweisen weggefallen ist  (ja, der Wolf wird wieder auftauchen, aber dieses Versprechen beinhaltet ein sehr gedehntes 'irgendwann'). Das gibt einfach deutlich mehr Möglichkeiten und auch wenn das in der Urfassung eigentlich nicht geplant war, wird es, glaube ich, ein diebischer Spaß, damit mein Unwesen zu treiben - zumindest für mich Wir werden sehen =p.
Bis dahin wünsche ich euch viel Spaß mit Kapitel 25!

Was bisher geschah ...
Ryouichi lehrt Minoru nicht nur die grundlegenden Kampftechniken, sondern auch das ein oder andere über die Geschichte seines Volkes.
Als er den Jungen mit auf ein Außentraining nimmt, eilt Minoru unerlaubt zwei jungen Han'yō zu Hilfe, die von Mönchen gestellt worden sind.
Dass er damit nicht nur unerlaubt seine Einheit verlassen hat, sondern seinem Vater darüber hinaus auch noch zwei Halbblute mit in die Festung schleppt, stößt bei diesem nicht unbedingt auf Zustimmung - Minoru bekommt zum ersten Mal einen Vorgeschmack, was es bedeutet, den Fürsten des Westens zu verärgern.

 ҉
Minoru hatte den Zopf gelöst. Die dunkelgrünen Bänder, die er aus Tōtōsais altem Yukata ausgerissen hatte, und sonst seine Haare am Platz hielten, lagen achtlos auf dem kalten Boden; seine Trainingskleider wenige Meter daneben. Den ersten Kübel kalten Wassers hatte er vollends über sich ausgeleert. Er stand immer noch neben ihm, an der Wand, an der sich Minoru langsam heruntersinken ließ. Den Rücken an die kühle Holzvertäfelung gelehnt, hatte er die Arme um die Knie geschlungen und starrte benommen den Furo an, in dem das heiße Wasser gemächlich dampfte.
Undankbar, ungehorsam und unverschämt. Er konnte den Vorwürfen nichts entgegenbringen und im Grunde hatte er vom ersten Moment an gewusst, dass sein Handeln zum Scheitern verurteilt war. Wirklich erschreckend war jedoch, dass ihn die Wut des Fürsten traf, ja sogar verletzte. Minoru war es gewohnt, angeschrien, geschlagen und beschimpft zu werden. Damit konnte er gut leben. Doch nie hatte derlei etwas anderes erweckt als Sturheit und Widerwillen; hatte ihn seine Entscheidung wirklich hinterfragen lassen. Das Eingeständnis war schwer, aber er war auf dem besten Wege, einen Pfad zu beschreiten, den er sich längst zum eigenen Wohl untersagt hatte.
Er atmete tief durch und betrachtete seine Klauen, an denen noch immer Mönchblut haftete. Menschengestank, durchmischt mit ätherischen Ölen, Räucherwerk und anderem Schund. Kein Wunder, dass er stank wie ein wanderndes Priesterarsenal. Minoru raffte sich auf, nahm eine mit Borsten besetzte Bürste von einer Ablage und begann den gesamten Körper mit eisigem Wasser und groben Bewegungen zu säubern. Erst dann ließ er sich in den Furo gleiten. Sein langes, weißes Haar schwebte neben ihm im heißen Wasser und doch fühlte er sich kein bisschen wohler. Er schloss die Augen und legte die Arme ausgebreitet auf den hölzernen Rand.
Diese beiden Han'yō waren sein Cousin und seine Cousine. Die letzten Zweifel hatte spätestens ihre Bekanntschaft mit Myōga ausgelöscht, der sich vor dem Bad sehr diskret verabschiedet hatte. Die anderen offenkundigen Hinweise wären jedoch auch ohne dies ausreichend gewesen. Er wusste zwar nicht, was zwischen ihren Vätern stand, das die anderen annehmen ließ, sie kämen nicht miteinander aus, aber vielleicht behielt Honoka letzten Endes doch recht und die familiären Bande ersparten den beiden nun gewisse Unannehmlichkeiten – mit Pech bewirkten sie jedoch Gegenteiliges.
Nachdem er abermals versucht hatte, den übrigen Hauch Mönch von sich zu waschen – und dabei vermutlich die letzte Schicht Haut gleich mit abgebürstet hatte – drehte er die langen Haare ein, um die gröbste Feuchtigkeit herauszupressen und zog einen einfachen, knapp passenden Yukata über, der neben vielen anderen ordentlich gefaltet in einem Regal lag. Der Obi war zu lang und sehr schmal, sodass er nach zwei Versuchen, ihn ordentlich zu binden, schließlich aufgab und den Stoff irgendwie haltend um die Hüfte wickelte, einen einfachen Knoten band und sich damit zufriedengab. Es sollte ja nicht ewig halten, nur bis auf sein Zimmer – oder war es ratsam, den Fürsten noch einmal aufzusuchen? Was, wenn er es erwartete – und was, wenn Minoru es damit nur noch schlimmer machte? Er biss sich vergrämt auf die Unterlippe und schalt sich selbst, als sich augenblicklich ein blutiger Geschmack in seinem Mund verteilte. Da war es wieder: Das Gefühl, letztlich doch nur die falsche Entscheidung treffen zu können und noch mehr Ärger zu provozieren.
Zu oft hatte er dieses Spiel gespielt und niemals gewonnen.
Während Minoru die letzten weißen Strähnen zwischen Rücken und Stoff hervorzog, klopfte es beinahe zart an der Tür. Er gewährte Rin Eintritt. Ihr Geruch war zu eindeutig, wenn er ihr auch zu Gute halten musste, dass sie sehr angenehm roch – für einen Menschen.
Die Tabi hatte sie auf dem Flur ausgezogen, sodass sie barfuß in das nasse Bad trat und leise die Tür hinter sich zuzog – und schwieg. Sie drehte einen der hölzernen Wasserbottiche herum und ließ sich auf ihm nieder wie auf einem unbequem hohen Kissen. Den Kopf in die Hände aufgestützt, die Ellen auf den Oberschenkeln ruhend gab sie keinen Mucks von sich, währenddessen sie ihn dabei beobachtete wie er mit einem grob gezinkten Lackkamm die Haare entwirrte. Dass der Fürst nicht unbedingt das Gespräch suchte, war eine in Stein gemeißelte Tatsache; auch, dass er es vermochte wahlweise eine ruhige oder verhängnisvolle Stille zu erzeugen war nun offenkundig – eine Rin, die jedoch seine Verhaltensweisen annahm war so unheimlich, dass Minoru nach einer Weile den Kamm sinken ließ und sie abwartend ansah. Fast erwartete er, dass sie sich nun auch herausnahm, ihn für sein Verhalten zur Rede zu stellen, aber sie wirkte nicht im Geringsten verärgert, wie sie da auf ihrem Eimer hockte, die Füße auf dem nassen, kalten Boden, die rehbraunen Augen auf ihn geheftet wie auf etwas, das sie in den Tiefen zu ergründen suchte. Sie hielt seinem Blick einige Minuten lang stand, dann zog sie die Brauen für einen Moment ernst zusammen, bevor sie kaum merklich lächelte.
„Du bist ihm so ähnlich“, stellte sie leise fest. „Manchmal glaube ich, ich hätte es einfach laut aussprechen sollen, als mir der Gedanke zum ersten Mal kam. Vielleicht hätte uns das einige unschöne Momente erspart.“
Minoru reagierte nicht, aber das wunderte Rin schon lange nicht mehr. Für sie reichte es durchaus, dass er sich nicht übermäßig abweisend abwandte.
„Es ist gut, dich heil zurück zu wissen“, sagte sie anschließend und richtete sich im Rücken auf. „Aber heute - und ich hätte nie gedacht, dass mir das einmal passiert - weiß ich nicht, ob ich dich sinnloser Weise noch einmal loben oder dir den nächstbesten Eimer für deine Dummheit über den Kopf ziehen soll.“
Er wollte den Mund aufmachen, aber sie fuhr ihm dazwischen: „Ich weiß nicht, was dich zu den anderen beiden getrieben hat, und sehr wahrscheinlich hättest du einfach Ryouichi darauf aufmerksam machen sollen, aber ich bin mir sicher, dass du dabei keine schlechten Absichten hattest. Ich bin so froh, dass du ihnen geholfen hast und sie nun heil hier sind – und ich weiß auch, dass dein Vater, völlig egal, was er nun sagt, froh darüber ist, seinem Bruder nicht mitteilen zu müssen, dass die Morgenpatrouille die Leichen seiner Kinder unweit der Festung gefunden hat. Dämonische Politik ist so einfach zu durchschauen: Selbst wenn Han'yō von Yōkai oft abwertend behandelt werden, hätte man es doch gegen deinen Vater ausgeschlachtet – Neffe und Nichte vor der eigenen Nase von zwei Menschen getötet. Glaub mir, das hätte ihm auch nicht gefallen. Aber ich weiß, was ihm noch viel weniger gefallen hätte – und da unterstelle ich ihm sogar, dass es ihm dabei nicht um die Bewertung seiner Machtposition geht, sondern tatsächlich darum, ob du heile nach Hause kommst oder nicht. Wie kannst du nur so gedankenlos sein? Da draußen warten hunderte, tausende Dämonen nur darauf, dich in die Finger zu bekommen und du tapst unbesonnen von den einzigen Personen in ganz Japan weg, die das verhindern können. Weißt du, was Ryouichi sich anhören durfte, weil du ihm weggelaufen bist? Hast du eine Ahnung, was hier los war?“
„Hör schon auf.“
„Aufhören?“, sie klang aus heiterem Himmel wütend und stand ruckartig auf. Das war tatsächlich ein so herber Kontrast zu ihrem sonstigen Auftreten ihm gegenüber, dass Minoru für einen Moment nicht wusste, was er davon halten sollte. „Ich bin die letzte Person auf dieser Erde, die Egoismus predigt, aber du musst doch irgendwann in deinem Leben mal anfangen zu denken – und zwar an dich! Das hast du bei Takeru schon nicht getan und heute war es für zwei Kinder, die du nicht einmal kennst. Und wenn du es für dich selbst nicht tun willst, dann tu es für deinen Vater! Er ist es, der in solchen Momenten nur hoffen kann, dass dich nicht irgendein Panther auf seinem Land erwischt hat – oder ein Oni, oder irgendein dämlicher Mönch, der nie verstehen wird, dass ihr nicht schlimmer sein könnt als all das Dreckspack unter ihresgleichen!“
„Rin.“
„Wenn du jemandem helfen willst, dann sieh zu, dass du alt wirst, lernst und etwas bewirkst! Jung zu sterben hilft in deinem Fall niemandem weiter. Bist du eigentlich zu blind oder zu stur, um zu begreifen, dass sie dich dein Leben lang klein halten wollten, um dich zu benutzen und der nun nächste logische Schritt ist, dich auszuschalten, solange sie noch können? Was denkst du, warum wir in diesem goldenen Käfig herumsitzen, statt durch das Land zu wandern wie sonst? Glaubst du, dein Vater findet es besonders einladend hier? Er hasst diese Festung nicht minder als du selbst. Er macht das doch nicht für sich!“
„Rin!“
Sie zuckte zusammen und sah Minoru verdutzt an, der längst direkt vor ihr stand und sie todbringend anfunkelte. Sie blinzelte ein wenig und schluckte schwer. Da waren ihr wohl die Nerven durchgegangen.
„Ich weiß, du verstehst das“, sagte sie schnell. „Ich hatte erwartet dich wütend anzutreffen, aber das bist du nicht. Gut, auf mich nun vielleicht, aber nicht auf ihn. Du weißt doch, dass irgendetwas nicht ganz richtig war, an dem, was du getan hast. Ich meine-“
„Ich weiß es“, fiel Minoru ihr schroff ins Wort. „Aber das werde ich nicht mit dir besprechen.“
Rin lächelte sanft. „Das habe ich nie erwartet. Aber ich hätte auch verstanden, wenn dir der Umstand, dass jemand sich um dein Wohlergehen sorgt, unbegreiflich ist. Wenn man nur lange genug weggestoßen wurde, fällt es schwer, sich allein den Gedanken zu erlauben, dass man jemandem etwas bedeuten könnte. Man riskiert dabei zu viel – und nun schau nicht so, wir wissen beide genau, wovon ich spreche.“
Minoru hatte zunächst eine giftige Antwort auf der Zunge gehabt, schluckte sie nun aber widerwillig herunter. Er war nicht in der Stimmung sich mit ihr anzulegen, geschweige denn tiefer in die Diskussion einzusteigen. Ohne Tatsachen zu verdrehen und spöttisch auf Wahrheiten zu spucken, hätte er sie in diesem Punkt nicht widerlegen können und Unehrlichkeit war nicht seine Art.
„Hier gibt es kein Risiko“, versicherte Rin. „Wenn du uns abhaust, finden wir dich und bringen dich zurück nach Hause. Ob es vier Jahre dauert oder vierzig. Das ist keine Drohung; es ist ein Versprechen. Aber die Medaille hat zwei Seiten. Jemand, der um dein Wohlergehen bemüht ist, wird von deinem Schaden nicht unberührt gelassen. Will heißen, du musst auf dich achten, um jene zu schützen, denen du wichtig bist.“ Sie bemerkte genau, dass er irgendetwas sagen wollte, das durchaus negativ ausfallen würde und tippte ihm mit dem Zeigefinger kurz auf die Lippen, da er sonst sicher doch nach ihr beißen würde. „Du bist mir wichtig, Minoru. Ich weiß, dass du mich meidest, weil ich nicht in das harte, grausame Bild passe, das du von der Welt hast – und das schließt sicher ein, dass ich ein aufdringlicher, plappernder Mensch bin –, aber das ist mir gleich. Außerdem kenne ich da noch mindestens zwei Hunde und einen Floh, die sich heute Abend um dich gesorgt haben.“
„Bist du nun fertig damit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen?“, fragte Minoru bitter. Sie legte nur abermals den Kopf schief. „Das kommt darauf an. Habe ich es denn geschafft?“
„Du bist unerträglich.“
Mit einem gelassenen Lächeln wandte sie sich seiner am Boden liegenden Trainingskleidung zu.
„Ich nehme sie mit, wenn es dir nichts ausmacht. Vielleicht kann ich sie mit etwas Waschen ja retten.“
„Es ist mir gleich, was du tust“, erwiderte Minoru knapp. Er ließ sie allein im Bad zurück und ging lautlos auf sein Zimmer. Den Fürsten aufzusuchen erschien sinnlos. Minoru konnte gut darauf verzichten, den Anschein eines bettelnden, unterwürfigen Welpen zu vermitteln. Es war vorzuziehen, ihm die Lage am nächsten Tag in Ruhe zu erläutern und sich angemessen zu entschuldigen. So blieb immer noch eine verschwindend geringe Chance, dass sich seine Laune über Nacht besserte und er seinen Sohn beim nächsten Zusammentreffen nicht gleich auf Flohgröße zusammenstauchte – wirklich sehr verschwindend gering.
Was allerdings Rin betraf, so hätte Minoru doch gern gewusst, ob der Fürst sich ihrer freimütigen Auslegung seiner Person bewusst war. Es war eine Sache, dass sie es sich herausnahm, Minoru offen zu kritisieren, aber wohl doch eine noch ganz andere zu behaupten, der Taishō sorge sich aus emotionalen Beweggründen um das Wohlergehen seines Sohnes. Nicht einmal den bloßen Gedanken hätte sich Minoru erlaubt, auch dann nicht, wenn er nicht ohnehin derartige Überlegungen von vornherein als unsinnig verwerfen würde. Für sie schien es allerdings selbstverständlich, solche Aussagen in den Raum zu stellen. Er mochte vielleicht unbedacht gehandelt haben, aber wenn jemand anderes ihren Freimut in den falschen Hals bekam, sah selbst er die drohenden Wolken aufziehenden Unheils.

Kaito hatte sich vor dem Feuer platziert, das in der Mitte des Raumes loderte, und starrte mit aufgerissenen, goldenen Augen an die Decke des Hauses, in das sie harsch geleitet worden waren. Eine Frau, stoisch und ruhig, hatte ihnen eine große Schüssel dampfender Nudelsuppe zubereitet und ebenso schweigsam Honokas Verletzungen verpflegt; ohne eine Miene zu verziehen, aber mit einem deutlichen Ausdruck von Missfallen. Dann war sie mit dem dunkelhaarigen, herrischen Monstrum, das sie von Minoru getrennt hatte, nach draußen verschwunden. Nun war es still im Haus. Lediglich draußen heulte der frische Wind immer wieder, wenn er unter das Dach fuhr und in den Straßen stritten hin und wieder Hunde – einfache Hunde, die offensichtlich unter ihren dämonischen Äquivalenten lebten, wie sie es auch unter den Menschen taten. Kaito hatte einige von ihnen in den Gassen gesehen, als er auf dem Weg zu diesem kleinen Haus am Ende einer engen Straße nach Fluchtwegen Ausschau gehalten hatte. Vergeblich.
„Nun mach nicht so ein Gesicht“, protestierte seine Schwester leise. Sie hatte ihre Suppe bereits ausgetrunken und stellte die Schüssel sacht neben sich ab, um ihren Yukata glattzustreichen. Das war hoffnungslos, denn auch der Stoff hatte unter der Reise gen Westen stark gelitten und auch die feinen, zart rosafarbenen Blüten verschiedener Pflanzen, die den dunkelvioletten Grundton des Yukata zierten, vermochten den abgenutzten Anblick nicht zu überdecken.
„Ich hätte dich an den Haaren ins Dorf zurückschleifen sollen“, knurrte ihr Bruder. „Was für eine hirnrissige Idee! Wir hätten tot sein können – und das nicht nur einmal.“
„Sind wir aber nicht.“
„Du meinst wohl 'noch nicht'!“, er rollte sich auf die Seite und sah sie mit funkelndem Blick an. „Und wenn das deine Henkersmahlzeit war? Was, wenn sie dir die Suppe vergiftet oder 'rein gespuckt haben? Dieser arrogante Köter hatte recht: Wir sind hier nicht willkommen. Sie haben mir mein Schwert abgenommen. Wenn ich jetzt versuche, durch diese Tür zu marschieren, wird mich jemand aufhalten!“ Er deutete wütend auf den Eingang des kleinen Hauses. „Hör auf, dir einzubilden, das hier sei Freundlichkeit!“ Er schob seine immer noch volle Schale missbilligend von sich.
„Die Frau hat uns Essen gekocht. Du bist unverschämt, Kaito!“
„Ach ja? Ich bin nur dumm! Was denkst du, wer vor Vater und Mutter den Kopf für diesen Mist hinhalten darf, wenn wir je wieder nach Hause kommen? Du doch nicht.“
Der Treppenabsatz knarrte leise und Kaito fuhr schlecht gelaunt herum, nur um zu sehen, dass von der oberen Etage jemand mit zögerlichen Schritten herunter ins das Erdgeschoss trat. Das Mädchen rieb sich die fliederfarbenen Augen und betrachtete die Fremden einen Moment verdutzt, als wache sie gerade aus einem sehr grotesken Traum auf, der nicht weichen wollte. Die beiden Han'yō sahen sie nicht minder verwundert an und es war Honoka, die als erste ihre Sprache wiederfand: „Entschuldige, wir wussten nicht, dass noch jemand im Haus ist... sonst wären wir leiser gewesen.“
Das Mädchen, das der Hausherrin mit ihrem langen, braunen Haar auffällig ähnelte, sah die beiden immer noch ein wenig überfordert an und schien nicht ganz zu wissen, was sie von diesem späten Besuch halten sollte.
Beinahe zeitgleich flog die Tür, von Wind beschleunigt, auf und Kaito erkannte in dem Eintretenden den schwarzhaarigen Inu, der sie hergebracht hatte. Hinter ihm folgte die Frau, die nur die Mutter des Mädchens sein konnte.
„Haha-ue...“, setzte diese an und hundert unausgesprochene Fragen blieben ihr im Hals stecken.
„Alles in Ordnung, Kanae“, meinte die Frau beinahe weich und legte ihr die Hände auf die Schultern. Mit einem letzten, scharfen Blick auf den Mann schob sie ihre Tochter sacht, aber bestimmt die Treppe wieder hinauf, an deren Ende sie eine Tür schloss, während der Mann dasselbe mit dem Hauseingang tat, durch den mittlerweile ein kalter Wind durch den Raum fegte.
„Mein Name ist Ryouichi. Ich bin Generalleutnant des westlichen Heeres. Auf Anordnung des Generals werdet ihr die Nacht in meinem Haus verbringen dürfen“, gebot er mit tiefer Stimme und sah die beiden Geschwister prüfend an. „Ich dulde keine Proteste.“ Dann ließ er seine gelben Augen warnend auf Kaito ruhen. „Und meine Tochter ist tabu. Wenn ich nur einen schiefen Blick bemerke, röste ich deine Augen über dem verfluchten Feuer. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Kaito starrte ihn ebenso perplex an wie Honoka und brachte zur Ausnahme kein Wort hervor.
„Ob du mich verstanden hast!?“, donnerte der Chūyō und Kaito nickte schnell, was dazu führte, dass sich der Hundedämon sichtlich entspannte. „Gut. Ich hoffe, die Suppe war nach eurem Geschmack.“
Die Wechsel seiner Launen waren ja herzallerliebst. Wie wurde jemand so Sprunghaftes zum Generalleutnant einer ganzen Armee? Kaito musterte ihn einen Moment; die schwarzen, nackenlangen Haare, die dünnen, dunkelgrünen Abzeichen, die wie lange Kratzer von den unteren Augenlidern bis zur Hälfte der Wange reichten. Seine Augen waren stechend gelb, weit entfernt von seinem eigenen, warmen Goldton. Diese Mischung ließ ihn auf eine besorgniserregende Weise unheimlich wirken, was er durch eine gerade Haltung mit raubtierähnlicher Präsenz sicherlich bewusst verstärkte.
„Entschuldige bitte... - Ryouichi, ja? - sag, sind wir Gefangene? Wir sind nicht hier um jemanden zu schaden. Nur aus reiner Neugierde.“
„Ihr habt genug Schaden angerichtet ohne es zu beabsichtigten“, stellte der Yōkai fest und warf einen prüfenden Blick ins Feuer. „Leg Holz nach, Junge. Dort an der Wand – na los, im Gegensatz zu mir wird es nicht beißen.“
Missmutig gehorchte Kaito und legte geübt einige Scheite in die Flammen; der Mann knurrte zufrieden.
„Sind wir Gefangene?“, insistierte Honoka und nun sah Ryouichi sie deutlich aufmerksamer an.
„Ihr seid meine Gäste“, gab er ruhig zurück und lehnte sich in der Nähe der Tür an die Wand.
„Gäste bewacht man für gewöhnlich nicht“, warf Kaito ein und seine hoch angesetzten Hundeohren legten sich kaum merklich enger an seinen Kopf an.
Die Mundwinkel des Chūyō umspielte ein genüssliches Lächeln: „Wir wollen doch nicht, dass euch etwas zustößt.“
Kaito griff instinktiv nach dem Wakizashi an seiner Seite, nur um festzustellen, dass es natürlich nicht aus heiterem Himmel wieder an seinen Platz gesprungen war.
„Ich nehme an, du suchst das hier“, meinte Ryouichi provokant und legte eine Hand an Kaitos Schwert, das in seinem Obi steckte – neben zwei weiteren Waffen, deren Gebrauch ihm sicher nur zu vertraut war. „Mach keine Dummheiten, Kind. Ihr habt einige Fürsprecher im Palast, die euch gern lebend und am Stück sehen möchten. Ich würde bedauern, ihnen mitteilen zu müssen, dass ich dazu gezwungen war, zumindest den Teil mit der Unversehrtheit außer Acht zu lassen.“
„Wir haben Fürsprecher?“ Honoka sah den hochgewachsenen Hundedämon interessiert an. „Wen? Unseren Onkel?“
Ryouichi musterte sie einen Moment scharf; sah sie unverwandt an, aber sagte kein Wort. Damit konnte Honoka offensichtlich nichts anfangen. Sie rutschte ein wenig unbehaglich auf der Stelle umher und als sie erneut ansetzte, eine Frage zu äußern, fuhr ihr Bruder dazwischen.
„Nein. Nicht unser Onkel“, erriet er mit einem gehässigen Lächeln. „Der hat noch nie etwas auf uns gegeben. Myōga, würde ich sagen, und Rin, wenn es stimmt, dass sie hier ist.“
Ein pfiffiges Großmaul, entschied Ryouichi für sich. Als Myōga den Fürsten über den Verbleib seines Sohnes unterrichtet hatte, war es tatsächlich Rin gewesen, die erbeten hatte, ihr Zimmer für die beiden Han'yō räumen zu dürfen, nachdem Ryouichis eigenes Gesuch um eine Entsendung eines Stoßtrupps zur Hilfe der Kinder abgelehnt worden war. Der Fürst war offensichtlich der Meinung gewesen, Minoru müsse mit seiner Entscheidung allein zurechtkommen. Ein wenig hart, wenn man bedachte, dass es sich beim Gegner immerhin um zwei Mönche handelte.
Ryouichi wusste, dass er den Vorgaben entsprechend gehandelt hatte. Minoru hatte unerlaubt die Gruppe verlassen und somit keine Hilfe zu erwarten. Dennoch machte sein Lehrer sich den leisen Vorwurf, mit seinem Verschwinden regelkonform zuerst zum Taishō gegangen zu sein, anstelle eine Suche nach dem Jungen zu befehlen. Er hatte sich zu sehr auf den Gedanken verlassen, dass Minoru allein nach Hause zurückgekehrt war. Eine Fehleinschätzung. So war er beinahe erleichtert gewesen, als der Flohgeist seinen Bericht vorgetragen hatte. Zwei Mönche – es hätte sie durchaus schlimmer treffen können.
Aber auch Rins Ersuchen war auf Eis gestoßen, wenn auch nicht so heftig wie der Vorschlag, Verstärkung zu entsenden. Sie durfte ihr Zimmer nicht bereitstellen – was durchaus nicht nötig gewesen wäre, da der Palast eindeutig das Gebäude mit den meisten, leerstehenden Räumen war. Stattdessen konnte Ryouichi sich nun mit diesen Mischlingen herumschlagen; ein kleiner Vorgeschmack davon, was ihm noch bevorstand, wenn sein Vorgesetzter diese üble Laune behielt – immerhin war Ryouichi es gewesen, der Minoru mit nach draußen genommen hatte. Auch Setsuko war über die Anwesenheit der Han'yō in ihrem Haus nicht gerade glücklich, zumal so unerwartet. Wenn der Junge nur einmal etwas bis zum Ende durchdenken würde! Aber da schien die Jugend dieser Generation kein Händchen für zu haben.
„Ein paar Decken“, unterbrach er schließlich ein weiteres Streitgespräch der Geschwister und deutete auf die Schiebetür, hinter der sich ein Regal verbarg. „Bedient euch.“
„Dürfte ich mir noch etwas von der Suppe nehmen?“, fragte Honoka plötzlich und als sie mit großen, bittenden Augen zu ihm aufsah, erinnerte sie Ryouichi so sehr an Kanae, dass er beinahe reflexartig zu lächeln begonnen hätte – trotz fehlender Ähnlichkeiten und fremden Geruch. Welpen... ob nun Han'yō oder nicht. Übermütig und unbedacht, aber war er in ihrem Alter besser gewesen? Wohl eher nicht. Im Gegenteil.
„So viel du willst, Kind.“
Während ihr Bruder nur wütend schnaubte und den Kopf herumwarf, lächelte sie warm.

Er hatte nicht einmal für wenige Minuten Ruhe finden können und nach Stunden des unruhigen Liegens und dem anstrengenden Anstarren der Deckenverkleidung, hatte sich Minoru im Garten an einem der blühenden Kirschbäume niedergelassen und war mittlerweile von heruntergewehten Blüten übersät. In offener Umgebung war das anhaltende Unwohlsein deutlich besser zu ertragen als in seinem warmen, stillen Zimmer, aber langsam musste Minoru sich eingestehen, dass er auch das Ausmaß seiner Handlung und die darauf folgende Reaktion bis ins Detail hätte abschätzen können.
Während der letzten Stunden hatte er unzählige Perspektiven, Szenarien und kindischen Widerwillen durchlebt, bis er nun, weit nach Sonnenaufgang, langsam eine Ahnung davon bekam, welchen Schaden seine überstürzte Handlung hätte anrichten können – und längst getan hatte. Das bestärkte unter anderem die Entscheidung, nach dem Bad nicht gleich seinen Vater aufzusuchen – wenn auch aus ganz anderem Grund als zuvor angenommen: Es ging hier nicht darum, einen bettelnden, unterwürfigen Eindruck zu vermeiden. Viel evidenter war, dass er ihm zuvor in kritischen Belangen sicherlich undurchdachte, dämliche Antworten vor den Kopf geworfen hätte, die er nun nicht einmal mehr denken mochte. Wenn er sich die wenigen, vorherigen Gespräche mit seinem Vater ins Gedächtnis rief, konnte er sich nur zu deutlich vor Augen führen, wie weit er in den letzten Monaten von sich selbst Abstand genommen hatte. Das mochte zu einem gewissen Teil an seinem freigesetzten Yōki liegen, aber es widerstrebte ihm, sich von einer persönlichen Schuld vollends freizusprechen – und wenn es ihm bereits widerstrebte, hätte die Erklärung vor dem Fürsten ohnehin keinen Bestand. Aber es ging ihm auch längst nicht mehr darum, seinem Vater eine schmackhafte Schilderung auf den Tisch zu legen, um sein Handeln zu erklären. Es war unverschämt, unüberlegt und desertierend und wenn er nicht zufällig einen Weg fand, die Zeit zurückzudrehen, um eine andere Entscheidung zu treffen, konnte er an den bloßen Gründen des Zerwürfnisses nichts mehr ändern. Mit einer verwerflichen Handbewegung zog er eine der Kirschblüten aus seinen mittlerweile zumindest im Zopf zusammengefassten Haaren und ließ sie neben sich ins Gras fallen.
Der Palast war bereits wieder erwacht und im Zuge der angenehmen Morgensonne stießen einige Yōkai, die er sonst nie gesehen hatte, die äußeren Holzvertäfelungen des Westflügels auf und begannen einige Zimmer aufzuräumen, in denen vermutlich seit Jahrhunderten außer Staub niemand mehr gewohnt hatte. Einige der Diener bemerkten Minoru im Garten, sahen aber hastig und nach einer kurzen Verbeugung wieder fort, andere waren weniger aufmerksam und schwatzten am frühen Morgen daher, dass es dem Wolfsrudel einiges an Respekt abgenötigt hätte. Als jedoch sein Name fiel, zuckten Minorus spitze Ohren unwillkürlich für einen kurzen Augenblick.
„Ja, letzte Nacht. Setsuko schnaubt wie ein Drache. Han'yō in ihrem Haus. Oh, sprich sie bloß nicht darauf an, sie ist ganz unausstehlich heute“, die ältere Hundedämonin warf einen Blick über die Schulter und stellte einen vollen Eimer Wasser auf den Boden. „Sei froh, dass du nicht hier gewesen bist. Das hättest du nicht erleben wollen. Aber ich habe es euch gleich gesagt: Aussehen hin oder her, diese Daiyōkai schlagen nach der Mutter. Dass er sich überhaupt die Mühe mit dem Sohn einer Hochverräterin macht! Der Fürst hätte dem Elend gleich ein Ende setzen und diesen verwilderten Bastard mitsamt seiner Mutter töten sollen. Er hat mehr Geduld als ich ihm zugetraut habe. Das hat er nun davon.“
Minoru erhob sich und machte sich nicht einmal die Mühe, die Frauen anzusehen. Seine Präsenz tat das Übrige und ließ die Alte erstarren; sie behielt jedoch einen letzten Rest Würde und warf sich nicht ehrfürchtig zu Boden. Eigentlich hatte sie auch keinerlei Grund dazu. Minorus Ansehen hing einzig und allein vom Wohlwollen seines Vaters ab und je länger er sich mit ihm zerstritt, desto haarsträubender würden die Ansichten der Dienerschaft und desto vehementer würde man die Entscheidung des Fürsten in Frage stellen, diesen „verwilderten Bastard“ überhaupt aufgenommen zu haben. Nun, er hatte nie damit gerechnet, hier freudig begrüßt zu werden, von daher schockierten ihn die Aussagen wenig. Ekelhaft war allerdings die Vorstellung, mit jeder Äußerung, Bewegung oder kleinsten Geste Auswirkungen auf das Urteil über andere zu haben. Er richtete den Obi neu und straffte einen Moment die Schultern, als er den Flur betrat und verhältnismäßig zielstrebig auf den Ostflügel zusteuerte, den er eigentlich zu meiden aufgetragen worden war – allerdings im Zusammenhang dessen, dass er den Palast nicht verlassen sollte. Das war Monate her und im Grunde hatte der Fürst dieses Verbot längst revidiert, als er verlangt hatte, dass Minoru zu ihm kam, wenn er drohte, die Kontrolle über sich zu verlieren. Auch wenn er von diesem Zustand in dem Moment so weit entfernt war wie schon lange nicht mehr, wusste Minoru, dass er nun gehen musste. Mit jeder verstreichenden Stunde würde er die potentielle Zurückweisung des Fürsten nur noch mehr fürchten und es verlangte ihm so schon genug ab, dieser entgegenzugehen – auch ohne dass er weitere Ausführungen der Diener oder die konstante Untermalung durch die immer noch leicht schwelende Aura seines Vaters weiterhin auf sich einprasseln ließ.
Als er an den hölzernen Rahmen der Tür klopfte, konnte er nur hoffen, dass es sich wirklich um das Zimmer des Fürsten handelte. Der mittlerweile vertraute Geruch, der den Palast prägte, war hier jedoch am deutlichsten und davon abgesehen war die Luft von einer so knisternden Spannung erfüllt, dass Minoru fest damit rechnete, sie sei in der Lage seine Haare aufzuladen.
Als er die Erlaubnis erhielt, schob er die Tür auf und schloss sie mit einem leisen Knacken hinter sich. Der Fürst saß an der offenen Tür zum Garten, den Rücken an den Holzrahmen gelehnt und einen Unterarm scheinbar gelassen auf ein angewinkeltes Knie gelegt. Seine privaten Räumlichkeiten waren nicht weniger karg eingerichtet als Minorus. Ein schwarzer, rechteckiger Lacktisch, auf dem Schwerter mitsamt Reinigungsmaterial auslagen, daneben ein helles, unbenutztes Teeservice. Die Wände waren schlicht-weiß und der Boden wie fast überall mit Tatamimatten ausgelegt. Ein Futon lag ausgerollt, aber unbenutzt in einer Zimmerecke am Boden und lediglich ein niedriger Schrank vor Kopf, auf dem ein stehender Schwertständer Tenseiga in der Waagerechten hielt, sowie die Rüstungsteile an einer Wand wiesen auf den Besitzer hin.
„Dir ist bewusst, dass ich dich hier nicht sehen will.“
„Herr – “
„Deine Ausflüchte und vagen Entschuldigungen sind mir gleichgültig, Minoru“, schnitt er ihm harsch das Wort ab. „Geh, bevor ich mich vergesse.“
„Ich bin nicht gekommen, um mich vor Euch zu rechtfertigen.“
Sesshōmaru richtete den harten Blick vernichtend auf seinen Sohn, musterte ihn für einen Moment abschätzig. Hatte Minoru gerade noch dieses Gespräch und die daraus eventuell folgende Zurückweisung gefürchtet, wurde ihm allmählich klar, dass die Aufforderung, seinem Vater aus den Augen zu gehen, deutlich weitgreifender gewesen sein könnte, als er vermutet hatte. Er hatte nicht einmal genug Zeit, darüber zu entscheiden, ob es nun eine bessere Idee war, seinem Anliegen zu folgen und den Raum zu verlassen, als sich eine Hand beängstigend eng um seine Kehle legte und ihn ein ganzes Stück vom Boden abhob. Instinktiv griff er nach dem angespannten Handgelenk des Fürsten, versuchte sich aus der Umklammerung zu lösen, doch die Hand zog sich lediglich unbarmherzig eng zusammen.
„Du strapazierst meine Geduld“, knurrte der Fürst so tief, dass es die Vibrationen bis in Minorus Zwerchfell trieb. Minoru versuchte Halt an der Wand zu finden, japste und schnappte nach Luft. Vergeblich. Seine Lunge versuchte sich verzweifelt auszuweiten, während der Kehlkopf ein bedrohliches Knacken von sich gab. Abermals versuchte er reflexartig nach Luft zu schnappen. Aussichtslos. Er ließ die Hände sinken, gab die letzte Abwehrhaltung auf und während er seinen Vater flehend ansah, flimmerte seine Sicht in schwarzen Flecken auf. Das Rot in den Augen des Taishō zog sich langsam zurück. Er ließ Minoru achtlos fallen und betrachtete sein Handgelenk, das nicht den kleinsten Kratzer aufwies. Zugegeben, er hatte mit mehr Widerstand gerechnet.
Minoru blieb röchelnd am Boden liegen und rang schwer nach Atem. Sein gesamter Brustkorb fühlte sich an, als sei er gerade um die Hälfte zusammengepresst worden. Mit dem Rücken an der Wand brachte er sich langsam wieder in eine stehende Position, erntete dafür allerdings nur ein verächtliches Schnauben. Der Fürst wandte sich in einer fließenden Bewegung ab, die abrupt und unvollendet ins Stocken geriet, als er zaghaft zurückgehalten wurde. Mit ungläubigen Blick sah er auf Minoru herab, der den Stoff seines Ärmels augenblicklich wieder fallen ließ. Sesshōmaru hätte mit allem gerechnet – einschließlich damit, dass er wenige Stunden später die Wälder nach einem ausgerissenen Jungen durchkämmen musste –, aber sicherlich nicht mit einer völlig untypischen und deplatzierten Geste.
Er hielt inne und wartete, bis Minoru sich wieder erholt hatte und die ungesund bläuliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen war, dann brummte er leise: „Setz dich. Du hast fünf Minuten, keine Sekunde länger. Und erwarte nicht, dass ich irgendetwas auf deinen Unsinn sage.“
Der Fürst ließ sich an den Tisch sinken, nahm eine Lage Nuguigami aus einer Holzschatulle und begann das Reispapier zu kneten als sei sein Sohn gar nicht mehr existent.
Das war vermutlich die aufwendigste Bitte um eine Unterhaltung, die Minoru je hatte aufbringen müssen. Auch wenn seine Lunge sich langsam wieder auf ein gewöhnliches Heben und Senken eingerichtet hatte, fühlte sich sein Hals an, als habe er eine Schüssel voller Scherben heruntergeschlungen. In Anbetracht dieses weniger erfreulichen Ausbruchs seines Vaters, sagte Minoru die Tischdekoration eher weniger zu. Er hätte viel darum gegeben, wenn anstelle von Bakusaiga und Tokijin zumindest Tenseiga auf dem schwarzen Lack gelegen hätte. Wenn man Myōga glauben durfte, konnte dieses Katana wenigstens nicht schneiden – ganz im Gegensatz zu seinen beiden, höllisch scharfen Bundesgenossen. Aber weder konnte er nun noch einen Rückzieher machen noch war dem Fürsten zuzutrauen, wirklich die Waffe gegen ihn zu erheben. Wobei er mit der letzten Annahme lieber Vorsicht walten ließ: Dass er ihn ohne Vorwarnung fast erwürgte, hatte Minoru auch nicht erwartet.
Angespannt nahm er auf der anderen Seite des Tisches Platz und betrachtete noch einmal mit gehörigem Unwohlsein die hellbeige Scheide Bakusaigas, bevor er sich an seinen Vater wandte.
„Ich kann nicht rechtfertigen, was keine entschuldbaren Gründe hat. Es wäre überstürzt gewesen, Euch noch letzte Nacht aufzusuchen. Erst dachte ich, es wirke erbärmlich, wenn ich sofort um Vergebung bitte und ich hätte größere Chancen auf eine bessere Laune eurerseits, wenn ich warte. Aber das war genauso unsinnig, wie der Vorwurf, Ihr könntet mir zu Unrecht absprechen, außerhalb dieser Mauern allein überlebensfähig zu sein, nachdem ich jahrelang Gegenteiliges bewiesen habe. Gestern Abend hätte ich Euch diesen Unsinn sicher vorgehalten. Ich habe mich in den letzten Monaten benommen wie ein unbedachter, egozentrischer Narr, der zuhört, aber nicht versteht. Nobu-sama hatte mich bereits darauf hinweisen wollen, dass ich für Euch einen unkontrollierbaren Schwachpunkt darstelle und Ihr habt das gleichwohl betont. Dennoch habe ich die Übung ohne jeden klaren Gedanken verlassen, nur weil jemand geschrien hat. Im Normalfall gehe ich Konfrontationen möglichst aus dem Weg und es ist mir durchaus bewusst, dass ich von Glück sprechen kann, nur zwei unentschlossene Mönche anstelle eines hungrigen Dämons oder gar einer Falle vorgefunden zu haben. Diese ganze Aktion war so dämlich wie sie ärgerlich ist – und dabei steht noch völlig außen vor, dass ich Ryouichi hineingerissen, Euch Unannehmlichkeiten bereitet und meine Einheit verlassen habe. Ich bin nicht hier, um Vergebung für das zu erbitten, was ich gestern Abend getan habe. Ich weiß, dass ich sie nicht verdiene.“
Als habe Minoru nicht ein einziges Wort gesagt, zog Sesshōmaru Bakusaiga aus der Schwertscheide und hielt die Klinge in das von draußen hereinfallende, warme Sonnenlicht. Der junge Hund zuckte einen Moment zusammen, als die scharfe Waffe melodisch über das schwer definierbare Hüllmaterial strich. Der Grat zwischen Klingenrücken und Schneide war in einigen Abständen mit Gruppen runenähnlichen Abzeichen versehen, die eher nicht den Eindruck vermittelten, als seien sie zufällig während des Schmiedevorgangs entstanden, und der Waffe bereits von Weitem ein sehr authentisches Aussehen verliehen. Authentizität hin oder her, Minoru riss sich zusammen. In Panik zu verfallen, nur weil er ein Schwert hielt, kam derselben Dummheit gleich, einen Hund nur dann zu fürchten, wenn er fletschte. Der Fürst konnte mit bloßen Händen ebenso effizient töten wie mit einem dafür ausgelegten Werkzeug – und seine Klauen waren nun einmal immer an seinen Händen.
Minoru, der von vorneherein genug Abstand zum Tisch gehalten hatte, legte ruhig die Stirn an die Bambusmatten unter ihm, sodass er beinahe völlig hinter dem Möbelstück verschwand.
„Ich habe Euch in den letzten Monaten durch meine Unbesonnenheit sicher Ärger in einem für mich unabsehbaren Ausmaß bereitet. Das bereue ich zutiefst.“
Als er sich wieder erhob, hatte der Taishō begonnen, mit dem Nuguigami über die Klinge zu fahren, um oberflächlichen Schmutz und alte Öle zu entfernen, die Minoru immer noch deutlich wittern konnte. Und auch wenn er den Anschein erweckte, als habe er kein Wort von dem vernommen, was sein Sohn dargelegt hatte, so hatte sich die elektrisierende Wut, die zuvor noch bis über den Raum hinaus spürbar gewesen war, ein wenig beruhigt.
In der Tat hätte Sesshōmaru ihm für jede Rechtfertigung und jeden Gnadenersuch erneut die Luftröhre zerquetschen wollen. Stattdessen überraschte dieses Kind mit erstaunlicher Einsicht und geschickt ausmanövrierender Ehrlichkeit. Er vermochte offensichtlich zu reden, wenn er den Mund einmal aufbekam, aber ob er diesen Einsichten auch Taten folgen lassen konnte blieb abzuwarten.
Der Taishō war kein Narr. Er war sich dem allgemeinen Unvermögen, Geschehenes ohne erheblichen Aufwand und Risiken rückgängig zu machen, durchaus bewusst und hätte dies auch nie von Minoru verlangt. Allein dass er sich bei einem direkten Angriff auf seine Person nicht benommen hatte wie ein in die Ecke gedrängtes Tier und anschließend nicht geflohen war, sprach jedoch dafür, dass er neben seinen Überlegungen auch bereit war, Verhalten zu ändern. Lächerlich, dass er diese Fähigkeit genau dann entdeckte, wenn es klüger gewesen wäre, auf Angst zu reagieren. Die empfindliche Haut an seinem Hals hatte bereits begonnen von einem frischen Rot zu verschiedenen Blautönen zu wechseln. Abrupt raffte Minoru sich auf, strich eine widerspenstige Strähne hinter die spitzen Ohren, die sich während seiner Verbeugung selbstständig gemacht hatte und warf noch einmal einen Blick auf den augenscheinlich desinteressiertesten Fürsten unter der japanischen Sonne.
„Ich werde mir Mühe geben, von nun an keine Last mehr für Euch darzustellen. Es mag dumm sein, Euch das gegen mich in die Hand zu legen, aber mir ist mitnichten egal, was Ihr von mir haltet.“
Bis zu dem Punkt froh, diese einseitige Diskussion halbwegs unbeschadet überlebt zu haben, erstarrte Minoru, als der Fürst mit einem widerlichen Geräusch eine Klaue über den Schleifstein auf dem Tisch zog.
„Setz dich.“
Minoru musterte ihn etwas verwirrt. „Die fünf Minuten -“
„Sind um, wenn ich es sage.“
„Natürlich“, gab der Junge knapp zurück und ließ sich wieder auf den Boden sinken. Sesshōmaru versuchte aufmerksam einen schnippischen Unterton in dieser Äußerung herauszuhören, konnte aber auch beim schlechtesten Willen keinen erkennen. Er legte Waffe und Reispapier auf den Tisch zurück und richtete den Blick in funkelnder Erhabenheit auf Minoru.
„Du hast die Mönche umgebracht.“
„Einen von ihnen“, korrigierte Minoru ein wenig verdutzt. „Ist das ein Problem?“
„Beide“, insistierte der Fürst hart. „Und du verlierst kein Wort darüber. Ryouichi hat nach ihnen suchen lassen. Den Jüngeren haben sie einige Kilometer weiter südlich gefunden. Bis auf die Schulter unverletzt, aber mit dem faulen, kranken Geruch einer alten Leiche. Die wievielten Leben waren das?“
„Die ich genommen habe?“, fragte Minoru deutlich verblüfft. „Das ist schwer zu sagen. Über tausend schätze ich. Ich habe dem keine Bedeutung zugemessen.“
Sesshōmaru war versucht, vor einem Kind geschockt zu reagieren. „Du hast tausend Menschen getötet?“
„Ach, Menschen!“, Minoru schüttelte leicht den Kopf. „Dann zwei. Nach Eurer Rechnung.“
Er setzte seelenruhig Mensch und Tier auf eine Stufe und war offensichtlich in dieser Frage so unbesonnen, dass er überhaupt nicht begriff, was für Abgründe er damit eröffnete. Auch wenn das erklärte, warum er nicht einmal mit der Wimper zuckte und der Mord an zwei Menschen ihm genau so viel Reue abverlangte wie ein versehentlich zertretener Wurm. Nun war Sesshōmaru durchaus nicht für Nachsicht und Freundlichkeit gegenüber Menschen bekannt und hatte mehrfach ganze Schlachtfelder voller Samurai in die Unterwelt geschickt, weil sie ihm ungefragt Weg gestanden waren, aber so eine abgebrühte Äußerung von einem Fünfzehnjährigen hatte auch er noch nicht vernommen – und nie hätte er sich erlaubt, so etwas gegenüber seinem eigenen Vater verlauten zu lassen! Der vorangegangene Inu no Taishō war unter seinen Feinden als erbarmungsloser Kriegsherr gefürchtet wie geachtet gewesen. Wer ihn allerdings näher kannte, kam nicht umhin, die durchaus milde Seite seiner Persönlichkeit zu erwähnen, die vor allem für die vorgesehen war, die deutlich schwächer waren als er. Neben der Tatsache, dass die keine wirkliche Bedrohung für ihn darstellen konnten, erübrigte er zuweilen eher seine Zeit, um diese erbärmlichen Sterblichen zu schützen. Sesshōmaru wäre es im Traum nicht eingefallen, für ein Dorf voller Menschen das Wort zu erheben, aber sein Vater hatte da in aller Deutlichkeit eine andere Meinung vertreten und nicht zuletzt wegen solcher Neigungen sein Leben gegeben. Hätte er die Unterhaltung mit seinem Enkel geführt, wäre er vermutlich aus allen Wolken gefallen, wenn er Sesshōmaru bereits für ein konträres Extrem gehalten hatte. Der tippte lediglich kurz auf den Lacktisch und musterte seinen Sohn, der ihn unschuldig, voller Unverständnis ansah und wirklich nicht zu begreifen schien, warum er darauf angesprochen wurde. Zu allem Überfluss legte er den Kopf ein wenig schief, dass ihm der Zopf über die Schulter rutschte. Es war unverschämt, wie ähnlich er seinem Großvater in diesem Moment sah und wie weit er doch von ihm entfernt war. Dann plötzlich blitzte ein Funken Erkenntnis in ihm auf und er nahm abermals eine aufrechte Haltung ein. „Ich würde nie auf die Idee kommen, Rin etwas anzutun“, versicherte er ernst. „Ihre Art ist mir manchmal zuwider, aber das wäre kein Grund für mich.“
„Dann hattest du sicher einen guten Grund, diese beiden Männer zu ermorden“, stellte der Fürst heraus.
„Gegen den Jungen habe ich mich verteidigt. Der Alte hat Euch beleidigt und wollte zur Waffe greifen. Hätte ich es nicht tun sollen?“
Sesshōmaru sah ihn eine Weile nachdenklich an. Es kümmerte ihn eigentlich nicht, ob jemand Menschen zum Fressen oder zum puren Vergnügen dahinraffte – und das würde sich wohl nie ändern. Er selbst empfand nichts, wenn er irgendetwas oder irgendjemanden in Fetzen riss. Das war aber nicht immer so gewesen. Während seiner ersten Kriege an der Seite seines Vaters hatte es durchaus etwas in ihm ausgelöst. Es war nicht mit den menschlichen Begriffen Angst, Reue oder Schock auszudrücken, aber wenn die sonst weißen Haare bis in die Spitzen mit dickflüssigen, warmen Blut verklebt waren, hatte während der ersten Jahrzehnte sogar er zumindest irgendetwas verspürt, das man im weitesten Sinne als Emotion hätte bezeichnen können.
„Ich dachte, der Jüngere sei geflohen“, fügte Minoru schließlich nachdenklich hinzu. „Und der Alte wäre unbehelligt geblieben, wenn er uns nur hätte ziehen lassen.“
Der Fürst ließ eine Klaue über Bakusaigas Klinge fahren und die Waffe reagierte sofort mit einem feinen, aber durchdringend smaragdgrünen Schimmern. „Vergessen wir die Toten und machen uns Gedanken über die Lebenden. Du hast mir diese Brut ins Haus geholt, du wirst sie wieder loswerden.“
„Ich hatte keine Ahnung“, flüsterte Minoru.
„Du solltest froh sein, dass es nur die Welpen meines nichtsnutzigen Bruders waren und niemand, der uns schaden könnte. Warum sind deine Altersgenossen genauso töricht wie du?“
„Das Mädchen wollte hierher. Ihr Bruder spielt lediglich den bissigen Leibwächter. Sie haben erraten, dass sie mir nur folgen müssen, um zum Schloss zu kommen.“
„Sie wissen nicht, wer du bist.“
„Nein.“
Der Fürst nickte ruhig, schwieg aber.
„Ihr wollt ihnen nichts antun, oder?“, hakte Minoru vorsichtig nach.
„Und meinen Bruder einen Grund geben, es zu vergelten? Wohl kaum.“ Außerdem würde es Rin sicher nicht gefallen, wenn er ihrer teuren Dorfgemeinschaft ein Haar krümmte, wo sie doch ohnehin nach dem dritten Balg sehen wollte. Vielleicht sollte es ihn langsam eher wundern, dass diese gedankenlosen Kinder das Baby nicht gleich mitgeschleppt hatten. Viel wichtiger war allerdings, Inuyasha zuvorzukommen und die Kinder loszuwerden, bevor er in seinem Hitzkopf voreilige Schlüsse zog. Das Verhältnis zu seinem Halbbruder war zwar noch nie von Harmonie geprägt gewesen, aber gerade jetzt konnte er es sich nicht erlauben, diesen Han'yō zu seinen akuten Feinden zu zählen.
„Hol Karten aus dem Arbeitszimmer. Du hast Zeit bis heute Nachmittag, um eine Route nach Musashi auszuarbeiten, die ohne großen Aufwand zu bewältigen ist.“
Minoru sah ihn verwundert an. „Ihr wollt sie nach Hause schicken?“
„Wir werden sie nach Hause bringen“, stellte der Fürst fest und benetzte ein weiteres Blatt Nuguigami, das er zuvor in der Hand geknetet hatte, mit ein wenig Kamelienöl.
Minoru blinzelte verdutzt. „Wen versteht Ihr unter 'wir'?“
„Ich lasse dich nicht allein herumstreunen“, bemerkte Sesshōmaru mit einem scharfen Unterton. „Achte darauf, dass A-Un mit Jaken fort ist. Rin wird laufen müssen und ich beabsichtige nicht, sie auch nur einen Abhang hinauf zu tragen.“
Als Minoru ihn immer noch mit großen Augen ansah, hob er ungeduldig eine Braue. „Karten, Minoru. Jetzt.“
Der junge Inuyōkai sprang auf die Beine und verschwand auf den Flur. Vielleicht würde es während einer solchen Reise und in einer Gruppe einfacher, ihn einzuschätzen. Sesshōmaru konnte auf etwaige weitere Überraschungen durchaus verzichten, auch wenn er alles andere als versessen darauf war, mit dem Nachwuchs seines Bruders durch die Lande zu ziehen. Nun, immerhin würde sich Rin ihren Wunsch, das Heimat gewordene Menschendorf zu besuchen, auch ohne A-Un ungefährdet erfüllen können und er kam nicht in den Konflikt sie oder Minoru dabei unbeaufsichtigt zu lassen.
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