Waiting on an Angel

von MariaAust
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
Dr. Robert Chase OC (Own Character)
15.09.2015
15.06.2018
12
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15.09.2015 2.940
 
Hallo ihr lieben Leser und Leserinnen :)
Es freut mich, dass ihr in die Geschichte reinschaut! Vorab nur ein paar kleine Informationen. Die Handlung der Geschichte spielt unabhängig von der Chronologie der Staffeln und auch manche zwischenmenschlichen Verhältnisse wurden etwas abgeändert.
Ein regelmäßiges Hochladen kann ich nicht versprechen, leider kommt mir immer dieses lästige Altagsleben dazwischen... :D
Ich hoffe, das erste Kapitel gefällt euch! Für Kritik jeder Art bin ich immer offen :)
Liebe Grüße, eure Maria :)






Kapitel 1: Zehn Jahre her

Der Zug tuckerte gemütlich vor sich hin. Langsam näherte er sich dem Bahnhof. Mit jeder Sekunde kam sie ihrem Ziel näher. Immer ein Stück weiter. Krampfhaft versuchte sie, sich zu beruhigen. Alles ist gut, versuchte sie sich einzureden. Doch was half das schon? Nichts ist gut. „Und wahrscheinlich wird es das auch nicht mehr“, flüsterte sie.
Sie lehnte ihren Kopf gegen die Scheibe und schloss die Augen. Alle um sie herum fingen schon an aufzustehen, ihr Gepäck von den Ablagen zu holen. Kinder riefen aufgeregt durcheinander und deren Eltern versuchten, den Überblick über das ganze Gewusel zu behalten.
Alles wird gut, sagte sie sich. Immer wieder. Vielleicht glaubte sie am Ende ja selbst dran. Mit einem Ruck hielt der Zug am Bahnhof. Sie spürte, wie die Reisenden an ihr vorbei gingen, raus auf das Gleis. Sie hörte Stimmen freudig rufen, stellte sich Menschen vor, die sich gegenseitig in den Arm nahmen. Dann öffnete sie endlich die Augen. Ihr Wagon war leer. Mit einem Seufzen erhob sie sich langsam, nahm ihre Reisetasche vom Sitz neben sich und stieg langsam nach draußen.
Hier war es laut und hektisch. Unzählige Menschen liefen an ihr vorbei. Manche telefonierten dabei, manche hatten ein Buch unter den Arm geklemmt. Eine Familie zog karawanenartig an ihr vorüber. Ganz vorn der Vater mit einem gigantischen Koffer, dann die Mutter mit einem etwas kleineren Koffer, schließlich die drei Kinder mit bunten Rucksäcken und ganz zum Schluss noch die Großeltern Hand in Hand. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Obwohl der Vater gestresster aussah als es gesund sein mochte, wirkte er unendlich glücklich und das war es doch, worauf es ankam. Hör auf, geh einfach weiter, ermahnte sie sich. In ihrer Situation kam ihre jede Ausrede gelegen, um noch mehr Zeit zu schinden.

Sie hatte endlich den Ausgang erreicht und suchte gerade die richtige Bushaltestelle, als sie ein älterer Herr ansprach. „Hallo Kleine!“, sagte er und lächelte freundlich. „Wie kann ich dir helfen?“
„Ich suche…“, begann sie, doch weiter kam sie gar nicht.
„Deine Eltern, ja? Hast du dich verlaufen? Wo hast du sie denn zum letzten Mal gesehen?“ Genervt strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Auge. Es passierte ihr nicht zum ersten Mal, dass jemand sie für jünger einschätzt, als sie wirklich war und die Tatsache, dass sie ungeschminkt war und die letzte Nacht kaum geschlafen hatte, trug wohl nicht gerade zum Positiven bei. „Nein“, sagte sie betont langsam. „Ich suche nur den Bus, der mich zum Krankenhaus bringt.“
„Sind deine Eltern etwa da? Kann ich dir ein Taxi dahin rufen? Es ist doch gefährlich, ganz allein dahin zu fahren.“ Er schaute besorgt auf sie herab. „Hören Sie, ich bin bereits zweiundzwanzig, habe meinen Bachelor gemacht und komme gut ohne ein Taxi zu Recht. Können Sie mir jetzt endlich sagen, wie ich zum Krankenhaus komme?“
Der Mann deutete nur vage in eine Richtung und verschwand dann. Sie wollte wirklich nicht unhöflich sein, aber sie war übermüdetet, dadurch gereizt und zudem noch extrem nervös. Da braucht man keinen alten Mann, der einen für vierzehn hält. Sie schulterte ihre Tasche und machte sich auf, die richtige Bushaltestelle zu finden.
Nach einem fünfminütigen Fußmarsch saß sie dann im Bus und schaute wieder aus dem Fenster. Er setzte sich in Bewegung. Ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen.  Ich sollte nicht hier sein. Das war ein riesengroßer Fehler. Sie schluckte schwer. Ihr Herz schlug schneller als normal und machte auch keine Anstalten, sich wieder zu beruhigen. Die Nervosität schnürte ihr die Kehle zu und die erste Träne rann über ihre Wange. „Scheiße“, stieß sie leise hervor und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie war ihrem Ziel so nah, zu nah. „Es ist alles gut, es ist alles gut“, wiederholte sie immer wieder und war unendlich dankbar, dass niemand in ihrer Nähe saß.  Es ist falsch. Du bist ein Idiot. Es war gut, wie es war. Wozu alte Wunden aufreißen? Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es war nicht gut. Er verdient die Wahrheit, das bist du ihm schuldig.“ Mit einem Ruck richtete sie sich auf, wischte sich die Tränen weg. „Du hast dich dafür entschieden, jetzt steh das auch durch“, ermahnte sie sich. Sie atmete tief durch und schaute aus dem Fenster.
Häuser zogen an ihr vorbei, andere Autos, Menschen.  Was sie wohl bewegt? Wieso sie hier sind? Oft machte sie sich Gedanken über ihre Mitmenschen, fragte sich, was wohl ihre Geschichte war.
 Und was ist deine Geschichte? Ein Mädchen, das dumm genug war, in ihrer Wut ein Zugticket zu kaufen, um etwas von vor zehn Jahren aufzuklären, woran niemand mehr gedacht hatte…. Aber du hast daran gedacht.
Ist das nicht egoistisch? Nur weil du ein Problem damit hast und immer wieder daran denkst. Solltest du es ihm dann gleich sagen? Vielleicht hat er sich damit abgefunden, vielleicht will er gar nichts von dir wissen.

„Princeton-Plainsboro Hospital“, ertönte es von der Stimme aus dem Bus, die immer die Haltestellen ansagte. Gedankenversunken stand sie auf und verließ den Bus. Dort stand sie also im Novemberregen, nur knappe dreißig Meter vom Krankenhaus entfernt, unfähig, sich zu bewegen oder überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Angst. Sie hatte Angst, nichts weiter. Pure, blanke Angst. Das ist bescheuert, stell dich nicht so an. Stockend ging sie voran, immer ein Schritt vor den anderen setzend.

Sie schmiss ihre Tasche auf den großen Sessel und ließ sich ins Bett fallen. Ihre Füße hatten sie nicht wie geplant zum Krankenhaus, sondern zum nächsten Hotel geführt. Blödes Gehirn. Da lag sie also und starrte die Decke an, immer noch nervös. So wird es doch auch nicht besser. Aber was ist, wenn er gerade gar keine Zeit hat? Vielleicht ist er ja auch total beschäftigt. Ich sollte abends hingehen.
„Nein, du gehst jetzt dahin! Meine Güte, sonst bist du doch auch nicht so feige. Denk einfach nicht mehr nach, das schadet dir momentan eh nur.“ Gesagt, getan. Nachdem sie geduscht und sich etwas Wärmeres angezogen hatte, verließ sie das Zimmer.
Dieses Mal waren ihre Schritte zielstrebig und nicht ein einziges Mal, änderte sie ihre Meinung noch. Sie war nicht extra bis hierher gekommen, nur um dann zu kneifen. Außerdem müsste sie ja dann nach Hause gehen und das wollte sie nicht. Auf gar keinen Fall. Dann war es hier, voller Nervosität und Angst, schon besser.

Das Krankenhaus war hell und groß, voller kranker Leute und Ärzte.  Womit soll ein Krankenhaus denn sonst gefüllt sein? Geh weiter. Sie kam zur Rezeption oder wie man das auch immer nannte in Krankenhäusern und wartete darauf, dass ein Schwester kurz Zeit für sie hat. „Was kann ich für dich tun?“, fragte eine blonde und sah zur ihr auf,  zwei Akten in der Hand. „Ich suche Dr. House. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finde?“ Sie verzog kurz das Gesicht, erklärte aber schließlich doch den Weg. Die junge Frau bedankt sich knapp und ging dann zum Fahrstuhl. Fünfter Stock. Beruhige dich.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, als sie hinaus auf den weiten Korridor trat. Zweifel überkamen sie. Es ist zehn Jahre her, vielleicht arbeitet er jetzt woanders oder er lebt gar nicht mehr. Heutzutage wird man schnell mal überfahren…
Doch dann fiel ihr Blick auf eine Glastür. Gregory House MD. Da war es also. Sie war ihrem Ziel so nah. Vorsichtig schaute sie durch die Tür, doch da war niemand. Das Büro war leer.
„Hey, entschuldigung, kann ich dir helfen?“ Eine Stimme schreckte sie aus ihrem Zögern und sie drehte sich in dessen Richtung. Ein paar Meter vor ihr stand ein attraktiver, junger Arzt und sah sie freundlich an. „Ich bin Dr. Chase“, sagte er und kam auf sie zu. „Willst du zu Dr. House?“, setzte er nach, als sie nichts sagte. Das hatte sie nicht eingeplant. „Ähm, ja“, gab sie zur Antwort. „Okay“, er nickte und lächelte. Wieso lächelt er denn die ganze Zeit? „Er ist hier“, sagte der hübsche Arzt und zeigte auf eine weitere Glastür, gleich links von ihnen. „Oh.“ Mehr brachte sie nicht heraus. Mit ihrer letzten Willenskraft versuchte sie, ihre Beine am wegrenne zu hindern, denn das hätte sie lieber getan als so eine missglückte Unterhaltung mit Dr. Chase zu führen. „Komm ruhig rein, wir haben gerade keinen Fall“, sagte er und öffnete ihr die Tür. Sie nickte als Dank und trat vor ihm in das Zimmer ein. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Es war ein großes Zimmer. Wände aus Glas, Bücherregale, ein Glastisch mit mehreren Stühlen und ein Whiteboard, an dem gerade ein Mann mit Stock schrieb. Dr. Chase ging an ihr vorbei, ignorierte die fragenden Blicke seiner Kollegen, die an dem Tisch über ein paar Akten saßen. „House“, sagte er nur, „Hier ist jemand, der Sie sprechen möchte.“
„Stirbt dieser jemand in den nächsten paar Minuten?“, fragte er genervt und schrieb unbeirrt weiter. „Ähm, nein, aber…“, begann Chase von neuem, aber House unterbrach ihn.
„Dann kann derjenige wohl noch etwas warten. Ich arbeite.“
„Aber wir haben keinen Fall“, warf Chase ein und sah seine Kollegen verwundert an. „Doch, den haben wir“, kam es genervt von House. Der dunkelhäutige Mann am Tisch verdrehte nur die Augen, doch die Frau antwortete ihm. „Es ist eigentlich gar nicht sein Fall, er hat ihn Dr. Humphrey geklaut.“
„Ich habe ihn nicht geklaut“, mischte sich House wieder ein. „Ich habe ihn nur ausgeliehen, er kriegt ihn zurück, wenn wir das Leben dieses Mannes gerettet haben.“ Dann drehte er sich um  und erblickte sie.
Mitten in seiner Bewegung hielt er inne und sah sie ungläubig an. Niemand bewegte sich oder wagte, etwas zu sagen. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Absolute Stille legte sich über den Raum. So hatten die drei Ärzte ihren Boss noch nie gesehen. Verwundert.

„Du.“
Das war alles. Nur ein einziges Wort und die Spannung im Raum stieg ins Unermessliche. Sie schluckte schwer. „Ich wollte kurz mit Ihnen reden, falls Sie gerade Zeit haben“, brachte sie mit bebender Stimme hervor.
„Es gibt nur zwei plausible Gründe, aus denen du hier auf einmal auftauchst“, sagte House und kam ein paar Schritte auf sie zu. „Entweder bist du schwer krank und stirbst in den nächsten Wochen oder aber das vor zehn Jahren war eine Lüge.“ Er musterte sie angestrengt. „Deinem rosigen Teint, wenn wir die Augenringe mal weglassen, und deiner offensichtlichen Nervosität nach zu urteilen, ist es die zweite Option.“ Sie nickte und sah ihm in die blauen Augen. Sie sah Misstrauen in seinen und er sah Verzweiflung in ihren. „Was ist passiert?“, fragte er jetzt etwas leiser, einfühlender.
„Das ist privat.“
„Hältst du das für eine gute Idee?“
„Das wollte ich Sie eigentlich fragen.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, dann ging er die paar Schritte wieder zurück, sah seine Ärzte an. „Was ist?“, fragte er grob, als er ihre verblüfften Gesichter sah. „Sie sind nett, das macht uns Angst“, feixte der Dunkelhäutige. „Haha, sehr witzig“, meinte House sarkastisch. „Wer ist sie?“, fragte der Arzt wieder.
„Dafne Mayburn“, sagte sie. Alle Blicke folgen zu ihr. Es schien fast so, als erinnerten sie sich erst jetzt wieder ihrer Anwesenheit. „Woher kennt ihr euch?“, fragte jetzt die Frau, den Mann mit einem bösen Blick für seine Unhöflichkeit strafend, Dafne einfach übergangen zu haben. „Das ist Wilsons Nichte“, sagte House und wandte sich wieder seinem Whiteboard zu. Die Frau zog jedoch die Augenbrauen in die Höhe. „Wilson hat eine Nichte? Das wusste ich gar nicht. Und wieso bist du hier?“, fragte sie an Dafne gewandt. Ein Kloß entstand in ihrem Hals. „Na ja, das ist etwas komplizierter. Ich möchte nur kurz mit ihm reden.“
„Er hat gerade eine Patientin, du kannst gern hier auf ihn warten“, mischte sich Chase ein. „Oh nein, Sie müssen doch arbeiten. Ich warte gern woanders.“ Sie wollte schon wieder gehen, als House sie zurückrief. „Schön hier geblieben! Du setzt dich da hin.“ Er zeigte mit seinem Stock auf einen freien Stuhl zwischen der Frau und dem Dunkelhäutigen. Dafne gehorchte. Womöglich würde er sie sonst mit seinem Stock abwerfen, vom Weggehen hindern.
„Wir können dich doch nicht einfach hier im Krankenhaus herumirren lassen“, sagte die Frau und lächelte freundlich. „Ich bin Dr. Cameron und das ist Dr. Foreman“, sie zeigte auf den dunkelhäutigen Mann, der ihr kurz zunickte. „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten? Wasser, Tee, Kakao vielleicht?“
Ihr war unwohl, hier zwischen all den Ärzten zu sein. Es kam ihr fast so vor, als wäre das alles nur ein schlechter Traum und sie würde gleich in ihrem Bett in Washington aufwachen. „Wasser wäre nett, danke“, antwortete sie. Das ist kein Traum, da musst du jetzt durch.
Cameron stellte ein Glas Wasser vor ihr ab. „Hier bitte. Sag mal, sind deine Eltern nicht irgendwo in der Nähe, damit wir ihnen sagen können, dass du hier bist?“ Nicht schon wieder. „Für wie alt schätzen sie mich?“, entgegnete Dafne. Verdutzt sah die Frau sie an. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet. „Für fünfzehn, sechzehn vielleicht.“ Langsam nickte Dafne.
„Mach dir nichts draus“, mischte House sich ein, der von seinem Whiteboard wegtrat und sich an den Tisch lehnte. „In fünfzig Jahren wirst du dich darüber freuen.“
„Ich bin zweiundzwanzig“, klärte Dafne die verwirrte Cameron auf. „Oh, entschuldige bitte“, sagte diese, „Du siehst bloß nicht gerade wie zweiundzwanzig aus!“
„Schon gut“, beruhigte Dafne sie. „Passiert mir ständig.“ Foreman lachte in sich hinein und auch Chase schien das zu amüsieren. Cameron wurde rot und widmete sich der Akte vor ihr.
„Da ist nichts“, sagte Foreman schließlich. „Der Mann hatte Blinddarmbeschwerden. Der Blinddarm wurde entfernt. Jetzt hat er keine Beschwerden mehr. Er ist nicht tot krank.“
„Doch, das ist er“, sagte House. „Machen sie ein MRT und untersuchen sie sein Blut auf irgendwelche Anomalien.“  
Genervtes Stöhnen seitens der drei Ärzte. Sie wollte gerade aufstehen und sich an die Arbeit machen, als die Tür geöffnet wurde.

„House, was ist los? Du rufst mich doch sonst nicht an und legst sofort wieder auf.“ Genervt trat James Wilson in den Raum und sah House fragend an. Dieser zeigte nur mit seinem Stock auf den Tisch. Wilson folgte ihm und sah sie. Dafne.
Diese stand vor Schock ruckartig auf und hätte dabei fast das Wasserglas umgeworfen.
Da war er. Er war älter geworden, aber das sah man ihm kaum an. Er war immer noch der gleiche. Immer noch der Wilson, den sie in Erinnerung hatte.
„Dafne“, ungläubig sah er sie an. Wieder legte sich eine Totenstille über den Raum. „Hi“, war alles, was sie rausbrachte, dann versagte ihre Stimme. Wow, kreativ Dafne. Streng dich an, deswegen bist du hier. Sag es ihm einfach. Los.
„Kann ich kurz mit dir reden?“ Flehend sah sie ihn an. Wenn er nicht mit mir reden will, war alles umsonst. „Du solltest nicht hier sein“, sagte Wilson entschlossen. „Geh nach Hause, Dafne. Es gibt nichts zu reden.“ Er drehte sich um, ging zur Tür. Nein.
„Nein! Es war eine Lüge!“ Dafne ging ein paar Schritte vor den Tisch. „Es war eine Lüge“, wiederholte sie. Wilson, die Hand schon an der Klinke, drehte sich langsam wieder um. „Ich weiß, Dafne.“ Seine braunen Augen suchten ihre. Sie sah nichts als Enttäuschung in ihnen.  Ich hätte nicht kommen sollen. Er will nicht mit mir reden. Ich verletze ihn nur.
„Aber nicht von mir“, redete sie weiter. „Sie hat uns beide angelogen, nicht nur dich.“
„Was sagst du da?“ Jetzt drehte er sich endlich wieder vollständig zu ihr um, ließ sogar die Klinke los. „Sie hat uns beide angelogen“, wiederholte Dafne und versuchte krampfhaft, nicht zu weinen. „Und das soll ich dir glauben?“, fragte Wilson. Wie ein Stich traf sie dieses Misstrauen.
„Wäre ich sonst hier?“, entgegnete sie. „Ich will dir doch nur die Wahrheit sagen.“ Wilson blieb stumm. Das ist deine einzige Chance. Sag es ihm jetzt.
„Vorgestern haben wir beide miteinander geredet und ich habe sie dann plötzlich nach dir gefragt. Ich habe oft an dich gedacht in den letzten Jahren. Ich wollte einfach wissen, ob sie etwas von dir weiß. Na ja, dann hat sie mir erzählt, was sie dir damals am Telefon gesagt hat. Ich dachte zuerst, es sei ein schlechter Scherz. Denn vor zehn Jahren hat sie mir gesagt, dass du angerufen hast. Du meintest…“ Die erste Träne rann über ihr Gesicht. Bitte nicht weinen!Reiß dich zusammen!  Hastig wischte Dafne sie weg. „Sie meinte, du hättest ihr gesagt, dass du mich nicht mehr sehen willst aus verschiedenen Gründen.“ Einzelheiten waren jetzt nicht wichtig. „Sie hat uns beide angelogen, weil sie nicht mehr wollte, dass wir beide uns sehen. Sie meinte, du hättest womöglich einen schlechten Einfluss auf mich. Sie wollte nicht, dass ich mitkriege, wie deine Ehe in die Brüche geht und Ähnliches.“
Ein riesen Stein fiel ihr vom Herzen. Sie hatte ihm die Wahrheit gesagt. Ab jetzt war ihr alles egal. Sie hatte ihn nach zehn Jahren wieder gesehen. Was er mit diesem Wissen tat, war seine Sache.
Wilson dachte über ihre Worte nach. Eine merkwürdige Mischung aus Freude und Leid mischte sich auf seinem Gesicht. Mit ein paar Schritten war er bei ihr und schloss sie in die Arme. Damit hätte sie nie gerechnet. Nicht eine einzige Sekunde ihrer Reise lang. Er glaubt mir. Er glaubt mir tatsächlich. Jetzt konnte sie die Tränen nicht länger zurück halten.
Sie hatte es geschafft. Jetzt würde alles gut werden.
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