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Gruppe 22: Hexenjagd

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.09.2015
15.09.2015
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Kapitel 3 - tabi babo


Es gäbe eine Chance. Sie hatte noch einen letzten Menschen, an den sie sich klammern könnte, nur würde es schwer werden, ihn zu finden. Als kleines Kind hatte sie ihn das letzte Mal gesehen. Was würde er sagen? Würde er ihr helfen? Die größte aller Fragen war aber: Würde sie ihn überhaupt finden? Lysáne warf noch einen letzten Blick zurück.
„Es tut mir leid, Klatriné! Ich wollte mit dir fliehen! Wir sollten beide hier weg! Es tut mir leid… ich werde es schaffen, für uns beide!“ Mit diesen letzten Worten verabschiedete sie sich und legte ihr nächstes Ziel fest. Kynarus, der Junge, den sie als Kind gekannt hatte, mit dem sie gespielt hatte, und den sie aus der Stadt gejagt hatten, da seine Eltern angeblich Verräter gewesen sein sollten.

Die Flucht aus der Stadt an sich erwies sich nicht als all zu schwer. Die Stadt war um diese Zeit kaum bewacht. Sie konnte sich hinausstehlen, nur war es in der Nacht im naheliegenden Wald alles andere als sicher. Noch nicht einmal die wenigen Jäger, die noch geblieben waren, wagten es, auch nur einen Fuß in den Wald zu setzen, wenn die Sonne beschlossen hatte, den dunklen Schleier über das Land zu werfen.

Aber was für eine Wahl hatte Lysáne denn schon? Sie musste hier verschwinden und dafür sorgen, dass sowohl sie, als auch das ungeborene Leben, das sie in ihrem Leib trug, nicht starben. Sie musste auch dafür sorgen, dass das Leben ihrer einzigen Freundin nicht umsonst genommen worden war.

Sie konnte die Zeit nicht einschätzen. Sie wusste nicht, wie lange ihre Füße sie schon über dieses undankbare Gelände trugen, aber nach einer gewissen Zeit konnte sie einfach nicht mehr. Sie hatte einen kleinen Bach gefunden und kniete sich vor diesen, um sich die Hände und das Gesicht ein wenig zu säubern und etwas davon zu trinken, da ihre Kehle sich staubtrocken anfühlte. Nach einigen erfrischenden Schlucken lehnte sie sich zurück und atmete tief durch. Sie musste weiter, dessen war sie sich sicher. Irgendwo hier müsste sie einen sicheren Platz finden, an dem sie sich ausruhen konnte. Zumindest hoffte sie das.

Für Leonard war sie eine Sache, ein Gegenstand, den er besitzen konnte, den er von ihren Eltern gekauft hatte und dieses Eigentum würde er natürlich nie einfach so aufgeben. Wen sollte er denn sonst quälen? Wen sollte er sonst schlagen und demütigen, wenn nicht Lysáne? Sie wusste, dass sie von ihm weg musste, und da sie es geschafft hatte, wäre es nur dumm gewesen, das wegzuwerfen.

Sie rappelte sich schnell wieder auf und setze sich in Bewegung. Ein Pferd wäre garantiert die bessere Wahl gewesen, aber ihre Flucht war so schnell gewesen und hatte so abrupt stattgefunden, dass sie gar nicht daran gedacht hatte. Sie beschloss vom Weg abzugehen. Sie war mitten im Wald sicher, zumindest vor Menschen. Was die wilden Tiere in diesem betraf, wusste sie es nicht. Nur würde sie sich eher von einem Wolf oder Bären zerfleischen lassen, als noch einmal auf das für sie abartige Gesicht von Leonard starren zu müssen.

Lysáne musste an Klatriné denken und an all die Weisheiten, die ihre Freundin immer parat gehabt hatte. Egal zu welcher Lebenslage, ihr fielen immer die richtigen Worte ein. Erst jetzt, einige Meilen von der Stadt entfernt, kamen die ersten Tränen auf. Sie versuchte diese zu halten, da sie wusste, dass sie weiter musste, doch sie konnte nicht anders. Sie fiel auf die Knie, schlug sich die Hände vor das Gesicht und gab sich den Tränen hin. Trauer übermannte sie, schüttelte sie durch und zerriss ihr das verletzte Herz. Es war schrecklich. Klatriné hatte diesen Tod nicht verdient und dennoch hatte sie sterben müssen.

Lysáne hasste es Schwäche zu zeigen, selbst dann, wenn sie alleine war. Sie war keine schwache Frau. Lysáne war stark, sie wollte sich nicht von Männern unterdrücken lassen. Nicht von Leonard und schon gar nicht von Fremden, aber der Tod ihrer einzigen, wahren Freundin nahm sie so sehr mit, dass sie im ersten Moment noch nicht einmal die Geräusche hörte.

Sie sprang förmlich auf, drehte sich um und hielt den Atem an, als sie die drei Männer sah. Zwei waren zu Fuß unterwegs, starrten sie wütend an, der dritte saß auf einem schwarzen Pferd. Erst beim zweiten Blick sah sie, dass es sich um Leonard und seine Gefolgsleute handelte. Wie haben sie mich so schnell gefunden?, fragte sich die Rothaarige. Sie schluckte schwer und wusste im ersten Moment nicht, was sie machen sollte.
„Wenn du Weibsstück sofort mitkommst, verspreche ich dir, dass deine Bestrafung nicht so hart ausfallen wird. Immerhin will ich den Sohn, den du mir hoffentlich schenkst, nicht verletzen! Ja, ich habe gehört, was die Hexe dir gesagt hat! Mach, was ich sage, und es wird gut für dich enden. Wenn du wegläufst, werde ich dich einfangen und töten, wenn der Junge geboren ist. Wenn es ein Mädchen wird, werde ich es an Sklavenhändler verkaufen.“ Selbst seine Stimme war für sie in diesem Moment wie die Galle, die ihr langsam die Kehle hinaufkroch.

Sie sagte nichts, sie wartete auch nicht darauf, dass etwas geschah. Der Tod von Klatriné durfte einfach nicht umsonst gewesen sein.
Sie drehte sich um, packte ihre Röcke und rannte so schnell ihre Füße sie tragen wollten. Sie war sich dessen bewusst, dass Leonard auf einem Pferd saß, wenn sie aber in unwegsames Gelände fliehen würde und immer wieder die Richtung änderte, musste sie es schaffen.

Noch dazu hoffte sie, dass sie Kynarus finden würde. Sie wusste, dass er hier irgendwo sein musste. Sie versuchte sich noch während der Flucht an ihn zu erinnern. Als Kind hatte er längere, blonde Haare, dunkle, blaue Augen und ein süßes Lächeln gehabt. Auch wenn er garantiert bereits Frau und Kinder hatte, musste sie ihn finden. Er war ihre letzte Hoffnung.

Nach einiger Zeit hörte sie keine Schritte mehr hinter sich, weder von einem Pferd, noch von Menschen, dennoch war sie sich nicht sicher, ob sie Leonard nun los war. Sie rannte weiter, immer weiter. Tiefer in den Wald, weiter in die Dunkelheit, ehe sie an eine unheimliche Stelle gelangte. Es war leise. Einzig alleine ihre Atmung war zu hören. Im einen Moment hatte sie noch festen Boden unter den Füßen, im nächsten stürzte sie über eine Wurzel, kam aber nie am Boden auf, da sie aufgehalten wurde. Sie erschrak, hätte beinah geschrien, aber jemand hielt ihr den Mund zu. Sie blickte zu dem Fremden auf und schluckte schwer. Es war niemand aus der Stadt und niemand, den sie kannte. Diese dunklen Augen machten ihr Angst, auch wenn sie etwas Vertrautes an sich hatten. Noch ehe sie etwas hätte sagen können, zog er sie zur Seite, drückte sie an sich und versteckte sich mit ihr hinter etwas Gestrüpp, während ein wütender Leonard einfach an ihnen vorbeiritt und in der Dunkelheit verschwand. Sie hatte Angst, fürchterliche Angst und wusste nicht, was sie machen sollte.
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