Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein unbekannter Freund [Gottsched/Lessing]

KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
17.09.2015
17.09.2015
1
3.480
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
17.09.2015 3.480
 
Als Gotthold das imposante Haus am Alten Neumarkt betritt, ist Madame gerade im Begriff zu gehen. Beinahe wäre er mit ihr zusammengestoßen, weil die stattliche Dame so beschäftigt damit ist, sich von ihrer Kammerdienerin in den Pelzmantel helfen zu lassen, dass sie für den verschüchterten Studenten, der sich nun mit seiner Fibel an die Brust gepresst an die Wand des engen Hausflurs drückt, kaum einen Blick übrig hat. Noch im Gehen nickt sie ihm kurz zu. „…und vergessen Sie nicht, dass gnädiger Herr sein Essen heute im Studierzimmer einzunehmen – Guten Morgen, Lessing – wünscht.“

Die angedeutet Verbeugung, mit der der junge Student ihren Gruß erwidert, scheint sie nicht mehr wahrzunehmen, denn mit einem dumpfen Schlag fällt die schwere Eingangstür ins Schloss, aber auch die plötzliche Stille vermag es nicht, ihn in jenen warmen, weichen Zustand zurückzuversetzen, denen er zuvor noch so mühsam aus dem Halbschlaf in die wache Welt herüber gerettet hat. Gotthold kann die Gottschedin nicht besonders gut leiden, diese quirlige, immer-lustige, immer-energiegeladene Person, die selbst auf dem Weg in die Sonntagsmesse eine Geschäftigkeit verbreitet, wie man sie sonst nur vom Wochenmarkt kennt.
Verwirrt versucht er, in der plötzlichen Stille seine Gedanken zu ordnen. In den letzten Wochen ist er ein häufiger Gast und schon allein deshalb lächelt ihm die junge Angestellte nur kurz zu, als sie an ihm vorbei in Richtung der Gesindewohnung eilt.

Es ist noch früh an diesem Sonntagmorgen, so früh, dass die Dienerschaft des Anwesens noch nicht dazu gekommen ist, alle Öfen zu befeuern und so ist es hier nur unwesentlich wärmer, als in den schneebedeckten Straßen und Gassen Leipzigs, durch die Gotthold gerade eben noch zum Haus des angesehenen und geschätzten Professors Gottsched gestapft ist. Ein leichtes Zittern erfasst den jungen Mann und er löst sich aus seiner Erstarrung, um die breite Treppe zur Wohnung im Obergeschoss hinaufzusteigen, in der es dankenswerterweise bedeutend wärmer ist und das nicht nur deshalb, weil dort sein Mentor und Freund ihn bereits erwartet.

Ohne Anzuklopfen tritt Gotthold ein und tritt näher zu dem Mann, der noch im Morgenrock in einem der beiden ledernen Ohrensessel vor dem vereisten Fenster sitzt und ihm freundlich zunickt. Das Feuer im offenen Kamin knistert, aber sonst ist kein Laut zu hören. Der Herr des Hauses scheint die frühmorgendliche Energie seiner Gattin nicht zu teilen, sondern studiert halbherzig ein Journal, das er nun zusammen mit seinem Pince-nez zur Seite legt, um Gotthold eine Tasse dampfenden Kaffees einzuschenken. Es ist eine seltene Gelegenheit, dass man den sonst so akkuraten und tadellos gekleideten Professor so häuslich erlebt und Gotthold fühlt einen leichten Anflug von Stolz darüber, dass ihm dieser Vertrauensbeweis zuteilwird.

Nicht einmal die opulente Perücke trägt Gottsched heute Morgen und so kann man leicht den Ansatz einer Glatze unter dem dünner werdenden grauen Haar erkennen. Aus Gottholds Perspektive muss man Gottsched im Grunde als alt bezeichnen, das weiß er. Der Professor wird in wenigen Wochen seinen sechsundvierzigsten Geburtstag feiern. Dem Körper nach ist er damit mehr als doppelt so alt wie Gotthold. Aber Gotthold hat schon immer gewusst, dass er im Grunde seines Herzens, oder vielmehr Geistes, selbst ein alter Mann ist. Vielleicht macht das die pietistische Strenge des Elternhauses. Jedenfalls hat er sich nie unwohl oder gehemmt Gottsched gegenüber gefühlt. Er, der zwischen seinen Kommilitonen beinahe unterzugehen scheint, blüht geradezu auf, wenn er mit dem Professor ins Fachsimpeln gerät. Auch deshalb kann er mittlerweile vom Theater nicht mehr lassen.

„Guten Morgen!“ Gottsched – Johann, der Vorname ist immer noch ungewohnt – nickt ihm wohlwollend zu. „Hat Er meine Frau bereits getroffen?“

Gotthold nickt. „Unweigerlich.“ Für einen Moment erschrickt er vor seiner eigenen Courage. Ganz gleich, wieviel Vertrauen Gottsched ihm entgegen bringt, er kann doch nie ganz den Gedanken abschütteln, wie jung und unbedeutend er im Vergleich zu dem großen Geist des Anderen er ist. Aber Gottsched bedeutet ihm lediglich, sich zu setzen, und ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Während Gotthold sich in den Sessel gleiten lässt, fährt der Ältere bitter fort: „Das Geheimnis einer glücklichen Ehe, mein Lieber: Ein Mann, der mit ein bisschen häuslicher Ruhe voll und ganz zufrieden ist und eine Frau, die alles außer einem Bisschen häuslicher Ruhe will. Welch angenehme Abwechslung, den Morgen mit jemandem zu verbringen, der mich auch ab und an zu Wort kommen lässt. Aber das ist nunmal das Kreuz, das uns die Ehe auferlegt.“ Er schüttelt amüsiert den Kopf, ohne jedoch seinen Studenten aus dem Blick zu lassen.

Gotthold lächelte verlegen. „Zu diesem Thema kann ich leider nichts beitragen.“ Seltsam, ausgerechnet mit seinem Professor über dieses Thema zu sprechen, mit seinem Vorbild, seinem…was immer sie waren.

„Kommt noch mein, Lieber, kommt alles noch!“ Gotthold versucht, sich seine Zukunft vorzustellen, mit irgendeiner Charlotte oder einer Emilia, in irgendeinem Haus, drei Kinder, stattliche Buben, ohne die Ungewissheit, was der morgige Tag bringt, ohne die wilden Abende mit den anderen Studenten, ohne die Hoffnung darauf, noch etwas aus sich machen zu können. Seit er hier in Leipzig ist, erfährt Gotthold zum ersten Mal, was es bedeutet, sein Potenzial auszunutzen. Zum ersten Mal sticht er aus der Masse hervor, wie allein seine Anwesenheit in diesem Raum beweist.

Er spürt einen Stich in der Brust.

„Sicherlich, Herr Gottsched.“

Gottsched hebt eine Augenbraue und legt einen leichten Vorwurf in seine Stimme: „Wir sind allein, Gotthold. Hatten wir uns nicht geeinigt, auf diese Formalitäten zu verzichten?“

Hitze steigt Gotthold in die Wangen. „Sicherlich…Johann.“ Er überlegt fieberhaft, wie er den Fauxpas, den er begangen hat, überspielen kann. Schließlich wollte er ja nur höflich sein und nie im Leben den Mann verletzen, der ihm so viel bedeutet, niemals.

Es ist offensichtlich, wie unangenehm dem Jungen die Situation ist, wie sehr er sich bemüht, eine Lässigkeit an den Tag zu legen, die ihm nicht eigen ist, aber Johann macht keine Anstalten, weiter zu reden. Stattdessen wartet er ab, mit einer Mischung aus Wohlwollen und Neugierde, wie eine Katze, die noch nicht entschieden hat, ob die Maus vor ihr nun Abendessen oder Ablenkung sein soll.

„Ich habe den Text dabei, den du lesen wolltest!“, platzt Gotthold schließlich heraus und er streckt dem Anderen die Mappe hin, die er noch immer auf dem Schoß gehalten hat. Johann scheint enttäuscht von der Professionalität des Themas, aber nicht überrascht.

„Vielen Dank, mein Lieber.“ Er nimmt die Fibel und blättert beiläufig durch die Seiten. „Ich bin mir sicher, dass das Stück sehr interessant ist. Deine Bemühungen tragen Früchte, weißt du? Seit du zum ersten Mal einen Fuß in meine Vorlesung gesetzt hast, konnte ich sehen, dass Talent in dir schlummert, die Frage ist nur, ob es auch herauskommt. Vielleicht wirst du sogar einmal dazu beitragen, das in den Augen der Kunst zu rehabilitieren, was sich heute noch deutsches Theater schimpft.“

Stolz erfüllt Gotthold, gemischt mit ein wenig Scham. Er hat es nie gewagt, Johann zu beichten, dass lediglich eine verlorene Wette ihn dazu gebracht hat, Mylius zur Literatur zu begleiten. Zugegeben, die Theologie hat ihn nicht wirklich gereizt, aber dass er zwischen Aristoteles und Racine seine geistige Heimat finden würde, das hat ihn doch überrascht. Gotthold erinnert sich noch gut, wie er vor sieben Monaten noch leicht verkatert von seinem besten Freund mitgezerrt wurde, zu diesem Gottvater der deutschen Literatur in einer Zeit, in der es sich wie ein Wunder ausnimmt, wenn man in deutscher Sprache ein Werk findet, dass wenigstens in ganzen Sätzen geschrieben ist. Ihn hat das alles nicht interessiert, Mylius dafür umso mehr. Also ist er mitgegangen, einmal, und hat den Professor bestaunt, wie er mit sonorer Stimme die Bankreihen entlang geschritten war und zugleich aus seiner Critischen Dichtkunst deklamiert hat, ein imposanter Mann, mit noch imposanteren Ansichten. Beim nächsten Mal hat er in der ersten Reihe gesessen und jedes Wort aus des Meisters Mund mitnotiert. Es hat dann noch zwei weitere Wochen gedauert, bis er zum ersten Mal mit dem Professor reden durfte. Drei weitere bis er ihm seine poetischen Versuche vorgelegt hat. Als Gottsched ihn zum ersten Mal gelobt und ein Talent genannt hat, konnte er vor Aufregung den ganzen Abend von nichts anderem mehr sprechen. Gotthold ist es nicht gewohnt, Lob zu empfangen. Schon gar nicht seit er schreibt. (Zu schreiben versucht, wie sein Vater es ausgedrückt hat. Zu schreiben, wie diese ganzen nichtsnutzigen Hanswürste, die ihre gottlose Existenz am Bettelstab beenden werden.) Nach zwei Monaten kann er sich zum Kreis der engen Gottschedjünger zählen. Nach dreien ist er ein persönlicher Hausfreund. Nach fünf Monaten…

„Hörst du mir eigentlich noch zu?“ Johanns sonore Stimme reißt Gotthold aus seinen Tagträumen und bringt ihn zurück ins Hier und Jetzt.

„Verzeih, ich war kurz abwesend.“

„Das habe ich bemerkt!“ Diesmal klingt Johann weniger verletzt als wütend. „Wenn meine Gegenwart dich langweilt, steht es dir frei zu gehen.“

Gotthold schüttelt den Kopf. „Nein, ganz und gar nicht.“ Er setzt sich gerade auf und rutscht auf dem Sessel weit nach vorne, die Spannung in seinem Körper signalisiert nun ungeteilte Aufmerksamkeit. „Ich wollte dich nicht kränken, ich wartete nur auf dein Urteil.“ Schuldbewusst blickt er zu Johann hinüber und wartet.
Gottholds Nervosität scheint den Älteren zu versöhnen. „Du weißt doch, dass ich deine Schriften schätze.“

„Also ist es gut?“ Gottholds Anspannung lässt nicht nach, vermischt sich nun auch mit freudiger Erwartung, aber Johann legt nur Gottholds Text beiseite und beugt sich zu ihm vor. Seine Hand streicht über Gottholds Wange.

„Das kann ich nach so oberflächlicher Lektüre selbstverständlich noch nicht beurteilen. Lass mir das Stück da und ich werde es dir sagen.“

„Natürlich.“ Gotthold bemüht sich, seine Stimme neutral klingen zu lassen, aber Johann bemerkt die leise Enttäuschung dennoch.

„Du bist unersättlich, weißt du das?“ Er seufzt. „Nun gut, erzähl es mir!“

Mittlerweile ist Gotthold hellwach und beginnt ohne Umschweife zu berichten: „Es soll um zwei Freunde gehen, Damon und Leander. Beide werben um dieselbe Frau, wenngleich sie sich geschworen haben, dass ihre Freundschaft stets der Liebe voranstehen soll.“ Ein Leuchten glimmt in seinen Augen auf, ganz erfüllt ist er von der Idee einer Verbindung zweier Männer, die ihr Glück weit entfernt vom Ehebett finden. Aber Johann hebt die Hand und Gotthold weiß, dass das bedeutet, dass er zu schweigen hat.

„Nun gut, ich sehe deine Leidenschaft, aber was viel wichtiger ist: Hast du die Regeln beachtet?“

Die Regeln. Gotthold schluckt. Er kennt die Regeln, sein ganzes Leben ist von Regeln bestimmt gewesen. In seinem Elternhaus (Bei Tisch wird nicht gesprochen. Du sollst den Tag des Herrn ehren. Die Hände über die Decke). In der Schule (Es wird nicht geschwatzt. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet). Selbst an der Universität (Die Miete ist zum ersten und fünfzehnten eines jeden Monats zu bezahlen. Ein Kamerad lässt einen anderen nicht im Stich. Dem Professor wird nicht widersprochen).
Warum sollte es da in der Literatur anders sein? Auch deshalb hat Gotthold sich in Gottscheds Lehre sofort wiederfinden können.

„Natürlich.“ Er hebt das Kinn ein wenig, klingt aber nicht annähernd so selbstischer, wie er beabsichtigt hatte.
Johann taxiert ihn mit jenem prüfenden Blick, der Gotthold von Anfang an gefangen genommen hat und ihm Gänsehaut macht. „Wie viele Personen?“

„Fünf.“

„Von welchem Stand?“

„Gehoben, selbstverständlich, wegen der Fallhöhe. Und eine Bedienstete.“

Johann grinst süffisant, sagt aber nichts. Er ist ein strenger Lehrmeister, aber gerecht und kann einen leichten Fehltritt gut verzeihen. „Ich nehme an, ich muss mich durch keine sinnlose Nebenhandlung quälen?“

„Selbstverständlich nicht!“ Gotthold gibt sich beinahe empört.

„Und welchen Zeitraum umfasst das Geschehen?“

„Nun, es ist so…“ Bereits diese Worte verraten, dass es mehr als ein Sonnenumlauf ist, den Gotthold beschrieben hat. Er will erklären, aber Johann unterbricht ihn: „Und warum diese Entscheidung?“

„Weil ich glaube, dass es mehr Zeit braucht, um die ganze Tragödie zu entfalten.“ Gotthold bemüht sich, selbstsicher zu erscheinen, aber sein Herz schlägt höher, während er versucht, aus Johanns Mimik zu deuten, ob er erzürnt, enttäuscht oder einfach nur belustigt ist. „Weißt du, meine Figuren, sie sind zu Beginn noch ganz anders, als sie es am Ende des Stückes sein werden. Sie brauchen Zeit, sich zu entwickeln.“

Johann lacht trocken auf. „Zu entwickeln? Mein Lieber, wir machen hier Theater und keine Klatschgeschichten.“

„Aber wäre es nicht lohnend, den Charakter der Figuren wirklich kennenzulernen? Sie zu verstehen und sich einfühlen zu können?“

Johann schüttelt seufzend den Kopf. „Wo hast du nur solche Ideen her? Wie soll das funktionieren, Gotthold? Theater soll etwas lehren. Dazu braucht es keine „Einfühlung“!“ Er spuckt das letzte Wort aus, als habe er sich beinahe daran verschluckt.

Gotthold ringt mit sich selbst. „Glaubst du nicht, dass das ein Weg sein könnte, das Publikum viel besser zu erreichen?“

„Nein.“ Gotthold wartet auf eine Ausführung, aber es kommt keine. Johanns Urteil ist ein absolutes. Also versucht Gotthold es anders.

„Ich meine ja nur, dass neben dem Schrecken auch das Mitleid erregt werden muss. Damit der Zuschauer nicht nur intellektuell sondern auch emotional gefordert wird.“

„Emotion. Alles, was du damit herausfordern kannst, sind die Tränen der Frauen!“ Johanns Miene ist unvermindert düster. Er hat die Angewohnheit, dramaturgische Diskussionen persönlich zu nehmen, das weiß Gotthold und lässt ihn gewähren. „Dieser ganze moderne Unsinn ist ein Hirngespinst. Die deutsche Schaubühne braucht nicht mehr Emotionen. Gerade nicht. Dieses gefällige, kratzfüßige Gefällt-es-dem-Herrn-auch?-Gehabe hat uns überhaupt erst in diese Misere gebracht.“ Johanns Stimme wird lauter und bestimmter. „Wir brauchen keine neue Commedia dell’Arte, Gotthold. Was willst du denn für Charaktere auf deiner Bühne entwickeln? Einen verarmten Landadligen, der es mit dem Kaiser aufnimmt? Eine Schäferin, die in den Krieg zieht? Das stellt alles auf den Kopf und eh man sich’s versieht, steht der Hanswurst nicht mehr nur auf der Bühne, sondern schreibt sich auch noch sein eigenes Stück!“

Gottholds Augen brennen. Johann hat das alles nicht persönlich gemeint, gewiss nicht. Dennoch dauert es einen Augenblick, bis er mit ruhiger, sachlicher Stimme etwas erwidern kann.
„Niemand will den Hanswurst zurück, Gott bewahre! Ich wollte ja nur den Figuren eine Tiefe geben, Vielschichtigkeit, sie zu echten Menschen machen.“

Johann ist noch immer wütend, das verrät die Ader auf seiner Schläfe, die bedrohlich pocht, auch wenn er sich nun betont desinteressiert zurücklehnt und eher nebenbei fortfährt: „Der große Vorteil eines Bühnenstücks ist es, dass man eben keine echten Menschen braucht, sondern alle Aspekte, die man ansprechen möchte, rein und ungetrübt in einer Person zum Ausdruck bringen kann!“

Gotthold weiß, dass er sein Glück überstrapaziert, aber er hat sich noch nie so weit vorgewagt und die Angst, seinen Mentor zu verärgern, wirkt mit einem Mal nicht lähmend, sondern befreiend und so kann er sich die Nachfrage nicht verkneifen:  „Wird das denn auf die Dauer nicht langweilig?“

„Ganz und gar nicht. An solchen Fragen zeigt sich die Unfertigkeit deines Potenzials, Gotthold. Schon allein die Tatsache, dass einzig und allein der Französische Klassizismus es vollbracht hat, das Theater in seine Vollendung zu überführen, müsste dir das deutlich machen!“
Gotthold atmet tief durch. „Und die anderen großen Autoren? Hat nicht ein Shakespeare-?“

Johann ist aufgestanden und ragt nun bedrohlich über ihm auf. Für eine Sekunde glaubt Gotthold, er wolle ihn schlagen, aber das ist natürlich Unsinn. Ehrenwerte Männer werden wegen einer belangslosen Debatte nicht handgreiflich. „Shakespeare…“ Wieder der Tonfall, als sei ihm das Wort sauer aufgestoßen. „war ein Dilettant. Ich weiß nicht, welchen Umgang du in deiner Freizeit pflegst, Gotthold, aber lass mich dir versichern, wenn das die Lektüreempfehlungen deiner Freunde sind, wirst du für die Literatur und das Theater auch weiterhin ein unbedeutender Niemand bleiben!“

Erneut muss Gotthold schwer schlucken und rafft sich schließlich auf. Auch jetzt ist er noch einen Kopf kleiner als Johann und es kostet ihn Überwindung, zu ihm aufzusehen, als er schließlich mehr flüstert als sagt: „Vielleicht gehe ich jetzt besser. Wenn ich mein Manuskript zurückhaben dürfte? Dann kann ich einige der groberen Fehler darin ausmerzen.“

Gotthold fixiert gebannt einen Schmutzfleck auf der sonst makellos weißen Wand, während er darauf wartet, dass Johann beiseitetritt und ihn passieren lässt. Der macht aber keine Anstalten und die harten Züge in seinem Gesicht weichen mit einem Mal Bedauern. „Gotthold!“ Der Name klingt von seinen Lippen weich und beinahe sanft. „Du weißt doch, dass ich dir viel mehr zutraue. Es war doch nur als Warnung gemeint.“ Etwas in Gottholds Brust löst sich, aber noch weiß er nicht, was er antworten soll, also schweigt er und Johann redet weiter: „Nur, weil du noch kein berühmter Schriftsteller bist, heißt das doch nicht, dass ich nicht erkenne, was in dir steckt. Für MICH jedenfalls bist du kein Niemand.“

Erleichterung macht sich in Gotthold breit, aber noch immer hat er einen sauren Nachgeschmack auf der Zunge.

Dennoch nickt er, er will Johann nicht zurückweisen. Johann streicht ihm vorsichtig über das blonde Haar. „Es tut mir wirklich leid, dass du meine Worte so persönlich genommen hast. Du kennst mich doch und weißt, wie ich werde, wenn mich etwas echauffiert! Ich vergaß für einen Moment, wie leicht du verletzt bist.“ Da ist wieder das Wohlwollen in Johanns Stimme, das Gotthold das Gefühl gibt, die einzig wichtige Person im Leben eines Mannes zu sein, der für gewöhnlich selbst der wichtigste Mensch ist. Sein Blick hat beinahe etwas Flehentliches: „Sei mir nicht bös, Ephraim!“

Gotthold läuft ein Schauer über den Rücken, so intim klingt sein Zweitname.

„Natürlich, Johann.“ Seine Stimme klingt tonlos. Er weiß, dass es albern ist, dass er nicht so sensibel sein sollte, vor allem, wenn die Beleidigung eine so banale war. In den Journalen und Magazinen, die nun so beliebt sind, herrscht ein bedeutend rauerer Ton unter den Literaten und Literaturkritikern. Wenn er wirklich etwas werden will, muss er lernen, die Verletzungen seiner Kindheit zurückzulassen und sich ein dickeres Fell zulegen. Außerdem weiß er, was es bedeutet, wenn ein Gottsched sich entschuldigt. Also reißt er sich zusammen und lächelt. „Ich bin manchmal etwas sensibel, Johann, verzeih mir.“

Und Johann verzeiht ihm. Vorsichtig beugt er sich zu ihm hinunter und haucht ihm einen Kuss auf die Lippen. Ganz starr steht Gotthold da und genießt das Gefühl der Aufregung, das ihn noch immer erfasst, wenn Johann sich ihm nähert. Der Kuss wird fordernder und endlich löst sich Gotthold aus seiner Versteinerung. Langsam entspannt er sich und beginnt, den Kuss zu erwidern. Johann zieht ihn mit einem Ruck an sich und im gleichen Moment spürt Gotthold, wie Johanns Zunge sich in seinen Mund schiebt. Für einen Moment bleibt ihm die Luft weg, bevor er sich darauf einlassen kann. Johann schmeckt nach Kaffee und ein winziges bisschen nach Wein.
Minutenlang stehen sie da, ohne dass einer von beiden etwas sagt oder den Kuss unterbricht. Johanns Hände wandern fordernd an Gottholds Körper hinab, streichen über Rücken und Hintern, ziehen ihn an sich, beanspruchen jeden Zentimeter Haut für sich. Gotthold hat die Arme vorsichtig um Johanns Schultern gelegt und bemüht sich, die Liebkosungen des Andern zu erwidern. Ihm ist leicht schwindelig und wie so oft ist er überwältigt von Johanns schierer Präsenz.

Als er spürt, wie geschickte Finger flink seine Halsbinde zu öffnen beginnen, ist Gotthold aus dem Konzept gebracht. Tausend widerstreitende Gefühle vernebeln ihm die Sinne. Er ist erregt, ja, das kann er nicht verheimlichen. Aber gleichzeitig sind Wut und Demütigung, die so kurz zurückliegen, noch nicht ganz verraucht und auch, wenn er sich mit jeder Faser seines Körpers nach der Nähe Johanns sehnt, so ist sein Geist doch zu durcheinander, um sich wirklich ganz dem Moment hingeben zu können. Mit Mühe löst Gotthold sich von Johann. „Vielleicht sollte ich wirklich lieber gehen. Es ist gerade alles so viel…“

Aber seine Stimme klingt ungewohnt kratzig und Gottsched bemerkt das durchaus. Er schüttelt nur sacht den Kopf und lehnt seine Stirn an die Gottholds. „Es wäre nicht gut, wenn wir uns so im Streit trennten, meist du nicht auch?“ Gotthold will kurz erwidern, dass sie ja gar nicht mehr streiten, aber schon haucht Johann ihm heiße Küsse auf die nun nackte Brust und er lässt es zu, dass Johann sie beide Richtung Schlafzimmer dirigiert, ohne auch nur eine Sekunde von ihm ab zu lassen.

Nicht lange und Gotthold windet sich lustvoll unter den Berührungen des Anderen und während er keuchend unter Johann liegt, erkennt er, dass er Recht hatte. Das hier ist so viel besser, als eine halbherzige Verabschiedung und die Ungewissheit, wann sie wieder einige der wenigen kostbaren ungestörten Minuten werden teilen dürfen.
Eine dreiviertel Stunde später steht Gotthold wieder auf dem verschneiten Marktplatz und zieht seinen Gehrock enger um sich. Er ist erschöpft und leicht benommen. Eine gewisse Melancholie macht sich in ihm breit, als er das Haus seines Liebhabers hinter sich verlässt. Er wird nach Hause gehen und sich ins Bett legen, vielleicht vorher heiß baden und dann den Tag vor sich hindämmern. Seine Gedanken sind zäh und für den Moment genießt er es, wie wenig er zu überlegen vermag. Auf eine surreale Art und Weise fühlt er sich so ruhig wie schon lange nicht mehr.
Es wird noch etwa sechs weitere Wochen dauern, bis Gotthold erkennen muss, dass Mylius längst seinen Platz in Gottscheds Bett eingenommen hat.


„…zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast