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Im Zwielicht gibt es keine Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
Japan OC (Own Character) Russland
13.09.2015
12.02.2022
9
25.115
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.12.2017 4.581
 
Hallo liebe Leser,

ich finde das fehlende Interesse an dieser Fanfiktion etwas schade, allerdings ist es für mich auch kein Grund sie vorzeitig zu beenden, weil es sich um ein liebgewonnenes Eigenprojekt handelt. Kurze Anmerkung: Klar, bei Hetalia gibt es keinen Hinweis darauf, dass Länder unter ihren Kriegen leiden, aber lasst mir den Spaß. :D
Zudem heißt die Stadt, wo sich Sachalin aufhält, zu der Zeit anders. Ich hab mich jedoch für den modernen Namen entschieden. Ebenso habe ich Блядь/blyat auch eher sinngemäß übersetzt, weil sich russische Beleidigungen nie wortwörtlich übernehmen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!

Freundliche Grüße,
Soul.




Es war ein eisiger, kalter Wintertag und ein Schneesturm fegte über das Land. Der Wind heulte über deine Insel wie ein Rudel wilder Wölfe. Er biss dir in deine empfindliche, von den Temperaturen fast blutleer gewordene Haut und zerkratzte dein Gesicht mit seiner schneidenden Frostkälte. Du wusstest damals nicht, wie du das nennen solltest, was um dich herum geschah – das Wort метель, Schneesturm, war dir damals noch unbekannt. Die Erinnerung war dir fern, vollkommen fremd und entstammte einer Zeit, die noch vor der Periode lag, in der du Russland treu als Strafkolonie gedient hattest. Sie stammte, wenn man das so sagen durfte, aus deiner frühsten Kindheit, der wilden Phase nach deiner Geburt.
Damals waren wildes, kaltes Meerwasser und ungezähmte, fast menschenleere Landmasse aufeinandergeprallt und hatten sich einen Kampf geliefert, der dem von Gaia und Uranus glich. Sich dies als sexuelle Vereinigung vorzustellen, war verlockend, doch vollkommen irreführend. Länder und Inseln hatten keine Eltern. Sie entstanden aus sich selbst und immer dann, wenn große Veränderungen bevorstanden. Irgendein Funke tief im Innersten deiner Insel hatte auf einen Impuls aus dem Meer reagiert, der letztlich zur Entstehung eines Bewusstseins führte. Anfangs war es noch ganz schwach gewesen, eine winzige Regung, doch bald sahst du, fühltest du, bewegtest dich. Und jeder, der dich damals getroffen hätte, hätte dich für ein menschliches Kind gehalten. Mit dem einzigen Unterschied, dass du komplett von Instinkten geleitet warst, die einzig darauf abzielten, dich zu stärken, damit du überleben und darauf warten konntest, dass dich jemand fand. Denn fast alle Landmassen waren zur Entstehung einer Kultur von einer anderen Nation abhängig. Wie lange du wohl gewartet hattest? Du wusstest es nicht mehr.
Damals war dir nur eines klar gewesen, nämlich, dass du kein Wort für dieses Schneetreiben um dich herum hattest. Dicke, schneeweiße Flocken wehten dir in dein Gesicht, formten Verwehungen, die größer waren als du. Hättest du sterben können? Auch dass wusstest du nicht und in der seltsamen, fremden, brabbelnden Sprache, die du von dir gabst, hättest du es auch niemals ausdrücken können. Aber dann war er an diesem scheußlichen, eiskalten Wintertag gekommen, als der Himmel grau und die Welt farblos war. Mit knirschenden Stiefeln und seinem wehenden, langen Pelzmantel. Damals war auch Ivan noch sehr jung gewesen. Sein Schal, den angeblich das Blut seiner Feinde rosarot gefärbt haben sollte, schimmerte jungfräulich weiß wie die Schneewehen. Eine aufstrebende Nation in ihrem Findungsprozess, die ihr künftiges Territorium abstecken wollte. Sein einem Kind gleichen, maskenhaftes Gesicht brannte sich ein in dein inneres Auge. Du hattest noch nie jemanden gesehen, den du… ja, eindeutig als jemanden erkennen konntest, der genau wie du warst und voll Faszination und Angst warst du damals auf ihn zugegangen. Du, ein schmutziges, aus deiner heutigen Warte barbarisches Wesen, was sich in Felle und indianische Gewänder kleidete wie die Einheimischen. Es war der erste Kontakt zwischen einem Eingeborenen und einem Siedler.
Als er die Hand nach dir ausstreckte, warst du zurückgezuckt, doch seine lieben blauen Augen schlugen dich in ihren Bannkreis. Er hätte alles sein können – ein Monster oder dein Feind. Doch entschied sich dazu, dein Freund sein zu wollen und er lächelte dich an. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, als er mit dir zu reden begann. Du verstandst damals kein Wort von dem, was er dir sagte. Das Russische war dir fremd und du konntest es keiner Tiersprache zuordnen. Genauso wenig verstand er dein Gebrabbel, was du in einer Kindersprache sagst. Du würdest deinen Singsang heute auch nicht mehr begreifen. Und du wolltest dich ihm damals doch nur vorstellen, nur diesem… Menschen deinen Namen sagen. Schließlich hatte er dich mit verführerischen Lockmitteln soweit, dass du auf ihn zugelaufen kamst, ihm die Süßigkeiten aus der Hand schlugst und gierig verzehrtest. Und irgendwann sagte er dieses eine Wort, was du als erstes Lernen würdest. Сахалин. Sachalin. Denn du wusstest es; Сахалин das warst du. Es besiegelte die Bindung, die dich für immer zu einem Teil Russlands machen sollte. Zu einem Mitglied seiner Familie.
Noch am selben Tag hob er dich hoch. Deinen winzigen Kinderkörper. Er drückte dich an sich. Du spürtest die Wärme seines Atems und seiner Haut und dann, als du aufhörtest, dich gegen seine Umarmung zu wehren, stopfte er dich wie ein kleines Tier unter seinen Mantel. Ein stummes Versprechen, dass bald alles gut werden würde. Mit großen Schritten stapfte er durch das Schneegestöber, doch die Flocken dämpfte den Lärm seiner Schritte. Du bekamst davon nichts mehr mit. Instinktiv hatte dein Körper erkannt, dass er dir helfen würde, weil er wie du war. Dass bald alles gut sein würde. Und du schliefst auf seiner Brust ein. Genau da, wo das Herz so regelmäßig und ruhig gegen seine Rippen schlug wie das Meer gegen die Felsen deiner Insel.


In letzter Zeit dachtest du viel an diese Begegnung; du jagtest sie förmlich immer wieder durch deinen Kopf und ließest sie wie einen Film vor deinem inneren Auge ablaufen. Als Ablenkung. Von draußen hörtest du Regentropfen, die wie Schüsse gegen dein Fenster zu schlagen schienen. Einen Moment krümmtest du dich zusammen und gabst dich der albernen Illusion hin, dass die anderen, wenn du sie nicht sehen konntest, auch dich nicht sehen würden. Genau wie kleine Kinder es taten, wenn sie mit ihren Händen die Augen bedeckten, weil sie dachten, dass man sie dann nicht mehr wahrnehmen würden. Aber du warst zu alt dafür, um noch solchen Trugbildern erlegen zu sein. Du fühltest dich nicht mehr sicher durch eine kuschlige Decke, einen Gute-Nacht-Kuss oder ein geliebtes Stofftier.
Du warst ein Opfer des Krieges. Ein unvermeidbarer Kollateralschaden. Der Angriff auf deine Insel ergab keinen Sinn für dich. Es gab nichts, was die Japaner von dir wollen könnten. Es hatte alles, so glaubtest du, nur den Sinn, dass das Reich der aufgehenden Sonne glaubte, Ivan wehtun zu können, indem sie dich verletzten. Du zogst die dicke, raue Wolldecke ein bisschen höher. Ihr kratziger Stoff scheuerte über deinen frischen Wunden und Prellungen. Für jeden Menschen, den die Japaner töteten, für jeden, der in Ketten abgeführt wurde und für jedes Stück Land, was sie in Brand setzten, platzte deine Haut ein bisschen weiter auf. Anfangs war es nur selten vorgekommen. Mal blutete deine Lippe ein bisschen, dann riss ein Fingernagel ein. Später wurden deine Hände ohne erkennbare Gründe rau oder deine Augen trocken und irgendwann riss die Epidermis deiner Haut. Du blutetest in ins Bett; schwitztest im Schlaf so sehr, dass du schon wieder frorst. Du hörtest in deinen Träumen die Schreie der Menschen und sahst kleine Kinder, die in den schmutzigen Straßen knieten, während sie verzweifelt an den Schultern ihrer toten Mütter rüttelten, weil sie glaubten, diese würden nur schlafen. Sobald du die Augen schlossest, waren diese Bilder wieder da, aber sobald du sie öffnetest, wurden sie in zur Realität. Manchmal weintest du auch. Aber du lebtest. Du warst am Leben und mehr oder weniger in Sicherheit.
Was erstaunlich war, war der Umstand, mit welcher Präzision die Japaner das Gelände durchkämmten. Sie richteten erstaunlich geringen Schaden an; um Knochenbrüche oder ernsthafte Verletzungen warst du bisher herumgekommen und das war der Beweis für ihre Umsicht. Hier und da hattest du zwar einige gerötete Stellen, die wohl entzündet waren, aber es ging dir trotz allem gut. Für einen Moment dachtest du an Ivan und fragtest dich, wie er wohl aussehen müsste. Er, der schon viele Jahre im Krieg war und wie er wohl seine ganzen Narben versteckte. Oder seine Schwestern. Du würdest sie gern anrufen, einfach um ihre Stimmen zu hören, aber Ljapunow hatte es dir strengstens verboten. Man könnte es abfangen. Du wusstest, dass er es gut mit dir meinte, aber du warst zugleich furchtbar wütend auf ihn, denn er schein nicht zu begreifen, wie du dich fühltest. Er wollte dich nur beschützen. Genau wie Russland. Und dabei bevormundeten sie beide dich; du fühltest dich vollkommen übergangen in dieser Hinsicht. Keiner fragte, was du dachtest.
Man tat alles, was wohl nötig war, aber du wolltest all diese Hilfe nicht. Ljapunow hatte dir eine Wache zur Seite gestellt. Einen jungen, Soldaten mit einem Milchgesicht. Der Knabe mochte kaum älter als sechszehn Jahre sein und hatte ein blasses Antlitz, so rund und unschuldig wie der Vollmond.
„Ljapunow, bitte“, hattest du zum General gesagt, als er dir den Jungspund vorgestellt hatte. „Dieser Junge gehört zu seiner Mutter und nicht an die Front, geschweige denn zu mir.“ Aber der hatte nicht nachgegeben. Ganz gleich wie oft du zu diskutieren versuchtest, Ljapunow lehnte es ab. Es sei alles zu deinem Schutz. Selbstverständlich, er hätte dir auch lieber einen erfahrenen Soldaten zur Seite gestellt, doch die Veteranen brauchte er für seine Guerilla-Strategie. Du kanntest ihre Namen alle - Oberst Arzischewski und die Hauptmänner Grotto-Slepikowski, Dairskowo und Bykow. Keiner von ihnen war Berufssoldat. Sie waren zwar alle im Krieg gewesen, aber hier auf Sachalin führten sie ein absolutes Zivilleben. Sie hatten allesamt empfindliche Niederlagen durch die Japaner erlitten, lediglich Bykow konnte sowas wie einen Erfolg vermelden.
Draußen vor der Haustür patrouillierte das Milchgesicht im Regen. „Du kannst auch reinkommen, товарищ“, hattest du vor einigen Stunden zu ihm gesagt. Du nanntest ihn ‚Genosse‘, weil du wusstest, dass Ivan das gefallen würde und dir dieses Wissen eine merkwürdige Befriedigung verschaffte. Doch der Soldat schüttelte den Kopf: „Nein, Fräulein Sachalin. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das geht schon. Das bisschen Regen macht mir nichts aus.“ Seine Stimme klang so eifrig, denn er hatte noch keine Ahnung vom Krieg. Wenn er darüber sprach, sprudelte seine Stimme über vor Enthusiasmus. Er hielt das Gewehr ungeschickt und falsch. Das konntest sogar du sagen. Selbst wenn du seit Jahren keine Waffen mehr in der Hand gehalten hattest.
Augenscheinlich versuchte der Jungspund den Anschein zu erwecken, als würde er nur zufällig auf der Straße herumlungern, doch das misslang ihm gründlich. Sein Kopf pendelte zu nervös hin und her. Immer wieder schaute er durch die Fenster zu dir hinein, als fürchtete er, dass der Feind durch die Wand einbrechen und dich mitnehmen könnte. Du seufztest leise auf. Бесцельный. Zwecklos, das Ganze. Dieser primitive Schutz würde dich nicht einmal gegen einen tollwütigen Hund verteidigen können. Zudem war diese Hütte nicht einmal dein zuhause. Wenn sie es wäre, wäre sie komplett anders eingerichtet. Sie gehörte einem Freund Ljapunows, der dich hier wohnen ließ, während er im Krieg war. Es war unangenehm eng in dem kleinen, quadratischen Zimmer. Das Bett war lieblos in eine Ecke gerückt worden, von wo aus es gut vom Eingang einsehbar war. Die Matratze quietschte unnötig laut bei jeder Bewegung und die Dielen knarzten laut genug, um eine ganze japanische Kompanie auf dich aufmerksam machen zu können.
Du warst in den vergangenen sieben Tagen viermal auf Wunsch von Ljapunow umgezogen. Mal in ein winziges Dorf, dann wieder in eine größere Stadt. Dorthin, wo es gerade sicher erschien. Immer auf der Flucht vor den Japanern und nun warst du hier in Алекса́ндровск-Сахали́нский, also Alexandrowsk-Sachalinski. Die Stadt lag an der Küste und wenn du genau hinhörtest, konntest du das beruhigende Rauschen des kalten, wilden Meeres hören, was trotz seiner Ungezähmtheit wie ein kleines Kätzchen schnurrte. Du warst eine Insel. Nichts beruhigte dich mehr als das Wasser, was immer um dich herum war. Aber du vermisstest deine kleine, ruhige Hütte in der Nähe der Hauptstadt – gerade weit genug weg, um nicht in ihrem Trubel zu versinken, aber immer noch nahe genug um ihren Puls hören zu können. Von hier oben in Alexandrowsk-Sachalinski waren es 550km bis nach Hause in Juschno-Sachalinsk. „Sie müssen sich keine Sorgen machen“, hatte Ljapunow bei deinem letzten Umzug zu dir gesagt und deine Hände gedrückt. „Dort oben wird Sie niemand suchen. Und ich komme ja mit Ihnen.“
„Sie sind doch verrückt“, hattest du zum General geantwortet, jeglichen Respekt vollkommen vergessend. „Die Japaner sind längst dort oben eingefallen! Sie sind immer noch in der Gegend! Da findet man mich ja direkt. Was soll ich denn dort?“ „Deswegen ja“, lautete die grimmige Antwort des Generals. „Niemand wird Sie dort vermuten, wo die Japaner bereits gewesen sind.“ Es war dir immer noch ein Rätsel, wie sie es geschafft hatten, dich in die Stadt zu schmuggeln, wenn unweit des Ortes japanische Truppen auf ihren Einsatz warteten. Fakt ist, dass es ihnen irgendwie gelungen war. Die vergangenen Tage waren an dir vorbeigezogen wie blasse Schemen und die Erinnerung an sie war unklar. Du hattest mühevoll deine Sachen zusammengepackt, denn du konntest ja nur das Nötigste mitnehmen und dich von deinem Haustier verabschiedet. Einer der Soldaten würde sich des Tieres annehmen, das hatte Ljapunow versprochen. Alles, was du tun solltest, war dich unauffällig zu verhalten. An sich ein vollkommen sinnloser Befehl, den du auch nicht so einfach hinnehmen wolltest, denn jeder halbwegs intelligente Mensch würde dich als Сахалин – als die Personifikation Sachalins - erkennen. Und sei es nur durch einen prüfenden Blick in deine Augen, die verrieten, dass du um einiges älter warst, als du vielleicht aussahst.

Du setztest dich auf. Schlafen konntest du so ohnehin nicht. Für den Fall, dass du bald erneut umziehen musstest, hattest du dich vollständig bekleidet ins Bett gelegt und versuchtest nun, die zerknitterten Stoffe wieder ein bisschen zu glätten, um den Anschein von Normalität zu wahren. Neue Schnitte und Kratzer waren an deinen Händen aufgetaucht. Die kleinen Wunden pulsierten leicht vor sich hin. Ein flüchtiger Blick in einen Spiegel an der Wand bestätigte das, was du dir bereits gedacht hattest. Ich sehe aus wie mein Cousin Russland bei unserem letzten Treffen.
Von einem plötzlichen Bedürfnis nach frischer Luft übermannt, setztest du deine schweren Beine in Bewegung. Mit jeder Sekunde schien dir das Atmen in dieser Hütte schwerer zu fallen. Du griffst im Vorbeigehen noch nach einem leichten, sommerlichen Überwurf und öffnetest vorsichtig die Haustür. Von draußen schlug dir der Geruch des Regens entgegen, der den des Krieges auf angenehme Weise übertünchte. Das Milchgesicht drehte sich um, als es die Türe quietschen hörte: „Sie sollten doch drinnen bleiben.“ Du machtest eine abwinkende Handbewegung. Auf Diskussionen mit einem halben Kind ließest du dich nicht ein. Stattdessen fragtest du: „Wann kommt Ljapunow wieder?“ „Ich weiß es nicht. Seine Männer sind ja in den Bergen. Vielleicht ist er ja bei ihnen.“ „Man hat dir nichts gesagt?“ „Nein, nur dass ich auf Sie aufpassen soll. Eigentlich sollte ich der Gruppe von Boris Sterligow zugeteilt werden, aber dann wurde mir kurzfrisitig gesagt, dass ich bei Ihnen bleiben sollte“, der Jungspund redete einfach zu viel. „Und außerdem sollten Sie wieder reingehen. Nicht, dass gleich japanische Truppen hier vorbeikommen und Sie mitnehmen wollen.“
Du lehntest dich an den Türrahmen, um nicht nass zu werden. Das Milchgesicht schaute dich erwartungsvoll aus runden Augen an, als glaubte er, er könnte dich dadurch davon überzeugen, wieder ins Haus zu gehen. Provokativ räkeltest du dich vor seinen Augen, um deinem Unmut Ausdruck zu verleihen. „Gehen Sie bitte wieder rein. Es ist zu Ihrem Besten.“ Du unterdrücktest das Bedürfnis, ihm vor die Füße zu spucken. Diesem Wurm, der glaubte, er wisse, was das Beste für dich war und der kaum nicht einmal ein Vierteljahrhundert alt sein mochte. Der nur einen winzigen Ausschnitt der Geschichte mitbekommen hatte. Du dachtest ja nicht mal daran, diesen Kerl zu siezen. Zudem warst du dieses Versteckspiel einfach leid.
Aber ehe du eine scharfzüngige Bemerkung machen konntest, läutete das Telefon. Das Geräusch, so fremdartig in dieser Zeit, durchschnitt mit seinem metallischen Ringen sauber die Luft. Der Jungspund war mindestens genauso überrascht wie du. Du selbst brauchtest einige Sekunden, um es überhaupt lokalisieren zu können. Es kam aus dem Haus. Du erinnertest dich, dass der Freund Ljapunows, dem dieses Haus ja gehörte, der örtliche Militärgouverneur war. So jemand konnte sich den Luxus eines Telefons leisten. Es klingelte erneut. Langsam drehtest du dich um, bis du den glänzenden, schwarzen Kasten sahst und gingst misstrauisch auf ihn zu. Selbst das Milchgesicht folgte dir, neugierig von dem Geräusch geworden. Er tropfte den Eingang voll.
Deine Finger umschlossen den Hörer zittrig, dann hobst du ab. „Алло? Hallo?“ Stille am Ende der Leitung. Ein lautes Knistern zeugte davon, wie schlecht die Verbindung war. Aber du trautest dich nicht, nochmal nachzufragen. Stattdessen lauschtest du angestrengt, ob du nicht doch noch etwas hören könntest. Nichts. Schließlich gabst du nach: „Hallo?!“ Dieses Mal kam eine Antwort. Eine vollkommen gehetzte, nervöse Antwort: „Sachalin, Sachalin sind Sie das?“ „да. Sind Sie es, General?“ „Ja.“ Du atmetest auf, als sich ein leichtes Lächeln auf deine Lippen stahl. „Ach, Sie sind es. Tut gut Ihre Stimme zu hören.“ Er ging nicht darauf ein. „Machen Sie, dass Sie hier wegkommen und zwar so schnell wie möglich!“ „Bitte…?“ Du wolltest das Gehörte nicht glauben und spieltest mit dem Kabel herum. „Von wo rufen Sie mich überhaupt an?“ „Ich bin ganz in der Nähe, machen Sie sich keine Gedanken. Aber hören Sie, Sachalin. Sie nehmen jetzt die Beine in die Hand und machen Sich gefälligst aus dem Staub. Es scheint, als würden die Japaner die Stadt überfallen wollen. Sie sind dort nicht mehr sicher.“ Du schlucktest. Dein Herz raste plötzlich, als du endlich begriffst, was los war. „Aber wo soll ich denn hin?!“ Deine Stimme klang piepsiger als beabsichtigt. „Sie kennen den Leuchtturm?“
Du nicktest. Bis dir plötzlich auffiel, dass er das natürlich nicht sehen konnte: „J-ja!“ „Gehen Sie dahin. Einer meiner Männer holt Sie dort ab und bringt sie in Sicherheit!“ „A-ab…“ „Herrgott, Sachalin tun Sie doch einmal, was ich Ihnen sage!“ Damit legte er auf. Der Hörer fiel dir aus der Hand und knallte nur dank der zu kurzen Schnur nicht auf den Boden. Du drehtest dich zu dem Milchgesicht um. Er musste alles mitangehört haben, die letzten Worte hatte Ljapunow geschrien. Der Junge wusste nicht, was er sagen sollte und spielte verlegen mit seinem Gewehr. Beim Anblick der Waffe durchzuckte dich eine Idee. „Gib sie mir!“ „Das kann ich nicht.“ „Herrgott nochmal!“ Du risst sie ihm grob aus der Hand. Er konnte nichts dagegen tun. Es war eine russische Fertigung. Sie lag gut in der Hand und war relativ modern. Es war eine Weile her, dass du das letzte Mal eine Waffe in der Hand gehalten hattest und als deine Finger prüfend über den Lauf strichen, merktet du wie leicht und präzise die Fertigung war. Ein Wunderwerk des Fortschritts, doch weiter hattest du kein Auge dafür. Stattdessen starrtest du den Jungen grimmig an: „Mach, dass du wegkommst.“ Er regte sich nicht, auch nicht als du schriest: „Ich sagte: 'Mach, dass du wegkommst!' Los! дава́й, дава́й!“
Ohne weiter auf seine Reaktion zu warten, stießest du ihn grob beiseite, risst die Türe auf, rafftest deine Röcke und ranntest hinaus in den warmen Sommerregen. Der ganze Untergrund war verschlammt, vollkommen aufgeweicht. Bei jedem deiner Schritte spritzte das Wasser gegen deine Beine und sog deine Kleidung voll. Aus den Augenwinkeln sahst du noch, wie der Jungspund in die entgegengesetzte Richtung weglief wie ein Reh, was der Jäger mit einigen gezielten Schüssen hetzte. Du drücktest das Gewehr gegen dich, als du versuchtest, mit den Kleidern zu rennen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Deine zusätzliche Ladung machte dich unnötig unbeweglich, aber es kam dir nicht in den Sinn, die Waffe wegzuwerfen. Sie war deine Lebensversicherung; könnte deine Rettung vor der Kriegsgefangenschaft sein. Du kreuztest einige Querstraße und überquertest sie ohne weiter darüber nachzudenken. Wasser rann aus deinen Haaren und über dein Gesicht. Du wusstest schon nicht mehr, ob es Tränen waren, die über deine Haut flossen oder der Regen. Aus deinem Mund kam ein angestrengtes Keuchen, dem eines Hundes gleich, der im Hochsommer in der prallen Sonne rannte. Durch den Schleier vor deinen Augen sahst du nicht ganz klar, wo du hinliefst, aber das musstest du auch nicht. Dies war deine Insel. Du kanntest jeden Winkel und jeden Kieselstein.
Dein Herz donnerte gegen deine Brust und drohte zu zerspringen, als du die letzten Häuser hinter dir ließest. Ljapunow war schlau gewesen, dich relativ nah am Stadtrand einzuquartieren. Von hier aus waren es nur noch drei Kilometer bis zum Leuchtturm. Das sollte machbar sein. Aber gleichzeitig warst du vollkommen außer Form durch die lange Warterei und deine Schuhe waren voll mit Regenwasser, deine Kleidung ebenso. Vor dir lagen die unwirtlichen Weiten der Gegend. Ein schmales Waldstück trennte den Leuchtturm und dich. Von den Stämmen tropfte das Wasser. Gehetzt schautest du hinter dich. Aber da war keiner. Der gefährlichste Teil lag noch vor dir; in diesem Wald konnte es nur von Japanern wimmeln. Die Bäume schluckten den letzten Rest Sonnenlicht. Doch bereits von hier aus war der Leuchtturm zu sehen. Er thronte wie ein Wächter auf einem der vielen Hügel der Gegend, Die Erlösung. Du nahmst einen letzten Atemzug von der scharfen, frischen Luft und ranntest vorwärts. Schon nach wenigen Metern warst du in vollkommener Dunkelheit gefangen und erkanntest kaum den Weg vor dir. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, diesen Pfad zu nehmen.
Während du liefst, spürtest du plötzlich den scharfen Geschmack von Blut auf deiner Zunge. Metallisch füllte er deinen Mund, so als würde dir jemand eine Waffe in den Rachen stecken. Eine Warnung deines Körpers. Keine Sekunde zu spät, denn im selben Moment schlug eine Kugel im Baum neben dir ein. Das Holz splitterte. Sie sirrte haarscharf an deinem Ohr vorbei und hinterließ einen scharfen, durchdringenden Schmerz dort. Der Lärm zerriss dir förmlich das Trommelfell. Nicht der Jungspund, der dich bewacht hatte, war das Reh. Sondern du. Du fuhrst herum, setztest das Gewehr an und schosst einige Male ziellos in die Richtung, aus der die Kugel gekommen war. Aber du bezweifeltest, dass du jemanden getroffen haben könntest. Dazu warst du viel zu hektisch gewesen; mal abgesehen wolltet du auch niemanden töten. Du wolltest nur überleben. In Freiheit.
Dann ranntest du weiter, aber du kamst kaum einen Meter vorwärts, da schlug schon die nächste Kugel neben dir ein. Dieses Mal auf der anderen Seite. Sie sind überall! Der Gedanke half dir aber keineswegs. Im Gegenteil. Er machte dich deiner Hilflosigkeit bewusst. Du konntest schießen, retten würde es dich aber nicht. Dann kam noch eine, direkt hinter dir. Die Angst verwandelte sich in Wut und Entschlossenheit. Erneut fuhrst du herum und feuertest wütend in die Richtung, aus der die Gefahr kam. Wie viele Schüsse du abgabst, du zähltest sie nicht. Wenn schon untergehen, dann wenigstens mit wehenden Fahnen. Doch dann kam plötzlich nichts mehr. Entweder weil du alle Kugeln verschossen hatte oder – wahrscheinlicher – eine Ladehemmung den Lauf blockierte. Du drücktest einige Male auf den Abzug, aber nichts kam. Interessanterweise aber auch nichts von der Gegenseite. Der Kugelhagel, eigentlich eher das, was du als Kugelhagel empfandst, erstarb abrupt.
„Блядь!“, fluchtest du. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Wütend warfst du das Gewehr weg und ranntest ein zweites Mal weiter Richtung Leuchtturm. Du erwartetest weitere Schüsse, aber da kam nichts. Sie ließen dich laufen. Die Japaner ließen dich laufen. Denn sie wollten dich ja nicht töten. Dafür warst du viel zu wertvoll. Auch wenn du das nicht wusstest. Sie wollten dich nur dahintreiben, wo sie dich jetzt hatten. Und du? Du ranntest immer weiter hinein. In Richtung des Leuchtturms, der für dich eine Rettung sein sollte. Drei Kilometer waren nicht viel und wenn man unter Adrenalin stand, dann sowieso nicht. Es wäre trotzdem klüger gewesen, wenn du Ljapunows Anweisungen nicht folge geleistet hättest.

Du liefst. Deine Füße berührten den Boden im Takt deines donnernden Herzens. Deine Kleider schliffen über den Boden und ihr Stoff riss jedes Mal ein bisschen tiefer ein, wenn du an einem Ast hängen bliebst. Ein Vogel flog auf und sang erboste Warnrufe, als du in sein Revier vorstießt.
Es war ein eigentlich lauer, aber nasser Sommertag. Der Himmel war grau von den dicken Regenwolken, die über Russlands größter Insel hingen. Es hätte eigentlich ein schöner Tag werden können, wenn es der Sonne gelungen wäre, durch die dicke Decke zu brechen. Die Temperaturen waren angenehm für einen ausgedehnten Spaziergang. Vor allem aber hattest du mittlerweile Wörter, um das auszudrücken, was du sahst. Deine Kindersprache war einem elaborierten Russisch gewichen, was du akzentfrei wie eine Performance beherrschtest. Du warst kein kleines Kind mehr; du warst eine ausgewachsene, junge, starke Insel, die sich ihrer Vergangenheit mehr als bewusst war.
Und wie als hättest du ein Déjà-vu trat aus den Schatten ein Mann. Nur sanken seine Schritte nicht ein im Schnee wie damals, als Russland dich gefunden hatte, sondern seine Fußtritte ließen das Pfützenwasser wie abertausende kleiner Juwelen hochspringen. Seine fast provokativ helle, auffällige Kleidung betonte die schmale, fast Hilflosigkeit seiner Gestalt. Eine fragile Glasfigur war unempfindlich gegen diese zierliche Kreatur, die sich dir in den Weg stellte. Hättest du die Zeit gehabt, ihn länger zu betrachten, hättest du dir vielleicht die Frage gestellt, ob du größer warst als er.
Das war nicht Ivan Braginsky, nicht Russland. Und doch war dieser Mann einer von deinen Leuten. Er war ein Land. Selbst wenn er kaum Ausstrahlung nach außen hin zu besitzen schien, sonderte er doch eine ungeheure Weisheit ab, die seinem extremen Alter geschuldet war. Nein, du warst keine starke, erwachsene Insel. Du warst doch ein kleines Kind verglichen mit ihm. Aber was ihn für dich bemerkenswert machte, waren nicht seine geistigen Fähigkeiten, sondern der Umstand, dass du zum ersten Mal eine andere Insel getroffen hattest. Selbst wenn sie eigentlich dein Feind war. Das war jemand, der dich verstehen konnte.
Du machtest eine Vollbremsung und standst dem Mann stocksteif, beinahe trotzig gegenüber. Wenn du auch sonst nichts hattest, deine Würde wolltest du behalten. Er blickte zurück. Kühl. Auf eine fast wissenschaftlich wirkende Weise interessiert. Aber Interesse an deiner Person? Keine Spur. Japan wollte einfach nur abschätzen, mit wem er es zu tun hatte. Er befand dich für… ja, wofür eigentlich, Sachalin? Du wusstest es nicht. Letztlich war es ja eh unerheblich, denn du warst ihm ausgeliefert. Dein rasselnder Atem verriet die Anstrengungen des Weges, den du gelaufen warst. Aber es war doch alles zu wenig. Entkommen konntest du nicht mehr. Vor dir stand der Feind, hinter dir sein Gefolge, links und rechts lauerten wahrscheinlich noch mehr, die nur auf ihren Einsatz warteten. Japan könnte dich gegen Russland ausspielen oder dich zwingen, Ljapunow zu erschießen. Oder schlimmer - dich zu einer seiner Mätressen machen.
Dein erster Eindruck des Mannes war vollkommen durchwachsen. Dann sahst du ihm schließlich grimmig ins Gesicht. Es wirkte seltsam wächsern, alterslos und farblos. Fast vollkommen neutral, wenn nicht sogar emotionslos, so als wäre das für ihn eine alltägliche Situation. Aber das, was dir schließlich Schauer der Angst über den Rücken jagten, waren seine Augen. Sie waren von dem dunkelsten Braun, das du jemals gesehen hattest. Fast wie Tinte. Und sie schienen jegliches Restsonnenlicht zu absorbieren, denn sie besaßen keine erkennbaren Reflexionen. Zwei schwarze Löcher. Das einzige Wort, mit dem diesen Zustand umschreiben konntet, war бездушный. Seelenlos.
Du hattest verloren. Sachalin musste kapitulieren; nein, du musstest kapitulieren. Und aufgeben. Alles aufgeben. Deine Beine sackten unter dir weg. Der Fall schien unendlich lange zu dauern, doch für deine überanstrengten Muskeln war er förmlich die Erlösung. Du fielst auf den aufgeweichten, schlammigen Waldboden, gingst quasi zugrunde. Der Adrenalinschwung verließ dich auf einen einzigen Schlag. Das letzte, was du noch zu sagen wusstest, waren diese Worte: „Hilf mir, Ivan.“
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