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Der Schlächter von Torfan - Eine John Shepard Story

von Anturiel
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / MaleSlash
Commander Shepard
09.09.2015
09.09.2015
1
2.095
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Sirenengeheul. Ein Geheul, das alle anderen Geräusche im Keim erstickte. Bis auf eines…seine hastigen, nachhallenden Schritte blieben unübertönt. Zumindest kam es ihm so vor, als würden seine Schritte in seinem Ohr nachhallen. Vielleicht waren es auch seine Ängste, die sich das Bild einer hageren, fast schon schemenhaften Gestalt ausmalten, die um ihr Leben flitzte. Immerzu am laufen. Stolpernd, nach Atem ringend. Das war er und das würde er immer sein. Seine Ängste ließen Geräusche entstehen, die nicht da waren. Denn im Grunde konnte nichts die Unerbittlichkeit des Sirenengeheuls dämpfen. Also rannte er bis seine Lungen Feuer fingen. Er rannte bis seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Oder ihn aufzugeben schienen. Und dennoch war es nie genug. Es schien ihm, als ob es immer mehr zu laufen gäbe. Wieviele Abbiegungen denn noch? Wieviele Kreuzungen, die er hinter sich lassen musste? Er wusste es nicht und rannte weiter. Kroch...stolperte und rannte.

Plötzlich nahm alles ein Ende. Das Verschwommene, zu dem die Welt wurde, wann immer er am Rennen war, veränderte sich. Scharfe Linien und Kanten zeichneten sich ab und die Welt stand wieder still. In diesem Moment begriff er, dass er es irgendwie geschafft hat. Umringt von altem Gemäuer erlaubte er es sich endlich einen tiefen Atemzug zu nehmen. Er schritt über die tiefen Asphaltrisse - Risse, die so tief waren, wie die Risse in seinem Leben – und erspähte seine Rettung ein paar Meter weiter: ein offener Schacht in die Kanalisation. Er stieg hinab und verschloss den Gullideckel. Nun war er sicher vor der sich nähernden Riot Control Unit, kurz RCU, in ihrer militärischen Kampfmontur und vor ihren heulenden und schreienden Sirenen. Er sog die Luft dieses dunklen Ortes ein, der für soviele zu einem Zuhause geworden ist.

Hier unten konnte ihm keiner was anhaben. Zumindest fühlte er sich sicher. Und die Kanalisation war auch relativ sicher...so sicher wie es in den Slums einer derartigen Megatropolis wie New York nur werden konnte. Denn das Heruntergekommene dieser Gegenden zog nicht nur das Kriminelle an wie das Licht die Motten, sondern auch die Gegenseite, die zumindest offiziell für Recht und Ordnung zu sorgen hatte. In Wahrheit war die RCU nur eine weitere Horde Krimineller, die in den Slums nach lebenden Zielscheiben suchte, um sich die Zeit zu vertreiben. Für sie spielte es keine Rolle, ob sich jemand eines Verbrechens schuldig gemacht hatte oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Es spielte keine Rolle, ob es ein Kind oder ein Erwachsener war. Wer in den Slums lebte war in ihren Augen kein Mensch, sondern ein Verbrecher. Wer in den Slums geboren wurde, wurde direkt schuldig gesprochen. Denn aus der Sicht der gut betuchten High Society New Yorks, der immer Rechtschaffenen und in ihrem selbstgerechten Eifer Rechtsprechenden, war jedes Menschenleben, das vom Geruch und Gestank der Slums befleckt wurde, eine Bedrohung für das leuchtende Beispiel der Elite...für ihre makellosen Appartments und Penthouses mit den üppigen Balkongärten und ihren Wohlstand. Für die Elite war jeder Slumbewohner ein gefährlicher Krimineller. Der Dreck, den sie vom Antlitz dieser Erde ein für allemal tilgen wollten. Und der junge John Shepard gehörte zu diesem Dreck. Wohl oder übel gehörte er zu dem Gesindel.

Die Decke der Kanalisation vibrierte plötzlich mit dem erbarmungslosen Stampfen stiefelbewährter Füße, als die RCU den Eingang zur Kanalisation passierte. Feine Sandfäden lösten sich von den Rissen in der Kanalisationsdecke. Das Stampfen hatte den Klang des Militärisch-Uniformierten...es klang bedrohlich...furchteinflößend. Es flößte ihm ein Zuviel an Furcht ein. Doch war er dankbar dafür, dass er es rechtzeitig in sein Versteck geschafft hatte. Wäre er oben geblieben, hätte ihn die RCU höchtswahrscheinlich mit Schüssen begrüßt...oder man hätte ihn zum Verhör geschleift. Das Gesetz war nur theoretisch in den Slums vertreten, aber im Grunde war es auf beiden Augen blind. Und Shepard, ein Jugendlicher ohne Perspektive, aufgewachsen inmitten von Gewalt und Dunkelheit, ein Vollwaise ohne Hoffnung, wünschte sich er wäre das Gesetz. Militärisch marschierend und furchteinflößend. Er war es leid ein Opfer zu sein. Es machte ihn wütend. Denn hier zu leben war nicht seine Entscheidung gewesen. Und sein Wille zu überleben wurde wie ein Verbrechen behandelt. Er wollte einfach nur überleben. Nichts weiter. Und dafür wurde er jeden Tag aufs Neue bestraft.

Das Stampfen verlor an Stärke…ein Unwetter, das vorbeizieht. Und nach wenigen Augenblicken hörte es vollends auf. Stille kehrte ein und Shepard kletterte zurück an die Oberfläche. Er drückte seinen Rücken gegen den Kanaldeckel, der dann behäbig, scheppernd und auf dem Asphalt kratzend zur Seite rutschte. Als Shepard die Dunkelheit hinter sich ließ, verirrten sich ein paar Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Begrüßend und Hoffnung spendend. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Dankbar dafür, dass das ewige Laufen zu einem Ende gekommen ist. Oder doch nicht? Für ihn fühlte es sich so an, als wäre er immer noch am Laufen. Als ob sein Herz immer noch über Hindernisse hinwegspringen musste. Als ob sich das Laufen in die Ewigkeit ziehen würde. Es fühlte sich wie ein Davonlaufen an und es würde sich immer wie ein Davonlaufen anfühlen. Es konnte nicht einfach aufhören. Oder etwa doch?

Shepard sog die Sonne ein und versuchte seine Gedanken zu besänftigen. Er richtete seinen Blick auf die Wolkenkratzer, die sich am Horizont abzeichneten. Sie schienen ihm wie Nadeln, die aus der Erde herausragten und erbarmungslos auf den Morgenhimmel einstachen. Shepard fragte sich, ob das Sirenengeheul ihn wohl immer noch begleiten würde, wäre er da oben...die Wolken berührend...die Aussicht genießend. Er fragte sich, ob dieses Gekreische, das er in den Slums jeden Tag zu hören bekam, ihm da oben was anhaben könnte. Ob es sein Trommelfell weiterhin zerquetschen würde. So intensiv...so pulsierend. Auch jetzt schien es, als ob sich das Geheul wieder nähern würde. Es wurde lauter und lauter. Unfassbar und unausstehlich laut.







Der ohrenbetäubende Lärm seines Weckers vermochte es endlich Shepard aus seinem unruhigen Schlaf zu reissen. Er brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um die Wirren seines Traums und die herangespülten Gefühle abzuschütteln. Doch selbst dieses winzigkleine Zeitfenster könnte ihm auf einer Mission zum Verhängnis werden. Und Shepard wusste das. Er sah auf das Display seines Weckers und stellte fest, dass er schon seit mehreren Minuten klingelte. Das hieß nichts Gutes. Sein Traum hatte ihm einiges abverlangt. Vielleicht wurde es endlich an der Zeit, dem Psychologen seiner Einheit ab und zu einen Besuch abzustatten. Dieser wurde es auch nie müde zu betonen, wie wichtig es war, dass Shepard sich den scharfen Blicken der Psychoanalyse unterzog. Vor allem im Hinblick auf seine dunkle Vergangenheit.

Entnervt von den Folgen seiner Erkenntnis, warf Shepard seine Decke zu Boden. Er fühlte sich übermüdet und seine Beine fühlten sich bleiern an...als ob er wirklich schon studenlang am Laufen war und nicht nur davon geträumt hat. Dennoch fasste er sich. Er beschwor das alte Gefühl der Entschlossenheit herauf, das ihm so viele Jahre schon treue Dienste geleistet hatte. Er sprang aus seiner überhöhten Koje und federte seinen Fall mit seinen Biotics ab. Er schlug dumpf auf den kalten Metallboden auf. Die Kälte des Bodens explodierte in seinen Füßen und durchzog mäanderartig die Gesamtheit seines Körpers. Es war als ob reine Energie in seinem Körper aufwallte...ihm zu Hilfe eilte. Shepard erquickte sich daran und fühlte wie sie seine Erschöpfung ein wenig auflöste. Er reibte sich die Augen und machte sich auf den Weg zu den Erfrischungsanlagen. Gerade als er das Interface der Tür bedienen wollte, glitt diese zur Seite und gab eine massive Statur frei. Das Musterbeispiel eines System Alliance Marine.

„Morgen, Sir!“

„Morgen, Private Dibbs.“ Shepard nickte seinem Untergebenen zu und betrachtete aus seinen Augenwinkeln die glitzernden Wasserpfützen, die Letzterer auf dem Weg zu den Schließfächern hinter sich ließ.

„LT, Sir, darf ich frei sprechen?“ Ein verschmitzter Blick schoss aus Dibbs‘ Augen und verriet dessen Neigung zu schelmischer Schlagfertigkeit und Lausbubenstreichen.

„Als ob meine Erlaubnis oder mein Unmut irgendetwas bei ihnen zu sagen hätten, Dibbs.“ Ein Lächeln umspielte Shepards Lippen. „Ich habe es kein einziges Mal erlebt, dass sie je damit gezögert hätten, ihre Meinung anderen an den Kopf zu werfen.“ Er bemerkte, wie gut es ihm tat mit seinem Untergebenen zu reden. Es erdete ihn...hob seine Stimmung an. „Also raus mit der Sprache...was bereitet ihnen Kopfzerbrechen?“

„Nun Sir,“ setzte er an und kratzte sich am Hinterkopf. „Sie sehen aus, als kämen sie grad unter einer Dampfwalze hervorgekrochen. Als hätten sie nächtelang nicht geschlafen. Tatsächlich sehen sie wie shit aus...gerädert!“ Dibbs triumphierendes Lächeln sprach Bände. Es schien als würde er sich für seine scharfe Auffassungsgabe und für seinen Unwillen militärisches Protokoll einzuhalten selbst bewundern.

„Nunja...danke für ihre Einschätzung, Private...” Shepard fasste Gibbs in seinen gespielt spöttischen Blick. „...und für ihre Bedenken. Aber ich bin mir sicher, dass ich genügend Zeit für ein Nickerchen haben werde, sobald wir landen.” Shepard zog eine Augenbraue hoch, wie um sich zu vergewissern, dass Dibbs die Implikationen seines Statements verstanden hatte.

„Sir...über sowas sollten sie nicht scherzen.“ Dibbs reagierte in gespielter Bestürzung. „Ich kann mir fast schon bildlich vorstellen, wie Sie auf eigene Faust alle Piraten auf’s Korn nehmen, während sie gemächlich vor sich hin dösen.“ Der riesige Soldat ließ seiner Phantasie freien Lauf, indem er wilde Schussgestik mit sonstigen ausartenden Bewegungen kombinierte. Und für einen Moment hatte Shepard Angst, dass dieser Riese ihn aus Versehen von seinen Füßen reissen würde. Oder Schlimmeres.

„Wir sollten es lieber bei ihrer Vorstellungskraft belassen, Private.“ Shepards Lächeln verschwand gänzlich und das Klima wurde ernst. Er fixierte Dibbs und stellte sicher, dass er seine volle Aufmerksamkeit hatte. „Wir brauchen sie in Bestform, Dibbs. Unsere Sinne müssen scharf sein...unsere Entschlossenheit vollkommen. Diese Mission wird kein Kinderspiel. Keiner von uns ist meiner Meinung nach auf sowas entsprechend vorbereitet worden. Das wäre auch nicht möglich gewesen bei so einem Präzedenzfall. Je mehr von uns versagen, desto unwahrscheinlicher wird der Erfolg dieser Mission. Und wenn die Mission ein Reinfall wird, besteht die Möglichkeit, dass Verstärkung nicht rechtzeitig eintreffen wird, um uns zu evakuieren.“ Shepard musste es nicht aussprechen. Dibbs wusste, dass ihr Auftrag ein Höllentrip war. Möglicherweise ohne Rückfahrkarte.

„Keine Sorge, Sir. Hab gehört, unser allseits geliebter Koch hat einige Delikatessen zu unserem Frühstück zubereitet. Wobei ich unser Frühstück vielleicht sogar als Henkersmahlzeit bezeichnen würde.“ Dibbs grinste breit. „Und sie kennen mich, Sir...mit einem vollen Magen kann mich nichts und niemand aufhalten da draußen!“ Wie um seine Entschlossenheit zu betonen, schlug sich Dibbs auf die Brust. Und Shepard war sich sicher...sein Kamerad würde seine Entschlossenheit sogar mit Blut unterzeichnen, wenn er die richtigen Werkzeuge parat gehabt hätte. Shepard musste bei dieser Vorstellung leise in sich hineinlachen. Ein furchtloser Krieger. Genau was er auf dieser Mission gebrauchen konnte.

“Das gibt mir Hoffnung, Private. Jetzt wird’s aber Zeit für eine kalte Dusche,“ schloss Shepard und bewegte sich Richtung Tür. „Und Dibbs?“

„Ja Sir?“

„Wehe, wenn sie wie immer das Essen massakrieren und nichts mehr für mich übrig lassen!“ Shepard schoss ihm einen warnenden Blick zu.

„Oh nein...LT, jetzt haben sie meinen Kampfgeist ruiniert.“ Dibbs‘ Gesicht wurde von seinem breiten Grinsen in zwei Hälften geteilt. „Keine Sorge, Sir. Sie werden schon noch nicht verhungern.“ Belustigt ging der Hüne auf sein Schließfach zu und hinterließ mehr Pfützen auf den makellosen Boden.

Shepard betrat endlich die Erfrischungszellen. Doch bevor er den Duschknopf betätigte, gönnte er sich einen Moment der Stille. Das Fehlen jeglicher Geräusche – wenn man das sanfte Summen der Schiffstriebwerke, das sogar das Crew Deck zu durchdringen wusste, außer Acht ließ – erfüllte sein Inneres. Shepard brauchte Fokus. Er selbst brauchte die Dinge, die er Tag für Tag seinen Männern einzuhämmern versuchte. Also riss er sich zusammen und überflutete seinen Geist mit angespannter Erwartung und Vorfreude auf die anstehende Herausforderung. Er wusste wie wichtig diese Mission war. Und nun begann er es langsam auch zu fühlen. Seine Sinne wurden schärfer...ganz im Geist des Antizipierenden.

Shepard antizipierte das eiskalte Wasser, das sich gleich seines Körpers annehmen würde. Er fühlte jetzt schon, wie es seine Poren durchdringen und sein Inneres benetzen würde. Ein perfektes Sinnbild zu seiner Mission...ein Sinnbild, das ihn reinigte...nein...läuterte. Die angenehme Anspannung, die Ruhe vor dem Sturm, belebte Shepards Geist. Es machte ihn wieder ganz, nachdem sein Traum ihn entzwei gebrochen hatte. Shepard drückte wie in Trance auf den Duschknopf und das fließend-kalte Wasser entfesselte den Sturm in ihm. Wilde Entschlossenheit und eine innere Stärke durchzogen seine Nervenbahnen. Die Zweifel waren nun abgekühlt und zersprangen in Tausend Stücke. Die Ängste fanden ein Ende. Natürlich gab es noch Überbleibsel, die hartnäckig in seinem Unterbewusstsein verweilten. Aber selbst die würde er mit der Zeit überwältigen. Mit allen erforderlichen Mitteln.
 
 
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