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Das Wesen der Wahrheit

GeschichteFantasy / P12
11.09.2015
17.11.2015
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75.600
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11.09.2015 867
 
(1) 39. „Nur den, der mein Herz berührt, will ich heiraten.“ Stolz und Vorurteil

„Eine Frau hat das Recht, jeden Mann in den Wind zu schießen, sobald er anfängt, ihr auf den Geist zu gehen.“ hatte Liv einmal gesagt.

Wiebke lief unruhig vor dem Zaun auf und ab, während sie diese Worte ihrer großen Schwester wie ein Mantra vor sich hin murmelte, um Mut für das Bevorstehende aus ihnen zu schöpfen. Sie musste mit Agi Schluss machen. Die Beziehung würde sie keine Woche mehr aushalten. Als sie Livs Worte zum gefühlt hundertsten Mal wiederholt hatte, atmete sie noch einmal tief durch, sagte dann laut: „Er geht mir auf den Geist.“, ging zur Haustür und hob die Hand zur Türklingel. Kurz vor dem Klingelknopf zögerte sie noch einmal, gab sich dann aber einen Ruck und drückte. Das Läuten der Glocke war ihr sehr vertraut, immerhin war sie seit der dritten Klasse mindestens einmal in der Woche hergekommen. Niemals hatte sie sich dabei so unwohl gefühlt wie heute. Es dauerte nicht lange, bis Agi schwungvoll die Tür öffnete und sie breit angrinste. Dass Wiebke nicht zurückstrahlte, störte ihn offenbar kaum, es war allerdings auch möglich, dass er es gar nicht bemerkte. Nun zog er sie in eine feste Umarmung und wollte sie innig küssen, wie er es in letzter Zeit immer zur Begrüßung tat, doch Wiebke drehte ihren Kopf zur Seite, sodass er nur ihre Wange erwischte, und befreite sich so schnell sie konnte auch aus seinen Armen. „Wir müssen reden.“, sagte sie nur. Da erlosch sein Grinsen und an dessen Stelle trat ein besorgter Ausdruck. Ohne ein Wort führte er sie in sein Zimmer, setzte sich aufs Bett und wartete darauf, dass sie das Gespräch beginnen möge.

„Ich kann das nicht mehr.“, sagte Wiebke schließlich.

„Was?“, fragte er.

„Das mit der Beziehung.“

„Wieso?“

„Wir sind einfach zu unterschiedlich.“, antwortete Wiebke hilflos. Als er sie nur weiter unverwandt ansah, fuhr sie schließlich fort: „Du bist mir zu … körperlich. Du weißt schon: Ich würde gerne etwas mit dir unternehmen, aber du willst nur rummachen. Es war früher viel schöner, als wir einfach nur Freunde waren. Außerdem weißt du ganz genau, dass ich es fürchterlich unangenehm finde, wenn du mich in der Öffentlichkeit küsst oder dich an mich drückst und trotzdem kannst du es nicht lassen. Du bist echt ein netter Kerl und als Kumpel könnte ich dich immer noch sehr gern haben, aber so wie es ist, halte ich dich einfach nicht länger aus. Es gibt sicherlich viele Mädchen, für die du ein ganz toller Freund wärst, aber nicht für mich.“

„Warum hast du denn vorher nichts gesagt?“, wollte er wissen.

„Ich … weiß nicht.“, Wiebke überlegte einen Moment und sagte dann etwas vorwurfsvoll, „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dieses oder jenes nicht wollte.“

„Ich wusste doch nicht, dass du das so ernst meintest.“, sagte er verteidigend.

Sie sah ihn ungläubig an. „Was soll ich denn noch tun, damit du das ernst nimmst? Ein Schild hochhalten mit der Aufschrift ‚ich meine es ernst‘?“

„Hm, nein“, er sah leicht betreten zu Boden, „Aber jetzt, da ich das weiß, können wir es nicht vielleicht doch noch weiter versuchen? Ich kann für dich alles tun, was du von mir verlangst.“ Der letzte Satz klang geradezu flehend.

„Dafür ist es jetzt ein bisschen zu spät.“, Wiebke sah ihn mit verhaltenem Vorwurf an, „ Außerdem ist es für einen Menschen nicht so leicht, sich einfach aus Liebe zu ändern, das wissen wir spätestens seit Frozen.“

Die Erwähnung des Disneyfilms ließ Agi nachdenklich werden und das brachte Wiebke auf eine Idee, wie sie ihren Freund vielleicht dazu bringen konnte, ihr Anliegen zu verstehen und die Tatsachen als solche hinzunehmen. Er war der größte Filmfanatiker, dem sie je begegnet war und Filme waren für ihn wirklicher als die Realität selbst, also sagte sie in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie etwas zitierte: „Nur den, der mein Herz berührt, will ich heiraten.“

„Oh“, sagte Agi, „dann bin ich wohl nicht dein Mr. Darcy.“ Nach einer kurzen Pause fragte er noch einmal hoffnungsvoll: „Können wir vielleicht zusammenbleiben, bis du den Richtigen gefunden hast?“ Wiebke warf ihm einen scharfen Blick zu und sofort sah er ein: „Okay, okay, ich hab‘s verstanden, das ist eine dumme Idee.“ Wiebke nickte und fügte noch hinzu: „Wenn wir die Beziehung weiterführen würden, wäre es für uns beide viel schwieriger, den zu finden, der für uns bestimmt ist.“

Agi nickte nachdenklich, dann fragte er: „Gehen wir denn trotzdem nächste Woche ins Kino?“

„Klar, können wir gerne machen.“, antwortete Wiebke und fügte etwas vorsichtiger hinzu, „Dann können wir auch weiterhin einfach nur Freunde bleiben, oder?“

„Warte“, sagte Agi, schwieg für einen Moment und sah dabei aus wie jemand, der sich auf eine wichtige Rede vorbereitet, er setzte sich aufrecht hin, nahm die Schultern zurück, streckte die Brust heraus und verkündete dann mit fester, lauter Stimme, „da bleibt mir nur noch eines zu sagen: Dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Nun grinste Wiebke ihn erleichtert an. Bei sich dachte sie: Wir sind schon seit Ewigkeiten Freunde. Aber laut wagte sie es nicht, das unpassende Zitat zu kritisieren, um nicht den guten Ausgang des Gespräches durch einen beleidigten Agi zu trüben.
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