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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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11.12.2015 4.809
 
Was bisher geschah ...
Minoru hat den Norden mit dem Fürsten verlassen und ist in der Festung des Westens eingekehrt - einem gewaltigen, steinernen Gebilde mit Wehranlagen und hohen Mauern, das ihm wenig Wohlsein abringt.

҉
Den Kopf unterhalb des Kissens in den Futon gepresst, die Decke komplett von sich getreten hatte er die letzte Nacht wieder ohne Kleidung und im nahezu durchgehenden Tiefschlaf verbracht. Seine dreckigen Sachen lagen noch ebenso zusammengeknäult auf dem schwarzen Lacktisch wie er sie Tage zuvor hingeworfen hatte, um zumindest die Matten vor dem Schlamm zu bewahren. Erst als er aufwachte, fröstelte er seltsam und kauerte sich angestrengt noch ein wenig mehr zusammen. Minoru ließ die Augen bewusst geschlossen, versuchte über mehrere Stunden verzweifelt wieder einzuschlafen und gab schließlich seufzend auf. Sinnlos. Er konnte sich nicht dazu zwingen, noch einen weiteren Tag seinem ruhenden Unterbewusstsein zu überlassen, das ihn mit traumlosen Dasein beschenkt hatte. Wie grausam in Anbetracht der Tatsache, dass er genau wusste, was ihn Bedrängendes erwartete, wenn er erst einmal wagte, die Augen zu öffnen. Seine Nase allein reichte aus, um ihm zu verraten, dass er sich tatsächlich immer noch im unmittelbaren Wirkungskreis des Inu no Taishō befand. Sein Geruch lag zwar nur vage und ein wenig verwaschen in der Luft, aber er war dennoch unverkennbar und allgegenwärtig. Minoru seufzte leise, setzte sich so ruckartig auf, dass ihm beinahe schwindelig wurde und schwang sich deutlich zu schnell auf die Beine. Besinnend hielt er sich eine Hand vor die Stirn und brummte leise, als verscheuche das die kleinen, dunklen Flecken, die vor seinen Augen tanzten. Tagelang zu liegen war dem Kreislauf nicht gerade zuträglich. Zunächst hatte er den Schlaf tatsächlich gebraucht. Die zwei Tage pausenlose Wanderung waren seinem ohnehin schon angeschlagenen Allgemeinbefinden nur als zusätzlicher Ballast erschienen und hatten ihm keine Zeit zum Ausruhen gelassen. Im Gegenteil: Zu wenig Zeit für Ruhe, zu viel Zeit zum Nachdenken. Er war sich dessen bewusst, dass er den Kopf endlich einmal wieder frei bekommen musste, hatte Geist und Körper eine Weile ruhen lassen, um dies zu erreichen, aber wirklichen Frieden fand er nur, wenn er sehr tief schlief. Wenn das so weiter ging würde er in nicht allzu ferner Zukunft gar nicht mehr wissen, was zu tun war. Schluss damit.
Minoru blieb einen Moment stehen, atmete durch und sah langsam wieder klar. Er war unsäglich dankbar, dass sein Zimmer die realisierte Schlichtheit darstellte und all dem Maßlosen entbehrte, das die restliche Burg bisher ausgezeichnet hatte. Der kleine Lacktisch, der Futon und die Lampe waren die einzigen Gegenstände im Raum. Des Weiteren führte lediglich eine weitere Schiebetür zu einem kleinen, unscheinbaren Schrank, in dem mit überschaubarer, sauber gefalteter Anordnung ein wenig Wäsche gelagert war. Seufzend zog Minoru einige Sachen hervor und kleidete sich binnen weniger Minuten vollständig an, um zumindest ein wenig guten Willen zu zeigen. Selbst der graublaue Obi saß mit einigen Handgriffen eng und knitterfrei über dem dunkelgrauen Yukata. Er warf noch einen prüfenden Blick in den Schrank, dann donnerte er ihn herzhaft zu. Niemand würde ihn dazu zwingen können, etwas so nerviges wie Socken oder gar Schuhe zu tragen. Absolut niemand.
Auf dem Flur hatte sich schon seit Stunden nicht ein Geräusch ausmachen lassen, also horchte Minoru nur kurz und verließ das Zimmer, dessen Tür er deutlich leiser hinter sich zuschob.
Der Flur war wie erwartet nahezu verdächtig still.
Er ließ sich nicht dazu herab, durch die Flure zu schleichen, gab sich jedoch zeitgleich Mühe immer mit allen Sinnen jede Begegnung mit anderen zu vermeiden. Der Palast schien jedoch wie leergefegt. Bei einem so prächtigen Gebäude hatte er mit einer geschäftigen Dienerschaft gerechnet, nie jedoch mit verwaisten Gängen. Um den Rückweg sorgte er sich nicht im Geringsten. Ihn zu finden sollte auch in extremen Situationen ohne Weiteres möglich sein. Die so gesparte Konzentration verwendete er lieber darauf, das Gefühl der Bedrängnis zwischen den hohen Wänden herunter zu kämpfen und war umso erleichterter, als eine halb offenstehende Schiebetür hinaus in den Garten führte. Spätestens als er den überdachten Holzsteg verließ, der das Gebäude an dieser Stelle einem Ring gleich umgab, und er auf nassen, hellen Kiesweg trat, wären die Tabi überflüssig und störend gewesen. Der Wind ging immer noch frisch, hatte aber längst die stürmischen Böen verloren und trug nur noch einen Bruchteil des neuerlichen Regens über den noch winterkahlen Garten. Nur wenige Triebe ließen sich an den früh blühenden Bäumen erkennen, aber selbst die sahen erbarmungswürdig aus. Im Frühjahr war dieser gut strukturierte Garten sicher ein sehr erholsamer Ort. So wirkte er allerdings eher kläglich. Ein großer, brückenüberspannter Teich lag unweit des Kiesweges unter einigen Ahornbäumen. Unter der Oberfläche tanzten große Karpfen ungeduldig um die einfallenden Tropfen herum, als erwarteten sie hoffnungsvoll den ein oder anderen Brocken Futter darunter. Minoru trat an den Rand und stellte erstaunt fest, dass die Fische sofort auf ihn zuhielten und mit ihren bunten Köpfen und großen Mäulern die Oberfläche durchstießen. So eine Gesellschaft war ihm deutlich lieber als die, die sich in einem schwachen Geruch zu seiner Linken ankündigte. Eine Wache musterte ihn offen. Die dunkle Rüstung des Mannes und sein langer Yari schimmerten schwarz, als er eine vollendet steife Verbeugung vollführte und darin verharrte. Minoru sah ihn eine Weile still an, verpasste allerdings zum Unglück der armen Wache, ihn aus dieser unkomfortablen Haltung zu entlassen, bevor er ihn stehen ließ.
„Mit Verlaub, mein junger Herr, aber auch wenn ich mir Eures Mangels an Höflichkeiten durchaus bewusst bin, solltet ihr zumindest anerkennen, dass andere Euch solche entgegenbringen.“
Minoru kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass er froh war, eine mehr oder minder bekannte Stimme zu hören – auch wenn er langsam nicht mehr darüber nachdenken wollte, wo sich dieser Flohgeist eigentlich aufhielt, wenn er schwieg. Mit einem gezielten Satz ließ der kleine Yōkai sich auf seiner Schulter nieder und stocherte mit seinem dünnen Wanderstab im Stoff des Yukata herum, bis er darin ausreichend Halt fand.
„Es wirkt so trostlos...“, sagte Myōga nach einer Weile und kratzte sich kurz am Kopf.
„Ich habe in den letzten Jahren keine Übergangszeit erlebt, die nicht auf ihre Weise trostlos gewesen ist“, entgegnete Minoru leise und sah ein weiteres Mal zu den Bäumen auf. Wenn die Welt in Schnee versank, wusste er zumindest ungefähr, welche Wetterlage ihn am nächsten Tag erwartete. Die Beute war stets leicht gefunden und durch sein Fell war er in den weißen Fluten beinahe unsichtbar. Der auflebende Frühling und heiße Sommer waren nicht nur schön anzusehen, sondern auch meist die Zeit, in der man sich auch gut und gerne eine Weile in die Sonne legen und ausruhen konnte. Selbst der stürmische Herbst hatte mit all den bunten Blättern und angenehmen Temperaturen etwas für sich. Schlimm war nur diese Beleidigung einer Wetterbezeichnung, die sich zwischen Herbst und Winter, Winter und Frühling befand. Grau in grau, matschig, kalt und einfach ekelhaft. Dagegen besaß selbst ein so sorgsam angelegter Garten wie dieser kein Mittel der Verteidigung. „Es wird sicher besser.“
„Ganz bestimmt“, pflichtete Myōga ihm überzeugt bei, zumal er ahnte, dass der Junge nicht den Garten meinte. „Auch diese Zeiten vergehen.“
„Du hast lange nichts mehr von dir hören lassen.“ Myōga sah ein wenig ungläubig zu Minoru auf. Das war eine durchaus seltsame Aussage für ihn.
„Ich dachte, Ihr wäret mit Euren eigenen Gedanken beschäftigt und wollte nicht stören“, gab der Flohgeist schließlich zurück. „Dass Euer Freund Euch von diesem Weg überzeugen konnte, hat mein Einschreiten auch in diesem Punkt hinfällig gemacht. Es ist beruhigend, Euch nun in Sicherheit zu wissen.“
„Sicherheit nennst du das?“ Minoru spannte die Hand an, bis seine Gelenke knackten und ließ die Anspannung sofort wieder verschwinden, als sein Yōki unberechenbar einen Weg in seinen Arm suchte. Er schüttelte die Hand kaum merklich aus, als verscheuche er ein lästiges, aber winziges Insekt. „Ich weiß noch nicht, wie ich es nennen soll.“
„Es gibt keinen sichereren Ort.“ Myōga sah sich abermals um und nickte. „Und wenn ich die Lage richtig überblicke, ist es genau das, was wir jetzt brauchen.“
Minoru schnappte den Flohgeist von seiner Schulter und setzte ihn auf seiner Handfläche ab.
„Junger Mann, ich verbitte mir so rüdes Gehabe!“
„'Wir'?“, fragte Minoru mit einem Anflug von Unglauben.
„Ich diene Eurer Familie seit über einem Jahrtausend. Ich denke, da darf ich von „wir“ sprechen!“
„Würdest du dann die Freundlichkeit haben, mich aufzuklären?“
Myōga versuchte eine Bösartigkeit in dieser Frage herauszuhören, etwas Stichelndes, Ungeduldiges, aber auch wenn er es mit Leichtigkeit so hätte klingen lassen können, ließ er doch die Ratlosigkeit durchschimmern, die längst offensichtlich gewesen war. Der Flohgeist ließ den Kopf ein wenig hängen und spielte etwas nervös an seinen Ärmeln herum.
„Ich würde Euch gern alle Eure Fragen beantworten“, versicherte er kleinlaut. „Aber ich weiß nicht mehr als Ihr. Weder über Eure Mutter noch die Umstände, die zu diesem Chaos geführt haben. Seit dem Tod Eures verehrten Großvaters habe ich dieses Anwesen nicht mehr besucht. Wenn Ihr Antworten sucht, solltet Ihr Euren verehrten Vater fragen.“
Minoru seufzte leise und setzte Myōga wieder auf seiner Schulter ab. Das war vermutlich die einfachste Lösung, wenn auch nicht die beste Idee.
„Mein Großvater, hm?“, Minoru ließ für einen Moment die Krallen durch sein wirres Haar gleiten. Der Zopf hatte den Sturm eher schlecht als recht überlebt und er hatte ihn bisher nicht neu geflochten. „Sagtest du nicht, du dienst dieser Familie? Wo warst du dann währenddessen?“
„Nun, das ist eine lange Geschichte. In der Kurzfassung war ich bei Eurem - ja, er wäre Euer Onkel.“
Minoru seufzte lang. „Danke, Myōga, vielleicht ein andermal. Wenn ich die erneute Erweiterung meiner Familie ertragen kann.“
„Ganz wie Ihr wünscht.“

Auf dem weiteren Streifzug durch den Garten hatte Minoru bald einen Onsen ausfindig gemacht. Myōga erläuterte bereitwillig, dass das dampfende Wasser sich aus einer heißen Quelle speiste, die an dieser Stelle natürlich entsprang und lediglich von einer steinernen Anlage umbaut worden war. Ein Zugang zum Palast lag zwar unweit des Onsen, war allerdings geschlossen und so hatte Minoru keinerlei Sorge, alsbald von jemandem gestört zu werden.
Das Wasser war noch heißer gewesen als er es erwartet hatte und gerade noch an der Grenze dessen, was auszuhalten war. Minoru hatte sich einen stillen Platz gesucht und war bald, als sich auch hier eine ganze Weile wie erwartet niemand sehen ließ, am Rand eingedöst. Seinen Kopf hatte er dabei schwer auf den Armen gebettet, die langsam auf den deutlich kälteren Steinen für die nötige Abkühlung sorgten. Erst Stunden später weckte ihn leichter Nieselregen, der ihm erschreckend kühl auf die Schultern fiel. Er riss verwirrt die Augen auf und sah sich mit einem Anflug von Panik um. Sein Herz schlug in seiner Brust wie ein gefangener Vogel und schwirrte beinahe, bis ihm endlich bewusst wurde, wo er sich befand. Beruhigt atmete er einen Moment durch, bevor ein deutlicher Geruch ihn herumfahren ließ. Er schauderte, als er den Fürsten in einiger Entfernung sah, der deutlich entspannt im heißen Wasser am Rand lehnte und ihn nachdenklich betrachtete.
„Was hat dich geweckt?“, fragte er lediglich ruhig, während Minoru sich längst den Kopf darüber zerbrach, wie er aus der Lage wieder herauskam.
„Der Regen... glaube ich“, antwortete er vorsichtig und warf einen misstrauischen, kurzen Blick zum Himmel. Der harte Regen der letzten Zeit hatte nachgelassen. Es nieselte tatsächlich nur. „Ja. Es wird der Regen gewesen sein.“ Er fröstelte einen Moment unwillkürlich und versuchte sich wieder zu beruhigen, aber er konnte seine Hände selbst unter dem Wasser noch zittern spüren. Wann war er nur so ein Wrack geworden? Sesshōmaru musterte ihn und zog kaum merklich, aber für Minoru deutlich genug eine Braue hoch. Betreten sah der Junge zur Seite weg. „Entschuldigt.“
„Dein Betragen ist grundlos“, ließ der Fürst ihn wissen. Sein Ton klang dabei so kurz angebunden und glatt wie immer. Aber statt es dabei zu belassen, wie er es sonst getan hätte, drückte er den Rücken etwas mehr an den steinernen Quellenrand hinter ihm und ließ die Schultern ein wenig sinken. „Ich bin keine Bedrohung für dich.“
Minoru seufzte tief und zog sich noch ein Stück zurück, bis er auch mit dem Rücken an Stein stieß und legte die Hände unter der Oberfläche flach an die glatte Wand. „Das ist es nicht“, gestand er sich leise ein und wusste mit einem Mal, dass das die Wahrheit war. „Ich wäre nie mit Euch gegangen, wenn ich das gedacht hätte.“
„Dennoch verlässt du das Zimmer seit Tagen nicht, dein Yōki gleicht einem sturmgeschlagenen Meer und du zitterst wie Espenlaub.“
Minoru hätte das am liebsten von sich gewiesen, bestritten und das Thema für sich beendet, aber das war aussichtslos. Er hatte damit gerechnet, sich von ihm in die Ecke gedrängt zu fühlen – stattdessen kam er sich zeitgleich entwaffnet und leer vor.
„Das ist etwas viel“, gab er schließlich geschlagen zu. „Ich wollte, ich könnte alles für mich ordnen und wieder zur Beleidigung von Normalität zurückkehren, die ich mir ausgesucht habe. Da wusste ich noch, wer ich war und was ich wollte.“
Sein Gegenüber sah ihn lediglich still an, war augenscheinlich vollkommen ungerührt. Schließlich strich er sich sorgsam eine seiner langen Strähnen von der Schulter und legte die Arme ausgebreitet auf den Rand. „Die Wahrheit kann nur schwache Charaktere erschüttern.“
Minoru sah ihn geschockt an und knirschte so laut mit den Zähnen, dass sich Jaken, der sich in der Nähe herumtrieb, die Ohren zuhalten musste. Den Taishō hingegen ließ das völlig kalt.
„Es gibt tausende Wahrheiten auf der Welt - und keine würde mich in derselben Art aus dem Takt bringen, wie die Lüge, die ihr vorangegangen ist“, knurrte Minoru schließlich leise, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den Mann vor ihm eine Weile eindringlich. Ohne seine Rüstung wirkte er deutlich normaler auf jemanden, der die Anwesenheit von Soldaten ebenso wenig gewohnt war, wie die eines Fürsten. Aber die Erhabenheit konnte er nicht abstreifen, wie er es mit seiner Kleidung getan hatte – sicher nicht einmal, wenn er schlief oder belanglose Dinge tat. „Ihr tut Euch erstaunlich leicht damit, hintergangen worden zu sein“, stellte Minoru plötzlich fest und der Taishō hob den Blick zu ihm. „Diese Distanz geht mir ab. Ich habe eine Abneigung gegen diese Frau, seitdem ich denken kann und ihr vieles zugetraut. Diese Intrigen, die Ihr vermutet, jedoch nicht und das macht mir diese Hexe nicht gerade sympathischer. Meine eigene Mutter scheut sich nicht, mich auf ganzer Linie zu betrügen.“
„Du sprichst über die Frau, die dir dein Leben geschenkt hat“, mahnte der Herr der Hunde ruhig, aber dafür fing er sich lediglich ein schiefes Lächeln, das ihn durchaus verwunderte.
Minoru ließ den Kommentar mit dem warmen Dampf des Wassers davon schweben und tippte ein wenig ungeduldig mit den Krallen auf dem Oberarm herum. „Ich nehme an, nun soll ich Euch vertrauen und glauben, Ihr wärt anders als sie. Wann wollt Ihr mich fallen lassen? Ihr wisst, was Eure kleinen Lurche bereits jetzt über mich denken. Wenn Ihr warten wollt, bis ich Euch völlig ent–“
Der Fürst hatte eine Hand gehoben und zu seiner inneren Befriedigung hielt der Junge tatsächlich inne, bevor er sich noch um Kopf und Kragen redete. „Ich will dir einen gut gemeinten Rat geben, Minoru: Richte deinen Blick nach vorn. Du bist sehr wohl dazu in der Lage, Vergangenem zu gegebener Zeit Aufmerksamkeit zu schenken und der Gegenwart in angemessener Weise zu begegnen.“
Minoru sah ihn ein wenig baff an und schüttelte doch nur abwehrend den Kopf. „Ihr sagt das so, als sei es einfach.“
„Das ist es.“
„Dann helft mir!“, fauchte Minoru in einem plötzlichen Ausbruch von leiser Verzweiflung, der seinen Vater ebenso unsichtbar zurückschrecken ließ wie das unkalkulierbare, schiefe Lächeln zuvor. Minoru hätte sich unterdessen mit Freuden selbst für dieses unkontrollierte Gehabe geohrfeigt. Wie konnte er nur so undurchdacht forsch vorstoßen und sich damit selbst ein hilfebedürftiges Armutszeugnis gerade gegenüber dem Mann ausstellen, mit dem er am wenigsten anzufangen wusste. Der betrachtete den Jungen lediglich unverwandt und schien sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Als Minoru sich schon schnaubend abwenden wollte, huschte ein kaum merkliches Lächeln über das Gesicht des Fürsten, das in seiner Deplatziertheit kalte Schauer über Minorus Rücken jagte. „Dafür bin ich da“, meinte Sesshōmaru schließlich ruhig, verließ das heiße Wasser und nahm einen dunkelblauen Yukata vom Ast eines Baumes, um ihn sich überzuwerfen. „Ich erwarte dich morgen früh nach Sonnenaufgang in meinem Arbeitszimmer.“
Er warf Minoru einen mahnenden Blick zu, den der Junge kaum verarbeitete. Er starrte den Taishō an, als sehe er ihn gerade zum ersten Mal.

Bereits kurz vor Sonnenaufgang hatte Minoru sich auf den Weg in die Küche gemacht, um etwas zum Essen aufzutreiben. Im Garten liefen auch Tage nach seiner ersten Erkundungstour immer noch keine wilden Rehe frei umher und so hatte er sich wohl oder übel den hiesigen kulinarischen Grundlagen anpassen müssen – Reis und Gemüse, Gemüse und Reis. Wenn er nicht bald zumindest einen Bissen Fleisch unter den Gurken hervor schaufeln konnte, würde er allein schon aus Protest den Palast nach Mäusen durchsuchen – und er war sich sicher, dass sich die ein oder andere finden lassen würde. Er hätte auch nicht in Mindesten den Anflug einer Hemmung verspürt, vor den Burgtoren ein Kaninchen aufzutreiben und es mit ein paar Reiskörnern zu garnieren, aber nachdem er es gewagt hatte, in den ersten Tagen ein Schale Reis selbst zu kochen, war die Mimik seines Vaters derart entgleist, dass Minoru auch ganz von allein auf die Idee gekommen war, solcherlei in naher Zukunft besser zu unterlassen – auch ohne den empört zeternden Kappa im Hintergrund.
Mittlerweile ging er bis zu dreimal am Tag in die Küche, um sich - möglichst ohne Begegnungen mit anderen – den Hunger zu vertreiben, der in letzter Zeit immer schneller aufkam und sich in Magenschmerzen und Konzentrationsschwächen störend bemerkbar machte. Myōga vermutete derweil, dass sein ohne Armband nun frei schwelgendes Yōki zu viel Energie fraß, da Minoru mehr als weit davon entfernt war, dieses neuerliche Attribut unter Kontrolle zu bekommen.
Die wenigen Bediensteten, die im Palast arbeiteten, huschten deswegen meist schon freiwillig in den nächsten Raum, sobald er auf den Flur trat, denn offenbar vermittelte ihnen diese unkontrolliert brodelnde Energie das Gefühl, der Neuling leide unter einem schlimmen Fall persistent schlechter Laune – und niemand wollte da unnötig noch irgendeinen Unmut auf sich ziehen.
In Wahrheit war seine Laune zwar immer noch nicht sonderlich erhebend, aber dennoch weit jenseits jeder Aggressionsgrenze gelegen. Es sollte ihm dennoch nur allzu recht sein, dass sie sich freiwillig von ihm fernhielten. Die einzige, die für solche Signale durchweg unempfindlich schien, war – wen sollte es wundern – Rin. Am Tag nach seinem wenig ruhmreichen Ausbruch im Onsen, hatte sie in einer Arbeitspause direkt seinen Weg gekreuzt und auch wenn er sich nach einer anfänglichen Höflichkeit in distanzierter Kälte geübt hatte, war sie nicht gewichen. So wie er beim Fürsten nicht wusste, wie der es aushielt, wenn Jaken wieder pausenlos irgendeinen Unfug von sich gab, rätselte er bei Rin noch darüber, ob sie gegenüber diesen deutlichen Abweisungen einfach unempfänglich war oder sie mit einer solchen Ignoranz überging, dass selbst er vor Neid erblassen müsste. Zu seiner eigenen Beruhigung hatte sich Minoru mittlerweile einfach dafür entschieden, dass Ersteres zutreffend war – und den Gedanken dann radikal aus seinem Kopf verbannt. Wenn das nur mit allen anderen auch so einfach wäre! Oh, ihr aller Fürst gab sich größte Mühe, ihm dabei zu helfen, ganz wie er es versprochen hatte: Er ertränkte seinen einzigen Sohn in einem solchen Berg aus Arbeit, dass Minoru bejubeln musste, innerhalb von nun schon fünf Tagen zumindest einmal einen flüchtigen Blick in den Garten geworfen zu haben. Der sah aber immer noch so trostlos aus wie zuvor und er hatte sich in den Kopf gesetzt, diese verfluchte Arbeit klaglos zu beenden – auch wenn er so langsam das Gefühl bekam, dass diese Aktenberge nur auf einen armen Welpen gewartet hatten, dem man Beschäftigung zuschieben musste.
Es war unglaublich was für ein immenser Haufen an Unterlagen selbst bei einer so kleinen Population wie den Inuyōkai anfallen konnte. Andererseits, wenn man jedweden langweiligen Schwachsinn zu Papier brachte, kam auch bei wenigen Personen ein erstaunlicher Berg wenig sinnreicher Fakten zusammen. Die Schriftrollen waren zu großen Teilen ungeöffnet und zentimeterdick von Staub überlagert gewesen, als er sie aus den Regalen gewuchtet hatte – der erleichternde Hinweis, dass es sich dabei nicht um die Meldungen der letzten zwei Wochen handeln konnte. Wenn er den Inhalt so im Überblick betrachtete, wusste er auch nur zu gut, warum man die Unterlagen so lieb- und interesselos umgehend ins Regal verbannt hatte. Die Stunden, in denen er seiner Mutter ein und dasselbe Gedicht immer wieder hatte vortragen müssen, waren ebenso abwechslungsreich gewesen wie diese Briefe. Verschnörkelte Bitten und Berichte, die an ihrer Trockenheit Tōtōsais Heimat den Rang abliefen.
Im Jahre x wurden y Felder bestellt, von denen eine scheinbar beliebige Menge Reis/ Weizen/ Gurken/ Rüben/ irgendein anderes Gemüse gewonnen worden war. Der Tribut an das hohe Haus betrug einen ebenso wenig logischen Wert und nicht nur einmal grübelte Minoru, ob der jeweilige Untergebene einfach so lange seinen Abakus in die Luft warf, bis er einigermaßen glaubwürdige Zahlen lieferte, die sein gewitzter Besitzer dann niederschrieb. Was zur Unterwelt sollten sie mit so viel Grünzeug anfangen? Interessanter waren die Berichte über die Truppenstärken, die er irgendwann auf einen völlig anderen Haufen geworfen hatte, auch wenn sie zum selben Absender gehörten. Irgendein Mann hatte einen weiteren Sohn gezeugt, irgendeine kleinere Gruppe eine Auseinandersetzung mit angreifenden Fledermausdämonen „ehrenhaft und siegreich“ bestritten. Nicht einer dieser hohen Herren hatte sich dazu herabgelassen, dem Leser seines staubigen Blattes auch nur eine spannende Szene in den vielen Kämpfen zu schildern, die stattgefunden hatte. Militärisches Stakkato. Ort, Zeit, Gegner, Verluste und Sieg. Über eine Niederlage wollte ganz offensichtlich niemand mehr Tusche verschwenden als nötig und wer ganz kreativ sein wollte, übte sich darin, ein verstecktes Lob an irgendeinen seiner Leute in den Bericht zu zaubern. Minoru wäre es mittlerweile lieber gewesen, die Verfasser dieser Briefe hätten auch nur einen einzigen Moment in ihrem langen Leben darauf verwendet, daran zu denken, dass am anderen Ende der Kette jemand saß und diesen ganzen Kram lesen musste.
Der Duft frisch gekochter Mahlzeiten drang durch die Gänge wie ein Strom, der nach langer Dürre seine wiedergewonnenen Wassermassen durch das Flussbett jagte. Es war kaum möglich die Küche zu verfehlen, auch wenn sie gut versteckt und abseits der größeren Gänge in den Kellergewölben lag. Dummerweise war dadurch nicht nur er in der Lage, dieser Witterung zu folgen und noch bevor er die Schiebetür auch nur berührt hatte, überflutete ihn der Geruch anderer Inuyōkai, der sich zuvor unter dem der Küche versteckt hatte. Er wollte umdrehen, später ungestört etwas essen, aber im selben Moment wurde die Tür bereits geöffnet und die fliederfarbenen Augen eines überraschten Mädchens nahmen die Größe kreisrunder Walnüsse an. Sofort senkte sie den Blick und neigte hastig den Kopf so tief, dass sie beinahe an seine Brust stieß.
„Entschuldigt bitte vielmals!“, gab sie immer noch verschreckt von sich und rührte sich nicht mehr, was nur dazu führte, dass sie ihm in der Tür im Weg stand.
„Ja ja“, meinte Minoru leise und schob sich wenig herrschaftlich an ihr vorbei in den Raum. Myōga hatte ihn oft genug ermahnt, solchen Respektausbrüchen seiner Umwelt zumindest zu dieser Zeit noch auf irgendeine Weise Aufmerksamkeit zu schenken. Das sollte genug sein. Erst vor zwei Tagen hatte er herausgefunden, dass der Taishō bereits vor seiner Abreise nach Norden jede Seele im Palast angewiesen hatte, bei seiner Rückkehr möglichst in einen Zustand der Unsichtbarkeit zu verfallen. Das hatte immerhin sein wenig erfreutes Verhalten gegenüber dem schwarzhaarigen Begrüßungskomitee erklärt – wenngleich die Gute tatsächlich nur ihrer Arbeit als helfende Hand hatte nachgehen wollen. Gleich am Morgen nach ihrer gemeinsamen Ankunft war ihnen zusätzlich wärmstens empfohlen worden, Minorus Wege nicht unnötig zu kreuzen – mit einigen wohl kalkulierten Drohungen, wenn er dem Geplapper des Kappas glauben durfte. Und auch wenn Sesshōmaru kleine Zwischenfälle wie nun in der Küche damit nicht unterbinden konnte, hatte er Minoru mit diesem zuträglichen Handeln wahrlich eine Menge Unannehmlichkeiten vom Hals gehalten. Und auch wenn das respektvolle Niederblicken und Verbeugen in den ersten Tagen befremdlich gewesen war, so empfand er es nun zumindest in der Hinsicht als angenehm, dass es schlicht einfacher war, an ihnen vorbeizugehen, ohne ihre Augen auf sich zu spüren als tasteten sie ihn ab. Das Mädchen erhob sich allerdings wieder, als Minoru in der Küche war, schloss die Tür, blieb jedoch mit ein wenig betretener Miene im Raum.
Die Küche war nicht sonderlich groß, was vermutlich darin begründet lag, dass erwachsene Yōkai auf so etwas störendes wie Essen großteils verzichten konnten und die junge Generation allerorts einen vernichtend geringen Anteil der Bevölkerung ausmachte. Ein langer Tisch durchstreckte beinahe den ganzen Raum und war mit einigen Zutaten belegt, darüber hing ein Holzgestell von der Decke, an dem einige Töpfe, Pfannen und Kochbesteck befestigt waren. Eine Regalwand beinhaltete Geschirr und die lange Wandseite, parallel zum Tisch, war mit Öfen und Waschbecken bestückt. Im Gegensatz zu den übrigen Räumen, die Minoru gesehen hatte, besaß dieser einen Steinboden aus großen, aber naturbelassenen Platten und lag unterhalb einer Treppe im Mauerwerk des Palastes. Dünne Wände aus Papier wären hier, wo Feuer und Wärme vorherrschten, sicher auch nicht die beste Idee gewesen.
„Soll ich Euch eine Mahlzeit bereiten?“, fragte das Mädchen fast scheu, während Minoru sich eine der weißen Schalen aus dem Regal nahm. Er wandte sich zu ihr um und zog eine Braue empor. Reis und Gemüse waren längst fertig und standen verloren und auskühlend neben dem Ofen in dem leise ein Feuer knackte. Dachte sie tatsächlich, er sei nicht in der Lage, eine Schüssel mit fertigem Essen zu füllen? Abermals blickte sie nieder und ihr haselnussbraunes Haar fiel ihr bei der ruckartigen Bewegung über die Schulter nach vorn. Im selben Moment stoben zwei Jungen mit entsetzlichem Lärm aus einer Seitentür, polterten sich jagend durch die gesamte Küche, fegten unter dem Tisch hindurch und darüber hinweg. Einer der beiden knallte Minoru ungebremst vor die Schienbeine, fiel und raffte sich stolpernd wieder auf, während der andere bereits auf seinen Rücken sprang. Gemeinsam rollten sie schreiend und knurrend über den Steinboden, stießen eine Vorratsvase voller Reiskörner um, die sich in einem regengleichen Rasseln auf dem Küchenboden verteilten und die Kinder ins Rutschen brachten. Der Eine schepperte unglücklich gegen einen Wassereimer, der sich in einem schwappenden Geräusch über ihm entleerte, während der Andere mit dem Kopf gegen die Regalwand schlug, die ihren Inhalt nur allzu bereitwillig zu den Reiskörnern auf den Boden werfen wollte. Minoru legte eine Hand an das oberste Regalbrett, das auch er ohne Schwierigkeiten erreichen konnte und fing einen fliegenden Teller mit der anderen auf.
Das Mädchen erstickte währenddessen beinahe an der eigens eingeatmeten Luft und starrte das Chaos an, das die beiden Jungen angerichtet hatten. Sie konnten kaum älter als sieben sein und während der Brünette der beiden neben dem Mädchen seinen Kopf rieb, starrte der Schwarzhaarige zu Minoru auf, als sehe er einen Geist, während ihm ein rotes, dünnes Rinnsal über die Wange lief.
„Du blutest“, gab Minoru das Offensichtliche kund und ließ das Regal los, als es das Schwingen eingestellt und sich eine gespenstige Stille in der Küche ausgebreitet hatte. Der Junge kroch rückwärts vor ihm weg und brachte kein einziges Wort hervor, während Minoru den Blick durch die im Chaos versinkende Küche schweifen ließ. Das sollte seine Mutter einmal sehen: Unordnung und Aktendesaster am westlichen Hof. Er konnte sich ein Grinsen beim besten Willen nicht verkneifen. In seinen Augenwinkeln ließ sich das Mädchen auf die Knie fallen und presste die Stirn an den Boden. „Ich weiß, wir sind Eurer Nachsicht nicht würdig, junger Herr. Es wird nie wieder vorkommen und wir werden diese Unordnung auf der Stelle beseitigen! Ich sorge dafür, dass die beiden eine angemessene Strafe erhalten!“
Minoru wandte seine Aufmerksamkeit den beiden Jungen zu und sah sie einen Moment nachdenklich an. Dann schüttelte er besinnend den Kopf. „Na los, ab mit euch – und prügelt euch in Zukunft gefälligst draußen, bevor hier alles zu Bruch geht.“ Das ließen sich die Jungen nicht zweimal sagen und binnen weniger Sekundenbruchteile waren sie verschwunden, als habe ein vernichtender Orkan in der Küche gehaust und nicht zwei ausgelassene Welpen. Das junge Mädchen hingegen vergaß diesmal sogar zu Boden zu sehen, während sie Minoru anstarrte. Sie konnte kaum älter sein als er. Eher ein paar Jahre jünger.
„Minoru-sama, die Jungen... es tut mir so leid. Sie dürften gar nicht hier sein... ich...“
„Welche Jungen?“, fragte er scheinheilig und füllte sich ein wenig Reis in die zum Glück unversehrte Schale. Ihre eigentümlich zart fliederfarbenen Augen nahmen wieder eine erstaunliche Größe an, dann aber verbeugte sie sich abermals - tief und dankbar. Minoru lehnte sich mit dem Rücken an das Waschbecken und sah sie einen Moment still an, bevor er ein paar Stäbchen aus einem Holzgefäß nahm und zu Essen begann.
Sollten sie sich doch balgen. Er war der Allerletzte, der es den Kindern nachtragen würde, wenn sie in diesem öden, einpferchenden Palast nach Abwechslung suchten. Hauptsache sie unternahmen Derartiges demnächst in einem Raum, der nicht mit zerbrechlichen Dingen vollgestopft war – und sein Essen beinhaltete.
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Natürlich ging es hier vorrangig ums Essen. Möchte das etwa jemand bezweifeln?
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