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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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01.02.2016 8.761
 
Was bisher geschah ...
Sesshōmaru kehrt müde und verletzt vom Ausflug mit Minoru zurück in den Palast, wo er bereits von Rin erwartet wird. Auch noch im Morgengrauen verwickelt sie ihn in ein Gespräch, und teilt ihm unter anderem mit, dass sie in nächster Zeit Kagome in Musashi besuchen will, die ihr drittes Kind erwartet.
Im Süden und im Rest des Landes verbreitet sich derweil die Nachricht eines westlichen Erben und auch Kôhei wird deswegen mehrfach zu Fürst Hayato zitiert, der zumindest neutrale Beziehungen zu den Panthern pflegt. Kōhei wird zudem ein neuer Schüler vorgestellt, der im Training aufgefallen ist - Shippō.

҉
Minoru musterte die Schale vor sich mit einer gewissen Skepsis. Ryouichi lehnte neben ihm an der Mauer und kaute scheinbar abwesend auf einem Streifen getrockneten Fleisches herum, während er mit tödlich gelben Augen zwei Soldaten beobachtete, die auf der nahegelegenen Wiese mit scharfen Yari Schlagabfolgen trainierten.
„Ich sehe die Hände nicht im Wasser“, meinte er beiläufig, als sein Schüler weiterhin nur die feinen Schlieren betrachtete, die die Eisstücke in dem klaren Wasser hinterließen.
Minoru ließ die Hände mit den langen, scharfen Krallen in das eisige Nass gleiten, bis es auch die dunkelroten Markierungen an seinen Handgelenken bedeckte und schloss für einen Moment die Augen. Auch wenn er die Umgangsformen im Westen und seinen neuen Lehrer noch nicht vollendet begriff, verloren die letzten Wochen im Rückblick doch an Verworrenheit und fügten sich zu einer vagen Version eines Alltages, den Minoru als solchen zu akzeptieren begann.
Nach der missglückten Suche nach den Oni, die mittlerweile von den Patrouillen in den Bergen aufgespürt worden waren, hatte Minorus Erholung verhältnismäßig viel Zeit in Anspruch genommen. Zwar war ihm der Rückweg deutlich angenehmer erschienen als der lange, angespannte Marsch ins Gebirge, aber bereits in dem Moment, als er sein humanoides Erscheinungsbild wieder angenommen hatte, war deutlich geworden, dass diese bestialisch riesige Form ganz andere Grenzen zu setzen vermochte: Wo er sich gerade auf vier Beinen ein wenig müde gefühlt hatte und der Rücken ein unangenehmes Gefühl nur dann vermittelte, wenn er sich ungünstig bewegte, hatte der stechende Schmerz ihm im nächsten Moment beinahe den Atem geraubt und jeder einzelne Muskel nach wohlverdienter Ruhe verlangt. Er erinnerte sich noch vage daran, dass er im Verlust seines Gleichgewichtes nach dem rot lackierten Geländer der Brücke gegriffen hatte, wie er aber auf sein Zimmer gelangt war, verschwand im tiefsten Schwarz.
In den darauffolgenden Tagen hatte er sich von Kopfschmerzen und Übelkeit nur in Ansätzen auskurieren können; nur das widerliche Brennen, das sich wie eine Meute von Messern durch ihn hindurch gezogen hatte, war deutlich früher verschwunden. Darüber hatte sich Minoru allerdings nur kurz freuen können, denn allzu schnell wurde offensichtlich, dass diese Besserung seinen Vater dazu anhielt, ihm jegliche lindernde Behandlung zu versagen. Zunächst war ihm der Grund dieser Umstände völlig schleierhaft gewesen, doch Myōga hatte ihm bald erläutert, dass er nicht etwa auf eine wütende Natter getreten sei, sondern schlichtweg einem giftigen Hund ins Bein gebissen hatte.
„Ihr vertragt das Gift Eures Vaters erstaunlich gut, Minoru-sama. Und wenn mich nicht alles täuscht und ich mir anmaßen dürfte, sein Handeln zu deuten, so hofft er, Ihr würdet eine gewisse Toleranz gegenüber Giften entwickeln. Das wäre sicherlich ein sehr hilfreicher Fortschritt, junger Herr.“
Nun, hätte Minoru nicht bereits dabei gelernt, dass es beim Erwerb 'hilfreicher Fortschritte' nicht darauf ankam, was er selbst von diesen hielt, wäre es ihm spätestens bei Ryouichi aufgefallen.
Der hatte von Beginn an keinen Zweifel daran gelassen, dass er als Chūyō der westlichen Armee dem Fürsten direkt unterstellt und so auch nur diesem Rechenschaft schuldig war. Der Generalleutnant war die höchstgestellte Person außerhalb der eigentlichen Fürstenfamilie und das ließ er den Jungen durchaus spüren: Während der restliche Palast zumindest augenscheinlich vor Minoru kniete und kuschte, behandelte Ryouichi ihn oftmals wie das unwissende Kind, das er eigentlich war - ohne auch nur einen Moment lang Konsequenzen fürchten zu müssen.
Gut zwei Monate hatten sie nun täglich mit den Kata, den vorgeschrieben Bewegungsabläufen, im unbewaffneten Nahkampf verbracht und zuletzt einige kleine Übungskämpfe simuliert, in denen Minoru seinem Lehrer allerdings hoffnungslos unterlegen gewesen war. Die Vertiefung sollte er nun während seiner sehr rar gewordenen Freizeit selbst vornehmen, was durch die Kata auch ohne einen Übungspartner durchaus möglich war. Minoru hatte sich mehr als einmal gewundert, warum er solche Abläufe lernen sollte. Er würde immerhin nie in seinem Leben unbewaffnet sein, solange ihm niemand gleich beide Hände abschlug und die Zähne zog, aber Ryouichi hatte darauf beharrt, dass jegliche Weiterbildung einen Vorteil bringe, auch wenn man ihn vielleicht nicht auf den ersten Blick sehen könne.
Nun hatten sie begonnen mit dem Bokutō, dem Holzschwert, zu üben, das in seiner Form und Handhabung einem Katana nachempfunden war. Stumpf wie jeder Stock, aber zumindest eine fein gearbeitete Attrappe aus japanischer Rot- oder Weißeiche - einem sehr strapazierfähigen Material. Die ersten Stunden hatten ebenfalls aus den vorgegebenen Kata bestandenen. Bewegungen zur Perfektion nachzuahmen waren keine besonders schwierige Übung für einen aufmerksamen Yōkai, aber Ryouichi hatte es sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, den Schwierigkeitsgrad zu heben.
„Das genügt“, meinte der schließlich, stieß sich von der Mauer ab und nahm Grundhaltung ein. Als Minoru sich mit dem Bokutō in den eisigen Händen zu ihm gesellte, ließ der Chūyō den Blick über ihn schweifen und schnalzte kurz mit der Zunge. „Verspann die Schultern nicht andauernd. Das ist keine verfluchte Axt, Minoru. Den Rücken gerade und nimm dein Gewicht vom vorderen Fuß.“
Manchmal kam es Minoru vor, als lege Ryouichi deutlich mehr Wert auf eine vollkommene Körperhaltung als auf den Gedanken, dass es sich hierbei um eine Waffe handelte. Zumindest gab sich sein Lehrer die allergrößte Mühe ihn auf die kleinsten Unstimmigkeiten in seiner Balance hinzuweisen, ließ ihn auch zum Training anderer Einheiten antreten, wenn es gerade zu seinem Unterricht passte und sorgte im Allgemeinen dafür, dass Minoru abends nicht wusste, wie er morgens aus dem Bett kommen sollte. Für diese Aufgabe war Myōga wiederum wie geschaffen. Der Flohgeist war erbarmungsloser als Minoru es ihm je zugetraut hatte und zeterte so lange herum, bis sich der junge Fürstensohn mit dem ersten Sonnenstrahl erhob. Wer brauchte schon einen Hahn, wenn er einen Floh hatte?
Die vielen neuen Termine hatten jedoch auch zur Folge, dass Minoru bisher kaum Zeit dazu gefunden hatte die Palastanlage im Honmaru für eine Weile zu verlassen, um die übrige Festung zu erkunden – die Teile, in denen Militär und Dienerschaft mit ihren Angehörigen lebten. Auch den Fürsten selbst bekam er selten zu Gesicht. Er verließ die Burg häufiger und kehrte erst Tage später zurück; etwas, das völlig normal für ihn sei, wie Ryouichi versicherte. „Wenn er diese Mauern freiwillig vorzieht, dann sollten wir uns Sorgen machen. Vorher nicht.“
Minoru hatte nur knapp genickt. Nach ihrem letzten, deutlich ungezwungeneren Gespräch schien es, als meide der Fürst ihn bewusst. Aber darüber würde er sicher nicht ein Wort verlieren.
Ryouichi hielt schließlich inne und auch Minoru ließ das Bokutō sinken, das sich in den kalten Händen den Eindruck eines einfachen Holzknüppels vermittelte.
„Ich wiederhole: Das ist keine Axt. Wenn du eine Waffe zum Hacken wünschst, ist das die falsche.“ Er griff ans Holz und drückte die stumpfe Klinge ein Stück nach oben. „Die Klingenachse niemals senkrecht zum Ziel. Für einen glatten Schnitt kein Stechen, kein Hieben, sondern Schneiden – und zwar mit dem Waffeneigengewicht.“ Er ließ das gerade mal ein Kilo schwere Übungsschwert beiläufig aus dem Handgelenk durch die Luft fahren. „Sonst könnten wir es uns auch sparen, sie gebogen schmieden zu lassen. Wenn du Knochen und Rüstung durchschlagen willst, legst du dosierte Gewalt in den Angriff. Ansonsten führst du die Klinge nur in die richtige Bahn. Alles andere überlässt du dem Schwert. Die wissen schon, was sie tun.“
Minoru zog wenig überzeugt eine Braue hoch, hielt sich aber während des nächsten Durchgangs an die Vorgaben und versuchte lediglich zu führen. Ein Schwert, das wusste, was zu tun war – das klang selbst für ihn noch ziemlich an den Haaren herbeigezogen.
„Viel besser“, stellte Ryouichi schließlich fest. „Schnelligkeit und Präzision sind Grundpfeiler unserer Technik. Rabiate Gewalt und Hetzerei überlassen wir den Wölfen. Aber diese Litanei wird dich spätestens bei deinem Vater einiges an Nerven kosten.“
„Wie darf ich das auffassen?“ Minoru ließ die Waffe sinken und musterte Ryouichi, der mit den scharfen Krallen das Bokutō auf etwaige Kerben untersuchte.
„Ich bin für die Basis verantwortlich, mit der der Fürst arbeiten kann: Technik, Haltung, Bewegung und Grundwissen. Auch danach wirst du gewisse Dinge noch bei mir lernen, den Umgang mit dem Yari etwa. Aber du sollst in den jeweiligen Abschnitten natürlich den besten Lehrer bekommen – und wir haben keinen besseren Schwertkämpfer als den Fürsten selbst. Die Grundlagen kann ich dir innerhalb von ein, zwei Jahren beibringen, aber zum Umgang mit dem Schwert gehört mehr als diese Bewegungsabläufe, mit denen wir nun hantieren. Der Großteil spielt sich hier ab“, sagte er und schlug ihm mit dem Holzschwert schnell und unsanft auf den Kopf, dass Minorus Ausweichbewegung erst kam, als der Schädel längst brummte. Ryouichi lächelte verschlagen. „Jeder Mensch kann Bewegungsmuster ablaufen, aber nur wahre Meister können mächtige und gefährliche Waffen führen, ohne sich selbst dabei zu verlieren, indem sie in sich Ruhen und sich nicht von niederen Gefühlen beeinflussen lassen. Das ist einer der Gründe, aus denen deine Familie seit vielen Jahrhunderten dieses Volk führt und von unbedeutenden Yōkai zu einer nationalen Großmacht aufsteigen konnte. Du weißt, wie es hier mit der Weitergabe des Titels funktioniert?“
Minoru nickte langsam und steckte das Schwert zurück in den Obi, als Ryouichi sich seines etwas unachtsam über die Schulter legte und damit eine Pause signalisierte. „Taishō ist, wer sich den Titel verdient. Genau deshalb verstehe ich nicht, warum alle mich so gehoben behandeln – wenn wir von Euch mal absehen“, antwortete Minoru.
Der Chūyō lachte heiser auf. „Solange du mein Schüler bist, wirst du keinen anderen Umgang von mir erwarten dürfen, aber ich denke, du kannst damit ganz gut leben. Dennoch hast du recht. Einen Titel verdient man sich, meistens indem man seinen Vorgänger übertrifft und ins Grab bringt – so zumindest der Usus bei allen erdenklichen Daiyōkai und Yōkai. Wie so oft sind wir jedoch ein wenig absonderlich, denn die Inu hatten Sō'unga. Das Höllenschwert galt als gefährlichste Klinge, die jemals geschmiedet worden ist. Sie war sicher auch die mächtigste, aber wäre sie in Hände gefallen, die sie nicht zu kontrollieren vermocht hätten, wäre die Welt heute nicht mehr.“
Minoru ließ einen Moment den Blick über die militärischen Einrichtungen schweifen, die ebenfalls innerhalb des Honmaru lagen und atmete einen Moment durch. Er wusste so wenig über seine eigene Familie, dass es mit Schande schon nicht mehr auszudrücken war. Er hielt zwar einerseits nicht viel von der Berufung auf ehrenwerte Vorfahren, aber wenn sie sein eigenes Leben noch im Tode zu beeinflussen vermochten, war es angebracht, Interesse an der Historie zu zeigen.
„Taishō war, wer die Fähigkeiten hatte, dieses Schwert zu führen. Deine Vorväter sorgten dafür, dass einer ihrer eigenen Nachkommen, meist der älteste Sohn, dieser Bürde gewachsen war“, fuhr Ryouichi fort und zog zwei Streifen Trockenfleisch aus einer Tasche, von denen er einen an Minoru reichte. Dann ließ er sich zu Boden sinken und begann mit scharfen Zähnen auf der harten, dunklen Mahlzeit herumzukauen. „Körperliche und geistige Stärke standen bei den Inu damit schon immer höher als Abstammung und Besitz; und während andere Clans längst einen festen Regierungssitz aufgebaut hatten, waren wir fern von Sesshaftigkeit und einem Verständnis von Adel. Manchen liegt diese vagabundierende Lebensweise wohl immer noch im Blut.“ Er sah mit vielsagendem Blick zu Minoru. „Erst dein Urgroßvater schloss sich aus taktischen Gründen dem Wandel an und ließ diese Festung errichten, um von hier aus das Gebiet zu unterwerfen, das wir heute „Westen“ nennen. Für die Verhandlungen auf Augenhöhe nahm er zusätzlich den Titel „Fürst“ an, der für die Inuyōkai so unbedeutend war wie die Auskunft über die letzte Mahlzeit, andere Clans aber nicht gerade frohlocken ließ. Ein selbsternannter Fürst, der Ansprüche auf einen ganzen Landstrich erhob, schien ihnen nicht besser als ein Wilder, der in seiner Dreistigkeit mit einer Waffe herumzufuchteln vermochte. Dummerweise war der Wilde ein Kriegsherr und die Waffe totbringender als jede Naturkatastrophe – Widerstand zwecklos. Im Gegensatz zu allen anderen Clans vereinen sich bei uns also Taishō und Fürst in einer Person, wir benutzen die Worte fast synonym – wenn du einen anderen Fürsten bis auf die Knochen beleidigen willst ohne dein Niveau darunter leiden zu lassen, dann bezeichnest du ihn am besten als Taishō. In ihren Augen kannst du sie dann gleich einen stümperhaften Bauern nennen, auch wenn sie ihre eigenen Generäle sicherlich achten. Wenn die Ältesten hier jedoch nur verhalten lächeln, sobald ein fremder Fürst von Taten seiner Vorväter schwärmt und sich mit edlen Ahnen rühmt, hat das zwei Gründe: Zum einen gab es in den anderen Clans immer wieder Umstürze der führenden Familie durch einen mächtigeren Yōkai, sodass keiner von ihnen einen langen Stammbaum vorweisen könnte und zum anderen halten alte Krieger ohnehin nicht viel von Mitgliedern anderer Clans – die berühmte Hochnäsigkeit der Inuyōkai.“
Minoru hatte sich neben ihn auf den Boden sinken lassen, die Beine angewinkelt und das Kinn auf die Knie gelegt. Gedankenversunken schaute er über die Wiese, während er das Fleisch mit den Zähnen bearbeitete. Vielleicht war er diese Sache falsch angegangen. Zwar schien dieser Hof auf den ersten Blick die Perfektion eines dem Protokoll unterworfenen, gesellschaftlichen Gebildes zu sein, was Ryouichi ihm jedoch darlegte, beleuchtete die Angelegenheit von einer ganz anderen, wenn auch für Minoru nicht völlig schlüssig scheinenden Seite: Die Erblinie war offensichtlich nur bei denen beständig, die vorgaben, nicht viel von ihr zu halten. Das war erst einmal unlogisch, lag in Anbetracht dieser ominösen Waffe aber auch sicher darin begründet, dass der Clan lieber jemandem gefolgt wäre, der sie zu beherrschen vermochte, als einem schwachen Sprössling des vorangegangenen Taishōs. Dass die Inuyōkai mit der eigenen Selbstverständlichkeit ihrer Erhebung zum Fürstentum unter anderen Clans keine Freunde gewonnen hatten, verlangte Minoru jedoch nicht die mindeste Verwunderung ab. Wer sah schon gern dabei zu, wie sich Konkurrenz aus dem Nichts erhob? Zumal eine, der man nicht so einfach Herr werden konnte und die dazu tendierte, sich selbst als absolut erhaben einzuschätzen. Diese besondere Form von Arroganz hinterließ einen bitteren Nachgeschmack von etwas, das man Jahrhunderte später als 'snobistisch' bezeichnet hätte. Aber der Eindruck täuschte, denn die Eigenschaften, die man Hundedämonen unterstellte, hatten den Clan schon viele Jahrtausende vor der Grundsteinlegung der Festung begleitet. Sie waren durch die Selbsterhebung zum Fürstentum nicht etwa eingebildeter geworden; die schlichte Wahrheit war, dass sie bereits zuvor einen teils unerträglichen Stolz an den Tag gelegt hatten.
„Die Waffe von der Ihr spracht -“
„Mach dir um Sō'unga keine Gedanken. Es existiert heute nicht mehr. Sesshōmaru-sama hat es vor einigen Jahren vernichtet und im Gegensatz zu Vielen denke ich, dass es überfällig war, es zu beseitigen. Macht mag immer verlockend sein, aber wenn sie die Welt vernichten kann, sollte sie nicht erstrebenswert erscheinen.“
„Das Schwert wird nicht mein Maßstab sein“, stellte Minoru fest.
„Nein, und dafür solltest du vor allem dankbar sein. Sō'unga gehört nicht zu den Dingen, denen man nachtrauern sollte, Minoru.“ Er strich sich das recht kurze, schwarze Haar hinter die spitzen Ohren. „Mich wundert, dass Myōga dir davon noch nicht berichtet hat. Du solltest beginnen, Fragen zu stellen, solange du von wohlwollenden Personen umgeben bist. Der Fürst lässt zur Zeit niemanden in deine Nähe, den er nicht als bedingungslos vertrauenswürdig einstuft. Myōga berät deine Vorfahren seit Jahrtausenden, Yūsei war einst der Lehrer des Taishō selbst und sogar diese elendig feige Kröte genießt sein Vertrauen.“
„Mir scheint, Ihr habt Euch vergessen“, stellte Minoru provokant fest. „Warum vertraut er Euch?“
„Ich diene, Minoru“, kam es kühl zurück. „Das tun wir doch alle irgendwie. Er wird seine Gründe haben. Du musst lediglich damit zurechtkommen, dass es so ist. Und wo wir gerade beim Akzeptieren sind: Pack zusammen und leg dich noch einige Stunden hin. Ich will dich heute Nacht bei den Außenübungen sehen.“ Als Minoru sich nicht augenblicklich in Bewegung setzte und ihn lediglich verdutzt ansah, knurrte er bedrohlich und fletschte die messerscharfen Zähne. „Sofort!“

Silbernes Mondlicht fiel zwischen das frische Blätterdach und tanzte mit jedem Windhauch. Das Wetter war mild geworden, der Regen des Frühjahres mit jedem vergangenen Tag ein wenig mehr versiegt. Nun hing nur die Abendfeuchte an den Gräsern und ein frischer Wind durchfuhr die ausgedehnten, bewaldeten Berghänge des Westens. Minoru war es noch nie so leicht gefallen, die vielen Personen um ihn herum zu vergessen, die verstohlene Blicke unauffällig hinter ihm herschickten, während er barfuß und mit einer beinahe belanglosen Gewandtheit Ryouichi tiefer in die Wälder folgte. Wie schmerzlich er sich nach einem solchen Freigang gesehnt hatte, wurde ihm erst nun bewusst, da die Mauern um ihn herum längst nicht mehr zu sehen waren. Die Trainingseinheiten hatten ihn gut auf Trab gehalten, sodass er nicht einmal im Traum daran gedacht hatte, Zeit für so einen Ausflug zu finden, wenn er es schon nicht in die außen gelegenen Wehrkreise der Festung schaffte.
Außentraining wiederum war nichts weiter als Geländetraining, das in diesem Falle in zwei Gruppen abgehalten wurde, von denen die erste bereits in den Berghängen postiert war, während Minorus sich noch auf dem Weg zu ihrem Ausgangspunkt befand. Je nachdem wie ausgeglichen die Gruppen waren, konnte diese Übung die ganze Nacht andauern. Dass sie jedoch heute eher einen sehr lockeren Anstrich hatte und damit früher beendet sein würde, bemerkte selbst der Unwissende an der erstaunlich losen Formation, die die sonst so steifen Einheiten angenommen hatten.
In der Nähe knackte ein Ast, huschte aufgescheuchtes Getier panisch durch das Unterholz. Minoru hatte die Witterung aufgenommen, noch bevor er wirklich darüber nachdachte, dass er es nicht mehr nötig hatte Kleintier zu jagen. Er wandte den Kopf wieder ab und machte einen Satz an die Seite seines Lehrers. „Hase?“, ein erhabenes Lächeln umspielte dessen Lippen und entblößte die weißen Fangzähne. „Kaninchen“, gab Minoru ernst zurück und erwiderte den forschenden Blick des Chūyōs. Der schüttelte schließlich nur leicht den Kopf und erhöhte sein Tempo, gefolgt von der gesamten Einheit, bis er eine verwachsene Talsenke erreichte. Dort nahm er seinen Speer und trieb ihn tief in den feuchten Boden.
„Rüstung ablegen. Waffen zu mir“, begann er schroff und ohne jegliche Begrüßung. Minoru, der sich mit im Halbkreis aufgestellt hatte, blieb ruhig an seinem Platz stehen, während einige ein ganzes Arsenal an Fächern, Speeren und Klingen aller Größen ablegten. Er selbst trug nicht einmal ein Küchenmesser bei sich und so hielt er lediglich die Hände auf dem Rücken verschränkt und stellte mit leichtem Ingrimm fest, dass er nicht nur mit Abstand der Jüngste war, sondern auch mindestens einen Kopf kleiner als der nächst Größere. Dennoch vermittelte diese Gruppe trotz ihrer Neugier ein ganz anderes Bild als die Kappa damals. Hier trafen ihn nur neugierige Seitenblicke, aber keiner erlaubte sich ein herablassendes Tuscheln oder nahm es sich heraus, seine Anwesenheit zu hinterfragen. Schließlich zog Ryouichi ein dunkles Tuch aus dem Ärmel und befestigte es mit zwei schnellen Handgriffen an seinem im Boden ruhenden Speer. Der Wind wehte den schwarzen Stoff harsch auf und offenbarte die abnehmenden Mondsicheln des Westens; silberne Fäden auf schwarzer Seide.
„Die erste Gruppe lagert östlich. Zum Sieg reicht es, die Flagge des Gegners vom Speer zu nehmen. Erlaubt ist, was keine Waffen erfordert und den Gegner für nicht mehr als eine Viertelstunde ausschaltet. Wiedereintritt ist jederzeit möglich.“ Er straffte die Schultern. „Viel Erfolg.“
Noch während Ryouichi zur Seite trat, war für die anderen offensichtlich klar, was zu tun war. Einer der Krieger sah Minoru an und neigte dem Kopf vor ihm. „Wenn es gefällt, wäre die rechte Flanke Eure.“
„Danke“, sagte Minoru ruhig. Er hätte in dem Moment sicherlich keine Position oder Anmerkung ausgeschlagen. Immerhin machten diese Männer das hier bereits seit Jahren.
Ryouichi hatte sich derweil neben seinem jüngsten Schüler postiert. „Präg' dir deine Verbündeten genau ein. Wenn du jemand anderen wahrnimmst, schalt ihn aus bevor er es tut. Die Fahne findet ihr -“
„Indem wir ihren Weg zurückverfolgen“, Minoru nickte. „Verständlich.“
„Ich wusste, das liegt dir“, meinte Ryouichi und schlug ihm so hart auf die Schulter, dass er es in den Knien abfedern musste, um nicht einzuknicken. „Denk' nicht zu viel nach.“
„Nun auf mich euch!“, ließ er dann an alle gewandt verlauten und schaffte es dabei beinahe zu schreien, ohne die Stimme wirklich anzustrengen. Er pfiff laut auf den Fingern, dass es von den Bergen ebenso kräftig widerhallte und Minorus Gruppe splitterte sofort in alle Richtungen davon. Er hatte sich ihren Geruch eingeprägt – Gesichter sagten ihm meist ohnehin wenig – und sprintete die zugewiesene rechte Flanke ab. Immer in Hörweite der anderen, um nicht von ihnen getrennt zu werden, setzte er über die Felsen hinweg, die ins ansteigende Gelände hinauf immer größer wurden. Hier zahlte sich aus, dass er in Takerus unwegsamer Heimat tückische Felsformationen zur Genüge kennengelernt hatte. Sie hatten natürlich den immensen Nachteil, dass die andere Gruppe weiter oben in den Felsen saß und lediglich warten musste, bis sie ankamen. Zwei Verbündete waren allerdings in der Nähe ihrer Fahne zurückgeblieben, um sie im Ernstfall zu verteidigen. Nach einer guten Viertelstunde verlangsamte Minoru seine Schritte, setzte lautlos auf einem Felsen auf, der nur von den gewaltigen Wurzeln eines hohen Baumes davon abgehalten wurde, in die Senke unter ihm hinabzufallen, und horchte in die Nacht hinein. Links von ihm waren einige schon auf den Gegner getroffen. Der Kampf ging jedoch beinahe lautlos von statten. Lediglich der dumpfe Aufprall des Verlierers war zu hören. Minoru schluckte. Wenn ihn jemand erwischte, würde das vermutlich wieder in bösem Kopfweh enden.
Dann ein kaum hörbares Rascheln unmittelbar über ihm. Der Wind stand ungünstig für ihn, umso besser für den anderen und es war nur wahrscheinlich, dass es sich hier nicht um einen seiner Gruppe handelte. Minoru ließ sich blindlings nach hinten fallen, gerade rechtzeitig, um dem Angriff auszuweichen, der ihm, von der Wucht des Aufschlags aus betrachtet, einen dünneren Knochen mit Sicherheit gebrochen hätte. Der Fels, den es stattdessen traf, mutete seinem haltenden Wurzelwerk dadurch einige Strapazen zu. Der Ahorn knackte unheilvoll, hielt jedoch stand.
Minoru, der längst einige Meter unterhalb sicher im Hang gelandet war, konnte seinen Gegner schlecht ausmachen und presste zumindest den Rücken an den schützenden Fels. Ein leises Geräusch neben ihm ließ ihn herumschnellen, da wurde er schon von den Füßen gerissen, schlug die Krallen jedoch tief in die Arme des Angreifers und versuchte ihn von sich zu stoßen, als er wieder Halt fand. Aber der erfahrene Krieger hebelte ihn mühelos aus, bekam ihn unglücklich an der Schulter zu fassen und schleuderte ihn den Abhang hinunter.
~
Minorus Ohren zuckten heftig, als er wieder zu sich kam. Wie erwartet brummte sein Schädel als hätten sich Bienen darin eingenistet und die Knochen schmerzten, aber es hielt sich alles in Grenzen. Wohl auch, weil er noch im Sturz die Form gewechselt hatte. Fell und die kleinere Körperoberfläche hatten ihn weniger schlimm zwischen den Felsen landen lassen und so lag er beinahe eingerollt in einem fast weichen Nest aus Stein und altem Laub und lauschte. Hatte er sich das nur eingebildet? Langsam erhob er sich wieder auf die Beine und schüttelte das Fell auf. Dann wieder. Es war keine Einbildung. In einiger Entfernung, genau genommen in einer völlig falschen Richtung, schrie ein Mädchen, das unmöglich an diesem Training beteiligt sein konnte.
Er sammelte sich noch einen Moment, dann stob er zwischen den Felsen davon, weg von seiner Einheit und den kreischenden Tönen nach, die mittlerweile wieder verstummt waren. Seine Pfoten, zur Höchstleistung angetrieben, fanden sicheren Halt zwischen den Steinen und im Unterholz und noch bevor er eine ganze Weile später eine freiere Fläche erreichte, die er hätte einsehen können, schlug Minoru der stark metallische Gestank von Blut entgegen, den er in der Zusammensetzung selten wahrgenommen hatte. Irgendetwas war falsch daran und doch mischte sich ein nur zu vertrauter Hauch darunter, der ihn für einen Moment stocken ließ. Inu. Minoru prüfte noch einmal die Luft und unterdrückte den Würgereiz als er dominierend jedoch eindeutig Mensch roch. Nicht wie Rin, die schon eher den Geruch der Yōkai um sich herum angenommen hatte, sondern purer, unverfälschter Menschengestank nach Erde und Staub und Dreck. Er konnte sie beinahe schmecken.
„Ihr versteht das völlig falsch!“
Minoru presste sich an den Boden und schob sich zwischen den Bäumen nach vorn. Für einen Menschen wäre vermutlich alles eine Mischung aus vielen und doch gleichen Grautönen gewesen, für ihn reichte das spärliche Mondlicht jedoch aus, um die seltsame Versammlung vor ihm mit erstaunlicher Präzision wahrzunehmen. Das Mädchen, das er aus der Ferne hatte schreien hören, lag zusammengerollt vor einem dunkelhaarigen Jungen, der kaum älter sein konnte als er selbst. Sie schnappte blutend nach Luft und schien bestrebt, sich in einem gewissen Anflug von Panik hinter den Jungen zu flüchten, der mit glänzender Klinge schützend über ihr stand. Das Katana lag ein wenig unschlüssig in seinen Händen, ganz als wolle er es gar nicht benutzen. Wenige Meter von ihnen entfernt ragten zwei hochgewachsene Männer mit Strohhüten auf, die Minoru stark an eine größere Version von Myōgas Regenschutz erinnerten.
„Hier... unmöglich“, flüsterte der kleine Flohgeist wie aufs Stichwort ungläubig und kaum hörbar auf seiner Schulter und krallte sich in das dichte, weiße Fell des jungen Hundes, der sich eng am Boden hielt und langsam um die Beteiligten herumschlich, bis er hinter den Männern zum Liegen kam. „Sie dürften nicht hier sein... w-was genau habt Ihr vor?“
Minoru legte die Ohren an und machte sich sprungbereit, als einer der Männer auf die Jugendlichen zutrat und dabei seinen goldverzierten Stab mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf den felsigen Untergrund aufstellte. Auch die anderen beiden zuckten zusammen.
„Was denkt Ihr, was Ihr da tut?“, keifte Myōga wütend als er die Haltung des Hundes unter sich bemerkte, konnte sich aber gerade noch zurückhalten, aufgebracht in seinem Fell herumzuspringen. Minoru sparte sich die Antwort, aber außer einer spontanen Improvisation hätte er ohnehin kein Vorhaben darlegen können.
„Ihr versteht das völlig falsch“, insistierte der Junge. „Wir sind keine -!“
„Spar dir die Worte, Mononoke“, unterbrach der Mann ihn prompt und zog etwas aus seiner Tasche. „Es sind nur Welpen“, ließ er seinen Begleiter wissen. „Aber ihr Lärm wird nur allzu schnell die Mutter anlocken. Erledige sie schnell.“ Minoru kam nicht umhin über so viel Dummheit den Kopf leicht zu schütteln. Wenn sich der Kerl da mal nicht in seiner Vorsichtig verkalkulierte. Gerade als er zum Wurf ansetzen wollte, schoss Minoru aus der Deckung und packte mit dem gesamten Gebiss zu, riss den Mann am Arm herum, bis er stolperte und brachte ihn mit Gewalt zu Fall. Er wechselte sofort das Ziel in Richtung Kopf, bekam außer Stroh allerdings nichts zu fassen. Die Antwort kam prompt durch dessen Begleiter, der mit seinem Wanderstab Minoru von den Pfoten riss. Er rollte über den Boden, überschlug sich zweimal und landete wieder auf den Beinen. Nicht denken, rief er sich wieder in den Sinn, während er die Strohfäden ausspuckte, nur nicht einschüchtern lassen. Sie sind nichts weiter als große, widerborstige Wildschweine. Ohne Umschweife ging er erneut zum Angriff über, das Fell abgestellt, die Zähne bedrohlich gefletscht, wie er es bei jedem wilden Eber getan hätte, schoss er auf den am Boden liegenden Mann zu, der deutlich älter war als sein noch stehender Begleiter, welcher den Stab abermals auf Minoru zufahren ließ. Dieses Mal war er darauf vorbereitet, gab die Form des Hundes auf, packte den verzierten Stock einhändig und riss den jungen Mann mit einem Ruck an sich heran. Lächerlich schwache Menschen. Die Klauen der freien Hand ließ er auf Kopfhöhe dem Mann entgegen fahren, der sein Haupt augenblicklich wegriss und sich dafür die Schulter in Fetzen reißen ließ. Mit einem markerschütternden Geschrei ging er zu Boden. Eine schnelle Bewegung hinter ihm ließ Minoru erst auf den anderen Gegner tippen, stattdessen hatte der Dunkelhaarige die Seite des Mädchens verlassen und dem anderen Mann die Waffe an die Kehle gesetzt. Das hier waren allerdings keine einfachen Menschen. Von Nahem stank ihre Kleidung bestialisch nach Ölen und Pulvern, die einzig und allein dazu dienten, Yōkai den Geruchssinn zu verderben. Da sie nicht gerade wie geschickte Kämpfer wirkten, waren sie als Dämonenjäger auszuschließen. Nein, diese hier waren Mönche. Ebenso nervig wie ein Dämonenjäger, aber mit deutlich geringeren, körperlichen Kräften ausgestattet. Solange sie nicht zum Einsatz ihres heiligen Papierkrams oder penetranter Bannsprüche kamen, waren sie schnell außer Gefecht zu setzen. Der alte Mönch am Boden starrte ihn immer noch aus großen, kastanienfarbenen Augen an und brodelte innerlich, während sein jüngerer Kumpane so beschäftigt mit seiner Verletzung schien, das Minoru ihm ohne Umschweife das Genick hätte brechen können. Stattdessen wandte er sich an den Alten.
„Du und dein bedauernswert winselnder Welpe befinden sich auf Grund und Boden des Inu no Taishōs. Stinkendes Menschenpack wie ihr hat kein Recht, hier auch nur zu atmen, geschweige denn Jagd auf Yōkai zu machen. Ich schlage vor, ihr geht, bevor ich es mir anders überlege.“
Der Junge nahm die Waffe von der Kehle des Mönchs und starrte Minoru an, als habe er den Verstand verloren.
„Höllenabschaum wird nie Anspruch auf das Land der Götter haben!“, giftete der Mönch wütend und begann sich auf die Beine zu hieven. „Sag das deinem Hundeführer, Köter!“
„Ich würde viel lieber sehen, wie du es ihm sagst“, gab Minoru recht kühl zurück und zuckte mit den Schultern. „Aber man kann im Leben schließlich nicht immer alles haben, nicht wahr?“
Die unverletzte Hand des Mönches angelte möglichst unauffällig nach seinem Stab. Er wollte gerade den Mund aufmachen, um irgendeinen Fluch auszustoßen, aber welcher das war, blieb allein sein Geheimnis. Die Augen schreckgeweitet aufgerissen, lief ihm das Blut aus der aufgerissenen Kehle über den Waldboden und sickerte zwischen die grün aufkeimende Vegetation. Menschen. Sie wussten wirklich nie, wann man besser die Klappe hielt. Minoru schüttelte die Hand aus. Zumindest beim zweiten Mal die Kehle nicht verfehlt. Den Geruch würde er allerdings tagelang nicht loswerden.
Er wollte sich gerade umwenden, als etwas Kaltes an seinem Hals zu liegen kam. Als er über die funkelnde Schwertklinge hinweg den anderen Jungen ansah, konnte er einen entnervten Blick nicht unterdrücken. „Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?“
„Verschwinde, Yōkai“, knurrte der andere. „Bevor ich es mir anders überlege.“
Minoru musterte ihn von Kopf bis Fuß und blieb schon ziemlich weit oben an den seltsamen Ohren hängen, die wirkten als habe er mitten in der Verwandlung vergessen, diese zurückzubilden. „Was willst du überhaupt darstellen?“, harkte er missbilligend nach.
„Pass auf, was du sagst!“ Die Klinge presste sich enger an seine Kehle und hinterließ einen kurzen Schnitt aus dem heiß und ungebeten ein dünnes, rotes Rinnsal hervorquoll.
„Darf ich fragen, wo dein verdammtes Problem ist?“, Minoru drückte die Klinge mit einem Finger zur Seite, was wiederum nur einen neuen Schnitt an seinem Hals ergab.
„Kaito! Leg die Waffe weg!!“ Minoru sah das Mädchen nur aus den Augenwinkeln. Sie hatte es auf die Beine geschafft, ging aber erstaunlich gebeugt und hielt sich die Seite.
Der Junge wandte ihr ungläubig den Kopf zu und schnaubte gepresst. „Was nimmst du den in Schutz?!“
„Er hat uns doch nur geholfen!“, fauchte sie zurück. „Lass ihn in Frieden!“
„Ich wäre auch allein mit ihnen fertig geworden. Dafür brauche ich keinen eingebildeten Köter“, insistierte Kaito beinahe eingeschnappt.
Leg die Waffe weg“, schrie sie ihren Begleiter an und warf einen Stein nach ihm, der stattdessen Minoru mit voller Wucht an den Kopf donnerte. Kaito grinste breit und allein dafür hätte Minoru ihn gern auf der Stelle gehäutet. Erstaunlicher Weise ließ der Dunkelhaarige jedoch das Schwert sinken, hielt es aber weiterhin zum Schlag bereit an der Seite.
„Oh verflucht! Entschuldige bitte. Der war nicht für dich... .“ Die Entschuldigung kam zwar hastig, aber sie schien keine Hemmungen zu haben, ihn trotz dieses Missgeschickes ausgiebig zu mustern, als sie neben ihm angekommen war. Minoru erwiderte ihren Blick beiläufig und war eigentlich mit dem Gedanken beschäftigt, wie er diesem Kaito seinen Undank am besten vergelten konnte. „Verzeih bitte“, begann sie abermals. „Mein Bruder kann sich manchmal einfach nicht benehmen. Mein Name ist Honoka und du bist ein Inuyōkai, nicht wahr? Vielen Dank für deine Hilfe.“
Er musterte sie ruhig. Ihre Haare waren grau, nicht das helle Weiß, das er sonst zu sehen bekam, sondern ein altes, tiefes Grau. Sie hatte sie zu einem langen, kompliziert geflochtenen Zopf zusammengebunden, der ein wenig an Fischgräten erinnerte und wie ihr vorlauter Bruder besaß sie aufgeregt zuckende Hundeohren in der Farbe ihres Haares. Ihr Lächeln offenbarte kleine Fangzähne. Han'yō. Deswegen hatten sie so seltsam gerochen.
„Ihr wohl auch – irgendwie“, entgegnete Minoru ruhig. „Pah!“, schnappte Kaito und steckte zumindest das Schwert zurück in den Obi seines dunkelblauen Yukata.
„Unsere Eltern sind Mensch und Han'yō, ja“, erklärte Honoka gelassen. Sie kannte die Erklärungsphase mittlerweile zur Genüge. „Ich habe noch nie einen vollwertigen Hundedämon aus nächster Nähe gesehen“, gestand sie und musterte ihn neugierig, während sie für Minorus Geschmack eindeutig zu nah an ihn heran kam.
„Das hast du wohl!“, protestierte Kaito und riss seine verletzte Schwester unsanft von Minoru weg – immerhin zu Etwas war der Kerl gut. „Halt dich von ihm fern!“
„Von so nah sicher nicht!“, fauchte sie bissig. „Hör auf mich wie ein Kind zu behandeln, Kaito!“
„Wenn ihr euch dann in Ruhe zu Ende streiten wollt – ich bin weg!“, Minoru strich sich die Trainingskleidung glatt, angelte einen kleinen Ast aus seinem Haar und wandte sich zum Gehen, doch ehe er sich versah, hatte sie seine Hand gefasst und hielt ihn fest. Er riss sich hart los und sah sie wütend an, was sie durchaus zusammenschrumpfen ließ. Die war ja schlimmer als Rin!
„Entschuldige. Wir sind auf der Suche nach der Festung. Kannst du uns vielleicht helfen... noch einmal?“
„Die finden wir auch allein“, Kaito musterte Minoru abschätzig. „Dafür brauchen wir ihn nicht.“
„Du hast deinen Aufpasser gehört“, gab Minoru knapp zurück und sah sich noch einmal nach den Mönchen um. Der Junge hatte während dieser Streiterei die Chance zur Flucht ergriffen, der Alte blutete weiterhin fröhlich aus und war mittlerweile tot.
„Aber du bist doch von dort, oder nicht? Du hast vom Taishō gesprochen. Bitte. Ich will nicht noch mal auf solche Leute treffen.“
Ob es wirklich besser für sie war, allein auf seine Leute zu treffen war die nächste Frage. Wie reagierte die Übungsgruppe auf zwei jugendliche Han'yō? Sicherlich nicht besonders aufgeschlossen, wenn sie ohnehin mehr nach Mensch und Mönch stanken.
„Er hat einen Menschen umgebracht, Honoka! Bist du bescheuert, ihm auch noch nach laufen zu wollen? Der Mann liegt da noch! Direkt vor deiner Nase!“
Minoru schüttelte nur bedächtig den Kopf. Die zwei wussten wirklich nicht, was sie wollten. Nahm ihnen einer den Todfeind vor der Nase weg, heulten sie ihm auch noch hinterher. Es gab also doch etwas, das noch sinnfreier dachte als ein Mensch es vermochte.
Honoka stöhnte lang: „Oh, nun hör auf, so ein starrsinniger Holzkopf zu sein, Kaito!“ Dann wandte sie sich wieder an Minoru. „Du musst doch sicher selbst dorthin. Nimm uns mit. Vergiss meinen Idioten von Bruder für einen Moment.“
„Wie war das?!“
Irgendwie ahnte Minoru bereits, dass weder das Verlassen seiner Einheit, noch dieses seltsame Gespann, das er vermutlich nicht mehr loswerden würde, ihm die nächste Begegnung mit Ryouichi oder gar seinem Vater erleichtern würde. Die Begeisterung der beiden würde sich in bescheidenen Grenzen halten und er hatte nicht einmal einen guten Plan, wie er sein Verhalten erklären sollte. Dass ihm danach war und es ihm schlicht richtig erschienen sei, würde vor keinem der beiden lange Bestand haben. Rosige Aussichten für sein erstes und nun vermutlich letztes Außentraining. Er konnte nur hoffen, dass Myōgas erneute Abwesenheit etwas damit zu tun hatte, dass Ryouichi zumindest ahnte, wo er sich herumtrieb.
Wie erwartet stiefelten die beiden Minoru hinterher wie junge Gänse ihrer Mutter. Was für ein Trauerspiel. Honoka hatte schwer mit dem Weg zu kämpfen und ließ sich schließlich von ihrem wenig begeisterten Bruder auf dem Rücken tragen.
„Ich unhöfliches Ding habe ja nicht einmal nach deinem Namen gefragt“, stellte sie schließlich fest.
„Minoru“, antwortete er stumpf und bahnte sich einen Weg zurück in Richtung Osten, um dann bald nach Norden zu schwenken.
„Minoru der Hundedämon“, sagte sie leichthin als habe es Bedeutung. „Wie kommt es, dass du allein unterwegs bist?“
„Wie kommt es, dass ihr es seid?“, konterte Minoru, auch wenn es ihn kein Stück interessierte.
„Wir leben mit unseren Eltern in einem Dorf in Musashi; weit fort von hier. Aber ich wollte unbedingt einmal diese Dämonenfestung sehen, statt immer nur die menschliche Seite zu betrachten. Es ist nicht so einfach zwischen den Stühlen zu stehen, weißt du?“
Nein, wusste er nicht, aber das war ihr vermutlich ebenso egal wie ihm. Warum hatten Frauen um ihn herum entweder die Neigung wahre Nattern zu sein oder ihr Leben vor ihm auszuschütten?
„Wohnen alle Inuyōkai auf der Burg?“
„Ich denke nicht“, antwortete er.
„Stimmt... die Adeligen dort werden kaum wollen, dass alle anderen mit ihnen in ihrem Schloss leben“, überlegte sie laut. „Das ergibt nur Sinn.“
„Anders herum wird ein Schuh 'draus“, schnarrte Kaito böse. „Keiner hat Lust, die ganze Zeit unter der Aufsicht seines Provinzfürsten zu vegetieren. Da würde ich auch lieber auf dem Land bleiben.“
„Vielleicht solltet ihr euch dann lieber im Dorf umsehen“, schlug Minoru vor und hoffte insgeheim, sie würden dann einfach verschwinden.
„Nein, ich würde schon gern zum Palast“, erklärte Honoka. „Unser Vater war selbst nie dort, obwohl wir von da stammen. Ich glaube, weil er mit seinem Bruder nicht so gut auskommt.“
Minoru ahnte langsam, dass sein Vater sich aus verschiedenen Gründen nicht über diesen Besuch freuen würde.
Wir stammen nicht von da Honoka“, widersprach ihr Bruder ernst. „Wie du schon sagst: Vater war selbst nie dort und er kannte die Leute nicht einmal. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass irgendjemanden interessiert, wenn wir dorthin kommen! Die werden uns höchstens wegschicken.“
Er schien die Sache deutlich klarer zu sehen als seine Schwester, aber die wollte sich nicht hereinreden lassen.
„Dann tun sie das eben!“ Offenbar war sie ebenso stur wie er ätzend war. „Ich will mir nicht vorwerfen, es nie versucht zu haben! Es ist doch gut, wenn wir uns für sie interessieren!“
„Warum sollte das gut sein?“, Minoru sah sie etwas verwirrt an. Das ergab doch keinen Sinn. Selbst wenn sie zu einem Teil von dort abstammten wäre das doch nicht wichtig.
„Weil sie uns nicht egal sind? Weil wir auch ein Teil von ihnen sind?“
Er zuckte mit den spitzen Ohren und sah sie nun aufmerksamer an. „Warum solltet ihr das sein? Ich verstehe deinen Gedankengang nicht.“
„Na ja, sie sind doch unsere Familie...“, meinte sie etwas verunsichert.
„Und weiter?“
„Ja nichts und, das reicht doch wohl!“
„Ich weiß ja nicht, was Menschen für einen Familienbegriff haben... aber offenbar einen anderen.“
„Wie meinst du das?“, sie sah ihn mit großen Augen an.
„Du scheinst sehr überzeugt von irgendeiner Verbindung zwischen ihnen und dir zu sein. Vielleicht empfinden Menschen das so. Aber für mich hat Verwandtschaft rein gar nichts mit einem positiven Umgang zu tun.“
„Du liebst deine Eltern nicht?“, sie sah ihn entrüstet an und ließ sich vom Rücken ihres Bruders auf den Boden rutschen.
„Sollte ich?“
Ihr Unterkiefer klappte herunter und sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Und wenn jemand vor dir stünde und sagte, er sei dein Bruder oder so?“
„Ich habe meinen Vater vor einigen Monaten zum ersten Mal getroffen. Was soll da gewesen sein?“
Sie überholte ihn und blieb direkt vor ihm stehen. Minoru musste bremsen, um nicht über sie zu fallen. Sie schnaufte vor Anstrengung und musste sich erst einmal sammeln. „Es war dir egal?“
„Egal sicher nicht, aber ich denke, du erwartest, dass es mir persönlich etwas bedeutet hat.“
„Er ist dein Vater!“
„Das war er auch schon vorher. Jeder hat einen.“
„Das ist ja schrecklich! Wie herzlos von dir!“, sie fing beinahe an zu weinen, was ihn nur noch mehr verwirrte als jede andere Reaktion, die sie hätte hervorbringen können. „Dein armer Vater!“
„Honoka“, setzte Kaito an. „Sein Vater denkt vermutlich genauso.“
„Das ist grausam. Wie könnt ihr so herzlos sein und eine Zusammenführung derart abtun?“
„Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst“, sagte Minoru ernst. „Und vermutlich wirst du auch nie verstehen, wie es mich nicht emotional ergreifen kann. Akzeptieren wir einfach, dass deine Welt nicht meine ist.“
Er ging seitlich an ihr vorbei und wanderte den Weg weiter entlang, während er sie völlig aus dem Konzept gebracht zu haben schien. Die nächste Zeit sagte sie kein Wort mehr und Stille kehrte ein. Kaito trug sie bald wieder und der Geruch der Festung wurde mit den Windrichtungen mal stärker, mal schwächer, aber Minoru war sich sicher, dass er auf dem richtigen Weg war.
„Es ist mir egal“, meinte Honoka schließlich fest. „Ich möchte es sehen, auch wenn uns dort keiner haben will. Jetzt umdrehen wäre wie aufzugeben.“
Minoru nickte lediglich, sah sie allerdings nicht an. Sie klang wieder entschlossen; ihr Bruder seufzte schwer.
„Sag mal, du bist gar nicht bewaffnet“, stellte sie daraufhin fest. Sobald sie nicht mehr dachte, sabbelte sie offenbar gern. „Ist das nicht gefährlich?“
„Ich komme zurecht“, konstatierte Minoru.
„Hast wohl Angst dich zu schneiden“, höhnte Kaito und Minoru entschied spontan, dass er nicht einmal die Aufregung wert war, also ignorierte er ihn. In der Tat war dieser Han'yō im Besitz eines Schwertes. Ein einfaches, kurzes Wakizashi sicherlich, aber immerhin ein Schwert.
„Hör auf, Kaito“, riet Honoka warnend. „Er hat dir nichts getan. Außerdem hat er eben auch so genug Schaden angerichtet. Und er kann zu diesem niedlichen Hund werden – das kannst du nicht!“
Niedlich? Na wunderbar.
In der nächsten halben Stunde schlief sie endlich ein und Minoru konnte bereits einige Lichter in der Festung zwischen den Bäumen erkennen, als Kaito überraschend das Wort an ihn richtete.
„Du bist ganz schön arrogant“, stellte er ohne Umschweife fest.
„Ach ja?“
„Ja. Du kommst daher und zwingst uns deine Hilfe auf. Du tust, als ginge die Welt dich nichts an und als stündest du über allem. Außerdem bist du widerlich desinteressiert und unkommunikativ!“
„Wenn das deine Auffassung von arrogant ist, ist das wohl so.“ Unkommunikativ? War das sein Ernst? Er hatte in der letzten Stunde sicher mehr geredet als in den letzten zwei Monaten zusammen.
„Hör auf damit!“, zischte Kaito. Er wollte seine Schwester offensichtlich nicht wecken.
„Mit was?“
„Na, du machst es schon wieder. Du bist so arrogant, du bringst sogar Honoka dazu an etwas zu zweifeln, dass sie sich mehr als alles andere gewünscht hat!“
„Es ist nicht meine Schuld, dass ihr eine andere Weltsicht habt – und du deine Schwester nicht überreden kannst, Zuhause zu bleiben.“
Kaito schnaubte. „Du könntest dich etwas zurückhalten! Sie will doch nur sehen, wie die andere Seite aussieht.“
„Dann soll sie das tun“, Minoru sah starr geradeaus. „Ich habe nie gesagt, dass sie es nicht soll. Ist mir doch gleich, was ihr tut. Ich bin nicht eure Mutter.“
„Du hättest merken können, wie sehr du sie verletzt.“
Nun wandte Minoru sich doch zu ihm um, sah den Han'yō an und zog vielsagend eine Augenbraue hoch. „Wem wollt ihr hier eigentlich etwas vormachen?“, fragte er schließlich scharf. „Wenn ihr euren Eltern so zugetan seid, wie ihr vorgebt, würdet ihr wohl kaum im tiefsten Westen durch die Wälder streifen und ihnen Sorgen bereiten. Entweder ihr seid abgehauen und es ist euch herzlich egal, wie es ihnen damit geht oder es ist ihnen schlicht gleichgültig, wo ihr euch herumtreibt. So oder so: Wenn ihr jemanden verarschen wollt, macht es etwas weniger offensichtlich.“
„Vielleicht bist du auch einfach tatsächlich so emotionslos, wie du dich gibst“, fauchte Kaito ohne auf den Vorwurf einzugehen. „Dann kann ich von dir kaum Empathie erwarten.“
„Du hast es erfasst.“ Minoru wandte den Blick wieder nach vorn und betrat mit ihnen die Ebene, die auf die in den Fels eingelassene Festung zuführte.
Es stimmte nicht, dass er vollkommen emotionslos war und keine Empathie empfand. Er konnte sich zumindest soweit in den Fürsten hineinversetzen, dass er wusste, dass ein hell erleuchteter Palast nicht gerade ein fröhliches Willkommen bedeuten musste. Im Grunde hatte er in den letzten Monaten genug damit zu tun gehabt, seine Emotionen zu ordnen, aber diese überschwängliche Ergriffenheit Honokas, die schon teils romantische Einflüsse zu haben schien, verstand er nicht. Waren ihr diese Dinge wirklich so bedeutsam? Warum hätte er sich über die Zusammenkunft mit seinem Vater freuen sollen, wenn er rein gar nichts über diesen Mann wusste? Der Taishō hätte ihn im Honmaru in einen Kerker werfen lassen oder gleich enthaupten können – enge Verwandtschaft hin oder her. Seine Mutter hatte diese Beziehung nie davon abgehalten, ihn zu verachten. Minoru fiel nichts auf der Welt ein, das ihm so wichtig war, wie Honoka diese unbedeutende Kleinigkeit schien: Sie klammerte sich an die verwandtschaftliche Beziehung zu anderen wie an den letzten Ast vor dem Ertrinken; dabei sahen die beiden weder schlecht genährt noch heruntergekommen aus. Sie suchten keinen Schutz in der Burg. Es wirkte eher wie eine fixe Idee ihrerseits, bei der er ihr schlichtweg nur folgte.
Während Minoru direkt auf die Burg zuhielt, weckte Kaito seine Schwester, die von dem Anblick ganz ergriffen schien. „Es ist riesig“, sagte sie ungläubig. „Und all das Wasser... ist das künstlich angelegt?“
Minoru beachtete sie nicht weiter. Auch nicht als sie sich leise mit ihrem Bruder unterhielt und ihn auf alle möglichen Kleinigkeiten aufmerksam machte, die ihr ins Auge fielen. Was sich hinter den Mauern abspielte, konnte man zwar nicht sehen, aber es war deutlich zu hören, dass mehr Personen wach waren als zu dieser Zeit üblich. Als sie schließlich vor dem schweren, dunkelroten Haupttor hielten, schlug Minoru hart gegen das Holz, da es sich nicht wie üblich von allein öffnete.
„Wer da?“, rief jemand von den Mauern herunter.
Bevor Minoru etwas sagen konnte, wollte Honoka antworten. „Wir...! Ehm..“, sie stockte. „Wie erklären wir das nur?“ Den letzten Teil flüsterte sie leise Kaito zu, als könne er ihr helfen.
„Ich war mit dem Chūyō auf Außenübung.“
„Die Gruppe ist längst zurück und du stinkst nach Mensch“, kam es prompt von der anderen Seite des Tores zurück.
„Den Umstand gedenke ich meinem Vater zu erläutern“, meinte Minoru glatt und siehe da, die Tür schwang mit lautem Knarren schwerfällig auf.
Die Wache dahinter straffte die Schultern und neigte den Kopf vor ihm. „Ich bitte vielmals um Verzeihung für die harsche Art, Minoru-sama. “
Minoru nickte dem Mann zu. Es war immerhin seine Aufgabe auf das Tor zu achten und er konnte schlecht erwarten, dass er ebenso einfach hereingelassen wurde wie der Fürst selbst, der niemals hätte klopfen müssen. Als Minoru zwei Schritte durch das Tor getan hatte, dicht gefolgt von Kaito und Honoka, die von der Wache mit Erstaunen betrachtet wurden, landete Myōga sichtlich erregt auf seiner Schulter.
„Ich bin nicht sicher, ob Ihr ihn jetzt treffen wollt. Ich schlage einen geordneten Rückzug vor. In den Wald. Bis er weniger kocht. Oder nein, besser nicht! Das macht es nur schlimmer. “
Minoru lief es kalt den Rücken herunter, aber er hatte nichts anderes erwartet.
„Oh, er ist außer sich“, sagte der Flohgeist erschüttert. „Für seine Verhältnisse natürlich. Er hat noch nicht angefangen zu schreien, aber den Umstand hält mein armes, altes Herz auch nicht mehr aus. Gebt ihm bitte nicht zu viele Widerworte. Bitte, junger Herr. Ah, aber ich bin froh, dass ihr unversehrt zurück seid. Bis auf ein... zwei Kratzer. Das wird ihn beruhigen. Ganz sicher. Es muss ihn beruhigen.“
„Myōga“, meinte Minoru möglichst ruhig. „Vergiss das Atmen nicht.“
Der alte Floh holte tief Luft und atmete ebenso lang wieder aus, dann grub er die Finger seiner vier Hände in den Trainingsstoff seines jungen Schützlings und hoffte, die Nacht in einem Stück zu überleben. Sein Blick wanderte über seine Schulter zu den beiden Han'yō und die Chance auf eben dieses Überleben sank drastisch.
„Myōga?“, Kaito sah den Flohgeist überrascht an, als habe er ihn überall erwartet, aber eben nicht hier. „Du bist dir schon darüber im Klaren, dass Vater dich für tot hält?“
„Kann ich mir gar nicht vorstellen“, gab der Flohgeist zurück und musterte den Jungen. „Was mich allerdings zu der Frage bringt, was ihr hier eigentlich verloren habt?! Ja, seid ihr jungen Hunde denn alle vollkommen übergeschnappt?!“
„Regt der sich immer so auf?“, fragte Kaito, wenig beeindruckt von dem schnaubenden, winzigen Yōkai.
„Dass er dabei rot anläuft, ist neu“, erwiderte Minoru und trieb Myōga endgültig zur Verzweiflung.
Nach den ersten Metern im äußersten Wehrkreis schwenkte Minoru nach rechts, die gewaltige, breite Treppe hinauf, die zum Palast führte. Die säuberlich angeordneten Zierkirschen, die den Weg abwechselnd mit Zierpflaumen säumten, standen gerade in voller Blüte und überzogen den Boden mit zartem Rosa und Weiß. „Es ist so wunderschön!“ Honoka sah sich ungläubig um. „Viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte!“ Was Honoka bezaubernd fand, konnte Minoru auch nicht davon ablenken, was ihn erwartete. So gelassen, wie er sich gab, war er keinesfalls, aber was hätte es genützt, nun in Panik zu verfallen? Nicht vor Fremden und unter den Augen aller, die sich nun noch auf den Straßen herumtrieben.
Als sie schließlich auch den mittleren Wehrkreis, flankiert von Blüten, durchquert und eine weitere, riesige Steintreppe erklommen hatten, wartete oben Ryouichi mit vor der Brust verschränkten Armen. Minoru fing seinen wütenden Blick auf und neigte sacht den Kopf vor ihm. Aber der Chūyō ließ sich nicht dazu herab, das Wort an ihn zu richten. Stattdessen fixierte er Kaito.
„Ihr folgt mir“, sagte er harsch und noch während Kaito den Mund aufmachen wollte, baute sich der Heerführer zu voller Größe auf. „Ich würde mir gut überlegen, was ich sage, wenn ich du wäre“, knurrte er und Minoru bemerkte durchaus, wie er die Stimme variierte und auch ihm dabei einen kurzen Blick zuwarf. Jeder Widerstand war hier zwecklos und so ließ Minoru sie zurück und betrat mit Myōga, der unbehaglich auf seiner Schulter umher rutschte, allein den Palast. Dass er an seiner Seite blieb war vielleicht ein gutes Zeichen – eventuell aber auch das schlechteste.
Sein Vater erwartete ihn im riesigen Empfangssaal des Palastes. Der helle Holzfußboden hätte manchem Spiegel Konkurrenz gemacht und die Wandverkleidungen zeigten große, weiße Hunde mit im Kampf aufgerissenen Mäulern voller scharfer Zähne. Manch abgebildetes Rind des Hintergrundes war kaum halb so hoch wie diese Yōkai. Minoru hatte den Empfangssaal noch nie betreten. Groß und eindrucksvoll, aber nicht die Art von vier Wänden, in denen er seine freie Zeit zu verbringen suchte. Auch der Fürst empfing seine Ratsmitglieder in einem kleinen, abgelegenen Teil des Palastes und niemals hier. Umso schlimmer, dass er sich ihm nun gerade in diesem Raum stellen musste, der mit zwei Stufen in großem Abstand in drei Ebenen geteilt wurde.
Ganz oben lehnte sein Vater ausdruckslos mit dem Rücken an der Wand. Hätte er gekniet und eine finstere Miene aufgesetzt, hätte er nicht übeler gelaunt wirken können. Es war nicht sein Ausdruck, der Minoru einen Moment erstarren ließ; es war das Yōki, das den Raum erhitzte. Einer lauernden Viper gleich erfüllte es die Luft und es war nur eine Frage der Zeit, bis diese zuschlug. Minoru ließ sich auf die Knie sinken und legte die Stirn an den Holzfußboden. Die Stille war schlimmer als jeder Wutausbruch, den der Fürst hätte erleiden können. Aber das war nicht sein Stil. Darin unterschieden sich seine Eltern grundlegend und Minoru wusste gerade wirklich nicht, welche Angewohnheit ihm da eigentlich lieber war.
Er wagte nicht, sich auch nur einen Moment aus der Position zu lösen und es verstrichen mit Sicherheit zehn Minuten, bevor Sesshōmaru sich auch nur bewegte.
„Dass du dich mit diesem Gestank unter meine Augen wagst“, sagte er schließlich in einem Ton, der an Gleichgültigkeit grenzte, aber nicht weiter davon hätte entfernt sein können.
„Ich wollte nicht -“
„Spar' dir die Ausflüchte. Du lässt mich lange genug warten, da hättest du wenigstens den Anstand besitzen können, mich nicht mit diesem abartigen Geruch zu belästigen.“
„Wünscht Ihr-“
„Was ich wünsche ist offensichtlich bedeutungslos.“ Immer noch war von seiner Wut nicht das Geringste zu hören, obwohl sie sich ganz deutlich unter der Raumdecke zusammenballte. „Du bist undankbar, ungehorsam und unverschämt. Verlässt deine Einheit ohne Erlaubnis; machst dir nicht einmal die Mühe eine zu erbitten. Bringst ohne meine Zustimmung Han'yō hierher. Ein egozentrischer, undurchdachter Deserteur.“
Minoru hatte gerade den Kopf ein wenig gehoben, als der Unmut auch die Stimme des Fürsten erreichte: „Du siehst auf, wenn ich es dir erlaube. Du sprichst, wenn ich dich frage und vor allem wirst du diese Festung nicht mehr ohne meine persönliche Zustimmung verlassen. Jetzt raus! Sieh zu, dass du diesen Gestank loswirst, bevor du mir wieder unter die Augen trittst! Und zwar sofort!“
Der Fürst sah dem Jungen nach, der sich wie erwartet mit gesenktem Blick und vollends tonlos aus dem Saal stahl. Er blieb starr auf der höchsten Ebene stehen und sah still an die Stelle, an der sein Sohn gerade noch an den Boden gepresst gekniet hatte. Törichter Welpe.
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