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Gerechtigkeit ist Roggenbrot

von CThomas
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Angst / P18 / Gen
15.09.2015
15.09.2015
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Ausgehend von dem Thread im Forum über „Rape Fics: Es ist alles okay, wenn der Typ nur gut genug aussieht?“ (http://forum.fanfiktion.de/t/34643/1) und der immer weiter zunehmenden Romantifizierung von Missbrauch, hatte ich das Bedürfnis, auch eine Rape Fic zu schreiben. So, wie ich eben eine schreiben würde, sollte ich jemals dieses Grauen für eine Geschichte brauchen.

Falls dich sexuelle Gewalt und die Erinnerung daran triggern, lies es nicht.







~~~~~~~~~







„Gibt’s noch Roggenbrot ohne Kümmel?“, fragte eine Stimme, übertönte damit das Summen des Ventilators.
Sie kannte diese Stimme und sie wusste, dass er es war, wusste es dadurch, dass sich ihr ganzer Körper versteifte, ihre Knie anfingen zu zittern und ihr plötzlich eiskalt war. Angst dröhnte durch ihre Adern, sammelte sich tief in ihrem Bauch, dort, wo er nie hätte sein dürfen. Sie spürte den Schmerz im Unterleib und hatte das Gefühl zu ersticken, fühlte seine Hand auf ihrer Kehle liegen.
Vier Jahre war es her und es war jeden Tag präsent, in ihren Träumen, in der Art, wie sie Männern begegnete. Jeder Donut, den sie in sich hineinstopfte, war seine Schuld. Sie erinnerte sich an sein hübsches Gesicht, weiße Zähne, die im Stroboskopgewitter des Clubs aufblitzten. Strahlende Augen, ein charmantes Kompliment. Und trotzdem hatte sie ihm einen Korb gegeben. Sie mochte ihn nicht, etwas in ihr hatte sie gewarnt. Zu offensiv, zu aalglatt, zu aufdringlich.
Sie erinnerte sich, wie sie auf den Parkplatz des Clubs gegangen war, in der Handtasche nach ihren Schlüsseln kramend, die kühle, klare Luft tief einatmend, den vanilligen Kunstnebel aus der Nase kriegen, genau wie in so vielen Nächten zuvor. Sie hatte ihn weder kommen sehen, noch hatte sie ihn gehört. Die Ohren dröhnend von der Lautstärke des Clubs war ihr die scheinbare Stille auf dem Parkplatz unwirklich vorgekommen. Wie immer, wenn sie aus dem Lärm nach draußen trat. Sie war fast an ihrem Auto gewesen, als er sie gepackt und ihr den Mund zugehalten hatte. Sie fand sich in Sekundenschnelle hinter einem Transporter wieder, gegen die Tür gedrückt. Der Maschendrahtzaun, der den Parkplatz von einem Industriegelände abgrenzte, war mit zwei leeren Weinflaschen geschmückt, deren Etiketten zur Hälfte abgeknibbelt waren. Zu weit weg um sie zu erreichen und ihm eine über den Schädel zu ziehen.
„Jemand wie ich kriegt keinen Korb“, hatte er dicht an ihrem Ohr gemurmelt und sie hatte sein Parfum gerochen, ein Duft, der ihr heute noch akute Übelkeit verschaffte und sie dazu veranlasst hatte, ihren Bruder fast schon auf Knien anzuflehen, sich um Himmels willen ein anderes Parfum zuzulegen und den Duft, den ihm seine Freundin zu Weihnachten geschenkt hatte, bitte, bitte, bitte nie wieder zu benutzen, wenn sie in der Nähe war.
Parfum, Schweiß und Kaffee und eine Hand, die sich auf ihren Mund presste, während sein Körper sie gegen die Tür des Transporters drückte und seine andere Hand ihren Gürtel und die Hose öffnete. Sie war starr vor Schreck gewesen, hatte geschrien, als er gegen ihren Knöchel trat um ihre Beine weiter zu spreizen. Sie hatte gegen seine Haut gebettelt, bitte nicht, lass mich, bitte, bitte nicht.
„Ich bring dich um, wenn du schreist“, hatte er gesagt, leise und drohend, seine Hose geöffnet, ihr linkes Bein angehoben, und zwei Sekunden später war ihre Welt in Schmerz explodiert.
Die Tränen waren ihr in die Augen geschossen und hatten sie für ein paar Sekunden fast blind gemacht. Der Schmerz so heftig, dass es ihr die Stimme raubte. Außer einem Röcheln hatten ihre Stimmbänder nichts mehr produzieren können.
Nachts, wenn sie im Bett lag, konnte sie das Keuchen an ihrem Ohr hören, das Geräusch seiner klirrenden Gürtelschnalle, die im Rhythmus seiner Bewegungen gegen ihr Bein klopfte. Der Klang seiner Stimme brachte das Gefühl zurück, in zwei Hälften zerrissen zu werden. Sie hatte darum gekämpft, bei Bewusstsein zu bleiben und sich doch danach gesehnt, in der tröstlichen Dunkelheit zu versinken, nicht mehr fühlen, nichts mehr hören zu müssen. Der Griff um ihre Kehle hatte sich gelockert, als ihr Bein anfing nachzugeben. Mit einem Ruck hatte er sie wieder hochgerissen, seine Faust in ihre Haare gekrallt und ihren Kopf an die Tür des Transporters gedrückt.
„Schön hierbleiben, Schlampe. Gefällt dir doch, oder? Sag, dass es dir gefällt.“
Sie hatte gewimmert und er hatte ihren Kopf gegen die Tür gedonnert.
„Sag es!“, hatte er gezischt und sich unerbittlich weiter in sie gestoßen.
„Hör auf, bitte!“
„Sag es!“
„Es gefällt mir“, hatte sie hervorgepresst und das selbstgefällige Grinsen auf seinem hübschen Gesicht verfolgte sie bis heute, immer dann, wenn ein Mann sie angrinste.
Das tiefe, langgezogene Stöhnen, als er den Höhepunkt erreichte, hatte sie schreien lassen, die postorgasmische Entspannung, die ihn ergriff, hatte dafür gesorgt, dass sein Griff lockerer wurde. Sie hatte ihn von sich gestoßen und er war rückwärts gegen den Zaum getaumelt. Sie erinnerte sich an den Ausdruck in seinem Gesicht, erleuchtet von der Laterne auf dem Parkplatz. Selbstgefällig, arrogant und durch und durch zufrieden. Er hatte die Hose hochgezogen und den Gürtel geschlossen, eine Zigarette aus einem Päckchen gefummelt und sie angezündet. In aller Seelenruhe. Während ihr sein Samen an den Oberschenkeln hinabgelaufen war.
„Ey, das war nicht schlecht“, hatte er grinsend gesagt. „Ich ruf dich an, Baby.“
Dann hatte er sich umgedreht und war verschwunden. Ein startender Motor ganz in der Nähe, dann war alles still gewesen, für ein paar Sekunden. Sie hatte nicht gewusst, wie viel Zeit vergangen war, es konnten keine fünf Minuten gewesen sein. Nachdem das Gelächter mehrerer Frauen erklungen war, hatte sie sich die Hose hochgezogen und war, ohne großartig darüber nachzudenken, zum nächsten Krankenhaus gefahren.
Was dort alles an entwürdigenden Dingen mit ihr passiert war, hatte sie schon lange ausgeblendet. Man war nett zu ihr gewesen, sehr nett sogar, vorsichtig, besorgt, hatte sich Zeit genommen, mit ihr zu reden, ihr Zeit gegeben, all diese entwürdigenden Fragen zu beantworten. Dann hatte die Ärztin einen Streifenwagen mit weiblicher Besatzung zum Krankenhaus bestellt. Jemand hatte ihr unaufgefordert einen Kakao aus dem Automaten gezogen. Eine Putzfrau hatte ihr ein Snickers aus einem Fach ihres Putzwagens gegeben und ihr über die Schulter gestreichelt, eine Krankenschwester hatte ihre Hand gehalten und Johanna für sie angerufen. Die Sonne war bereits aufgegangen gewesen, als ihre beste Freundin ihr frische Kleider gebracht und sie nach Hause gefahren hatte.

In den vier Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sie 30 Kilo zugenommen. Keinen Freund mehr gehabt. Keinen Sex. Alleine der Gedanke verursachte ihr Übelkeit. Sie trug eine Kurzhaarfrisur, damit sie keiner mehr so an den Haaren packen konnte. Nichts an ihr, weder inner- noch äußerlich, erinnerte mehr an die junge Frau, deren Zukunft von einem gutaussehenden Arschloch zerstört worden war. Obwohl man seine DNS sichergestellt hatte, obwohl sie ihn so gut beschrieb wie ihr möglich gewesen war: Man hatte ihn nie gefunden.

Langsam drehte sie sich um und blickte dem Schwein in sein hübsches Gesicht. Seine Haare waren länger, er trug einen Dreitagebart. Aber er war es. Sie hatte keinerlei Zweifel. Wortlos starrte sie ihn an, konnte nicht fassen, dass er vor ihr stand, ein ganz normaler Kunde an einem ganz normalen Dienstagnachmittag. 16:24 Uhr.
„Ähm, hallo? Erde an Bäckereifachverkäuferin? Gibt’s noch Roggenbrot ohne Kümmel?“
Sie riss sich zusammen, musste sich zusammenreißen, immerhin war sie alleine im Laden.
„Ja, ich bin nur … Entschuldigung“, antwortete sie und verfluchte sich dafür. „Gibt’s noch. Ein Pfund oder ein Kilo?“
„Ich nehme ein Kilo.“
Kein ‚bitte‘. Aber das sagte so ein Arschloch vermutlich auch nicht.
„Gut. Darf’s noch was sein?“
„Vier Stücke von dem Apfelkuchen. Das war’s.“
„7,89 Euro macht das“, erklärte sie und in dem Moment kam ihr die zündende Idee. „Macht’s Ihnen was aus, mit EC-Karte zu zahlen? Die Kasse ist kaputt, die verdammte Schublade geht nicht auf.“
„Mit EC-Karte? Beim Bäcker?“
„Ja. Das Gerät funktioniert. Aber die Kasse halt nicht.“
„Schön, von mir aus“, antwortete er, zog seinen Geldbeutel aus der Hose und reichte ihr die Karte über den Tresen.
„Vielen Dank, Herr … Ammersen. Tjark Ammersen.“
„Genau.“
„Möchten Sie einen Kaffee aufs Haus? Für die Unannehmlichkeiten?“
Er trank Kaffee, sie wusste es, er hatte danach gerochen.
„Klar, sehr gerne.“
„Kommt sofort.“
Sie füllte eine Tasse voll und stellte sie auf den Tresen, zog dann die EC-Karte durch das eigentlich nie benutzte Lesegerät und legte ihm den Ausdruck zum Unterschreiben hin.
Trink nur, Tjark Ammersen. Deine Fingerabdrücke und deine DNS sind genauso wertvoll wie der gute Name mit dem du bezahlst.
„Kennen wir uns eigentlich von irgendwoher?“, fragte er, während er nachdenklich ein Stück Zucker in den Kaffee rührte.
„Vielleicht“, antwortete sie. „Ich weiß nicht.“
Und jetzt wirst du mich tatsächlich kennenlernen, fügte sie in Gedanken hinzu und gab ihm mit dem falschesten Lächeln der Welt seine EC-Karte zurück. Sie beobachtete, wie er in sein Auto stieg und wegfuhr, griff zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.
Rache ist Blutwurst, sagt man. Und manchmal ist Gerechtigkeit ein Roggenbrot.
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