Verloren im Feuer

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 Slash
08.09.2015
10.05.2017
23
211923
24
Alle
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Dieses Kapitel
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❖   VERLOREN IM FEUER   ❖
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Genre

Drama ❖ Abenteuer ❖ Fantasy ❖ LGBT Romance

Warnungen
MxM ❖ FxF ❖ Sex ❖ Gewalt
(siehe Kapitelangaben
oder VerlorenImFeuer.de)

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Kapitel 1 - Menschenhändler
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„Val. Es ist soweit."

Valion wandte sich zu seiner Mutter um und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann brachte er doch nur ein Nicken zustande. Er griff nach dem kleinen Bündel, das einige wenige Dinge enthielt, die er besaß, vor allem Kleidung, und sah sich verloren in der winzigen Kammer um, die er nun vielleicht nie wieder sehen würde. Die Nachmittagssonne, die schräg durch das kleine Fenster an Südseite des Hauses fiel, warf Streifen hellen, goldenen Lichtes in den Raum, der nicht viel mehr enthielt als ein schmales Bett und einen alten Schrank. Jetzt, da er alles zurücklassen musste, konnte er sich kaum losreißen.

Seine Mutter, die bisher an den Türrahmen gelehnt hinter ihm gestanden hatte, trat einen Schritt auf ihn zu und ergriff sanft seinen Arm. Das Licht ließ ihr aschblondes Haar aufleuchten und gab ihr für einen Moment die Gestalt eines Engels, trotz ihrer schrecklichen Verletzungen und ihrer müden, verweinten Augen, die so besorgt blickten. Er hatte sie noch nie so gepeinigt gesehen, und trotzdem rang sie sich ein Lächeln ab, nur für ihn – in diesem Moment liebte er sie noch mehr als sonst. Er konnte nicht anders, er drückte sie fest an sich und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter. Hilflos hob sie die Arme und umarmte ihren einzigen Sohn.

Valion fühlte wie Tränen in seinen Augen brannten, und am liebsten hätte er etwas gesagt, um sie zu trösten. Zum Beispiel, dass alles gut würde. Dass er nicht für immer fort war. Aber es waren Lügen, und deshalb tat er es nicht. Sie hatte schon genug geweint, während sein Vater getobt hatte. Aus voller Kehle hatte er geschrien, dass er ihn notfalls anketten würde wie einen tollen Hund, dass er ihm beide Beine brechen würde und ihm zum Krüppel machen würde, aber nicht gehen lassen. Natürlich hatte er es nicht wahr gemacht.

Seine Mutter schob ihn sanft von sich und strich über seine sommersprossigen Wangen und durch das dichte blonde Haar, das er ebenso von ihr geerbt hatte wie seine ernsten, graublauen Augen. Sie lächelte unter Tränen und sagte: „Du bist so gewachsen in letzter Zeit... und so dünn geworden. Iss' ordentlich, verstanden? Sie werden dir bestimmt mehr zu Essen geben als wir das können." Einen Moment lang wollte er protestieren, aber dann entschied er sich anders. Sie versuchte ihn abzulenken, deshalb antwortete er nur gehorsam: „Ja, Mutter", und küsste vorsichtig ihre geschwollene Wange.

„Los jetzt. Wir können es nicht länger hinauszögern.", sagte sie und wandte sich zur Tür. Im Rahmen verharrte sie noch einmal kurz, blickte zu ihm zurück und sagte leise: „Was immer dein Vater sagt, ich bin stolz auf dich." Dann wandte sie sich schnell ab, straffte die Schultern und ging langsam und unsicher voraus, die alten, ausgetretenen Holzstufen hinunter ins Erdgeschoss und aus der bereits offenen Eingangstür hinaus. Er folgte ihr langsam, in Gedanken versunken, sein dürftiges Bündel geschultert. Schaffst du es? fragte er sich selbst. Ja. Die Antwort aus seinem Inneren war selbstsicherer, als er sich eigentlich fühlte. Wenn ich muss, fügte ein zögerlicher Teil seiner selbst hinzu. Wenn es wirklich nicht anders geht.

Am Fuß der Treppe angekommen schweifte sein Blick über die karge Einrichtung ihrer Hütte; hinauf zu dem Dach, das eigentlich schon lange neu gedeckt gehörte, über die grob gezimmerten Möbel, bis zu dem Boden aus fest gestampfter Erde. Er wollte sich alles einprägen, nie vergessen, dass er von hier kam. Es hieß, dort wo er hinging würde unermesslicher Reichtum herrschen. Umso wichtiger schien es ihm, jetzt noch einmal alles genau zu betrachten. Er wusste, dass sie lange Zeit unter den Armen die Reichsten gewesen waren. Seine Familie war lange von Kummer und Leid verschont geblieben. Und doch waren sie alle, jeder in seinem kleinen Heimatdorf, nach den Maßstäben dieser anderen, reicheren, prachtvollen Welt die niedersten aller Menschen.

Ich bin hier zu hause, dachte Valion, egal wo ich jetzt hingehe.

Dann trat er durch die Tür hinaus in den Schein der tiefstehenden Sonne.

Das ganze Dorf war auf den Beinen, die Feldarbeit ruhte heute ungewöhnlich früh. Während Valion ohne Hast den schmalen Weg von ihrem Haus zur Mitte des Dorfes entlang schritt, wurde er unablässig beobachtet. Männer und Frauen standen in Gruppen beieinander oder starrten aus den Fenstern ihrer Häuser. Selbst die Kinder spürten, dass etwas Ungewöhnliches geschah; sie saßen bei ihren Eltern, klammerten sich an die Röcke ihrer Mütter, oder hatten sich in den Schatten der Hütten zurückgezogen. Auf dem großen Platz, umringt von Wächtern, standen die Wagen der Menschenhändler.

Alle warteten.

Wenn Valion ehrlich war, konnte er es niemandem verübeln. Die wandernden Menschenhändler, die niemand so zu nennen wagte, kamen nicht oft in diesen Teil der Welt. Seine Mutter hatte ihm in knappen Worten erklärt, warum: Zu viele schmutzige, hungrige Kinder. Zu viele Krankheiten, zu viele Unfälle bei der Arbeit. Alles, was die einfache Lebensart mit sich brachte war genau das, was diese Männer an einem Protegè nicht sehen wollten. Protegè war das Wort, das sie gebrauchten, wenn sie die Menschenmassen durchkämmten, mit einem taxierenden Blick, wenn sie nach einem schönen Gesicht, einem makellosen Körper suchten. Sklaven, das war das Wort, den sich die Menschen heimlich zuflüsterten. Sie suchen Sklaven.

Diese Gruppe von Menschenhändlern war vor einem Tag eingetroffen, in einem Zug von zwei Kutschen und mehreren Planwagen. Sie waren auf dem Heimweg, und ihre Gruppe war stark angewachsen, stärker, als sie erwartet hatten, und die Lebensmittel wurden knapp. Das alles erfuhr Valion, als seine Mutter Dasha aufgeregt aufs Feld gelaufen kam und heftig mit ihrem Mann zu diskutieren begann. Natürlich hatten sie sich von Valion entfernt, aber sie unterschätzen wie so oft, wie gut er hören konnte, wenn der Wind nur günstig stand. So hörte er mit, wie seine Mutter hastig auf seinen Vater einredete und ihm vorrechnete, wie viel Geld sie bekommen könnten, wenn sie die ersten waren, die den reichen Fremden etwas verkaufen konnten. „Sie werden gut zahlen, weil sie gar keine andere Wahl haben! Sie hätten niemals in unserem Dorf angehalten, wenn sie das nicht gemusst hätten!" Valions Vater hatte eine mürrische Antwort gemurmelt und zum Feld hin gestikuliert, auf dem er und Valion schon den ganzen Tag gearbeitet hatten, aber seine Mutter stampfte mit dem Fuß auf, und er konnte hören, wie sie energisch befahl: „Zum Teufel mit deinem Stolz, Ebran! Es sind nur Feldfrüchte!" Und wie immer, wenn Valions Mutter etwas wirklich wollte, wurde es auch durchgesetzt.

Der Rest des Tages verging wie im Flug. Sie rafften zusammen, was sie hatten, Obst, Eier und Gemüse, und luden es auf einen Karren, und jeder in der Familie packte mit an. Während Valion und sein Vater die schweren Körbe mit den frühen Äpfeln verluden, säuberten seine kleinen Schwestern Mila und Arinda die Waren, kratzen Dreck von den Eiern und zupften welke Blätter vom Kohl. Valions Mutter kontrollierte alles und half den Mädchen. Dann zogen sie los und reihten sich sich in einen regelrechten Zug zum Lagerplatz der Menschenhändler ein - natürlich wollte jeder ihnen etwas verkaufen.

Valion löste sich schon nach kurzer Zeit von seiner Familie und hielt Ausschau nach einem seiner Freunde. Hatte er nicht irgendwo Gevins roten Haarschopf gesehen? Er reckte sich gerade, um über die Menge zu spähen, als er über jemandes Füße stolperte, ausgerechnet die Witwe Melva. „Pass doch auf, Dummkopf!", schimpfte sie und versetzte ihm mit dem großen Stock, den sie immer als Krücke benutzte, einen Stoß vor die Brust. Er stolperte rückwärts, rempelte jemand an, wurde zur Seite geschubst und rannte direkt in Gevin und ein riesiges Spektakel hinein.

„Val, du musst sie aufhalten!", jammerte Gevin und versuchte mühselig, ein großes, fettes und entsetzlich streitlustiges Huhn daran zu hindern, aus dem Käfig auszubrechen, in dem er es herumtrug. Außerdem zerrte ein großer Sack Kartoffeln an seinen ohnehin dürren Armen. Gleich darauf brachte das Huhn es fertig, seinen Kopf weit genug durch die Gitterstäbe zu schieben, um auf Gevins Hände einzuhacken. Valion packte geistesgegenwärtig den Käfig, als Gevin ihn gerade los lies und sich schmerzverzerrt die rechte Hand hielt. „Argh, du tolles Miestvieh!", schrie er und wedelte theatralisch mit der verletzten Hand, während das Huhn versuchte, jetzt auch Valion zu hacken. „Oh mann, das Ding will uns fressen!", sagte Valion und grinste. „Darauf kannst du wetten!", schimpfte Gevin und hievte mühselig seinen Kartoffelsack ein wenig höher, um ihn sich über die Schulter zu werfen. Er machte Anstalten, auch den Käfig wieder an sich zu nehmen, aber Valion wehrte ab. „Lass nur, ich trag das." Sie trabten weiter, immer im Strom der Leute, während sie sich unterhielten.

„Ich schätze, dein Vater hatte die gleiche Idee wie meiner?" Valion schüttelte den Kopf. „Meine Mutter. Sie war völlig aus dem Häuschen, weil sie meint, dass die Händler uns viel Geld bezahlen werden." Gevin nickte, sah sich dann kurz um, ob jemand besonders nahe neben ihnen ging, und flüsterte Valion zu: „Glaubst du wirklich sie sind... naja, du weißt schon, Menschenhändler?" Valion konnte nur mit den Achseln zucken und verlagerte den immer schwerer werdenden Käfig in seinen Armen. Das Huhn hatte sich inzwischen ein wenig beruhigt und starrte ihn nur misstrauisch aus funkelnden Knopfaugen an. „Keine Ahnung. Mutter hat etwas in der Richtung gesagt." Valion sah sich nach seinen Eltern um, die nur wenige Meter entfernt den Karren führten. Sein Vater ging neben ihrem Esel und trieb ihn freundlich, aber bestimmt an. Doch selbst aus dieser Entfernung konnte Valion sehen, dass er nicht glücklich war. Gevin folgte dem Blick seines Freundes und fragte zögernd: „Ist dein Vater wegen irgendwas wütend?" „Keine Ahnung. Er war heute den ganzen Tag sehr still. Ich glaube, er mag die Me... die Leute nicht." Mehr zu sich selbst fügte er hinzu: „Aber warum?" Er verfiel in Schweigen und streichelte durch die Gitterstäbe geistesabwesend die Federn des Huhns, das sich anscheinend mit seinem Schicksal abgefunden hatte.

Gevin suchte nach Worten, um seinen Freund aufzuheitern, aber viel fiel ihm gerade nicht ein. Schließlich platze er heraus: „Naja, egal wer diese Händler sind, spannend wird es sicher allemal. Und wenn sie wirklich... na, du weiß ja. Also, dann haben sie bestimmt...!" Er grinste und stieß Valion an, der nur verwirrt die Brauen zusammenzog. „Dann haben sie was?" Gevin beugte sich zu ihm herüber und flüsterte: „Ich wette sie haben richtig große Käfige mit lauter Frauen!" Valion sah ihn erstaunt an, während Gevin grinste. Ihm schien die Vorstellung zu gefallen, aber aus irgendeinem Grund jagte sie Valion einen Schauer über den Rücken.

Schließlich erreichten sie das Lager. Obwohl es gar nicht so weit außerhalb des Dorfes aufgeschlagen war, hatte die schiere Menge an Neugierigen und kurzentschlossenen Handelnden den Trampelpfad derartig verstopft, dass sie das Dreifache der Zeit benötigt hatten.

Es war nicht so exotisch, wie es sich Gevin ausgemalt hatte. Mehr noch, das Lager schien fast leer zu sein. Nur die Menschenhändler selbst, ihre Familien, wenige Wachleute und Arbeiter gingen im Lager umher, unterhielten sich oder ruhten sich im Schatten der Wagen aus. Hin und wieder zeigten sich jedoch neugierige Gesichter in den Eingängen der Zelte oder Planwagen, die schnell wieder verschwanden.

Die Dörfler sammelten sich, bis auf ein paar tuschelnde Leute ungewöhnlich still, am Rande des Lagers und warteten. Valion verabschiedete sich kurz von Gevin und kehrte an die Seite seines Vaters zurück, der ihm zunickte und dann seine Aufmerksamkeit wieder den Händlern zu wandte.

Als Erster trat Darvan vor, der angesehenste Mann im Dorf und Besitzer der einzigen Schenke, wobei Schenke bedeutete, dass er einen kleinen Raum mit ein paar Tischen zur Verfügung stellte und dort selbst gebrannten Schnaps ausschenkte. Er hätte vermutlich offizieller gewirkt, wenn er nicht so verschwitzt gewesen wäre und nicht eine tote Gans mit sich geschleppt hätte.

Nichtsdestotroz schien er bemüht zu sein, Würde an den Tag zu legen, als er in die Mitte des Lagers trat und zu den Männern sprach, die dort standen und das Eintreffen der Dörfler beobachtet hatten.

„Seid gegrüßt, werte Herren! Wir sind sehr erfreut, dass angesehene Händler wie ihr unser Dorf während eurer Reise besuchen. Wir haben gehört, dass ihr knapp an Speisen seid, und deshalb sind wir gekommen, um für ein paar wenige Münzen das anzubieten, was wir hier erwirtschaften! Und als Gastgeschenk", deklamierte er und strahlte, „möchte ich euch diese prachtvolle Gans überreichen und euch auch recht herzlich in unsere Schenke einladen."

Ein paar der Anwesenden Dörfler jubelten, während nun auch die Bewohner des Lagers zusammenströmten, jedoch eher gemächlich, als wollten sie zeigen, dass sie das Spektakel kalt ließ. Aus der Mitte der Männer, die Darvan angesprochen hatte, trat nun der größte und schritt nach einem kurzen geflüsterten Gespräch mit seinen Begleitern auf die Menge zu. Er war hochgewachsen, gut genährt und auf subtile Weise gutaussehend. Valion wunderte sich, dass das Haar des Mannes so lang, glatt und gepflegt war – im Dorf trugen fast alle, selbst die meisten Frauen, ihr Haar kurz. Und er bewunderte den schweren Mantel aus glänzendem Stoff und das so saubere, glatte Gesicht. Hätte Valion gewusst, dass es in den reicheren Vierteln der Hauptstadt ein strenges Modediktat gab, hätte er vermutlich erkannt, dass seine Erscheinung der neusten Mode folgte. So war er simpel von der Makellosigkeit überwältigt – keine Risse in den schweren, glänzenden Lederstiefeln, kein Flicken auf dem Hemd aus seidigem, tiefblauen Stoff. Dazu kam ein Lächeln, das reines, unverfälschtes Wohlwollen ausdrückte, als der Mann mit einem kurzen Nicken die Gans von Darvan entgegen nahm und sich dann an die Menge wandte.

„Danke, liebe Freunde, für diese Gastfreundschaft. Wir sind, wie ihr sicher alle wisst, ehrbare Händler auf der Durchreise und auf dem Weg zur Hauptstadt. Und es ist richtig, dass es uns an Vorräten mangelt, um die bevorstehende Reise abzuschließen. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass ihr das wenige, das ihr habt, so großzügig mit uns teilen wollt." „Ha, das wenige, das wir haben. Im Vergleich zu was? Dem vielen, das ihr gestohlen habt?"

Valion fuhr erstaunt zu seinem Vater herum. Er hatte diese wenigen Worte nur gemurmelt, so leise, dass niemand sonst es hatte hören können. Ihre Blicke trafen sich, und es entsetzte Valion, dass er Hass in den Augen seines Vaters sah. „Dreh dich um, Junge. Sieh sie dir ruhig gut an, diese Verbrecher. Sieh dir an, wie sie allen Sand in die Augen streuen und wie wir uns darum reißen, ihnen zu Diensten zu sein, weil sie etwas haben, das wir so dringend benötigen." Grob drehte er Valion an der Schulter herum, richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach vorn auf den Händler und die Menge. Und Valion gab sich wirklich Mühe, weil er wusste, dass sein Vater ihm etwas zeigen wollte. Was das war, war ihm in diesem Moment nicht klar.

Aber etwas fiel ihm auf, ja. Jetzt, da er genau hinhörte und hinsah, spürte er plötzlich den hochmütigen Unterton in der Stimme des Händlers, als er fortfuhr, zu sprechen. „Denkt aber bitte daran, dass wir natürlich nur das Beste aus den Hauptstädten gewohnt sind. Gerne wollen wir euch alles abkaufen, was unseren Ansprüchen genügen wird. Und gern werden wir eurer Schenke," er nickte Darvan wohlwollend zu, „einen Besuch abstatten."

Warum hat sein Mund dann kurz so gezuckt, als wollte er angewidert das Gesicht verziehen, fragte sich Valion plötzlich. Die Stimme in ihm, die das gesagt hatte, schien mit dem leisen, oft feinen Zynismus seines Vaters zu ihm zu sprechen. Warum lächelt sein Mund, aber nicht seine Augen? Das ist nicht schwer zu erraten, oder? Sie werden nie in unser Dorf kommen. Sie wollen allein sein. Weil sie nicht wollen dass wir die Sklaven sehen.

„Aber um eines müssen wir euch leider bitten – ihr dürft dieses Lager nicht eigenmächtig ohne unsere Erlaubnis aufsuchen, nicht allein, und nicht nach Einbruch der Nacht. Unsere Wachen sind es gewohnt, gegen Diebe und Rebellen vorzugehen, und sie können nicht immer Fragen stellen, bevor sie ihr Gewehr anlegen." Es gab kurz Getuschel unter den Dörflern, aber das strahlende Lächeln des Händlers und eine ausladende Geste zogen die Aufmerksamkeit zurück auf ihn, weg von dem Verbot und den Drohungen, die er ausgesprochen hatte. „Und nun: Lasst uns sehen, was wir miteinander verhandeln können!"

Damit war der Damm endgültig gebrochen und alle strömten auf den Platz zwischen den Zelten, um ihre Waren aufzubauen. Die Frauen und Bediensteten der Menschenhändler traten vor und begannen, umher zu schlendern, um sich alles anzusehen, während die Händler selbst sich in die Zelte zurückzuziehen schienen. Valion wunderte sich einen Moment darüber, warum sie offensichtlich den Dörflern aus dem Weg gehen wollten, aber er musste sich beeilen, um mit seiner Mutter einen guten Platz zu sichern. So schnell wie es ging breiteten sie das Gemüse aus, platzierten die Körbe einladend vor dem Wagen und fegten das Stroh von den Eiern, das sie zuvor noch zum Schutz darauf ausgebreitet hatten. Geld wechselte die Taschen, und Valions Mutter legte sich wirklich ins Zeug. „Das ist ganz frischer Kohl! Natürlich kenne ich die Sorte, Wirsing. Ihr wollt einen frischen Salat, dann könnt ihr ihn gleich essen. Oder ihr kocht ihn ein, er wird sich sehr lange halten und jedes eurer Gerichte bereichern. Mila, hilf mir beim Einpacken." Und während Mila oder Arinda mit ihren unschuldigen großen blauen Augen und den feinen, blonden Strubbelhaaren emsig etwas einpackten, vergingen die Frauen der Menschenhändler fast vor Entzücken. „Wie kleine Püppchen!", sagten sie, und eine von ihnen fuhr den Mädchen sogar durch die Haare. Und dann gaben einige wenige von ihnen ein Kupferstück extra.

Während einer kurzen Pause, als gerade niemand bei ihnen stand, zog Valions Mutter ihn zu sich und öffnete ihre Schürzentasche. Er war erstaunt, wie viele Münzen sich darin angesammelt hatten. Es musste inzwischen schwer zu tragen sein, aber seine Mutter strahlte und flüsterte ihm zu: „Sieh nur, Valion. Da drin ist ein Schwein, und vielleicht ein neues Dach, oder eine Aussteuer für Arinda!" Und als er scherzhaft fragte: „Ist ein Schwein nicht zu groß für deine Schürzentasche?", kicherte sie viel ausgelassener, als der Scherz es eigentlich verdiente. Valion freute sich – seine Mutter war diejenige, die oft spät abends bei Kerzenschein am Küchentisch saß und mühsam, mit was auch immer sie gerade als Rechenhilfe finden konnte, das wenige Geld zusammenzählte, das sie verdienten. Sein Vater war ein starker und aufmerksamer Mann, aber selbst das wenige an Rechenkunst, das seine Frau beherrschte, stellte ihn vor fast unlösbare Probleme. So saßen sie zusammen, und Valion hörte oft ihre Gespräche mit, wenn er im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Manchmal wurden sie so laut in ihrem Streit darum, was sie wie bezahlen sollten, dass selbst die Mädchen davon aufwachten. Früher waren ihre Stimmen oft auch voller Optimismus gewesen, wenn es eine überreiche Ernte gegeben hatte. Aber in letzter Zeit war das seltener vorgekommen. Das Land litt, und die heftigen Streitgespräche waren häufiger geworden. Niemand hatte Geld, auch Valions Familie nicht. Wenn Valion am Morgen hinunter stieg und seiner Mutter beim Bereiten des Frühstücks half, sah sie in letzter Zeit oft müde und traurig aus. Und wenn sie mit einer Hand voll Wegkiesel gerechnet hatte, lagen sie ein oder zweimal auch verstreut auf dem Boden, als hätte sie sie in einem Anfall von Wut und Verzweiflung vom Tisch gefegt. Sie jetzt glücklich und lachend zu sehen war für ihn eine Erleichterung.

Schließlich, als der frühe in den späten Nachmittag überging, waren die meisten Handel abgeschlossen. Ein paar hartnäckige zankten sich noch um ein Schaf und zu welchem Preis es den Besitzer wechseln sollte, aber die meisten packen die wenigen Waren, die sie nicht hatten verkaufen können, ein und zogen davon. Während Valion dabei half, die leeren Körbe zusammenzustellen – erstaunlicherweise hatte ein Diener eine riesige Menge Äpfel gekauft – überblickte er den Lagerplatz. Alle sahen zufrieden aus, und da das Gedränge nachgelassen hatte, konnte Valion auch einen Blick hinüber zu Gevin und seiner Familie werfen. Offensichtlich waren sie auch das dicke Huhn losgeworden. Mila und Arinda halfen schon lange nicht mehr, sondern spielten versunken auf dem Boden miteinander.

Gerade, als Valion vom Karren zurückkehrte, um die letzten noch halb vollen Körbe zu holen und aufzuladen, bemerkte er, dass die Menschenhändler aus ihrem Zelt zurück auf den Platz getreten waren. Unter ihnen war auch der große, elegante Mann, der die Ansprache gehalten hatte. Die Männer unterhielten sich kurz, bevor sie begannen zu ihren jeweiligen Bediensteten oder Ehefrauen zu schlendern oder sich, in Einzelfällen, mit den Dörflern zu unterhalten. Valion beobachtete sie eine Weile, aber als er gerade zu dem hochgewachsenen eleganten Mann hinüber sah, trafen sich ihre Blicke.Valion wurde plötzlich so eindringlich gemustert, dass er schnell den Kopf senkte und sich wieder seiner Arbeit zu wandte. Hoffentlich denkt er nicht ich hätte ihn angestarrt, dachte er unbehaglich, während er nach den Waren griff. In diesem Moment schloss sich eine Hand um sein Handgelenk und er wurde herumgedreht.

„He, du." Überrumpelt blickte er in das Gesicht des hochgewachsenen Mannes, der ihn fest hielt. Aus der Nähe sah Valion, dass er älter sein musste, als er ihn zunächst geschätzt hatte, vermutlich fast vierzig Jahre alt. Seine Augen waren von einem kalten Grau und musterten ihn eindringlich. Schließlich ließ der Mann Valions Hand los, packte ihn aber gleich darauf grob am Kinn und drehte sein Gesicht nachdenklich erst nach links, dann nach rechts. Valion war viel zu überrascht, um zu reagieren, aber seine Mutter nicht.

„Mein Herr, was tut ihr da? Bitte lasst meinen Sohn los!", rief sie und ging mit energischen Schritten auf die beiden zu. Der Mann hielt Valion jedoch noch einen Moment länger fest, bevor er ihn schließlich freigab und sich geistesabwesend die Hand an seinem Mantel abrieb, als hätte er etwas Widerwärtiges angefasst. Trotzdem ließ er die Augen nicht von Valion, als er in gelangweiltem Tonfall fragte: „Sohn, was? Er ist nicht besonders groß. Hübsch. Wie alt ist der Junge?" „Fünfzehn", antwortete Valions Mutter sofort. Die Lüge war offensichtlich, denn obwohl er klein und sehr dünn war, sah man Valion an, dass er inzwischen schon siebzehn war. Seine Schultern waren in den letzten Jahren breiter geworden, sein Adamsapfel weiter nach vorn getreten, und auch sein Stimmbruch lag hinter ihm. Trotzdem nickte er hastig. Doch auf dem Gesicht des Mannes zeigte sich keine Enttäuschung, nur heitere Gelassenheit. „Fünfzehn, hm? Zu schade. Denn wie jeder weiß," er lächelte kalt, „dürfen Menschenhändler keine Knaben und Mädchen kaufen, die jünger sind als sechzehn Jahre. Das erzählt man sich zumindest."

Nicht, dass ihn das interessieren würde, schoss es Valion durch den Kopf. Seine Miene musste sich unmerklich verzogen haben, denn der Mann zwinkerte ihm zu – nicht freundlich, sondern wissend. Du weißt was ich weiß, sollte die Geste bedeuten. Und Valion überlief eiskalt die Erkenntnis, dass er, wenn er die Sklaven, die versteckt in den Planwagen warteten aufgesucht hätte, alle Altersgruppen gesehen hätte. Nicht nur junge Frauen und Männer, sondern auch Kinder. Nicht viele, nicht die Mehrzahl... Und wenn jemand unerwartet in das Lager kommen würde... denk ja nicht daran.

Sie hätten sich vermutlich noch länger gegenseitig angestarrt, während die verbliebenen Dörfler und die umstehenden Lagerbewohner unruhig wurden, aber aus der Gruppe der Händler trat nun ein weniger imposanter Mann von kräftiger Statur und mit einem rötlich braunen Bart vor und legte seinem Freund eine beschwichtigende Hand auf die Schulter. „Ansin, wir wollen die restlichen Stationen bis zur Hauptstadt planen. Der Wirt kennt sich etwas in der Gegend aus. Kommst du?" Der hochgewachsene Mann riss die kameradschaftliche Hand unwirsch von seiner Schulter, machte aber kehrt und stolzierte mit einem letzten, durchdringenden Blick auf Valion zurück zu dem Zelt der Händler. Und damit war es vorbei.

Valion merkte erst, dass seine Mutter den Atem angehalten hatte, als sie die Luft mit einem zittrigen Seufzer entweichen ließ. Immer noch verwirrt von den letzten Geschehnissen fragte er leise: „Wollte er mich kaufen?" Zu seinem Entsetzen holte seine Mutter aus und gab ihm eine so saftige Ohrfeige, dass ihm der Kopf dröhnte, und zischte: „Kein Wort davon, zu niemandem! Und wenn dein Vater davon erfährt, schwöre ich bei Gott, du wirst den Tag verfluchen an dem ich dich geboren habe! Ist das klar?!" Ihr Gesicht war so von Angst und böser Ahnung erfüllt, dass er es nicht wagte, zu widersprechen.

Und tatsächlich erfuhr Valions Vater nie von seinem Sohn selbst, was geschehen war. Valion war verwirrt und mit hochrotem Kopf zum Wagen zurück getrabt, und als sein Vater misstrauisch fragte, was passiert war, wer ihn geschlagen hatte, hatte er gelogen. Er sagte, er hätte zwei Eier fallen lassen, und Mutter sei die Hand ausgerutscht. Sein Vater nickte und brummte etwas darüber, dass es für alle ein langer Tag gewesen sein, und damit war das Thema erledigt.

Doch schlechte Nachrichten brauchen keinen Boten – jeder gab einen Fetzen von dem weiter, was er gehört oder gesehen hatte, und wenn sich diese vielen kleinen Brocken von Information schließlich trafen, ergaben sie letztendlich das ganze Bild. Später dachte Valion darüber nach, ob es eine Rolle gespielt hatte, dass sein Vater schließlich versucht hatte, die Sklaven zu befreien. Ob er davon gekommen wäre, hätte sein Vater nie eingegriffen oder versucht, mehr herauszufinden. Aber schlussendlich kam er zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied gemacht hätte. Der große, gutaussehende Mann, der ihn entdeckt hatte und schließlich mit einem Lächeln, das eine obszöne Freude an seinem Tun zeigte, seine Schulter brandmarkte, war niemand anders als Ansin Eravier, und er bekam alles, was er sich wünschte.

Eravier, der Name, den man nur flüsterte. Kaum jemand im Dorf wusste Genaues über diesen Sklavenhändler, aber Gerüchte gab es genug. Es hieß, es spiele keine Rolle, ob man seine Sohn oder seine Tochter verkaufen wolle – er fand einen Weg, sie abzukaufen. Seine Proteges, so flüsterte man sich hinter vorgehaltener Hand zu, waren die verruchtesten Sklaven der ganzen Hauptstadt. Er belieferte Grafen und angeblich sogar den König, sein Auge für Schönheit war legendär, und wen er für würdig befand, verwandelte er in eine Schönheit gleich einem Engel. Aber gab es einen ruchloseren, einen gefürchteteren, einen mitleidloseren Händler als ihn? Es hieß, im Zorn über eine junge Frau, die er nicht hatte kaufen können, hätte er ein ganzes Dorf nieder gebrannt, und der König, der selbst zwei von Eraviers schönsten Knaben besaß, hatte ihn gewähren lassen.

Manche zweifelten – wie kam es, dass Eravier so tief im Landesinneren unterwegs war? Dass er, der schon so viele Jahre Menschen kaufte, sich angeblich in seinem Urteil verschätzt hatte und in einem der kleinen Dörfchen sein Lager aufschlagen musste, das so weit unter seiner Würde war?

Valions Vater konnte über diese Einfalt nur lachen. Denn anders als die meisten Händler, die die kleinen dreckigen Dörfer mieden, suchte Eravier die Schwachen und die Wehrlosen. Unter den Geschlagenen und Ausgestoßenen suchte er die Perlen, die ein Leben voller Leid und Schmerz nicht beugen konnte, und aus dem Schmutz, der Angst, den Schmerzen und den Tränen eines ganzen geschundenen Volkes schmiedete er die perfekten Sklaven – bereit, alles zu ertragen, was ihnen angetan wurde.

Das alles erfuhr Valion nur allzubald, auch wenn er nicht damit gerechnet hatte. Vielleicht war es Schicksal, dass Wer auch immer den Namen des Händlers aufgeschnappt hatte, ihn im Dorf verbreitet hatte, und so erfuhr Valions Vater spät abends, als er vor dem Haus Holz hackte, den Namen von ihrem nächsten Nachbarn.

Als Valion von seiner Mutter nach draußen geschickt wurde, um seinen Vater zum Essen hereinzuholen, lag der Hauklotz verlassen da, die Axt achtlos fortgeworfen daneben. Verwundert runzelte Valion die Stirn und ging den ausgetretenen Pfad um die Scheune herum, zum Rande des Feldes. Dort, im Schutz der drei Apfelbäume, saß sein Vater im Gras, die Beine angewinkelt, die Arme darauf abgelegt und aufs Feld hinaus starrend. Valion konnte sein Gesicht nicht sehen, aber etwas an der Art wie er da saß – die Hände kraftlos herab hängend, den Rücken krumm gebeugt wie ein Greis, das Haar zerzaust, als hätte er es sich verzweifelt gerauft – machte Valion noch mehr Angst als die verwirrende Ohrfeige am Nachmittag und die Nervosität seiner Mutter. „Vater?"

Seine Vater wandte sich nicht einmal zu ihm um, starrte weiter auf das Feld. „Was ist?" „Mutter sagt, ich soll dich zum Essen holen." Ein Brummen, man wusste nicht, ob es zustimmend oder verneinend sein sollte, war die einzige Antwort.

Valion haderte mit sich. Es gab Zeiten, da ließ man seinen Vater besser in Ruhe. War dies so ein Moment? Er wusste es nicht. Von einem Moment auf den anderen war die Welt, die gestern noch so völlig gewöhnlich gewesen war, in eine beängstigende Schräglage gekippt, und er konnte nur vage erahnen, warum. Schließlich gab er sich einen Ruck und ging hinüber zu seinem Vater, um sich neben ihm im Gras niederzulassen, und nahm, ganz unbewusst, die selbe Haltung ein – die Beine angewinkelt, die Arme auf den Knien abgelegt. Für einen Moment waren sie ein und derselbe Person, einmal als ein Junge, einmal als ein gestandener Mann, Seite an Seite auf das Feld hinaus blickend, das sie Tag für Tag zusammen bearbeiteten, während die Sonne im Westen den Horizont berührte und den Himmel rot und violett färbte. Dann sah der Vater auf seinen Sohn herab, den er immer noch um einen Kopf überragte. Liebevoll strich er ihm durchs Haar, mit einem traurigen Lächeln, das ihm die meisten im Dorf nicht zugetraut hätten, und Valion legte für einen Augenblick dankbar seinen Kopf auf die Schulter seines Vaters. Es war einer der wenigen, mit den Jahren immer seltener werdenden Momente, in dem sie so beieinander waren, und es kam Valion im Nachhinein unfair vor, dass er in diesem Moment nicht gewusst hatte, dass es das letzte Mal war, dass er seinem Vater so nahe war.

Hätte es diesen Moment nicht gegeben, hätte er niemals gewagt, eine zögerliche Frage zu stellen:

„Was ist passiert?" Die Antwort war ein Seufzer, tief und unglücklich.

„Es hat wohl keinen Sinn, dir nichts davon zu erzählen", begann sein Vater mit Widerwillen, „denn du wirst jetzt erwachsen. Meist kommst du mir immer noch wie der kleine Junge vor, der rotznasig herumgelaufen ist und im Dreck gewühlt hat, um mir beim Säen und Ernten zu helfen. Aber du wirst bald eine Frau finden, ein eigenes Feld bestellen..." Er machte eine Pause, und als er weiter sprach, war seine Stimme plötzlich voller hilfloser Wut. „Die Göttern sollen mich verdammen wenn ich zulasse, dass so ein Dämon aus der Unterwelt hierher gekrochen kommt und nicht zahlt für das, was er uns antut." „Meinst du die... Händler?"

Valions Vater schnaubte leise, bitter amüsiert. „Oh Junge, du kannst sie ruhig bei dem nennen, was sie sind. Menschenhändler, Sklavenverkäufer! Abschaum, der sich von den Schwachen nährt und ihre Körper an die Reichen verkauft!" Seine Stimme war immer lauter geworden, bis sie fast bei einem Brüllen angelangt war, und seine großen Hände gruben sich zornig ins Gras und die darunterliegende Erde. „Glaub mir, ich bin zwar nur ein dummer Bauer, aber ich kenne ein paar Leute, und die kennen Leute, und die haben all ihre Missetaten, den Raub, die Morde, alles haben sie verfolgt! Das Land blutet aus, Valion! Es ist fruchtbar, oh ja, fruchtbar und reich gesegnet mit braven Männern und Frauen, die alles geben, damit es blüht und wächst! Aber alles, was wir säen, alles was wir ernten, das bleibt uns nicht allein. Du weißt, was wir jedes Jahr abgeben müssen, nicht wahr?" Valion nickte, eingeschüchtert von diesem mächtigen, wütenden Monolog. „Zahlen wir wirklich so viele Steuern?" „Früher, als du noch ein kleiner Junge warst, da war es nicht so viel", erklärte sein Vater und macht eine wegwerfende Handgeste, „aber dann, mit jedem Jahr, ist es mehr geworden! Und frag mich mal, wofür?" Valion dachte einen Moment, er solle antworten, und ihm wurde zum ersten Mal völlig bewusst, dass es mehr gab, als nur ihr kleines Dorf. Da draußen, irgendwo, gab es eine Hauptstadt, ein Heer, einen König.

Sein Vater wartete aber keine Antwort ab, sondern fuhr von selbst fort: „Ich sage dir, wofür! Für die Prunkschlösser des Königs und nichts anderes! Für die rauschenden Feste der Adeligen, die Huren und Spiele und den Wein! Wir sind nicht im Krieg, nicht mehr, schon seit zehn Jahren nicht! Es gab keinen Hunger, keine Dürren, keine Fluten. Und dennoch haben wir schon vor vier Jahren zwei Silberstücke mehr gezahlt, und seit letztem Jahr noch einmal eines dazu! Das sind, allein den letzten vier Jahren..." „9 Silberstücke mehr?!", hauchte Valion ungläubig. Die Summe kam ihm unbeschreiblich vor. Sein Vater schmunzelte einen Moment und klopfte ihm kräftig auf die Schulter. „Sehr gut, Junge. Du kannst schon so fix rechnen wie deine Mutter!" Valion hätte sich gern über das Kompliment gefreut, aber die 9 Silberstücke brummten in seinem Kopf wie ein Schwarm Bienen. Das war ein Vermögen, selbst gerechnet auf die Jahre. In seinem Kopf fügten sich Teile eines großen Bildes zusammen, die bisher nicht zusammen gepasst hatten. Die wachsenden Sorgen seiner Eltern, die wütend verstreuten Kiesel, die seine Mutter zum Rechnen verwendete. Die Debatten der Nachbarn, die Tatsache, dass immer größere Anteile ihrer Ernte manchmal still und leise verschwanden, einer im Dorf heimlich in der Nacht Korn mahlte und ein anderer heimlich Brot buk, dass keiner der Steuereintreiber je zu Gesicht bekam oder auf seiner kleinen Schiefertafel festhalten konnte.

„Jetzt begreifst du, nicht wahr?", knurrte sein Vater, halb wütend, halb stolz über die schnelle Auffassungsgabe seines Sohnes. „So geht es seit Jahren, und die, die ihre Abgaben nicht zahlen können, was meinst du, geschieht mit denen? Hier, ha, hier ist es noch nicht einmal besonders schlimm. Wir haben Glück! Diese Felder sind seit Generationen so fruchtbar wie kein zweiter Landstrich im Königreich. Aber in den kahleren Gegenden, dort, wo die Wälder beginnen... dort sieht es immer düsterer aus. Die Menschen könnten leben, ganz sicher, wenn sie nicht diese verfluchten neuen Abgaben zahlen müssten! Und weil sie kaum genug haben zum Leben, da haben sie erst recht nicht genug, um anderen etwas abzugeben. Und das Geld, dass sich der König und die adligen Herren nehmen, wo geht's hin? Wein, aus den warmen Ländern, feine Trauben, die bei uns nicht wachsen. Stoffe aus noch ferneren Gegenden, goldgewebtes Was-weiß-ich, und feines Geschirr. Und... Sklaven. Ja, das ist eines der wenigen Güter, das dieses Land noch ohne Zahl hervorbringt."

Er machte eine Pause, und man konnte fast sehen, wie er sich vorwärmte, um einem Drache gleich seinen Hass, seine Wut und Abneigung heraus zu speien wie Feuer. „Ich hab dich vorhin gefragt, ob du weißt, was mit denen passiert, die nicht mehr zahlen können. Kannst du es dir denken?" Valion antwortete unbehaglich: „Sie werden... alle solche Sklaven?" „Nicht alle, zumindest nicht... solche." Er schnaubte verächtlich. „Die feinen Sklaven, die sie in ihre Betten mitnehmen, nein, dafür sind nicht alle brauchbar. Die meisten werden unfrei, dann gehört nichts mehr ihnen, gar nichts. Sie bestellen ihr Feld nur noch für ihren Herren, und weniger als einen Hungerlohn können sie sich nie mehr erhoffen, wenn sie nicht völlig vertrieben werden und das Land und ihr Anspruch ihnen für immer genommen werden, sodass sie bettelnd umherziehen! Aber dann gibt es auch die feineren Sklaven, und Leute wie die Männer, die hierher gekommen sind – die handeln mit denen, und sie können nur so viele von ihnen mitnehmen, weil es der einzige Weg ist, in diesem Land noch zu Geld zu kommen, wenn man nicht schon vorher unermesslich reich war! Es gab sie schon früher, in geringer Zahl, aber jetzt, jetzt sind es viele geworden. Ein Menschenleben ist inzwischen so wenig wert, dass Menschen gekauft werden statt ihre Zeit und ihre Fähigkeiten."

Sein Blick wanderte jetzt die Straße entlang, in Richtung des Lagers, das in dieser Richtung ausgebreitet lag und wo, verborgen von den Augen der Dorfbewohner, in diesem Moment Menschen in Ketten lagen. Es wäre kaum zu sehen gewesen, nur eine Ansammlung von unkenntlichen Konturen im schwindenden Tageslicht, wären nicht die Feuer und Fackeln gewesen, die alles in rötliches Licht tauchten. Gestalten bewegten sich zielstrebig durch das Lager.

„Sie sind alle Verbrecher", fuhr Valions Vater schließlich fort, „aber dieser Mann, Ansin Eravier ist sein Name, der ist einer der Schlimmsten! Wenn du wüsstest, was für Greueltaten er begangen hat! Die Leute flüstern sich nur Gerüchte über ihn, aber sie kennen nicht die Wahrheit, und die ist schlimmer als jeder Alptraum! Morde, Raub, Folter..." Es schien, als wollte er noch mehr sagen, aber er schwieg und ballte wieder grimmig die Fäuste. „Aber für solche Geschichten bist du nun doch noch ein bisschen zu jung. Selbst das zu wissen, was ich dir gerade gesagt habt, ist ein bisschen viel. Später." Er sah zu Valion, dem deutlich ein Protest auf den Lippen lag, und winkte ab. „Später, wenn du eine Frau und ein eigenes Haus hast, und weißt wie es ist verantwortlich zu sein für andere Menschen." Aber Valion wollte mehr wissen, und jetzt war vielleicht seine einzige Chance, alles zu erfahren, bevor die Menschenhändler weiter zogen und alles in Vergessenheit geraten würde. Er wusste, wenn er jetzt nicht nachfragte, würde sein Vater das Thema für lange Zeit wieder begraben, denn das war seine Art. Er sprach nie, nicht einmal in guter Stimmung, so viel, wie er heute erzählt und erklärt hatte. Deshalb fragte Valion: „Aber wer hat dir davon erzählt? Weiß noch jemand im Dorf so viel darüber wie du? Oder hast du das alles selbst herausgefunden?"

Bevor Valion auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, kam seine Mutter aus der Dunkelheit hervor gestürmt, die inzwischen über dem Hof hereingebrochen war, in einer Hand eine Laterne. Es hätte nicht schrecklicher sein können, wenn ein Racheengel begleitet von Blitz und Donner vom Himmel gestiegen wäre. Erst als sie Valion und ihren Mann unter dem Apfelbaum erblickte, zog sich tiefe Erleichterung über ihr Gesicht, nur um gleich darauf von frischem Zorn ersetzt zu werden. „Was denkt ihr zwei euch eigentlich dabei?! Ich rufe euch zum Abendessen, keiner von euch beiden kommt zurück, der Hackklotz verlassen, keine Spur von euch?! Ich dachte, euch wäre etwas zugestoßen!", tobte sie. „Ab ins Haus, alle beide!" Valion sprang schuldbewusst auf und klopfte seine Sachen, schmutzig vom Sitzen auf der bloßen Erde, hastig mit den Händen ab. „Mutter, wir haben nur...", begann er, aber sie warf ihm nur einen missbilligenden Blick zu und machte auf dem Absatz kehrt. Kurz darauf war nur noch das Licht der Laterne zu sehen, das wütend in Richtung Haus davon tanzte.

Auch sein Vater rappelte sich jetzt auf und legt Valion kurz seine Hand auf die Schulter, um sie zu drücken, und sein Blick glitt noch einmal hinauf auf den Hügel. Das Lager sah von fern friedlich aus, warmer Feuerschein und anmutige Zelte unter einem klaren Sternenhimmel. „Es erscheint einem in der Dunkelheit sehr nahe, nicht wahr?", sagte sein Vater düster, und ein Windstoß, der Vorbote einer kalten Nacht, traf die beiden.

Valion fröstelte, und für einen Moment fragte er sich, wie weit man vom Lager gehen musste, über ihr Feld, bis zu dem Hackklotz, an dem er seinen Vater nicht gefunden hatte. Wie schnell und leise man einen Mann, der arglos Holz vor seinem Haus hackte, hinterrücks ermorden konnte. Was eine fallen gelassene Axt, ein spurlos verschwundener Mann oder Sohn in einer kalten Nacht bedeuten konnte, jetzt, da er wusste, dass die Welt nicht unschuldig war. Wenn er gezweifelt hatte, dass sein Vater die Wahrheit gesagt hatte, jetzt konnte er nicht mehr zweifeln.

Als er sich erinnerte, wie seine Mutter durch die Dunkelheit heran gelaufen kam, die eine Hand eisern die Laterne umklammernd, die andere in der Schürzentasche verborgen, hatte er den Beweis bekommen. Er hatte die Furcht und den Hass in ihren Augen, die er vor wenigen Tagen noch nicht zu deuten gewusst hätte, aus der Stimme seines Vaters wieder erkannt.