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Im Zwielicht gibt es keine Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
Japan OC (Own Character) Russland
13.09.2015
12.02.2022
9
25.115
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.10.2015 2.208
 
Hallo und willkommen liebe Leser,
ein neues Kapitel, hoffentlich gefällt es euch. Ich freue mich jedenfalls über das steigende Interesse, Rosenzweigs liebem Review und den ganzen neuen Favoeinträgen. Somit vielen Dank an alle.
Demnächst werde ich wieder neue Kapitel vorschreiben müssen; eventuell sind daher längere Wartezeiten einzuplanen.
Das wäre dann auch schon alles: Habt Spaß beim Lesen und bis bald!
Freundliche Grüße,
Soul.


„Sie sind doch nicht mehr ganz bei Trost!“ Ljapunow schüttelte entsetzt seinen massigen Kopf. „Sie sind wahnsinnig!“ „Überhaupt nicht. Ich möchte nur nicht hier rumsitzen, während mein Vetter sich in Lebensgefahr befindet“, erwidertest du trotzig und hieltst dem durchdringenden Blick unbeirrt stand. Der General schüttelte den Kopf: „Sie sind wahnsinnig!“ „Sagten Sie bereits“, gabst du trocken zurück. Er starrte dich an, als wollte er dir jeden Augenblick den Kopf abreißen. „Das können Sie nicht tun! Gestern haben Sie ihr Einverständnis gegeben, dass Sie sich gepflegt aus der Sache heraushalten werden!“, dröhnte er knurrig wie ein tollwütiger Hund. „Ich werde Sie nicht ausreisen lassen!“
Du stemmtest die Hände in die Hüften: „Ich bin kein kleines Kind mehr; Sie können mir nicht befehlen, dass ich mich hier verstecken soll, bis die Gefahr gebannt ist!“ „Ich bin nur besorgt um Sie! Ivan geht es bestimmt gut, machen Sie sich bitte keine Sorgen.“ Der Soldat klang nahezu resigniert. Er wirkte abgezehrt, in wenigen Sekunden um mehrere Jahrzehnte gealtert. Tiefe Sorgenfalten durchzogen seine Stirn. Für einen Augenblick wurde deine Stimme weich: „Warum sollte es ihm auch nicht gut gehen? Ich möchte ihn sehen. Es ist meine Pflicht. Darum geben Sie mir ein Schiff. Bitte. Mir wird schon nichts passieren. Machen Sie sich bitte keinesfalls Sorgen um meine Sicherheit.“
„Ich werde nicht zulassen, dass sie sich unnötig in Gefahr begeben. Ihr Vetter ist mit Sicherheit nicht grade in der offenherzigsten Stimmung.“ „Das ist er sonst auch nicht. Kriegszustand hin oder her. Aber ich muss ihm in der Not beistehen.“ Dein Tonfall klang überzeugt, aber zweifeltest du doch heimlich an deiner geistigen Gesundheit. Was dich auch immer zu dieser Entschuldigung getrieben hatte, du wusstest es nicht. Doch trotzdem würdest du dich nicht abhalten lassen, deinen Kopf durch die Wand zu setzen. In einem Winkel deines Hirnes flehte deine Vernunft danach, dass du von diesem Vorhaben ablassen solltest, doch du ignoriertest sie gekonnt. „Ich werde so oder so ausreisen. Daran können Sie nichts ändern. Entweder fahre ich mit Ihrem Einverständnis oder ohne. Es liegt ganz bei Ihnen.“
„Sachalin“, Ljapunow schlug einen Tonfall an, als würde er mit einem sturen Kind reden, was nicht anerkennen wollte, dass es keine Schokolade zum Mittagessen bekommen konnte. „Sie wissen so gut wie ich, dass wir uns im Krieg befinden.“ Genervt verdrehtest du die Augen: „Selbstverständlich. Das ist mir durchaus bewusst. Aber das doch ist der springende Punkt. General…“ Du klangst beinahe flehentlich. „Ich werde mich nicht in Gefahr begeben. Sie können mir nicht verbieten, meine Familie zu sehen. Sie mögen die ranghöchste Person auf der Insel sein, aber die Oberherrschaftsgewalt habe immer noch ich.“ So langsam wurdest du zunehmend unruhig. Es war ein Fehler, ihn in Kenntnis zu setzen. Andererseits war es so besser, als hinterher Probleme zu bekommen. „Ich vertraue Ihnen…“, sagtest du langsam. „Ich vertraue Ihnen das Leben Jushno-Sachalinsks an; das Leben der gesamten Insel, mein Leben.“
Er fuhr sich durch die Haare, sichtlich hin und hergerissen: „Sie reitet der Teufel… Sie sind des Wahnsinns.“ Der General sah dich an. Und sagte deinen Namen. Deinen wahren Namen. Dein Herz wurde schwer. „Warum wollen Sie mich mit aller Kraft davon abhalten, zu gehen?“ Deine Stimme war ein wenig zittrig geworden. Der Soldat schenkte dir ein müdes Lächeln, aber sein trüber Blick schien durch dich hindurch zu gehen. „Hat es Ihnen keiner gesagt?“ „Was gesagt?“ In deinem Kopf schrillten alle Alarmglocken. Hier war etwas absolut faul. „Das wollen Sie nicht wissen.“ „Doch. Sagen Sie es mir sofort. Ich bitte darum.“ „Ivan hat die Schlacht am Port Arthur verloren.“ Du erstarrtest. Dein Blut schien in deinen Venen zu gefrieren, statt zu zirkulieren. „Sie belieben zu scherzen. Es ist nicht einmal ein Tag vergangen und gestern war noch nichts entschieden.“ „Glauben Sie ernsthaft, ich würde über so etwas Witze machen? Ihr Cousin war der Meinung, er könne es ohne Waffen regeln. Doch die Japaner haben Ihn in die Knie gezwungen. Sie hatten einfach die bessere Strategie. Der Sieg war ihrer nach nur vierzig Minuten.“ General Ljapunow klang nahezu emotionslos. Schockiert. Entsetzt. Es dämmerte dir, dass das ein verdammt guter Grund war, dich nicht gehen zu lassen. „Нет...“, flüstertest du. Nein. „Er… hat verloren?“ Der Soldat nickte traurig: „Verstehen Sie jetzt, warum ich Sie nicht ausreisen lassen kann? Es ist zu gefährlich für Sie. Wir haben keine Ahnung, wo der Feind als nächstes zuschlagen wird. Wir brauchen Sie jetzt hier. Sie müssen die anderen Inselbewohner beruhigen. Es könnte eine Panik ausbrechen.“
Du machtest einen Schritt rückwärts. Das Entsetzen stand dir ins Gesicht geschrieben. „I-ich“ stammeltest du hilflos. „I…Ich mö-möchte…“ Aber deine Stimme versagte kläglich. Deine Unterlippe zitterte unkontrolliert. Du wolltest schreien, aber es drang kein Laut aus deinem Mund heraus. Deine Stimmbänder hatten versagt. Verloren. Verloren. Verloren. Es war nur eine Schlacht, aber… Du verstandst es nicht. Eine dicke Nebelwolke des Schocks hatte sich über deinem Kopf gesenkt. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Der General klang beunruhigt. „Sachalin, antworten Sie mir!“ Er schüttelte dich an deinen Schultern. Du reagiertest kaum, bis auf das leise Murmeln, was kontinuierlich aus deinem Mund floss. Worte die keinen Sinn ergaben, bis auf drei, die du mühevoll formtest. „I…ich will g-gehen.“ Er nahm seine Hände von dir; wirkte verstört. „In Ihrem Zustand…?“ Schwach nicktest du: „I-…ich will kämpfen.“ Ljapunow schloss die Augen; gab sich geschlagen. Es war sinnlos. Darum sagte er lediglich: „Es gefällt mir nicht, was Sie tun werden. Ganz und gar nicht. Aber ich tue Ihnen den Gefallen. Ausnahmsweise. Aber wehe Ihnen, wenn Sie nicht mehr heil zurückkehren.“
Zwei Stunden später befandst du dich an Bord eines Schiffes Richtung Festland. Du hattest dir deinen dicken Schal so hoch gezogen, dass er einen Großteil deines Gesichtes und die Ohren bedeckte. Du wolltest so möglich unerkannt bleiben; niemand sollte lesen, was deine Mimik verriet. Aber auch sonst achtete auch niemand besonders auf dich, weshalb keinem großartig auffiel, wie schwächlich du wirktest. Blass, kraftlos, abgestumpft. Du brauchtest einfach die Bestätigung, dass es deiner Verwandtschaft gut ging. Die Inselbewohner hätten dich am Liebsten in Ketten gelegt, um zu verhindern, dass du die gefährliche Reise antratst. In Ketten… Wie früher die Sträflinge, die man auf dir hielt. Du schaudertest ein wenig. Die unliebsamen Gedanken verfolgten dich, wo immer du hingingst. Auch die Männer, die dieses Schiff steuerten, waren nur mit viel Überzeugungskunst und Bestechungsgeldern überhaupt dazu bewegt worden abzulegen und das obwohl die Überquerung des Tatarensundes nicht einmal besonders lange dauerte. Aber dennoch schienen tausende fremder Augen auf die ältliche Fähre gerichtet zu sein, die sich langsam durch das Gewässer schob und das Wasser teilte. Durch das japanische Meer. Welche Ironie. Schon wieder.
Geradezu höhnisch schwappten die Wellen gegen den Schiffsbug und schienen auf ihre ganz eigene Art ein bizarres Spiel mit dem Boot zu treiben. Du lehntest dich über die Reling; sahst eine Weile in die See hinab. Die Zeit schien im Schneckentempo zu vergehen. Nur unendlich langsam schien das Festland näher zu kommen. Das quälende Warten machte dich nervös. Gereizt warfst du den Kopf herum. Zwar dauerte die Überfahrt nicht allzu lang, aber trotzdem konntest du nach wenigen Minuten nicht mehr anders, als unruhig an Bord auf und ab zu tigern. Immer wieder liefst du denselben Radius ab; schlichst im Kreis herum wie ein im Käfig gefangenes Tier. Jeder Felsen im Wasser könnte ein Schlachtschiff der Feinde sein; jede Möwe eine Flugmaschine. Bei jedem Geräusch, sei es nur das Kreischen der Seevögel, zucktest du zusammen wie ein verschreckter Hund. Du hast große Angst.
Darum war es auch wenig wunderlich, dass als ihr endlich angelegt hattet, du innerhalb eines Atemzugs von der Fähre herunter warst; zahltest den Seemännern schnell ihr Geld und verschwandst möglichst unauffällig, in der Hoffnung, das beklemmende Gefühl der Überwachung abzuschütteln. Die geglückte Überfahrt erleichterte dich sehr, doch du wusstest genau, dass der schwierigste Teil noch vor dir lag. Du zogst dir deinen Schal noch höher, machtest dich eiligst auf den Weg. Gelegentlich begegneten dir Menschen, die meisten mit leicht nervösen Gesichtsausdrücken. Mütter holten ihre spielenden Kinder ins Haus. All das machte dir klar, welche Angst der verlorene Angriff den Bewohnern des Festlandes machte. Hier hatten Frauen ihre Männer verloren. Der Hass in deinem Herzen keimte weiter in dir auf. Dass jemand die Grausamkeit hatte sowas zu tun, machte dich traurig.
Du warst sogar derartig in deine Gedanken versunken, dass du, als du endlich am Eingang der Unterkunft deines Vetters standst, beinahe noch weitergegangen wärst. Kurz überlegtest du, was du tun solltest, doch ohne großartig nachzudenken tratst du einfach ein. Nichts regte sich. Alles blieb friedlich, doch wusstest du genau, dass dem nicht so war. Den Weg vom Gartentor zur Pforte legtest du ohne Mühen zurück, bleibst dennoch misstrauisch. Keine Reaktion. Gar nicht. Erleichterung durchflutete dich. Aber als du deine Hand zum Klopfen hobst, spürtest du eiskaltes Metall an deinem Rücken. Du musstest dich nicht umdrehen, um zu wissen, wen du da hinter dir hattest. „Nimm bitte das Messer aus meinem Kreuz“, batst du schlicht. Als Antwort grub sich die Waffe noch ein bisschen tiefer in deine Kleidung. „Ich meine es ernst“, wiederholtest du genervt. „Nimm dieses Ding runter. Das hier ist kein Freundschaftsbesuch. Es geht um den Angriff der Japaner.“ Der Druck löste sich, als die Klinge von dir genommen wurde. Erst jetzt trautest du dich auch, dich umzudrehen. Das kleine Mädchen in dem langen, schlichten Kleid mit der weißen Schürze und den dunklen, blauvioletten Augen hätte unschuldig wirken können, wären da nicht das glänzende Messer in ihrer Hand und ihr bohrender Blick.
„So trifft man sich also wieder“, sagte die Kleine nun, wobei sie beiläufig mit der Waffe spielte. „Was willst du hier, Cousinchen?“ „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Natalia“, antwortetest du kühl, immer darauf bedacht, bloß nichts Falsches zu sagen. Natalia, auch als Weißrussland oder Belarus bekannt, verzog das Gesicht: „Sehr witzig, was will eine Schreckschraube wie du an einem Ort wie diesen?“ Die Beleidigung überhörtest du gekonnt: „Von dir will ich gar nichts. Ich bin wegen deines Bruders gekommen.“ Das Mädchen stieß ein grimmiges Knurren aus: „Er ist verletzt – du kannst also getrost wieder gehen.“ „Wie schwer verletzt?“ „Geht dich nichts an.“ Es war schwer, deine Wut herunter zu schlucken: „Hör mir zu. Ivan ist auch mein Cousin und ich habe keine Lust, mich mit dir zu streiten. Es geht um die verlorene Schlacht am Port Arthur. Meine Insel ist ein Teil Russlands, was heißt, werde ich verletzt, leidet er genauso. Willst du das?“ Die Antwort bestand aus einem langen Schweigen, bis Natalia schließlich den Kopf abwandte. „Na gut, geh rein, aber ich breche dir jeden Knochen in deinen Fingern einzeln, wenn du Ivan irgendwas antust! Und wenn ihr irgendwas…Fragwürdiges tut, kannst du dich von deinem Leben verabschieden, denn dann werde ich dir diese Klinge genüsslich zwischen deine Grippen stoßen!“
„Auf diese Erfahrungen kann ich getrost verzichten“, grummeltest du leise, als du die Haustüre aufstießest, wohlwissend, dass dich Belarus hören konnte. Der Doppeldeutigkeit deiner Antwort war dir durchaus bewusst. Ihr brennender Blick in deinem Nacken war genugtuend und bedrohlich zugleich. „Pass auf dich auf“, zischte sie. „Du weißt genau: Wenn Ivan jemand heiratet, dann bin ich das!“ Die Tür fiel hinter dir ins Schloss. Ein Seufzen entstieg deiner Kehle. Langsam schlichst du durch das Haus, versuchtest keinen Lärm zu machen. Sobald man deine Cousine nicht mehr sehen konnte, war sie umso unheimlicher. Fast glaubtest du, sie könne durch Wände gehen wie Geister es taten, denn ihre Fähigkeit aus dem Nichts aufzutauchen, hatte etwas Psychopathisches.
„Ivan?“, riefst du testweise in das Gebäude hinein. „Ich bin’s!“ Keine Antwort. Du machtest einige weitere Schritte. Das Tappen deiner Füße hallte als tausendfaches Echo von den Wänden her. Ganz genau wie früher. Erst jetzt ging dir auf, wie lange du nicht mehr hier gewesen warst. Es mussten Ewigkeiten vergangen sein. Verändert hatte sich aber nicht viel. Du hättest deinen Weg mit verbundenen Augen finden können. Doch trotzdem du fühltest dich doch seltsam, wie du an diesen Ort zurückgekehrt warst, ohne eingeladen worden zu sein. Mit einer Mischung aus nostalgischen Kindheitserklärungen und bitterem Beigeschmack vergangener Zeiten bogst um eine Ecke herum, bis du plötzlich in der Bewegung erstarrtest. Zunächst sahst du nur den riesenhaften Schatten, den du mühelos identifizieren konntest. Da stand er nun, dein Cousin. Ivan Braginsky. Russland. Den unvermeidlichen Schal hatte er um den Hals geschlungen; seine Aufmerksamkeit war nach draußen auf die Außenwelt gerichtet. Und als er sich langsam umdrehte, fühltest du, wie seine bloße Präsenz dir durch Mark und Bein ging. Unwillkürlich schlucktest du. Blassvioletten Augen, tief wie ganze Seen, unbewegt und geheimnisvoll, durchbohrten dich. „Hallo киска“, sagte er freundlich in einem plauderhaften Ton. Sein kindliches Lächeln gab ihm dasselbe unschuldige Äußere wie seiner Schwester, aber genau wie sie besaß er diese pikante Grausamkeit, die jedem eine Gänsehaut einjagen konnte. Hallo Kätzchen. Du zucktest zusammen. Ivan lachte leise, doch da war auch ein leicht vorwurfvoller, fast schon unheimlicher Klang in seiner Stimme: „Ich habe dich an Weihnachten vermisst.“
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