FOREVER - Die Sache mit Molly Dawes

von Sejabonga
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
10.09.2015
10.09.2015
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Zeitliche Einordnung: ein paar Wochen nach Folge 16 "Erinnerung einer Ermordung"
Disclaimer: Da es sonst keiner will, gehört Forever Matt Miller. Und mir, wenn ich mir die Charaktere ausleihe.

Hallo zusammen,

Henry und Jo sind derzeit Dauergast in meinem Kopfkino (was sich dann so abspielt, dass ich auf meiner Couch einen imaginären Seziertisch aufbaue und davor stehe... ^^).
Ich hoffe nur, mich sieht nie jemand, wenn ich das tue. Die würden mich einweisen...
Viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga


##*##


Die Sache mit Molly Dawes

„Guten Morgen, Detective!“

Jo dreht sich überrascht um. Ihre Lippen liegen noch am Deckel des schwarzen Kaffee to go, den sie sich gerade bei Starbucks gekauft hat.

„Oh, hallo, Professor Dawes!“

Die Psychologin mit den durchdringenden Augen steht in der Schlange direkt hinter ihr. Sie hat ihre Bestellung noch nicht bekommen – und so ist Jo mitten in diesem belebten und öffentlichen Laden durch das Gespräch gefangen.

„Molly, bitte!“

Molly Dawes alias Iona Payne ist eine beeindruckende Frau. Jo kann verstehen, warum sich Henry für sie entschieden hat.

„Molly... Was tun sie denn hier?“

Wie auf ein Stichwort hin erhält sie ihren geeisten Cappuccino mit Karamell-Sirup. Natürlich.
Die Frage war wirklich nicht besonders intelligent.

„Tut mir leid. Ich habe nicht mit ihnen gerechnet.“

Molly lächelt wissend. Das muss diese Art sein. Dieser Psychologin-Röntgenblick.
Jeder Psychologe wirkt so, als würde er einen gerade durchleuchten. Egal ob es tatsächlich so ist oder nicht.

„Es mag sie erstaunen, aber so etwas höre ich öfter.“

Gemeinsam schieben sie sich durch die Menschen und verlassen das Geschäft. Draußen scheint die Sonne, New York zeigt sich von seiner besten Seite.
Während Molly die kurze Pause zwischen ihnen zu genießen scheint, wird Jo nervös.
Was will sie von ihr? Wieso hat Molly sie angesprochen?

„Also, wie... geht es ihrer Verletzung?“

Die Frau hat den Nerv, sie anzugrinsen und Jo fühlt sich ertappt.
Ja, sie hasst Gesprächspausen. Bei den meisten Leuten.

„Meine Wunde verheilt sehr gut, danke. Es wird wohl nicht einmal eine Narbe zurückbleiben.“

Jo nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee und nickt zufrieden.

„Gut, das ist schön zu hören. Das wäre bestimmt kein angenehmer Anblick bei... ihrem zweiten Job.“

Molly zögert einen Moment. Oh, hat sie da ihren wunden Punkt erwischt?
Jo freut sich innerlich – sie weiß noch nicht einmal, warum. Aus irgendeinem Grund mag sie Molly nicht.

„Ja... Sagen sie, wie geht es Henry?“

Fast zeitgleich bleiben sie beide stehen. Molly wohl mehr als Reaktion auf sie, aber Jo ist von dieser Frage überrascht.
Verwirrt zieht sie die Augenbrauen zusammen. Sie dachte...

„Ich dachte, sie treffen sich regelmäßig. Es hat doch... gefunkt zwischen ihnen, oder?“

Die Psychologin senkt den Kopf und lächelt – eine Geste, die ein wenig an Henry erinnert.
Sie streicht mit ihren Fingern über den Deckel ihres Cappuccinos.

„Oh, mehr als das. Es war mehr wie ein Feuerwerk. Aber entgegen ihrer Annahme sehen wir uns nicht.“

Unbewusst hebt Jo die Schultern, um nachzufragen. Diese Aussage verlangt geradezu eine nähere Untersuchung.

„Und bevor sie etwas sagen, richten sie ihre Frage lieber an Henry. Und bestellen sie ihm Grüße von mir!“

Molly nickt ihr zum Abschied zu und stolziert den Fußweg entlang. Jo sieht ihr nachdenklich hinterher.
Henry hat sich nicht mit ihr verabredet? Der Fall um Sarah Clancy ist bereits ein paar Wochen her.
Warum zögert er?
Und wieso akzeptiert Molly das einfach?
Sie empfindet mehr für ihn als sie zeigt, da ist sich Jo sicher. Aber vielleicht weiß sie auch mehr über ihn.
Sie ist entschlossen, mehr darüber herauszufinden.

##

So früh am Morgen ist Henry bereits bei der Arbeit. Natürlich, wo auch sonst?
Sie beobachtet den Gerichtsmediziner von der Tür aus. Wie immer ist er in seine Obduktion vertieft.
Jo versucht nicht zu genau auf den aufgeklappten Brustkorb zu starren. Sie fragt sich wie immer, was Henry sieht. Er scheint einen ganz anderen Blick auf tote Körper zu haben als der normale Gerichtsmediziner.
Kann es seine Frau sein? Abigail?
Hat die Erinnerung an sie ihn daran gehindert, weiter mit Molly auszugehen?
Jo kann nicht umhin zu bemerken, dass sich Henry ihr geöffnet hat. Und zwar genau zu der Zeit, als Molly wieder in sein Leben trat.
Er hat ihr von Abigail erzählt. Und so wie er gesprochen hat, hat er es ebenfalls noch nicht verarbeitet dann.
Dann wieder...
Henry trägt keinen Ehering, er wirkt manchmal wie der ewige Junggeselle, so ganz unbelastet von Herzschmerz und tragischer Lebenserfahrung. Sie beide haben genug davon gemacht, einen Teil auch miteinander.
Sie hat nie weiter nachgefragt. Über seine Frau, über sein Verhältnis zu Abe, über die Schussverletzung in seiner Brust.
Aus Angst, dass er sie wegstoßen könnte.
Doch jetzt ist sie neugierig. Was ist es, was Henry so besonders macht? Was ist es, das ihm dieses Etwas gibt?
Irgendetwas an ihm ist außergewöhnlich.
Sie muss es wissen.

„Guten Morgen, Henry!“

Mit langen Schritt geht sie zu ihm, nimmt einen demonstrativen Schluck von ihrem Kaffee.
Damit hat er die Chance, die Begrüßung zu erwidern.

„Guten Morgen, Detective! Ich habe gerade erst mit der Obduktion angefangen. Für aussagekräftige Ergebnisse sind sie noch ein wenig zu früh dran.“

Jo bleibt neben ihm stehen und betrachtet ihn. Henry, der sich ihrer Aufmerksamkeit so gar nicht bewusst ist.
Wie fängt sie am besten an? Smalltalk? Ein anderes Thema?
Schließlich entscheidet sie sich für den direkten Weg.

„Ich habe heute Morgen Molly Dawes getroffen.“

Henrys Reaktion ist instinktiv und daher nicht zu übersehen.
Er richtet sich augenblicklich auf, lässt von seiner Arbeit ab. Molly hat also immer noch diese Wirkung auf ihn.

„Tatsächlich.“

Er versucht, sie möglichst unbeeindruckt anzusehen – was ihm so gar nicht gelingt.
Jo nimmt einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee und spannt ihn auf die Folter.

„Ja. Sie lässt ihnen Grüße ausrichten.“

Henrys Stirnrunzeln überrascht sie ein wenig. Doch dann lächelt er, deutet sogar eine Verbeugung an.

„Deshalb also sind sie schon vor ihrem Dienstbeginn hier. Nun, vielen Dank! Ich weiß ihre Mühe sehr zu schätzen.“

Damit konzentriert er sich wieder auf die Leiche. Jetzt ist Jo wirklich verwirrt.
Sie hatte erwartet, dass er nach Molly fragen würde. Wie es ihr geht, was sie jetzt so tut, wie sie aussieht, was mit ihrer Verletzung...

„Ist ihre Wunde gut verheilt?“

Die Frage war beiläufig formuliert, aber Jo grinst breit. Es ist ihm also doch nicht egal.
Hätte sie auch sehr gewundert. Immerhin kennt sie Henry schon eine Weile und...
Sie ertappt sich bei dem Gedanken, dass sie ihn schon länger kennt als Molly. Dass sie das Anrecht auf ihn hat.

„Jo?“

Henry richtet sich auf und mustert sie neugierig.
Hat sie wirklich so lange geschwiegen?

„Äh, ja, es geht ihr gut. Es wird wohl... keine Narbe bleiben.“

Jo könnte sich in den Hintern beißen, dass sie so überrumpelt klingt. Doch Henry scheint es nicht aufzufallen.

„Ausgezeichnet! Ich hatte befürchtet, dass sich dieser kleine Makel schädlich auf ihren Beruf als... Therapeutin auswirken könnte.“

Es ist richtig süß, wie er versucht, sich um das Wort Domina zu drücken. Jo schwenkt ihren Kaffee und nimmt einen letzten Schluck.

„Sie hat nach ihnen gefragt, wie es ihnen geht. Und sie hat mir erzählt, dass sie sich seit dem Sarah Clancy-Fall nicht mehr getroffen haben.“

So genau hat Molly es zwar nicht formuliert, aber das muss Henry ja nicht wissen. Und Jo hat eine Ahnung, dass sie mit ihrer Einschätzung Recht hat.
Während Henry nach einem Skalpell greift, hält er für einen winzigen Moment inne.
Jo gefallen diese Augenblicke, in denen sich Henrys Denken in seinen physischen Reaktionen zeigt. Es ist faszinierend und offenbart mehr über ihn, als er sich vielleicht bewusst ist.
Er setzt das Skalpell an und macht einen präzisen Schnitt. Exakt, konzentriert, langsam – zu langsam, um genau zu sein.

„Henry...“

Jo hat diesen Ton nicht für ihn reserviert. Aber er funktioniert jedes Mal.
Es ist ihr „Du weißt, dass du darüber reden musst.“-Tonfall.
Mit dem Skalpell in der Hand richtet sich Henry auf und sieht sie an.

„Ich schätze, es... war... einfach nicht das Richtige.“

Verstehend nickt Jo, aber sie sieht ihn skeptisch an. Sie versteckt den Spott in ihrer Stimme nicht gerade.

„Ja, klar. Sie redet nicht von ihnen, als wären sie irgendeine Bekanntschaft, Henry. Sie redet von Feuerwerk.“

Ein wehmütiges Lächeln erscheint auf Henrys Gesicht. Und auf einmal begreift sie.
Hier ging es nie um Molly.
Sie atmet tief aus und senkt den Blick. Wie dumm von ihr!
Hier geht es um Abigail.

„Wie lange ist es jetzt her, Henry?“

Sie erinnert sich, dass sie diese Unterhaltung schon einmal geführt haben.
Damals hat er ausweichend geantwortet. Mit einem „Eine ganze Weile.“, aber jetzt wird sie ihn nicht mehr vom Haken lassen.

„Nicht lange genug.“

Jo erkennt sich selbst in ihm wieder. Der Ausdruck, die Augen.
Diese alles überwältigende Müdigkeit, die aus dem Wissen resultiert, dass man darüber sprechen muss – ob man will oder nicht. Denn früher oder später wird es einem das Herz zerreißen.
Wie gern würde sie ihn darauf ansprechen! Noch vor ein paar Sekunden hat sie es sich fest vorgenommen.
Aber wenn sie in Henry den Witwer erkennt, macht sie fast immer einen Rückzieher.
Seufzend nickt sie.

„Molly ist eine tolle Frau.“

Henry wendet sich wieder der Leiche zu, setzt die Obduktion aber nicht fort. Er wirkt, als möchte er etwas sagen.
Dass er es weiß, sich dessen bewusst ist. Dass er Molly sehr schätzt oder was auch immer Henry Morgan in so seiner Situation von sich geben würde.
Aber er schweigt.
Aus einem Impuls heraus legt Jo eine Hand an seinen Oberarm und lenkt damit seine Aufmerksamkeit auf sich.

„Henry, sie wissen, dass sie mit mir reden können. Jederzeit.“

Als sein Blick auf sie fällt, läuft es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Er schickt ihr einen Gedanken, aber...
Zuerst hat sie den Eindruck, dass er nie darüber reden wird. Es ist zu persönlich, mit ihr schon gleich gar nicht, sie ist nur eine Arbeitskollegin und so weiter.
Doch dann bemerkt Jo, dass es ihre eigenen Gedanken sind.
Henry braucht keine Telepathie, um ihr die Erklärung zu liefern.

„Danke.“

Jos Blick streift seinen Haaransatz, die Augenbrauen, seine Augen, den Drei-Tage-Bart, seine Lippen.
Er ist ihr so vertraut geworden, dieser verrückte Engländer.
Sie lächelt und klopft ihm mit einem stummen Nicken auf die Schulter.
Irgendwann...
Irgendwann wird er zu ihr kommen, das spürt sie.
So wie sie es bei Sean gespürt hat, dass sie zusammenkommen würden.
Henry wird mit ihr reden.
Früher oder später.

##

Jo schläft tief und fest, als ihr Wecker sie aus dem Schlaf zu reißen versucht.
Sie brummt leise, dreht sich auf die andere Seite und schläft weiter.
Eine Hand berührt sie an der Schulter und schüttelt sie ein wenig.

„Schatz, dein Handy...“

Also kein Wecker...
Sean ist immer so überkorrekt. Er geht immer an sein Handy.
Immerhin ist er bei der Staatsanwaltschaft. Man kann nie wissen, wann man einen Staatsanwalt braucht.
Oft sogar mitten in der Nacht. Wenn er mal Oberstaatsanwalt werden will, müsse er sich anstrengen, meint er.
Jo hätte nichts dagegen, wenn er sich zumindest nachts für seinen Job alleine anstrengen könnte, ohne sie zu wecken.
Dass sie jedoch nach Dienstschluss angerufen wird, ist eher selten. Mit einem genervten Stöhnen dreht sie sich wieder zurück und tastet im Dunkeln nach dem Telefon.
Sie öffnet die Augen gerade weit genug, um die Stelle auf ihrem Smartphone zu erkennen, an der sie den Anruf entgegennehmen kann.

„Martinez?“

Ihr Name geht in dem Nuscheln unter und sie legt sich auf den Rücken. Hoffentlich muss sie nicht aufstehen.

>Detective? Es tut mir leid, dass ich sie so spät noch störe, aber...<

Jo runzelt die Stirn und blinzelt schlaftrunken.

„Henry? ... Warten sie...“

Mit einem offenen Auge mustert sie die Zeitanzeige – 01:00.
1 Uhr nachts.
Mit einem Stöhnen lässt sie sich wieder zurücksinken.

„Was ist los?“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt verlegen.

>Ich... entschuldige mich für die späte Störung, sie haben bestimmt schon geschlafen. Aber... ich würde gerne... reden.<

Jo kann gerade noch verhindern, dass sie laut seufzt. Natürlich muss er sich die ungewöhnlichste Zeit dafür aussuchen.
Sie ist selbst schuld. Sie hat es ihm ja gesagt.
Jederzeit...
Die Lampe steht nur wenige Zentimeter neben ihrem Wecker und sie ist blendend hell.
Jo setzt sich auf und mit dem Handy am Ohr betrachtet sie die andere Seite ihres Bettes.
Die leere Seite.
Seans Seite.

„Wo sollen wir uns treffen?“

##*##


Und wieder kann ich mich nicht dazu durchringen, "The End" unter meine Geschichte zu setzen.
Ein Ende, das ihr nicht erwartet hattet?
Ich ebenfalls nicht. Eigentlich hatte ich ein längeres Gespräch zwischen Henry und Jo in der Gerichtsmedizin vorgesehen.
Aber dann hat meine rechte Hand einfach diese eine Zeile gelöscht und Henry hat auf Jos Kommentar bezüglich Feuerwerk nichts geantwortet. Eine Reaktion, die ich viel passender fand als dieses seltsame Gestammel ("Es war nicht der richtige Zeitpunkt..." usw.).
Und noch während des Postings kam mir diese Idee mit dem nächtlichen Anruf. Ein Bild, das ich in allen Details so vor mir hatte und das nicht mehr verschwunden ist. Ich hoffe, es gefällt euch ebenso gut wie mir.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit! ^^
(Und weil ich so gut drauf bin, gibts noch eine Runde selbstgebackene Müsliriegel für alle! :-D)
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