Weil die Schatten länger werden

von Thinkofme
GeschichteDrama, Fantasy / P16 Slash
15.09.2015
15.09.2015
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Prolog



Turas, im Jahr 19 nach König Mordans Krönung

Alle drei Monde hatten ihren Zenit schon lange überschritten, als auch der letzte der Berater seine Gemächer  mit einer Verbeugung verließ und er sich endlich seinen Kopfschmerzen hingeben konnte.
Die schwere, eisenbeschlagene Flügeltür viel mit einem lauten Schlag ins Schloss. Zu laut für ihn. Er stöhnte gepeinigt auf, ließ den Kopf nach hinten gegen die Lehne seines wuchtigen Stuhls  fallen und rieb sich die Schläfen.
Die letzten Stunden über hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich schlafen zu dürfen. Oft war er kurz davor gewesen, seine Pflichten als Kronprinz einfach zu ignorieren und seine Berater anzuschreien, sie mögen ihn ein für alle Mal mit ihren nichtigen Streitigkeiten, Geldnöten und fälligen Beförderungen in Ruhe lassen. Er wollte seinen Frieden. Er wollte die Augen schließen und sie nie wieder öffnen müssen.
Doch jetzt, da das einzige, das er noch vernahm, das prasselnde Geräusch des Kaminfeuers war, fühlte er sich selbst zum Schlafen zu müde.
Früher hatte er, wenn die Erschöpfung und die Kopfschmerzen ihn seines Schlafes beraubten, oft Spaziergänge gemacht. Dann war manchmal stundenlang durch die leeren, dunklen Gänge der Burg gestromert, bis das monotone Geräusch seiner eigenen, weithin hallenden Schritte ihn zumindest soweit beruhigten, dass er wenigstens einige wenige Stunden zu oberflächlicher Entspannung kam.
Heute jedoch... fühlte er sich plötzlich zu alt, um auf der Suche nach allem und nichts durch die Burg zu laufen. Er war ein bedeutender Mann und, Rachegeister, die Beine taten ihm weh. Dabei war er, zumindest an Wintern gemessen, doch noch so jung.
Also blieb ihm nur der Wein als letzter Ausweg; doch er hatte aus Frustration schon während der Ratssitzung zu viel davon getrunken und war den Geschmack mehr als nur leid. Schon beim Gedanken daran, noch mehr von der lauwarmen, modrigen Flüssigkeit  hinunter zu kippen, wurde ihm schlecht. Aber er fühlte sich alt und krank und müde, und er sehnte sich nach Vergessen. Und so würgte er Schluck für Schluck mehr Wein in sich hinein, schluckte und schluckte, bis er selbst die Übelkeit nicht mehr wahrnahm, bis die Welt nur noch aus dem angelaufenen Silberbecher voll fader, abgestandener Flüssigkeit bestand. Er trank, bis ihm der Kopf weg sackte und er in einen anstrengenden, unruhigen Schlaf fiel.
Er träumte von Ilajka, von ihrem leisen, heißeren Lachen und ihrem spöttischen Grinsen auf dem von der Sommersonne gebräunten Gesicht. In den frühen Morgenstunden riss ihn ein jäher Schmerz in seinem Arm zurück in die Wirklichkeit. Er musste im Traum um sich geschlagen haben und die ungepolsterte, mit Holzschnitzereien verzierte Armlehne getroffen haben. Als er fluchend versuchte, aufzustehen, schwindelte ihm und er wäre gestürzt, hätte er sich nicht im letzten Augenblick mit den Händen am Tisch abgefangen. Langsam ließ er den Oberkörper auf die Tischplatte sinken, presste die Wange auf das raue Holz.
Er hatte Durst. Aber nicht auf Wein, sondern auf warmen Sommerregen, auf unbeschwertes Lachen  und auf frisches, prickelndes Wasser aus kühlen Gebirgsquellen.
„Oh, Toran, und wenn du neben einer Quelle stündest, würdest du murren und dir wünschen, du hättest Wein.“, hörte er SIE flüstern, und sie hatte Recht. Wie immer war sie ehrlich zu ihm. Selbst, nein, vor allem, wenn er am Boden lag, sprach sie schonungslos und mit einem nachsichtigen Lächeln die Wahrheit aus. Sie log nie. Selbst, als sie noch lebte, hatte sie es nie getan.
Auf unsicheren Beinen taumelte er in Richtung Fenster, riss es auf und ließ sich die kühle Herbstluft um den Körper streichen, während er hinunter auf die langsam erwachende Stadt sah.
Wie hatte es jemals so weit kommen können?
„Ilajka.“, flüsterte er. Oder war es der Wind?