Kein Glasherz wie das andere

von baronesse
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Daario Naharis Daenerys "Dany" Targaryen
11.09.2015
11.09.2015
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Dies ist mein Ersatzbeitrag zum Wortbildmaler-Wichteln von Wortzauberin. Er kommt etwas spät, leider musste ich den ersten Versuch abbrechen, weil er inhaltlich weder zu der kurzen Zeitspanne noch zu einem OS passen wollte.

Mein Wichtelkind war Truth or Dare mit dem Wichtelwunschwort Firmamenttänzer, Kreideschneesäufer "Glasherzenbrecher". Ich hoffe, ich habe einigermaßen deinen Geschmack getroffen und es gefällt dir!

Anmerkungen: Keine wirklichen Spoiler, sondern meine Vorstellung, wie es wohl in den letzten Bänden passieren könnte. Zudem verwende ich die englischen Begriffe und habe mich für den Namen "Andere" entschieden anstelle von "Weißen Wanderern", wie in der TV-Serie. Da ich allerdings ein großer Fan von Michiel Huisman bin, darf man sich Daario ruhig als die Variante vom Bildschirm vorstellen ;).

Viel Spaß!




Kein Glasherz wie das andere


  Dichte, weiße Flocken trieben ihr entgegen, bissen auf ihrer Haut und hinterließen tränengleich feuchte Spuren auf ihren nackten Armen.
  Daenerys fror nicht, sie war über diesen Punkt längst hinaus. Als Königin von Westeros sollte sie diese Temperaturen gewöhnt sein, aber nein, sie war in Essos groß geworden und hatte vor ihrer Reise über die Enge See nur Wärme gekannt. Allerhöchstens den Regen und die Nebel von Braavos, aber keine wirkliche Kälte, keinen Winter.

  Jetzt war sie hier, stand auf dem Turm in der Feste Nightfort, und blickte über die Überreste dessen, was einst die Mauer gewesen war, in den fernen Norden.
  „Winterkönigin“ nannten manche sie, wenn sie leise wisperten und dachten, dass Dany es nicht hörte. (Nun, sie hörte es auch nicht selbst, aber ihre Dienerinnen hatten ihr davon berichtet.) Ehrfurcht lag in ihren Blicken, wenn sie sie ansahen, doch Dany störte sich daran. Sie wollte nicht kalt sein, sie wollte nicht so herzlos dargestellt werden. Es war nicht ihre Schuld, dass sie ausgerechnet im längsten Winter seit Menschengedenken nach Westeros gekommen war.
  Es war jedoch ihre Entscheidung gewesen, die dicken Felle und Mäntel abzulehnen, die man ihr als Schutz gegen die Kälte angeboten hatte. In Essos hatte sie stets gewusst, sich königlich zu kleiden und mit Anmut weiterzukommen, wenn reine Worte nicht mehr halfen. Hier war es eine flüchtige Begegnung mit einer Priesterin R’hllors gewesen, die sie dazu animiert hatte, ihren üblichen Kleidungsstil beizubehalten. Manchmal konnte der Augenschein so viel ausmachen. Und wirklich, es war nicht so schlimm, sobald der Körper einmal zu taub war, um sich über die Kälte beschweren zu können.

  Sie widerstand der Versuchung, die Arme um sich zu schlingen, während sie hinaus in Eis und Zerstörung starrte. Was hatte sie angerichtet?
  „Hier seid Ihr, meine Königin.“ Das, was sie eben noch für sich abgelehnt hatte, geschah nun ohne ihr Zutun. Zwei starke Arme legten sich um sie und zogen sie zurück, gegen einen sehnigen, trainierten Männerkörper. Sie konnte seine Wärme selbst durch die Felle hindurch spüren, die er umgelegt hatte.
  „Will meine Königin nicht zurück ins Bett kommen? Naeri hat neues Holz aufgelegt und das Feuer brennt jetzt recht munter.“ Seine Stimme war ein Schnurren in ihrem Ohr und schaffte das, was die Kälte nicht mehr konnte. Dany merkte, dass sie weiche Knie bekam.
  Immer noch, nach all der Zeit, und nach allem, was gewesen war. Sie war eine Närrin, dass sie es nie geschafft hatte, sich von Daario Naharis zu lösen, dem Söldner, der seine alten Freunde verraten hatte, um ihr zu dienen. Sie konnte sich seiner Loyalität niemals sicher sein und doch war er hier, war immer noch hier. Von all ihren Beratern und Freunden hatte er es als einziger mit ihr über die Enge See und in den tiefen Norden von Westeros geschafft und lebte noch.

  „Ich kann nicht.“ Dennoch entzog sich Dany nicht der Umarmung. Es war selten geworden, dass sie sich den Menschen so nahe fühlte wie Daario in diesem Moment. Sogar seine Berührungen waren selten geworden, hauptsächlich, weil er die lange Reise in den Norden zu Fuß zurückgelegt hatte und Dany auf Drogon vorgeflogen war.
  Seit ihrer Wiedervereinigung brannte ein Feuer in seinen Adern, das sich zwischen den Laken durch wilde Entschlossenheit zeigte, aber nur mühsam durch die Kälte drang, die Dany umhüllt hatte wie eine Kugel aus Glas.  
  „Dort unten ist nichts.“ Daario strich ein paar Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. „Und es gibt Posten, die uns informieren werden, wenn die Anderen nahen. Sie haben bessere Augen, sie sind darauf trainiert.“
  „Ich halte keine Wache.“ Dany lachte leise. Sie wollte sich umdrehen, ihre Hand an Daarios vermutlich stoppelige Wange legen, ihn küssen und sich von ihm erneut in die warme Kammer unter ihr führen lassen. Sie wollte ihn lieben und vergessen, was ihr Herz beschwerte. Doch sie war keine gewöhnliche Frau, die jeder Regung nachgeben konnte wie ein Kind. Sie war eine Königin und die Verantwortung lastete schwer auf den Schultern, die durch den leichten Stoff nur teilweise bedeckt waren.

  „Was macht Ihr dann?“, erkundigte Daario sich.
  Dany deutete auf die verschneite Ebene vor ihnen. „Siehst du?“
  Sie wusste, dass Daario die Augen zusammenkniff, vielleicht den Kopf schief legte. Sein Kopfschütteln fühlte sie als leichten Ruck in seinen Armen, der sich als Vibration auf sie übertrug.
  „Der Schnee bedeckt die Asche. Man sieht sie nicht mehr, aber sie ist da. Ich weiß, dass sie da ist.“ Ihre Stimme wurde immer leiser und sie verstummte. Asche von den vielen Totenfeuern, die sie in der letzten Zeit abgehalten hatten. Asche, in denen Knochensplitterreste beigemengt waren, Asche von Träumen, von Hoffnung, von Leben.
  So viele Menschen hatten hier im Norden ein kaltes Grab gefunden, nachdem sie zuvor durchs Feuer gegangen waren. Anders als Dany waren sie kein Blut des Drachen, sie konnten den Flammen nicht standhalten, ja, ihr Leben war schon zuvor entwichen. Es waren nur noch leere Körper, die sie den Flammen übergeben hatten, damit sie nicht wiederkehrten.
  Eine Lektion, die Dany auf die harte Art gelernt hatte. Verbrenne deine Toten.

  „Sie haben nicht nur für Euch gekämpft“, wisperte Daario, aber sie hörte die Lüge in seiner Stimme.
  Die Westerosi, ja, sie kämpfen für ihre Heimat, für ihr Land, für ihr Leben. Doch die zwanzigtausend Dothraki, die dort unter dem Schnee lagen, Seite an Seite mit Rittern und Bauern, waren nur für sie hergezogen. Missandei, kaum alt genug, um eine Frau genannt zu werden, war nur für ihre Herrin gestorben, niemanden sonst. Sie hatte die Klinge des Anderen abgewehrt, die Dany nicht kommen sah.

  „Ich bin nicht besser als sie“, sprach Dany ihre Gedanken laut aus.
  „Als wer?“ Der Druck seiner Arme verstärkte sich, nicht bereit, sie loszulassen, nicht bereit, sie mit ihren Zweifeln allein zu lassen.
  „Diese Wesen. Die Anderen.“ Dany blinzelte gegen die Schneeflocken an, die ihre Sicht verschwimmen ließen. Oder waren es Tränen? „Ich lasse Armeen mit einer Geste meiner Hand in den Kampf ziehen, ich schicke sie in ihren Tod, es ist egal, ob sie noch leben oder nicht, sie bewegen sich auf meinen Befehl und im Endeffekt ist es dasselbe. Vielleicht bin ich, was sie sagen …“
  Daario seufzte. „Was habt Ihr diesmal gehört?“
  Dany rang mit sich, bevor sie es aussprach. Das Wort, was sich zuletzt in ihr Innerstes gebohrt hatte. Worte waren nur Worte, doch sie bevorzugte die Zeit, in der die Menschen sie „Mhysa“ nannten und die Arme nach ihr ausstreckten. Mutter, Befreierin, Eroberin. All das waren Begriffe, mit denen sie zurecht kam. „Herzenbrecher“, wisperte sie.

  Diesmal ließen die Arme keinen Widerstand zu, als sie sie umdrehten. Dany hob den Blick und begegnete Daarios blauen Augen. Nicht so eisblau, wie es charakteristisch für die Wiedergekehrten war, dennoch blau, blau wie die Kälte, blau wie der Schmerz, blau wie die Verzweiflung.
  „Das stimmt nicht.“ Daarios Finger glitten über ihre Wange, eine heiße Spur voller Leben, an das sie kaum noch gewöhnt war. „Es gibt nur ein Herz, was Ihr brechen könntet, meine Königin, und das ist das meine.“ So viel Feuer lag in seiner Stimme, so viel Glut loderte in seinen Augen.
  ‚Wenn ich dir nur glauben könnte’, dachte Dany. Sie hatte nie die Worte vergessen, die sie im Haus der Unsterblichen gehört hatte. Dreimal würde sie verraten werden. Ein Verrat um des Blutes willen, ein Verrat um des Goldes willen und ein Verrat um der Liebe willen. Die beiden ersten waren geschehen, aber sie hatte nie denjenigen gefunden, der sie um der Liebe willen verraten würde. Es gab niemanden in ihrem Leben, der ihr Herz besaß, niemand, der diesen Verrat begehen könnte. Nicht einmal Daario gestand sie das zu.
  Er bemerkte das Flattern in ihrem Blick, der zur Seite auswich und dem seinen nicht begegnen wollte. Sanft glitten seine Finger über ihre Wange. „Daran könnt Ihr nichts ändern. Ihr habt mein Herz.“
  Abrupt drehte Dany sich um und merkte, wie die Taubheit zurückkehrte, als seine Arme hinunterfielen. „Ich habe dich nie darum gebeten!“, herrschte sie ihn an.
  Im Gegenteil, sie hatte seine Loyalität gefordert, seine Kampfeskünste. Mehr als einmal war er ihr Champion gewesen, für sie in den Krieg geritten. Sie hatte sein Leben gefordert und er hatte es mit einem charmanten Blinzeln und ohne zu zögern für sie eingesetzt. Sein Herz, das hatte sie nie gewollt. Es kam mit zu viel Verantwortung, noch mehr, als sie ohnehin schon trug.
  „Keine Angst.“ Daario trat wieder an sie heran und drückte sie an die Brüstung des Turms. „Mein Herz ist nicht aus Glas.“
  Dany lachte unsicher. „Und ihre Herzen?“ Sie deutete auf die verschneite Ebene.

  „Habt Ihr je einen der Anderen von Angesicht zu Angesicht gesehen, wenn er stirbt?“
  Daenerys schüttelte den Kopf. Selbst in der Schlacht, als Missandei die Klinge abgewehrt hatte, die für sie bestimmt gewesen war, hatte sie sich abgewendet, den Arm schützend über den Kopf erhoben, und nicht gesehen, wie einer ihrer Krieger mit einer Obsidianklinge den Feind erledigt hatte.
  „Sie zersplittern“, erklärte Daario. „Sie brechen wie Glas.“ ‚Wie Eis’, wäre wohl treffender gewesen, denn die Anderen waren Geschöpfe des Winters. Dany konnte die Kälte wieder fühlen, es war eine Schande, dass seine Nähe sie stets daran erinnerte. Sie wollte taub sein, sie wollte nicht fühlen, was der Krieg mit ihr gemacht hatte. Das Drachenfeuer loderte in ihrem Inneren und verhinderte, dass sie zu einer der Wiedergekehrten wurde, dass sie der Kälte unterlag. Dennoch konnte die Kälte sie beeinflussen, brachte Zweifel und Angst.
  „Ihr solltet stolz auf diesen Titel sein. Ihr zerschmettert die Glasherzen Eurer Feinde zu Dutzenden und zerstört ihre willenlosen Kämpfer. Ihr rettet Euer Königreich.“
  „Aber …“
  „Wir sind nicht aus Glas.“ Daarios Worte wogten einfach über ihre hinweg, spülten die unausgesprochenen Bedenken fort. „Wir folgen den Drachen, wir sind die Klinge aus Obsidian, das Feuer in der Nacht.“ Er geriet ins Stocken.

  Dany erkannte, dass er den Eid der Nachtwache hatte zitieren wollen und wie stets, wenn es um Regeln oder Gesetze ging, versagte. Daario Naharis war niemand, der sich dergleichen merken konnte.
  „Wir sind die Wächter auf der Mauer“, half sie.
  „Wir sind die Schlächter auf der Mauer“, griff Daario auf und zwinkerte „Wir sind das Drachenglas und sie das Eisglas. Ihr solltet stolz darauf sein, ein Glasherzenbrecher zu sein. Oder eine Brecherin.“ Sie hörte das Grinsen in seiner Stimme und merkte, wie die Finger einen Weg unter ihr loses Gewand fanden.
  „Nicht“, wehrte sie ab. Sie konnte ein Keuchen nicht unterdrücken, seine Finger waren wirklich warm im Vergleich zu ihrer Haut.

  „Habe ich das Richtige getan?“, wollte sie wissen. Sie war über die Meerenge geflogen, hatte ihre Armee mitgebracht, doch statt das Reich ihrer Vorfahren zu erobern, hatte sie ein anderer Kampf erwartet und sie hatte all diese Menschen in einen eisigen Tod geführt, um das Reich der Menschen an sich zu beschützen.
  Es gab keine Gewissheit, dass die Anderen vernichtend geschlagen waren. Deswegen die Wachposten, deshalb Danys eigene Rastlosigkeit. Wann war der Kampf vorbei? Wenn der Frühling kam? War der andauernde Winter ein Zeichen, dass die Anderen noch nicht besiegt waren oder hatten die Jahreszeiten nichts damit zu tun?
  Sie musste die Königreiche wieder vereinen, ihren Anspruch geltend machen, sie musste nach King’s Landing, den dortigen Bürgerkrieg beenden und retten, was noch zu retten war. Doch momentan konnte sie nicht fort, konnte ihre Drachen nicht von der Mauer abziehen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden.

  „Glaubst du an Prophezeiungen?“ Im Laufe der Jahre hatte Daenerys vergessen, wie viele über sie gemacht worden waren. Manche schienen direkt auf sie abzuzielen, andere erkannten in ihr eine mythische Gestalt. Wenn sie sich mit dem verglich, was man alles schon über sie gesagt hatte, war Herzenbrecher vermutlich noch ein netter Begriff. ‚Glasherzenbrecher’, korrigierte sie sich.
  „Nein. Aber Ihr, wenn Ihr mich schon so fragt. Also, was ist es?“
  Dany fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Drei Verrate werde ich erleben.“ Sie erinnerte sich noch genau an die flüsternde Stimme im Haus der Unsterblichen. „Einen um des Blutes willen, einen um des Goldes willen und einen um der Liebe willen.“
  Daarios Arme verschwanden. Sie drehte sich um. Jetzt schaffte er es nicht, ihrem Blick standzuhalten. „Ihr glaubt also, ich bin der letzte.“ Daario hustete.
  „Sag mir, wer könnte es sonst sein?“ Einige Schneeflocken hatten sich in seinen Haaren verfangen und glitzerten im fahlen Licht der Wintersonne. Der Kontrast sagte ihr deutlich, dass er genauso wenig herpasste wie sie in die Arenen von Meereen.

  Daario schüttelte den Kopf. „Wir haben es Euch nicht gesagt“, murmelte er, wie zu sich selbst. „Erinnert Ihr Euch, als Ihr auf Drogon fort geflogen seid? Ihr wart in der Dothrakischen See und wir waren in Meereen zurückgeblieben. Als Ihr wiederkamt, eine Armee von Dothraki hinter Euch, fandet Ihr eine veränderte Stadt vor.“
  „Die Söhne der Harpyie.“ Daenerys nickte.
  „Es war kein namenloser Sohn der Harpyie, der Grey Worm niederstreckte. Ich war es.“
  „Was?“ Dany runzelte die Stirn. Die Worte klangen wie ein schlechter Scherz, aber sie waren mit großem Ernst gesprochen. „Wieso solltest du … was hat das mit dem Verrat um der Liebe willen zu tun?“ Hatte er sie also doch verraten, vor so langer Zeit, und es ihr nie erzählt? Hatte sich die Prophezeiung erfüllt?
  „Grey Worm. Er wollte die Stadt an die Nachfahren der Großen Meister übergeben und Rhaegal als Tausch für eine freie Ausreise all Eurer Anhänger und Schiffe, um Euch zu suchen, einsetzen.“
  „Aber …“
  „Er hatte die Hoffnung verloren. Er sah eine auswegslose Situation und seine Loyalität zu Euch war durch etwas aufs Spiel gesetzt, was stärker sein kann als jede Ehre und jeder Eid …“ Daario fuhr mit zwei Fingern über ihre Wange, beugte sich vor und küsste sie. Bartstoppeln kratzten über ihre Haut. Sie ließ es geschehen, ließ sich näher ziehen.

  „Eine Frau?“, fragte sie, nach dem Kuss etwas atemlos.
  „Die Liebe zu einer Frau“, bestätigte Daario. „Er hat sich in Missandei verliebt, so aussichtslos dies auch gewesen sein mag.“
  „Und du hast ihn aufgehalten.“ Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Die Kälte hatte sämtliche Gefühlsregungen aus ihr heraus gefroren.
  „Wir hatten Streit. Es kam zum Kampf. Ich habe gesiegt.“ Mit dem gewohnt arroganten Lächeln strich Daario über die beiden Dolche, die an seiner Hüfte hingen. Seine Finger liebkosten die Kurven der nackten Frauenkörper, die in die Griffe eingeschnitzt waren. Sie waren nicht mehr die Dolche, die er anfangs besessen hatte, als Daenerys ihn kennengelernt hatte. Diese waren weit weniger kunstvoll, aus einfachem Holz, in Eile entstanden. Dennoch hatte er sich von dieser Angewohnheit nicht trennen können.

  „Der Verrat um der Liebe willen“, murmelte Dany. Er war schon geschehen, vor all der Zeit, und sie hatte es nie verstanden, hatte Missandeis Verzweiflung und Trauer auf einen normalen Verlust geschoben und die wahre Loyalität ihrer kleinen Dienerin nicht zu würdigen gewusst. Hatte das Mädchen die Bedeutung von Grey Worms Geste verstanden? Hatte sie ihn zurückgeliebt und war dennoch treu an Danys Seite geblieben?
  „Das heißt nichts.“ Dany blickte an Daario vorbei auf die verschneiten Wälder südlich der Mauer. Die Landschaft unterschied sich nicht von der im Norden. „Du könntest mich trotzdem verraten.“
  „Natürlich.“ Daario nickte. „Aber keine Prophezeiung zwingt mich dazu. Und sowieso, ich glaube nicht an ein vorgegebenes Schicksal.“ Er zwinkerte. „Ihr habt ebenso ein Drachenglasherz wie ich. Ihr würdet es verkraften.“ Daran zweifelte Dany, dennoch war ihr Widerstand geschmolzen wie einst die Mauer vor dem Ton von Joramunds Horn.

  Sie ließ sich zu ihm ziehen und war sogar geneigt, mit ihm zurück in die Kammer zu kehren, als ein Signal in der Ferne erklang. „Die Wachposten!“
  Daario neben ihr spähte in die Ferne und lehnte sich auf die wackelige Brüstung des Turms. „Ich kann nichts sehen.“ Der Schnee fiel mittlerweile dichter und legte einen Schleier über den hohen Norden. Sie konnten gerade noch schemenhaft die Bäume in der Ferne ausmachen, wo die Wälder der Wildlinge begannen, der Rest verschwamm Weiß in trügerischem Weiß.
  Ein zweiter Klang erschall, dann ein dritter. „Sie sind zurück. Die Anderen nahen!“ Der Krieg war also noch nicht vorbei, es würde erneut zum Kampf kommen und Tausende würden unter Daenerys’ Kommando sterben. Die Last lag noch immer auf ihren Schultern, aber sie wusste, dass sie nichts dagegen tun konnte. Sie war eine Targaryen. Die rechtmäßige Königin. Sie musste sich vor Augen halten, was Daario gesagt hatte. Zweierlei Arten Glasherzen. Sie waren stärker.
  Sie waren das Drachenglas.

  Gedanklich rief sie nach Drogon, auf dem sie in die Schlacht reiten würde. Von weit oben würde sie auf das ewige Eis starren und ihren Drachen bändigen, versuchen, seine Zerstörung nur auf ihre Gegner zu lenken.
  „Geht.“ Daario verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss. Er würde sich den letzten verbliebenen Reitern anschließen, auf einem der Pferde, was sie noch nicht gegessen hatte. Die Schlacht würde sie trennen, aber danach würden sie sich wiedersehen. Nicht, weil die Prophezeiungen es sagten, sondern weil sie stärker waren.

  „Zerschmettert sie, Glasherzenbrecherin.“
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