Nachtigalls Ruf

von Nairalin
GeschichteAngst, Tragödie / P18
Celegorm Curufin Dior
17.09.2015
17.09.2015
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Liebe xXLeaXx zu deinem Geburtstag alles Liebe und Gute! Hier ein kleines Präsent für dich, welches dir – so hoffe ich – gefällt und deinen Geschmack trifft!

Einmal eine etwas andere Interpretation von mir.^^ Weshalb ich mich über Rückmeldung sehr freuen würde. :) Außerdem hat mich eine ganz bestimmte Autorin hierzu inspiriert, wie zu kaum etwas anderem. Ich fürchte, es ist klar auf welchen Text ich mich beziehe.

Celegorm = [Qu.] Turcafinwë Tyelcormo
Curufin = [Qu.] Curufinwë
Caranthir = [Qu.] Morifinwë (KF Moryo)
Finrod = [Te.] Findaráto

Noldo = [Dor.] Goldo

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Gehetzt schaute er sich um, den Geräuschen lauschend, die aus der samtenen Dunkelheit drangen, wispernd sein Ohr umschmeichelten und sein Herz berührten. Es schien seine Haut zu kitzeln, ließ die feinen Härchen sich aufstellen und Düsternis bemächtigte sich seiner gegen seinen Willen.

„Nachtigall, oh Nachtigall!“

Dior erstarrte für einen Moment, einen Splitter einer Sekunde, nur um sich gewandt umzudrehen und umzusehen. Er spürte die Präsenz des Rufers in den Schatten, die gierig nach ihm griffen. Doch dann lief er weiter, zwischen finsteren Bäumen auf rotbelaubten Pfad hindurch, weit weg. Nicht kaltherzige Angst war es, die ihn trieb, noch war es Feigheit. Der Jäger sollte ihm geschwinden Füßen nacheilen, denn Dior wusste, dass diese Raubkatze ihn erkoren hatte, eine Trophäe auf dunklen Schwingen und mit silberner Stimme.

Er musste ihn weglocken von jenen, die ihm unterlegen waren, distanzieren von den Schatten, die dem Jäger auf Schritt und Tritt folgten. Bewusst öffnete er seinen Zopf im Lauf und ließ das dunkle, seidene Haar über die Schultern fallen. Er wusste, er war schön, eine süße Verlockung, die dunkle Verheißung jenem versprach, der es wagte ihn zu fangen. Dior hatte einiges von seiner Mutter geerbt, manch Zaubersang, aber vor allem Makellosigkeit. Doch je mehr gierige Finger sich nach ihm ausstreckten, desto mehr begann er zu bereuen, dass er zu stolz und uneinsichtig agiert hatte. Blut leckte an seinen Fingern, benetzte Haut und Fea, schwarze Fäden ziehend in der Dunkelheit.

Das wahnwitzige Lachen erklang hinter ihm, siegessicher und betörend. Dior wollte sich umdrehen und ihn sehen. Er wollte seinem Jäger ins Auge sehen, das grelle Leuchten, das heller schien, als selbst die Sonne es tat. Doch noch konnte er nicht halten, noch durfte er nicht. Er spürte das Vibrieren unter seinen Sohlen, das feine Erzittern des Bodens, wenn die hochgewachsene Gestalt, die ihm auf den Fersen war, sich abstieß, vorwärts schnellte, leichtfüßig und federnd.

Er eilte weiter, immer wieder sich umschauend, ob noch Männer von ihm zu sehen waren. Er wollte keinen weiteren opfern, nicht durch das Schwert des Jägers, nicht einen Einzigen. Diors Herz schlug schneller, hektischer, dass er kaum mehr richtig hörte, sein Blut so laut und dröhnend, dass es ihn nervöser werden ließ.

Doch weiter musste er, immer weiter … dunkler und wilder wurde es um ihn herum, Äste griffen nach ihm, zerrten an seinen Gewändern, rissen an seinen Haaren.

„Nachtigalls Sohn!“

Der Jäger sang und Dior erreichte endlich die Stelle, die er gesucht hatte. Entfernt vom blutigen Schlachtengetümmel, weg von jeder fatalen Ablenkung. Er blieb stehen, schloss zögerlich nur die Augen und wartete mit verräterischem Herzen auf die kalte Schneide, die sich gegen seine Haut schmiegen würde. Dior wusste, dass er nicht einfach getötet werden würde. Der Wahnsinn hatte seinen Hetzer zu einer verspielten, gnadenlosen Raubkatze werden lassen, weshalb er niemals sofort getötet werden würde.

„Dein Herz schlägt so schnell, kleine Nachtigall“, vernahm er den trügerisch sanften Bariton. „So ängstlich, dass du fliehen musstest?“ Wütend ballte Dior seine Hände, bis die Kühle seinen Hals erreichte. Er musste mitspielen, die Regeln ändern, wenn er denn etwas erreichen wollte, mehr als nur ein Hinauszögern des Ruins, der seine Hallen bereits heimgesucht hatte. Leder strich liebkosend über die empfindliche Haut, ehe er warmen Atem spürte.

„Ich bin nicht geflohen!“, presste er zwischen den Zähnen hervor, bewusst sich entspannend, den anderen in vermeintlich triumphierende Sicherheit wiegend. Ein Summen erklang direkt bei seinem Ohr. Dior atmete tief durch. „So leichte Beute, nicht wahr, Huan?“ Sein Atem stockte. Er kannte den Namen, oft nur war er gefallen und er hatte Sympathie aus den Stimmen seiner Eltern gehört. Doch hier vernahm er tiefe Verbundenheit, Sehnsucht und einen Hauch von Schmerz. Er bemerkte, wie die Hand, neben sich durch die Luft griff, ehe sie sich schneller über seinen Bauch legte, als er reagieren konnte. Dior wollte sich erst wehren, besann sich aber und entspannte sich zwanghaft.

„Vögelchen, was trieb dich aus sicherem Neste?“, wisperte die Stimme dunkel.

„Feanorion“, knurrte er vor unterdrücktem Zorn. Dior wusste, dass sein Jäger körperlich stärker war, er spürte die Muskeln in seinem Rücken, die athletische Form, die nur zu geschwind ihm das Genick brechen konnte. Doch je länger er dem Wahnsinn Einhalt gebot, desto besser war es. Entschlossen drehte er sich herum, um den Mann zu sehen, dessen Stimme sich wie warmes Öl anschmiegte, seine Sinne vernebelte und dessen Worte sich – wie glühendes Metall – in sein Herz fraßen.

Das Sternenlicht schien sich selbst in den Haaren verfangen zu haben und der verlangende, düstere Blick bohrte sich in ihn.

„Geht!“, verlangte er und er wusste – glitzernde Intelligenz in graublauen Augen -, dass diese Raubkatze es verstand, was er meinte und wollte. „Ihr habt kein Recht in meinen Hallen, meinem Reich zu sein!“

Ein sonores Lachen erklang, ehe sich der Helle die Handschuhe auszog. Lange, gepflegte Finger berührten seine Wange, umfassten mitternachtsschwarze Strähnen.

„Und was willst du tun, meine bezaubernde Trophäe?“, säuselte sein Gegenüber amüsiert, schien es zu genießen, ihn zu provozieren. „Euch zur Rechenschaft ziehen!“ All seine Macht, die er hatte, legte er in diese Worte und bemerkte hämisch, dass es nutzte. Für einen Moment nur zuckte Feanorion zurück. Finsternis wirbelte auf und kurz verschlangen die Schatten den Jäger, der sich schneller wieder seiner bemächtigte.

Kein Schmerz erfasste ihn, einzig Wärme floss von seinem Hals hinab, benetzte die Haut. Der graue Stoff vom fremden Ärmel streifte Diors Wange.

„Rechenschaft?“

Die sonore Stimme begann eine eigene Melodie zu weben. „Ausgerechnet von dir solche Worte?“ Dior atmete aus, unterdrückte die rasende Wut, die sich in ihm ausbreitete und zuschlagen wollte. „Was denkst du, was dieser Angriff hier ist, mein Vögelchen? Pure Lust am Morden?“ Der Jäger lachte, und Dior erschauerte. Er wollte bereits etwas erwidern, doch soweit kam er nicht. „Mitnichten! Deine Eltern haben bewusst alles provoziert und du hast dies fortgesetzt, mein bezauberndes Täubchen.“

„Das ist nicht …“ „Wahr?“, wurde Dior unterbrochen.

„Die Nachtigall hat mich und meinen Hund verzaubert, damit ich sie schütze, ihr helfe. Sie war gut, das muss ich ihr lassen und anfangs wirkte es.“

„Meine Mutter hat niemals ihre Macht zum Manipulieren eingesetzt!“, fauchte Dior erzürnt und blickte dem Jäger ins Gesicht, dessen Grinsen ihn erstarren ließ. Silberweißes Haar fiel in einem Zopf über die Schulter und blitzende Augen durchbohrten ihn. Es stockte ihm der Atem.

„Es war bekannt, dass Lúthiën alles tat, solange es ihr dienlich war, Nachtigalls Sohn. Wie sonst hätte sie Moringotto selbst bezwingen können? Weil sie nett darum bat?“

Diors Gegenüber wich zurück und lachte, die Klinge immer noch in der Hand, rot leuchtend im Licht des Mondes, der hier auf dieser Lichtung schien. Spott hob die Mundwinkel, und Dior wich zurück.

„Sie ist durch Morgoths Hölle gegangen, natürlich musste sie sich gegen ihn wehren!“, grollte er defensiv. Er würde nicht zulassen, dass der Name seiner Mutter in den Schmutz gezogen wurde. Doch das schien den Jäger wenig zu interessieren, denn er begann langsam um ihn herum zu gehen, eingehend Dior musternd.

„Und was glaubst du, wie sie aus Doriath floh? Wie sie die Wachen deines Großvaters überwand? Ich kenne eure Krieger, sie sind loyal und geben nicht nach. Beleg Cúthalion ist ein hervorragendes Beispiel dafür!“, wurde er verächtlich unterbrochen. „Sie hat ebenso die Wachen deines Großvaters, wie auch jeden anderen, der ihr im Weg war manipuliert. Und wofür?“

Dior bemerkte die Wut in den Zügen des Jägers, wie die Augen sich mit Schatten füllten, düster glühten und die Schritte unruhiger wurden. Immer enger wurden die Kreise, und Diors Hand wanderte zum Schwertknauf.

„Jeder in Doriath wusste von den Silmarilli. Jeder wusste, was sie für die Noldor, für meine Familie waren. Thingol gab diese Aufgabe, weil jeder, der intelligent genug war, wusste, dass das Unterfangen sie zu holen, im Tod enden würde. Egal ob für Beren, der einen bringen sollte, oder aber durch unsere Hand, wenn er nicht hergegeben wurde. Dein Vater, kleine Nachtigall, entschied, dass es ihm egal war, ob er damit die Noldor gegen sich und die Sindar aufbrachte. Es war ihm egal, ob damit ein erneuter Sippenmord provoziert werden würde. Es war ihm egal, ob andere für ihn sterben würden, denn es ging nur um seinen Willen, Lúthiën zu besitzen. Und sieh, wohin all dies führte!“

Mit einer weiten Bewegung des Armes zeigte er um sich.

„Doriaths Ruin ist gekommen. Anstatt deine Mutter zu nehmen, mit ihr wegzurennen, sie zu heiraten und Thingol vor vollendete Tatsachen zu stellen, die er ohne den Tod seines Kindes zu akzeptieren, nicht mehr ändern konnte, haben deine Eltern alle verdammt. Wie viele Unschuldige sind hier schon wegen des Silmarils gestorben, König Elúchil? Es waren nicht wir, Noldor, die Doriath zuerst verheerten. Die Zwerge kamen und erschlugen hunderte von deinem Volk.“

„Genug!“, donnerte Dior und konnte das namenlose Grauen nicht ignorieren, das ihn erfasste, da er genau wusste, warum sein Großvater erschlagen wurde. Der Wahnsinn glitzerte in den Augen des Jägers. Die Grausamkeit in dessen Stimme vergiftete seinen Verstand. Kalte Wut ließ ihn den Griff seines Schwertes fester greifen.

„Hat das Vögelchen Angst vor der Wahrheit?“, hauchte der Jäger und packte die Hand am Schwertgriff. Dior konnte den warmen Atem auf seinem Gesicht spüren. „Oder ist es genauso grausam wie die Nachtigall einst, die selbst Huan den Tod brachte? Kalt und berechnend, einzig auf den eigenen Vorteil aus?“

„Welche Strafe gebührt einem König, der freiwillig sein Volk opfert, weil er das, was seine Eltern einst stahlen, den wahren Erben und Eigentümern verweigert?“, säuselte der Jäger und übte mehr Druck aus.

„Meine Eltern haben ihn ehrlich erlangt und nicht gestohlen. Sie sind durch Morgoths Höllen, um ihn zu holen!“ Doch selbst in Diors Ohren klang das Argument schwach. Er bemerkte zu spät die Bewegung und wurde mit Wucht gegen etwas geschleudert. Eine Hand legte sich um seine Kehle und drückte zu. Keuchend wehrte er sich, aber der Jäger schien außer sich vor Wut zu sein.

„Was haben deine Eltern schon gegeben?“, brüllte dieser und drückte Dior mit seinem gesamten Gewicht nieder. „Sie haben jeden anderen geopfert, jeder andere zahlte den Preis und selbst dann wurden sie nicht verurteilt! Nein, hochgelobt wurden sie! Was ist aus Findaráto geworden? Was ist aus Huan? Den Männern, die folgten? Was ist aus ihnen geworden, Sohn der Nachtigall?“

Schmerz, Wahnsinn und Raserei flackerten in den graublauen Augen, umfasst von tiefem Schwarz.

„Ich sage es dir: Sie alle krepierten qualvoll! Mein Cousin starb mit herausgerissener Kehle, erstickte am eigenen Blut. Huan gab sein Leben für deine Eltern und erhielt nichts im Ausgleich. Die Männer wurden in Minas Tirith zerfleischt. Und selbst dann war es deiner Mutter egal, denn selbst Mandos bezirzte sie, weil sie ihren Willen haben musste. Dein Vater wollte nach Findarátos Tod aufgeben, Vögelchen, doch deine Mutter trieb ihn weiter und weiter!“

Dior keuchte, als der Druck immer stärker wurde. Er musste weiterleben, musste den Jäger vom Schlachtfeld fernhalten, um seinen eigenen Männern eine Chance zu geben. Seine Finger schlossen sich um die Hand an seinem Hals.

„Sie verdrehte allen den Kopf, entfachte den peinigenden Wunsch nach ihrer Liebe, nur um den Dolch tief in die Brust zu treiben und mehrfach umzudrehen“, brachte sein Gegner rau hervor, ungeweinte Tränen vibrierten in der Stimme, während das Sternenlicht die Haare zum Glühen brachte und den Jäger für den irrigen Moment wie einen der Ainur erscheinen ließ.

Plötzlich wurde der Druck auf Diors Kehle geringer, und er hustete. Reflexartig ließ er lockerer. Finger berührten die wunden Stellen, beinahe tröstend, reuig, nie aber Diors Hand abschüttelnd.

„Ich weiß, warum du dich nicht wehrst, kleine Nachtigall“, wisperte der Jäger heiser. „Glaubst du, du könntest mich, Turcafinwë Tyelcormo, wirklich in die Irre leiten?“ Diors Augen weiteten sich. „Du willst mich fern vom Kampfe halten, damit deine Männer nicht verzweifeln, ob der Überlegenheit der Noldor und ihrer Fürsten. Das halte ich dir zugute. Du opferst dich, auch wenn es nicht nutzen wird.“ Das Gesicht kam näher und ihre Stirnen berührten sich. Dior bebte, ob vor Wut oder Entsetzen konnte er nicht sagen.

„Geht von mir weg!“, presste er hervor. Doch Celegorm – denn das war der Sindarinname – reagierte nur mit einem spöttischen Lächeln.

„Aber ich liebe Spiele, und genau deshalb folgte ich dir.“

Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, stieß Dior ihn von sich. Ein Lachen erntete er als Lohn. Wut peitschte durch seine Adern und er zog nun endgültig das Schwert.

„Ah, das Vögelchen scheint seinen Mut gefunden zu haben!“

Ein Dolch lag in der Hand des Jägers. Metalles schriller Klang erfüllt den Ort und es machte ihn noch wütender, dass sein Feind so einfach den Schlag blocken konnte. Nur kurz dachte er an Nimloth, als er das silberne Haar betrachtete. Nur für einen Moment wich ihr Bild und sein Schlag wurde lascher.

Im letzten Moment konnte er die Attacke des Jägers abwehren, Funken sprühten gleich einem Silberregen in tiefster, samtener Nacht.

Sie fochten.

Sie umtänzelten einander.

Glühende Blicke brannten sich ineinander.

Atemraubend und intensiv.

Fast zu sehr genoss Dior es. Diese Leidenschaft, die ihn mitriss, wie kaum etwas zuvor. Das Spiel mit Klingen, allein und ungesehen, einzig Schatten Zeugen ihres Treibens. Der Tanz, der sie nun verband, auch wenn er Wunden davontrug. Es war faszinierend, Dolch gegen Schwert, Silber gegen Schwarz.

Aber dann reagierte er zu langsam. Taubheit erfasste seine Hand und das Schwert fiel ihm aus der Hand. Seine Tunika wurde gepackt und er keuchte schmerzhaft auf, als er gegen den Baumstamm krachte, die raue Rinde rieb seinen Rücken auf. Finger griffen in sein Haar, feinstes Weiß in seidigem Schwarz. Körper an Körper gepresst. Dior versuchte sich zu wehren, doch er kam nicht heran. Er griff um den muskulösen Körper herum, verkrallte sich in den Schultern, schwach brennende Hoffnung genug Schmerz zu zufügen.

„Warum bist du nur so dumm?“, vernahm Dior die Frage. „Warum willst du noch schlimmer sein als deine Eltern, kleine Nachtigall?“

Dior fröstelte bei dem Blick.

„Sind es die Toten wert?“

Seine Finger spürten eine Scheide und Dior griff einfach zu.

„Stich zu!“, grollte der Jäger und das Gesicht war so nah, dass Dior erneut den warmen Atem spürte. „Sieh mir in die Augen und stich zu! Deine Mutter riss mir schon das Herz aus der Brust, was sollst du schon noch machen?“ Der Dolch schwebte über dem Nacken. Doch seine Hand zitterte zu stark, als dass er zustechen könnte. Der Griff um seine Haare wurde geringer und ließ nach. „Stich endlich zu!“

Dior atmete stockend ein.

„Nein“, brachte er hervor, brüchige Stimme und namenloses Grauen. Der Gedanke, dass jemand um seinen Tod fast schon bettelte, schüttelte ihn direkt. Dior ließ den Dolch fallen und wurde schlaff. Den Blick konnte er nicht abwenden, das Gefühl nackt, offen zu sein, verging nicht. Er konnte einfach nicht zustechen, nicht so, nicht so hinterrücks. Die Worte von vorhin rüttelten an seinem Verstand.

„Angst?“, wurde er heiser gefragt. Die freie Hand des Jägers strich einige der schwarzen Strähnen aus Diors Gesicht. Eine Geste, die Dior beinahe zärtlich erschien. Er schüttelte den Kopf. Plötzlich schnellte sein Gegenüber wieder vor, warme Luft an seinem Ohr. „Es ist dumm, keine zu haben!“ Kaum vernehmbares Murmeln in tiefster Dunkelheit. „Angst schützt dich davor, Dummes zu tun, Vögelchen. Jemand so Junges würde nur zu Tode kommen.“

Diors Herz schlug schneller und hektischer. Er war jung, dessen war er sich immer bewusst. Die Schlacht bei Sarn Athrad war die einzige Kampferfahrung, die er vorzuweisen hatte. „Glaubst du, Nachtigalls Sohn, ich wüsste nicht, dass du gerade einmal die Volljährigkeit erreicht hast? Deine sechsunddreißig Jahre geben dir keinen Vorteil, keine Erfahrung. Du magst trainiert sein – und das muss ich dir lassen -, aber du kommst nicht an die Reflexe, die Gewohnheit von mir heran, der seit Jahrhunderten kämpft.“

Lippen streiften sein Ohr.

„Eine wundervolle Trophäe wärest du, auch wenn ich dich lieber sicher in einer Voliere wissen würde. Welch‘ Schande wäre es, dein Leben zu nehmen!“

Dior schloss die Augen, Schauer rannen über seinen Rücken. Das Bild einer Halskette um seinen Hals tauchte vor seinem inneren Auge auf, feinste Kettenglieder in behandschuhter Hand.

„Tyelcormo, spiel nicht mit ihm!“, wurden sie von einer dunklen Stimme unterbrochen. Ein frustriertes Schnauben war an seinem Ohr zu vernehmen.

„Spielverderber“, zischte der Jäger aggressiv, ließ Dior aber nicht los. Ein Arm schlang sich besitzergreifend um ihn, doch er war unfähig sich zu bewegen, unfähig sich zu wehren. Alles erschien ihm wie ein Traum, der schon Anzeichen eines Albtraumes trug.  

„Wir haben nicht die Zeit, mit dem Jungen zu spielen!“, wurde scharf erwidert. Dunkles Haar fiel dem Mann ins Gesicht und leuchtend grüne Augen funkelten ihn an. Dior wurde kalt, kälter als ihm bereits war. Leere glühte schier in den grellen Iriden, dass es ihn selbst von hier aus emotional berührte.

„Curvo, dir ist bewusst, wer der Junge ist?“

„Es ist mir gleich, wer er ist!“

Zwei der Söhne Feanors direkt vor ihm. Panik wollte ihn erfassen, als er begriff, wer der Dunkelhaarige war. Curufin, Ebenbild seines Vaters und derjenige, der nach Felagunds Tod den Verstand verloren haben sollte.

„Wir sollten ihn verschonen“, säuselte der Jäger störrisch.

„Damit er uns noch mehr Ärger macht?“, kam die verächtliche Antwort. Ein eisiger Blick wurde ihm zugeworfen. „Er würde uns nur Kopf und Kragen kosten.“

„Wir könnten ihn mitnehmen und damit Frieden erzwingen“, meinte der Jäger arrogant. Empört und außer sich schnappte Dior nach Luft. Doch seine Hand wurde schneller gepackt, ehe er zum Hieb ansetzen konnte. „Du musst zugeben, Brüderchen, für seine Jugend ist er überaus erfrischend. Sicher, da…“

„Absolut!“

Wütend begann sich Dior zu winden, aber der Griff um ihn herum schränkte seine Bewegungen ein und er kam nicht wirklich voran. Er zischte erzürnt. Doch dann erwischte er den Jäger am Kinn und kam frei. Etwas blitzte in den hellen Augen auf und Dior wich zurück.

„Habt ihr den Verstand verloren?!“

Der Kommentar lenkte Dior genug ab, damit er sich wieder im Klammergriff des Goldos befand. Fauchend packte er die Arme um seine Brust und versuchte sie wegzudrücken. Doch dann vernahm er ein Zischen in der Luft und wurde schneller nach hinten gerissen, als er etwas sagen konnte. Das dumpfe Geräusch eines Einschlages war zu hören, welches eine donnernde Stille einläutete. Der dunkelhaarige Goldo vor ihnen erstarrte. Augen weiteten sich ins Unermessliche. Dunkles Grau vernebelte sich, wurde stumpf und verlor alles Licht.

Ein Schrei erklang.

Und noch einer.

Unzuordenbar.

Schmerz.

Raserei.

Dior sah, wie Curufin auf den Mann zustürzte.

Die Dunkelheit bekam einen bitteren Beigeschmack, beinahe kupfrig, während Schatten die Wahrnehmung trübten. Dunkle Tropfen flogen durch die Luft. Der Körper hinter Dior bebte. Für einen Moment glaubte er ein raues, gequältes „Moryo“ vom Jäger zu hören.

„Siehst du, was du mit deiner Weigerung anrichtest, Nachtigall?“, vernahm er die heisere Stimme an seinem Ohr. Der Griff um ihn wurde schmerzhafter. Weitere Pfeile zischten an ihnen vorbei. Mit Entsetzen bemerkte, wie weitere Elben kamen. Sein Plan würde scheitern, wenn sie sie erreichten. Sie würden sterben. Mit ihm würden die Söhne Feanors nur spielen. Er war nur der Vogel, der gierig von der Katze angestarrt wurde.

Er nutzte die Gelegenheit und rammte dem Jäger den Ellbogen in die Magengrube. Die Lederrüstung hielt vielem Stand, aber der Schlag saß und ein Keuchen kam aus dem Mund dieses Raubtieres. Mit einer Geschwindigkeit, die selbst Dior überraschte, hatte er das Schwert gezogen und stellte sich in das Sichtfeld seiner Männer. Die Söhne Feanors waren sein. Niemand außer ihm sollte wegen ihnen sterben. Und es würde seiner Tochter Zeit verschaffen.

Dior atmete tief durch.

„Sie sind mein!“, donnerte er und blickte direkt zu den Wachen, die mit erhobenen Schwertern kamen. All die Macht, die er einst von seiner Mutter gelehrt bekommen hatte, legte er in seine Stimme. „Kümmert euch um die Soldaten, die unser Volk töten!“ Niemand sollte wegen seiner Entscheidungen mehr sterben. Und das würden sie mit Sicherheit, wenn sie gegen den Jäger und seinen Bruder kämpften. Außerdem warum sollte ihm nicht wie seinen Eltern zuvor das Unmögliche gelingen? Mehr als sterben, konnte er nicht.

Seine Worte zeigten Wirkung. Erleichtert atmete er aus, auch wenn er wusste, dass sein Schicksal besiegelt war.

„Nein, Curvo!“

Ein Schlag in den Nacken ließ ihn zu Boden gehen. Dior keuchte schmerzerfüllt auf. Klirren war zu vernehmen.

„Wegen ihm ist Moryo …!“

„Es ist, wenn unsere Schuld!“, grollte der Jäger. „Wir wussten, was uns erwartet, mein Vögelchen hat keinen Finger gekrümmt, um unseren Bruder zu töten!“

„Du schützt diese Missgeburt?!“, zischte Feanorion aufgebracht. Dior drehte den Kopf zur Seite, um etwas sehen zu können. „Schneid ihm verdammt nochmal die Kehle durch und zeig seinen Leuten den verdammten Leichnam! Wer soll noch sterben?! Cáno? Nelyo? Die Zwillinge?“

Wahnsinns schwarze Finger schienen den Goldo vollkommen im Griff zu haben. Die Knöchel um den Schwertgriff traten weiß hervor.

„Seine Familie hat bereits …“ „Genug!“, befahl der Jäger leise und bestimmt. „Dieser Junge gehört mir, Curufinwë. Sieh lieber nach den anderen!“

Der dunkelhaarige Goldo verzog das Gesicht zu einer Fratze und wollte auffahren, doch dann wurde er vollkommen ruhig. Hass war die einzige Emotion in den ansonsten leeren Augen.

„Es kümmert dich nichts, außer dem Balg dieser Hure!“, spuckte Curufin aus. „Stirb für deine Nachtigall, die dir bereits zuvor das Herz herausgerissen hat!“

Der Jäger rief etwas in einer Sprache, die Dior nicht verstand. Der Schmerz in seinem Nacken klang nur schleichend ab.

„Steh auf!“, wurde er angefahren. Zorn glitzerte in den hellen Augen. Schmerz zeichnete das attraktive Gesicht. „Heben wir das Spiel auf eine neue Stufe.“ Dior wurde hochgezerrt, als er nicht schnell genug reagierte. Finger berührten sein Gesicht, strichen durch seine Haare. Dieses Verhalten irritierte Dior wie nichts anderes. Doch er spürte deutlich, dass er besser schweigen sollte. Finger richteten den Kragen seines Gewandes. Er spürte das leichte Zittern der Fingerkuppen.

Dior wusste, dass er keinen Dolch hatte, das Schwert weit weg, unerreichbar in der alles verhüllenden Dunkelheit, welche selbst das Silber des Mondes nicht zu durchbrechen wusste. Er verstand nicht. Gedanken wirbelten in seinem Kopf gleich den Strudeln des Wassers in den Bächen. Nie stillstehend, für ihn erfassbar und begreifbar.

Und dann spürte er Kälte um seinen Hals, eisig wie frischer Schnee.

„Kleine Nachtigall“, wisperte der Jäger, und Dior starrte entsetzt herab. Eine silberne Schnur lag in der Hand. Er spürte, wie sich Zacken in seine Haut bohrten. Fassungslos griff er nach dem feinen Metall. „Eine lebende Trophäe ist doch so viel mehr wert! Und so kann ich sicher sein, dass niemand auch nur Hand an dich legt.“

„Nein“, hauchte Dior entsetzt und versuchte die Kette abzubekommen. Doch er war unfähig, seine Finger rutschten immer wieder ab vom glänzenden Silber, das im Licht des Mondes strahlte. Panisch zerrte er an dem Band, immer und immer wieder. Das Lächeln im Gesicht des Jägers hatte etwas Dunkles und Verzerrtes.

„Warum?!“

Den schrillen Beiklang in seiner Stimme konnte Dior nicht verbannen. Das Gefühl gefangen zu sein, weggesperrt zu werden, wurde immer prägnanter. Die Nachtigall im goldenen Käfig des Königs. Schatten verdunkelten das Gesicht, schienen ebenso Besitz von den hellen Augen zu ergreifen, wie zuvor bereits von Curufin. Funken sprühenden Wahnsinns in der befleckten Nacht.

„Du bist noch so jung, Vögelchen“, wisperte der Jäger melodisch. „Vielleicht kann ich dich noch schützen.“ Ungesagt schwang ‚Und mich selbst auch.‘ mit, Dior konnte es nahezu spüren. „So wundervolles Haar, wie schwarze Rabenfedern, glänzend und edel.“ Murmelnd berührte er erneut Diors Haare.

Zum ersten Mal fiel Dior auf, dass diese silberne Raubkatze etwas kleiner war. Doch nutzen konnte er es nicht, er war ausgeliefert. Wut schien nur ein schaler Abklatsch dessen zu sein, was es eigentlich sein sollte. Er bebte und schlug die Hand weg, Verzweiflung überdeutlich in dieser kleinen Bewegung. Ein Lachen erklang und Finger strichen versucht tröstlich über seine Wange.

Das Zucken um die Mundwinkel des Jägers versetzte ihm brennende Stiche heißen Schams. Er wollte auffahren, doch dann bemerkte er die Wärme glitzernd in den Augen.

„Meine Brüder haben in dem Alter auch so reagiert“, vernahm Dior und erstarrte. „Curvo mochte noch nie wirklich unnötige Berührungen und schlug immer meine Hand weg.“ Die Schatten wichen für einen kleinen Moment dem Licht tiefer Zuneigung. Dior wunderte sich, warum der Jäger ausgerechnet ihm das erzählte. „Sie waren früher so unschuldig und jung.“

„Aran nîn!“

Der entsetzte Schrei unterbrach den Monolog des Jägers, von dem die Schatten nun endgültig Besitz ergriffen. Wahnsinn brannte lichterloh in den Augen, die wie Flammen zu leuchten schienen. Die Wachen griffen an und kreischend traf Metall auf Metall. Ein Kampf entbrannte, doch der Goldo behielt die Oberhand. Dior fühlte sich seltsam schwach. Die Erkenntnis durch diese wenigen Worte lähmte ihn. Doch dann spritzte Blut und der Jäger wich zurück. Flüche in einer Sprache erklangen, die Dior nicht verstand, und die Kampfweise wurde defensiver. Seine Augen weiteten sich und endlich konnte er sich aus der Paralyse befreien. Er schnappte sein Schwert und wollte gerade den Befehl erteilen, dass er wieder die Situation unter Kontrolle hatte, als ein Dolch in der Brust des Jägers steckenblieb.

Einer der Männer – er konnte sich keines Namens entsinnen – holte zum entscheidenden Schlag aus, als Dior vorschnellte. Sein Arm vibrierte, Schmerz schoss in seine Schulter.

„Er gehört mir!“

Die Kette baumelte vor ihm und die Blicke der Männer waren irritiert – gelinde gesagt. „Ich danke für euer Eingreifen, aber ich werde es beenden!“, versuchte er zu erklären, auch wenn es sie nicht zu überzeugen schien. „Er hat meine Mutter gefangen gehalten, ich muss das selbst machen.“

Sie wollten widersprechen, doch Diors „Geht!“ folgten sie trotzdem. Widerwillig verschwanden sie in die Richtung, aus der der Schlachtlärm erklang. Erst jetzt wurde Dior bewusst, wie nah der Kampf gekommen war.

Als er zum Jäger schaute, entdeckte er ihn auf Knien. Seltsame Faszination erfasste Dior, Verlangen alles zu ändern, neue Wege zu gehen und so vieles mehr. Eine Hand lag um den Dolch, der gefährlich nahe beim Herzen steckte.

„Du hättest ihn nicht aufhalten sollen, Vögelchen“, meinte der Jäger und Dior erstarrte bei dem Humor, der in der Stimme mitschwang. „Du wärest mich losgeworden.“

„Es ist meine Aufgab…“

Ein Schnauben erklang und ein Ruck ging durch den Körper. Der Dolch flog klirrend zu Boden, auf eines der Schwerter der Gefallenen. Dior ließ sich zu Boden sinken, unfähig fernzubleiben.

„Wir können kämpfen, wenn dir so viel an der Ehre Lúthiëns liegt. Nicht, dass ich noch lange durchhalte, nachdem der Dolch meine Lunge durchbohrt hat“, begann der Jäger und hustete. „Und Ehre auch nie etwas war, was deine Mutter je besessen hat.“

„Ihr habt sie wirklich geliebt?“, fragte Dior leise, auch wenn er erst ob der Beleidigung auffahren wollte, ehe er wirklich begriff, und legte intuitiv eine Hand über die Wunde.

„Liebe?“

Ein weiteres Husten.

„Sie hat mich mit ihrer Stimme betört, mein Herz ergriffen und schließlich zerquetscht. Ich hätte sie, wenn sie mich nicht hintergangen, meinen treuen Freund und Gefährten Huan geopfert und diesen verdammten Bastard Beren erlaubt hätte, meinen kleinen Bruder derart zu behandeln, auf Händen getragen.“

Husten. Dior drückte immer fester auf die Wunde.

„Ich hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt und ihr all die Freiheit gegeben, sobald sie von dem Irrglauben an diesen Sterblichen geheilt gewesen wäre“, fuhr der Jäger fort. „Sie war besessen von ihm, hätte und hat lieber andere sterben lassen, nur um ihren Willen zu bekommen. Sie hätte erst wieder Bodenhaftung bekommen müssen.“

Ein Fluch folgte und Dior versuchte ihn von seinem Vorhaben, plötzlich aufstehen zu wollen, abzuhalten. Doch immer noch war Celegorm stärker. Ein schiefes Lächeln erschien auf den Lippen des Goldos.

„Nimm dein Schwert!“

Der Jäger grinste gefährlich. Kaum dass Dior das Schwert erneut in Händen hielt, folgte der Schlag, zielsicher und mit Leichtigkeit geführt. Er verteidigte sich, so gut es eben ging, auch wenn ein Schnitt nach dem anderen seine Kleidung zerstörte. Warmes Blut rann von den Wunden herab. Rote Tropfen fielen zu Boden, zersprangen einem Glas gleich in tausende Spritzer.

Dior war sich mittlerweile sehr sicher, dass er niemals gewinnen konnte. Den nächsten Schlag blockte er mehr schlecht als recht und stolperte rückwärts. Die Kraft des Goldos war selbst im verletzten Zustand ungebrochen.

„Ich gebe dir die Chance, Genugtuung zu erlangen und du nutzt sie nicht“, wurde ihm arrogant entgegengeschleudert. Der Ruck, der ihn dann durchfuhr, warf ihn direkt in die Arme des Jägers und ließ ihn erneut das Schwert fallen lassen. Blut rann aus des Jägers Mundwinkel. Die Nähe irritierte Dior erneut. Etwas wurde in seine Hand gedrückt. Der Blick durchbohrte ihn erneut.

Erneut hustete der Jäger und plötzlich lastete das Gewicht auf Dior und der Sinda hatte Mühe stehen zu bleiben. Dior schlang seine Arme um den Goldo und ließ sich mit ihm zu Boden gleiten. Immer wieder Husten, mehr Blut, mehr Röcheln. Kälte erfasste Dior.

„Beende es“, röchelte der Jäger, ein Rasseln in der Dunkelheit.

Finger umklammerten seinen Ärmel, hielten den Griff.

„Lass mich nicht qualvoll ersticken!“

Der Körper krümmte sich in seinen Armen. Dior strich beruhigend über das silberne Haar. Seine Hand zitterte, als er den Dolch hob. Ihm wurde bewusst, dass der Jäger innerhalb der kurzen Zeit eine Beziehung zu ihm aufgebaut hatte.

„Durch das Auge“, hustete der Elb und würgte. Dior erbleichte und erstarrte in der Bewegung. „Es geht am schnellsten!“ Röcheln. Überall Blut, glitzernd im Mondlicht wie dunkle Perlen auf hellem Perlmutt.

Dior konnte nicht, nicht durch die Augen, nicht auf diese Weise. Doch soweit kam es nicht, denn eine Hand packte sein Handgelenk und zog es ruckartig nach unten. Ein Schrei entkam ihm, als er sah, was passierte. Der Dolch steckte mit Präzision geführt, genau dort, wo der Jäger ihn haben wollte. Ein erleichtertes Lächeln lag auf den Lippen. Der Griff um Diors Hand ließ nach.

Ein entsetztes Keuchen entfloh ihm und er zog zitternd den Dolch aus dem Auge heraus. Der Schock lähmte seine Gedanken, ließ ihn den Kopf beugen, das sternenfarbene Haar direkt vor Augen, in einem Akt aufkommender Reue. Er hatte den Goldo in einem fairen Duell besiegen wollen, nicht auf solche Art und Weise, unwürdig einem Fürst dieses Volkes. Bitter kam ihm der Gedanke, dass er fast froh war, dass sein Vater tot war. Wenn Beren gesehen hätte, wie der Jäger mit ihm gespielt, seine Jugend ausgenutzt hatte … er wollte nicht wissen, wie sein Vater reagiert hätte. Er erinnerte sich gut an die fast hasserfüllten Reden über die Goldor, speziell über Celegorm und Curufin.

Die einzige Schlacht, die Dior bislang miterlebt hatte, war die bei Sarn Athrad gewesen und er hatte Zwerge getötet, nicht Elben. Als er den Kopf hob, berührte er zitternd die Augenlider und schloss sie und legte den Toten vorsichtig hin. Er stand auf und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, Verzweiflung und Verwirrung beutelten ihn. Um ihn herum lagen die Erschlagenen, Blut benetzte den Boden und Dior selbst.

War es das wert gewesen?

Die Toten?

Den Wahnsinn?

Die Schmerzen?

All das Blut?

War es das wert gewesen?

Die Stimme des Jägers war nie präsenter in seinem Kopf. Donnergleich hallte jeder Satz durch seine Gedanken, ließ ihn nicht los und verkrallte sich in seinem Bewusstsein. Die Schatten ergriffen Dior und er griff sich an die Schläfen, scharfer, schneidender Schmerz.

Was wäre gewesen, wenn er den Silmaril hergegeben hätte?

Entsetzen packte ihn, als er an seine Kinder dachte, die er nach Avernien geschickt hatte. Er musste retten, was noch ging. Die Goldor würden nicht eher ruhen, ehe sie den Stein in Fingern hielten. Sie würden nach Avernien gehen, nur um zu bekommen, was ihres war. Er musste den Silmaril bekommen, um diesen Fluch den Söhnen Feanors zurückzugeben.

Krachen …

Schmerz …

Für einen Moment konnte Dior nichts mehr sehen, Schwindel und Übelkeit erfassten ihn. Er blinzelte. Doch dann würgte er, der Druck an seiner Kehle steigerte sich, er bekam keine Luft mehr.

„Du wirst leiden!“

Zischen, kaum zu vernehmen, vermischt mit dem Rauschen der Blätter im aufkommenden Wind. Als er wieder sehen konnte, waren grüne Flammen vor ihm, die eisig loderten und ihn verschlangen. Seelenlos war der einzige Begriff, der zutraf, und kalte  Schauer rannen über seinen Rücken, trotz des Schmerzes betäubend. Angst formte sich in seinem Bauch und er versuchte sich herauszuwinden. Doch rasender Schmerz durchfuhr ihn, als ein langer Dolch seine Schulter durchbohrte, durchdrang und ihn an den Baum nagelte. Zumindest glaubte er, dass es ein Baum war, die raue Oberfläche bohrte sich in seinen Rücken. Die Hand verließ nie seine Gurgel, drückte immer fester.

„Ich hätte diese erbärmliche Kreatur, die dein Vater war, schon damals den Hunden zum Fraß vorwerfen sollen!“, grollte es und die Vibration erreichte selbst Dior, schüttelte ihn und lehrte ihn blanke Todesangst. Nicht Celegorm war das Monster gewesen, nein, die Schatten, die alles verschlangen, die jedes Licht erstickten, waren Curufin. Celegorm hatte nur seine Mutter gefangen nehmen wollen, neben all den Gräueltaten in Alqualondë. Aber Curufin hatte beide damals töten wollen. Verzweifelt versuchte er sich zu bewegen.

„Aber selbst das wäre eine schlechte Idee gewesen, nicht dass die guten Tiere sich den Magen verderben!“

Hass quoll aus jedem Wort, vernebelte den Geist und erstickte jedes Aufbegehren.

„Ich hätte nicht auf Findaráto hören sollen, sondern sofort dem ein Ende setzen müssen.“ Diors Augen weiteten sich entsetzt. Warmer Atem strich über sein Gesicht, so nahe war der Goldo. „Mit dem Annehmen des Silmarils klebt Findarátos Blut auch an dir“, säuselte es, und Dior schüttelte nur den Kopf, auch wenn der Schmerz immer unerträglicher wurde. Würgend griff er nach dem Arm. Für nur einen Moment wurde der Druck weniger.

„Du wirst genauso für die Taten deines Vaters büßen, wie er! Hast du nicht gewusst, dass die Silmarilli jedes Leben verkürzen und krank machen, das sie mit unlauteren Motiven an sich bringt? Dass sie nur bei ihrer wahren Familie keinen Schaden anrichten? Dumme, kleine Missgeburt, deshalb starb deine Mutter so früh. Sie hätte noch Jahrzehnte vor sich gehabt, aber als Strafe hat der Silmaril ihr Leben dahingerafft!“ Kaltes, wahnsinniges Lachen. Grell leuchtende Augen. „Du wirst ebenso sterben, wie mein König, versprochen!“

Ein wahnsinniges Grinsen breitete sich in dem Gesicht aus. Ein weiterer Dolch fand seinen Weg in die Hand und Dior biss die Zähne zusammen, ehe er sich aufbäumte. Er schrie qualvoll auf, Schmerz strahlte von seiner Schulter in alle Körperregionen aus. Ein erneuter Schrei entfuhr ihm, als der Dolch seine andere Schulter durchbohrte.

„Dafür dass du das Erbe deines Vaters angenommen hast und meine Brüder nun auf dem Gewissen hast, wirst du leiden!“, zischte der Goldo eisig. „Und du wirst jede Information erhalten, die dir dein Verfehlen überdeutlich aufzeigt. Du bist nicht so dumm, wie du dich stellst und das ist gut!“

Süffisantes Grinsen auf scheinbar emotionslosem Gesicht. Der Wind wehte einige Strähnen in das markante, schöne Antlitz, ließ es aussehen, wie schwarze Adern in weißem Marmor. Dior verkrampfte sich vor Schmerz, der ihm eine Fratze aufsetzte. Keine Hand mehr an seiner Kehle, aber noch ein Dolch wurde ihm seitlich in den Bauch gerammt. Alle Kraft verließ den jungen König von Doriath, Raserei und Wahnsinn vernebelten sein Denken.

„Die Silmarilli sind lebendige Wesen, wusstest du das?“, meinte der Goldo übertrieben fröhlich. „Mein Vater hat Qualen durchlitten, weil seine drei jüngsten Kinder, entführt worden waren. Vor allem da nicht einmal die Valar davor zurückschreckten, ihn darum zu bitten, sie zu ermorden.“ Das Gewand wurde ihm zerschnitten. Die Klinge funkelte kühl im Licht des Mondes.

„Ich wollte ihn nicht töten“, würgte Dior hervor, silbernes Haar vor Augen. Heißes Blut rann über seinen Körper, tränkte sein Gewand, zog Linien über blasse Haut. Seine Wange wurde von der Rinde des Baumes zerkratzt, die andere brannte wie Feuer.

Keuchend drehte er den Kopf wieder zu dem Goldo, dessen Gesicht vor Wut verzerrt war.

„Er wurde von einem Dolch getroffen, ehe ich etwas sagen konnte.“

„Lügner!“, zischte sein Gegenüber, Hand an Diors Kehle.

„Er war am Ersticken, aber ich konnte nicht zustechen“, röchelte Dior panisch, unfähig seine Arme zu verwenden. „Er packte meine Hand und zog sie hinab …“

„Tyelcormo würde niemals Selbstmord begehen!“, grollte Curufin erzürnt und drückte weiter zu. Dior betete, dass es aufhören würde. Wahnsinn brannte schier in den grünen Augen, erhellten das Gesicht mit einem Strahlen, das jedem aus Aman zu eigen war.

„Kleine Nachtigall, du wirst in deinem eigenen Blut ertrinken!“, versprach der Goldo ihm, und Dior schloss verzweifelt die Augen. Er schrie erneut auf, als ein Dolch sich in seine linke Seite bohrte, nochmals als es sich in seine Brust fraß. „Bitte…“, wisperte Dior und krümmte sich ob der Schmerzen.

Schlachtlärm drang zu ihnen, untermalte grotesk die Szenerie. Ein unwilliger Laut entkam Curufin, der für wenige Augenblicke von ihm abließ. Dior sah nur mehr verschwommen, unfokussiert. Gestalten kamen auf sie zu. Doch welcher Seite sie angehörten, konnte er nicht sagen.

„Vergib mir“ brachte er nur hervor, seine Stimme brach wie feinstes Glas unter zu viel Druck. Den Schnitt spürte er kaum, zu sehr war er betäubt vom allgegenwärtigen Schmerz. Er gurgelte, als sich das Blut gleich einem Wasserfall über seinen Oberkörper ergoss. Ein weiterer Schnitt, eine Hand an seiner offenen Kehle. Mit geweiteten Augen blickte er dem Wahnsinn entgegen.

Ich ertrinke in des Wahnsinns Blut, dachte Dior nur mehr und spürte den Ruck an seinem Hals. Danach wurde alles schwarz, jegliches Gefühl entwich seinem Körper. Für einen Moment vernahm er eine wundervolle Melodie, ein Rufen in der Ferne.

Alles wurde leicht, schien flüssiger zu gehen.

Dann war es vorbei.