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Einem fernen Tage

GeschichteDrama, Familie / P12
Jaken Myouga OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
22.09.2015
29.11.2020
54
277.720
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17.11.2015 6.494
 
Was bisher geschah ...
Während sich die Jungen ausruhen, seniert Takeru über die Möglichkeit, seinen Freund im Rudel zu behalten und auch Nobu schlägt Minoru tags darauf eine Ausbildung unter seiner persönlichen Führung vor - während er Takeru wie Luft behandelt. Der junge Wolf beschließt, dass er sich für seine Verhalten entschuldigen muss, indes Minoru zurückbleibt.
Der trifft dafür auf Myōga und Nobu, der ihn auf Grenzpatroullie mitnimmt.

  ҉
Seine Eltern mochten vielleicht die Anführer dieses Rudels sein, aber Nobu war gemeinhin dafür bekannt, dass er keinerlei Zweifel an seiner Autorität zuließ – weder auf Hokkaidō noch auf irgendeiner anderen der vielen japanischen Inseln. Wie es seiner Art in solchen Momenten entsprach, war der Dosanko zwar durchaus respektvoll, aber es war nur allzu deutlich, dass er die hiesigen Anführer nicht als ebenbürtig ansah – und so hatte Takeru in seinen eigenen vier Wänden um eine Audienz bitten müssen. Allein dass er diese erhalten hatte, war schon erstaunlich genug. Im Grunde war er fest davon ausgegangen, dass Nobu ihn gar nicht erst empfangen wollen würde.
Der blonde Ookami saß mit dem Rücken an eine Höhlenwand gelehnt und betrachtete Takeru emotionslos, als eine seiner Dienerinnen ihn herein führte. Er trug einen tief schwarzen Kimono mit feinen, silbernen Stickarbeiten, die wie Nebelschlieren wirkten und stark an seine Fellzeichnungen als Daiyōkai erinnerten. Er war umgeben von einigen Kerzen und hatte gerade Karten studiert, als Takeru um ein Gespräch gebeten hatte. Die Karten lagen nun sorgsam zusammengerollt neben ihm auf den Fellen, die ihm auch als Nachtlager dienten.
Takeru glitt auf die Knie und verbeugte sich lange vor dem Mann, den er so tief beleidigt hatte, dass er nicht einmal wusste, ob er diesen Fehltritt wieder richten konnte.
„Es tut mir unendlich leid, dass ich so töricht war und durch die Wut gegen meine Eltern auch Euch und Eure Tochter beleidigt habe“, entschuldige er sich aufrichtig. „Nichts, was ich tat, geschah in der Absicht, Euch zu schaden oder Eure Tochter abzuweisen.“ Nobu sagte nichts und musterte ihn lediglich, also fuhr Takeru fort: „Mein Gebaren war hitzköpfig, undurchdacht und egozentrisch. Ich hoffe, Ihr könnt mir eines Tages vergeben.“
„Eure Höhlengänge sind recht dunkel, findest du nicht? Sie haben gewiss ihren Charme, aber ich vermisse das Sonnenlicht. Der Winter war lang genug.“
Takeru starrte vor sich zu Boden und war nicht in der Lage, noch ein Wort herauszubringen. Nobu hatte ihn eiskalt abblitzen lassen – er hätte nun genau so gut über das Wetter reden können! Takeru ließ die Schultern sacken und wäre am liebsten sofort wieder gegangen. Aber wie, ohne ihn damit nun ein weiteres Mal vor den Kopf zu stoßen? Also erwiderte er nichts und verkrampfte lediglich mit jedem Moment ein wenig mehr, der an ihm nagte wie hunderte Ratten an einem frischen Kadaver.
Als es plötzlich knallte, zuckte er heftig zusammen und riss den Kopf hoch. Sein Blick traf Nobus. Der Daiyōkai sah ihn ernst an und hatte die Hände zusammengeschlagen, die er sich nun ein wenig rieb.
„Ich bin es nicht, bei dem du dich entschuldigen solltest“, seine Stimme war hart, aber auf eine seltsame Art nicht so wütend, wie Takeru es erwartet hatte.
„Wenn Ihr es erlaubt, werde ich gern mit Eurer Tochter sprechen. Ich will nicht, dass sie denkt, ich sei ihretwegen gegangen. Das war in keinem Moment so. Die Vorstellung von Heirat allein...“
„Niemand hat gesagt, dass ihr morgen heiraten sollt“, sagte Nobu scharf und Takeru lag eine spitze Erwiderung auf der Zunge, aber er schluckte sie herunter. Wenn er den Dosanko nicht weiter verärgern wollte, sollte er sich besser zusammennehmen.
„Bitte, sprich dich aus“, knurrte dieser jedoch bereits. „Ich habe gehört, du seist ein junger Mann mit einem gewissen Kampfgeist. Bisher sehe ich davon weniger als nichts.“
„Ich dachte, ich hätte in meinem Leben die Wahl.“
Nobu lachte kurz auf. „Zu lieben, zu heiraten, wen du willst? Die Welt um uns herum bewegt sich in einem Fluss, der zu reißend fließt, als dass du die Chance haben wirst, dich je an dein Ufer zu adaptieren. Du lernst am besten schnell, was es heißt, in diesem Strom zu schwimmen. Eine Wahl? Du bist ein Dummkopf, wenn du denkst, dass du vor deinem Leben davonlaufen kannst und das zu allem Überfluss auch noch eine Wahl nennst. Wir sind weit von einem Leben entfernt, in dem wir Hand an unser Schicksal legen können. Wir werden dorthin getrieben, wo es uns hinreißt und das Einzige, das wir tun können, ist es, uns diesen Tümpel zu eigen zu machen, bevor es uns weiter treibt oder alles anderen zu überlassen. Das ist die einzige Wahl die wir haben.“
Takeru sah ihn lange an und wusste nicht, was er dann falsch gemacht haben sollte. Immerhin hatte er nicht darauf gewartet, dass andere für ihn handelten. Aber das war es offensichtlich nicht, was Nobu meinte. Dieser bemerkte seinen skeptischen Blick und schüttelte den Kopf.
„Wir suchen uns unsere Bürde nicht aus. Du wurdest in diese Familie geboren, also mach das Beste daraus. Das Beste für alle, über die du deine Hand zu halten vermagst. Das gilt für dich wie für jeden Yōkai, menschlichen Bauern, Kaiser oder Viehhändler. Eines Tages wirst du die Verantwortung für Viele tragen. Bis dahin tätest du wohl daran, dich nicht weiter als Zentrum der Welt zu sehen.“
Takeru hatte Zorn, Empörung und vielleicht sogar Hass erwartet, aber mit Sicherheit nicht eine so ruhige Belehrung. An einem bestimmten, tiefen Punkt seiner selbst wusste er, dass Nobu wohl recht haben musste, aber wirklich begreifen konnte er es noch nicht. Er bemerkte kaum, dass er Nobu unverhohlen anstarrte. Der schien sich daran aber nicht sonderlich zu stören, fixierte den jungen Wolf weiterhin mit festem Blick und schwieg.
Endlich schaffte es Takeru sich aus der Starre zu reißen und senkte den Blick wieder zu Boden.
„Ich kann nicht behaupten, das alles verstanden zu haben, aber ich werde mich daran erinnern und versuchen, es mir zu eigen zu machen. Ich will nicht, dass jemand durch mich zu Schaden kommt.“
Nobu verzog keine Miene und machte auch sonst keine Anstalten, darauf etwas zu erwidern, bis Takeru hinter sich Schritte hörte, die Nobu aufsehen ließen.
„Chichiue-sama, wenn Ihr erlaubt, würde ich auch gern mit ihm sprechen.“
Über Nobus Lippen huschte ein Lächeln und er lehnte sich langsam zurück. Yumiko ging gezielten Schrittes an Takeru vorbei und ließ sich elegant neben ihrem Vater auf den Fellen nieder.
Sie lächelte erstaunlich freundlich und legte die rauhen Hände gefaltet in den Schoß.
„Ich weiß, was Ihr sagen wollt, Takeru und da wir uns noch nie begegnet waren, habe ich nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass Ihr wegen mir fortgelaufen sein könntet“, sagte sie ruhig. „Es freut mich sehr, dass Ihr unversehrt wieder zurückgekehrt seid.“ Sie sah bittend zu ihrem Vater auf, der mit einem schwer zu deutenden Ausdruck im Gesicht aufstand und wortlos den Raum verließ.
Takeru schaute ihm verwirrt nach und wandte sich wieder Yumiko zu, die ihn nun ganz offen betrachtete. Sie war wirklich Nobus Tochter – in ganz unverschämter Weise. Im Gegensatz zu ihm war sie so zierlich, dass sie in ihrem einfachen, hellgrünen Yukata beinahe zerbrechlich wirkte, doch ihr Haar war das ihres Vaters. Wie heller Honig floss es ihr in einem lockeren Zopf nach vorn über die Schulter. Die schmalen, dunkelbraunen Seidenbänder, die sie zwischen die Strähnen geflochten hatte, trafen beinahe den Farbton ihrer Augen. Ohne ein Wort betrachteten sich beide abschätzend, bis Takeru sicher war, dass Nobu nicht mehr in der Nähe umher wandelte.
„Entschuldigt bitte meine harsche Art, aber haben sie Euch gefragt?“
Er war es nicht gewohnt, so distanziert mit jemandem zu reden, der so jung war, aber da sie damit begonnen hatte, wollte er sich nicht anmaßen sie auf Augenhöhe anzusprechen, wie er es sonst vorgezogen hätte. Mochte er auch als ihr zukünftiger Anführer geboren worden sein, die Wölfe seines Stammes sahen davon ab ihm irgendwelche Titel zu geben oder ihn anders zu behandeln als ihresgleichen. Auf Hokkaidō gingen die Dinge allerdings einen anderen Gang und das wusste er zum Glück.
Yumiko legte den Kopf für einen Moment schief. „Mich? Ich fürchte, so einfach ist das nicht“, meinte sie nachdenklich und sah einen kurzen Moment in eine Kerze, als überlege sie, wie sie eine schlimme Nachricht am besten verpacken sollte. „Ich war zwar nicht wütend, aber ich muss zugeben, dass das eine neue Erfahrung für mich gewesen ist, von Euch so indirekt abgewiesen zu werden. Mein Bruder ist vor einigen Jahren umgekommen, wie Ihr vielleicht wisst, und meine Mutter starb kurz darauf“, sagte sie und ihre Stimme klang auf einmal bitter. „Seitdem sind Chichi-ue und ich allein – nun, so allein wie man in einem Rudel sein kann. Mein Vater wird keine neue Frau an seine Seite nehmen, um einen männlichen Erben sicherzustellen. Seitdem das öffentlich bekannt wurde, habe ich, um ehrlich zu sein, manchmal auch weglaufen wollen. Aber ich kann Chichi-ue nicht auch noch im Stich lassen und ich kenne meinen Platz. Ihr wusstet, dass mein Bruder tot ist?“
„Ich habe davon gehört, jetzt wo Ihr davon sprecht“, räumte Takeru ein. „Aber das ist schon lange her... es tut mir sehr leid. Auch, dass ich Euch neben diesen Verlusten nur noch mehr Kummer bereitet habe. Ich schwöre, dass meine Handlungen allein aus meiner Sturheit resultierten. Ich wollte Euch nie persönlich kränken. Um ehrlich zu sein habe ich gar nicht an Euch gedacht, was das Ganze vermutlich nur noch schändlicher macht. Ich hätte den Auswirkungen meines Handelns mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen.“
Er neigte auch vor ihr den Kopf und starrte auf den Boden. Offenbar war sie der Idee ihres Vaters nicht so abgeneigt gewesen, wie er gehofft hatte. Aber es war das, was seine Mutter bereits einmal erwähnt hatte: Ein unverheirateter Erbe sorgte für Furore, solange die Gesellschaft um diesen buhlte – und da war sie als junge Frau sicher noch benachteiligter als er, wenn man bedachte, dass ihr zukünftiger Mann die Dosanko führen würde, so wie Kōga nun das Rudel seiner Mutter übernommen hatte.
„Ich bin Euch so dankbar, Takeru“, sagte sie leise. Er sah sie verwirrt an, aber sie lächelte nur herzlich. „Könnt Ihr Euch vorstellen, wie es ist, wenn alle nur freundlich zu Euch sind, weil sie Euch benutzen wollen? Als mein Vater vorschlug, dass ich zur Beruhigung Aller ein Verlöbnis mit einem jungen Ookami jenseits der Tsugaru-Straße schließen sollte, dachte ich, dass auch diese Verbindung letztlich nur auf dem Interesse an Gelegenheiten beruhen würde, welche eine Ehe mit mir in Aussicht stellt. Ich finde das sehr unhöflich. Mein Vater mag schon einige Jahrtausende alt sein, aber über seinen Tod zu spekulieren ist mehr als unangebracht. Ihr hingegen habt, wie Ihr selbst sagtet, dabei nur an Euch gedacht und keinen Gedanken daran verschwendet, mich aus materiellen Gründen zu heiraten. Dafür danke ich Euch von Herzen, Takeru. Ich hätte noch ein Anliegen, aber ich bin mir fast sicher, dass es sehr anmaßend ist.“
Takeru blinzelte einen Moment, bevor er seine Stimme wiederfand. „Bitte, wie könntet Ihr noch etwas Anmaßenderes erbitten, als ich bereits getan habe?“
„Es wäre eine ungeheure Erleichterung für mich, wenn die Verlobung weiterhin offiziell Bestand hätte. Könntest Ihr Euch vorstellen... nun...“
„Sie nicht zu widerrufen?“, Takeru war ein wenig verblüfft. Sie schien eine sehr wohlerzogene Person zu sein. War sie so in Not, dass sie darüber hinweg sah und eine derartige Forderung stellte, die tatsächlich mehr als anmaßend schien?
„Ich weiß, das ist ungemein viel verlangt und nach allem, was Ihr daran gesetzt habt, frei zu sein von diesem Bund-“
„Ich werde nicht widerrufen“, begann er ruhig, als er sich sicher war und unterbrach sie, bevor sie sich in Erklärungen verstricken konnte. „Aber ich werde auch kein öffentliches Zugeständnis machen.“
Er hatte erwartet, dass sie darauf enttäuscht reagieren würde, stattdessen lächelte sie zufrieden und erhob sich ebenso elegant, wie sie sich zuvor niedergelassen hatte. Er tat es ihr gleich und sah sie ein wenig perplex an, als sie direkt vor ihm hielt und seine Hand in ihre nahm. Sie waren erstaunlicherweise ebenso rauh wie zierlich. Sie drückte seine Rechte sanft und zog ihn ganz zaghaft hinter sich her, bis er ihr mit dem ersten Schritt folgte.

Das Lager des Rudels schien ideal. Wasser floss aus den höheren Schneeregionen herab und sammelte sich über einige, kleinere Bäche in einem wenig großen, aber sehr klaren See mit eiskalten Temperaturen, der etwas unterhalb des Höhleneingangs zwischen einigen Ahornbäumen und Fichten versteckt lag. Minoru hatte sich lediglich ein Kaninchen von kaum beachtenswerter Größe von der ausliegenden Beute genommen und an diesen ruhigen Ort zurückgezogen. Takeru war sehr wahrscheinlich in der Lage ihn hier zu finden, wenn er von seinem Gespräch mit Nobu zurückkehrte und die Stille, die hier herrschte, war alles, was er gerade ertragen konnte. In der Höhle ging es hektisch zu, roch nach Beute und Wolf und teilweise noch nach dem Blut der verletzten Krieger. Hier war die Luft klar, das Wasser plätscherte leise im Nieselregen vor sich hin und auch die dicken Wolken am Himmel konnten Minoru diese Szenerie nicht vermiesen.
Er hatte sich am Seeufer niedergelassen, die Hose weit über die Knie hochgekrempelt und die Beine ins eiskalte Wasser gehangen, während er eine Muskelpartie von der Keule des Kaninchens mit den Zähnen abriss. Es war roh, aber weder hatte er die Nerven gehabt, es in geselliger Umgebung zu garen bevor er es mitnahm, noch störte ihn diese Tatsache großartig.
„Das verstehst du also unter 'Vorsicht'“, sagte jemand vorwurfsvoll und verdächtig nahe an seinem Ohr. Minoru kaute zu Ende, schluckte den Bissen herunter und sah Myōga auf seiner Schulter an, der tadelnd zwei seiner vier Arme in seine Hüften gestemmt und die anderen vor der Brust verschränkt hatte.
„Willkommen zurück“, meinte Minoru nur leicht schnippisch und funkelte ihn durchaus erbost an. Der Flohgeist zuckte einen Moment lang zurück, bevor er wieder einen ernsten Gesichtsausdruck annahm. „Das war durchweg suizidal.“
„Einzig suizidal ist es, hier nach deiner letzten Ansprache so großkotzig wieder aufzukreuzen“, stelle Minoru fest und legte das Kaninchen zur Seite, um im nächsten Moment den Floh zwischen zwei Fingern zu packen und sich vor das Gesicht zu halten. „Alter Mann“, begann er mit einem beinahe freundlichen Ton, der gar nicht zu seiner angespannten Kieferpartie passen wollte. „Hilf mir auf die Sprünge: Warst du es nicht, der mir noch kürzlich in Bezug auf meine Dankbarkeit belehren wollte? Also, wo ist der Herr, bei dem ich mich bedanken darf?“
Myōga wurde mit einem Schlag kreidebleich und seine vorher noch so erzieherisch klingende Stimme begann zu zittern: „Nun... also...“
„Wenn du glaubst, du könntest mich über den Tisch ziehen... “, er drückte drohend die Finger enger zusammen, bis der Flohgeist das Gesicht deutlich verzog und abwehrend mit den Händen wedelte. Nicht, dass er solche Zwischenfälle nicht gewöhnt wäre, aber diesen Yōkai konnte er zu allem Überfluss auch noch schlecht einschätzen.
„So einfach ist das nicht! Aber du solltest in einer Gruppe bleiben, ja! Stell dir doch nur vor, was sonst hätte passieren können. Es ist doch noch einmal gut gegangen!“
Minoru schnaubte leise und setzte ihn neben sich auf einem Stein ab. Myōga zog für einen Moment den Kopf ein und rechnete mit einem erneuten Angriff auf sein Wohlbefinden, der jedoch erstaunlicherweise ausblieb. Ungläubig sah er zu Minoru auf, aber der hatte den Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, den vermutlich nur er sehen konnte und seufzte leise. Offensichtlich hatte er sich sehr schnell wieder beruhigt, aber auch dafür schien er zu entrückt.
„Es ist doch auf eine Art ein gutes Zeichen, dass er gegangen ist ohne dich zu bestrafen“, meinte Myōga ein wenig aufmunternd und ließ sich auf dem feuchten Stein nieder. „Außerdem war es schon verwunderlich genug, dass er sich mit den beiden Anführern unterhalten hat. Es war absehbar, dass Sesshōmaru-sama nicht lange hier verweilen würde. Ich war allerdings davon ausgegangen, dass er nach allem was passiert ist zumindest noch einmal mit dir sprechen wollen würde. Aber die Kappa an den Grenzen allein zu lassen, ist sicher auch nicht die beste Idee.“
„Nichts ist in jedem Fall besser als das, was ich erwartet hatte“, gab Minoru zurück. „Im Grunde bin ich erleichtert.“
Myōga musterte ihn ein wenig besorgt. Er sollte zufrieden sein, nun wo er endlich an seinem Ziel angekommen war. Stattdessen schien er mit den Gedanken ganz woanders.
„Du wirkst gar nicht glücklich“, merkte Myōga schließlich an. „Es ist nicht allein dein Verschulden, dass ihr nicht bei Tōtōsai geblieben seid. Zerbrich dir doch nicht so den Kopf darüber.“
Minoru warf dem Floh einen vernichtenden Blick zu. „Denkst du die Entscheidung eines Menschen hätte beeinflussen können, ob ich verweile oder nicht, wenn nicht einmal meine Eltern dazu in der Lage gewesen sind, mich Zuhause zu halten? Mach dich doch nicht lächerlich.“ Er knurrte. „Ich hätte ihren Vorschlag ablehnen sollen. Bis hierher hätte ich länger gebraucht, aber dann wäre ich nie in die Lage gekommen, sie verteidigen zu müssen.“
„Du kannst aber nicht mehr ändern, was schon passiert ist. Wärst du ohne sie auf diesen Fuchs getroffen, wäre auch dies sehr wahrscheinlich anders verlaufen. Aber das ist alles reine Spekulation. Sie hätte gehorchen müssen, allein schon um ihrer eigenen Sicherheit Willen und dafür wird auch sie sich rechtfertigen müssen, wohingegen du offensichtlich ungeschoren davonkommst.“
„So, dann nimmt er einen Menschen also ernster als seinesgleichen?“, fragte Minoru scharf. „Woher hat er dieses Menschending überhaupt?“
Myōga schaute ein wenig ungläubig drein und hielt einen Moment inne. Er hatte schon den richtigen Jungen aufgesucht, aber wo um alles in der Welt hatte der auf einmal seine Kommunikationsgrundlagen gefunden? Er fragte tatsächlich nach!
„Rin begleitet ihn bereits seitdem sie sehr klein war“, antwortete der Alte bereitwillig. „Sie war ein Waisenmädchen, das von den Wölfen – Kōgas Wölfen – getötet wurde, als diese noch marodierend durch die Lande zogen. Sesshōmaru-sama hat sie mit Tenseiga, seinem Schwert, das er einst von seinem Vater ererbt hat, dem Tod entrissen. Seither folgt sie ihm und ist sein Mündel.“
Minoru hatte Mühe, einen irritierten Ausdruck zu unterbinden. Ein Schwert, das die Toten wieder ins Leben rufen konnte machte seinen Besitzer zum wahrscheinlich mächtigsten Mann der Welt. Verlorene Truppen wiederbeleben und seine Reihen erneut aufstocken, niemals den Tod fürchten! War er deswegen so kommentarlos gegangen? Weil er Rin ohnehin hätte retten können und er selbst nie in Gefahr war? Wenn ja, hätte Rin das ruhig einmal während ihres fortwährend sinnlosen Geplappers erwähnen können. Dann hätte er sich die Mühen, sie heil abzuliefern, getrost ersparen können.
„Praktisch“, gab er schließlich zu und ließ von seiner Verwirrung nichts nach außen dringen.
So faszinierend die Vorstellung der Existenz einer solchen Waffe war, klang das doch sehr abgehoben und unwahrscheinlich. Doch was wusste er schon? Eindeutig zu wenig, wie es schien.
Im Gegensatz zu ihm wusste dieser Myōga für seine erstaunlich winzige Größe aber eine ganze Menge und schien dieses Wissen auch offenherzig teilen zu wollen, solange er nur das Gefühl hatte, dass ihm jemand wirklich zuhörte. Wenn er dieses Mädchen ins Leben zurückgeholt hatte war es nur folgerichtig, dass er sich auch um sie kümmern musste. Ob sie nun ein Mensch war oder nicht, war dabei Minorus Meinung zur Folge einerlei. Allerdings hielt sich nicht jeder an diesen Grundgedanken, dass man die Verantwortung für jemanden trug, sobald man ihm das Leben oder Überleben auf dieser Welt ermöglicht hatte – das beste Beispiel für den Verstoß dieses Gedankens waren seine Eltern. Warum er sich von diesem Menschenkind allerdings beeinflussen ließ, war Minoru schleierhaft und er wollte auch Myōga sicherlich nicht nach einer Erklärung fragen.
„Ich hatte erwartet, dass du dich zurückziehst. Allerdings nicht, dass du es nicht einmal einen Tag lang aushältst.“ Minoru hob mit stumpfem Blick den Kopf und betrachtete Nobu, der mit langen, gezielten Schritten auf ihn zusteuerte. „Geht es dir besser als gestern?“
„Es geht mir gut, danke“, erklärte Minoru leichthin und stand langsam auf. Von Myōga fehlte nun erneut jede Spur, aber er ahnte, dass dieser Floh sich nicht weit von ihm entfernt hatte.
Nobu hielt auf der Stelle an, als er den misstrauischen Blick des Jungen bemerkte. Minoru verkrampfte ein wenig. Was sollte er davon halten, dass dieser seltsame Wolf Takeru nicht mitgebracht hatte, wo er doch schon vor einigen Stunden losgezogen war, um mit Nobu zu sprechen? Er brummte kaum hörbar und Nobu zog fragend eine Braue hoch.
„Du sorgst dich um deinen Freund? Weißt du eigentlich, dass du damit so einige Grundregeln in deinem Volk brichst?“, fragte er offen. Minoru biss für einen Moment die Zähne zusammen und kämpfte das Misstrauen herunter. Er würde Takeru in dessen eigenen vier Wänden wohl kaum wirklich schaden, wenn er ihn zuvor noch gerettet hatte. „Wenn man sie so einfach brechen kann, sind es vermutlich doch nur Vorurteile.“
Er wollte Nobu nicht sein halbes Leben zu Füßen legen und ihm sagen, dass er mehr war als ein Inuyōkai – oder genau genommen weniger als das.
Der Daiyōkai lachte laut auf. „Sehr wahrscheinlich hast du recht. Du solltest allerdings auf deine Zunge achten. Andere, die nicht so angetan von dir sind, könnten dich als frech empfinden und sehr schnell beseitigen, mein Junge.“
Minoru entgegnete nichts, aber sein frostiger Gesichtsausdruck sprach Bände.
„Ah, schon verstanden. Du bist nicht 'mein Junge' “, Nobu musste grinsen. „Vielleicht sind es doch nicht alles Vorurteile.“
„Wo ist Takeru?“, fragte Minoru nun doch ernst.
„Deinem hitzköpfigen Freund geht es gut. Er unterhält sich mit meiner Tochter und ich empfand es als aussichtsreicher, stattdessen dich aufzusuchen. Halte ich dich von etwas ab, wenn wir von deiner kostbaren Einsamkeit einmal absehen?“
Er schüttelte den Kopf. Was sollte das werden? Der Mann war ihm deutlich zu schnell was Interpretationen seines Verhaltens anging, während er selbst nicht einmal den Grund erfassen konnte, warum dieser Kerl Atem an ihn verschwendete. Da war doch irgendetwas faul. „Außenposten zu kontrollieren ist dutzende Male sinnvoller, als Herumsitzen. Ich weiß überhaupt nicht, was ihr jungen Leute daran findet. Wir sind uns zwar einig, dass die Panther nicht über Nacht erneut angreifen werden, aber die Männer sollten trotzdem wissen, dass wir ihre Dienste benötigen und sie ernst nehmen.“
Nobu ging schon seit gut einer Stunde voran. Mit seinen massigen Pfoten bahnte sich der sandfarbene Wolf federnd und trotz des gewaltigen Gewichts erstaunlich elegant einen Weg über den steinigen Hang. Für einen gewöhnlichen Wolf hatte er ein beachtlich breites Kreuz und seine abnorme Größe ließ Minoru neben ihm wie den schmächtigen Halbwüchsigen aussehen, der er letztlich auch war.
Er hatte Minoru bezüglich dieses Ausflugs keine Wahl gelassen. Vermutlich hätte er Nobu sagen sollen, dass er nicht wisse, wie er seine verletzte Schulter überhaupt bewegen solle, statt ihm zu antworten, er fühle sich gut. Vielleicht hätte er ihn dann in Ruhe gelassen. Dämlicher Hochmut. Entgegen seiner Aussage pochte seine Schulter immer noch schmerzhaft, aber er versuchte sich davon nichts anmerken zu lassen. Nobu sah zwar, dass er immer wieder einen Moment ausruhen musste, das Gesicht verzog oder das rechte Vorderbein entlastete, aber er sprach ihn weder darauf an, noch ließ er sich dazu herab, deswegen ein langsameres Tempo anzuschlagen.
Minoru war allerdings nicht blind: Dass Nobu sich ihm gegenüber als sehr nachsichtig und freundlich zeigte, war vermutlich Indiz genug, dass dieser Mann ihn nicht abschrecken, sondern eher einladen wollte. Die Frage blieb nur seine Intention – und ob er auf Dauer ein solches Betragen an den Tag legen würde oder sich um 180° wenden könnte, wenn Minoru ihm erst einmal zugesagt hatte. Es lag nahe, dass er diesen Ausflug nutzte, um Minoru eine Chance zu geben, ihn näher kennen zu lernen. Immerhin schien er sehr daran interessiert, ihn mitzunehmen und bisher hatte er die Wahl zwischen Einsamkeit, einem Freund und einem dubiosen Fremden – wer da als erster ausgeschlossen werden würde, war doch sehr deutlich.
Der Dosanko hielt bei den Wachposten, die sowohl aus Kōgas als auch aus seinen eigenen Männern zusammengesetzt waren und unterhielt sich mit ihnen, ohne die Form zu wechseln. Das war mehr als interessant. Minoru hatte schon sehr früh festgestellt, dass er einen anderen Hund nur dann verstehen konnte, wenn er seine humane Form aufgab – sehr zum Entsetzen seiner Mutter, die diese Art von Verwandlung für unwürdig hielt. Die Ookami waren offensichtlich durchaus in der Lage, diese Grenze zu überschreiten, auch wenn die Soldaten sich dafür einer Kommunikation aus Knurren und Grummeln bedienen mussten, die für Minoru nur schwer als Sprache zu entziffern war, während er Nobu hingegen ganz klar verstand.
Er legte die Ohren ein wenig an. Vielleicht lag es einfach daran, dass es für die Wölfe völlig normal war, mit den gewöhnlichen Tieren zusammenzuleben, während die anderen Völker an solcher Gesellschaft kein Interesse zeigten. Weder am westlichen Hof noch bei den Kitsune war ein solches Zusammenleben die Regel.
Als Nobu weitertrabte, ging Minoru davon aus, dass die Unterhaltung vermutlich zu einem Ende gekommen war und folgte ihm schweigend einen angenehmen zu begehenden Pass hinab, der in ein Waldstück des Hochlandes führte.
„Hätten sie ihre verfluchte Illusionistin nicht gehabt, wäre dieser unangenehme Zwischenfall deutlich schneller beseitigt gewesen. Es ist linkisch, auf diese Art einen Krieg zu führen. Feige. Sie haben Takerus Eltern mit einer Illusion von ihm getäuscht und ihnen vorgegaukelt, sie hätten ihn als Geisel genommen. Bis ich Kōga davon überzeugen konnte, dass das reine Scharade war, hat es mehrere Wochen gedauert. Er wollte seinen Sohn nicht gefährden und das kann ich durchaus nachvollziehen. Sobald aber Shunran unter den Gegnern ist, muss man mit allem rechnen. Und kaum, dass wir uns entschlossen hatten, ihre sichtbaren Reihen auszuheben, haben sie Takeru tatsächlich als Geisel genommen. Er kann von Glück sprechen, dass seine Eltern ihn erkannt haben. Kōga war darauf aus, den nächsten Panther, der sich als sein Sohn ausgibt, sein eigenes Fell fressen zu lassen.“ Er wandte sich um und sah Minoru durchdringend aus seinem gesunden Auge heraus an. „So führt man keine Kriege, wenn du verstehst. Wenn man nicht in der Lage ist, auf ehrliche Weise zu gewinnen, sollte man zuhause bleiben, sich in eine Ecke verkriechen und schämen, überhaupt auf solche Gedanken zu kommen.“
Minoru ließ sich diese Dinge eine ganze Weile durch den Kopf gehen. Es war durchaus feige, sich auf dieses Niveau herabzulassen und mit so billigen Tricks zu arbeiten. Der Panther-Clan war in seinem bisherigen Auftreten nicht besonders stark gewesen, wenn sogar er einer von ihnen gefährlich werden konnte – oder sie waren allgemein zu sehr von ihrem eigenen Blendwerk überzeugt. Seine Art an die Sache heranzugehen und sich wie ein verspielter Welpe zu benehmen war mit Sicherheit auch nicht der feinste Zug gewesen. Ihm war jedoch ohnehin völlig unverständlich, warum man überhaupt so mit sich spielen ließ. Waren Kōga und Ayame nicht in erster Linie ihrem Rudel verpflichtet und dann ihrem Sohn? Wenn sie ihn so sehr liebten, dass sie dazu bereit waren, ihre Ländereien abzutreten und sich zu einem Spielball gegen den Westen machen zu lassen, war das dann eine vertretbare Handlung?
„Ich verstehe, was Ihr meint“, gab Minoru nach Minuten des Schweigens zurück. „Aber ich kann nicht behaupten, ehrenhafter gehandelt zu haben, als ich Shunran angegriffen habe – und ich denke nicht, dass das entschuldbar ist, weil sie sich dieser Dinge auch bedient hat.“
„Ich hatte damit nicht beabsichtigt, dir einen Vorwurf zu machen“, meinte Nobu überrascht. „Aber du hast natürlich recht. Es war hinterlistig von dir, dein Yōki so weit herunterzufahren, dass sie dich nur für einen einfachen Hund halten konnte.“
Minoru blieb einen Moment stehen und starrte Nobu an. Er hatte sein Yōki noch nie heruntergeregelt, er hätte nicht einmal gewusst, wie er das auch nur im Ansatz bewerkstelligen konnte. Statt ihm vorzuwerfen, ein schwaches Yōki zu besitzen, hätte er ihn auch gleich für lebensunfähig erklären können. Das kam auf dasselbe heraus und war vermutlich weniger beleidigend. Nobu sah ihn verblüfft an: „Was ist?“
„Ich habe nichts an meinem Yōki gemacht“, gab Minoru leise, aber verbissen zurück.
Nun hielt auch Nobu an und wandte sich zu ihm um. „Bist du dir sicher?“
Er nickte knapp und sein Gegenüber schlug einmal aufgebracht mit der Rute, bevor er sich setzte.
„Du wechselst aber mehr zwischen deinen Formen umher, als jeder andere, den ich kenne – und das ohne jegliche Zwischenfälle“, er lächelte mild. „Hat dich noch niemand darauf angesprochen?“
Minoru ließ sich ebenfalls auf den Hinterbeinen nieder und sah ihn einen Moment an, bevor er den Kopf schüttelte.
„Dann erklärt das zumindest, warum deine Schulter nicht schneller wieder verheilt. Ich war davon ausgegangen, du stellst dich schwächer als du bist... davon sind wir alle ausgegangen.“ Er schloss für einen Moment die Augen und schien nachzudenken, bevor er wieder aufstand und seinen Weg fortsetzte. Minoru folgte ihm und hoffte insgeheim, dass endlich einmal jemand ein gewisses Maß an Wissen mit ihm teilen würde. Stattdessen begann der Wolf mit einem ganz anderen Thema.
„Es gibt zwei umfassende Blickwinkel, die unser Leben bestimmen. Das eine sind die primären Dinge, die uns in die Wiege gelegt werden und an denen wir nur schwer etwas zu ändern vermögen. Das andere ist das, was wir daraus machen. Unser Aussehen, die Familie, in die wir geboren werden, oder ob wir als Mann oder Frau auf die Welt kommen, liegt nicht in unseren Händen. Was wir jedoch sehr wohl entscheiden können, ist alles, das über diese primären Grundlagen hinausgeht. Willst du deinen Idealen treu bleiben oder setzt du dich über sie hinweg? Zu welchem Preis würdest du deine Ideale verwerfen – für dich selbst, für andere oder weil es sonst auch alle tun? Allein dazu gibt es sicher so viele Meinungen, wie du Situationen und Köpfe zählen kannst. Es ist deine Verantwortung, egal wie du dich entscheidest. Du bist noch überaus jung und trotzdem ich dich für einen sehr gescheiten Jungen halte, wird es noch eine lange Zeit dauern, bis du den vollen Umfang dieser Tatsache begriffen hast. Wir können unserem Leben nicht entfliehen – nicht diesen primären Grundlagen und auch nicht dem Einfluss durch andere. Wir können den Widrigkeiten aber mit einem wachen Kopf begegnen.“
Er machte einen Satz auf einen Felsen und witterte kurz, bevor er sich Minoru zuwandte. „Was nimmst du wahr?“
Der weiße Hund schloss für einen Moment die Augen. „In der Nähe eine Gruppe... Ziegen?“
„Es sind Steinböcke.“
„Eine Gruppe Steinböcke. Mindestens vier. Südöstlich gelegen. Ein gerissener Hirschkadaver. Schon einige Tage alt.“
Nobu nickte nur stumm und ging weiter. Minoru sah ihm einen Moment missmutig nach. Er hasste es, solche Aufgaben gestellt zu bekommen.
„Ich wurde auf einem Hof geboren, der kaum größer war als manch menschlicher Bauernhof – und nicht nur in seiner Größe hat das Anwesen meines Vaters an einen solchen Ort erinnert. Meine Familie mütterlicherseits wanderte vor Jahrtausenden mit sehr wenigen Mitgliedern über das Festland von Europa nach Hokkaidō. Meine Mutter wurde von ihrem Vater mit einem dortigen Daimyō verheiratet. Ein unwichtiger, schwacher Mann mit wenig Ambitionen, wenn man von seinem eigenen Wohlbefinden absah – aber für solche Dinge hatte mein Großvater keinen Blick. Die Allianz zwischen ihnen kam zustande, aber die Familie meiner Mutter war nicht in der Lage, ihre Stellung damit auf Dauer zu etablieren. Das lag sehr wahrscheinlich daran, dass sie mit den hiesigen Gepflogenheiten nicht zurechtgekommen sind. Europäer haben ein durchaus anderes Empfinden, was Anstand und Politik betrifft. Es ist nicht möglich, auf diesem Fleckchen Erde Fuß zu fassen, wenn man mit aller Gewalt dessen Wesen verneint. Ich wuchs am Hof meines Vaters auf, gemeinsam mit meiner Mutter, die sich dort nie wirklich wohl gefühlt hat. Aber im Gegensatz zu meinem Vater wollte ich mehr. Er hatte sich das gemütliche, herrschaftliche Leben bei den Daimyō jenseits der Meerenge abgeschaut und herrschte nun über den mickrigen Haufen Erde, den er Heimat nannte, hielt sich aus den Streitigkeiten zwischen den Rudeln heraus und tat so, als ginge ihn die Welt nichts an. Man hätte ihm seinen Hof unter dem Hintern wegstehlen können und er hätte es kaum bemerkt, schätze ich. Ich entwickelte zu seinem Entsetzen einen Drang, mich zu beweisen, diesen verfluchten Hof zu schützen und begann, Verhandlungen mit anderen Rudeln zu führen oder mich in ihre Kämpfe einzumischen. Ich bin ein passabler Schwertkämpfer und war mir meiner Größe immer bewusst. Mit vierzehn habe ich auf meinen Vater herabsehen können und für einige reicht Größe allein, um sie einzuschüchtern. Es brauchte über ein Jahrtausend bis die meisten Rudel Hokkaidōs unter meinem Kommando standen. Allianzen kann man auf verschiedene Weisen schmieden – mit Wort, Schwert und Heirat. Ich selbst ziehe es genau in dieser Reihenfolge vor.“
„Ihr habt geheiratet, um Hokkaidō ganz zu bekommen“, riet Minoru offen und Nobu lächelte ein wenig. „Habe ich. Ihr Vater war ein ziemliches Hindernis. Alt und mächtig, aber was mir im Weg stand war eher den Schatten, den er noch aus seiner Jugend über das Land warf. Er lehnte mir gegenüber jedwedes Gespräch ab, sah mich als Emporkömmling einer unbedeutenden Familie ohne Einfluss und selbst unter meinen eigenen Leuten rief sein Name Ehrfurcht hervor - und die brichst du nicht so schnell. Sie hatten keinen Grund ihn zu hassen, also war auch ein Kampf gegen ihn ausgeschlossen. Ich habe ihn lange Zeit vollkommen ignoriert - so wie er mich - und bin mit meinen Leuten nach Honshū gegangen und habe mich an damaligen Kämpfen hier beteiligt. Dieses Land ist nie ruhig und wenn auch noch andere Clans vom Festland einwandern, kannst du Gift darauf nehmen, dass es zu Streitigkeiten kommt – dafür bin ich allein das beste Beispiel. Die Motten-Dämonen, die damals von China übersetzten, waren allerdings eine Bedrohung für uns alle. Der damalige Inu no Taishō, Sesshōmaru-samas Vater, hatte ihnen den Krieg erklärt, als er begriff, dass sie Japan lediglich ausschlachten wollten, wie unsereins einen fetten Hirsch ausweidet. Der Taishō hat seine Angelegenheiten noch nie breitgetreten und es hat mich mehrere Wochen gekostet, ihn davon zu überzeugen, dass es auch für uns Dosanko wichtig ist, was hier auf Honshū geschieht. Als wir schließlich siegreich nach Hause zurückkehrten, bin ich an den Hof seiner verschrobenen Ehrwürdigkeit gegangen und habe ihm mitgeteilt, dass ich seine Tochter heiraten werde.“
Minoru zuckte kurz belustigt mit dem Schwanz. Vielleicht störte sich Nobu wenig an seiner frechen Art, weil er selbst eigentlich gar nicht so viel Anstand besaß, wie er seiner Umwelt weiß machen wollte.
„Er hat eingewilligt. Allerdings nicht, weil er mich nun plötzlich so überaus liebgewonnen hatte, sondern weil ihm während meiner Abwesenheit auf Hokkaidō aufgegangen war, dass plötzlich alle Ookami, die seiner Tochter zumindest annähernd in Rang und Namen entsprachen, mit mir in den Krieg gezogen waren – und ich keinem meiner Männer erlauben würde, eine Frau zu heiraten, die mir den Weg zu dieser gottverdammt kalten Insel eröffnete. Wenn er seine Tochter also folglich nicht als alte Jungfer sterben lassen oder unter Stand verheiraten wollte, blieb ihm nur der störende Emporkömmling.“
Er grinste ein wenig belustigt vor sich hin und sah Minoru an, der nicht ganz verstand, auf was Nobu hinaus wollte. Als er jedoch jedwedes Lächeln verlor und leise seufzte, fröstelte der Hund unwillkürlich.
„Ich habe sie geliebt... Gott weiß, ich habe sie geliebt. Mehr als du dir vorstellen kannst. Das war nicht geplant. Ich hatte nie ein Auge für Frauen. Nur für Ambitionen, Krieg und Machtkämpfe. Ich wollte sie als Mittel zum Zweck und um einen Sohn zu zeugen, der mein Erbe fortführen könnte, wenn ich einmal nicht mehr wäre. Das geschieht schneller als man denkt. Ich hatte Brief und Siegel darauf geben wollen, dass ich vor dem Inu no Taishō mein Grab in der Zwischenwelt aufsuche, aber manchmal passieren Dinge, die man nicht berechnet hat. Ich wollte mich nicht in sie verlieben. Ich wusste gar nicht, dass das so einfach möglich ist. Als wir unseren Sohn bekommen haben, war ich wie gelähmt. Jahrelang. Er ist schneller erwachsen geworden, als mir lieb war und bedauerlicherweise schlug er auch deutlich zu sehr nach mir. Wo ich Tatendrang zuvor noch so hochgehalten hatte, wollte ich ihm diesen nun lieber ausreden, wünschte, er sei ein wenig ruhiger, ein wenig mehr wie seine Schwester, aber davon war er weit entfernt. Ich hätte nie gedacht, ihn noch so spät zu verlieren. Er ist vor einigen Jahren im Kampf gefallen. Einem Kampf, den ich in meiner maßlosen Dummheit auch noch als sicher erachtet hatte, und meine Frau starb kurz darauf. Ich weiß bis heute nicht woran. Sie lag einfach da und hat sich nicht mehr gerührt. Yumiko ist alles, was mir von meiner Familie geblieben ist – und ich würde ganz Hokkaidō eintauschen, um sie alle wieder bei mir zu wissen.“
Seine Stimme war die ganze Zeit über fest und hart geblieben, stets mit dem tiefen Knurren, das er immer in seinen Worten trug. Minoru hatte Menschen in den Städten und Dörfern bei solchen Worten weinen sehen, aber an Nobu schienen diese Gefühle abzuprallen.
„Weißt du, warum ich dir das alles erzähle, Junge?“, fragte er schließlich.
„Ich schätze, damit Ihr kein Fremder mehr für mich seid“, meinte Minoru aufrichtig und schüttelte ein wenig die linke Pfote aus, die er deutlich mehr belastete als die rechte.
„Ja, zum einen das, aber es ist mir viel wichtiger, dass du eine andere Sache verstehst: Wir sind mächtig, wir haben einen freien Willen und wenn wir wirklich wollen, können wir die Geschichte nach unseren Vorstellungen formen. Aber es wird nie möglich sein, alles Schlechte von uns abzuwenden, alles einzukalkulieren und jeden Schritt im Leben sicher und korrekt zu setzen, ganz egal wie mächtig wir auch sein mögen. Ich möchte, dass du daran denkst, bevor du dir eine Meinung bildest oder über jemanden urteilst – auch wenn dieser jemand du selbst bist.“
Er nickte langsam und versuchte noch immer herauszufinden, warum es dafür nötig gewesen war, dass er ihm sein ganzes Leben so offen darlegte. Aber vielleicht sollte er auch einfach nur den Versuch aufgeben, irgendetwas verstehen zu wollen und stattdessen froh darüber sein, dass Nobu im Gegenzug nicht Selbiges von ihm verlangte.
Die zwei anderen Außenposten, die sie an diesem Nachmittag anliefen, waren spärlich besetzt, aber die Wachen, die sich dort befanden, waren doch erstaunlich zufrieden und schienen den Besuch tatsächlich zu genießen. Auf dem Rückweg berichtete Nobu von Hokkaidō, einer Insel, die deutlich spärlicher mit Menschen besiedelt war als Honshū. Der Boden gab für den für sie so wichtigen Ackerbau wenig her und auch sonst schien dieser Ort ein eher karger, kühler Fels im Meer zu sein.
Als sie schließlich bei Einbruch der Dunkelheit zurück zum Rudel gelangten, schlief Minoru beinahe im Stehen ein. Nicht, dass solche langen Märsche ihm etwas ausmachten, aber er verdammte diese Schulter zutiefst.
Der Dosanko schüttelte neben ihm das sandfarbene Fell auf und streckte sich, bevor er sich fließend wieder auf zwei Beine erhob und seinen schwarzen Kimono glattstrich. Minoru gab das wärmende Fell der Höflichkeit wegen ebenfalls auf. „Ich danke Euch für Eure Offenheit“, sagte er schließlich. Das war das Mindeste, das er ihm für diese freien Erzählungen und Ratschläge entgegenbringen sollte, ganz gleich, was er davon hielt.
„Ich habe deine Begleitung heute sehr genossen und ich hoffe, du wirst irgendwann einmal Nutzen aus dem ziehen können, was ich dir heute erzählt habe“, antwortete Nobu ruhig und musterte ihn eindringlich. „Darf ein wohlgesonnener Wolf dem Hund noch einen guten Rat mit auf den Weg geben?“ Minoru nickte knapp. Als Nobu jedoch die Hand nach seiner Rechten ausstreckte, zog er sie hinter seinen Rücken. Nobu schmunzelte etwas schief und nahm seine Hand zurück, bevor er wieder ernst wurde. „Du solltest dringend dieses Armband loswerden.“
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