Neue Hoffnung - Teil 7

GeschichteAllgemein / P12
21.09.2015
03.11.2015
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„Jay?“, Hope trat mit ängstlichen Bewegungen in Rubys Garten. Jay saß auf der einen winzigen Bank, die vom Grillfest übrig geblieben war und starrte in die Leere. Er wirkte, als wäre er meilenweit entfernt von Gut und Böse. „Jay?“, sie erneuerte ihre Aussage und stützte die Stimme ein wenig, damit sie fester und minder ängstlich klang. Der Wind spielte kess mit ihren offenen Haaren. „Hope“, blass und zitternd saß der groß gewachsene, breitschultrige Jay auf der Bank und spielte nun nervös mit seinen Fingern, als wäre er ein Kleinkind, das sich vor der Schelte der Mutter fürchtete. Kommentarlos setzte sie sich neben ihn und spürte, wie die warme Abendsonne ihre Haut umspielte. Es fühlte sich an wie zarte Küsse. Sie unterdrückte ein Schluchzen.

„Ich hätte nicht trinken dürfen“, murmelte er beschämt. Hope nickte, brachte aber kein einziges Wort fertig. „Hope… ich….“, Jays Stimme klang brüchig und rissig. „Was wolltest du von Lottie?“, sie seufzte und verspürte eine Heidenangst. Sie wusste nicht, ob sie sich die Wahrheit oder eine Lüge wünschte oder ob sie überhaupt verkraften konnte, was sie hören würde. „Ich…“, er zitterte und vergrub sein Gesicht in den Händen. Hope beschlich ein Wunsch, sich auf der Stelle übergeben zu können, ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen und sie glaubte zu ersticken. „Hope, ich weiß es nicht mehr“, sein Schluchzen ließ den Schmerz in ihrem Inneren größer und mächtiger wirken. Bestätigten sich ihre Ängste?

Am Horizont erkannte Hope Thunder, der mit stampfenden, schweren Schritten auf sie zu eilte. Sie wollte sich einfach in seine Arme stürzen, um zusammen mit ihm nach Hause zurück zu kehren, zu Amber, Bray, Ellie und Cloud. Sie sehnte sich nach Beckys Ratschlägen und ihrem Lachen. Sie wollte nach Hause. Jay murmelte etwas, dass Hope nicht deuten konnte. Mit großen Augen sah sie ihn an: „Habt ihr…?“ Sie konnte die entsetzliche Vorstellung nicht aus ihrem Kopf streichen. Dass er extra zu Lottie in den Keller schlich, konnte sie nicht greifen und nicht fassen. Stattdessen packte sie die Latten der Bank und klammerte sich an ihnen fest, als könnte der Wind sie davon tragen. „Hope… Ich glaube nicht…“, summte Jay, konnte seinen Blick aber nicht von seinen Schuhen wenden. „Du glaubst es nur?!“, schrill und voller Schmerz schrie Hope ihn an, „sieh mich wenigstens an!“ Er drehte sich etwas zu ihr, doch sein Kopf hing. „Du.. Du…“, fassungslos sprang sie auf und rannte Thunder entgegen. Jay sah ihr entsetzt nach. Er durfte sie nicht verlieren.

„Hope!“, Thunder schloss die junge Frau väterlich in seine Arme. Hatten sich beide anfänglich etwas befangen mit dem anderen befasst, war über die Zeit eine tiefe Verbundenheit entstanden, die Thunder an die Gefühle erinnerte, die er Becky entgegen brachte. Wie es dem Mädchen wohl in Delete ging? Sie musste langsam zurück, knurrte er still und betrachtete die völlig aufgelöste Hope, die kauernd an seiner Brust lag und in wilde Tränen ausgebrochen war. Sie schlug verzweifelt gegen seine Brust, konnte sich kaum auf den Beinen halten. „Hat er mit ihr geschlafen?“, wütend funkelten seine Auge und da er Hopes Blick nicht deuten konnte fuhr er fort: „Ich breche ihm alle Knochen einzeln!“ Hope schüttelte abwesend den Kopf: „Er weiß nichts mehr, glaubt aber, dass nichts passiert ist.“ „Gut, dass er das glaubt!“, Thunder spie jedes Wort voller Verachtung aus und knallte es wütend gegen eine imaginäre Wand. Hope zuckte leblos mit den Achseln.

„Wo warst du und wo sind die anderen?“, sie zitterte und Thunder legte seinen Arm um ihre Schultern, während sie langsam auf New Liberty zu schritten. „Wir hatten eine Lagebesprechung“, knurrte er empört und wandte sich erneut Hopes Wohlergehen zu: „Hope, vergiss das für ein paar Minuten. Du musst nicht stark sein.“ Hope riss ihre grünen Augen weit auf und flehte plötzlich: „Thunder, ich will nach Hause! Ich will weg von hier!“ Voller Panik rang sie nach Luft und schluchzte wild. „Kleines!“, er zog sie überfordert an sich und klopfte zärtlich gegen ihren schlanken Rücken. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, wie er und Cloud Brandon trösteten, wenn dieser auf seinen kleinen Beinchen umgeknickt war.

„Wahrscheinlich wird dies schneller passieren, als uns wirklich lieb ist“, kryptisch blickte er auf Rubys Saloon, der immer näher kam und erkannte, dass Jay aufstand und den Garten verließ. Wahrscheinlich hatten die anderen doch Recht, nicht mehr an ihm festzuhalten. Er hatte nun endgültig begriffen, dass er nicht als moralische Instanz taugte und vielmehr eine naive Behinderung ihrer Aufgabe darstellte. Er wusste, Cloud würde toben, wenn sie von ihrem Vorhaben Wind bekam. Allerdings hasste sie Ebony ebenfalls. „Thunder, was meinst du?“, etwas durch Jays sichtbares Verlassen beruhigt, begann Hope wieder klare Gedanken zu fassen.

„Bolt und Slade haben den Plan geändert“, seufzte Thunder und betete, dass Hope nicht ausrasten würde. Er hatte angemerkt, dass sie als Ebonys Opfer ein Mitspracherecht hatte, doch Slade hatte angemerkt, dass für solche Sentimentalitäten die Zeit fehle. Slade war eine undurchsichtige, schleimige Ratte, der in gewisser Hinsicht doch zu Ebony passte. Wenigstens ergriff er nun den Widerstand gegen sie, nachdem sie Hope jahrelang unter seinen Augen quälen konnte. Es war doch scheinheilig. Seine feine Schwester kämpfte zwar nach eigenen Angaben für Gerechtigkeit, doch in ihren Augen lagen lüsterne Jagdfantasien. Er schüttelte den Kopf. Cloud hatte ihn wirklich prächtig umerzogen. Schief grinste er Hope an.

„Sie machen es jetzt auf ihre Art“, seufzte sie. Er nickte: „Jay hat seinen Einfluss und Standpunkt verloren und dich wollten sie wohl nicht belasten.“ „Beziehungsweise, man schätzt meine Meinung zu idealistisch ein, schon verstanden“, knurrte Hope und weckte in Thunder liebevolle Erinnerungen. Er bemerkte: „Das ist zu einseitig gedacht, Hope. Sie haben alle mitbekommen, dass du derzeit neben dir stehst.“ Hope lächelte nichtssagend und ohne jegliche Wertung. „Ich bin gespannt, was Jay sagt, wenn er davon erfährt“, murmelte Thunder und war sich durchaus bewusst, dass er einen unglücklichen Namen genannt hatte. „Er soll machen, was er für richtig hält. Entweder er ordnet sich Slade und Bolt unter oder er soll es lassen“, stellte sie mit kühler Stimme fest.

„Bolt hat vorgeschlagen, dass wir beide nach Delete reiten und vor Ort Becky unterstützen“, erwähnte er und ergänzte voller Anerkennung, „sie traut dir nämlich bei den diplomatischen Geschicken mehr zu, als bei einem Guerillakrieg im Wald.“ Er grinste verschwörerisch. „Soll das ein verstecktes Kompliment deiner Schwester sein?“, bitter lächelte Hope, doch sie wirkte tatsächlich etwas gelöster. Thunder nickte und bemerkte: „Wir brauchen nur eine Ausrede, was ich statt Jay an deiner Seite mache.“ Hopes Blick verdunkelte sich. In Delete würde es noch mehr Heimlichkeiten geben als in Rubys Saloon. Wehmütig saugte sie mit ihren Blicken jedes Detail dieses liebgewonnenen Ortes auf, den sie gerade erreicht hatten.