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Im Zwielicht gibt es keine Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
Japan OC (Own Character) Russland
13.09.2015
12.02.2022
9
25.115
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.09.2015 1.884
 
Hallöchen.
Aller Anfang ist schwer, das merke ich wohl. Aber ich danke für die Favorisierungen dieser Geschichte. Also: Hier bin ich. Mit mir Kapitel zwei. Die ersten zwei, drei Kapitel werden noch ziemlich langweilig sein, aber dann dürfte es für euch interessant sein.
Hier greift übrigens die Regel bezüglich der Personen und Worte. Es geht um die Person des Generals. Ich habe ihn gegoogelt, aber nichts zu seiner Persönlichkeit etc. gefunden, deshalb bekommt er hier eine gesonderte verpasst.
Das ist auch schon alles. Viel Spaß beim Lesen!
Freundliche Grüße,
Soul.


Der Februar war immer noch sehr kühl geblieben. Du saßest zuhause und betrachtetest die Welt durch die leicht vereisten Fenster hinaus. Wie ein kleines Kind wolltest du an den beschlagenen Scheiben malen; dir deine eigene Welt zaubern. Draußen waren Menschen zu sehen, Tiere. Ein ganz normaler Tag. Du warst wirklich glücklich. Niemand fragte nach deiner zweifelhaften, düsteren Vergangenheit, überhaupt niemand störte sich an dir. Ein Tag wie jeder andere. Er begann normal, er verlief normal, er würde normal enden. Das hofftest du doch wenigstens. Doch die Ironie wollte es, dass es genau einen Monat sein sollte, als es geschah. Das, womit du niemals gerechnet hättest. Was du überhaupt nie für möglich gehalten hättest. Noch hattest du nichts gemerkt. Weder die besorgten Gesichter der Bevölkerung der Insel noch die bedrohlich klingenden Nachrichten, die langsam die Runde machten. Stattdessen hocktest du einfach auf einem kargen, schmucklosen Holzstuhl mit einer Decke über den Beinen; genosst den scheinbaren Frieden. Durch den schmalen Spalt unterhalb der Tür kroch kalte Polarluft in das Zimmer herein. Energisch bemühtest du dich, das Leck wieder zu schließen, indem du ein Tuch davor quetschtest, aber der Winter blieb unbarmherzig, als wäre er an die Wand geklebt.
Daran änderte auch das gemütliche Feuer im kleinen Kamin vor dir nichts. Die Flammen züngelten; das Knistern der Glut beruhigte dich. Ihr Licht malte tanzende Schatten an die Wand. Scheinbare Idylle? Irgendwas stimmte trotzdem nicht. Obgleich alles wirkte, als könnte die friedvolle Atmosphäre kein Wässerchen trüben, kribbelte doch was in deinem Nacken, was dir eindeutig sagte, dass etwas faul war. Scharf dachtest du nach. Hattest du vielleicht deinen Schlüssel verlegt? Den Herd angelassen? Dein Haustier nicht gefüttert? Deine Intuition deutet eher auf etwas hin, was weitaus bedeutsamer war, als eine solche Kleinig-, ja Belanglosigkeit. Und während du noch mit eng zusammengezogenen Brauen nachdachtest, bekamst du das störende Geräusch nicht mit, was mit zunehmender Heftigkeit an dein Gehör dringen sollte. Tock, tock, tock… Es pochte leise. Dann lauter, immer lauter. Tock, tock, tock… Du brauchtest mehrere Sekunden, bis du realisiert hattest, dass es das Klopfen von der Haustür her kam. Langsam erhobst du dich, schlugst die verführerisch warme Decke über deinen Beinen fort, an denen sofort die Frostkälte wieder hochkrabbelte. Das Pochen wurde zunehmend heftiger, mittlerweile war es ein einziges Dröhnen geworden. Misstrauisch hieltst du inne. Deine Instinkte warnten dich vor einer möglichen Gefahr. Deine Finger tasteten fast automatisch nach dem Schürhaken neben dem Feuer.
Das Metall lag glatt in deiner Hand, der Schein ließ es gefährlich glühen. Im Notfall konnte dieses Teil dir das Leben retten. Der Lärm wollte nicht aufhören. Fast schon lag eine Verzweiflung dahinter. Eine tiefe Stimme rief etwas von draußen, aber du verstandst nicht, was sie sagte. Doch in den unverständlichen Worten lag eine Dringlichkeit, wie du sie schon lange nicht mehr vernommen hattest. Langsam gingst du zur Eingangstüre, versuchtest durch eins der vereisten Fenster zu schielen, doch die Person konntest du nicht erkennen. Nur ihr riesenhafter Schatten war zu erahnen. Inzwischen warst du nur noch wenige Schritte von der Pforte entfernt. Den Schürhaken in der einen Hand fest umklammert, griffst du mit der anderen vorsichtig nach der Klinke. Und drücktest sie vorsichtig herunter. Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Türe einen winzigen Spalt breit. Grade soweit dass du mit einem Auge hinausschauen konntest. Vor deiner Hütte stand ein Mann in einem dicken Pelzmantel mit der bedrohlichen Ausstrahlung eines russischen Bären. Sein Gesichtsausdruck wirkte undurchdringlich und hart. Fassungslos über den Anblick rutschte dir deine Waffe aus der Hand.
„G-G-General Ljapunow“, stammeltest du verwirrt. „W…was treibt Sie her?“ Der Soldat schnitt eine Grimasse, die seine Zähne offenbarte. An der tiefen, pochenden Zornesfalte, die seine Stirn wie ein Netz durchzog, erkanntest du schnell, dass dieser Mann versuchte, seine Raserei zu unterdrücken. „Was ist geschehen?“ Deine Stimme war immer noch leicht unsicher, klang aber langsam wieder ein bisschen gefasster. Mit einem Fuß wolltest du wieder nach dem Metall angeln, aber es lag außer deiner Reichweite. Der Mann schenkte dir ein grimmiges Lächeln, was angesichts seiner Mimik eher einem raubtierartigen Zähnefletschen glich: „Ich bin nicht aus privaten Gründen oder als Rechtsanwalt hier. Es ist dienstlich. Darf ich hereinkommen?“ Du ahntest bereits, dass es ein Fehler wäre, ihn abzuweisen. Zudem vermutlich auch noch sehr gefährlich. Langsam nicktest du, konntest dir diese Frage aber nicht verkneifen: „Worum geht es denn?“ „Nichts was ich gerne bei diesen Temperaturen an der Haustüre abwickeln möchte. Hätten Sie wohl die Güte, mich endlich einzulassen?“ Dieses Mal war es keine höfliche Bitte sondern ein unumstößlicher Befehl. Du gehorchtest ihm; öffnetest die Pforte ein bisschen weiter. Eine Ladung Schnee wehte herein. Sehr einladend. Der General stand immer noch da; wirkte wenig beeindruckt und machte keine Anstalten, sich überhaupt in Bewegung zu setzen.
Dein Fuß berührte den Schürhaken; langsam zogst du ihn wieder an dich heran. Aber ihn aufzuheben, das trautest du dich in seiner Anwesenheit nicht. Nicht solange du in der Defensive warst. „Kommen Sie rein“, gabst du von dir, bemüht deine Nervosität zu verstecken. Das Auftauchen dieses Mannes bedeutete, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Er tat wie geheißen; schnell griffst du in dieser günstigen Sekunde nach deiner ‚Waffe‘. Beim Anblick des Stocheisens in deiner Hand zuckte etwas in den Mundwinkeln des Mannes. Du verstandst auch warum. Dieses Ding war das reinste Spielzeug vergleichen mit der Statur deines Gegenübers. Nicht einmal ansatzweise wirkungsvoll. Ein wenig beschämt wandtest du dich ab, versuchtest dich zu entschuldigen und wolltest als freundliche Geste nun Folgendes von ihm wissen: „Möchten Sie etwas trinken, General? Водка?“ „Nein, keinen Wodka für mich.“ Drohend stand er da, am Eingang. Breit wie ein Schrank. Stark wie ein Bär. Kaum zu glauben, dass er im Zivilleben kein Soldat war. Um ihn herum hatten sich dicke Schneepfützen gebildet. „Hätten Sie vielleicht die Güte, mir den Grund ihres Besuchs zu erklären?“, dein unverhohlenes Misstrauen konntest du nur schwerlich zurückhalten. Ljapunow knurrte grimmig: „Es geht selbstverständlich um Mütterchen Russland.“ Du schnaubtest; deine Antwort war leicht sarkastisch: „Hat mein werter Vetter Иван Брагинский vom Festland etwas angestellt?“
„Er schickt mich.“ Obwohl, du es nicht wolltest, spitztest du doch die Ohren. „In welcher Angelegenheit? Sagen Sie mir nicht, es geht um diesen albernen Streit mit Республика Беларусь. Ich werde mich hüten, ihm dabei noch einmal zu helfen. Das kann er absolut vergessen. Nochmal setze ich mich nicht dieser Gefahr aus. Das muss er selber in Angriff nehmen.“ „Leider nein. Deswegen bin ich nicht hier. Es geht um die Japaner.“ Verwirrt hobst du eine Augenbraue. „Verzeihen Sie General…“, du wähltest deine Worte betont sorgfältig. „Aber ich komme nicht ganz mit. Was haben die Japaner getan? Sind sie hier, wenn ja…-“
Ljapunow unterbrach dich gereizt: „Nein. Sie haben Port Arthur angegriffen.“ Deine Finger ballten sich zur Faust. Die Nägel gruben sich schmerzhaft in deinen Handballen, bis du glaubtest, die Haut würde reißen. Ein Tropfen Blut quoll hervor, lief deine Finger entlang und tropfte herunter. So fest hattest du zugedrückt. „Ich muss zugeben, dass das abzusehen war. Was sagt Ivan dazu?“ Der General schüttelte langsam den Kopf. „Seine Anordnung lautete, den Feinden den ersten Schuss zu überlassen, weil er sich eines Sieges sicher gewesen war. Momentan scheint sich das Ganze aber in eine vollkommen falsche Richtung zu bewegen, sonst hätte er mich nicht kontaktiert. Unglaublich.“
Seine Stimme zitterte vor Zorn. „Noch viel unglaublicher ist, dass ich das überhaupt nicht bemerkt habe…“, murmeltest du leise. Doch dann sprachst du wieder lauter. „Braucht er Hilfe?“ „Im Gegenteil. Seine Anweisung lautet, dass Sie sich zurückhalten sollen.“ „Er ist doch wahnsinnig!“, riefst du entsetzt aus. „Die Japaner sind eine angehende Weltmacht! Ivan ist ein Narr, wenn er glaubt, sie besiegen zu können! Sie haben China geschlagen!!! China, das mächtige Reich der Mitte!“ „Beruhigen Sie sich gefälligst!!!“ Die Stimme des Generals krachte wie ein Donnerkeil. Du gehorchtest. Wenn auch mit Widerwillen. „Es war der Zar nicht er, der diesen Befehl gegeben hat und als ihr Vorgesetzter befehle ich es Ihnen, dass sie sich an die Anordnung zu halten haben! Haben Sie mich verstanden?!“
„Ja…sehr wohl…“, murmeltest du unterwürfig. „Wie stehen denn die Chancen, dass unsere Seite möglichst wenig Schaden nimmt? Oder gar gewinnt?“ Für einen Augenblick überlegte Ljapunow, sagte aber dann schlicht: „Wir haben die gleichen Chancen wie die Japaner. Wenn Ivan klug ist, dann ist der Sieg unser.“ Die Aussage beruhigte dich herzlich wenig. Vorsichtig bettetest du deine Hände in deinen Schoß, konntest aber nicht vermeiden, dass sie sich sofort in den weichen Stoff gruben und einen tiefroten Fleck hinterließen. „Besten Dank, General. Aber eine Frage hätte ich noch an Sie…“ Er hob den Blick. Seine Augen durchbohrten dich scharf wie Dolche. „Welche wäre das, Sachalin?“
„Nun ja…“, druckstetes du ein bisschen herum und vermiedest, ihn anzusehen. Stattdessen fixiertest du den Boden vor dir, als wären die alten Dielen das Faszinierendste, was du in deinem ganzen Leben je erblickt hast. „Sagen Sie es bitte und sehen Sie mich dabei gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede.“ Schließlich fasstest du dir doch ein Herz; hobst deinen Blick wieder: „Besteht die Chance, dass wir hier auf der Insel angegriffen werden? Unser militärisches System ist schließlich eher… durchschnittlich gut. Nicht auf einen Angriff seitens solcher Feinde ausgerichtet.“ „Das halte ich nicht für ausgeschlossen“, grollte der General und wandte sich zum Gehen. „Allerdings ist es momentan doch eher unwahrscheinlich. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ihr Vetter wird die Feinde am Port Arthur zum Fall bringen. Davon bin ich doch recht überzeugt.“
Mit diesen Worten öffnete er die Haustür und verließ deine Hütte. Zurück blieben nur ein frostiger, schneidender Windhauch und der bedauernswerte Rest einer Schneewehe. Das Feuer im Kamin war ausgegangen. Die letzten Kohlen schwelten noch schwach vor sich hin, würden aber doch bald verglühen. Eine lausige Kälte ergriff dich. Du riebst dir zittrig die Arme, in der Hoffnung, dass die Wärme wieder zurückkehrte. Erst jetzt realisiertest du langsam, was das bedeutete. Das mächtige Zarenreich wurde von einem Emporkömmling aus dem Reich der aufgehenden Sonne angegriffen. In deinem Herzen erwuchs ein leichter Hass auf Japan; begann dich zu verzehren. Dieses winzige Land, es war stark geworden. Es war Zeit, dass man ihm eine Lektion erteilte. Wenn es Ivan nicht gelingen würde, dann würdest du es eigenhändig übernehmen und den Untergang des Kaiserreiches besiegeln. Das nahmst du dir felsenfest vor, wenn du endlich die starke Insel wärst, welche du immer sein wolltest.
Doch du ahntest bereits, dass dieser Kampf kein Zuckerschlecken werden würde. Insgeheim begannst du, für einen Sieg zu beten, fühltest dich aber entsetzlich kindisch dabei. Draußen in der Ferne tobte eine Schlacht, draußen in der Ferne starben Menschen im Gefecht. „готов“, sagtest du. Ich bin bereit. Auf deinem Schoß hatte sich ein leuchtend roter Fleck gebildet, der sich im Stoff vollgesogen hatte. Rotes Blut, genau wie das, was du bekämpfen wolltest. Und dann fasstest du einen weiteren Entschluss. Aus tiefster Überzeugung heraus.
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