Siebzehn Tode im Leben des Henry Morgan

von Spitzohr
KurzgeschichteAngst, Übernatürlich / P16
Abraham "Abe" Morgan Dr. Henry Morgan
22.09.2015
27.11.2015
3
3853
7
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo.
Vielen Dank, dass du reinschaust. Falls es wegen der Autoren-Alerts ist: ich weiß, ich weiß. Ich habe mir noch ein neues Projekt aufgehalst, obwohl ich noch drei Geschichten am Laufen habe. Aber wenn die Inspiration zuschlägt, schlägt sie halt zu. Und mir hat sie dabei ein gewaltiges Blaues Auge verpasst, als ich dieses wunderbare Projekt gesehen habe. Hier einmal der Link dazu: http://forum.fanfiktion.de/t/21227/1
Da musste ich einfach sofort an Forever und nun einmal gerade an Henry denken. Und das hier ist der erste Teil des Ergebnisses.
Viel Spaß beim Lesen, ich hoffe, es gefällt euch.
Eure Spitzohr


Kapitel Eins – Ein Tod mit Zeit

Es war Samstagabend und Abraham genoss seinen Feierabend mit einem Glas Rotwein und einer Jazz-Schallplatte. Lange konnte er seine wohlverdiente Ruhe allerdings nicht genießen, denn das Klingeln der Ladentüre durchbrach die Stille, gefolgt von den eiligen Schritten Henry Morgans.

„Wir haben keine Zeit!“, verkündete dieser mit dringlicher Stimme, als er auch schon an Abraham vorbei und in seinen Keller hinab eilte.
„Für einen Mann, der über 200 Jahre alt ist, ist das eine ziemlich spitzfindige Aussage“, rief Abraham ihm stirnrunzelnd hinterher. Er ließ sich von der Hektik seines Ziehvaters nicht anstecken und folgte ihm in einem gemächlicheren Tempo die Stufen hinab. Was er sah, gefiel ihm überhaupt nicht.

Henry hatte irgendein Reagenzglas oder Phiole oder sonstiges schmales, längliches verschlossenes Röhrchen aus seiner Manteltasche gezogen und betrachtete es prüfend unter dem Licht seiner Schreibtischlampe.

„Was ist das?“, erkundigte sich Abraham nach einem Moment der Stille mit einer unguten Vorahnung im Gefühl.
„Das“, erklärte Henry und sah für einen kurzen Augenblick zu Abraham auf, „Ist das Gift, an dem der arme Teufel gestorben ist, der heute auf meinem Metalltisch lag.“
Die ungute Ahnung verstärkte sich. „Lass mich raten“, brummte Abraham und verschränkte grimmig die Arme, „Es ist auch das Gift, das du dir gleich in die Vene jagen wirst.“
Henry hielt abrupt in seiner Suche nach einer Spritze inne und sah diesmal lange zu Abraham. Sein Gesicht wandelte sich in eine entschuldigende Miene. „Abraham…“
„Nein. Nein, ist schon gut“, Abraham musste sich sehr zurückhalten, nicht laut zu werden, „Mach du nur. Bring dich ruhig mal wieder um.“ Wut stieg in ihm auf. Begriff Henry nicht, wie weh es ihm tat, seinen Vater immer und immer wieder sterben zu sehen, ganz gleich ob er nicht tot blieb?

Henrys Miene wurde schuldbewusster. Etwas in seinem Blick ließ die losen Enden in Abes Kopf zusammenklicken. „Oh nein.“
„Abraham, bitte.“
„Nein. Ich werde dich nicht vergiften, Henry.“
„Abraham.  Hier stehen Leben von Menschen auf dem Spiel.“
„Der Mann in deinem Kühlfach ist doch schon dran gestorben.“ Abraham wusste, dass er trotzig wie ein kleines Kind klang, aber etwas daran ändern wollte er auch nicht wirklich.

„Aber er wird nicht der einzige bleiben“, erklärte Henry mit einem Blick, der seinen jung aussehenden Körper Lügen strafte, „Er hat an dieser Giftmischung gearbeitet.“
„Aber wenn er jetzt tot ist, ist doch alles gut.“ Abraham glaubte selbst nicht an seine Worte, aber er konnte nicht anders, als sich an jeden noch so dünnen Strohhalm zu klammern.
Henry seufzte. „Er hat mindestens einen Komplizen, und der ist leider quicklebendig. Ich konnte diese Mischung chemisch gesehen in die meisten Bestandteile aufspalten. Aber ich kann leider trotzdem nicht genug über die Wirkungsart des Giftes sagen. Besonders die Dauer hat sich für mich aus der Autopsie nicht ergeben. Dafür war er bei der Herstellung kleinen Dosen zu regelmäßig und zu langfristig ausgesetzt. Ich muss wissen, wie schnell dieses Gift den Schaden anrichtet.“
„Aber das könnte Tage dauern“, gab Abraham zu bedenken, unwillkürlich von der Problematik des Falls zu Überlegungen angespornt, „Wenn er schon langfristig dem Zeug ausgesetzt war, könnte es ewig brauchen, bis es wirkt.“
„Und um das herauszufinden, brauche ich deine Hilfe“, erklärte Henry.
Abraham seufzte. Er fühlte sich danach, den Kopf hängen zu lassen und noch ein wenig auf stur zu schalten, aber eigentlich wusste er, dass er schließlich nachgeben und seinem Vater die tödliche Injektion verabreichen würde. Widerwillig schritt er zu Henry und griff nach einem Paar Einweghandschuhe auf dem Schreibtisch, den Blick geflissentlich auf die schwere Holzplatte gerichtet. „Na schön.“

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und drückte sanft zu. Abraham sah auf und direkt in die braunen Augen seines Vaters, sanft und gütig und mit dem liebevollen Ausdruck, der Abraham in über siebzig Jahren so vertraut geworden war. Er schluckte und senkte wieder den Blick, um sich die Handschuhe überzuziehen. Henry machte sich daran, das Gift in eine Spritze umzufüllen.

Durch die geöffnete Kellertür drangen die Töne eines Saxophon-Solos, während die beiden Männer in stillem Einklang den bevorstehenden Tod des Gerichtsmediziners vorbereiteten. Schließlich legte Henry sich auf die alte, lederne Liege, auf der er sich schon verschiedene Gifte zu ermittlungstechnischen Zwecken verabreicht hatte. Abraham, die präparierte Spritze in den von hellblauen Gummihandschuhen geschützten Händen, sah fragend zu ihm herunter. Henry atmete tief durch und nickte entschlossen. „Bitte, bring mich um.“

Diese Worte hatte Abraham schon öfter zu hören bekommen, als ihm lieb war. Und auch, wenn er es schon ebenso oft getan hatte, fühlte er sich noch immer nicht wohl dabei. Er musste sich zwingen, seine Hand stillzuhalten und ein leichtes Zittern zu unterdrücken, während er die Spritze gezielt an Henrys Armbeuge ansetzte und die Nadel durch die Haut stach.

Beide starrten wie gebannt auf die Flüssigkeit, die in den Blutkreislauf von Henry gedrückt wurde, bis nur noch der Kolben der Spritze zu sehen war. Dann zog Abraham die Nadel aus Henrys Armbeuge und legte die Spritze umsichtig auf den Schreibtisch, um sie später ordentlich zu entsorgen. Zunächst galt seine volle Aufmerksamkeit seinem Vater.

Der sah erwartungsvoll auf seine Armbeuge, als ob er darauf wartete, zu spüren, wie sich das Gift in seinem Körper ausbreitete. Die Sekunden verstrichen und seine Augenbrauen wanderten in die Höhe. Abrahams Augenbrauen taten es denen Henrys gleich. Nach einer knappen Minute warfen sich die beiden Männer einen raschen Blick zu, bevor sie sich wieder auf den Arm konzentrierten.
Eine weitere Minute verging. Noch immer keine erkennbare Veränderung an Henrys kerngesundem Zustand – den geistigen mal außen vor gelassen. Diesmal sahen sich Henry und Abraham länger an, beide leicht verunsichert. Abraham zog fragend die Augenbrauen hoch, doch Henry konnte zur Antwort nur mit den Schultern zucken.

Nach einigen weiteren Augenblicken der Stille, nur durchbrochen von dem nächsten Stück auf Abrahams Schallplatte, setzte Henry sich auf und schwang die Beine von der Liege. „Das war recht enttäuschend“, seufzte er und krempelte sich den Hemdsärmel herunter, „Allerdings ist es durchaus erfreulich, dass man nach Kontakt mit dem Gift nicht sofort zusammenbricht. Vielleicht kann ich ja sogar noch das Abendessen genießen, bevor es mir schlechter geht.“
„Ich muss erst noch kochen“, rief Abraham überrascht, „Das kann noch ein Weilchen dauern.“
„Und ich hatte mich schon darauf gefreut, mich gleich an den Tisch setzen zu können“, neckte Henry ihn.
Abraham warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Ich wusste noch nicht mal, wann du nach Hause kommst. Bei ‘ner frischen Leiche weiß man bei dir doch nie.“
„Stimmt“, lachte Henry und stand auf. Er schlang Abraham liebevoll einen Arm um die Schulter und lotste ihn aus dem Keller. „Komm, lass uns zusammen kochen. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.“
„Lieber nicht“, wehrte Abraham ab, „Am Ende wirkt das Gift noch im falschen Moment und dir fällt die Pfeffermühle in den Topf.“ Henry lachte auf und schloss den Keller hinter ihnen ab.

Das Lachen verging ihm, als sie die Küche erreichten und er mit einem Mal einen schmerzerfüllten Laut von sich gab und eine Hand gegen die Brust presste. Reflexartig griff Abraham zu, um seinen Vater vor einem Stolpern zu bewahren.
„Das Essen wird noch eine Weile warten müssen“, stieß Henry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „Vorher werde ich wohl ein kleines, spontanes Bad einlegen.“
„Und du wunderst dich, woher ich die Unart habe, dauernd zu spät zu sein“, murmelte Abraham, während er Henry zu einem Stuhl half. Henry griff gerade mit zittriger Hand nach der Lehne, um sich vorsichtig zu setzen, als seine Beine nachgaben. Mit einem dumpfen Aufprall schlugen seine Knie auf dem Küchenboden auf. Sein Gesicht versteinerte sich. Er biss die Zähne zusammen, dennoch entwich ihm ein gequältes Stöhnen. Abraham, noch immer mit einer Hand auf Henrys Rücken, mit der anderen Henrys Hand haltend, ging neben seinem Vater in die Hocke und stützte ihn, damit er nicht hinten über stürzte.

Henrys Griff um seine Hand war eisern und der Druck verstärkte sich mit der Zeit, bis es schmerzhaft wurde. Doch Abraham verzog keine Miene. Sanft senkte er Henrys zitternden Körper nach hinten, bis Henry flach auf dem Boden lag und von Krämpfen geschüttelt wurde. Es war schrecklich mitanzusehen und schmerzte Abraham ebenso sehr wie Henry.
„Shhht, Abraham“, flüsterte Henry gepresst, „Alles wird gut.“ Es war absurd, dass der Sterbende  den Gesunden beruhigte statt umgekehrt, aber Abraham fühlte sich nach den Worten tatsächlich ein klein wenig besser. Lange hielt dies allerdings nicht an, denn kurz darauf begann Henry, von einem fürchterlichen Hustenanfall geschüttelt zu werden, bis einige Blutstropfen auf seine Weste spritzten.
„Versau mir bloß nicht den Boden“, mahnte Abraham mit erstickter Stimme. Er versuchte, sich und Henry irgendwie von den starken Schmerzen abzulenken, die Henry offensichtlich hatte. Das musste einer der schlimmeren Tode sein. Henrys Mundwinkel zuckten, aber ob im Versuch eines Lächelns oder vor Schmerzen, konnte Abraham nicht sagen. Der Körper seines Vaters zuckte abgehackter und in unregelmäßigeren Abständen. Seine Augäpfel rollten sich nach oben, seine Atmung setzte aus und nach einem langen Augenblick, in dem sein Rücken sich zu einem letzten Krampf nach oben durchdrückte, sackte er schlaff zusammen. Der Druck auf Abrahams Hand ließ nach.
Abraham spürte Tränen gegen seine Augäpfel drücken, doch sie flossen nicht, als er weiter die leblose Hand umklammert hielt wie einen Anker.

Mit einem Lidschlag war Henrys Körper verschwunden. Seine Hände waren urplötzlich leer und ähnlich leer fühlte er sich auch. Doch lamentieren half ja auch nichts. Seufzend erhob sich Abraham und verließ die Küche, um den stets fertig gepackten Beutel Kleidung für Henry und die Autoschlüssel zu holen.

Gerade als er den Laden verließ, schlug die zum Verkauf stehende Uhr halb elf.
Review schreiben