FOREVER - Einer von ihnen

von Sejabonga
KurzgeschichteFamilie, Tragödie / P12
20.09.2015
22.09.2015
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20.09.2015 1.500
 
Zeitliche Einordnung: nach 1x14 "Raubkunst"
Disclaimer: Forever gehört Matt Miller und dem Network, das sich endlich dazu entscheidet, die Serie fortzuführen. Denen würde ich übrigens Kekse spendieren. Und Kakao! Und eine Umarmung. Oder zwei ...

Hallo zusammen,

bitte beachtet, dass es sich hier um eine Geschichte handelt, die zum Teil im Jahr 1945 spielt.
Ausnahmsweise ist es einmal Adam, der mich zu einer Story inspiriert hat.
Zwei Anmerkungen, bevor ich euch in die düstere Handlung entlasse:
Ich bin mir bewusst, dass "schwarz" für einen Afroamerikaner nicht politisch korrekt ist. Für damalige Verhältnisse sollte der Ausdruck allerdings angebracht gewesen sein.
Außerdem ist meine Idee der Vorgehensweise der Ärzte reine Erfindung. Ob sie überhaupt dort waren, weiß ich nicht. Aber mein idealistisches kleines Ich hofft es.
Viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga


##*##


Einer von ihnen

„Also Lucas, was haben wir hier?“

Henry streift die blauen Einmalhandschuhe über und mustert die Leiche, die auf seinem Tisch liegt.

„Isaac Sternman, 82, ist in einem Park zusammengebrochen und war tot. Offensichtlich ... “

Mit einem nicht ganz ernst gemeinten, mahnenden Blick zu seinem Assistenten beginnt Henry die Obduktion.
Er nimmt das weiße Tuch, deckt den Toten bis zur Hüfte auf und beginnt mit der sogenannten Leichenbeschau.
Es ist ein alter Begriff, aber er findet ihn passend. Schließlich beginnt jede Obduktion mit der einfachen Betrachtung des toten Körpers.

„Ihre Einschätzung?“

Er fordert seinen Assistenten gerne heraus.
Wenn Lucas irgendwann selbst ein hervorragender Gerichtsmediziner werden will, sollte er so viel Erfahrung wie möglich sammeln und möglichst bald selbstständig arbeiten. Natürlich ist er heute noch lange nicht soweit.

„Na ja, ich erkenne keine Verletzungen der Haut, keine offenen Wunden. Laut Zeugenaussagen ist er einfach umgekippt, also ... vermutlich ist er an einem Myokardinfarkt gestorben.“

Irritiert zieht Henry eine Augenbraue hoch und sieht Lucas an. Sein Assistent wirkt geradezu gelangweilt von dem Toten.
Nur weil es ein alter Mann ist, der ohne offensichtliche Fremdeinwirkung gestorben ist?
Er muss wirklich noch viel lernen.

„Ich schlage ihnen vor, sie sehen noch einmal genauer hin.“

Lucas seufzt leise – er ist wirklich nicht gerade motiviert – und beugt sich über den Toten.

„Wenn wir sein Blut ins Labor schicken und einer der Marker erhöht ist, wissen wir Genaueres. Kardiales Troponin zum Beispiel.“

Henry schmunzelt über die Antwort. Zumindest hat Lucas seine Hausaufgaben gemacht.
Er greift nach einer Hand des Toten und hebt sie an, um sie genauer zu betrachten.

„In Ordnung, nehmen sie eine Blutprobe. Sehen wir doch mal, ob sie Recht haben! Aber machen sie doch sicherheitshalber auch noch eine Lumbalpunktion und lassen sie die Liquor cerebrospinalis testen.“

Bei diesen Worten horcht Lucas zum ersten Mal auf.
Verwirrt starrt er ihn an, ehe er sich wieder dem Toten zuwendet. Endlich legt er auch die Totenakte zur Seite.

„Ach, sie meinen ... eine Apoplexie?“

Henry verzichtet darauf, ihn mit Schadenfreude anzugrinsen. Er kann sich das schiefe Lächeln zwar nicht verkneifen, aber das muss er Lucas nun wirklich nicht antun.
Myokardinfarkt ist eine gute Hypothese. Aber einen Schlaganfall sollte man niemals ausschließen.
Als er den Arm von Mr. Sterman im Ellenbogengelenk dreht, stockt ihm der Atem.
Der alte Mann hat ein Tattoo. Auf der Innenseite seines Unterarmes, eine Zahlenfolge.

„Er ist einer von ihnen.“

Die Worte sind aus seinem Mund und er weiß nicht, woher sie kamen.
Wie ferngesteuert legt er den Arm wieder ab. Henry hat den Eindruck, nicht mehr einatmen zu können.

„Einer von ihnen?“

Der Tote kann nicht in Ausschwitz gewesen sein. Kein Dreieck.
Aber Henry kennt nicht alle Zeichen.

„Den Überlebenden. Isaac Sternman hat ein Konzentrationslager überlebt.“

Sein Blick kehrt zu Mr. Sternmans Gesicht zurück. Genau so haben sie ausgesehen.
All die Gesichter, die Körper. Der Anblick hat sich in Henrys Gedächtnis eingebrannt.
Er schließt die Augen, presst die Lippen zusammen und atmet tief ein.
Und dann riecht er es.
Zerstörung, Verwesung, Tod.
Hier gibt es kein Leben mehr.

##

Sie arbeiten in Schichten. Es ist immer jemand vor Ort, damit sie so schnell wie möglich fertig werden.
Henry hat sich lange darum gedrückt, aber irgendwann war auch er an der Reihe.
Es ist früher Vormittag, als die Jeeps dort eintreffen. Morgendlicher Nebel liegt noch über dem Gelände – und Henry ist wirklich froh darum.

„Hier, die werdet ihr brauchen.“

Campbell, einer seiner Kollegen und der Boss ihrer heutigen Expedition, war bereits zweimal hier. Er verteilt Masken aus Zellulose, die nicht einmal vor den schlimmsten Gerüchen schützen können.
Trotzdem befestigt Henry sie über Mund und Nase, bevor er mit den Anderen vom Jeep springt.
Jeder Mediziner, der in der Gegend stationiert ist, muss hierher, um nach Überlebenden zu suchen.
In das Reich des Todes.
Campbell baut sich vor ihnen auf. Sie sind eine Truppe von zehn Leuten.
Das Militär ist ihr ständiger Begleiter. Sie sichern das Gelände und schützen sie vor unerwarteten Angriffen.

„Okay, Leute! Wir gehen folgendermaßen vor. Geht immer zu zweit durch das Gelände! Ich will nicht, dass einer verschwindet. Der Bereich, der bereits untersucht wurde, ist mit roten Fähnchen markiert. Ihr geht bis zur Grenze und bewegt euch dann parallel zueinander vorwärts.“

Während Henry den Anweisungen mit einem Ohr lauscht, kann er seinen Blick nicht von der Umgebung abwenden.
Die finsteren Gesichter der Soldaten, die ebenfalls unter Masken verborgen sind.
Der Nebel, der mit fortschreitender Stunde von der Sonne durchdrungen wird.
Und die ersten leblosen Körper, die den Weg zu ihrer Arbeit weisen.

„Untersucht jeden Körper! Wer tot ist, bekommt einen roten Kreis auf die Brust. Wer noch lebt, wird sofort versorgt und da rausgebracht.“

Henry kann sich nicht vorstellen, dass in diesem Massengrab noch jemand lebt. Dunkle Baracken erheben sich wie unheilvolle Dämonen aus dem Nebel.
Hier haben diese Leute gehaust. Für wie lange? Monate, Jahre.

„Der Nebel wird sich lichten und unsere Arbeit erleichtern. Wenn ihr einen Überlebenden habt, dann meldet es sofort. Zwei Marines werden euch dann beim Tragen helfen. Noch Fragen?“

„Wie lange bleiben wir hier?“

Jones ist ein junger, schwarzer Arzt, der noch nicht lange dabei ist. Er hat wenig Erfahrung im Krieg und noch weniger in einem Konzentrationslager.
Und hätte dieser Krieg nicht solch gewaltige Ausmaße, dann wäre Jones wohl nie eingezogen worden.

„Den ganzen Tag. Wir gehen erst nach Hause, wenn das hier erledigt ist. Diese Menschen haben genug gelitten. Sie haben es verdient, dass wir alles für sie geben ... Ich teile jetzt die Teams ein.“

Henry ist nicht überrascht, dass er mit Jones zusammenarbeiten muss.
Campbell weiß, dass er nicht so leicht durchdreht. Und dass er keine Vorurteile gegenüber anderen Rassen hat.
Eine Vorstellung, die angesichts dieses Krieges sowieso vollkommen absurd wirkt.
Er wird den Jungen im Auge behalten – zumindest ist es das, was ihm Campbell mit einem Blick zu verstehen gegeben hat.
Schon ihr Weg zur Grenze ist ein Spießrutenlauf. Dutzende von Körpern, die kaum mehr als Menschen zu erkennen sind. Dünne Gerippe, manche noch mit Kleidung, andere nackt. Blinde Augen starren sie an, Gesichter jeden Alters.

„Großer Gott ...“

Henry sieht zu Jones hinüber, der zwei Meter rechts von ihm geht. Es gibt bereits freigeschobene Wege, auf denen die letzten Schichtarbeiter hinein- und wieder hinausgegangen sind.
Der junge Arzt ist nicht stehen geblieben, was Henry als ein gutes Zeichen sieht. Aber er hält sich einen Arm vor das Gesicht, versteckt Mund und Nase in seiner Ellenbeuge.
Er weiß genau, was Jones meint.
Es ist nicht nur der Anblick. Das Schlimmste ist der Geruch. Sie könnten genauso gut ohne Masken hier sein.
Zwischen all den Körpern und den roten Kreisen scheint jede Form des Lebens sofort zu erlöschen. Jede Lebensfreude, jeder Atemzug.
Henry presst verbittert die Lippen zusammen. Er greift in seine Jackentasche und wirft Jones eine kleine Dose zu.

„Streich dir damit die Unterlippe ein!“

Es ist eine Salbe aus Pfefferminze und Salbei. Ein penetranter Geruch, der alles andere überdeckt.
Jones ist dankbar dafür und gibt die Dose nach der Anwendung zurück. Henry verwendet sie nicht.
Er weiß nicht warum, aber er muss es riechen. So als wäre es seine Pflicht.

„Was sind das nur für Monster, die das getan haben?“

Im Grunde hat Jones Recht. Es waren Monster. Aber diese Art des Denkens ist gefährlich. Das weiß Henry nach 166 Jahren Lebenserfahrung.

„Es waren Menschen. Es mag schrecklich sein, wozu wir alle fähig sind. Aber wir sind nicht hier, um uns darüber Gedanken zu machen.“

Der mürrische Ton in seinen Worten ist nicht gegen Jones gerichtet, sondern gegen die Situation. Gegen die Welt.
Was ist das für eine Welt, in der Babys in den Armen ihrer Eltern sterben, zusammen mit ihnen? In der Kinder wegen Unterernährung so dünn werden, dass man ihre Unterarme zweimal umfassen könnte und sie schließlich daran elendig verenden?
Was ist das nur für eine schreckliche Welt?
Er zieht den Rucksack von den Schultern und wühlt im Gehen darin herum. Die roten Fähnchen sind nicht mehr fern.

„Hier! Wir checken nur die Lebenszeichen. Atmung und Herzschlag. Für mehr haben wir keine Zeit.“

Er hält Jones den Filzstift hin, der ihn beiläufig nehmen will. Henry hält ihn fest und zwingt seinen Partner damit, ihn anzusehen.

„Sollte hier noch jemand am Leben sein, müssen wir ihn finden, klar?“

TBC
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