Das Mann-Frau-Ding

von Aprilluna
KurzgeschichteFreundschaft / P12
Alexander Mahler Fritz Munro Josephine Klick
13.09.2015
13.09.2015
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Fritz lag in seiner Zelle und starrte Löcher in die Dunkelheit. Normalerweise las er, bis das Licht ausging. Großzügig hatte er sich nämlich vor einigen Tagen in der Gefängnisbibliothek bedient, da Alex ihm nur ein Buch mitgebracht hatte, das er so gut wie ausgelesen hatte. Aber heute war alles anders. Sein Gespräch mit seiner Kollegin über „skeip“ hatte ihn mehr aufgewühlt, als ihm lieb war. Was hatte er sich eigentlich davon erhofft? Jetzt, wo er wusste, weshalb Bielefeld alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, war ihm bewusst, dass ihre Seele wahrscheinlich noch verletzter war, als seine. Es hätte viel mehr Sinn gemacht, ihr diese Taktik von einem Anwalt nüchtern erklären zu lassen, und er hätte das mit Josephine zu einem späteren Zeitpunkt besser von Angesicht zu Angesicht geklärt. „Verdammt!“, entfuhr es ihm. Wütend drehte Fritz sich auf die Seite und vergrub seinen Kopf unter dem Kissen, als könnte er damit auch allen anderen Gedanken den Weg in seinen Kopf versperren.

Etwa zur gleichen Zeit saß Josephine mit Viktor vor dem Kamin und spielte Schach.
„Josephine, du warst schon immer eine lausige Schachspielerin, aber heute Abend …“, forschend sah er in das blasse Gesicht seines einstigen Schützlings, „nun gut, willst du darüber reden?“
„Es geht mir gut, aber ich bin müde“, entgegnete Josephine lapidar.
„Das ist ja auch kein Wunder“, murmelte ihr ehemaliger Sporttrainer. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit waren noch allzu lebendig in ihrer aller Köpfe. Viktor war zwar nicht dabei gewesen, doch hatte Manfred Klick ihm jede Sekunde vor, während und nach Josephines Rettung in den dramatischsten Bildern geschildert. Josephines nächtliche Unruhe war Viktor natürlich ebenso wenig entgangen wie ihre extremen Ausritte – sogar bei Schneetreiben - während ihrer freien Tage.
„Was?“, fragte Josephine abwesend. Ihre Gedanken hatten sich schon wieder verselbständigt.
„Ich bin auch nicht munter“, korrigierte er seine gemurmelte Aussage. „Lass uns schlafen gehen.“ Viktor schob Josephine behutsam aus dem Raum.
Das kurze Gespräch mit Fritz am Mittag hatte Josephine in ein ziemliches Chaos gestürzt. Seit diesem verhängnisvollen Abend in der alten Heimat hatte sie ihr Herz fest verschlossen. Nie wieder wollte sie einen Menschen näher als es sein musste an sich heranlassen. Aber Fritz berührte da etwas in ihr, dass sie lieber nicht weiter erkunden wollte.

Die folgenden Tage gingen mit „skeipen“ und Wetten ins Land, bis Fritz eines Tages wieder zurück war und beide sich ganz kollegial in den Armen lagen und sich freuten, dass alles gut ausgegangen war.
„Hört mal, ihr zwei, was haltet ihr von nem Bierchen heute Abend zur Feier des Tages?“, fragte Alex, dem die Erleichterung, dass sein Freund und Waffenbruder wieder mit an Bord war, deutlich anzusehen war.
„Und morgen früh wache ich wieder auf dem Sofa vom Chef auf? Nee, Jungs, ohne mich!“ Josephine konnte sich noch allzu gut an den Tequillaabend im Rizz erinnern.
„Och Bielefeld, wer wird denn kneifen?“ Fritz wollte ihre Ablehnung so leicht nicht akzeptieren. Vielleicht ergäbe sich in der ungezwungenen Atmosphäre ja vielleicht auch die Gelegenheit …. Doch diesen Gedanken schob er auch gleich wieder von sich. Erst mal ankommen und dann die Dinge sich entwickeln lassen.
„Caroline kommt auch mit. Also, gib dir nen Ruck!“ Alex sah sie auffordernd an.
„Und die Kinder?“, fragte Fritz überrascht, denn Alex‘ Frau war noch nie dabei.
„Babysitter!“
„Also, bei uns im Dorf, da hatten wir mal einen Babysitter, der…“
„Och nö, Bielefeld, verschon uns damit! Nicht gleich an meinem ersten Tag!“ Fritz unterbrach sie völlig unkollegial. „Außerdem sind Teambesprechungen Pflicht!“, setzte er nach.
„Und seit wann gehören die Ehefrauen da auch mit dazu?“
„Jetzt stell dich nicht so an! Heute Abend um acht im Rizz!“ Damit setzte Alex der Diskussion ein Ende und verließ den Raum. Verdutzt sahen beide ihm nach. Josephine hoffte inständig, dass ein kleiner Mord dazwischen käme. Doch nichts dergleichen geschah. Stunde um Stunde verging, bis schließlich Feierabend war.

Josephine trat in den feuchtkalten Winterabend hinaus. Es nieselte und der Wind war eisig. „Noch nicht mal auf die Mörder ist Verlass“, murmelte sie auf dem Weg zu ihrem Auto. Mit einem schweren Stein im Magen ließ sie sich auf den Sitz fallen. Als sie den Schlüssel in der Zündung drehte, passierte jedoch nichts. Auch ein wiederholtes Drehen brachte keine Änderung. „Na toll“, entnervt ließ sie ihren Kopf auf das Lenkrad fallen. Auch wenn sie auf den bevorstehenden Abend wenig Lust verspürte, so verspürte sie noch weniger Lust, die Nacht im Präsidium zu verbringen. Die Möglichkeit, ein Taxi zu rufen kam ihr in diesem Moment überhaupt nicht in den Sinn. Musste die Karre auch ausgerechnet jetzt ihren Geist aufgeben! Mitten in ihre zornigen Gedanken hinein klopfte es an ihr Fenster.
„Hey, Bielefeld! Was ist los?“ Fritz sah sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Verwunderung an.
„Diese scheiß Karre will nicht anspringen!“, wütete die Kommissarin.
„Ich fahr dich nach Hause, OK?“
„Nein, lass mal! Ich kann ja den Bus nehmen!“
„Das ist doch Quatsch! Man könnte fast meinen, du gehst mir aus dem Weg!“ Im selben Moment hatte Fritz diese Bemerkung auch schon bereut, obwohl es ihm rückblickend tatsächlich so vorkam.
„Das ist doch Quatsch!“, konterte Josephine im O-Ton Fritz. „Warum sollte ich dir aus dem Weg gehen?! Wir sind Kollegen, ein Team!“
„Na, dann passt es ja. Also los, steig endlich aus!“

Trotz des Feierabendverkehrs kamen sie gut durch Berlin. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, unterbrach Josephine die bedrückend werdende Stille. „Tja, schade, dass die Teambesprechung dann ohne mich stattfinden wird heute. Wir können ja „skeipen“. Darin sind wir jetzt richtig spitze!“, versuchte sie ihre Erleichterung in einem Scherz zu verstecken.
„Ja, richtig spitze!“ Bei Fritz klang das aber eher frustriert. „Hör zu Bielefeld, diese … Sache da, mit den Gefühlen, … und …“
„Das haben wir doch geklärt, Fritz. Du Mann, ich Frau, wir Kollegen, daher nur kollegiale Gefühle und so. Das haben wir doch besprochen, dass das lächerlich ist … also das mit den gefühlten Gefühlen, also dass wir ausschließlich kollegiale Gefühle haben und nicht mehr, ja … also da waren wir uns doch einig?“
Fritz hielt es für das Beste erst mal nicht zu antworten. Das Auto war auch nicht wirklich der richtige Ort, ein solches Gespräch zu führen, insbesondere, wenn er auch noch der Fahrer war. Außerdem waren sie auch in diesem Moment bei dem Gestüt angekommen.
„Danke fürs Fahren! Mach’s gut, Kollege!“, zwinkerte sie ihm zu, obwohl ihr alles andere als leicht ums Herz war.
„Kein Thema! Mach’s gut, Frau!“, verabschiedete sich Fritz. „Und dieses Mann-Frau-Ding, ob kollegial oder emotional, ist noch lange nicht geklärt, Bielefeld.“ Doch das hörte sie schon nicht mehr, da sie beinahe fluchtartig den Wagen verlassen hatte.

ENDE
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