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Gruppe 22: Hexenjagd

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.09.2015
15.09.2015
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15.09.2015 653
 
Kapitel 2 - baronesse


Wie lange sie auf dem Boden gekniet hatte, wusste Lysáne nicht mehr. Der Anblick ihrer toten Freundin Klatriné hatte ihr sämtliche Kraft geraubt, dabei wusste sie, wie wichtig es war, dass sie ihre Flucht fortsetzte. Wenn Leonard schon die Heilerin ermordet hatte, was würde er dann alles tun, um an sein Kind zu kommen – das Kind, welches Lysáne in ihrem Bauch trug?

Hexe, Hexe, der Herr bestraft die Hexe.
Die Worte tanzten in ihrem Kopf herum. Schließlich griff sie nach vorn und zerrte an dem Zettel, zerknüllte ihn in der Hand. Klatriné war keine Hexe gewesen, einfach nur eine Frau, die sich nichts von den Männern der Stadt sagen ließ und für sich selbst eingestanden war. Genauso, wie sie auch für Lysáne dagewesen war. Hatte sie unterstützt, hatte ihr Mut gemacht. Ihr den Glauben geschenkt, dass nicht jeder Mann seine Zuneigung durch Schläge ausdrückte, und dass sie es nicht erdulden musste, Opfer solcher Gewalt zu werden. Die alte Klatriné war es auch gewesen, die ihr überhaupt erst verraten hatte, dass sie schwanger war. Lysáne hatte es lange genug verdrängt, denn sie wollte nicht an die Nacht denken, in der ihr Baby gezeugt worden war.

Du hast das nicht verdient. In dir steckt so viel mehr. Lass sie nicht gewinnen. Glaub ihnen nicht, wenn sie sagen, ER biete das einzige Dach, welches du je über dem Kopf haben wirst.
Wieder Worte der alten Klatriné. Die Heilerin wusste genau, wie Lysánes Ehe zustande gekommen war. Ihre Eltern waren arm, einfache Bauern, ohne Land, ohne Rechte. Sie schufteten von morgens bis abends ohne eine Hoffnung zu haben in diesem Leben bessere Zustände vorzufinden. Also hatten sie all ihre Hoffnung in die hübsche Tochter gesetzt und eine Ehe arrangiert, die sie selbst niemals gewünscht oder befürwortet hätte. Aber was hatte sie, als Frau, schon zu sagen?

Sie werden dir sagen, es sind ketzerische Worte, dass eine Frau für sich selbst denkt. Sie sagen es, weil sie dir Angst machen wollen. Weil sie darauf vertrauen, dass du ihren Anweisungen folgst, wenn sie nur behaupten, dass es Gottes Wille wäre. Aber hast du dir die Bibel einmal angeschaut?
Selbstverständlich hatte Lysáne das nicht. Sie konnte nicht einmal lesen. Aber Klatriné, die Freundin mit der geheimnisvollen Geschichte, hatte nicht nur das Wunder vollbracht, sondern tatsächlich die lateinischen Worte gelesen, die für jeden anderen in der Stadt nur ein Rätsel darstellten. Für alle außer die Männer der Kirche. Sogar Leonard konnte nur das wiederholen, was die Priester und Mönche ihm vorsagten, und seit neuestem die beiden Inquisitoren, die in der Stadt waren.

Es gibt starke Frauen in der Bibel. Du bist ihnen ähnlich, Lysáne. Geh deinen Weg. Lass dich nicht von deinem Mann terrorisieren.
Die Rothaarige hätte niemals auch nur darüber nachgedacht, den Worten der Heilerin, die sie seit ihrer Kindheit kannte, Gehör zu schenken. Aber dann war sie schwanger geworden, und sie wusste aus tiefstem Herzen, dass sie das Kind nicht der Gnade seines Vaters ausliefern wollte, denn davon besaß er reichlich wenig.

„Flieeeeeeeeeeeh“, wisperte der Wind.
Lysáne zuckte zusammen. Bildete sie sich das ein? Sprach etwa jemand mit ihr? Ihre grünen Augen wanderten zu Klatriné, aber sie saß immer noch so tot da wie vorhin, der Dolch mitten in ihrer Brust. „Flieeeeeeeeeeeeh – schneeeeeeeeeell“, wisperte es. Es war unheimlich.

Lysáne wusste nicht, ob sie es sich nur einbildete oder nicht, aber sie raffte ihre Röcke, schritt auf die Hintertür zu und rannte durch die nächtlichen Gassen der Stadt. Wenn Leonard ihre Flucht schon entdeckt hatte, dann war alle Heimlichtuerei vergebens. Sie musste so schnell wie möglich hinaus aus der Stadt, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wo sie dann hin sollte. Klatriné war ihre letzte Hoffnung gewesen, die einzige Freundin, auf die sie sich verlassen konnte, und nun war sie tot.

„Nein, Moment“, fiel ihr ein, als sie durch die Stadt rannte. Klatriné war nur die einzige in der Stadt, aber wenn sie es hinausschaffte…
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