Neue Hoffnung - Teil 7

GeschichteAllgemein / P12
21.09.2015
03.11.2015
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Amber drückte Bethy fest an sich, küsste den winzigen Kopf des Mädchens und legte es zurück in das Bettchen, das im Kinderzimmer stand und Frieden ausstrahlte. Sie war dankbar für ihr kleines Glück, auch, wenn es viele Probleme in ihrer Welt noch immer gab. Sie verließ das Zimmer und das Haus und setzte sich auf die gepolsterte Bank auf der Veranda. Die Sonne ging gerade unter und die Luft erfüllte ein lieblicher Duft. Diese reine Luft – es hatte sich vieles zum Guten gewandt. In der Stadt hatte man an manchen Tagen kaum frei atmen können, so sehr hatte der Gestank in den Straßen gestanden und hatte jeden belästigt, der aus seinem Versteck gekrochen war. Es war kein fairer Kampf ums Überleben gewesen.

„Amber!“, Trudys Stimme erklang hell und Amber riss die Augen auf. Ihre Freundin war in eine aufwendige Strickjacke gehüllt, die lose über den Schultern lag. Seit sie ihre kleine Näherei betrieb, wirkte sie jeden Tag wie aus dem Ei gepellt, obwohl Marty sie am liebsten ohne großartigen Schmuck und Zier hatte. Doch Trudy eiferte dem Ruf einer ungekrönten Modekönigin nach, was – so der Dorfklatsch – höchstwahrscheinlich daran lag, dass sie nach ihrer Schwangerschaft eher rundlich um die Hüften geworden war und immer noch heimlich in Konkurrenz zu Amber oder Cloud trat. Manche Verhaltensweisen änderten sich eben nie.

„Trudy, leistest du mir etwas Gesellschaft? Die Kinder schlafen schon“, seufzte Amber und rückte symbolisch etwas auf der Bank. Mit einem entzückten Lächeln ließ sich Trudy nieder, strich ihren Rock in Form und seufzte: „Bray ist noch immer nicht zurück?“ In ihrer Stimme lag Neugier. „Nein“, antwortete Amber schlicht und legte ihre Beine auf den kleinen Hocker, der vor der Bank stand. „Sorgst du dich nicht um ihn?“, flötete Trudy und blickte mit künstlich gerunzelter Stirn zu Amber, die ahnte, auf was Trudy anspielte. „Nein“, entgegnete sie deshalb zufrieden, lehnte ihren Kopf entspannt gegen die hölzerne Hauswand. Im Westen verschwand die Sonne allmählich hinter der Bergkette und tauchte das Land in warme, fast surreal schöne Farben.

„Danni ist oft hier“, Trudys Stimme zog einen fragenden Bogen. Amber riss ihren Blick von den Bergen los, musterte etwas zu abschätzig ihre Nachbarin: „Cloud – und ja, seit Thunder weg ist und Sun auf der Schanze mehr Verantwortung bekommt, ist sie manchmal lieber hier. Brammy freut sich auch sehr, dass er sein Zimmer mit Brandon teilen darf.“ Milde lächelte Amber, als sie erkannte, dass Trudy etwas beleidigt die Augen niederschlug. Manchmal erinnerte sie die Freundin an eines dieser alten Tratschweiber, die nebenan gelebt hatten, als sie noch mit ihren Eltern in ihrem Häuschen in der Vorstadt gelebt hatte, Tür an Tür mit Dal. Sie seufzte sehnsüchtig. Er hätte es hier geliebt.

„Meinst du nicht, das hat noch einen anderen Grund?“, Trudy spitzte ihre Lippen und fixierte Ambers Augen. „Was vermutest du?“, fragte Amber, nicht ohne zu bemerken, dass sie denselben Ton anschlug, wie vorhin, als Brammy nach dem Zähneputzen noch etwas mit Brandon naschen wollte. „Ich meine, sie will plötzlich in einem Haus mit euch leben. Nun zieht sie mit Bray über die Insel. Bist du nicht etwas misstrauisch?“, Trudy legte ihren Kopf schief auf die Schultern und riss ihre Augen auf. Amber musste lachen. „Ach Trudy!“, sie schüttelte den Kopf und legte ihren Arm um ihre Freundin.

„Ich mache mir nur Sorgen, Amber“, schnaubte Trudy tonlos, „Danni war schon damals sehr besitzergreifend, was Bray anging.“ Amber lief rot an vor Wut. „Immerhin war sie mit ihm zusammen. Andere waren das nie, doch waren trotzdem nicht minder zickig, wenn es um ihn ging!“, sie kniff ihre Augen wütend zusammen, hoffte, dass sie Trudy gerade so getroffen hatte, dass sie ruhig, aber nicht pikiert war. „Amber, ich meine es nur gut“, seufzte sie, als fühlte sie sich verkannt.

„Danke, Trudy“, milde nickte Amber. „Weißt du, was die beiden machen?“, erneut flackerte Trudys Neugier auf wie eine alte Öllampe, die nie ganz auszukriegen war. Amber lächelte: „Ja.“ „Warum bist du dann nicht mit?“, Trudy prustete sich auf und sprach aus voller Brust. „Trudy“, säuselte Amber, „warum misstraust du den beiden so? Außerdem ist das eine Angelegenheit, die nur die beiden etwas angeht.“ Sie spürte eine leichte Leere im Bauch. Sicher war es seltsam gewesen zu wissen, dass Danni eigentlich sein erstes Kind erwartet hätte und dieses verlor, wahrscheinlich gerade als sie und Bray wieder zusammen gefunden hatten. Doch das musste sie nicht mit Trudy besprechen.

„Ich wüsste nicht, ob ich Marty erlauben würde, Heimlichkeiten vor mir zu haben“, murrte Trudy. „Das besondere an Heimlichkeiten ist, dass man sie nicht verbieten kann“, erwiderte Amber und schloss die Augen. „Was willst du damit sagen?“, kreischte Trudy, klang als würde sie gerade ersticken. „Nichts“, mütterlich lächelte Amber. Sie wusste, dass Trudy eifersüchtig auf Cloud war. Wieder einmal fühlte sie sich durch die dunkelhaarige Schönheit benachteiligt, wieder einmal ging es um Bray. Dass auch ihre beste Freundin mittlerweile einen engeren Kontakt zu ihrer Rivalin pflegte als zu ihr, brachte das Fass wohl zum Überlaufen. Amber hatte sich deshalb schon oft schlecht gefühlt, doch sie verband in manchen Momenten mit Cloud eben mehr, als mit Trudy, auch, wenn sie mit dieser alle schlimmen Zeiten im Leben verbracht hatte. Sie seufzte. Vielleicht musste sie sich wieder stärker um sie kümmern.

„Ich meine es wirklich gut mit euch“, betreten stammelte Trudy und senkte ihren Kopf, so dass ihr Gesicht kaum noch sichtbar war für Amber. „Das weiß ich“, Amber drückte sanft ihre Freundin, „aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen.“ „Wenn Thunder nicht wieder kommt…?“, wieder wurde Panik in Trudys Stimme laut. „Ach, Süße!“, versöhnlich zwinkerte Amber, „und schau mal, wer da hinten kommt!“ „Marty wollte doch eigentlich länger bei Jack bleiben?“, erstaunt rieb Trudy ihre Augen, als sie ihren Mann auf die beiden Frauen zu kommen sah. „Vielleicht vermisst er dich schon“, Amber legte ihre Hände zurück in den Schoss und faltete sie.

„Guten Abend ihr beiden!“, grüßte Marty und blickte seine Frau verliebt wie am ersten Tag an. Trudy lief rot an. Sie hatte doch so viel Glück im Leben gehabt und musste keinen alten Gespenstern hinterherlaufen. „Hat Jack dich genervt?“, amüsiert deutete Amber, er solle sich doch auf den Stuhl neben ihr setzen. „Nein, nein. Wir haben Neuigkeiten“, murmelte er stolz, „von May.“ Erstaunt stemmte Amber ihre Hände in die Seite und sah fragend zu Marty: „Sie ist doch gar nicht in Delete oder Despair?“ Gab es Neuigkeiten durch May, kamen diese meist von den beiden verbündeten Stämmen. Doch May hatte eine völlig andere Handelsroute vor sich. Ambers Gehirn begann zu rattern.

„Sie wurde kontaktiert und mit einem ‚Asylgesuch‘ ausgestattet. Ein alter Bekannter von uns, möchte, dass sie ihn an Board nimmt“, erzählte Marty brav, während Amber und Trudy überfordert lauschten. „Asyl?!“, kreischte Trudy. Marty nahm sanft ihre Hand, obwohl er sich dafür weit zu ihr beugen musste. „Wir haben das mal in einem der offiziellen Verträge verfasst. Aber davon wurde noch nie Gebrauch gemacht. Drifter werden eben doch einfach an Land gespült“, ahnungslos zuckten Ambers Schultern, „es handelt sich um einen formalen Paragraph, den neben uns Anführern vielleicht noch einige Journalisten oder Schreibhilfen der Technos kennen, die damals anwesend waren.“ Ambers Gedanken kreisten wie wild. Trudy drückte derweil Martys Hand, bis diese blau angelaufen war.