Zwei Welten, Eine Familie

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Ahkmenrah Attila der Hunne Jedediah Smith Larry Daley Sacagawea Theodore Roosevelt
08.09.2015
08.09.2015
1
3.872
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
08.09.2015 3.872
 
A/N: Gleich mal vorneweg, ich mochte Nachts im Museum 3 sehr gerne. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich mit dem Ende nicht ganz zufrieden war. Attila, Ahkmenrah und Sacagawea kamen für mich ein wenig zu kurz. Daher nun meine Version, wie die Szene auf dem Dach des Theaters auch hätte ausgehen können, und wie es danach mit den Exponaten und Larry weitergeht. Von der Idee abgesehen, gehört mir natürlich nüscht und die kurze Unterhaltung des Pharaos sowie der anderen Exponate mit Larry (bevor Ahk eingreift) ist aus dem Film.


Zu behaupten, dass es ihm nicht gut ging, wäre wohl die Untertreibung der Nacht gewesen. Ahkmenrah spürte, wie er von innen heraus verrottete und wenn sein restlicher Körper genau so schlimm aussah, wie das, was er von seinen Händen und Armen sehen konnte, war klar zu erkennen, dass sie alle keine zehn Minuten mehr haben würden, bis die Tafel ihre Magie für immer verlor.
Ein heftiger Stich in der Magengegend ließ ihn fast zusammensacken, wäre da nicht das Geländer des Theaterdaches gewesen, das ihm noch halt bot. Der junge König vermutete stark, dass er sich bereits mehrfach übergeben hätte, würde er noch über jeglichen Mageninhalt verfügen.
Er konnte nur erahnen, wie es seinen Freunden ging. Es war als hätte sich ein Nebel über sein nicht existierendes Gehirn gelegt und zu seiner Bestürzung stellte er fest, dass sein Sehvermögen rapide abnahm.
Vage konnte er die Stimmen von Larry und des selbstverliebten Ritters ausmachen, wie auch immer er nochmal heißen mochte. Soweit Ahkmenrah verstehen konnte ging es wohl um geschmolzene Nasen; ihm fiel es zunehmend schwerer sich auf das gesprochene Englisch zu konzentrieren, während er sich verzweifelt darum bemühte, nicht zu sterben. Aber es wäre wohl zu viel von Larry verlangt gewesen, bitte auf Alt-Ägyptisch zu sprechen.
Eine weitere Schmerzwelle durchfuhr seinen Körper, heftiger als zuvor, und es kostete Ahkmenrah all seine Selbstbeherrschung, nicht laut aufzustöhnen. Es musste etwas geschehen. Schnell. Er bekam zwar nicht alles mit, aber ihn beschlich das Gefühl, dass Larrys Bemühungen, den Ritter zur Vernunft zu bringen, unfruchtbar waren.
Er musste die Initiative ergreifen. Immerhin, er war ein Pharao, ein König und von Königen wurde verlangt, dass sie auch in heiklen Situationen einen kühlen Kopf bewahrten.
Besagter Pharao versuchte tief und gleichmäßig zu atmen, die Schmerzen und seine offensichtliche Verwesung zu ignorieren. Er ließ seinen deutlich getrübten Blick zu seinen Freunden schweifen. Teddys Arme und wer weiß, was sonst noch waren schon zu hartem unnachgiebigen Wachs geworden und Sacagawea schien momentan nur noch Gedanken für ihren arg mitgenommenen Präsidenten zu haben. Zumal sie dazu neigte, plötzlich für unterschiedlich lange Zeit zur Statue zu werden.
Attila hingegen. Gut, sein eines Auge ließ sich nicht mehr bewegen, aber er schien noch am ehesten im Vollbesitz seiner Kräfte zu sein. Es könnte funktionieren. Der Ritter mit dem starken britischen Akzent war gerade abgelenkt.
Ahkmenrah holte tief Luft (selbst das tat inzwischen weh – und er hatte nicht einmal Lungen), und hielt sich noch etwas krampfhafter am Geländer fest, während er seine Hunnisch-Kenntnisse zusammen kramte.
Attila“, presste er hervor
Der Hunnenkönig sah augenblicklich zum verwesenden Pharao hinüber, als er seine Muttersprache vernahm. Ahkmenrah zuckte kurz mit seinem Kopf in die Richtung, wo Larry und der Ritter nach wie vor über Nasen debattierten.
Schnapp' Dir den Trottel
In jeder anderen Situation hätte der altägyptische König seine Mitmenschen respektvoller tituliert, aber dazu waren seine Angst und die Schmerzen zu groß und die Tatsache, dass sich der Ritter alles andere als kooperativ verhielt half auch nicht gerade.
Attila schien jedoch zu verstehen.
Es war beeindruckend wie leise und unauffällig sich ein Hunne von seinem Format die Treppe runter stehlen konnte. Andererseits war er immerhin ein erfahrener Krieger; er wusste, wie er sich verhalten musste. Kurz darauf blieb er stockend stehen und wandte sich zu Ahkmenrah mit einer Angst in seinen Augen, die gar nicht zu dem lauten und gewalttätigen König passte.

Oh bitte nicht jetzt, flehte der Pharao zu allen Göttern, die ihm einfielen, während er sich bemühte, seine zitternden Gliedmaßen unter Kontrolle zu bringen, die mittlerweile eine interessante Farbkombination aus lila und aschgrau angenommen hatten.
Er fixierte Attila so gut es eben ging, wenn das eine Auge schon vollständig erblindet war.
Der Hunnenkönig kennt keine Angst“, flüsterte Ahkmenrah mit einer Ruhe in der Stimme, die er nicht im geringsten fühlte.
Aber es wirkte.
Die Angst im Gesicht des Hunnen wurde durch den altbekannten aggressiv-herausfordernden Blick ersetzt, den seine Freunde so gut kannten.

„NIEMAND BLICKT AUF MEINE NA-“, konnte Lanzelot noch ausrufen, bevor ein lauter Kriegsschrei ihn zum verstummen und ein mächtiger, asiatisch anmutender Mann ihn zu Fall brachte. Sowohl sein Schwert als auch die Tafel fielen dem Ritter aus den Händen, während er versuchte, sich von seinem sehr gewichtigem Angreifer zu befreien.

Larry, zwar geschockt von dem plötzlichen Angriff, war geistesgegenwärtig genug, das Schwert in Richtung Treppe zu treten, weit entfernt von Lanzelot, sollte dieser wieder auf die Beine kommen. Er wollte sich gerade umdrehen, um auch die Tafel aufzuheben, musste jedoch feststellen, dass Sacagawea ihm bereits zuvorgekommen war. Mit flinken Fingern drehte sie alle Komponenten der Tafel in ihre richtige Position und hielt sie dem Mond entgegen, kurz bevor sie jegliches Leben verließ.

Jedediah hatte nicht die leiseste Ahnung, was Ahk Attila nun eigentlich zugerufen hatte. Als der Hunnenkönig sich mit einem Aufschrei auf Lanzelot stürzte, konnte er sich jedoch zusammenreimen, was König Tutenstein gewollt hatte. Octavius und der Cowboy mussten sich gut an der Fellkante von Attilas Helm festklammern, um nicht über Bord zu gehen.
Der Ritter tat sein bestes, den Angreifer loszuwerden, aber auch er musste sich eingestehen, dass es gute 300 Pfund Hunnenkönig (Rüstung mit eingerechnet) ganz schön in sich hatten.

Jedediah sah seine Stunde zur Rache gekommen und wandte sich an seinen römischen Kumpel.
„Na los, klemm dir deine Stola unter'n Arm und dann zeigen wir diesem eingedosten Outlaw, mit wem er sich angelegt hat.“
Indigniert deutete der römische General auf seinen Umhang und entgegnete entrüstet: „Das, du pferdeverliebter Plebejer, ist das Sagum eines sehr männlichen Offiziers, bei Jupiter! Ich darf wohl um etwas mehr Respekt vor der traditionsreichen -“
„Ja, ja, das ist 'n Sagum und das ist ein Nachthemd“ Der Cowboy deutete auf Octavius Robe.
„Tunika!“
„Meinetwegen. Kommst du nun?“
Damit sprangen die beiden Anführer auf die Rüstung Lanzelots und mussten sich kurz darum bemühen, ihr Gleichgewicht zu halten, denn der Ritter kämpfte immer noch gegen Attila an.
„Na, Goldlöckchen? Jetzt bist du nicht mehr so groß und mächtig, he?“
„Selbst deine erstaunlich blauen Augen konnten dich nicht vor dem gerechten Zorn der Götter bewahren“, setzte Octavius hinterher.
„Stimmt doch“, zischte der Römer, als er Jedediahs ungläubigen Blick bemerkte.
„Starrt nicht auf meine Nase!“, beharrte der Ritter, als er die beiden Miniaturen sah, „Ich bin Lanzelot! Ich … ich -“
Vielleicht lag es daran, dass Attila sein bestes tat, um ihm die Innereien aus dem Leib zu drücken, aber für den Cowboy klang es fast, als wäre er den Tränen nahe.
„Du kapierst es nicht, oder Homo Idioticus? Lanzelot ist genau so echt, wie der Metallfrosch im Museum!“, Jed klang für seine Verhältnisse fast schon mitfühlend.
„Aber ich bin echt!“
„Du bist 'ne verdammte Wachsfigur, Django! König Tutensteins Tafel ist der einzige Grund, weshalb du rumrennen konntest, wie ein tollwütiger Kojote!“
„Und das auch nur für die Nacht.“, fügte Octavius etwas ruhiger hinzu. Hier war die römische Diplomatie und die Souveränität eines Offiziers vonnöten.
Was?
„Ihr habt richtig gehört, Soldat. Die Magie der Tafel kann nur in der Nacht ihre Macht entfalten, tagsüber widmet sich jeder von uns der überaus noblen Aufgabe, die nachwachsende Generation zu belehren und ihr als Vorbild zu dienen“
Lanzelot hörte tatsächlich auf gegen Attila anzukämpfen.

Als eine neue Schmerzwelle den Pharao diesmal auf die Knie zwang, fürchtete er schon, dass Attila zu langsam gewesen war. Inzwischen war auch schon sein zweites Auge blicklos geworden und seine Haut spannte sich so straff über seine Wangenknochen, dass es ihn nicht überrascht hätte, wenn sie dort Risse bekommen hätte. Ahkmenrah war sich sicher, den Ritter, dessen Name ihm immer noch nicht einfallen wollte, aufschreien gehört zu haben. Es war ihm jedoch unmöglich, zu sehen, was dann vor sich ging; nun konnte er nur noch seinen Freunden vertrauen und so gleichmäßig wie möglich atmen.

Es schien einige wenige Sekunden zu dauern, bis die Tafel das Mondlicht registriert zu haben schien. Dann allerdings begannen die Schriftzüge golden aufzuleuchten und nach und nach folgte auch der Rest der Tafel. Der plötzliche Ausstoß an Magie, mit der sich die Tafel von der Korrosion befreite schien einer warmen Welle gleichzukommen, vom Gefühl her einem tropischen Regenschauer nicht unähnlich, der über alle hinweg wusch.

Dexter, der eben noch zusammengerollt dagelegen hatte, rappelte sich putzmunter wieder auf und sprang Larry an, in einem Versuch ihn zu umarmen.
Theodore Roosevelt und Sacagawea spürten wieder, wie Leben in ihre erstarrten Gliedmaßen floss, und rannten aufeinander zu, um sich in die Arme zu fallen.
Nicht anders ging es Attila, Jedediah und Octavius, die wenn auch nur kurz, leblos auf einem erschüttertem Lanzelot zusammengesackt waren (jener hatte davon allerdings nicht allzu viel mitbekommen). Der Hunnenkönig richtete sich wieder auf, nahm den Römer und den Cowboy auf seinen Hut (Jed brüllte laut „Wir sind wieder da, Baby!“), klopfte sich kurz den ledernen Panzer ab und half sogar dem verwirrten Ritter auf die Füße.
Ahkmenrah sog scharf die Luft ein, die er nun wieder in der Lage war zu atmen und war noch nie so erleichtert, sein Herz wieder schlagen zu spüren. Nachdem sich kurz darauf der Rest seines Körpers wieder hergestellt hatte, starrte er in freudiger Erleichterung auf die Szene die sich ihm bot. Von dem Ritter einmal abgesehen, Lanzelot hieß er!, nun fiel es ihm wieder ein, lagen sich alle Exponate, der Wächter von Brooklyn und dessen Sohn irgendwie in den Armen. Die Schoschonendame, schien die Tafel gar nicht zu bemerken, die sie immer noch unterm Arm geklemmt hatte.
Der Abstand zwischen ihm und den anderen war schnell überwunden und bald schon wurde der junge Pharao von Attila beinahe erstickt, als dieser ihm in einen Würgegriff packte, den er noch als Umarmung identifizieren konnte.
Larry löste sich schnell aus der Gruppe und ging hinüber zu dem Ritter, der trotz strahlender Rüstung und protzigem Schwert einen sehr verlorenen Eindruck machte.
„Hey“, begann der Nachtwächter etwas beklommen, „alles klar?“
Lanzelot sah ihn nicht an; er schien es zu bevorzugen, dramatisch dem Nachthimmel entgegen zu starren.
„Es ist vorbei“, setzte er schließlich an, „die Suche hat ein Ende gefunden.“
Larry entschloss sich, noch eine Weile erwartungsvoll zu schweigen. Er konnte daraus immer noch keine sichere Aussage darüber ziehen, ob Lanzelot nicht doch noch in einem Akt von Wut und Verzweiflung versuchen würde, ihnen mit seinem Schwert eins überzubraten. Nicht dass es ratsam gewesen wäre, in Anbetracht der Tatsache, dass nun alle wieder im Vollbesitz ihrer physischen und geistigen Kräfte waren.
Nun entschloss sich der Ritter endlich ihm ins Gesicht zu gucken, und der Nachtwächter war erleichtert, in seinen Augen zumindest keinen Zorn zu finden.
„Ich habe euch unterschätzt. Euch alle. Ihr habt wahrlich mutige Abenteurer an Eurer Seite, die selbst mit ihren letzten Atemzüge noch versuchen, eine ausweglos erscheinende Schlacht für sich zu gewinnen. Dafür könnt Ihr euch meiner Hochachtung versichern.“
„Wow, danke, Kumpel, ich -“, begann Larry geschmeichelt.
„Ich bin noch nicht fertig!“, fuhr der blonde Ritter mit leicht erhobener Stimme fort, „Weiterhin möchte ich Euch um Verzeihung bitten. Ich habe den Sinn Eurer Suche missverstanden und mich wie ein unwürdiger Knappe verhalten. Es ging nie um die Tafel, vielmehr um das Leben Eurer Freunde. Freundschaft nebst Liebe ist eines der höchsten Güter für die ein Mann kämpfen und für die es sich zu kä- Hört auf, auf meine Nase zu starren!“
„Ich hab doch nicht – es ist nun mal verdammt schwer, nicht dorthin zu gucken!“, gab Larry zu. Es hatte ihn gefreut zu hören, dass Lanzelot keine Feindschaft bis in alle Ewigkeit schwor, aber das herumhängende Stück Wachs beanspruchte definitiv zu viel von seiner Konzentration.
„Erlaubt mir“, bat Sacagawea mit einem leisen Lächeln auf dem Lippen und begann, Lanzelots Nase wieder in ihre ursprüngliche Form zu bringen. Jener befühlte kurz darauf das fertige Ergebnis, bevor er sich ihr zuwendete.
„Ihr versteht Euer Werk. Habt Dank, holde Maid.“ Die Indianerin kicherte kurz, als er ihr Hand küsste und ging wieder zurück zu ihrem Teddy.
Munter klatschte Larry in die Hände und blickte in die Runde fröhlicher Exponate.
„Na dann. Zeit, euch wieder ins Museum zurückzubringen.“



Larry, Nicky und die übrigen Exponate (minus Lanzelot) hatten sich in der ägyptischen Ausstellung des Britsh Museum eingefunden. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass sie noch fünfzehn Minuten bis Sonnenaufgang hatten. Der Nachtwächter sah mit einem warmen Gefühl im Magen zu, wie Ahkmenrah seiner Mutter aufgeregt von ihrem nächtlichen Abenteuer berichtete, die ihm mit erstaunt-bewunderndem Blick zuhörte. Er freute sich sehr darüber, den jungen König zu seinen Eltern gebracht zu haben. Während er Mutter und Sohn beobachtete, fragte er sich unwillkürlich, wie alt Ahk zum Zeitpunkt seines Todes war. Er kam Larry noch nie so jung vor wie jetzt.
Er sprang beinahe aus seinen Schuhen, als er plötzlich Ahkmenrahs Vater Merenkhare neben sich stehen sah. Der alte Pharao hatte seinen Schweig-Bauer-ich-habe-etwas-wichtiges-zu-verkünde-Blick aufgesetzt, den Larry einige wenige Male bei Ahk gesehen hatte und leicht besorgt fragte er sich, ob Merenkhare doch noch von ihm verlangen würde, seinen Stab zu küssen.
Er hatte nicht mit der Dankbarkeit gerechnet, die in den Augen des älteren Mannes aufblitzte.

„Vielen Dank, dass du meinen Sohn unversehrt zurückgebracht hast.“, sagte er im förmlichen Tonfall. Mit einem Seitenblick zu Ahkmenrah, der immer noch mit seiner Mutter sprach, fügte er hinzu: „Es ist sonderbar. Wenn der eigene Sohn zum Mann reift.“
„Ja. Es ist verrückt“, bestätigte Larry und sah zu seinem eigenen Sohn, dem gerade von Attila anerkennend auf die Schulter geklopft wurde. Leicht wehmütig fuhr er fort: „Da reiten sie auf einem Dinosaurier durch den Central Park – und in der nächsten Sekunde sind sie DJ auf Ibiza.“
Merenkhare öffnete kurz den Mund, ihm schien jedoch nichts passendes einzufallen, was er darauf erwidern könnte. Der Nachtwächter musste kurz schmunzeln, als er realisierte, wie sein Statement auf den altägyptischen Pharao gewirkt haben musste, der noch wenig von der modernen Welt oder von Dinosauriern mitbekommen hatte.
Stattdessen schlug der alte Herrscher wieder den königlich-förmlichen Tonfall an, als er erneut ansetzte.
„Treu dientest du meiner Familie. Du wirst ein großartiges Grabmal und reiche Beigaben erhalten. Ich persönlich veranlasse, dass deine Organe entnommen und in juwelenbesetzte Behältnisse gelegt werden.“
„Danke“, war das einzige, was Larry auf diese Verkündung erwidern konnte. Merenkhare legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter und schenkte ihm sein erstes Lächeln, bevor er zurück zu seiner Frau und seinem Sohn stolzierte.

„Dann sind wir uns also einig“, schloss Theodore Roosevelt, bevor er sich an Larry wandte.
„Könnte ich Sie kurz sprechen, Lawrence?“, fragte er höflich. Der Angesprochene zuckte mit den Schultern, unschlüssig, was er zu erwarten hatte.
Die anderen und ich haben uns beraten“, fing der ehemalige Präsident an.
„Ahkmenrahs Platz ist hier. Bei seiner Familie. Er muss hierbleiben“, fuhr Octavius fort.
„Und die Tafel sollte bei ihm bleiben“, beendete Teddy den Satz.
„Da wo sie hingehört, Gigantos“, fügte Jed hinzu.
Larry blickte seine Freunde ungläubig, wenn auch gerührt über das Angebot, an.
„Aber dann … dann müsstet ihr auch hierbleiben.“
„Wir gehören nach New York“, erwiderte Sacagawea einfühlsam. Der Nachtwächter hatte offenbar noch nicht verstanden. Vielleicht wollte er auch nicht verstehen.
„Ja, aber wenn ihr … wenn ihr geht dann … -“, Larry rang nach Worten, um ihnen die Situation begreiflich zu machen, „dann werdet ihr nachts nicht mehr zum Leben erwachen.“
„Wir sind Ausstellungsstücke, Laredo. Ist nun mal so.“, erinnerte ihn Jedediah.
Die brutale Einfachheit, die in dem Satz steckte, raubte Larry für einen Moment die Sprache. Er hatte sich so an sie gewöhnt, er würde jeden einzelnen als einen guten Freund bezeichnen. Und doch. Im Grunde war keiner von ihnen wirklich echt. Von Ahkmenrah einmal abgesehen, aber genau genommen war auch er seit 4000 Jahren tot. Es war leicht, diese Tatsache zu vergessen, wenn man jahrelang Nacht für Nacht in dieser Gesellschaft verbrachte.
War es nicht irgendwie bezeichnend für den Nachtwächter, dass die einzigen Leute, die er wirklich seine Freunde nennen würde, allesamt Exponate des Naturkundemuseums waren?

„Die Leute kommen her, sehen uns an. Lernen vielleicht sogar was. Das ist ein Leben, Mann“
Der Cowboy konnte sehr einfühlsam sein, wenn er wollte. Ein Aspekt seiner Persönlichkeit, der sowohl Larry als auch Octavius jedes Mal aufs Neue überraschen konnte.
„Aber ich .. ich muss doch für euch sorgen“
„Das haben Sie“, versicherte Teddy mit feuchten Augen, „es ist in Ordnung, Lawrence. Wir sind bereit“
Der Nachtwächter schluckte kurz. „Ich aber nicht“

„Das musst du auch nicht, Larry“

Der angesprochene Mann und sämtliche Exponate wirbelten herum. Niemand hatte mitbekommen, dass Ahkmenrah herangetreten war und die Konversation verfolgt hatte. Nun übernahm der junge König das Wort.
„Meine Freunde, ich bin über die Maßen gerührt über das Opfer, das ihr zu bringen mehr als bereit seid. Dass ich meine Familie wiedersehen durfte, ist bereits mehr als ich je zu hoffen gewagt habe, und dafür bin ich dir Larry, Wächter von Brooklyn sehr dankbar.“ Er neigte kurz den Kopf in Richtung Nachtwächter.
„Aber ich fürchte, die Entscheidung hierüber obliegt weder euch noch mir. So nobel euer Angebot auch ist und so sehr ich auch versucht sein mag, es anzunehmen, so habt ihr ein kleines, jedoch sehr wichtiges Detail unbedacht gelassen.“
An dieser Stelle zog der Pharao eine kurze Grimasse, als müsste er etwas zugeben, was ihm herzlich zuwider war.
„Die Tafel und ich gehören dem National History Museum ebenso wie jeder von euch. Es ist unwahrscheinlich, dass meine Abwesenheit unbemerkt bleiben würde.“
„Wenn dir so viel daran liegt, könnte ich es bestimmt irgendwie arrangieren, dass du hierbleiben kannst“, wagte Larry vorzuschlagen. Ein fast schon entschuldigender Ausdruck trat in Ahks Gesicht.
„Ich möchte nicht wagen, dich zu beleidigen, aber du bist der Museumswächter, nicht der Direktor. Ich fürchte, dein Wort wird bei den dortigen Obrigkeiten keinen so hohen Wert haben wie bei uns. Dass du es überhaupt geschafft hast, uns hierher zu bringen, grenzt fast schon an ein Wunder.“

Der ältere Mann hielt inne, um Ahkmenrahs Worte abzuwägen. Der junge Pharao hatte damit nicht ganz Unrecht. Wäre Doktor McPhee nicht gewesen, er hätte es nie durch kriegen können, dass der junge König samt Tafel das Museum verlässt. Selbst der jetzt ehemalige Direktor hatte, ob des Vorschlags, eine kleine Szene geschmissen und nur nach viel gutem Zureden widerwillig sein Einverständnis gegeben. Nun war es vermutlich allgemein bekannt, dass McPhee entlassen worden war und wer auch immer seine Nachfolge antreten wird, würde bestimmt nicht das nötige Mitgefühl aufbringen, zwei der wertvollsten Exponate des Naturkundemuseums mir nichts, dir nichts dem British Museum zu überlassen. Zumal diese schon Ahkmenrahs Eltern bekommen hatten. Wie er es auch drehte, er kam nicht umhin, dem ehemaligen Herrscher Ägyptens zuzustimmen.

„Und außerdem“
Die sanfte Stimme des Pharaos riss Larry aus seinen Überlegungen. Ahkmenrah blickte jetzt die Gruppe der unschlüssig herumstehenden Exponate an.
„Habe ich euch als loyale, mutige Freunde zu schätzen gelernt. Das Ziel unserer Expedition war es, die Magie der Tafel zu bewahren, damit wir alle weiterleben können. Jeder von euch hat viel dafür riskiert und ich würde es nicht als gerecht empfinden, mein Wohlergehen über das eurige zu stellen und euch alleine ziehen lassen.“
„Kannst du endlich damit aufhören, ich heule sonst noch wie ein Kojote!“, brüllte Jed mit schwankender Stimme von Attilas Helm aus. Octavius hätte es zwar etwas diplomatischer formuliert, aber im Grunde stimmte er mit Jed überein. Teddy und Sacagawea schwiegen beide, hielten sich aber an den Händen und auch ihre Augen glänzten verdächtig.

Ahk entging dies nicht und so wandte er sich an seine Eltern, die die ganze Zeit über gespannt den Worten ihres Sohnes gelauscht hatten. Bestürzung und Stolz mischten sich im Gesicht Shepseherets, während Merenkhare seine Gesichtszüge etwas besser unter Kontrolle hatte. Doch eine gewisse Traurigkeit war auch in seinen Augen deutlich zu erkennen.
„Mutter, Vater. Ich hoffe, ihr zürnt mir nicht, ob meiner Entscheidung. Ich bin erfüllt von Glück, euch noch einmal sehen zu dürfen, aber -“
„Mein Sohn“, unterbrach der ältere Mann den jüngeren, „ein guter Pharao steht für sich und seinen Namen vor seinem Volk ein. Er lässt die Belange seiner vielen Untertanen nicht seinen Geist verwirren und sein Urteilsvermögen trüben. Er erkennt, dass er als Gesandter der Götter die wichtigste Stellung in seinem Reich inne hat und diese zu vertreten bereit ist.“ Der altägyptische König legte hier erst eine dramatische Pause ein, ehe er fortfuhr.
„Ein weiser Pharao erkennt, dass auch er ein Mensch ist und als solcher über ein Herz verfügt, auf das zu hören seine oberste Pflicht ist, will er sich und seinem Volk zum Gedeihen und zu Frieden verhelfen.“
An dieser Stelle legte Merenkhare seinem Sohn eine väterliche Hand auf die Schulter, bevor er fortfuhr: „Gib gut auf dein Volk acht. Ich könnte nicht stolzer auf dich sein.“

Larry, Nicky und die Exponate beobachteten gerührt, wie die Familie sich in den Armen lag, bevor sich jeder sammelte, der alte Pharao allen eine gute Reise wünschte und die Gruppe sich auf den Weg zurück in die Lagerhalle des Museums machten, um rechtzeitig in der Transportbox zu sein, bevor die Sonne aufging (Larry musste all seine Überredungskünste aufbieten, um Laa von Tilly wegzubekommen, offenbar hatte er einen Narren an ihr gefressen).

Als sich der Morgen übers Land erstreckte, waren die Ausstellungsstücke sowie Larry und Nicky im Flugzeug auf dem Weg nach New York, wobei der Nachtwächter noch eine kurze Konversation mit seinem Sohn über eventuelle berufliche Zukunftsperspektiven hatte. Ibiza schien für den Teenager wohl etwas an Glanz verloren zu haben.


Dr. McPhee durchstreifte die ägyptische Ausstellung in einem letzten Kontrollgang, kurz bevor das Museum schloss. Es war edel von dem Nachtwächter gewesen für ihn in die Bresche zu springen, damit er seinen Job als Direktor wieder aufnehmen konnte. Der neue Nachtwächter, wen auch immer er da noch einstellen würde, hatte große Fußstapfen auszufüllen, das war sicher.
Nachdem er sich versichert hatte, dass sich keine naseweisen Kinder in den Ecken versteckten, um den Sarkophag zu öffnen, warf er noch einen prüfenden Blick auf die Uhr (18.32), bevor sein Blick an der goldenen Tafel hängen blieb.
Unwillkürlich musste er an die Worte von Mr. Daley denken, als dieser vor einigen Tagen sein Büro besucht hatte. McPhee lächelte. Der Nachtwächter und seine blühende Fantasie. Er konnte es ihm nicht verdenken. Wenn er Nacht für Nacht hier verbringen würde, würde er sich wahrscheinlich auch solche verrückten Geschichten ausdenken, um die Zeit schneller verstreichen zu lassen.
Der Direktor drehte dem Sarkophag und der Tafel den Rücken zu, um sich zum Ausgang und nach Hause zu begeben. Er war noch nicht bei den schakalköpfigen Wächtern angekommen, als ihn ein leicht zischendes Geräusch inne halten ließ, gefolgt von dem Gefühl als würde eine Welle über ihn hinweg spülen. Es hatte etwas merkwürdig belebendes.
Mit gerunzelter Stirn drehte er sich dem Sarkophag zu.

„Verzeihung, wären Sie so freundlich, die Steinplatte etwas beiseite zu schieben?“

Dr. McPhee begann sich aus seiner Starre zu lösen, als plötzlich sein Handy in der Hosentasche zu klingeln begann. Das Display leuchtete auf und zeigte den Namen des Anrufers an.

Nachtwächter Daley
Review schreiben