Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Meeting

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jin Yuichi
12.09.2015
27.11.2017
34
94.875
5
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.02.2017 4.652
 
>> Approaching <<



Du stehst noch eine Weile draußen und genießt das Spiel der Natur, bis du dich entschließt  ein Buch von drinnen zu holen. Du hast einfach nichts zu tun und du willst deinem Findling genügend Ruhe geben, damit er sich erholen kann.

So trittst du wieder in die Hütte ein, wobei dein erster Blick auf ihn fällt. Ein Lächeln legt sich auf deine Lippen, als du erkennst, dass er wieder eingeschlafen ist. Langsam gehst du näher an ihn heran.

Er hat sich auf die Seite gelegt, sodass sein Gesicht zu dir gerichtet ist. Sein braunes Haar fällt ihm nun wieder halb ins Gesicht. Seine linke Hand ist unter dem Kissen platziert, während die rechte neben seinem Gesicht ruht. Die Decken sind etwas verrutscht, so hing die eine etwas aus dem Bett. Außerdem ist seine Schulter ein gutes Stück frei gelegt.

Behutsam greifst du nach der oberen Decke und ziehst sie über seine Schulter, er soll schließlich nicht noch einmal krank werden.

Danach begibst du dich zu dem Regal an  der Wand und ziehst ein abgegriffenes Buch heraus. Der Einband ist verdreckt und die Seiten vergilbt, doch es macht dir nichts aus. Du hast das Buch schon öfters gelesen, dennoch entdecktest du immer wieder etwas, was du zuvor noch nicht verstanden hast. Mit einem letzten prüfenden Blick zu dem Jungen begibst du dich wieder nach draußen und setzt dich in die Nähe des Teiches. Dann schlägst du das Buch auf und beginnst zu lesen.

Überrascht blickst du von deinem Buch auf, als du jemanden deinen Namen rufen hörst. Irritiert blickst du dich um, ehe deine Augen die Gestalt von deinem Findling treffen, der am Eingang der Hütte steht. Angezogen wie du feststellen darfst.

„Wie geht es dir?“, sofort bist du auf den Beinen und gehst auf ihn zu. Deinem Blick ist nicht entgangen, dass er sich am Türrahmen abstützt.

„Schon besser, obwohl mein Kopf weiterhin schmerzt“, ein gequältes Lächeln erscheint auf seinen Lippen.

Deine Stirn legt sich in Falten, „Wo genau tut es weh?“

„Hier“, seine Hand legt sich auf seinen Hinterkopf und du trittst seitlich an ihn heran. Deine Hand hebt sich und du streichst ein wenig von dem braunen Haar beiseite. Doch eine Verletzung kannst du nicht sehen, dafür aber erfühlen deine Hände eine Beule.

„Vielleicht hast du dir deinen Kopf im Fluss angestoßen?“, murmelst du und lässt deine Hand sinken, „Ich geb dir was zum Kühlen.“

Hätte ich wohl schon vorher machen sollen.

„Danke.“

Mit einer Handbewegung scheuchst du ihn wieder in die Hütte, räumst das Buch wieder an seinen Platz und packst dir die Schüssel, die noch auf deinem Nachtschränkchen steht.

„Bin gleich wieder da. Du kannst dich ruhig setzten“, sagst du noch zu ihm, während deine Hand einladend auf den Tisch mit den zwei Stühlen zeigt. Im Vorbeigehen an diesem nimmst du noch den Krug mit und gehst mit vollen Händen zu dem Teich. Beides wird befühlt und du kehrst wieder in die Hütte zurück.

Den Krug, sowie die Schüssel stellst du auf den Tisch ab und deine Augen suchen nach dem Lappen.

„Wo hatte ich ihn den hingetan?“

„Suchst du den hier?“, fragend hält er dir den Lappen unter die Nase.

Erschrocken zuckst du zurück. „Äh, ja, danke“, stammelst du und nimmst ihn den Lappen aus der Hand, um ihn darauf in der Schüssel mit dem kalten Wasser zu versenken. Du lässt ihn sich kurz voll saugen, ehe du ihn wieder packst und einen großen Teil des Wassers wieder ausringst.

„Hier“, du hältst ihm den Lappen wieder hin. Er ergreift ihn und drückt ihn sich auf den Hinterkopf.

„Mehr kann ich dir leider nicht anbieten.“

„Besser als nichts“, antwortet er dir und schenkt dir ein Lächeln. Du erwiderst es sogleich und blickst in die blauen Iriden. Doch schnell reißt du dich von seinem Anblick los und begibst dich zur Feuerstelle. Suppe war noch da, die ihr essen könnt und so zündest du das Feuer an. Der Tag hat sich mittlerweile schon fast dem Ende zugeneigt. Dadurch, dass du so in dein Buch vertieft warst, hast du es überhaupt nicht mitbekommen. Auch jetzt bemerkst du erst deinen eigenen riesigen Hunger. Dein Findling muss bestimmt ebenfalls Hunger haben.

„Lebst du hier ganz alleine?“

Du wendest dich ihm wieder zu. Er hat sich entspannt in dem Stuhl zurückgelegt, während er weiterhin den Lappen auf seinen Hinterkopf presst. Doch seine blauen Augen ruhen auf deiner Gestalt und scheinen jede Bewegung deinerseits aufzunehmen.

„Ja“, antwortest du und dein Blick schweift über ihn, fixiert sich an keinen bestimmten Punkt, „nun, jedenfalls seid mein Vater gestorben ist.“

„Das tut mir leid.“

„Es ist schon Jahre her und ich habe mich daran gewöhnt. Es ist eher ungewohnt Gesellschaft zu haben“, deine Augen legen sich wieder auf ihn und ein zaghaftes Lächeln schleicht sich auf deine Züge.

Im selben Moment fällt dir ein wie nah du ihm zuvor, beim Überprüfen seiner Kopfwunde, gekommen bist.

Warum ist mir das nicht aufgefallen?

Augenblicklich spürst du dein Blut in deine Wangen schießen.

„Verstehe“, sein Kopf ist leicht schief gelegt, einige der braunen Haarsträhnen umranden sein Gesicht und ein Grinsen liegt auf seinen Lippen. Außerdem kannst du die Belustigung in seinen Augen sehen.

Jetzt hat er mein Rotwerden wohl auch noch auf meinen Satz vorher bezogen…

Du unterdrückst den Impuls deine Hand an deine Stirn zu schlagen und rührst lieber die Suppe um, so kannst du ihm wenigstens kurz den Rücken zuwenden.

„Erinnerst du dich eigentlich wieder an  etwas?“, du bezweifelst es zwar, aber fragen kann nichts schaden, zudem kannst du so ein neues Thema anschneiden.

„Nein“, ertönt die einsilbige Antwort und du kannst Missmut in seiner Stimme mitschwingen hören. Sein Gedächtnis zu verlieren, klingt aber auch nicht lustig.

Stille kehrt zwischen euch ein und du hast nicht das Bedürfnis sie zu beenden, da du kein Gesprächsthema mehr weißt.

„Wir können essen“, informierst du ihn, als die Suppe kocht und holst zwei saubere Schüsseln heran, die du mit der Suppe befüllst. Zudem füllst du zwei Becher mit dem Wasser aus dem Krug. Dann entfernst du noch den Topf von der Feuerstelle, damit die Suppe nicht verkocht, und setzt dich zu dem Jungen an den Tisch, nachdem du noch zwei Löffel geholt hast.

Mit einem „Guten Appetit“ beginnt ihr zu essen. Einzig und allein das Klappern, wenn Löffel auf Schüssel trifft, erfüllt den Raum und eine seltsame Atmosphäre liegt in der Luft. Sie lässt deine Haut unangenehm prickeln und du würdest sie am liebsten durchbrechen, doch du weißt nicht wie. Und so harrst du aus, bis ihr beide fertig seid. Beinahe erleichtert erhebst du dich und sammelst das ganze dreckige Geschirr ein, was auch das vom Vortag betrifft. Dabei spürst du deutlich einen beobachtenden Blick auf dir.

„Wenn du willst kannst du dich schon hinlegen, ich wasch nur noch das Geschirr auf“, meinst du zu ihm.

„Ich hab den ganzen Tag geschlafen. Ich bin noch nicht müde.“

Du unterdrücktest krampfhaft ein Kichern. Er klang wie ein kleiner Junge, der einfach nicht ins Bett wollte!

Deine Augen begegnen den Seinen und vermutlich hättest du laut losgelacht, wenn er noch seine Arme vor der Brust verschränkt und seine Wangen leicht aufgeplustert hätte. Doch das hat er nicht und so kannst du den Anflug herunterschlucken.

„Ich helfe dir“, bestimmt er kurzerhand und steht von seinem Stuhl auf. Auffordern sieht er dich an und du seufzt nach einem kurzen Moment.

„Nimm die Wanne“, du zeigst mit deinem Finger auf eine Blechwanne, die in der Ecke steht, „und füll‘ sie mit Wasser von draußen.“

„Wird gemacht“, grinst er, packt sich die besagte Wanne und verschwindet nach draußen. In der Zwischenzeit holst du ein Stück Seife aus einem der Schränke und stellst fest, dass dein Vorrat sich dem Ende zuneigt.

Ich muss wohl bald wieder in ein Dorf.

Dann finden ein Tuch und noch ein weiterer Lappen in deine Hände.

„Bitte sehr“, du siehst, wie er wieder hineinkommt und die Wanne auf den Tisch stellt.

„Danke“, du schenkst ihm ein kleines Lächeln und lässt das Seifenstück einfach in das Wasser fallen.

„Aber wäre es nicht besser mit warmen Wasser abzuwaschen?“, fragt er, als du ihm das Tuch zum Abtrocknen reichst.

„Zu umständlich“, antwortest du und beginnst die ersten Sachen von Schmutz zu befreien.

„Hm.“

Stille kehrt wieder zwischen euch ein und der einzige Kontakt entsteht, wenn du ihm ein sauberes Teil reichst, damit er es abtrocknen kann.

„Warum lebst du hier oben ganz alleine?“, seine Frage durchbricht die Stille und lässt dich kurz in der Bewegung inne halten.

„Ich bin hier aufgewachsen“, deine Hände setzen sich wieder in Bewegung und geben ihm die Schüssel, „außerdem… mag ich es so zu leben. Es ist ruhig und hier herrscht keine Hektik, nicht so wie im Dorf. Da ist es laut und es sind viel zu viele Menschen.“

Du hast einfach das Gefühl dich rechtfertigen zu müssen.

„Aber ist es nicht langweilig ohne Gesellschaft? Hier kommt doch bestimmt nur selten jemand vorbei, oder?“, hakt er weiter nach.

„Es ist überhaupt nicht langweilig“, gibst du ein wenig trotzig von dir. Doch der zweite Aspekt stimmt und obwohl du große Menschenmengen nicht magst, vermisst du doch ab und an jemanden mit dem du dich unterhalten kannst. Jedoch willst du ihm das nicht auf die Nase binden.

„Fertig, das war das letzte Stück. Danke, ähm…“, dir wird so eben bewusst, dass du dir nicht sicher bist, wie du ihn überhaupt ansprechen sollst. In deinen Gedanken ist er weiterhin „der Junge“ oder „dein Findling“ gewesen. Warum nur hast du seinen Namen nicht benutzt? Und nun stehst du da, weißt nicht wie du ihn nennen sollst. Er scheint älter als du zu sein, also solltest du ihn wohl mit etwas mehr Respekt anreden, oder? Doch zugleich wird dir bewusst, dass Jin sowie Yuichi beides sehr fremd klingt. Was ist denn nun sein Vorname und was sein Nachname?

„Jin, sag einfach Jin“, meint er zu dir grinsend, als könne er deine Gedanken lesen.

„Danke… Jin“, seinen Namen auszusprechen ist… ungewohnt, ein wenig seltsam und doch scheint es einfach richtig zu sein.

„Dann ist Jin also dein Vorname?“

„Nein, mein Nachname.“

„Warum soll ich dann bei diesem nennen?“, du runzelst deine Stirn und blickst ihn an, unterbrichst dich dabei, die Schüsseln an ihren ordnungsgemäßen Platz zu stellen.

„Da wo ich hier komme, wird man zumeist mit dem Nachnamen angesprochen, meist hängt man noch gewisse Suffixe dran“, erklärt er dir.

„Was für Fixe?“, fragst du verwundert nach.

„Suffixe. Sowas wie –chan, –san  oder –sama. –chan wird bei kleinen Kindern verwendet und eng befreundete Mädchen benutzen es zumeist, es wird dann an den Vornamen gehängt. –san wird meist an den Nachnamen angehängt und-“

„Okay, stopp. Hör auf, ich versteh kein Wort von dem, was du sagst. Ich bleib einfach bei Jin in Ordnung?“

„In Ordnung“, seine Mundwinkel zucken nach oben und bilden ein Grinsen. Ein Seufzen verlässt deine Lippen und du stellst endlich die Schüsseln weg.

„Aber es ist interessant, dass du dich daran noch erinnern kannst“, bemerkst du und räumst die Löffel in die Schublade.

„Stimmt“, das Grinsen verschwindet und seine Züge bilden einen nachdenklichen Ausdruck. Dann greift er aber auch schon nach der Wanne und will sie nach draußen bringen.

„Halt! Die Seife ist noch drin!“, eilig fischt du das Stück Seife aus dem Wasser, „Du kannst das Wasser einfach bei den Bäumen ausschütten.“

„Okay“, er verschwindet nach draußen und du räumst noch die Seife weg, während du Lappen und Tuch auf die Leine zum Trocknen hängst.

„Ob du nun Müde bist oder nicht, es geht jetzt ins Bett. Du solltest deinen Körper noch etwas schonen“, meinst du zu Jin, als er wieder in die Hütte kommt und du kannst gerade so ein Gähnen unterdrücken.

Mit einem „Na gut“ geht er Richtung deines Bettes, während du das Bett deines Vaters ansteuerst. Du schlüpfst aus deinen Schuhen und ziehst die Decke über dich.

„Schlaf gut, Jin“, wünscht du ihm und du meinst noch ein „Du auch“ zu hören, ehe du im Land der Träume bist.

Gähnend streckst du dich und reibst dir anschließend den Schlaf aus den Augen. Dann schwingst du deine Beine über die Bettkante, schlüpfst in deine Schuhe und stehst auf. Automatisch fällt dein Blick auf dein leeres Bett.

„Jin?“, fragst du verwundert und siehst dich in deiner Hütte um. Doch er ist nirgends zu sehen. Deine Augenbrauen ziehen sich verwirrt und besorgt zusammen.

Ob er wohl draußen ist?

Du lenkst deine Schritte zur Tür und trittst hinaus ins Freie. Die frühe Morgensonne scheint dir mitten ins Gesicht, sodass du mit deiner Hand schnell deine Augen abschirmst.

„Jin?“, rufst du nochmals seinen Namen, während du blinzelst, um wieder etwas sehen zu können.

„Ich bin hier“, hörst du ihn antworten und du drehst dich zugleich in die Richtung aus der seine Stimme kommt. Er hat sich in der Nähe des Teiches niedergelassen, so wie du am vorherigen Tag. Du gehst zu ihm hinüber und nun erkennst du auch, dass er ein Buch in seinen Händen hält. Dasselbe Buch, das du gestern auch gelesen hast.

„Entschuldige, ich hätte vorher fragen sollen, ob ich es nehmen darf, aber du hast noch geschlafen und da wollte ich dich nicht wecken…“, seine blauen Augen fesseln deine, als du zu ihm hinunter siehst. Dann bricht er den Blickkontakt und sieht wieder auf das aufgeschlagene Buch in seinen Händen.

„Aber ich verstehe ohnehin kein Wort. Diese Schriftzeichen hab ich wirklich noch nie gesehen, aber die Bilder, die ab und zu in dem Buch auftauchen sind ganz interessant.“

„Du kannst es wirklich nicht lesen?“, fragst du ihn verblüfft, während du dich neben ihn setzt.

„Nein. Es ist wohl wirklich schon ein Wunder, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Auf der Erde gibt es sehr viele unterschiedliche Sprachen mit unterschiedlichen Schriftarten, das trifft wohl auch auf die Planetenländer zu“, ein Lächeln liegt auf seinen Lippen, während er wieder zu dir sieht.

„Warum sprechen die Menschen auf der Erde so viele unterschiedliche Sprachen? Es ist doch mit einer Sprache viel einfacher.“

„Es hat sich im Laufe der Zeit eben so entwickelt“, er zuckt mit den Schultern.

„Hm…“, dein Blick gleitet zur Wasseroberfläche, „Es ist wirklich seltsam. An so etwas kannst du dich erinnern…“

Er schlägt das Buch zu und legt es neben sich.

„Das stimmt. Doch sobald ich an meine Familie oder Freunde denke oder überhaupt an den Grund, warum ich hier bin, ist mein Kopf leer.“

Er seufzt und lässt sich nach hinten fallen, wobei er seine Arme im Nacken verschränkt. Seine Augen sind in Richtung Himmel gerichtet. Du lässt dich ebenfalls in Gras fallen und blickst in den Himmel. Deine Arme liegen bequem neben deinem Körper.

Deine Augen schließen sich und du lauscht den Geräuschen der Natur. Das leise Plätschern des Wassers, das Rascheln der Blätter und sogar entfernt das Rufen einiger Tiere.

„Das Buch handelt von Trion Technologie“, sprichst du einfach heraus, wobei du deine Augen öffnest und deinen Kopf leicht in die Richtung von Jin drehst, der dich interessiert anblickt.

„Meine Familie beschäftigt sich mit diesem Thema schon seit einigen Generationen, deswegen werden die gesammelten oder selbstgeschriebenen Bücher immer weiter gegeben. Dieses hier hat mein Vater geschrieben“, sanft streichen deine Finger über den Bucheinband.

„Das heißt ihr habt sie erforscht?“

„Nicht direkt… es gibt noch vieles, das wir nicht wissen. Dazu gehört auch das angewandte Wissen. In der Theorie ist einiges möglich, doch es konnte noch nicht in die Praxis umgesetzt werden. Außerdem wird aus so einigen Metallen, die zur Herstellung verwendet werden, nicht das volle Potenzial ausgeschöpft.“

„Hm“, sein Blick wendet sich von dir ab und er sieht wieder zum Himmel. Du betrachtest sein Profil noch kurz von der Seite, bis du ebenfalls in den blauen Himmel siehst in dem einige weiße Wolken herumtreiben. Stille kehrt zwischen euch ein und du genießt es einfach. Du schließt wieder deine Augenlider und lauscht deiner Umgebung.

„Sag mal“, fängt Jin nach einer Weile an und du wendest dich ihm zu, „gibt es noch ein andere Möglichkeit als in diesem Teich zu baden?“

„Ähm… es gibt noch eine heiße Quelle… aber dafür müssen wir recht weit laufen…“

„Dann sollten wir sofort los gehen“, grinsend kommt er auf die Beine und hält dir auffordern seine Hand entgegen.

„Aber wir haben noch nicht mal was gegessen!“, protestierst du und setzt dich auf.

„Wir essen einfach unterwegs. Wir finden bestimmt auf dem Weg dorthin einige Beeren“, bestimmt er.

„Warum nur hast du es plötzlich so eilig?“, fragst du, wobei du mit deiner einen Hand dein Buch aufhebst, während du mit der anderen nach seiner Hand greifst und dir aufhelfen lässt.

„Ich freu mich einfach, mich ein wenig zu bewegen.“

Deine Stirn legt sich in Falten. Natürlich er lag einige Zeit, aber das Ganze kam dir schon ein wenig merkwürdig vor.

„Ich such‘ noch schnell ein paar Sachen zusammen, dann können wir los“, sagst du trotz deinen Zweifel. Er wird schon seine Gründe haben. Schnell packst du in einen Korb vier große Leinentücher, Seife, das handgeschriebene Buch deines Vaters und für dich Kleidung zum Wechseln, wenn du schon mit ihm zu den heißen Quellen gehst, kannst du immerhin auch ein Bad nehmen.

„Hab alles“, du schreitest mit dem gepackten Korb aus deiner Hütte.

„Dann können wir ja los“, er lächelt dich an und nimmt dir den Korb aus der Hand, „Ich nehm ihn für dich.“ Er zwinkert dir zu.

Du bleibst einen Moment stehen, spürst wie deine Wangen warm werden und schaust einfach seinen Rücken an, bis er sich schließlich umdreht.

„Wo müssen wir lang?“

Du schüttelst deinen Kopf.

Irgendwie verhält er sich heute anders.

Mit gesenktem Haupt – deine Wangen fühlten sich immer noch warm an – gehst du an ihm vorbei und er folgt dir schweigend.

Die Atmosphäre, die sich um euch bildet, fühlt sich seltsam an. Sodass sich der Weg zu der Heißen Quelle wie eine Ewigkeit anfühlt. Ab und an bleibt ihr kurz stehen, nascht von Beeren und Früchten, bis ihr nach einem stillen Einverständnis weiter geht.

„Was ist das denn?“, durchbrichst du die Stille zwischen euch und beugst dich verwundert über einen Abdruck im Waldboden. Jin stoppt neben dir und besieht sich ebenfalls die Spur.

„So einen Abdruck hab ich noch nie gesehen. Von einem Tier stammt er jedenfalls nicht…“, sprichst du deine Gedanken aus und nachdenklich blickst du dich um.

„Wie alt ist die Spur?“

„Vermutlich  einen Tag alt“, antwortest du Jin, während du die Spur ein Stück ins Unterholz folgst, „sie scheint aber einen anderen Weg einzuschlagen. Wir dürften also nicht auf dieses etwas treffen.“

Du kehrst wieder an Jins Seite zurück, der auf dem Weg gewartet hat und ihr setzt gemeinsam den Weg fort.

Nach einer Weile werden die Bäume immer weniger und werden von niedrigen Sträuchern abgelöst. Schließlich tretet ihr auf eine Lichtung, deren eine Seite von einer Felswand beansprucht wird, die vor euch beachtlich in die Höhe ragt. Über die Klippe läuft das warme Wasser und sammelt sich vor euren Füßen. Leichte Nebelschwanden liegen in der Luft und lassen zahlreiche Blumen und Büsche gedeihen, sodass man überall auf Pflanzen stößt.

„Ein wirklich schöner Ort“, bemerkt Jin und stellt den Korb neben sich ab.

„Du kannst ruhig zuerst rein“, sagst du zu ihm und beobachtest wie er sich sein blaues Kleidungstück und seine Stiefel auszieht, „Seife liegt im Korb. Ich werde in der Zwischenzeit einfach lesen.“

„Warum kommst du nicht einfach mit rein?“

„Was?!“, du stoppst in deiner Bewegung, nach deinem Buch zu greifen. Du blickst zu ihm hoch  und spürst wie deine Wangen heiß werden.

Er grinst dich an und kommt einen Schritt auf dich zu. Erschrocken weichst du einen zurück, doch da hat er schon einen weiteren Schritt auf dich zugemacht.

„Jin, lass da-“

Er packt dich, wirbelt sich mit dir herum und dann fühlst du schon das warme Wasser auf deiner Haut. Jin hat dich immer noch fest im Griff und bringt euch beide an die Oberfläche zurück. Mit einem tiefen Atemzug füllst du deine Lungen mit Luft und deine Finger krallen sich in seine Schultern. Deine nasse Kleidung spannt sich unangenehm über deinen Körper wie eine zweite Haut.

„Du hättest deinen Blick sehen sollen!“, grinst er breit auf dich hinab.

„Du Idiot!“, wütend haust du deine Faust auf seinen Oberkörper, klammerst dich jedoch sofort wieder an ihm fest, als du merkst, dass deine Füße den Grund nicht berühren.

Dein Kopf fühlt sich unendlich heiß an, dein Herz hämmert gegen deine Brust und dröhnt in deinen Ohren wieder. Deine Finger bohren sich in seine Schulter und dein Atem wird rapid schneller.

Du spürst wie sich der Druck um deine Taille erhöht und du näher an seinen Körper gepresst wirst.

„Langsam ein- und ausatmen. Es ist alles in Ordnung. Entspannt dich“, du versuchst seinen Aufforderungen zu folgen, doch dein Herz will sich einfach nicht beruhigen. Du spürst wie sich seine andere Hand auf deinen Hinterkopf legt und deinen Kopf an seine Brust drückt. Dein Körper beginnt sich noch mehr zu verkrampfen, doch nimmst du am Rand wahr, wie ihr euch langsam durch das Wasser bewegt. Und dann endlich spürst du festen Grund unter deinen Füßen. Deine Muskeln entspannen sich und auch deine Atmung wird ruhiger, wobei dein Herz immer noch laut klopft. Weiterhin befindest du dich in der Umarmung von Jin und konzentrierst dich auf seinen stetigen Herzschlag.

„Wehe, du machst das noch einmal“, murrst du gegen seine Brust. Du vernimmst ein dumpfes Lachen, wobei sein Brustkorb vibriert.

„So schlimm war es doch nicht.“

„So schlimm war es nicht?! Du schmeißt mich in tiefes Wasser, während ich nicht schwimmen kann und sagst es war nicht so schlimm?!“, du blickst wütend zu ihm auf.

„Ich bin doch da gewesen. Dir ist nichts passiert“, ein sanftes Lächeln umspielt seine Lippen und dir klappt dein Mund zu. Trotzig wendest du den Blick zur Seite, doch du fühlst deutlich, dass deine Wangen noch warm sind.

„Es ist wirklich süß, wenn du rot wirst“, mit diesen Worten tippt er mit seinem Finger gegen deine Wange. Dein Kopf ruckt zu ihm herum und dein Blut wird wieder in diesen gepumpt. Dein Mund öffnet sich, doch kein Wort verlässt deine Lippen. Du schließt ihn wieder und befreist dich aus der Umarmung, um endlich Abstand zwischen euch zu bringen.

„I-ich warte bis du fertig bist“, du verlässt die heiße Quelle und begibst dich zu einem Stück Wiese, auf das die Sonne scheint. Du lässt dich dort nieder und starrst eine ganze Weile in den Himmel. Immer wieder läuft das eben passierte vor deinen Augen ab. Doch du weißt nicht, wie du das alles beurteilen sollst. Hatte das Ganze eine gewisse Bedeutung gehabt? Oder ist nur eine Laune gewesen? Deine Gedanken verlaufen im Kreis und du kommst einfach nicht voran, tretest immer wieder auf derselben Stelle.

„Ich bin fertig.“

Erschrocken springst du auf und blickst zu Jin, der vor dir steht. Schnell weichst du seinem Blick aus, nickst nur und begibst dich dann zur heißen Quelle. Deine Kleidung ist fast trocknen, sodass sie nicht mehr richtig an dir klebte, was es einfacher machte deine Kleidung von deinem Körper zu entfernen. Zuvor hast du natürlich einen Blick Richtung Jin geworfen, der sich ebenso wie du ins Gras gelegt hatte. Es geht also momentan keine Gefahr von ihm aus.

So lässt du dich in die heiße Quelle sinken und genießt wie das warme Wasser deinen Körper umschließt. Vorhin war daran überhaupt nicht zu denken. Doch schon nach kurzer Zeit schnappst du dir das Stück Seife und beginnst dich zu reinigen. Danach packst du eins der Leinentücher, prüfst, ob Jin immer noch da ist, wo du ihn zuletzt gesehen hast, und steigst aus der Quelle hinaus, das Leinentuch um dich schlingend. Eilig trocknest du dich ab und ziehst dir deine frische mitgebrachte Kleidung an. Daraufhin packst du alles wieder in deinen Korb ein und schreitest mit diesem zu Jin.

„Ich bin fertig. Lass uns zurück gehen“, etwas entfernt neben ihm bleibst du stehen. Sein Kopf dreht dich zu dir und im nächsten Moment ist er auf den Beinen. Er tritt langsam auf dich zu und nimmt dir den Korb aus der Hand. Du wendest dich von ihm ab und schreitest den Weg zurück an. Er folgt dir gemächlich.

„Warte“, Jins Hand legt sich auf deine Schulter und stoppt so deinen Körper.

„Was ist? Wir sind doch fast da“, verwirrt drehst du dich zu ihm. Deine Augen begegnen Seinen. Nachdenklichkeit und ein gewisser Ernst spielgelt sich in seinen Iriden wider.

„Komm mit“, er packt deine Hand und zieht dich von dem Trampelpfad weg, hinein in den Wald. Im Zickzack bahnt er sich mit dir einen Weg zu deiner Hütte und ihr beide hockt schließlich hinter einem Gebüsch.

„Sofort rauskommen!“, hallt eine tiefe Stimme über euch hinweg und du zuckst erschrocken zusammen. Dein Blick gleitet zu Jin, der nur seinen Finger an die Lippen legt und dann nach vorne zeigt. Du folgst seinem Fingerzeig und spähst zwischen den Ästen und Blättern hindurch.

Du meinst fünf uniformierter Männer ausmachen zu können und neben ihnen drei raubtierhafte Wesen. Sie gehen den Männern gerade mal bis zu Hüfte und bewegen sich auf vier Beinen fort. Ihr Körper ist bedeckt von weißen Schuppen und du erhascht kurz einen Blick auf ihr grünes Auge, das sich in ihrer Stirnpartie befindet. Dann lenkst du deine Aufmerksamkeit auf ihre Pfoten und du bist dir sicher, dass es diese Kreaturen sind, die die Abrücke im Wald hinterlassen haben.

Deine Augen schweifen zu Jin, der das Geschehen genau betrachtet.

„Und du bist dir sicher, dass hier jemand lebt?“, die Stimme war eindeutig höher als die erste.

„Natürlich! Ich habe es auf der Aufnahme von Raxtor-85 deutlich gesehen!“, beharrte eine dritte Stimme und du konntest sehen, wie der eine Mann sich zu einem Schmächtigeren umwand. Dieser hatte dann wohl die höhere Stimme.

„Schluss jetzt!“, sprach wieder die erste Stimme, er scheint wohl das Kommando über den Kleintrupp zu haben, „Wir stürmen in drei Sekunden. Eins… Zwei… Drei!“

Die Tür zu deiner Hütte wird eingetreten und drei Mann treten ein mit erhobenen Waffen.

„Es ist niemand da, aber es kann noch nicht lange her sein, dass jemand hier war“, meldet einer der Männer.

„Verstehe. Das Mädchen hat dem Jungen wirklich geholfen, ja?“, der Anführer wand sich nochmals an einen seiner Männer.

„Ja, Sir!“, er salutierte.

„Macht die Hütte nieder!“

Dein Herz setzt aus. Sie wollten deine jahrelange Heimat einfach zerstören?

„Scht!“, bevor du überhaupt irgendwie reagieren kannst, legt sich eine Hand auf deinen Mund und dein Körper wird an seiner Position gehalten.

„Du läufst nur in deinen Tod, wenn du jetzt rausgehst!“, zischt dir Jin ins Ohr.

„Aber Sir, das Mädchen weiß vielleicht gar nicht, wem sie da geholfen hat“, wand der schmächtige Soldat ein.

„Allein seine Sachen beweisen, dass er nicht von hier kommt. Er ist ein Eindringling und solchen Leuten zu helfen ist Verrat. Brennt die Hütte nieder!“, bellt er seinen Befehl und die restlichen Soldaten kommen diesem nach.

Tränen laufen über deine Wangen, als du den Ort von vielen deiner Erinnerungen abbrennen siehst. Deine Mutter, wie sie dir aus einem Buch vorliest. Wie du ihr beim Kochen zusiehst. Dein Vater, der über einem Buch brütet. Deine beiden Eltern gemeinsam, wie sie mit dir im Teich baden. Deine Mutter, wie sie letztendlich an ihrer Krankheit verstirbt, während du als Kind neben ihr stehst. Dein Vater, wie er dir Lesen und Schreiben beibringt, dich in der Trion Technologie einweist. Du, wie du deinem Vater deinen ersten alleingebauten Trigger zeigst. Wie dein Vater schließlich erkrankt und verstirbt.

„Komm, steig auf“, mit einem Tränenschleier vor deinen Augen siehst du zu Jin auf, der dich irgendwie auf seinen Rücken verfrachtet, dir den Korb in die Hand drückt und losläuft. Du vergräbst dein Gesicht an seiner Schulter, versuchst dein Schluchzen krampfhaft zu unterdrücken. Am liebsten würdest du zurück laufen, versuchen zu retten was noch zu retten ist. Würdest gerne diesen Anführer anschreien, warum er dein Zuhause abbrennt, nur weil du jemand geholfen hast. Alles was dir von deinen Eltern geblieben ist, ist weg. Einfach weg. Der Ort, den du immer dein Zuhause nennen konntest, ist von jetzt auf gleich verschwunden.

Was hast du getan, dass man dir so etwas an tat?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast