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Vergeltung

GeschichteDrama, Angst / P18 Slash
Angela Rizzoli Frank Rizzoli jr. Jane Rizzoli Maura Isles Vince Korsak
08.09.2015
30.05.2016
14
26.890
7
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08.09.2015 1.904
 
Kapitel 1

Der Wind war nach der behaglichen Wärme des Lokals empfindlich kühl. Jane fröstelte in ihrem Blazer. Nach der ausgiebigen Mahlzeit, für die Maura nur ein Stirnrunzeln übrig gehabt hatte, fühlte sich schläfrig. Die anstrengenden Tage, die hinter ihr lagen, forderten ihren Tribut. Sie wandte sich ihrer Freundin zu, deren Gesicht im fahlen Schein der nahen Straßenlaterne milchig weiß wirkte. Ihre Haltung war noch immer aufrecht und grazil auf den hohen Absätzen, die Jane schon beim Anschauen Schmerzen verursachten. Nur die dunklen Ringe unter ihren Augen und der Schatten um die Mundwinkel verrieten ihre Erschöpfung. Die beiden überquerten hinter einem roten Kleinwagen die Straße und blieben vor Janes Auto stehen. Nachdenklich blickte Jane zu beiden Seiten den Weg entlang, auf dem einige Fußgänger unterwegs waren.
„Jane, was ist?“, erkundigte sich Maura.
Sie machte eine wegwerfende Geste und rieb sich die Augen. „Ich bin nicht sicher. Wahrscheinlich gehen meine Nerven mit mir durch.“
„Du bist völlig erschöpft. Fahr nach Hause und schlaf dich aus.“ Maura wies mit dem Kopf auf das abgestellte Auto.
„Ja, Ma.“ Ein Grinsen huschte über Janes kantige Züge. Die Scheinwerfer blinkten für einen Moment auf, als sie mit der kleinen Fernbedienung an ihrem Schlüsselbund die Zentralverriegelung ausschaltete. Das beunruhigende Gefühl, dass ein Augenpaar im Schutz der Dunkelheit ihren Schritten folgte, verschwand jedoch nicht. Sie spürte wie sich ihre Nackenhaare aufstellten und es in ihren Fingerspitzen kribbelte. Ach was, Maura hatte Recht, sie war ganz einfach überreizt. Sie sah ihre Freundin an, die in dem schlichten dunkelroten Kleid, das ihre wohlgeformten Beine zur Geltung brachte, und dem dazu passenden kurzen Jäckchen wirkte, wie dem Titelblatt eines Modemagazins entsprungen. Ihr Blick blieb an Mauras dezent geschminkten Lippen hängen, die ein sanftes Lächeln umspielte. Das jähe Verlangen kam in ihr auf, diesen Mund mit einem liebevollen Kuss zu verschließen, doch sie vergrub es tief in sich, so wie sie es immer tat. Maura umarmte sie zum Abschied, sie war die einzige, die das durfte. Ihren gleichmäßigen Herzschlag unter dem weichen Stoff des Kleides zu spüren, jagte ihr einen heißen Schauer über den Rücken.
„Gute Nacht, Jane. Pass auf dich auf.“
„Du auch“, schaffte sie es nur zu erwidern, ehe sie sich endlich in den Autositz fallen ließ und den Motor startete. Maura winkte ihr durch die Fensterscheibe zu, ehe sie sich auf den Weg zu ihrem eigenen Wagen machte.

Frustriert manövrierte Maura ihr Auto in die Einfahrt. Sie war zwanzig Minuten lang im Stau stecken geblieben, dann hatte ein anderer Fahrer sie so geschnitten, dass sie nur um Haaresbreite einem Zusammenstoß entgangen war. Selbst ihr war es dabei schwer gefallen, die Contenance zu wahren. Den Schwall tiefster Verwünschungen, den Jane an ihrer Stelle ausgestoßen hätte, konnte sie sich lebhaft vorstellen. Sie machte sich wirklich Sorgen um ihre Freundin. Jane musste dringend zur Ruhe kommen, sie war so angespannt und überreizt, dass sie Gefahren witterte, die keine waren. Der Tod einer Dame aus den Spitzen der Bostoner Gesellschaft war nervenaufreibende Ermittlungsarbeit gewesen, auch für sie selbst und ihr Team in den Labors. Obwohl es verständlich war, dass Cavanaugh in solch heiklen Angelegenheiten schnellstmögliche Resultate verlangte, hatte sie zeitweise das Gefühl, dass er zu viel Druck auf seine Mannschaft ausübte. Jane hatte während der letzten Tage förmlich unter Strom gestanden und war kaum zur Ruhe gekommen. Genau aus diesem Grund hatte Maura darauf bestanden, keine zweite Runde Getränke mehr zu ordern, und Jane nachdrücklich heim geschickt. Selbst konnte sie es kaum erwarten, in ihren Pyjama zu schlüpfen und unter die warme gemütliche Bettdecke zu kriechen. Sie schloss das Auto hinter sich ab und ging auf die Vordertür zu. Vor den Steinstufen, die zur Haustür führten, blieb sie stehen, um ihre teure Handtasche nach dem Schlüssel zu durchsuchen. Auf einmal weckte das Geräusch von hastigen Schritten auf dem Asphalt ihre Aufmerksamkeit, doch bevor sie auch nur daran denken konnte, sich nach dem Verursacher umzudrehen, traf ein so wuchtiger Schlag ihren Nacken, dass die Welle des Schmerzes, die ihren Körper überrollte, sie fast augenblicklich benommen machte. Sie kam nicht einmal dazu aufzuschreien, als sie hilflos vorwärts stolperte und mit dem Kopf hart gegen den Treppenabsatz prallte. Dunkelheit wogte über sie hinweg.

Aufgeregt bellend zerrte Jo Friday an der Leine, kaum dass Jane das Haustor geöffnet hatte. Die kleine Hündin hatte es scheinbar sehr eilig. Draußen empfing die beiden ein lauer spätsommerlicher Abend. Die Luft roch feucht, es mochte bald regnen. Janes zottige Gefährtin ließ sich davon jedoch nicht beirren. Sie schnupperte in aller Seelenruhe an jeder Hausecke und jedem Baum, ehe sie ihr Geschäft verrichtete. Auf halbem Weg um den Block kam ihnen ein grauhaariger Mann mit einer mürrisch aussehenden Bulldogge entgegen, die von Jo Friday schwanzwedelnd begrüßt wurde.
„‘n Abend, schöne Frau“, sagte der schnauzbärtige Alte mit einem anzüglichen Grinsen zu Jane.
Sie erwiderte den Gruß und zog ihre Hündin eilig weiter. Bei den ersten paar Begegnungen hatte sie noch mit derben Bemerkungen gekontert, doch es war ihr nie gelungen, ihm sein Grinsen damit aus dem Gesicht zu treiben. Einmal hatte Maura sie auf der Gassirunde begleitet und dem alten Knacker waren bei ihrem Anblick fast die Augen aus dem Kopf gesprungen. In diesem Viertel liefen ihm bestimmt nicht oft so attraktive Frauen in stylishen Outfits über den Weg. Jane erinnerte sich lebhaft daran, wie sie sich, ihrerseits breit grinsend, bei Maura eingehakt und dem Mann insgeheim die lange Nase gezeigt hatte. Sie war gerne mit Maura unterwegs, solange sie sich nicht dazu überreden ließ, ihre Freundin zu irgendwelchen furchtbar langweiligen Veranstaltungen zu begleiten. Dass sie genau an jenem Abend früher gegangen war, als jemand ein falsches Spiel mit Maura getrieben, sie unter Drogen gesetzt und versucht hatte ihr einen Mord anzuhängen, hatte Jane lange zu schaffen gemacht. Während Maura vollkommen neben sich stehend im Verhörraum gekauert war und Korsak eine Untersuchung auf Vergewaltigung angeraten hatte, war ihr das Herz in die Hose gerutscht. Sie hatte in einem Anflug heißen Zorns die Hände zu Fäusten geballt. Es war ihr nicht gelungen Maura zu beschützen.
Jane wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als ihr Fuß sich in einem Hindernis verhakte. Sie strauchelte und fing ihren Fall gerade noch mit ausgestreckten Armen ab. Vor ihr hockte Jo Friday, über deren Leine sie gestolpert war, und schaute sie treuherzig aus ihren dunklen Hundeaugen an. Bei diesem Anblick konnte sie nicht einmal mit ihr schimpfen und beschränkte sich auf einen vorwurfsvollen Blick, während sie sich den Dreck von der Hose klopfte. Ihr linkes Knie tat weh, bestimmt würde das einen ansehnlichen blauen Fleck nach sich ziehen. Wäre Maura da gewesen, hätte sie darauf bestanden, sich das anzusehen und es wäre ihr irgendein hilfreiches Mittelchen eingefallen.
„Komm schon, Jo. Wir gehen nach Hause“, kommentierte sie missmutig in Richtung der kleinen Hündin, die folgsam neben ihr her trottete. Es war allerhöchste Zeit, diesen Tag abzuschließen.

Die Pein kehrte zurück, als Maura langsam wieder zu sich kam. Sie versuchte ihre Schläfe zu betasten, musste jedoch feststellen, dass ihre Hände gefesselt waren. Um sie herum war es dunkel und die Luft, die sie einatmete, roch staubig und abgestanden. Eine Abstellkammer oder ein Keller, vermutete sie. Selbst nachdem sich ihre Augen den mangelhaften Lichtverhältnisse angepasst hatten, konnte sie ihre Umgebung nur wage erkennen. Sie kauerte in einer unbequemen Lage auf dem Boden, die Handgelenke an ein langes dünnes Metallrohr gekettet, das möglicherweise zu einer Heizung gehörte. Ihr Körper quittierte die Bemühung, sich in eine aufrechtere Position zu bringen, mit einer Welle dumpfen Schmerzes. Wer auch immer sie an diesen Ort gebracht hatte, musste sie auch entkleidet haben, denn sie trug nur noch ihre Unterwäsche am Leib. Unwillkürlich fröstelte sie.
„Hallo?“ Ihre Stimme hallte durch die Finsternis. „Was soll das? Lassen Sie mich raus hier!“
Eine Tür wurde geöffnet und ein wenig Licht fiel über eine schmale Treppe in ihr Gefängnis herab. Oben bemerkte sie die Umrisse einer Gestalt. Dann ging die Beleuchtung an, die von einer nackten Glühbirne an der Decke stammte, und Maura schloss geblendet die Augen. Dumpfe Schritte näherten sich ihr. Als sie wieder hinsah, hockte ein junger Mann vor ihr, den sie schnell auf Mitte bis Ende zwanzig schätzte. Seine von Bartstoppeln überzogenen Wangen waren eingefallen, unter den glasigen Augen zeigten sich dunkle Ringe.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“, fragte sie, um einen festen Klang bemüht.
„Du darfst mich Jules nennen.“ Er bedachte sie mit einem abschätzigen Blick, der ihr Angst einjagte. „Ich will, dass Jane Rizzoli am eigenen Leibe erfährt, wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Mensch leidet und man einfach nichts dagegen machen kann.“
Abrupt zerrte Maura an ihren Fesseln. Das Metall der Handschellen, die am Heizungsrohr schepperten, drückte sich in ihr weiches Fleisch. „Damit kommen Sie nicht durch!“
Der Mann, Jules, lachte nur höhnisch. „Das denkst du. Sie soll bangen, hoffen und beten, aber sie wird dich nicht rechtzeitig finden.“
Er berührte ihr Kinn fast sanft, um ihr im nächsten Moment ins Gesicht zu schlagen. Schmerzerfüllt keuchte sie auf und versuchte mit ihren bloßen Füßen nach ihm zu treten. Er wich mühelos aus und hob die andere Hand, in der er ein Smartphone hielt.

Jane hatte ein paar Stunden tief und traumlos geschlafen, jedenfalls erinnerte sie sich nicht daran, etwas geträumt zu haben und das verbuchte sie als Vorteil. Ohne ihren morgendlichen Kaffee zog sie es jedoch vor, ein missgelauntes Gesicht zu ziehen, als ihre Mutter ihr die Tür öffnete.
„Morgen Ma“, brummte sie und folgte ihr zur Kücheninsel. „Wo steckt Maura? Schläft sie etwa noch?“
„Dir auch einen wunderschönen Morgen, meine reizende Tochter“, gab Angela gespielt überschwänglich zurück und reichte ihr eine Tasse frischen duftenden Kaffee. „Das nehme ich an. Als ich von meiner Schicht heimkam, brannte bei ihr kein Licht mehr, sie muss völlig erledigt gewesen sein.“
Dankbar trank Jane einen Schluck ihres Lebenselixiers und genoss das angenehme Gefühl der heißen Flüssigkeit auf dem Weg in ihren Magen. Nachdem der sich der Kaffee ausreichend in ihrem Körper verteilt hatte, ging sie zur geschlossenen Schlafzimmertür, vor der Bass mit eingezogenem Kopf auf dem Boden kauerte. Sie klopfte und lauschte angestrengt, ob sich dahinter etwas tat. Doch alles blieb still. Nach einem weiteren erfolglosen Versuch drückte sie die Klinke hinunter und linste vorsichtig in den Raum.
„Maura?“
Ihre Freundin war nicht da. Stirnrunzelnd betrachtete Jane das fein säuberlich gemachte Bett, das nicht wirkte, als wäre es in der letzten Nacht benutzt worden. Am Kopfende lag ordentlich zusammengefaltet einer von Mauras Seidenpyjamas.
„Oh“, bemerkte Angela, die ihr neugierig über die Schulter linste. „Dann ist sie gestern wohl noch ausgegangen. Hat sie dir nicht erzählt, dass sie noch irgendwo hin wollte?“
Jane ließ die Szene auf der Straße vor ihrem Auto in ihrem Geist Revue passieren und schüttelte schließlich verwirrt den Kopf. „Sie war müde und wollte ebenfalls nach Hause, um sich schlafen zu legen.“
Alarmiert zog sie ihr Handy vom Gürtel und wählte Maura an, noch nachdem sie geduldig dem Freizeichen gelauscht hatte, meldete sich nur die Mailbox mit der Tonbandstimme ihrer Freundin. Während sie weiterhin versuchte, sie mit dem Telefon zu erreichen, lief sie hinaus zum Auto, das abgesperrt an seinem Platz stand. Auf einmal hörte sie leise die vertraute Melodie von Mauras Klingelton. Aufgeregt folgte sie dem Klang und stieß auf etwas, das ihr zuvor entgangen war. Neben den zur Eingangstür führenden Steinstufen lag Mauras Markenhandtasche auf dem Boden. Als sie sich danach bückte, bemerkte sie am Rand der untersten Stufe einen dunklen eingetrockneten Fleck, den ihre Freundin sicherlich als unbekannte rötliche Substanz tituliert hätte. Es war Blut, daran bestand kein Zweifel.
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