Harry, You Are In Love

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Harry Styles OC (Own Character)
13.09.2015
02.08.2020
30
158.629
6
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02.08.2020 9.887
 
Gotta Be You, Anna, I Want, Cherry



„Also… Habt ihr euch schon Gedanken gemacht?“, fragt Harry.

Es ist Mittwoch—vier Tage vor der ersten Show—er hat uns in unserem eigenen kleinen Wohnzimmer versammelt und ist mit Block und Stift bewaffnet.
„Nochmal, das Thema dieser Woche ist ‚Party-Time‘. Ihr müsst richtig Stimmung auf die Bühne bringen und am besten Alles abreißen. Symbolisch gesprochen, versteht sich.“
„Ich will Break Free von Ariana Grande und Zedd singen!“, wirft Emilia als Erste ein. Wen hätte es auch gewundert.
„Bist du dir sicher? Dieses Jahr hat so tolle Party-Hits hervorgebracht. Willst du nicht vielleicht etwas Aktuelleres zeigen?“, wendet er ein, ganz der besorgte Mentor, der nur Gutes für seine Schützlinge will.
„Nein, ich habe mich festgelegt“, bezichtigt sie.
Ich kann ihr Gesicht und ihre Stimme jetzt schon nicht mehr ertragen. Nach einer Nacht im selben Zimmer und einem kurzen Morgen.
„Okay, dann halte ich das hier so fest“, mein Harry und notiert auf seinem Block Emilia - Break Free - Ariana Grande & Zedd.
„Sonst noch jemand mit einer festen Vorstellung?“, fragt er in die Runde.
„Mir gefällt Symphony von Clean Bandit und Zara Larsson gut“, meldet sich Caitlyn zu Wort.
„Oh, das kann ich mir sehr gut bei dir vorstellen“, äußert sich Anna und auch Harry nickt zustimmend.
„Dann notiere ich auch das. Anna, hast du schon eine Idee?“, fährt Harry fort.
Scars to Your Beautiful ist zwar kein Party-Hit in erster Linie, aber mir gefällt die Message und ich würde es gerne zu einem Party-Hit verändern“, erklärt sie.
„Das lässt sich machen“, werfe ich ein. „Ich kann gerne helfen.“
„Weil du auch so viel Ahnung hast“, kichert Emilia leise spöttisch.
Ich drehe meinen Kopf langsam zu ihr.
„Das habe ich in der Tat“, entgegne ich ihr beherrscht freundlich.
„Okay, was hast du denn schon alles gemacht?“, fragt sie.
„Das würdest du mir nicht glauben, wenn ich dir das sagen würde.“
„Dann zeig mir doch was“, fordert sie mich heraus.
„Okay, macht ihr schon mal weiter, ich gehe meinen Laptop holen.“ Ich stehe auf und verlasse unser kleines Wohnzimmer. Im Türrahmen werfe ich einen Blick zurück in den Raum und begegne Harrys besorgtem Blick. Ich schüttle nur mit dem Kopf. Ich werde ganz sicherlich nicht die Original-Songs rausholen für MITAM. Ich bin ja nicht dumm. Vor allem, glaubt er ernsthaft, dass nur die Zusammenarbeiten mit ihm so gut sind, und die ganzen anderen Sachen schlecht sind, die ich mit anderen Künstlern gemacht habe? Da wird sich schon etwas finden.

„Hab ich was verpasst?“, frage ich als ich wieder zurück bin und schaue in die Runde.
„Ich habe mir Outside von Ellie Goulding ausgesucht“, berichtet mir Rose.
„So, um nochmal auf meine Erfahrung im Bereich Komposition und Abmischen zurück zu kommen, bitte, Emilia. Tob dich aus. Die Auswahl ist riesig.“ Ich reiche ihr meinen Laptop und lehne mich zurück.
Die anderen drängen sich ebenfalls um Emilia, da sie auch neugierig sind.
„Oh, da ist was von dir Harry“, meint Emilia mit einem hinterhältigen Grinsen.
„Ach wirklich?“, fragt Harry und schaut mich eingehend an. Ich habe noch genau unsere Unterhaltung von vor genau zwei Tagen im Kopf, wo wir uns darauf geeinigt haben, so wenig wie möglich miteinander zutun zu haben.
„Welcher Song ist es?“, fragt Harry weiter.
„Songs. Sign of the Times und Ever Since New York “, sagt Anna und schaut zu mir auf. „Dürfen wir die hören?“, fragt sie.
„Nur zu“, meine ich und schlucke hart. Nein. Bitte nicht, denke ich.
Ich versuche so neutral zu wirken wie möglich, als Emilia den Song meiner Audition startet. Der Schaden ist bereits seit Wochen angerichtet. Harry weiß, dass ich mich mit speziell diesem Song näher beschäftigt habe.

Eine leise Violine beginnt und meine Stimme setzt ein.
Ich sehe, wie Anna und Rose in Staunen die Münder auffallen und Harry, auf dem Sitzsack neben mir, atmet scharf ein und sein Köper wird ganz starr.

Zum Refrain setzen dann das Klavier und Schlagzeug ein.
Harry steht auf und läuft im Raum auf und ab.
Er knetet fest seine Hände, keine Ringe, und beißt angespannt auf seiner Unterlippe herum.

Meine Stimme klingt laut, klar und kraftvoll aus dem MacBook und ich beobachte meine Zuhörer.
Diese Aufnahme sollte eigentlich nie auch nur irgendjemand zu Gehör bekommen. Und jetzt sitze ich hier in diesem Raum und kann froh sein, dass die Kameras gerade nicht hier sind.

Gänsehaut bildet sich an meinem gesamten Körper.
Ich sehe wie Rose feuchte Augen bekommt und Anna sich heimlich eine kleine Träne wegwischt.
Ich weiß, meine Lieben. Ich weiß.
Emilia beobachtet mich und verengt ihre Augen ganz leicht.

Ich habe den Text von Why are we always stuck here running from your bullets zu Why are we always stuck here running from my bullets umgeändert.
Es ist wahr.
Bisher habe jedes Mal ich Schlussgemacht. Jedes verdammte Mal. Auch vorgestern Abend.
Aber nur, weil ich den Song gecovert habe heißt es noch lange nicht, dass es jetzt offensichtlich ist, dass da was zwischen mir und Harry mal war. Niemand weiß davon. Die Bilder von damals auf Jersey sind verwackelt und schlechte Qualität. Außerdem habe ich aktuell dunkle Haare. Ich habe mit dem Mädchen von damals nicht mehr viel gemeinsam, außer die Bilder, die ich auf meiner Haut trage.

„Die Schlussnote. Dieser hohe Ton. Beeindruckend“, kommt es von Harry mit gedrückter Stimme, ein paar Augenblicke nachdem der letzte Ton verklungen ist.
„Danke“, murmle ich und weiche seinem Blick aus. Ich ertrage es nicht seinen Augen zu begegnen.
Wenn ich einfach einer seiner Fans wäre, die Sign of the Times gecovert hätte, dann wäre alles in bester Ordnung. Aber mit unserer Vorgeschichte ist diese Situation mehr als unangenehm.

Bevor Emilia die zweite Aufnahme starten kann, nehme ich ihr den Laptop weg. Ich bin dazu nicht bereit. Nicht jetzt gerade.
„Anna, ich glaube ich habe eine Version von Scars to Your Beautiful, die dir gefallen könnte“, sage ich an sie gewendet und deute auf meinen MacBook. Ich finde schnell die Datei, von der ich gesprochen habe.
„Es geht ein bisschen in die House Richtung, aber das könnte genau das sein, was wir für das Motto dieser Woche brauchen“, erkläre ich erst und drücke dann auf abspielen.

„Oh, das ist gut“, meint sie und nickt im Takt. „Genau so habe ich mir das vorgestellt.“
Ich lächle zufrieden und Anna erwidert das Lächeln.
„Wenn das also erledigt ist, würde ich vorschlagen, dass wir mit dem üben beginnen“, meint Harry. Er übergeht außerdem, dass ich noch nicht meine Songwahl mitgeteilt habe.
Für die andern scheint er normal zu klingen. Aber ich höre eindeutig, dass er immer noch nicht mein Cover verarbeitet hat. Er ist angespannt und aufgekratzt.
„Emilia, warum beginnen wir nicht einfach mit dir?“, fragt er und bedeutet ihr zu folgen.
Sie steht mit einem Sieger-Grinsen auf und folgt ihm aus dem Raum, vermutlich in das kleine Studio.
„Was hast du denn noch so für Songs gecovert?“, fragt Caitlyn und setzt sich neben mich .
Ich gebe den anderen drei in Ruhe eine kleine Tour durch meinen Musikordner, während Harry und Emilia üben sind.
Es dauert wirklich lange. Ich frage mich, ob sie schon versucht hat sich an ihn ranzumachen.
Bei dem Gedanken daran wird mir wirklich schlecht und meine Stimmung sinkt noch weiter.

„Deine Stimme ist wirklich unglaublich, ich meine Harry hat dein Cover ziemlich stark mitgenommen. Und was ich jetzt so gehört habe ist auch so unglaublich gut. Ich komme mir so vor, als ob jetzt schon feststeht, dass du gewinnst, obwohl wir erst mit den Live-Shows anfangen. Niemand hier ist auf deinem Level“, meint Rose.
„Das stimmt doch gar nicht. Ihr alle seid so gute Sänger und Sängerinnen! Ich finde das Schöne an dieser Show ist, dass jeder gleiche Chancen hat. Wer weiß, vielleicht mögen sie meine Tattoos nicht und ich fliege in der ersten Show raus“, gebe ich zurück. „Klar, habe ich viel Erfahrung hier mit—“, ich deute auf meinen Mac „aber ich bin genauso nur eine Sängerin, wie alle anderen hier auch.“
„Ich sage trotzdem, dass du die Show hier rockst“, meint Caitlyn.
„Jetzt hört auf“, beschwere ich mich und rolle mit meinen Augen.
„Du wirst schon sehen“, meint Anna und lacht fröhlich.
„Solltet ihr mich nicht hassen?“, frage ich und blicke in die Gesichter der drei Mädels.
„Nein, warum? Du bist unglaublich begabt. Das lässt sich nicht bestreiten. Es ist für mich unglaublich mit einer so talentierten Person wie dir nur in einem Raum zu sein“, meint Rose.
„Ja“, stimmt Anna zu und Caitlyn nickt ebenfalls zustimmend.
Ich spiele ihnen noch ein paar Cover-Songs vor und Sachen die Demos waren und jetzt als gute Cover durchgehen. Unter anderem auch On the Loose von Niall. Nach einer Zeit greife ich zur Gitarre und spiele darauf Songs und wir singen zusammen. Etwas, das wir so in dieser Zusammenstellung seit unserer Zeit in Malibu im Haus von Simon nicht mehr gemacht haben.
Ich will gerade den Nächsten Song spielen, als Emilia wieder zurück kommt.
„Alex, ich soll dich jetzt runter schicken. Und du sollst deinen Laptop mitbringen, meint Harry“, sagt sie gelangweilt und lässt sich auf einen der drei freien Sitzsäcke plumpsen.
„Alles klar“, seufze ich und klappe meinen Mac zu und stehe auf.
„Bis später“, meine ich an die drei Mädels gewandt und finde meinen Weg zu Harry ins kleine Studio.
Drinnen spielt jemand Gitarre.
Ich öffne leise die Tür und sehe Harry auf einer alten weißen E-Gitarre spielen.
Ich schaue ihm einen Moment lang zu, wie seine langen Finger so spielerisch leicht die Akkorde greifen. Ich erkenne den Song nicht, aber es hört sich wirklich gut an. Neue Musik?
Ich klopfe sachte an die Tür und augenblicklich hört er auf zu spielen.
Sein Blick fährt erschrocken zu mir hoch und er steht ertappt von dem Hocker auf.
„Pe— Alex. Ich hab dich gar nicht gehört“, meint er und fährt mit seiner Hand durch die Haare.
Diese Länge ist wirklich perfekt. Nicht zu kurz — nicht zu lang. Seine Locken kommen so wirklich perfekt zur Geltung.
Nein. Stopp. Ich darf so etwas nicht denken.
Ich schließe hinter mir die Tür.
„Müssen wir wirklich üben? Ich glaube wirklich, dass das überflüssig ist“, seufze ich.
„Du hast deine Auswahl noch nicht getroffen. Außerdem bin ich der Meinung, dass wir definitiv üben sollten. Ich will nicht, dass hier Gerüchte aufkommen, dass ich dir eine Sonderbehandlung zukommen lasse“, meint er spitz.
„Und warum sollte ich meinen Laptop mitbringen?“, frage ich genervt.
„Weil ich sehen will, was du in den letzten Monaten gemacht hast“, erklärt er und steht vom Drehstuhl auf.
Er deutet auf die kleine Couch an der Wand.
Ich sehe ihn skeptisch an und setze mich zögernd hin. Er direkt neben mir.
„Ich weiß, dass du neben mir auch mit Niall und Louis zusammengearbeitet hast. Ich weiß außerdem, dass das nicht alles war. Wir haben sonst nicht viel über Arbeit gesprochen.“
Ich nicke und öffne meinen Laptop.
„Ich hab Anfang 2016 mit ‚Hey Violet‘ gearbeitet. Julian sollte das eigentlich machen, aber ihm kam etwas dazwischen und die Agentur meinte, dass ich in Vertretung gehen soll und Julian meine Arbeit absegnet. Ich habe ein paar Tage mit Sam Smith in London gearbeitet, mit Lady Gaga — keine Ahnung, wie ich zu dieser Ehre überhaupt gekommen bin. Es kommt mir immer noch wie ein Traum vor, auch wenn es nur wenige Stunden waren. Shawn Mendes, George Ezra sind auf der Liste und Dua Lipa. Das ist allerdings nicht durch Julian und die Agentur zustande gekommen. Wir gingen zur gleichen Grundschule und waren zusammen in der Musik-AG.“
„Nicht dein Ernst?!“, fragt Harry und macht große Augen.
„Doch. Schau, ich hab mit ihr an Lost In Your Light und Blow Your Mind gearbeitet.“
„Peyton, das sind mit unter die größten Namen in der Branche aktuell. Warum bist du hier?“, fragt er. Ich korrigiere ihn nicht mit meinem Namen. Es ist schön ihn ihn sagen zu hören.
„Du weißt ganz genau, warum ich hier bin.“
Hill, steht unausgesprochen im Raum.
„Ich weiß, aber du könntest einfach mit den Beziehungen, die du durch deine Arbeit hast durchstarten.“
„Denkst du nicht, ich wüsste das? Ich kann dieses Versprechen aber jetzt nicht einfach brechen“, erkläre ich.
„Na gut. Ich bin froh, dass du in meiner Gruppe bist. Mit dir werde ich deutlich weniger Arbeit haben als mit den anderen Mädels“, grinst er mich an.
„Wow. Vielen Dank. Wenn das bedeutet, dass ich dein Gesicht nicht so oft zu sehen bekomme, bin ich auch froh, dass ich in deinem Team gelandet bin“, sage ich mit erhobener Augenbraue.
„Das wird sich noch zeigen. Wenn die anderen so schlimm sind, wie Emily—“
„Emilia“, verbessere ich ihn.
„Läuft aufs Gleiche hinaus — dann werde ich ziemlich schnell meine Nerven verlieren.“
„Und warum hast du mich dann mit ihr in ein Zimmer gesteckt?“, frage ich.
„Weil du mich immer noch hasst und meine hundertste Entschuldigung noch nicht akzeptiert hast.“
„Ich hasse dich doch nicht!“, gebe ich zurück.
„Na, da will ich dich aber an deine Worte von Montag erinnern. Die waren doch ziemlich deutlich“, meint er.
„Warum unterhalten wir uns über unsere Beziehung?“, frage ich und klappe meinen MacBook wieder zu.
Ich setze mich auf die Klavierbank auf der anderen Seite des Raumes und lege meine Finger auf die Tasten.
„Ich meine, wir sollten jetzt entweder anfangen zu Üben, oder ich sollte gehen“, sage ich und beginne einfach wahllos etwas zu spielen.
Wildest Dreams von Taylor Swift.



Ich stehe in der Küche und bereite as Frühstuck für alle zu.
Ein Stapel meiner berühmten Pancakes wächst auf dem Teller neben dem Herd.
Es ist noch niemand wach. Verständlich. Es ist Sonntag sechs Uhr in der Früh.
Ich kann nicht mehr schlafen.
In einem Zimmer mir Emilia fühle ich mich einfach unwohl.

Meine Gedanken kreisen nur um die Live-Show heute Abend. Ich bin wirklich gespannt. Das Format dieses Jahr ist wirklich seltsam. Da wir dieses Jahr fünf Acts pro Team sind musste die Hälfte von uns auf Sonntag verschoben werden, da die Show sonst zu lange geht. Per Losverfahren wurde ausgewählt, wer an welchem Tag auftritt. Ich bin für Sonntag ausgewählt worden. Yay.
Nicht.
Ich bin gespannt, wie sie es regeln wollen. Normalerweise waren Sonntags die Voting-Ergebnisse verkündet worden.
Die meisten waren gestern Abend lange wach und haben gut gefeiert.
Die Show war ein Mega-Erfolg. Die Stimmung im Publikum war unfassbar gut und die ersten Rückmeldungen verlauten, dass dieses Jahr in die Geschichte eingehen wird, da alle unfassbar talentiert sind.
Also noch mehr Druck auf die Sonntagsgruppe.

Gegen sieben kommt Samuel in die Küche geschlurft.
„Guten Morgen“, grummelt er und schenkt sich eine Tasse Kaffee ein.
„Hey“, begrüße ich ihn und winke mit dem Pfannenwender.
„Das riecht absolut genial“, meint er und beugt sich über den Pancake-Stapel.
„Ey, weg da! Die anderen sollen keine vollgesabberten Pancakes essen müssen!“, meckere ich ihn an und schiebe seinen Kopf weg, der gefährlich nah über den gold-gelb gebackenen Köstlichkeiten hängt.
Er lacht leise in sich hinein und lehnt sich neben mich an die Arbeitsfläche.
„Wie gehts dir? Alles in Ordnung?“, fragt er und trinkt etwas von seinem Kaffee.
„Nervös. Ich wünschte ich wäre gestern Abend schon aufgetreten“, seufze ich und wende den Pancake.
„Ja geht mir genauso. Aaron hat es wirklich gut. Der konnte gestern schon entspannen“, seufzt er ebenfalls.
„Er hat nicht mal mitbekommen, dass ich aufgestanden bin, so viel hat er gestern Abend auf der After-Party getrunken. Ich hab dich früh gehen gesehen. Ich wünschte ich wäre auch so clever gewesen“, lacht er wieder und trinkt seinen Kaffee.
„Ja, ich habe meiner Schwester versprochen sie gestern Abend nochmal anzurufen. Außerdem hatte ich in meinem Leben schon genug After-Partys“, sage ich und nehme den Pancake aus der Pfanne. Ich lege ihn auf einen Teller und gieße eine gesunde Portion Ahornsirup darüber. Ich schiebe Samuel den Teller zu und reiche ihm eine Gabel.
„Probier mal“, ordne ich an und gebe frischen Teig in die Pfanne.
„Hmmm… Genauso unfassbar gut wie die ganze Woche schon“, nuschelt er mit vollem Mund.
Ich lächle zufrieden und nehme mir selbst einen Pancake.

„Wie ist es so mit Harry zusammenzuarbeiten?“, fragt Samuel nachdem er seinen letzten Bissen verdrückt hat.
„Es ist—“
„Ja, erzähl mal. Ich bin ganz Ohr“, sagt plötzlich Harry vom Türrahmen.
Er trägt eine lockere graue Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt. Seine Haare sind noch feucht und locken sich bereits.
„—nervig“, beende ich meinen Satz bissig.
„Oh, das verletzt meine Gefühle, Alexandra“, lacht Harry und reibt sich die Brust.
Ich rolle mit den Augen und wende mich dem nächsten Pancake zu.
„Wie ist die Zusammenarbeit mit Niall?“, frage ich Samuel interessiert und ignoriere Harry, der mir näher als nötig kommt, um über meine Schulter einen Blick in die Pfanne zu werfen und sich dann eine Gabel aus der Schublade neben dem Herd nimmt.
Er greift sich einfach meinen Teller und spießt gleich zwei Pancakes mit der Gabel auf.
„Hey— was? Gib mir meinen Teller zurück, Harry! Nimm dir gefälligst deinen eigenen!“, fahre ich ihn an und versuche nach dem Teller zu greifen, doch er hält ihn einfach nur hoch, sodass er aus meiner Reichweite ist und grinst selbstgefällig.
„Mir gefällt es, wenn du meinen Namen so sagst“, raunt er mir leise zu, Samuel kann es deutlich hören auf der anderen Seite der Anrichte, zwinkert und lässt mich verdattert mit Samuel in der Küche zurück.
„Was geht da zwischen euch beiden eigentlich vor?“, fragt Samuel mit entgeisterter Mine.
„Nichts!“, gebe ich schnell zurück. „Er ist schrecklich! Er macht mich verrückt! Er meint die ganze Zeit, dass er so witzig ist und seine Kommentare gehen mir massiv auf die Nerven! Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum die Mädels alle reihenweise auf ihn stehen“
„Aha. Interessant“, meint Samuel grinsend und nimmt sich noch einen Pancake vom fertigen Stapel.
„Du glaubst mir nicht?“, frage ich zurück und wende den in der Pfanne.
„Wenn du überzeugend klingen willst, solltest du das nächste mal nicht so aufbrausend und direkt antworten. Das ist als würdest du die Pointe eines Witzes zuerst erzählen“, meint er mit vollem Mund.
„Ist es wirklich so offensichtlich, dass Harry und ich uns schon länger kennen?“, frage ich mit großen Augen.
„Naja. Jetzt schon“, grinst er und wackelt mit seinen Augenbrauen.
„DU!!!“, rufe ich und drohe ihm mit dem Pfannenwender.
„Stop! Sein Kommentar von eben hat auch geholfen. Aber keine Angst, ich verrate es niemandem, wenn es das ist! Wirklich! Versprochen! Hoch und Heilig! Sowas hab ich nicht nötig.“
„Wirklich?“
„Ja, du brauchst ihn nicht, um hier weiterzukommen. Du bist so gut.“
Ich trete zurück und senke den Pfannenwender.
„Willst du wissen, wie es dazu gekommen ist?“, frage ich leise.
„Wenn du es mir erzählen willst. Du musst nicht, nur weil ich zufällig hier war, als er meinte, er müsste dich vorführen.“
„Ich glaube nicht, dass er das wollte. Er ist für gewöhnlich nicht so offen. Dazu kommt, dass ich einfach nur zu ängstlich bin, dass ich für seine Entscheidung Probleme bekommen kann.“
„Okay, jetzt musst du mit wirklich davon erzählen. Also, nochmal: was läuft da zwischen euch?“
„Alles begann 2015—“
„Warte — Wooha! Das ist aber verdammt lange her!“
„Ja, und jetzt Klappe, sonst erzähle ich dir gar nichts!“
„Okay!“ Er deutet mit seiner Hand an, dass er seinen Mund abschließt und den Schlüssel mir reicht, den ich grinsend ergreife und über meine Schulter werfe.
„Ich habe damals mit meinem Vater in Deutschland gelebt und war in einer Schülerband meiner Schule. Wir waren aber keine Schülerband, mit der man unbedingt Werbung für die Schule machen will. Wir haben viel und sehr exzessiv gefeiert.“
„Drogen?“
„Mit unter, aber nie wirklich Hartes. Hauptsächlich Gras, ist gut, wenn man eine doppelte Staatsbürgerschaft hat“, meine ich, zucke mit den Schultern und blicke betreten wieder in die Pfanne. Wenn ich von meinem alten Leben erzähle merke ich, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe.
„Krass.“
„Ja, wir waren ziemlich gut und haben oft in den Bars der Stadt gespielt und ein bisschen Geld verdient. So auch die ganzen Tattoos.“

Ich erzähle ihm wie ich damals auf Harry getroffen habe und, dass es nicht wirklich lange mit uns gebraucht hat.
Ich erzähle von meiner Mitarbeit an MITAM und das Ende unserer Beziehung.
Unsere Zusammenarbeit danach und wie toll ich es finde, dass Harry hier ist.
„Sei mir jetzt nicht böse — ich bin vollkommen auf deiner Seite — aber ich verstehe dein Problem mit ihm nicht so ganz. Du liebst ihn, er liebt dich, so wie ich das verstanden habe. Warum seid ihr nicht zusammen? Wegen der Show? Oder bist du einfach zu Stolz um über deinen Fehler zustehen?“, fragt Samuel und spießt das letzte Stück seines vierten Pancake auf.
„Ich bin nicht zu Stolz. Ich bin einfach nicht die richtige für ihn. Ich bin dem Druck der Presse nicht gewachsen. Ich habe nicht die Kraft ihm so zu vertrauen, wie er es verdient, dass ihm vertraut wird.“
„Wow. Das ist der größte Mist, den ich jemals gehört habe.“
„Was? Nein Sam, das ist mein Ernst.“
„Seine Single macht auf einmal wirklich unglaublich viel Sinn.“
„Was? Sign of the Times?“
„Ja.“
„Ich weiß. Ich war total überfordert, als ich es gehört habe“, seufze ich.
„Kann ich mir vorstellen — Oh mein Gott! Wenn das hier rauskommt, dass der Song von dir handelt!“, platzt es entsetzt aus Samuel heraus. Er reißt seine Augen so weit auf, dass ich Angst habe, dass sie ihm gleich aus ihren Höhlen springen.
„Ach nein. Das habe ich eben ganz anders gemeint, als ich gesagt habe, dass ich es nicht toll finde, dass er Teil der Show ist. Außerdem, noch ein bisschen lauter und ich kann mir das mit meinem Auftritt heute Abend gleich schenken!“
„Sorry“, flüstert er und will sich noch einen Pancake nehmen, aber ich schlage auf seine Hand, um die verbliebenen Pancakes für die anderen zu retten.
„Sam! Es reicht! Gott, wie kann man nur so viel essen?“, lache ich und hebe den nächsten aus der Pfanne.

Gegen acht wird es in der Küche voller.
Immer mehr unserer Mitkandidaten werden wach und folgen dem göttlichen Duft warmen Zuckers, süßen Apfels und Zimt.

„Du meine Güte, Alex! Die sind fantastisch!“, seufzt Nick der Band tissue of lies.
Ich habe es unterschätzt, wie viele Leute wir sind und wie viel jeder isst; wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass die meisten mittlerweile nur noch essen, weil es so gut schmeckt und nicht weil sie hungrig sind, dass ich bereits einen dritten Teig anrühren musste.
Zu meinem Leidwesen hat Harry zwei Pfannen neben mir übernommen, dass ich zumindest etwas mehr Zeit habe meinen eigenen Pancake warm zu essen, als wenn ich mich um drei Pfannen gleichzeitig kümmern muss.
„Du hast da was…“, murmelt er und wischt mit seinem Daumen über meinen Mundwinkel.
Mir entgleisen die Gesichtszüge und ich starre ihn entsetzt an.
„Weg“, verkündet er und schenkt mir ein strahlendes Lächeln.
„Alex! Die Pfanne!“, ruft Sam und reißt mich aus Harry’s Bann. Mein Blick fällt auf die Pfanne.
Der Pancake qualmt und riecht etwas angebrannt.
Schnell hebe ich ihn aus der Pfanne und begutachte ihn auf eventuell noch bestehende Essbarkeit.
Der Pancake ist gerade an der Grenze an der die Röstaromen überhand gewinnen, aber noch genießbar.
„Gib mir den“, meint Harry und nimmt die Pancakes aus seinen Pfannen. Er gibt neuen Teig in die Pfannen und dreht den Herd klein.
„Du hattest aber schon fünf!“, meckere ich und stelle den Teller zur Seite.
„Alle hatten hier schon mehr als drei. Ich hab außerdem nicht gesagt, dass ich ihn essen will.“
Widerstrebend gebe ich ihm den Teller. Er greift den Ahornsirup und gibt genau die perfekte Menge darüber—
„Mund auf!“, befiehlt Harry und hält mir die Gabel hin.
„Was? Nein! Ich lass mich doch nicht von dir füttern!“, gebe ich schockiert zurück.
„Entweder du isst den jetzt so, oder ich muss ihn essen, ganz einfach Pey—ALEX!“ Harry schaut sich in der Frühstücksrunde um, ob jemand unseren Konflikt und vor allem seinen Fehler mitbekommen hat. Aber niemand scheint uns Beachtung zuschenken.
Nochmal Glück gehabt.
Wir beide atmen unbewusst erleichtert aus und ich schnappe das Stück Pancake von seiner Gabel, die er mir immer noch hinhält.
„Sorry“, murmelt er mir leise zu und dreht den Herd wieder höher.
„Ich wäre dir echt verbunden, wenn nicht schon in der ersten Woche rauskommt, dass ich nicht die ganze Wahrheit erzähle“, murre ich zurück.
„Ich versuche es, Peyton, wirklich. Aber es ist für mich einfach unnatürlich dich mit einem anderen Namen anzusprechen. Das ist als würdest du mich nur noch mit Edward ansprechen. Damit hättest du auch Probleme. Und vielen Dank, dass du Samuel unsere Geschichte erzählt hast. Du kennst ihn wie lange? Drei Tage? Hast du keine Angst, dass er zum nächsten Boulevard-Journalisten rennt und unsere Geschichte für viel Geld verkauft?“
„Nein! Hab ich nicht! Außerdem, geht das auch auf deine Kappe1 Wie kommst du nur drauf, dass es eine gute Idee ist, so ne Bemerkung loszulassen, wenn jemand in Hörweite ist?! Er ist von Grund auf ein guter Mensch, mach dir keine Sorgen. Er erzählt schon nichts weiter.“
„‚Ein guter Mensch?‘ Hörst du dir überhaupt zu?“
„Was willst du eigentlich von mir Harry? Haben wir nicht einen Deal?“
„Weißt du, ich frage mich ernsthaft, warum ich mir mit dir überhaupt die Mühe mache—“
„Warum du dir die Mühe machst?! Harry, ich hab dich nicht darum gebeten.“
Ich lege den Pfannenwender auf die Arbeitsplatte und wende mich an Samuel.
„Sam, kannst du bitte auf die letzten Pancakes aufpassen? Harry und ich haben noch eine Übungsstunde vor heute Abend“
Ich greife Harrys Arm und ziehe ihn aus der großen Wohnküche durch den Flur ins Obergeschoss.
Ich lasse seinen Arm erst los, als wir im kleinen Studio angekommen sind.

„War das wirklich nötig?“, fragt Harry und fährt sich aufgebracht durch seine lockigen Haare.
„Ja, war es.“
„Ich weiß wirklich nicht, was dein Problem ist, Peyton!“ Er hebt seine Stimme und kommt auf mich zu. Langsam, aber immer noch bedrohlich. Ich bin froh, dass das Studio nach aussen Schalldicht ist.
„Da fängt das Problem schon an! Hör endlich mit der ‚Peyton‘-Scheiße auf!“
„Was? Aber das ist dein Name.“
„Peyton war mein Name. Ich habe mich dazu entschlossen einen Neubeginn zu starten, Harry! Peyton war das Partygirl das von einem Extrem zum Nächsten gesprungen und blind und naiv durch die Welt gelaufen ist!“
„Aber— Was ist mit uns?“, fragt Harry und macht wieder einen Schritt zurück. Ich glaube er scheint zu ahnen, worauf ich hinaus will.
„Harry, es war damals schon keine gute Idee das mit uns, aber wie stellst du dir das jetzt vor? Du bist ‚2nd-Mentor‘, ich bin Kandidatin. Ich würde direkt rausfliegen!“
„Also, sagst du, dass wir ein Fehler waren und wir für immer Geschichte sind? Nur weil du dich dazu entschlossen hast. Ich hab da nichts zusagen? Das ist typisch Peyton. Du ziehst die gleiche Scheiße ab, wie damals. Als du für uns beide entschieden hast, dass ich nichts mit deiner kranken Schwester zutun haben will. Als du für uns beide entschieden hast, dass ich fremdgegangen bin. Peyton, siehst du nicht, dass du dich kein Stück verändert hast in den letzten drei Jahren? Für dich existiert nur die Musik. Für was anderes hast du einfach keinen Platz.“
„Es tut mir leid“, murmle ich.
„Ja, mir auch. Dass ich mir eingebildet habe, dass es eine gute Idee ist, auf eine Gelegenheit zu warten, dich davon zu überzeugen, dass ich dich liebe und nur dich. Ich habe meine Lektion gelernt. Dieses Mal, ich verspreche dir, nur noch Arbeit. Danach halte ich mich von dir fern.“



„Alexandra, du bist in zehn Minuten auf der Bühne“, spricht mich Jamie des Produktionsteams an und gibt mir einen Daumen nach oben.
Ich nicke zurück und schaue dann wieder zur Bühne.
Samuel ist in den letzten Sekunden seines Auftritts.
Noch die Beurteilung der Jury und die Anmoderation zu meinem Auftritt. Dann darf ich Backstage und mich auf meinen Auftritt vorbereiten.
Die Anspannung in meinem Körper vervielfacht sich schlagartig und ich greife nach meinem Wasserglas. Eigentlich müsste mir der Druck nichts ausmachen. Ich habe Bühnenerfahrung, ich weiß, dass ich gut bin. Eigentlich kann nichts schiefgehen. Und trotzdem verspüre ich zum ersten Mal in einer langen Zeit Lampenfieber.
Ich trinke mein Glas in wenigen schnellen Zügen aus und versuche mich mit Atemtechniken zu beruhigen.
Ich sitze in der Lounge neben Thalena aus Louis’ Gruppe, neben ihr Harry und Emilia.
Seit heute Morgen gehen wir uns vollkommen aus dem Weg.
Sein Blick meidet mich vollkommen, es ist, als würde ich für ihn nicht mehr existieren.
Es ist vollkommen bescheuert.
Ich habe es so gewollt — ich habe ihn weggestoßen — und jetzt meint mein Herz sich melden zu müssen, dass es seine Aufmerksamkeit vermisst.
Harrys gesamte Aufmerksamkeit liegt heute bei Emilia.
Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum es mir gegen den Strich geht, dass Harry mich so sehr ignoriert.

Emilia lehnt sich gelangweilt zurück und wendet mir ihren Kopf zu.
Sie hat den heutigen Abend eröffnet.
Ich muss leider zugeben, dass sie Break Free von Ariana Grande wirklich gerockt hat und sie mit Sicherheit eine Runde weiterkommen wird.
Sie grinst mir siegessicher zu und wackelt mit ihren Fingern, was ein kleines Winken sein soll, so wie es in allen High-School filmen die Queen-Bees es immer tun.
Es fehlt nur noch der rosa Kaugummi und das Bild wäre perfekt. Furchtbar.
Sie trägt ein kurzes rosa Kleid, das man eher als zu langes Tube-Top bezeichnen sollte und ihre langen blonden Haare sind in perfekten Locken um ihre Schultern drapiert.
Es wundert mich kein bisschen, warum Harry heute nur Augen für sie hat.
Ich trage eine schwarze Lederimitathose und ein tief ausgeschnittenes weißes T-Shirt, das meine Tattoos wage durchscheinen lässt. Meine schulterlangen braunen Haare sind in weichen Wellen rebellisch, wie immer.
Meine Augen sind dunkel geschminkt und ich trage tiefroten Lippenstift.
Ich bin sowas von bereit für meinen Auftritt.
„Na, wie geht’s dir, Alex? Du bist ein bisschen blass um die Nase“, spricht sie mich hinter den Rücken der beiden zwischen uns an und grinst spöttisch.
„Mir gehts wundervoll. Ich freu mich dir zu zeigen, wie man die Bühne richtig zu rocken hat“, zische ich zurück und lehne mich vor, dieser Schlagabtausch beendet.
Ich höre sie verächtlich schnauben und aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihre Hand auf Harrys Knie legt und ihm etwas zuflüstert.
Ich hoffe, das ist nicht ihr Ernst.


Bevor ich mich weiter über Emilia und Harry aufregen kann, kommt Samuel mit breitem Grinsen im Gesicht und Louis im Schlepptau von der Bühne zu uns gejoggt.
Ich springe auf und umarme ihn, wie viele andere Kandidaten ebenfalls.
Ich beglückwünsche ihn für seinen unglaublich guten Auftritt und die tolle Kritik der Jury.
Sobald sich alles wieder beruhigt hat und wir wieder sitzen kommt der Moderator zu uns gelaufen.
Theana tauscht mit Harry den Platz und zum ersten Mal seit heute Morgen begegnen sich unsere Blicke.
Dermot O’Leary quetscht sich zwischen uns und lächelt mich freundlich an.
„Alexandra. Wie geht es dir?“, fragt er.
„Gut, ich bin ein kleines Bisschen nervös, aber das wird gleich weg sein, wenn ich erstmal auf der Bühne stehe“, erzähle ich dem Publikum.
„Das ist gut zu hören! Ich will dich dann gar nicht lange aufhalten! Meine Damen und Herren, Alexandra Delaney!“, verkündet er und in den Bildschirmen beginnt der Clip zu spielen, der vor jedem Auftritt gezeigt wird.
Was diese Woche gegebenenfalls interessantes passiert ist, Aufnahmen aus den Proben oder Reaktionen zu irgendwas.
Ich mache mich auf den Weg zum Backstage Bereich und höre dem Clip zu.

Ich wurde gefragt, wie ich es denn finde mit Harry zusammenzuarbeiten, worauf ich eine freche Antwort gegeben habe. Wie es ist mit so vielen Leuten in einem Haus zu leben und es wird gezeigt, wie ich jeden Tag mehrmals für alle in der Küche stehe und etwas zu essen zaubere, Musik mache, sowohl alleine, mit Harry oder mit den anderen Kandidaten.
Sie haben sogar meinen Bruder vor die Kamera bekommen.
Wahrscheinlich nur, weil er gut aussieht mit seiner großen Statur, seinen breiten Schultern, dem ein oder anderen Tattoo und seinem Beziehungsstatus.
Die Redakteure sind solche Quoten-Schweine.

Backstage wird mein Make-Up nochmal aufgefrischt, meine Haare gerichtet und ich singe mich schnell warm.
Das Mikrofon wird nochmal kontrolliert und ich laufe noch ein bisschen auf und ab, um meine nerven zu beruhigen.
Es ist so ungewohnt, dass ich ohne Gitarre auf die Bühne gehen werde.
Ich weiß dann nie, was ich mit meinen Händen machen soll.
Für heute habe ich mit den Tänzern eine kleine Choreographie einstudiert. Das hilft, trotzdem at die Nervosität mich fest im Griff.
„Bereit?“, fragt hinter mir plötzlich jemand. Sofort erkenne ich die Stimme.
Ich drehe mich um und da hat Harry mir schon eine Hand auf die Schulter gelegt.
Ich nicke und greife das Mikrofon fester.
„Du schaffst das! Ich weiß das“, sagt er ernst und schaut mir fest in die Augen.
Ich nicke leicht und schlucke hart.
„Ich werde an der Seite stehen, immer in deinem Blickfeld. Ich weiß, dass du nervös bist. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Das Publikum liebt dich. Und jetzt geh da raus uns zeig allen und vor allem Emmalia—“
„Emilia“, verbessere ich automatisch leise.
„—wie man eine Bühne richtig zum brennen bringt“, endet er unbeirrt mit fester Überzeugung.
Er greift mein Gesicht sanft in seinen Händen und presst seine Lippen fest auf meinen Scheitel.
Ich atme seinen Geruch tief ein und bin bereit, als er mich loslässt und einen Schritt von mir weg macht.
„Danke“, murmle ich.
Er nickt zur Bühnenwand, wo sich eine Lücke auftut, durch die ich die Bühne betreten soll.
Das Playback wird gestartet und meine vorher aufgenommene und mit Computer veränderte Stimme beginnt das Intro.
Und ich betrete diese Bühne, mit genau der Einstellung, die er braucht.

Mir gehört die Bühne und niemand, schon gar nicht Emilia, kann mir gesangstechnisch das Wasser reichen. Dafür ist meine Ausbildung an der RAoM einfach zu gut.
Und ich bringe deswegen nicht einen Deut falsche Bescheidenheit auf.
Diese Bühne wird brennen von der ersten Sekunde an.
Jeder wird morgen von meinem Auftritt reden.

Das Licht blendet mich für einen kurzen Moment, aber ich lasse mich von den Scheinwerfen nicht ablenken.
Mein Lampenfieber hat sich in Energie gewandelt, mit der ich den Song in Perfektion schmettere mit der selbst sich nicht gerechnet habe.
Ich genieße es zu sehen, wie das Publikum sich nicht mehr in den Sitzen halten kann und zu meiner Performance tanzt und jubelt.
Genieße es meiner Familie zu winken, die im Familienblock sitzt und meiner Schwester, die vom Krankenhaus aus Live zuschaut die beste Show ihres Lebens zu bieten.
Auf meinem Weg zurück in die Formation zum Refrain, sehe ich zu Harry.
Er lächelt leicht, seine Augen groß und spiegeln das Funkeln der Bühnenlichter. Er nickt leicht und sein Fuß wippt zum Takt.
Ich muss mich zwingen den Blick von ihm abzuwenden und mache mich bereit im letzten Teil des Songs nochmal zu zeigen, was ich kann.

Während meiner hohen Note, rasten alle aus.
Mit einem großen Lächeln beende ich den Song.
Ich umarme ein paar der Tänzerinnen, die schnell von der Bühne laufen und dann steht Dermot bei mir.
Harry kommt ebenfalls applaudierend vom Seitenrand der Bühne zu mir und legt mir einen Arm um die Mitte.
„Alexandra!“, ruft Dermot.
„Ja!“, sage ich etwas atemlos zu zurück, muss aber lachen und Harry drückt mich leicht an sich.
„Alexandra! Das war der helle Wahnsinn! Feuer! Das war ein Abrisskommando einer Art, die ich hier bei X-Factor noch nie erlebt habe! Alexandra! WOW!“, meint er und drückt meine Schulter.
Ich lache wegen seiner Vergleiche und versuche mich nicht allzu sehr an Harry anzulehnen.
„Wie wärs? Willst du wissen, was die Jury zu deinem Auftritt sagt?“, fragt Dermot.
„Ja, auf jeden Fall!“, muss ich jetzt sagen und gebe so das Wort an Simon, meinen Gruppenleiter.
„Alexandra — Alex?“, fragt dieser erstmal.
„Ja, Alex ist in Ordnung. Meine Schwester ruft mich Lexie oder auch Lex“, erkläre ich.
Lex wie Lex Luther von Superman?“, fragt Nile.
„Ja“, lache ich nickend.
„Ich werde dich Lex nennen!“, verkündet Nile fröhlich
Simon wirft ihm mittlerweile einen gespielt genervten Gesichtsausdruck zu, was das Publikum wieder zum Lachen bringt.
„Alex,“ beginnt Simon jetzt endlich mit seiner Beurteilung „Damals, als du bei deiner Audition vor uns gestanden hast, wusste ich es schon, und jedes mal—“ das Publikum beginnt zu jubeln, „jedes verdammte Mal bestätigst du es mir immer wieder. Du. Bist. Eine der absolut besten Solo Künstlerinnen, die jemals auf dieser Bühne gestanden hat und wahrscheinlich je stehen wird. Für mich persönlich stehst du auf einer Stufe mit Louisa, Little Mix und Leona. Die Bühne war deine heute Abend und dir war das bewusst und ich finde das toll! Ich bin froh, dass du in meinem Team bist!“
Das Publikum jubelt und klatscht wieder.
Harry drückt mich mit seiner Hand an meiner Seite enger an sich und ich lehne meinen Kopf an seine Schulter.

Ich hab mit vielem gerechnet, aber nicht mit so einem Kommentar von Simon.
„Danke, vielen Dank, Simon“, sage ich ins Mikrofon und wende mich jetzt Ayda und Robbie zu.
„Lexie. Mir gefällt diese Variante am besten“, lacht Ayda. „Du warst wortwörtlich umwerfend! Ich weiß gar nicht was ich sagen soll Ich bin sprachlos! Du hast das mit so einer Professionalität und Kraft abgeliefert — WOW! — einfach WOW!“
„Ja, wie meine Frau schon gesagt hast, war das eine unglaubliche Show, die du uns da gezeigt hast und ich kann’s kaum abwarten mehr zu sehen und zu hören!“, meint Robbie.
„Lex!“, ruft Nile laut. Das Publikum lacht. Mein Name wird zum Running-Gag der Staffel, wenn es so weiter geht. Nicht, dass ich mich beschwere.
„Lex! Wenn ich das so sagen darf, aber du hast heute allen gezeigt, was es heißt wenn Party-Time ist. Du hattest alles! Feuer, Power, Energie und vor allem das Wichtigste: Spaß! Du liebst die Bühne und die Bühne liebt dich! Für mich heute ganz klar die beste Performance und Gewinner des Tages!“, platzt es aus Nile euphorisch heraus.
„Yo! Nile! Sie ist immer noch mein Talent!“, ruft Simon. Wieder lachen wir alle.
„Mir doch egal, Kumpel. Sie ist FEUER!“, ruft Nile zurück.
„Alexandra! Das ist doch der Hammer! Das Publikum liebt dich! Die Jury liebt dich! Was könnest du noch mehr wollen?“, spricht jetzt wieder Dermot.
„Na, dass alle meine Fans für mich anrufen!“, spiele ich mit.
„Dann sag jetzt bitte deinen Fans, wie sie dir deinen Wunsch heute noch erfüllen können!“
„Bitte ruft an oder schreibt eine SMS mit der Startnummer 20!“, rufe ich in das Mikrofon und Harry, der jetzt hinter mich getreten ist, greift mit seinen Armen um mich und zeigt eine zwei mit den Fingern seiner rechten Hand und mit der anderen Hand eine Faust.
„Ruft an!“, ruft er und sobald Dermot mir das Mikrofon abgenommen hat, wirft Harry mich sich über die Schulter und trägt mich zur Lounge zurück.
Das Publikum — hauptsächlich der weibliche Teil — kreischt und klatscht aufgeregt.
Vor der Couch lässt er mich herunter, damit ich mich von den anderen Kandidaten empfangen lassen kann.

„Was ein Abend! So! Nachdem Alexandra jetzt auch endlich abgeliefert hat, geht es jetzt an den spannenden Teil der Show! Nach einer kleinen Werbeunterbrechung geht es hier sofort weiter! Bleibt dran!“
Hinten auf der Couch finden wir alle wieder einen Sitzplatz und ich muss erstmal etwas trinken und zu Atem kommen.
Emilia Blick ist finster und kalt. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich augenblicklich tot umgefallen.
Neben mir sitzt Harry, der seinen Arm hinter mir auf der Rückenlehne abgelegt hat. Er unterhält sich mit den anderen Kandidaten über meinen Auftritt. Seine Fingerspitzen berühren leicht meinen Arm und Gänsehaut bildet sich, aber ich rutsche nicht von ihm weg.
Nach einer Weile klinke ich mich auch in das Gespräch mit ein und bekomme gar nicht wirklich mit, dass die Werbepause geendet hat und wir wieder auf Sendung sind.

„Ich begrüße ganz herzlich! Die Kandidaten der gestrigen Show!“, moderiert Dermot O’Leary unten von der Bühne und augenblicklich verstummt unser Gespräch.
Die Bühne hinter ihm öffnet sich und einzeln kommen die Kandidaten, die bei der Samstagsshow aufgetreten waren auf die Bühne gelaufen.
„Wenn ich jetzt die Kandidaten der heutigen Show ebenfalls zu uns auf die Bühne bitten dürfte!“, macht Dermot weiter.
Wir machen uns langsam auf den Weg die Treppe hinab zur Bühne.
Harry hat mich und Emilia links und rechts untergehakt, so dass er uns die Treppe in unseren High-Heels stützen kann.
Vorne nehmen mich die anderen drei unserer Gruppe in die Arme. Caitlyn, Anna und Rose drücken mich fest und sagen mir wie toll ich das mit meinem Auftritt gemacht habe.
Emilia steht etwas weiter neben uns und wird nicht mit einbezogen in unsere Gruppenumarmung.
Schnell lösen wir uns wieder auf und stellen uns in die Startaufstellung.

„Meine Damen und Herren, es ist so weit! Die Kandidaten sind alle aufgetreten, alle zwanzig haben uns ihre Vorstellungen einer perfekten Party-Time gezeigt, jetzt ist es an Ihnen zu entscheiden, wer uns nächste Woche wieder davon überzeugen darf, dass er den X-Factor hat. Und damit es hier nicht zu irgendwelchen fatalen Verwechslungen kommt, gibt es hier den Schnelldurchlauf! Sobald Sie alle Kandidaten gesehen haben, werden wir die Leitungen öffnen und sie können für Ihren Liebling anrufen! Und ab gehts!“, ruft Dermot und hinter uns sieht man kurze Ausschnitte der einzelnen Performances der Kandidaten und die Startnummer eingeblendet, unter der man dann seine Stimme für den Kandidaten abgeben kann.
Eine Kamera vor uns nimmt uns jetzt auf, wie wir nochmal unsere Hände mit den Startnummern
hineinhalten und die Zuschauer zuhause bitten für uns anzurufen.

Die Leitungen sind für eine halbe Stunde geöffnet.
Es gibt einige Werbepausen und Dermot erklärt nochmal die Besonderheit des Abends.
Heute Abend muss pro Team ein Kandidat die Show verlassen.
Aus zwanzig mache sechzehn.
Ziemlich hart, wenn man es so hört, aber zum anderen soll es nur elf Live-Shows inklusive des Finales geben. Da muss schnell aussortiert werden selbst in den nächsten Wochen müssen zwei Kandidaten die Show verlassen.

Die Jury wird gefragt, von wem sie denken in ihrem Team, der heimfahren muss.
Die Jungs, unsere 2nd-Mentoren, werden die gleiche Frage ebenfalls gestellt, verstehen es geschickt die Frage zu umgehen und so die Aussage zu verweigern.

Und dann ist es so weit.
Dermot kündigt die letzte Minute an.
Mittlerweile haben wir uns in Gruppen aufgestellt.
Harry in unserer Mitte, Emilia —natürlich— direkt an seiner Seite, Rose an seiner anderen, Anna, Caitlyn und ich gleichermaßen verteilt.
Ich stehe zwischen Rose und Anna.

„Ich habe es zwar schon gesagt, aber ich bin unglaublich stolz auf euch!“, sagt Harry wieder zu uns und schaut uns alle fünf eindringlich an.
„Wirklich! Ihr habt alle abgeliefert und egal wer von euch dieses Team heute verlassen muss, sei nicht traurig! Ihr seid alle der Wahnsinn und unglaublich talentiert. Euer Weg muss nicht enden. Wenn ihr weiterkämpft, wird er weitergehen. Das verspreche ich euch!“

Zehn!

Neun!

Acht!

Sieben!

Sechs!

Fünf!

Vier!

Drei!

Zwei!

EINS!


„Die Leitungen sind jetzt geschlossen! Bitte rufen Sie nicht mehr an und schreiben auch keine SMS mehr! Die Leitungen sind geschlossen! Aus und vorbei!“, ruft Dermot.
„Unsere Notare zählen jetzt die Ergebnisse aus und gleich bekommen wir den Umschlag mit den Ergebnissen! Währenddessen frage ich mal hier im Publikum nach.

Dermot springt von Zuschauerblock zu Zuschauerblock und fragt für ein paar Minuten Freunde, Familie und Fans von uns allen.
Sogar meinen Bruder Rick.
Oh Mann, ich kann es schon sehen. Er wird sich wahrscheinlich einen eigenen Fanblock hier machen, wenn er wirklich, wie versprochen, jede Woche da ist.
„So Rick, erzähl uns etwas von deiner Schwester Alexandra, das wir alle hier wissen müssen“, meint Dermot zum Abschluss.
„Meine kleine Schwester… hm. Schwierige Frage.“ Rick überlegt für einen Moment.
„Ich bin mir sicher, dass wissen hier eigentlich schon alle, die sie jemals Live performen gesehen haben, aber wenn es eine Sache in Lexies Leben gibt, in der sie wirklich verdammt gut ist, dann ist es Musik. Seit ich mich erinnern kann, gehen Lexie und Musik in einer Hand. Später, so mit sechzehn, als dann die Jungs anfingen Interesse zu zeigen, kam das Herzenbrechen dazu“, scherzt er. „Ich nenne sie gerne ‚Fake-Taylor‘, weil sie eine ziemlich lange Liste mit Ex-Partnern hat und für unsere kleine Schwester Hill viel von Taylor Swift singt“, erklärt er und ich merke, wie mir das Blut in den Kopf steigt.
Ich bringe ihn um. Irgendwann tu ich’s. Wirklich.

„Oh! Ich glaube wir haben davon in ihrer Audition schon eine kleine Kostprobe bekommen, als sie für uns Style gesungen hat!“, meint Dermot.
Das Publikum jubelt zustimmend.
„Ich höre gerade, dass wir noch etwas Zeit haben! Alex! Wärst du denn bereit uns nochmal die Ehre zu geben und uns etwas zu zeigen?“, fragt Dermot und kommt zu mir herüber gelaufen.
„Was?“, frage ich vollkommen überfordert mit der Situation.
„Das geht doch nicht, oder?“, fragt Emilia zickig.
„Doch natürlich, warum sollte das nicht gehen?“, wendet sich Harry ein.
„Ähm—klar, warum nicht?“, meine ich und knete nervös meine Hände.
Greg von der Band kommt mit meiner Gitarre auf die Bühne gelaufen.
Ich nehme sie an und stimme, wie immer, die Saiten nochmal nach.
Harry hat das Mikrofon für mich übernommen und hält es mir hin, bis noch kein Mikrofonständer da ist.
„Was wollt ihr denn hören? Egal was, es muss nicht etwas von Taylor Swift sein“, frage ich das Publikum.
Direkt schnellen mehrere Hände nach oben.
Ich schaue mir ein paar Gesichter an und entscheide mich dann für ein Mädchen mit roten Haaren, vielleicht zwischen sechzehn und achtzehn Jahre alt.

Dermot geht zu ihr und bittet sie sich vorzustellen und welchen Song sie sich wünscht.
„Mein Name ist Lauren, ich bin sechzehn und ich wünsche mir, wenn es denn in Ordnung ist Style. Ich war an dem Tag schon im Publikum und bin großer Taylor-Swift-Fan. Und du machst das einfach ganz toll“, meint sie.
„Oh, ähm“, druckse ich herum und blicke offensichtlich zu Harry, der seine Lippen schürzt.
„Ich glaube ich spiele lieber etwas, das ich noch nicht gespielt habe. Ich gebe dir die Wahl: Out of the Woods oder I Knew You Were Trouble“, schlage ich vor und verziehe keine Mine, als ich Harry ansehe.
„Oh! Dann I Knew You Were Trouble, bitte!“, meint Lauren in Dermot’s Mikrofon.
Ich lächle ihr zu und sehe dann zu Harry, der immer noch das Mikrofon hält.
„Oh, du brauchst nicht zu fragen. Natürlich halte ich dir das Mikrofon, während du einen Song meiner Ex singst. Wirklich, kein Ding Liebling“, murmelt Harry leise, und hält sein Mikrofon zu und meins weiter von uns weg.
„Oh, vielen Dank, Harry. Du bist so nett.“
Ich kann nur hoffen, dass wirklich niemand seine Worte verstanden hat.
Ich beginne den Song und versuche Harry so wenig wie möglich anzusehen, kann es aber bei bestimmten Passagen nicht unterlassen.
Er funkelt mich böse an, hält mir aber trotzdem das Mikrofon.
Das mit dem Mikrofonständer wird dann heute nichts mehr.
Das wird morgen auf der Daily Mail bestimmt eine tolle Front-Page.
Harry Styles, jetzt auch Mikrofonständer für talentierte Kandidatin.

Wenn die, von der Zeitung, wüssten was das für eine Situation ist.
Eigentlich müsste es ja so heißen:
Harry Styles, jetzt auch Mikrofonständer für talentierte Kandidatin, die zufällig seine Ex-Freundin ist, die ein Lied einer seiner anderen Ex-Freundin spielt, das ganz klar von ihm selbst handelt und besagter Ex-Freundin eigentlich den weltweiten Mega-Erfolg verschafft hat.

Wow.
Es sich voll vorzustellen macht es nur noch unangenehmer als es davor schon war.

Ich schaffe es den Song fertig zu singen, ohne nochmal einen Blick in Harrys Richtung zu riskieren. Nicht, dass wir noch mehr Aufsehen erregen.

Das Publikum applaudiert wieder und Harry lässt seinen Arm sinken.
Ich bin beeindruckt, dass er das die ganze Zeit so durchgehalten hat.
Ich meine das ernst, das ist ziemlich beeindruckend…ja.

Ich behalte einfach meine Gitarre bei mir und lasse sie nicht abholen.
Ich will sie mir gerade umhängen , da greift Harry nach ihr und hängt sie sich selbst um.
Fragend schaue ich ihn an, doch er zuckt nur mit den Schultern und legt uns in neuer Aufstellung wieder seine Arme um die Schulter, in Roses Fall und um die Mitte in meinem.

Dermot empfängt gerade den Notar, der ihm den Umschlag mit den Ergebniskarten überreicht.


Jetzt gehts los.
Die Stunde der Wahrheit hat geschlagen.
Jetzt erfahren wir, wer rausfliegt.

„Okay, liebe Kandidatinnen und Kandidaten und Zuschauerinnen und Zuschauer, der finale Moment dieser heutigen Sendung ist gekommen. Ich verkünde jetzt die Endergebnisse Ihres Zuschauervotings!“, ruft Dermot und in der Halle wird es dunkel.
Auf uns Kandidaten werden dramatische Scheinwerfer von oben herab gerichtet und es ist mucksmäuschenstill. Niemand sagt oder flüstert auch nur ein Wort.

„Ich habe gute Nachrichten für fünf Kandidaten. Ihr seid innerhalb eurer Gruppe die mit den meisten Anrufen und es wäre doch gemein euch zappeln zu lassen. Ihr seid in der nächsten Woche wieder mit dabei — einen herzlichen Applaus für: Samuel, tissue of lies, Theana und Alexandra! Herzlichen Glückwunsch!“, verkündet Dermot und das Licht im Studio wird für uns wieder angeschaltet.
Harry umarmt mich als Erster.
Er legt mir beide Arme um die Mitte, zieht mich eng an sich, sodass meine Füße etwas über dem Boden schweben und wirbelt mich herum.
Als er mich loslässt sind sofort Rose, Anna und Caitlyn bei mir.
Sie beglückwünschen mich und ich folge Sam und Theana und den Mitgliedern von tissue of lies an die Seite der Bühne.

Der Rest der Verkündung zieht sich unheimlich in die Länge.
Dermot ruft jeden einzeln auf und sagt, ob jemand weiter ist, oder ob man sich noch gedulden muss.
Der blanke Horror.
Das habe ich schon immer an Casting-Shows gehasst.
Dieses ewige labern, ist man weiter, oder nicht. Muss man noch warten, oder nicht.
Sagt doch den Kandidaten einfach direkt, ob sie weiter sind, oder nicht.
Das würde einigen unglaublich viel Kummer am Ende ersparen.

Und dann muss der Erste von uns gehen.

Eine Gruppe.
Ich hatte nicht viel mit ihnen zu tun, aber schlecht waren sie auf keinen Fall.

Dann jemand aus Theanas Gruppe, den Overs.

Sams Gruppe wird auch kleiner gemacht.

Und dann muss Anna gehen.

Anna muss gehen und Emilia darf bleiben.


Ich gehe zu Harry und Anna zurück.
Er umarmt sie gerade und ich höre, wie er ihr gut zuredet.
„Alles wird gut, hörst du? Du hast dir dir eine kleine Gruppe Fans aufgebaut. Wenn du jetzt dran bleibst und weiter kämpfst, dann kannst du es schaffen“, sagt er ihr und entlässt sie aus seiner Umarmung.
„Harry hat recht, YouTube könnte ein guter Weg sein deine Fangemeinde zu vergrößern und Plattenfirmen können auf dich aufmerksam werden. Es gibt viele, die so ihre neuen Künstler finden“, ergänze ich und nehme sie auch in die Arme.
„Danke Alex. Ich weiß das zu schätzen“, sagt sie und ihre Stimme klingt wackelig, aber nicht gebrochen.
„Ich habe damit gerechnet, weil ich keinen richtigen Partyhit gewählt habe“, meint sie. „Dein Remix ist allerdings der absolute Hammer.“
„Oh Anna“, seufze ich. „Ich werde dich vermissen.“
„Ich dich auch, Alex. Wir bleiben in Kontakt!“, sagt sie mit Nachdruck.
„Auf jeden Fall!“, verspreche ich ihr.


Auf der Afterparty lassen wir es richtig krachen.
Ich singe mit Sam seinen Song „Bills“ von Lunchmoney Lewis und mit Anna singe ich zum goldenen Abschluss meinen Remix zu „Scars to Your Beautiful“ von Alessia Cara.

„Peyton?“, spricht mich Harry leise an, als ich mir gerade ein neues Glas Sekt holen möchte.
„Was ist Edward?“, frage ich zurück.
„Alex — Lexie, sorry. Das gefällt mir besser, wenn ich dich schon nicht mit dem anderen Namen ansprechen darf“, plappert er. Er hat schon einiges getrunken und seine Wangen sind errötet und seine Augen scheinen etwas glasig. Er sieht richtig goldig aus.
Seine Hand findet meinen Rücken und er kommt mir gefährlich nahe.
Sein Geruch steigt mir direkt in die Nase, so vertraut und doch wieder anders, als damals.
Liegt wahrscheinlich an einem neuen Parfum, das er trägt.
Hill meint, dass er jetzt Tobacco Vanille von Tom Ford trägt.
Ja, das könnte es wirklich sein.

„Was ist Harry?“, frage ich und drehe mich um, seine Hand liegt jetzt auf meiner Hüfte.
„Sing mit mir“, sagt er, nimmt mir mein Glas aus der Hand und trinkt einen Schluck.
„Und was?“, frage ich, nehme mir mein Glas zurück und leere es in einem Zug.
„Kiwi?“, meint er. Sein Blick ist fest auf meine Lippen geheftet.
„Nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“, fragt er und kommt mir noch näher.
„Du trinkst ab jetzt nur noch Wasser. Du hattest definitiv genug für heute.“
„Nur wenn du mit mir noch Anna singst“, gibt er zurück.
„Harry — jeder wird wissen, dass der Song—“
„Niemand wird wissen, dass der Song aus unserer beider Federn stammt. Mach dir bitte keine Sorgen. Wenn jemand Fragen stellt, sagen wir einfach, dass du den Song von mir lernen wolltest für deine Schwester“, sagt er lässig und zuckt mit der Schulter.
„Okay“, antworte ich.
„Fantastisch!“, grinst Harry und geht wieder auf Abstand.
„Warte, Harry!“ Ich greife nach seinem Unterarm. „Ich spiele auch noch Only Angel, wenn du mir eine Zigarette besorgst.“
„Was? Du rauchst doch gar nicht mehr, Pey!“, sagt er verwirrt mit zusammengezogenen Augenbrauen.
„Nicht regelmäßig. Aber heute habe ich wirklich Lust auf eine Zigarette“, seufze ich.
„Das ist so ungesund!“, gibt er enttäuscht zurück.
„Ich mache es wirklich ganz selten. Bitte Harry. Ich spiele dann alles, was du willst!“, bettele ich.
„Meinst du wirklich, dass es eine gute Idee ist in deinem Zustand jetzt eine zu rauchen?“, fragt er und hebt gekonnt eine einzelne Augenbraue.
„Ich rauche sie später wenn wir heimkommen. Dann bin ich etwas ausgenüchtert, falls du dir Gedanken machst, dass es mir vielleicht schlecht wird. Versprochen!“
Er zögert.
„Das ist so ungesund Pey. Ich bin kein Fan davon“, meint er und senkt den Kopf. „Aber ich will so gerne mit dir auf einer Bühne stehen und die Songs einmal vor Publikum mit dir zusammen spielen, so wie wir uns das damals in Jamaika vorgestellt hatten. Also, ich schaue, wo ich dir eine Zigarette auftreiben kann“, gibt er schlussendlich doch nach.
Ich verstärke kurz den Griff an seinem Unterarm, bedanke mich und lasse ihn dann los.
„Dann auf geht’s! Geh vor, ich bin gleich da“, bedeute ich zur Bühne mit meinem leeren Glas.
Er nickt, macht ein paar Schritte und schaut dann wieder über seine Schulter zu mir zurück.

„Hey Leute, ich hatte es fast nicht für möglich gehalten, aber ich hab Lexie überredet mit mir ein paar Songs zu singen.“ Harry hat innerhalb weniger Sekunden die Aufmerksamkeit des gesamten Raumes. „Einen davon widmen wir unserer Anna. Es ist wirklich schade, dass dein Weg so früh zu Ende geht, aber ich glaube an dich. Irgendwie wirst du deinen Traum erreichen!“
Ich trete zu Harry auf die Bühne und nehme meine Gitarre.
Er wartet auf mein Zeichen, dass ich bereit bin und kündigt den Song an.
Wir eröffnen unser kleines ‚Konzert‘ mit Only Angel und alle Anwesenden sind stimmungsmäßig direkt dabei.
Freunde und Familie von uns Kandidaten — sogar die Jurymitglieder sind noch vollzählig anwesend.

“Der hier ist für dich Anna und für alle, die heute nicht weiter gewählt wurden, natürlich. Ohne euch wird es schon ganz klar leiser im Haus”, rufe ich und schaue sie an. Unsere Zuschauer Jubeln und applaudieren ihnen.
Ich schaue zu Harry, zähle den Takt an und beginne meine E-Gitarre zu spielen.
Er setzt mit seiner Akustikgitarre mit ein und wir spielen uns zugewandt. Die Mikrofone haben wir von Anfang an weggelassen.
Er beginnt die erste Strophe und nach dem „Just know it’s not with me“ zucke ich mit den Schultern und mache weiter.
So geht das immer weiter, wie ein Tischtennisball, den wir uns immer wieder zuspielen.
Den Refrain singen wir gemeinsam.
Bei „Oh Anna!“ sehe ich runter zu Anna und zwinkere ihr zu.

Es ist so einfach mit Harry auf der Bühne zu stehen und gemeinsam zu spielen.
Es ist so beängstigend einfach, wie gut wir uns immer noch verstehen können, ohne wirklich mit Worten zu kommunizieren.
Wir verständigen uns durch die Musik.
So schaffen wir es, dass unsere Stimmen so miteinander harmonieren, wie sie es tun.
Ich weiß zu jeder Zeit, was er macht und wie er es macht.
Mit Harry zu musizieren ist so natürlich wie atmen.
Man muss nicht darüber nachdenken, der Körper tut es von alleine.

„Und jetzt, mein absolutes Lieblingslied. Kiwi. Viel Spaß“, ruft er und schaut mich an.
Wir haben für diesen Song extra schnell umgebaut.
Wir benutzen Mikrofone und Rick haben wir kurzerhand ans Schlagzeug gesetzt.
Ich nicke Rick zu, der beginnt zu zählen und auf drei beginnen wir zu spielen. Ich wieder E-Gitarre und Harry nur auf seine Vocals konzentriert.
Ich setze zum Refrain stimmlich mit ein und übernehme dann wieder wie bisher die ein oder andere Songzeile.

In der dritten Strophe spielen wir es so, wie wir es ursprünglich geschrieben hatten:
I sit beside him like a silhouette
Hard candy dripping on him ’til his feet are wet
And now I’m all over him, it’s like he pays for it
It’s like I get paid for it

I’m gonna pay for this!“, ruft Harry sobald ich geendet habe und ich beginne wieder zu spielen.

Wir reißen metaphorisch die Hütte ab.
Rick spielt perfekt, ich bearbeite die Gitarre und wir, Harry und ich, wechseln uns mit den Rufen ab, bevor wir den Song mit dem letzten Schlag beenden.
Tosender Applaus kommt uns entgegen und Rick schlägt noch einmal ein paar mal auf die Trommeln ein.
Spontan spielen wir den Song ein zweites Mal, bevor wir dann von Louis und Niall von der Bühne geholt werden.
„Los! Macht mal Platz! Ihr seid nicht die einzigen, die was auf’m Kasten haben!“, meint Louis und greift nachdem Mikrofon, Niall nimmt sich das andere und zusammen singen sie Temporary Fix.
Gott, den Song habe ich schon ewig nicht mehr gehört.

Mein Bruder folgt mir von der Bühne und Harry wird mit Simon Cowell in ein Gespräch verwickelt.

„Was geht da zwischen euch?“, fragt er und nimmt einen Schluck von seinem Wasser.
„Nichts. Keine Ahnung. Ich sag ihm die ganze Zeit, dass er sich von mir fern halten soll. Erst heute morgen haben wir uns mega in den Haaren gehabt, da sah es so aus, als ob er es endlich einsieht, dass da zwischen uns nichts mehr passieren kann, darf und vor allem wird. Aber dann vor meinem Auftritt — und jetzt. Keine Ahnung“, seufze ich.
„Bitte pass auf dich auf. Mach nichts Unüberlegtes“, meint Rick und gemeinsam sehen wir zu Harry, der sich immer noch mit Simon und Robbie unterhält. Er strahlt vor Freude, Grübchen und den Kopf nach hinten geworfen, während er über einen Witz von Robbie lacht.
„Du liebst ihn noch immer“, flüstert Rick fast unhörbar.
„Wie denn auch nicht. Schau ihn dir an. Wenn er lächelt ist die Welt ein kleines bisschen weniger Scheiße. Du hast automatisch auch ein Lächeln im Gesicht. Du kannst es gar nicht verhindern, du merkst es nicht mal.“ Ich wende meinen Blick ab und exe mein Wasserglas. Rick sagt nichts.
„Danke, dass du mitgespielt hast. Das war toll“, bedanke ich mich und stelle mein Glas ab.
Ich ziehe meinen großen Bruder in eine Umarmung und vergrabe mein Gesicht an seiner Schulter.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll“, murmle ich.
„Oh Lex“, lacht er leise vor sich hin. „Wer weiß das schon?“
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