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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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06.12.2015 4.184
 
Was bisher geschah ...
Takeru sucht Minoru auf, der sich allein in den Bergen verschanzt hat und überredet ihn, mit dem Fürsten in den Westen zu gehen. Minoru nimmt das Armband ab und bleibt zunächst auf der abendlichen Feier der Wölfe, wo er sich mit Nobu unterhält, bevor er dem Taishō seine Entscheidung mitteilt.

   ҉
Minoru drehte den Rücken zum Wind und ging letztlich doch einen Meter weiter in den Schutz der Höhle zurück. Takeru lehnte hinter ihm an der Wand, seine Fellschärpe wurde auch noch im größtmöglichen Windschatten von stürmischen Böen durchstrichen. Er wirkte gefasst und immer noch müde. Seine Anwesenheit auf der Feier hatte deutlich länger angehalten als Minorus, der in einem Anflug von Weisheit früh die Felle im Höhleninnern aufgesucht hatte, als eine gewisse Ruhe unter den Feiernden eingekehrt war. Nobu, der wie so oft nicht im Mindesten hatte durchschimmern lassen, dass in seinem Innern auch ein gefährlicher und unbarmherziger Kriegsherr schlummerte, hatte sich angeregt mit Ayame über ihren Großvater unterhalten, der vor Kōga das Rudel geführt hatte. Währenddessen waren Yumiko und Takeru damit beschäftigt gewesen, sich gegenseitig zu necken – und keiner von beiden hatte sich daran gestört, dass dies höchst ungebührlich war. Aber hier schienen die Verhältnisse trotz anwesender Fürsten entspannt zu sein. Takeru hatte recht: Es war kein Vergleich zum Westen, dessen personifizierte Etikette wohl Minorus Mutter darstellte. War es wirklich das, was er wollte? In den Westen? Die Zweifel hatten ihn den ganzen Abend über nicht losgelassen, bis er irgendwann zu dem Entschluss gekommen war, dass er sie sich nicht leisten konnte. Hatte Nobu nicht zuvor noch gesagt, wie erwachsen er wirke? Wie wenig erwachsen war es denn, eine getroffene Entscheidung immer wieder erneut zu hinterfragen?
Am Vorabend noch zum Fürsten zu gehen, war die einzig richtige Entscheidung gewesen. Zum einen, weil ihm eine Antwort, wie Nobu es schon gesagt hatte, aus Respekt zustand und zum anderen, weil Minoru es für klüger gehalten hatte, sich selbst der Möglichkeit zu berauben, im letzten Moment einen Rückzieher zu machen. Sesshōmaru hatte seine Antwort beinahe klanglos hingenommen und weder Abneigung noch Zufriedenheit gezeigt.
Pünktlich zur Abreise hatte kurz vor Sonnenaufgang der Wind aufgefrischt und der seit zwei Tagen verirrte Regen war zurückgekehrt. Hier oben im Norden vermischte er sich nun in der späten Kältewelle erneut mit einer geringen Wehe von Schnee, die sich unter die Regentropfen stahl. Schneeregen war eine widerliche Sache, nichts Halbes und nichts Ganzes, aber irgendwie passte er zur Stimmung. Dennoch, die kühlen Winde berührten Minoru längst nicht mehr so wie noch vor wenigen Stunden, als der sonst allgegenwärtige, verräterische Schmuck noch an seinem Handgelenk gesessen hatte; einem lästigen Parasiten gleich, der ihn all die Jahre unbemerkt beschwert hatte wie ein Gewicht an einem Angelhaken. Sinken und immer weiter sinken, bis zum Grund. Zum Punkt ohne Wiederkehr, hinein ins Maul und nimmer zurück. Unweigerlich wäre er so geendet, hätte er sich weiterhin darauf verlassen, mit dem Alter wehrhafter zu werden. Nach allem, was Nobu ihm zur Fuchskoralle erläutert hatte, hätte das Armband auch dies unterdrückt.
Sein Haar fiel ihm in einem neuen, sorgsam geflochtenen Zopf über den Rücken und reichte ihm mittlerweile beinahe bis zur Mitte seines Rückens. Er hatte es zu Beginn seiner Reise noch kurzgehalten, aus Sorge langes Haar könnte ihm langes, unbändiges Fell bescheren, das bald nur so vor Kletten gestrotzt hätte. Aber dies erwies sich als durchweg unsinnig. Sein Fell blieb stets wie es war: Mittellang, dicht und weiß wie gefallener Schnee – zumindest unter den Grasflecken und anderem Dreck.
So gut der Taishō auch seine sofortige Reaktion auf erdrückende Zwänge erahnt hatte, so wenig glaubte Minoru doch, dass er auch nur den Hauch einer Ahnung besaß, wie viel Überwindung es ihn nun gekostet hatte, die ausgestreckte Hand zu greifen. Indem er sie durch seine Zusage metaphorisch genommen hatte, legte er alle Gewalt in die Hände eines Mannes, den er noch weniger kannte als Nobu oder sogar Kōga; eines Mannes, der mit wenigen Wortwechseln und wenigen Taten einen vertraulichen Funken in ihm erwecken konnte, das ja. Aber was er hierfür brauchte war nicht etwa ein Funken, sondern Vertrauen in der Größenordnung eines infernalen Waldbrandes. Diese Distanz musste Minoru mit Blauäugigkeit und Hoffnung füllen – etwas, das ihm ungemein widersagte. Die Tatsache, dass der Fürst ihn seinen Erben nannte, versetzte Sesshōmaru – wenn es die Beziehung überhaupt beeinflusste – in eine eher prekäre Lage, war Minoru doch bisher von allen, die ihn als solchen ansahen, hintergangen und enttäuscht worden. Mit Nobu zu gehen wäre ihm ohne Frage leichter gefallen, aber wenn stimmte, was der Taishō sagte und seine Mutter ihn tatsächlich unterschlagen hatte, war er trotz aller tiefsten Ängste davon überzeugt, dass dies ein richtiger Weg sein konnte. Er wollte unter keinen Umständen seiner Mutter in die Hände spielen. Nicht nach alledem, was sie getan hatte und ganz bestimmt nicht nach dem neusten Verdacht gegen sie.
„Willst du wirklich bei dem Wetter abreisen?“, murrte Takeru schließlich doch und sah hinaus.
„Es bin nicht ich, der das entscheidet“, gab Minoru zurück und warf dennoch einen skeptischen Blick hinauf zwischen die grauen Wolken. Auch A-Un, den er am Vorabend noch bei seinem Herrn gesehen hatte, würde schwerlich fliegen können.
„Warum muss es vor solchen Reisen auch immer regnen?“ Takeru schloss zu ihm auf und sah neben ihm hinaus. Minoru konnte sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. Auch als er mit Takeru aufgebrochen war, um ihn nach Hause zu begleiten, hatte es geschüttet. „Es hat seitdem einfach nie aufgehört. Aber das ist eben die Jahreszeit. Aufregen bringt nichts.“
Takeru brummte unzufrieden und seufzte schließlich doch nur. „Nobu will bald wieder nach Hokkaidō reisen.“
Minoru warf ihm einen erstaunten Blick zu, bevor er wieder hinaus in den Regen sah. „Yumiko?“
„Sie bleibt bei mir“, ein Lächeln schlich sich auf die Lippen des jungen Wolfs. „Im Sommer werden wir dann selbst ein paar Monate auf Hokkaidō verbringen. Sie war noch nie von Zuhause weg, schon gar nicht ohne ihren Vater. Außerdem meint Nobu, dass während des Frühlings niemand mehr auf die Idee kommen wird, uns anzugreifen. Dass sie hierbleibt, ist also sicher.“
„Aber er lässt ihr Seijaku hier“, riet Minoru ins Blaue und Takeru knirschte zur Antwort mit den Zähnen. Natürlich ließ er seine Tochter nicht unbeaufsichtigt. Armer Takeru. Seine traute Zweisamkeit mit Yumiko musste offensichtlich doch warten, bis er Nobu etwas Handfestes gab.
Nach einer Weile betretenen Schweigens reichte Takeru ihm ein kleines Paket, kaum größer als seine Handfläche. Minoru schlug den Stoff zur Seite und hielt inne, als er die erschreckend bekannten, roten Steine sah, die fein säuberlich auf eine dünne Kette aufgefädelt worden waren. Jeder einzelne war von seinem Nachbarn durch einen schwarzen, schimmernden Stein getrennt. Es war wunderschön; wie eine schillernde, tödliche Schlange, verborgen unter schützendem Laub.
„Du willst mich auf den Arm nehmen, nicht wahr?“, fragte Minoru bissig. „Du hast sie eingesammelt?“
„Nicht ich. Yumiko“, antwortete er leichthin. „Sie hat sie letzte Nacht noch aufgefädelt. Nobu-sama sagte, sie wirken nur auf der Haut und vielleicht kannst du sie trotz allem nochmal brauchen.“
Minoru starrte die Steine an, als ginge von ihnen eine üble Krankheit aus. „Warum sollte ich?“
Takeru stöhnte entnervt, wickelte das Päckchen wieder ein und stopfte es ihm ungefragt in seinen Ärmel. „Dafür solltest du deinen Kopf schon selbst anstrengen. So seltene Hilfsmittel wirft man nicht einfach weg, weil sie bisher missbraucht worden sind.“
Minoru sah ihn einen Moment an, bevor er zumindest vor sich selbst zugeben musste, dass darin ein Funken Wahrheit steckte. Er beließ das Päckchen im Ärmel, wo es in einer doppelt genähten Falte immerhin nicht störte.
Nobu hatte sich bereits auf der Feier von ihm verabschiedet. Spontane Abschiede lägen ihm eher, hatte er gemeint und ihn ohne jegliche Berührungsängste an sich gedrückt. Vielleicht war das einer dieser europäischen Bräuche, von denen er gesprochen hatte – oder einfach nur Nobu.
Yumiko hingegen hatte sich erstaunlich steif vor ihm verbeugt und begonnen, ihn mit höher gestellten Titeln anzusprechen. Spätestens das hatte Minoru zur Nachtruhe getrieben. Es war unheimlich und er hoffte, dass er sich je daran gewöhnen würde.
Der bekannte Geruch von krautigem Waldsee drang ihm in die Nase und Minoru richtete augenblicklich seine Aufmerksamkeit auf die nahende Gruppe. Auch Takeru hatte es wahrgenommen und warf Minoru einen scheuen Seitenblick zu, als begreife er erst jetzt, dass sich die Wege für eine lange Zeit trennen könnten. „Minoru...“
Der Inuyōkai sah ihn überrascht an und lächelte dann doch nur. „Ich werde schon irgendwie zurechtkommen.“
„Du kannst jederzeit ohne Grund zurückkommen, denk daran... pass' auf dich auf“, brachte Takeru gerade noch hervor, als der Fürst in den Eingang trat und er verstummend den Boden betrachtete. Jaken trippelte hinter seinem Herrn her und warf Minoru einen abschätzenden Blick zu, den dieser so vernichtend quittierte, dass der Kappa zurückschreckte.
Ja, zumindest ihn würde er zu händeln wissen. Noch ein falsches Wort aus dem Maul dieser wandelnden Kaulquappe und er würde sich nie wieder trauen, in seiner Nähe auch nur zu piepen.
Der Fürst hatte sich bereits abgewandt und nahm denselben Pfad, den sie vor gut einer Woche hinaufgekommen waren. Minoru warf seinem Freund ein letztes Lächeln zu, dann ließ er in einer fließenden Bewegung den humanen Körper verblassen und folgte dem Herrn des Westens mit langen Sprüngen. Takeru sah ihm mit gemischten Gefühlen nach und hoffte inständig, dass er ihm zur richtigen Entscheidung geraten hatte. Der Westen war vermutlich nicht bereit für jemanden wie ihn.

„Wenn das Wetter uns doch nur wohlgesonnener gewesen wäre. Die Reise nach Norden hat nicht einmal einen ganzen Tag gedauert und nun schon zwei! Im dauernden Regen! Ich werde zu alt für so etwas! Mein Herr, können wir nicht rasten? Ich bitte Euch. Rin kann auch noch einen Tag warten!“
Minoru verdrehte genervt die Augen und ging freiwillig, mit einigen längeren Schritten, näher an den Inu no Taishō heran. Seit geschlagenen zwei Tagen hoffte er nun darauf, dass dieser Mann seiner kleinen Kröte zumindest annähernd den Mund verbat, aber er tat nichts dergleichen. Minoru hatte nicht einmal einen tiefer begründeten Verdacht, wie der Taishō dieses elendige Gejaule so kommentarlos ignorieren konnte – es sei denn, er war tatsächlich taub.
Auf halbem Weg durch den Norden hatte das Wetter noch einmal eine kleine Aufmerksamkeit bereitgehalten und es schüttete seitdem dermaßen, dass sogar dem Fürsten selbst die weißen Haare wie geölt am Körper klebten. Zu Anfang hatte Minoru noch versucht, das Fell ab und an aufzuschütteln, um zumindest etwas beschwerendes Wasser von sich zu werfen, aber das war von mäßigem Erfolg gekrönt gewesen. Mittlerweile hatte er dieses sinnlose Unterfangen aufgegeben und stapfte auf zwei Beinen verdrießlich durch die Pfützen hindurch, die sein Vater ohne jegliche Mühe beiläufig umging. Nicht nur einmal hatte Jaken in der Zeit das Summen angefangen, was stets kurz darauf in einem Gesang endete, der Minoru irgendwann sicher über den Rand seiner Belastungsgrenze treiben würde. Mittlerweile spielte der Junge ernsthaft mit dem Gedanken, einen Kappa in einer Pfütze zu ertränken – oder zumindest zu testen, ob diese Option für schlimmere Zeiten Zukunft hatte.
Nach allem, was dieser Lurch bisher von sich gegeben hatte, waren sie noch vor Mitternacht am Schloss. Minoru wurde jedoch das Gefühl nicht los, dass der Taishō den Marsch hin und wieder verlangsamt hatte, um ihre Ankunft hinauszuzögern. Er legte offensichtlich Wert darauf, im Schutz der Nacht einzutreffen.
Als Jaken schließlich ein weiteres Mal zu ihnen aufschloss und das Singen begann, steckte Minoru die Hände tief in die durchnässten Ärmel des dunkelgrünen Yukata und stapfte beiläufig in eine Kuhle, sodass die Hälfte der dickflüssigen Ansammlung von Wasser und Schlamm dem Kappa über den Körper schwappte. Er blieb entrüstet stehen und starrte diesem dreisten Köter nach, der so tat, als habe er davon rein gar nichts bemerkt. Als Jaken daraufhin in eine erneute Schimpftirade verfiel, sah der Fürst zum ersten Mal seit Tagen durchaus offen zu Minoru, der immer noch in einigen Meter Abstand zu ihm ging und die Schultern etwas zusammengezogen hatte. Minoru fing seinen Blick mit einer gewissen Überraschung auf. Seit ihrer Abreise hatte Sesshōmaru oft gewirkt, als sei er mit seinen Gedanken abgedriftet, auch wenn Minoru ihm nur hin und wieder einen abschätzenden Blick zugeworfen hatte. Keiner von ihnen hatte mehr gesagt als nötig und das war ihm zunächst auch nur recht gewesen. Er sprach nicht gern mit fremden Personen und letztlich war der Fürst nichts anderes. Im Gegensatz zu vielen anderen schien dieser Mann auch kein Interesse daran zu haben, mit ihm zu sprechen. Weder stellte er Fragen noch erhob er von sich aus das Wort – und er schien es auch von Minoru nicht zu erwarten. So sehr dieser die Stille auch guthieß, so seltsam war es doch, sie von jemand anderem ausgehen zu sehen. Im Vergleich zum Fürsten, der offensichtlich tief in sich ruhte, fühlte er sich ungewohnt unruhig und wenig beständig – und langsam wurde dieses Schweigen selbst für ihn bedrückend. Er erwischte sich ernsthaft bei der Frage, ob er ihn mit irgendetwas verärgert haben konnte und schüttelte besinnend den Kopf, dass sein Zopf flog und ihm nass gegen den Hals klatschte. Unsicherheit war scheußlich und er hatte keinen Grund zu einer solchen Annahme.
Als das spärliche Licht des abnehmenden Mondes schließlich in der sonst finsteren Nacht auf die steilen Mauern des Anwesens fiel, hielt Minoru in einem Anflug von Schock inne. Ein wenig benebelt machte er einen Ausfallschritt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und starrte ungläubig auf den Ort, in dem er wohnen sollte. Er hatte mit Vielem gerechnet, aber niemals mit einer Festung solchen Ausmaßes.
Um den äußeren Steinwall, der ohne Schwierigkeiten die Größe einer ausgewachsenen Fichte übertraf, legte sich breit und ruhig ein Wassergraben, der Sotobori, dessen Oberfläche das Mondlicht beinahe zu verschlucken schien. Er wurde von einer leicht gebogenen Holzbrücke überspannt, die zu einem ersten, erschreckend großen Tor führte, das im gleichen Rotton glänzte wie die Balustrade der Brücke selbst. Von der eigentlichen Stadt dahinter war durch die hohen Mauern kaum etwas zu sehen. Lediglich die Wachtürme ragten an den Ecken des Steinwalls empor und reckten sich finster wie aufbäumende Riesen in den sternbedeckten Nachthimmel. Über allem wachte der mindestens vierstöckige Hauptturm, der Tenshu, der am besten gesicherte Teil des Schlosses, der die Stadt unter sich zu erdrücken schien – ebenso wie Minorus letztes Bisschen Hoffnung aus dieser Sache heil herauszukommen. Allein die Vorstellung darin eingesperrt zu sein, war weitaus beängstigender als der Fürst es in seinen kühnsten Phantasien hätte sein können.
„Angst?“, fragte dieser trocken, als er bemerkte, dass der Junge nicht mehr folgte und auch Jaken schon ein wenig sorgenvoll zu ihm aufsah.
Minoru hob den Blick und starrte ihn an. Seine Linke verkrampfte um das gegenüberliegende Handgelenk, nur um festzustellen, dass das Armband, an dem er in so einer Situation längst herumgespielt hätte, nicht mehr an seiner Stelle war. Er schluckte und wandte sich für einen Moment ab.
„Es sind nur Steine, junger Herr“, mischte sich Jaken plötzlich erstaunlich nachsichtig ein. „Stein und Holz – und viel weniger Bewohner, als es von außen scheint. Sorgt Euch nicht. Immerhin hat Sesshōmaru-sama dafür gesorgt, dass die neugierigen Blicke Euch zunächst nicht treffen werden. Sonst wären wir sicher schon vor Sonnenuntergang hier gewesen.“
Als der Taishō sich ob dieser deutlichen Enthüllung seiner stillen Vorhaben einen Moment kaum hörbar räusperte, hatte sich der Kappa bereits zu Boden geworfen und entschuldigte sich überschwänglich für seine Plauderei – wobei er sich nur noch tiefer ins Schlamassel ritt. Minoru sah ein wenig unsicher zum Herrn dieser gewaltigen Anlage auf, die sich in erstaunlicher Feinheit in die ansteigende Landschaft zu schmiegen schien.
„Die meisten schlafen“, sagte dieser in einem erstaunlich beruhigenden Ton. „Niemand wird dich unnötig behelligen. Komm.“
Bevor er sich aus der verspannten Haltung lösen konnte, bedurfte es einiger Sekunden. Immer wieder hoffte er insgeheim, dass sich dieses Monstrum aus Stein vor ihm in Luft auflösen und sich als weitere Illusion herausstellen würde, aber je näher sie herankamen, desto sicherer schien die unabwendbare Tatsache, dass Stein und Holz die blanke Wahrheit darstellten.
Auch aus der Nähe war das Wasser im Sotobori beinahe schwarz und wirkte so unendlich tief wie der Nachthimmel selbst, dessen Sterne wie verwaschene Glühwürmchen auf der Oberfläche tanzten, wo der Regen die Ruhe austrieb. Minoru ging mit einem solchen Unwohlsein über die Brücke, deren Boden aus dunklem Holz gefertigt worden war, als fürchte er, dass sie jeden Moment in sich zusammenfiel wie ein alter, gebrechlicher Mann, der unter stöhnenden Ächzen seiner schweren Last nachgibt. Ja, er hatte Angst. Mehr als er je erwartet hatte. So nah an den Mauern der Burg wirkte alles bedrohlich; sogar der leere Vorplatz des Haupttores. Ein steinernes Ungeheuer, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Minoru gab sich zwar die größte Mühe, diese Eindrücke auf subtile Art zu verarbeiten und auch seine Gefühlswelt genauso wenig auszuleben, ganz wie er es sonst tat, aber er machte sich nichts vor: Unter diesen Umständen hätte jeder sehen können, dass er sich ganz und gar nicht wohl fühlte.
Jaken blieb erstaunlich ruhig und in seiner Nähe. Immer wieder bedachte er den Jungen mit kurzen Seitenblicken und konnte nur erahnen, was hinter den nervösen, goldenen Augen vor sich ging.
Ohne Vorwarnung setzte sich die Flügeltür des rot lackierten Holztores in Bewegung und öffnete sich unter Schaben und Knarzen nur wenige Meter weit. Während der Taishō durch den Torbogen trat ohne den Schritt auch nur für einen Moment zu verlangsamen, trottete selbst A-Un ein wenig beschwingt, ganz offensichtlich in einem gewissen Ausmaß von Zufriedenheit, an Minoru vorbei in die Burg hinein. Der sah ihm unergründlich nach. Konnte man ein und denselben Ort tatsächlich so unterschiedlich wahrnehmen?
Zögernden Schrittes passierte Minoru schließlich auch selbst den Punkt ohne Wiederkehr – und fuhr zusammen, als die schweren Türen hinter ihm wieder zuschlugen; dem scharfen, endgültigen Gebiss eines Raubtieres erschreckend ähnlich. Um ihn herum nur Mauern, Pflastersteine, Gebäudefassaden. Mit einem Mal fühlte er sich so zusammengepfercht wie in dem Unterboden, in dem er nur allzu oft hatte verweilen müssen. Die nassen Wände schienen sich über ihn zu beugen, als seien sie darauf aus, eine junge Seele unter sich zu begraben. Als er seinen Namen hörte, starrte Minoru einen Moment orientierungslos nach vorn. Dann folgte er zügig, beinahe hastig, dem weißen Kimono vor sich, als strebe er, einer Motte gleich, zum einzigen Lichtpunkt, der sich zwischen all dem grauen Stein bewegte.
Wie sie schließlich zum Honmaru, dem innersten und am besten geschützten Wehrkreis der Anlage, gelangt waren, konnte Minoru nicht mehr zurückverfolgen. Seine gesamte Konzentration war daran erschöpft, so wenig wie möglich aufzunehmen, das ihn noch mehr verunsichern konnte und dem Fürsten zu folgen, ohne seinen Individualabstand dabei gleich drastisch zu unterschreiten. Der Tenshu ragte drohend über ihnen, während sie in seinem Windschatten im immer noch prasselnden Regen einen Weg zum Goten, dem herrschaftlichen Palast, bahnten. Verglichen mit dem Tenshu wirkte der Goten beinahe winzig. Drei Stufen einer sehr breiten Treppe führten auf den aufwendigen Eingang mit überbautem Dach zu, der nach einigen von Säulen getragenen, freien Metern in ein zweistöckiges und rechteckig-flaches Gebäude führte, das das eigentliche, von verschiedenen Bäumen gesäumte Palastgebäude darstellte. Ein elegantes Haus, dessen Schiebetüren vor dem Wetter mit schweren Holzpalisaden verbarrikadiert worden waren. Es wirkte längst nicht so bedrohlich wie die steinernen Mauern und Wachtürme der übrigen Burg. Währenddessen Minoru dem Hausherren in den noch beleuchteten Palast folgte, führte Jaken A-Un eigentümlich wortlos in einen nahegelegenen Komplex.
Nachdem Sesshōmaru die Tür geschlossen hatte, wurde es im Innern nahezu schlagartig warm. Während der Fußboden in diesem Eingangsbereich zunächst noch dieselben, präzisen Steinquadrate zeigte, die auch den Vorplatz bedeckten, erhob sich am Raumende mit wenigen, aber sehr breiten Stufen eine kleine, mit Tatami-Matten bedeckte Empore. Zuhause bei seinen Eltern war dies selbst in ihrer kleinen Hütte ähnlich aufgebaut gewesen, um eine Grenze zwischen Wohn- und Außenwelt zu schaffen. Wenn Minoru nun allerdings die Schlammwüste an seiner Kleidung betrachtete, würde er den Wohnbereich kaum betreten können, ohne diese Grenze vollends zu vernichten. Immerhin waren seine Füße durch den ständigen Regen verhältnismäßig sauber.
Eine plötzliche Bewegung in seinen Augenwinkeln ließ ihn zusammenfahren, bevor er einen weiteren Gedanken daran verschwenden konnte, was nun zu tun war. Er knurrte instinktiv so bedrohlich, dass die arme Frau, die dienend an die Seite ihres Herrn hatte eilen wollen, sich augenblicklich zu Boden warf und die Stirn auf die Steinplatten presste, als sei es ihr Leben, das von der Nähe zum Erdboden abhing. Verdutzt starrte Minoru sie an, als handle es sich bei ihr um eine gänzlich unbekannte Lebensform, die zu erblicken er sich nie geträumt hatte.
„Ich hasse es, mich zu wiederholen“, sagte der Fürst mit einem Mal so scharf an die Frau gewandt, dass Minoru nur mühevoll dem Drang widerstehen konnte, den Kopf einzuziehen. „Verschwinde.“
Die Schwarzhaarige bedankte sich überschwänglich – wofür auch immer – und lief so schnell zurück in einen kleinen Raum an der Seite, dass an ihrer vorherigen Position eine seltsame Leere entstand, die Minoru immer noch wie gebannt fixierte.
„Minoru.“ Als er wieder aufsah, stand der Fürst bereits an der Tür auf der Empore und sah ihn ein wenig ungeduldig an. „Hör auf zu träumen und komm.“
Er brachte gerade noch ein Nicken zustande, dann lief er dem Fürsten nach, ohne einen weiteren Gedanken an den Dreck zu verschwenden, den er mit Sicherheit in den Palast trug.
Der Gang hinter dem kleinen Eingangsbereich war ungleich größer. Die gesamte rechte Wand war von verbarrikadierten Türen gesäumt, die allesamt hinaus zwischen die Bäume führten, die er bereits von außen bemerkt hatte. Zur Linken gingen unzählige weitere Zimmer ab. Die Deckenpaneele, jeder Stützbalken und Türrahmen war aus hellem Kiefernholz gefertigt, die Zwischenelemente von einem dezent strahlenden Weiß – und der mit Tatami-Matten ausgelegte Gang so breit und lang, dass Takerus gesamtes Rudel von immerhin gut hundert Leuten darin einen sicheren Platz zum Schlafen gefunden hätte.
Was folgte war ein auf den ersten Blick verwirrendes Öffnen und Schließen von Türen, Überqueren von ähnlichen, aber deutlich kleineren Gängen, bis der Taishō schließlich eine Tür aufstieß und zur Ausnahme nicht eintrat.
„Deine Räumlichkeiten“, meinte er schließlich, als der Junge ihn nur still ansah. Minoru warf einen Blick hinein. Ein nahezu quadratischer Raum mit einem kleinen, schwarzen Lacktisch, der sich eng an die Wand schmiegte. Vor Kopf hatte jemand ein Futon ausgerollt und mit einer dunklen Decke überdeckt. Eine kleine Ronin-Leuchte verbreitete durch den gefärbten Schirm ein warmes, gelbes Licht. „Puritanisch – “
„Es ist perfekt“, unterbrach Minoru ihn wenig höflich, brachte aber eine steife Verbeugung über sich. „Vielen Dank.“
„Ich lasse nach dir schicken, sollte es Anlass dazu geben“, erklärte der Fürst recht kühl und musterte ihn streng.
Das klang dann doch ein wenig seltsam in seinen Ohren. Ging es ihm um einen Anlass zum Tadel? Das warf abermals die Frage auf, was er hier nun eigentlich sollte. Er würde ihn doch nicht etwa in diesem Zimmer abstellen wollen und so tun, als sei er gar nicht da? Die Mauern mochten ihn vielleicht einschüchtern, aber auch die konnte man zur Not irgendwie überwinden, wenn es darauf ankam. Vielleicht wäre es an der Stelle jedoch angebrachter, die Fronten gleich zu klären.
„Darf ich Euch etwas fragen?“, setzte er an und sein Gegenüber wirkte auf seltsame Weise deutlich entspannter als zuvor. „Selbstredend.“
„Muss ich auf diesem Zimmer bleiben?“
Sesshōmaru sah ihn für einen Moment schweigend an, bevor er beinahe abschätzig wurde. „Fürchtest du, dass ich dir die Zunge herausreiße? “, hinterfragte er und Minoru musste sich zähneknirschend eingestehen, dass er bei ihm durchaus versuchte, die Worte umsichtig und weniger direkt zu wählen. Aber gut, wenn er das nicht wollte, umso besser. „Wollt Ihr mich einsperren oder darf ich mich frei bewegen?“
„Der Palast sollte für den Anfang genügen“, stellte der Daiyōkai schließlich fest und warf einen scharfen Blick auf den Jungen. „Im Ostflügel hast du jedoch nichts zu suchen.“
Minoru nahm das erst einmal so hin, nickte abermals und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie unwohl er sich wirklich fühlte.
Der Fürst verschränkte die Arme vor der gepanzerten Brust und sah einen Moment auf den Jungen hinab, der seine Grenzen offensichtlich schon recht früh auszutesten suchte – und wie üblich mit dem Schlimmsten zu rechnen schien. Was für ein misstrauisches Kind, das tatsächlich in Erwägung zog, jemand wolle ihn in einem einfachen Palast aus Holz, Papier und Glas einsperren. Aber man musste keine besonders einfühlsame Person sein, um zu bemerken, wie überfordert er immer noch war. Nun, das war nur legitim. Niemand konnte Wunder erwarten, schon gar nicht von einem Kind, das jahrelang allein unter freiem Himmel gelebt hatte. Dies warf allerdings die Hoffnung auf, dass er im Grunde einen sehr selbstständigen Welpen vor sich hatte, der lediglich eine gewisse Orientierungsphase und Ruhe brauchte, um die neuen Ereignisse zu verarbeiten. Wie er jedoch reagieren würde, wenn er sich erst einmal eingelebt hatte, war aber ebenso ein Rätsel wie das unentschuldbare Verhalten seiner Mutter. Er konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen, wie gerade diese so naive, heitere Frau es zustande gebracht hatte, ihn, Sesshōmaru, zu täuschen und diesen Jungen ganz offensichtlich mit ihrem Gebärden aus dem Haus zu treiben. Das klang nicht nach der Inuyōkai, mit der er sich aus purem Pflichtgefühl eingelassen hatte. Hatte Reika sich ihm gegenüber so verstellen können? Ausgeschlossen. Dennoch musste es einen Grund für ihren Sinneswandel geben – und auch wenn er ihr bei einem Treffen mit Sicherheit nicht den Atem für Erklärungen lassen würde, so interessierte ihn dieses Detail dennoch.
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