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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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22.11.2015 5.431
 
Was bisher geschah ...
Takeru entschuldigt sich bei Nobu und dessen Tochter Yumiko, die ihn zu seinem Erstaunen darum bittet, die Verlobung zumindest offiziell nicht zu lösen. Er willigt ein.
Nobu nimmt kurz darauf Minoru zu einer Patroullie mit, die der Dosanko nutzt, um dem Jungen einige Ratschläge mit auf den Weg zu geben.

҉
„Nach rechts! Takeru, rechts!!“
Minoru hechtete mit langen Sprüngen zwischen den Felsen hindurch und hatte das Gefühl als müsse er neben den Steinböcken auch noch den Wolf in die richtige Richtung treiben. War es so schwer, die Sackgasse für sie auf der rechten Seite zu sehen? Diese verdammten, übergroßen Ziegen waren auch ohne Takerus Eigenwillen schwer genug zu erwischen. Sie setzten über die unmöglichsten Abhänge hinweg und stiegen mühelos nahezu rechtwinkelige Hänge empor, an denen Minoru nicht einmal einen Vorsprung ausmachen konnte. Seit zwei Stunden hatten sie sie beobachtet und wie in den ganzen letzten Tagen versuchte Takeru wieder einmal einen dämlichen Alleingang, schwenkte links und versuchte sie an einer Wand zu stellen, die breit genug war, dass die ganze Gruppe auf einmal hinaufspringen konnten, statt die rechts liegende Sackgasse zu nutzen, die zumindest für den direkten Aufstieg aller Tiere zu eng gewesen wäre. Die Zeit hätte man nutzen können, aber nun suchten die Böcke in wenigen Sätzen lediglich das Weite und stoben teils meckernd davon.
Minoru sah ihn wutschnaubend an. „Warum muss ich mit deiner engstirnigen Inkompetenz leben? Sag mir, warum ich mir das seit über eine Woche antue, ohne dir die Ohren abzureißen!“
„Meine Güte, bist du herrisch!“, fauchte Takeru zurück. „Wir hatten sie fast!“
„Es ist Mittag. Träumst du etwa noch? Wir bekommen diese Viecher nie, wenn wir uns nicht auf eine Strategie einigen.“
„Aber warum einigen wir uns immer auf deine?!“
„Weil deine Strategien schwachsinnige Argumente voran schicken und du immer mit meinen Vorschlägen zufrieden bist – bis in deinem Hirn irgendeine deiner Schnapsideen herum spukt!“
Takeru knurrte wütend und Minoru stellte das Fell drohend ab. Ein lautes Klatschen, das mit dem Geräusch brechender Knochen einherging, ließ sie beide verwirrt herumfahren.
„Ihr solltet euch mal selbst hören. Wie die kleinen Kinder. Es ist unglaublich amüsant. Mit der Ausnahme, dass alle Steinböcke im Umkreis von zehn Kilometern euer ach so männliches Herumgezicke deutlich hören können.“ Yumiko sprang über einige Felsen zu ihnen hinunter und blieb neben dem Steinbock stehen, den sie offensichtlich nach seinem Aufstieg überrascht hatte.
„Yumiko!“, Takerus Laune verbesserte sich schlagartig und Minoru verdrehte genervt die Augen. Dass er überhaupt je weggelaufen war, um einer Heirat zu entgehen, war so sinnlos gewesen wie der Versuch, etwas Verständnis für Jagdtaktiken in sein Gehirn zu prügeln. Seine Eltern hatten die Sache einfach falsch angepackt: Im Grunde hätten sie ihn nur eine Woche mit ihr zusammenstecken müssen und er wäre vermutlich von selbst auf die grandiose Idee gekommen, um ihre Hand anzuhalten. Aber nein, erst einmal gegen an und dann dem exotischen Mädchen verfallen, als habe ihn irgendetwas ganz schwer am Kopf getroffen. Minoru hoffte inständig, dass er sich nie verlieben würde. Das war eindeutig schlimmer als Fieber.
Direkt hinter ihr folgte Seijaku, ihr Leibwächter. Der entfernte Verwandte war von Nobu zum Schutz seiner Tochter abkommandiert worden und erfüllte diese Aufgabe schon seit Jahrzehnten mit Bravur. Minoru sagte dieser stille Wächter durchaus zu. Er verlor so gut wie nie auch nur ein Wort und mischte sich nicht in die Gespräche ein, solange Yumiko ihn nicht nach seiner Meinung fragte. Er schien ihr durchaus zugetan, wenn auch auf eine ganz andere Art als es Takeru war.
Yumiko reckte freudig die Rute in die Luft und strahlte, als Takeru sie zu ihrer Jagd beglückwünschte. Sie sah auch Minoru erwartungsvoll an, während er sich setzte und tief seufzend den Kopf abwandte. Von einem Mädchen bei der Jagd übertölpelt. Konnte der Tag noch ätzender werden?
„Gut gemacht“, sagte er schließlich doch und erhob sich wieder. Sie warf ihm einen schelmischen Blick zu und schüttelte ihr weiches, braungraues Fell auf, bevor sie den Steinbock im Nacken packte und hinter sich herschleifte. Takeru richtete sich auf zwei Beine auf und schulterte das Tier. Yumiko sah ihn ein wenig betroffen an, aber er lächelte lediglich.
„Ich kann es tragen, wenn du es schon erlegt hast. Wie sähe das denn aus, wenn ich dich so ein Tier schleppen ließe?“
Sie machten sich gemeinsam auf dem Rückweg und Minoru ließ sich bewusst zurückfallen, um die Beiden nicht zu stören und ein wenig den Himmel im Auge zu behalten. Die Gokurakuchō, „Paradiesvögel“, die in den höheren Lagen lebten, hatten vor einigen Tagen eine Gruppe von Wölfen angegriffen, die in den Bergen auf Beutezug gewesen war. Minoru hatte sie bisher nur von Weitem gesehen: Abschreckend große Vögel deren Kopf beinahe nahtlos in ihren kugeligen Körper überging; mit großen, leider sehr scharfen Augen und einem Maul voller spitzer Zähne, das sich in voller Breite über ihr gesamtes Gesicht erstreckte. Aus der Stirn dieser Vögel ragte - von der Hüfte aufwärts - jeweils ein humanoides Geschöpf empor. Diese Männer und Frauen, die Teil des Körpers dieser seltsamen Geier zu sein schienen, hatten Greifvogelklauen anstelle ihrer Hände und eine seltsam ungesund anmutende, blaue Hautfarbe. Alles in allem hielt Minoru sie für erstaunlich hässlich und er hätte viel darum gegeben, herauszufinden mit welchem ihrer Köpfe diese Yōkai nun dachten. So dringend, dass er ihnen nun aber begegnen musste, wollte er diese Frage jedoch nicht klären. Wie er von den anderen erfahren hatte, waren die Gokurakuchō schon seit langer Zeit ein Problem, verhielten sich aber verhältnismäßig ruhig seitdem Kōga einst ihren Anführer hatte töten können. Nobu plädierte seit dem Vorfall allerdings dafür, sie gänzlich auszurotten und hatte sich bereits mehrfach angeboten. Auch wenn er ganz offen davon gesprochen hatte, wie sehr ihn seine Familie einst in ihren Bann gezogen und von seinen sonst so imperialistischen Ideen abgebracht hatte, war Minoru sich nicht sonderlich sicher, dass von diesem Einfluss noch viel übrig war. Der Dosanko war nur eine Klauenbewegung davon entfernt, diesen Vögeln einen Besuch abzustatten und lediglich die bittere Erkenntnis, dass dies nicht sein Land war, hielt ihn davon ab. Vermutlich brauchte jemand wie er, der sein Leben lang Kriege geführt hatte, ein wenig Nervenkitzel und Auslastung und allmählich war Minoru sich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, ihn von diesem Feldzug gegen die Gokurakuchō abzuhalten. Immerhin war er es, der zurzeit darunter zu leiden hatte, dass Nobu vor Langeweile kaum wusste, wie er den Tag zum Abend bekommen sollte – hätte er da nicht einen gewissen Jungen gefunden, den er rund um die Uhr aufs Trainingsfeld scheuchen konnte.
Seine Schulter war drei Tage nach dem Kampf gerade zumindest wieder schmerzfrei bewegbar gewesen, als Nobu ihm ein Katana in die Hand gedrückt und ihn nach draußen gedrängt hatte. Er war der reinste Sklaventreiber und langsam glaube Minoru, sogar seine Mutter sei in Sachen Schlaf erbarmungswürdiger gewesen als Nobu es je sein könnte – aber das war lediglich ein leises Summen in seinem Hinterkopf, das er schnell zur Seite schob.
Er hatte Nobus Angebot bisher noch nicht einmal angenommen, aber das schien diesen so gut wie gar nicht zu stören und Minoru sollte es eigentlich nur recht sein. Was sollte er bei Takeru und Yumiko im Weg herumstehen oder den ganzen Tag am See vertrödeln, wenn er auch etwas Sinnvolles tun konnte? Dass Nobu ein ausgezeichneter Lehrer war und sehr viel Geduld aufbringen konnte, stand auf jeden Fall außer Frage, auch wenn die Begeisterung, mit der er jeden Tag an diese Arbeit herantrat, Minoru von Tag zu Tag mehr verunsicherte. Er war es nicht gewohnt, dass jemand sich um ihn kümmerte und langsam gingen ihm die Ideen aus, welchen Nutzen sich Nobu davon erhoffte.
„He, hörst du überhaupt zu?“
Aus den Gedanken gerissen sah er verwundert zu Takeru auf, der die Mundwinkel zu einem Lächeln verzog, das seltsam schief anmutete. „Manchmal möchte ich ja wissen, was in deinem Kopf Spannendes vorgeht, dass du so wegtrittst. Hast du vor der Feier noch einen Termin mit Nobu-sama oder nicht?“
Minoru zuckte ein wenig mit den Schultern und schloss zu ihnen auf. Wann Nobu Zeit für ihn hatte, entschied dieser ganz allein, aber es lag nahe, dass er keine große Motivation haben würde, Feierlichkeiten eines anderen Rudels vorzubereiten. Am Abend würde es ein großes, gemeinsames Essen geben, um eine Geburt und die Allianz zwischen den beiden Familien zu feiern, die auch ohne eine offizielle Bestätigung der Verlobung Bestand haben würde. Das musste er Takeru lassen: Es wirkte zwar zwischenzeitlich so, als sei er der Dosanko völlig verfallen, aber er hatte mit keinem Wort behauptet, dass er einer Heirat nun doch zugeneigt war. Dass nun dennoch alle fest damit rechneten, empfand Minoru als durchaus lästig und unsinnig, wusste doch jeder, dass kein Yōkai in diesem Alter so eine Bindung eingehen würde. Solche Spekulationen und junge Hochzeiten sollte man doch lieber den Menschen überlassen. Aber diese Fronten, die sich binnen der letzten Woche gebildet hatten, missfielen ihm ohnehin. Takerus Rudel schien sich immer mehr in zwei Lager zu spalten und gerade die Jüngeren waren es, die ihnen seit einigen Tagen immer wieder in die Quere kamen. Derweil waren die Dosanko deutlich zu diszipliniert und höflich, um ihn öffentlich zu brüskieren – zumal sie Yumiko offenbar hoch schätzten und kein schlechtes Wort über den Jungen an ihrer Seite verlieren wollten. Andererseits mischten sie sich auch nicht in die Auseinandersetzungen ein und Minoru hatte es langsam satt, sich diese Beleidigungen andauernd schweigend anzuhören, die immer öfter auch gegen ihn selbst gerichtet waren. Er wusste also genau, warum er keine große Lust hatte zum Lager zurückzukehren und den Abend vorzubereiten. Mit dem Steinbock sollten sie hoffentlich genug dazu beigetragen haben, um sich den Rest des Tages entfernen zu dürfen und den lästigen Rangkämpfen aus dem Weg zu gehen.
Takeru schien es mit diesem Gedanken nicht anders zu gehen, denn als sie am See vorbeikamen, legte er den Steinbock ans Ufer und streckte sich ausgiebig. Als Minoru ihn fragend ansah, grinste er nur. „Eine kleine Pause für die Arbeit am Morgen. Wir könnten schwimmen gehen.“
„Danke, ich verzichte“, gab Minoru kühl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„In diesem Tümpel hat so eine große Schlange gar keinen Platz“, neckte der junge Wolf und schreckte im nächsten Moment vor einem vernichtenden Blick spaßeshalber zurück. „Eigentlich bist du nur wasserscheu.“
Als er mit schnellen Schritten auf Minoru zukam, machte der reflexartig ein Satz zurück, der ihn lediglich näher ans Ufer brachte. Takeru war jedoch wie immer schneller, legte die Hände auf seine Schultern und lächelte ihm frech ins Gesicht.
„Du kannst deiner Angst nicht ewig aus dem Weg gehen, kleiner Hund. Ich kann dir auch gerne das Schwimmen beibringen, wenn das bisher noch keiner gemacht hat.“
Minoru schob sich seine Hand von der linken Schulter, als wische er etwas Störendes weg. „Lass den Schwachsinn, Takeru.“
Im nächsten Moment hatte der junge Wolf ihn mit wenigen gezielten Bewegungen zu Fall gebracht, aufgefangen und im hohen Bogen in den See geworfen. Das eiskalte Wasser schlug Minoru klirrend über dem Kopf zusammen und auch wenn er mit Abstand besser gegen solche Temperaturschwankungen gefeit war als die meisten anderen Lebewesen, krampfte sich seine Lunge für einen Moment schmerzhaft zusammen. Er hatte sich kaum orientieren können, als Takeru sich bereits ohne zu Zögern ins Wasser warf und ihn an den Schultern wieder an die Oberfläche zog. Sein Lächeln war so widerlich selbstgefällig, dass Minoru ihn nur zu gern an eine gewisse Panther-Dame erinnert hätte. Er biss die Zähne zusammen, bis es beinahe wehtat und versuchte sich vergebens aus dem Griff zu lösen. „Lass los!“
„Ist dir kalt?“, fragte Takeru ernsthaft überrascht, als er ihn musterte. „Du zitterst ja richtig...“
„Natürlich ist mir kalt!“, fauchte er zurück. „Es ist verdammt nochmal kein Hochsommer, du Spatzenhirn!“
„Weißt du was, Minoru-chan?“
Was?!“
„Du riechst gar nicht nach nassem Hund.“
Yumiko stand ein wenig betreten am Ufer, während Minoru sich aus Takerus Fängen befreite und ihn unter Wasser drückte. Sie hoffte inständig, dass zwischen den beiden keine wirklichen Auseinandersetzungen erwuchsen. Die Lage war für Takeru ernst genug und wenn er nun noch den einzigen Freund verlor, mit dem er zu albern wagte, war es um seine doch erfrischende Heiterkeit schlecht bestellt. Heute sah es jedenfalls nicht danach aus. Takeru hatte einige Meter zwischen sich und Minoru gebracht und spritzte ihm das Wasser ins Gesicht, um ihn auf Abstand zu halten, während dieser offensichtlich eher darauf aus war, den Ookami wieder unterzutauchen, als sich ans Ufer zu retten. Für Yumiko unterstrichen sie nur, was sie ohnehin schon von Männern allen Alters annahm: Hinter ihrer Fassade waren sie alle ein wenig durchgeknallt. Ganz sicher galt dies – insbesondere – für ihren Vater, bei dem sie Brief und Siegel darauf gegeben hätte, dass er, wäre er nur etwas freier gewesen, bei diesem kindischen Gehabe mitgemischt hätte. Allerdings war das unvorstellbar, denn wie alle anderen war er eben dies nicht – frei zu tun, was er wollte.
Minoru hielt inne, als er Nobu nach ihm rufen hörte und fing Takerus Hand in der Luft ab, die ihn gerade wieder umstoßen wollte. Der verdrehte die Augen und stöhnte entnervt. „Das ist Talent von Erwachsenen: Immer stören, wenn man gerade mal etwas Lustiges tut. Wenn man blöd herumsitzt, wollen die nie was. Warum schickt er eigentlich nie Boten? Er hat doch genug davon.“
„Keine Ahnung“, gab Minoru ruhig zurück und stieg klatschnass aus dem Wasser. Nobu verzichtete erstaunlich oft auf Bequemlichkeiten wie Boten und erledigte solche Dinge lieber selbst. Besonders elegant war das zwar nicht, aber was das anging, war Nobu ihm vermutlich doch ähnlicher als er zunächst geahnt hatte – Eleganz und Herrschaftlichkeit waren dem Dosanko ziemlich einerlei.
Takeru zog sich hinter ihm wieder ans Ufer und nahm auch den Steinbock wieder auf.
„Ich schätze mal, du wirst länger weg sein, wenn er etwas von dir will.“
„Vermutlich. Ich finde euch nachher schon.“ Damit lief er voraus. So freundlich Nobu auch war, so wenig hielt er doch von Trödelei und Unpünktlichkeit. Minoru war nach diesem unfreiwilligen Bad immer noch eiskalt und der frische Wind machte das nicht gerade besser. Aber was half das? Er konnte nur hoffen, dass Takeru mindestens genauso schlottern musste, aber der schien dagegen eine gewisse Resistenz zu besitzen. Irgendwo nahe seinem Ohr nieste Myōga erbarmungswürdig und schlotterte. Geschah ihm recht. Das hatte er nun davon, sich ständig heimlich an ihn zu heften.
Als er bei Nobu ankam, der wie immer etwas abseits des Höhleneingangs auf ihn wartete, hatte der Dosanko ihm den breiten Rücken zugewandt und unterhielt sich mit jemandem.
„Ihr habt nach mir gerufen.“
„Da bist du ja. Wir haben gerade über dich gesprochen.“
Minoru fiel beinahe sämtliche Mimik aus dem Gesicht, als er den Inu no Taishō hinter Nobu entdeckte – beinahe. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, den Anflug von Panik in irgendeiner Weise kund zu tun, der ihn überkam. Was wollte der noch hier? Sollte er nicht längst wieder in seinem weniger stürmischen Westen sein – ganz weit weg von ihm und der Erinnerung an diese ziemlich unerfreulichen Tage. Wenn Rin ihm nun alles erzählt hatte, insbesondere was seine Eltern anging, konnte der Tag doch noch ätzender werden; wenn er sich nicht sogar massiv verkürzte.
Nobu war der einzige in der Runde, der eine gewisse Regung nicht ganz verbergen konnte oder wollte. Er starrte Minoru mit einem leichten Anflug von Unverständnis an und schien sein nicht ganz trockenes Auftreten offensichtlich deutlich schockierender zu finden als es sonst der Fall gewesen wäre. „Verdammt, Junge, was hast du angestellt? Du triefst ja! Sag mir nicht, du bist in diesen See gefallen! Frierst du etwa?“
„Es geht mir gut“, gab er so gelassen wie möglich zurück. „Wirklich“, fügte er noch hinzu, als Nobu die Augen verengte.
„Völlig inakzeptabel“, fauchte eine ihm durchaus bekannte Stimme aufgebracht. „So ein Benehmen! So hier zu erscheinen -!“
„Jaken.“ Der Kappa fror augenblicklich in der Bewegung ein, als der Fürst ihn beim Namen nannte und kippte beinahe um, bevor er schwieg und Minoru aus Gift sprühenden, gelben Augen anfunkelte.
„Nobu-sama erwähnte eine Jagd. Es wäre mir neu, dass Steinböcke Wasser vorziehen.“
Minoru war sich nicht sicher, ob das ein Scherz oder eine Anklage sein sollte. Letzteres passte auf jeden Fall eher, aber Nobu fand das offensichtlich durchaus amüsant und lächelte zumindest.
„Nun, Wasser ist in jeder Hinsicht besser als im Gebirge abzustürzen“, gab er schließlich zu bedenken. „Wenn Ihr beliebt, kann ich Euch meine Räumlichkeiten anbieten.“
„Danke. Ich ziehe es vor, diese Höhle nicht zu betreten“, erwiderte der Fürst knapp, bevor er sich Minoru zuwandte. „Wir müssen reden.“
Damit ging er einfach davon. Minoru starrte ihm verdutzt und mit einem schlechten Gefühl im Magen nach. Am liebsten wäre er rückwärts gelaufen und hätte sich irgendwo verkrochen. Als Nobu ihm jedoch eine Hand auf die Schulter legte, fuhr er zusammen.
„Geh mit. Er wird dir nichts tun. Zumindest würde ich ihm davon abraten.“
Er schob ihn ein Stück vor und erst da bemerkte Minoru, wie sehr er sich eigentlich dagegenstellte, auch nur einen Schritt zu tun. Er brauchte einige Sekunden, um sich gut zuzureden und dem Fürsten zu folgen. Es war sinnvoll, Respekt vor ihm zu haben und ihm aus dem Weg zu gehen, wenn er daran dachte, dass er sich ihm widersetzt hatte und von Geburt aus schon eine gewisse Prädisposition besaß, dessen Ärger zu wecken. Es stand immer noch offen, ob er ihn als existent dulden würde, wenn ihm schon die Verbindung seiner Eltern verhasst gewesen war. Allerdings wollte die Reaktion seines Vaters nicht so recht in dieses Schema passen. Der hätte doch ebenfalls davon ausgehen müssen, dass der Inu no Taishō Minoru als Produkt dieser Zweisamkeit ablehnen musste – warum also dieser plötzliche Hass und die Angst, die ihn überkommen hatten?
Im Grunde musste er sich eingestehen, dass er ebenso großen Respekt vor Sesshōmaru wie auch vor Nobu hatte, dies jedoch nicht mit Angst gleichzusetzen war. Er fürchtete nicht den Tod, dem ihm jeder kleine, sogar schon begangene Fehltritt einbringen konnte. Viel schlimmer war die Unterhaltung, die dieser Mann nun offensichtlich anstrebte und die Minoru dahin zurückwarf, wovor er einst geflohen war: Ständige Belehrungen und Überwachung. Jaken, der dem Fürsten auf dem Fuße folgte, war der lebende Beweis dafür, dass es genug Leute gab, die die Meinung seiner Mutter teilten und ihn immer wieder darauf aufmerksam machen würden, wie ungehobelt und vulgär er in ihren Augen anmutete. Was andere Leute von ihm hielten, störte ihn im Allgemeinen eher wenig bis gar nicht. Schlimm wurde es an der Stelle, an der sie beabsichtigten, sich in diese Dinge einzumischen und ihn umzukrempeln.
Es war beim besten Willen nicht so, dass er nicht wusste, wie er sich 'anständig' zu verhalten hatte. Dafür hatte seine Mutter schon gesorgt. Er wollte es einfach nicht. Spätestens seitdem sie nur bei korrektem Benehmen dazu bereit gewesen war, ihn überhaupt wahrzunehmen, hatte er begonnen, sich konsequent gegen alles zu stellen, das ihn irgendwie in eine Richtung drücken wollte. Bei diesem Mann sah er da allerdings Schwarz. Mit jedem Meter, den sie gingen, wurde es jedoch unwahrscheinlicher, dass er beabsichtigte, ihm das Leben auszuhauchen. Er hielt den Fürsten weder für feige noch für so hinterlistig, ihn dafür erst von den anderen wegzuführen. Das hatte er einfach nicht nötig. Solange aber ungeklärte Verhältnisse im Raum standen und nicht klar war, was er nun eigentlich wollte, war Minoru so, als könne er die stechenden Fragen nicht aus dem Kopf vertreiben. Was hatte Rin ihm erzählt, dass er sich die Mühe machte, hierher zurückzukehren? Eine einfache Entschuldigung für sein Betragen hätte er doch schon vor einer Woche mit viel weniger Umständen einfordern können. Minoru schluckte trocken. Er war einfach zu durcheinander, um genau zu begreifen, warum er so ein schlechtes Gefühl bei der Sache hatte. Ob - und wenn in welchem Maße - er fürchtete, was ihm gleich bevorstand und was ihm nun eigentlich egal war und was nicht. Er schüttelte sich einen Moment kaum merklich, nahm sich zusammen und blieb stehen.
„Ich will nicht schon wieder unhöflich erscheinen - “, sagte er ernst, als der Fürst nicht auf sein Halten reagierte. „Aber Ihr wolltet mit mir reden und nicht Bergsteigen.“
Der Daiyōkai wandte sich um und sah ihn mit einem kaum erkennbaren Anflug von Erstaunen an.
„Das ist dein Betragen, wenn du 'nicht unhöflich' erscheinen willst?“, fragte er scharf. „Dann rede.“
Er näherte sich und blieb in einem Abstand von einigen Metern zu ihm stehen. Sein Blick war erhaben und fordernd – das war schon einmal mehr als sonst.
„Ich habe um Eure Hilfe nicht gebeten. Ich wollte nie Dritte in meine Angelegenheiten einbeziehen und ihnen damit Mühe machen oder sie in Gefahr bringen. Wenn ich mein Leben aufs Spiel setze, um ein Versprechen zu halten, dann ist das allein mein Problem“, antwortete er mit fester Stimme. Was hatte er jetzt schon noch zu verlieren? „Das klingt jetzt fürchterlich undankbar -“
„Das ist es“, stellte Sesshōmaru leichthin fest.
„- aber das bin ich nicht. Ohne Eure Hilfe hätte mich jeder dahergelaufene Mensch töten können, als ich krank war. Ich bin Euch sogar sehr dankbar dafür, dass Ihr mich nicht einfach habt liegen lassen, auch wenn es Euch vielleicht nur der Verdeckung Eurer Truppen diente. Aber ich konnte nicht einfach bei diesem Schmied sitzen bleiben und warten – und das wird mir kein schlechtes Gewissen abringen.“
„Warum ist es dir so wichtig, ein Versprechen einzulösen, das dich töten kann?“
„Welche Wahl hatte ich denn? Ich tauge weder zum Krieg noch zum Bauern. Ich kann mich lediglich selbst versorgen, solange nichts Unerwartetes passiert. Mein Wort ist alles, was ich besitze und alles, was mich ausmacht. Wenn ich es bereits gegenüber einem Freund breche, dem ich es aus freien Stücken gegeben habe, was ist es dann noch wert – und was ist mein Leben dann schon, wenn ich nicht einmal dazu im Stande bin? Das ist armselig.“
Der Taishō schnaubte einen Moment abschätzig und sah mit demselben strengen Blick auf ihn hinunter, den er immer zu haben schien.
„Dein Leben ist also nicht mehr wert als das Wort, das du gibst?“
„Übersehe ich etwas Offensichtliches?“, fragte Minoru leise, aber beinahe verbittert. „Irgendetwas anderes, das ich habe, das von Wert sein sollte?“
„Reiz' ihn nicht“, klang ein Flüstern an sein Ohr und er wusste, dass zumindest Myōga noch da war. Seltsamer Moment für ihn. Wenn hatte er erst später mit einem Kommentar gerechnet – sofern es ein Später gab.
„Was denkst du, was ich habe, das dir fehlt? Gehst du davon aus, dass mein Leben wertlos ist, wenn ich je mein Wort breche?“
Darüber musste Minoru einen Moment ernsthaft nachdenken. Für andere Leute hatte er sich diese Gedanken sicher noch nie gemacht. Es hatte ja schließlich auch nie einen Grund dazu gegeben.
Nach einigen Minuten schüttelte er den Kopf.
Sesshōmaru hob fragend eine Braue. „So?“, fragte er ernst. „Was?“
„An Eurem Leben hängt mehr als nur das allein. Ich halte es immer noch für äußerst wichtig, dass man sein Wort hält, aber ich bin auch nur für mich allein verantwortlich. An Euch hängen hingegen mindestens zweihundert Kappa, ein Mädchen und A-Un – und ich bin sicher, da sind noch mehr Personen, die auf Euch angewiesen sind. Der Westen ist riesig und ohne Euch wäre er Euren Feinden wohl ausgeliefert. Ihr habt also ein ganzes Heer von Personen, die Euch unterstellt und von Euch abhängig sind. Takeru hingegen kommt auch wunderbar ohne mich zurecht und um andere Personen schere ich mich nicht.“
Durch den Blick des Fürsten huschte für einen Moment etwas Ungläubiges. „Weil ich also Verantwortung trage und du nicht?“
„Weil Ihr ein ganzes Reich schützt“, gab Minoru erstaunlich ruhig zurück. „Würde es ohne Euch nicht wanken?“
„Du bist ein seltsames Kind“, stellte Sesshōmaru fest und vermied es, den Kopf über ihn zu schütteln. „Wo hast du nur solchen Unsinn her?“
Minoru zuckte leicht mit den Schultern. „Zeit zum Nachdenken? Ich weiß nicht. Und mit Verlaub: Ich halte das nicht für Unsinn.“
„Ein schöner Trick“, murmelte sein Gegenüber kaum hörbar, aber ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen verlangte er zu wissen, was er mit Nobu zu schaffen hatte.
Minoru atmete einen Moment durch und überlegte, wie er es in Worte fassen konnte. Das war eine äußerst gute Frage, die er gerne selbst einmal beantwortet haben wollte. Warum interessierte sich ein Wolfyôkai von einer fremden Insel für ihn? Wollte er nur die Lücke seines Sohnes füllen? Aber das schien fast zu banal.
„Er hat mir angeboten, mit ihm nach Hokkaidō zu gehen und mich zu unterrichten“, antwortete er schließlich. Da konnte sich der Fürst dann gerne auch selbst den Kopf drüber zerbrechen.
„Er hält viel von dir“, entgegnete dieser schlicht.
„Er hält mich für etwas, das ich nicht bin“, gab Minoru zurück, ohne groß darüber nachzudenken. „Ich bin kein Krieger -“
„Du bist fünfzehn, Junge. Du hast im Krieg rein gar nichts verloren.“
„- und ich bin kein Inuyōkai.“
Wenn Rin es ihm noch nicht warm aufgetischt hatte, wusste er es zumindest nun und ganz gleich, was folgen würde, es käme hier und jetzt und er müsste zumindest keine Sorge mehr darum machen, dass es ihn irgendwann unvorbereitet einholen könnte.
Der Fürst schnaubte lediglich wieder, überbrückte die letzten Meter zwischen ihnen und sah auf Minoru hinab – und spätestens nun wusste Minoru nicht mehr, was er von der Welt eigentlich halten sollte.
„Sieh' mich an.“
Er zuckte zusammen, dann hob er langsam den Blick in die goldenen Augen. Er reichte dem Inu no Taishō nicht einmal ganz an die Schulter und musste den Kopf in den Nacken legen, um der Anweisung nachzukommen. Als sein Gegenüber abrupt die Hand nach ihm ausstreckte, wollte Minoru noch einen Satz zurück machen, aber der kräftige Griff des Fürsten hatte sich bereits um seinen Unterkiefer gelegt. Jeder Muskel in Minorus Körper war bis in die letzte Faser angespannt, sein Ausdruck in Panik entrückt. Er hatte damit gerechnet, dass die Haut des Mannes so kalt war wie sein Auftreten, stattdessen war seine Hand beinahe heiß.
„Halt still“, tönte es nur knapp, als er Minoru fester hielt und mit einer Kralle derselben Hand die Kratzer aufschnitt, die sein Vater ihm beigebracht hatte. Minoru zuckte zusammen, wollte nach der Hand schlagen, aber Sesshōmaru erstickte die Abwehr im Keim und wehrte die Klauen des Jungen mühelos ab, um ihn dann strafend anzuschauen.
„Wenn du das nicht vernünftig auswäschst, bleiben Narben“, erklärte er knapp und gab ihn wieder frei. Minoru stolperte zurück und hielt sich davon ab, nach der Wange zu fassen, an der nun erneut warm das Blut herunterlief. „Ich - danke...“, brachte er schließlich kleinlaut hervor.
„Warum hat er dich geschlagen?“, verlangte der Fürst zu wissen.
„Das...“, Minoru stockte. Im Grunde wollte er darüber nicht reden. Vermutlich hatte sein Vater auch jedes Recht dazu gehabt. War er doch mehr als respektlos ihm gegenüber gewesen. Minoru schüttelte wortlos den Kopf.
„Du solltest dir angewöhnen, meine Fragen zu beantworten“, kam es nun wieder eiskalt zurück.
„Ich war unhöflich... vielleicht auch eher sehr respektlos“, gestand er leise und senkte den Blick, bevor er ihn in plötzlich aufwallendem Unmut wieder erhob. „Was interessiert es Euch?“
„Ich will wissen, warum ich ihn töte“, gab der Fürst trocken zurück.
Minoru starrte ihn mit großen Augen an.
„Nicht, dass ich diesen kleinen Zwischenfall noch als Grund bräuchte. Er hat mir schon genug andere gegeben. Sei also versichert, dass sein Ableben nicht durch dein Handeln begründet liegt. Du scheinst mir jemand zu sein, der gern alle mögliche Schuld auf sich lädt. Immerhin dachtest du offensichtlich, ich gäbe dir die Schuld am Betragen dieses Fuchses und an Rins Gefahrenlagen.“
„Das tut Ihr nicht?“
„Natürlich nicht. Rin war immer schon in der Lage ihre Entscheidungen durchaus selbst zu treffen. Allerdings schätze ich es nicht, wenn man sich über meine Anweisungen hinwegsetzt.“
„Habe ich nicht auch -?“
„Natürlich hättest du bei Tōtōsai bleiben sollen! Das wusstest du, ohne dass ich es dir gesagt habe. Vielleicht macht es deinen Ungehorsam damit umso schlimmer. Solltest du noch einmal ganz bewusst nicht gehorchen, werden wir uns anders unterhalten müssen. Du darfst dich dafür entschuldigen.“
Minoru kniete im nassen Gras nieder und verbeugte sich vor ihm, wie er es einst gelernt hatte. Wenigstens dafür war dieser Unfug gut.
„Und nun vergessen wir das“, der Fürst klang für seine Verhältnisse zufrieden, aber als Minoru ihn ansah, war sein Ausdruck eher von einer gewissen Wut durchzogen. Er ließ die Gelenke an seiner Hand leise knacken und musste sich offensichtlich beherrschen, nicht wütend zu werden. Als Minoru zurückzuckte, entspannte der Taishō sich deutlich, wenn auch unter Mühen.
„Was hat mein Vater Euch getan, dass Ihr ihn töten wollt? Als ich Euch erwähnte, hat er mich angesehen, als sei ich der größte Verräter, der je existiert hat. Ich bin mir sicher, Rin hat Euch alles darüber erzählt.“
„Das hat sie. Es scheint, als wärst du wirklich ratlos. War meine Annahme, du seist zumindest teilweise im Bilde, falsch?“
„Ich weiß nicht einmal, um welches Bild es gehen soll. Ihr habt meine Mutter vom Hof verjagt, so viel ist mir klar. Dass Ihr eine Verbindung zwischen Fuchs und Hund nie geduldet hättet, ja, das weiß ich. Aber ihr bringt mich nicht um. Erstaunlicherweise nicht, obwohl Ihr es der Konsequenz halber tun müsstet.“
„Ich dachte, du seist so misstrauisch“, gab der Fürst nur ruhig zurück. „Dass du dann gerade den Leuten glaubst, vor denen du fliehst, wundert mich.“
„Wie bitte?“, Minoru sah ihn perplex an und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte
„Es kümmerte mich nicht im Geringsten, wenn jemand bei Hofe auf die Idee käme mit einem Fuchs durchzubrennen, solange mich das nicht tangierte. Dass sie aber bestrebt waren, dir vor mir Angst zu machen, leuchtet ein. Es wäre ja auch zu dumm, wenn du mich getroffen hättest, bevor du ihnen nützlich sein konntest, nicht wahr?“
„Hättet Ihr die Güte, mir endlich einmal mitzuteilen, worum es hier eigentlich geht? Ihr wisst deutlich mehr als ich und ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr nun aufhören könntet mit mir zu spielen. Ich will nur meine Ruhe haben und mir nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, warum alle möglichen Leute plötzlich etwas von mir wollen, was sie wollen, und wie ich damit umgehen soll. Was auch immer Ihr hofft, von mir zu erfahren, ich bin mir sicher, dass ich es nicht weiß!“
Der Inu no Taishō sah ihn eine ganze Weile still an und nahm zumindest innerlich Abstand davon, ihn für seinen wenig respektvollen Ausbruch zu ermahnen. Immerhin hatte er den Jungen durchaus gereizt und ja, er hatte gerne noch das ein oder andere von ihm erfahren, aber so wie es aussah hatte dieses Kind weder etwas geahnt noch die Grundsätze infrage gestellt. Er hatte diese Dämonin immer für naiv und ehrbar gehalten und eigentlich rühmte er sich damit, eine gewisse Personenkenntnis zu besitzen, aber wie wollte er leugnen, was immer offensichtlicher wurde?
„Du bist mein Erbe, Junge. Ich kann mir immer noch nicht erklären, wie deine Mutter es fertiggebracht hat, mir dich zu unterschlagen, aber eine andere Erklärung ist ausgeschlossen.“
Minoru starrte ihn lediglich an, als habe er den Verstand verloren und machte unwillkürlich einen Schritt zurück. „Das ist doch vollkommen abwegig!“, protestierte er schließlich eher aus Verzweiflung als aus Überzeugung. „Das glaube ich nicht!“
„Es steht dir frei, mit mir in den Westen zu kommen, wenn wir morgen früh wieder abreisen“, gab der Taishō unbeeindruckt zurück. „Du bist gänzlich unschuldig an dieser Misere und ich hege keinerlei Groll gegen dich.“
„Na, das ist ja großzügig!“, fauchte Minoru wütend und sein Gegenüber weitete kaum merklich die Augen. „Andere Leute haben Probleme damit, dass sie einen Bastard untergeschoben bekommen und gerade Ihr wollt mir erzählen, dass Ihr nicht einmal im Stande wart, zu ahnen, dass Ihr einen Sohn haben könntet? Ich meine, Kinder fallen nicht vom Himmel!“
„Beruhige dich, Minoru.“
„Wie könnte ich?!“
„So ein unerzogener Bengel!“, mischte sich Jaken ein, der sich zumindest bisher hatte zurückhalten können. „Es zu wagen, so mit Sesshōmaru-sama zu sprechen -!“
„Halt du dich da raus, du widerliche Kröte oder ich beiße dir den verdammten Kopf ab, wenn er nur einen Moment wegschaut!“ Der Kappa stolperte tatsächlich rückwärts und fiel auf den Hintern. Sein Blick ging Schutz suchend zu seinem Herrn, der ihn sicher ohne Umwege in die Unterwelt befördert hätte, wenn Blicke auch nur im Mindesten hätten töten können. Dann wandte er sich wieder Minoru zu.
„Nobu-sama wird verstehen, wenn du sein Angebot unter diesen neuen Umständen ablehnst“, konstatierte der Taishō kühl, als ginge es um nichts weiter als Nobus eventuell gekränkten Stolz.
Minoru konnte nicht anders. Er knurrte tief, bis sich ihm alle Nackenhaare aufstellten, verwandelte sich direkt vor seiner Nase und ließ ihn eiskalt auf der Anhöhe stehen, auf der sie gehalten hatten.
Als der Kappa ihm schimpfend nachlaufen wollte, trat Sesshōmaru diesem lediglich auf den Saum seines Yukata, sodass er eine schmerzhafte Bruchlandung auf den geschotterten Boden hinlegte.
„Lass ihn in Frieden“, befahl sein Herr streng. „Er wird sich beruhigen.“
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