FOREVER - Dieser eine Geist

von Sejabonga
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
07.09.2015
08.09.2015
2
4851
5
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Dieses Kapitel
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Zeitliche Einordnung: definitiv nach 1x13, aber vor irgendwelchen Enthüllungen über Abigail *hust* Spoiler *hust*
Spoiler: Wie Henry sagen würde "Well, there certainly are some things you don't know at this very moment, but I have the imperturbable confidence that you can master whatever difficulty may come your way." Nicht wirklich ein Zitat, aber... wenn ich mir das auf British durchlese... *schmacht*
Disclaimer: Forever gehört nicht mir und ich würde es an niemanden abgeben außer an Matt Miller. Der Rest der zahlenden Welt scheint die Serie ja nicht zu wollen... >.<


Hallo zusammen,

diese Geschichte wurde von the very first episode "Unsterblich" inspiriert. Ich schätze, ihr kommt von selbst darauf, in welcher Hinsicht.
Wer Fehler findet, darf sie gerne melden. Vor allem in der Logik dieser Serie unterlaufen mir echte Patzer.
Die Geschichte läuft auch unter den Namen "Henrys Alternative zu Jazz" und "Alles, nur kein Jazzkonzert". ;-)
Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga



##*##



Will man die Bestandteile eines Lebens analysieren, ist man geneigt, in Einheiten zu denken. Jahre, Tage, Stunden, Sekunden.
Nicht wenige Menschen wagen es auch, den Wert eines Lebens mit Geld aufzuwiegen. Wie viel habe ich in meinem Leben verdient?
Ich persönlich schließe mich der Sichtweise des großen französischen Dramatikers Jean Anouilh an, der einst sagte:
>Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen.<

##*##

Kapitel 1: Eine kleine Münze

Es ist sechs Uhr früh, die Sonne ist noch nicht aufgegangen und das blaue Licht der Streifenwagen wird von den Wänden der umliegenden Häuser reflektiert. Keiner der Bewohner stört sich daran.
Und das ist das einzig Gute an einem Fall so früh am Morgen.
Es gibt kaum Zuschauer, die ihre Arbeit erschweren oder sie filmen und danach zu unfreiwilligen Youtube-Stars machen. Und die wenigen, die es versuchen, können von ein paar Streifenpolizisten davon abgehalten werden.
Jo beobachtet ihren Gerichtsmediziner.
Wie immer ist Henry mit einem freundlichen, wenn auch leicht oberflächlichen Lächeln und tadelloser Kleidung an den Tatort gekommen. An anderen Männern mag dieser Stil alt und verstaubt aussehen, doch zu ihm passt er irgendwie.
Henry schafft es nämlich, Taschenuhr, Weste und maßgeschneiderten Zweireiher klassisch und elegant wirken zu lassen. Und egal wie blutig die Leiche ist, er macht sich niemals dreckig. Nicht so wie Lucas Wahl bei seinem ersten „Auftritt“.
Sie weiß nicht, wann genau sie angefangen hat, ihn „ihren Gerichtsmediziner“ zu nennen.
Vielleicht von Anfang an?
Nein, eigentlich erst seit dem Ende ihres ersten Falles. Seit ihr klar wurde, dass er nicht unheimlich und verrückt ist.
Henry ist...
Er ist brillant, manchmal ein wenig voreilig und unbedacht, oft ziemlich rätselhaft. Aber was sie am Faszinierendsten findet, ist seine vollkommene Ignoranz ihr gegenüber. Um präzise zu sein, ihren Gefühlen für ihn gegenüber.
Sie kann nicht genau sagen, ob er es tatsächlich nicht sieht oder nicht sehen will.
Falls Mike es schon mitbekommen hat, lässt er sich nichts anmerken.

„Einen Zwanziger.“

Jo zieht eine Augenbraue hoch und sieht ihren Partner skeptisch an.

„Nicht so voreilig. Finden sie nicht auch, dass er ungewöhnlich lange braucht?“

Henry kriecht seit gut fünf Minuten auf Füßen und Knien um die Leiche des Mannes herum.
Ihr Opfer, Francis Devon ist laut seinem Führerschein 45 Jahre alt, trägt Anzug und Krawatte und hat nichts außer seiner Brieftasche und ein paar Dokumenten in kyrillischer Schrift bei sich, die sie noch übersetzen lassen müssen.
Mike Hanson brummt missmutig, aber er widerspricht ihr nicht. Gerade als sich Jo entschließt, Henry nach der Todesursache zu fragen, richtet sich dieser auf seinen Knien auf.
Sein Gesicht ist eine nachdenkliche Maske. Er hat die Augenbrauen zusammengezogen und den Blick in die Ferne gerichtet.

„Was? Stimmt etwas nicht?“

Von ihren Worten aus den Gedanken gerissen, sieht er sie lächelnd an.

„Oh, nein! Alles in Ordnung. Ich wollte nur sichergehen. Sie werden hier nicht viel zu tun haben, Detective.“

Während er spricht, steht er auf und zieht sich die blauen Einmalhandschuhe von den Fingern. Fast beiläufig starrt er die Hauswand hinter ihnen an.

„Es war Selbstmord. Er ist aus dem sechsten Stock gesprungen, das Fenster ist noch offen...“

Automatisch drehen sich Jo und Mike gleichzeitig um und folgen seinem Blick. Jo ärgert sich, dass sie nicht sofort daran gedacht hat.
Seit sie mit Henry zu tun hat, hofft sie irgendwie auf einen Mord. Auf das Mysteriöse, das sie gemeinsam klären müssen.
Henry wirft die Handschuhe in einen Abfalleimer und greift nach seinem Schal, der in der rechten Tasche seines Mantels hing.

„Todesursache dürfte die... offensichtliche Schädelfraktur sein, innere Verletzungen haben aber wohl einen Teil dazu beigetragen. Er hat mehrere gebrochene Rippen und ein eindeutiges Abdominaltrauma. Die... blutigen Details erspare ich ihnen.“

Mike hebt eine Hand, um ihn zu unterbrechen.

„Warten sie! Normalerweise sagen sie doch immer sofort, dass es Mord ist.“

Irritiert blinzelt Henry zweimal, bevor er antwortet.

„Ja, wenn... es tatsächlich Mord ist. Was in diesem Fall allerdings nicht den Tatsachen entspräche. Ich hatte bereits einen ersten Verdacht, als ich seine Schuhe sah.“

Jo kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Innerlich hat sie diesen Fall schon abgehakt und zu den Akten gelegt.
Aber neugierig ist sie trotzdem irgendwie. Deshalb beißt sie an.

„Seine Schuhe?“

Henry hebt die Augenbrauen und wickelt sich seinen Schal um den Hals.
Es ist Oktober und wird bereits merklich kühler. Zusätzlich dazu lassen die kürzeren Sonnenstunden am Tag die Menschen deprimierter wirken als sonst.
Dass gerade in dem Moment die Sonne ihre ersten Vorboten in die Straßen von New York schickt, sieht Jo als gutes Omen.

„Sie sind neu, aber nicht gerade billig. Maßgeschneidert würde ich sagen. Der Anzug ist hingegen nicht mehr der Neueste, aber ich denke, bei seinem Gehalt das Beste, was er sich leisten kann. Deshalb würde ich annehmen, dass die Schuhe ein Geschenk waren. Oder... eine Abfindung.“

Jetzt muss Jo wirklich grinsen.
Sie wissen bereits, dass Francis Devon letzte Woche aufgrund finanzieller Schwierigkeiten des Betriebes gefeuert wurde. Er war Mitarbeiter bei einem Herrenschuhgeschäft für die gehobene Mittelschicht, wie Henry es ausdrücken würde.
Er sucht in ihrem Ausdruck nach Bestätigung und sie nickt zustimmend.

„Er hat bei einem Herrenausstatter gearbeitet und wurde letzte Woche entlassen. Was sehen sie noch?“

Auch wenn es nun keinen Mordfall gibt, will Jo Henry nicht die Gelegenheit nehmen, ein wenig anzugeben. Er lässt es sich nicht oft anmerken, aber es gefällt ihm, seine Vorträge zu halten.
Ohne Umschweife deutet er auf die rechte Hand des Toten.

„Kein Ehering, also keine Ehefrau. Und hätte er eine Freundin oder Kinder, dann hätten wir wohl längst etwas von ihnen gehört. Sein Motiv für den Selbstmord findet sich aller Voraussicht nach in diesen Papieren.“

Mit dem Kopf nickt er in Richtung der Blätter, die Mike an sich genommen hat.

„Mein Kyrillisch ist etwas eingerostet, aber gut genug, um zu wissen, dass er von Kündigung, sinnlosem Leben und Selbstmord spricht.“

Mike betrachtet das Papier, das er in einen Beweismittelbeutel gesteckt hat.

„Und wieso schreibt er kyrillisch?“

Henry brummt nachdenklich. Das ist offenbar der eine Punkt, den er noch nicht bedacht hat.
Jo lächelt.

„Das werden wir herausfinden, Mike. Sonst haben wir ja gar nichts zu tun.“

Ihr Gerichtsmediziner grinst sie mit geschlossenem Mund an und zieht sich seine braunen Lederhandschuhe an. Er schickt sich an, den Tatort zu verlassen und Jo begleitet ihn.
Glücklicherweise haben sie inzwischen eine Absperrung errichtet. Ihre Zuschauer werden nämlich immer zahlreicher.

„Das war gute Arbeit, Henry.“

Beiläufig winkt er ab und zieht den Schal etwas enger. Dass er trotz der Kälte keine Mütze trägt, verwundert sie.

„Es war überflüssige Arbeit. Diese Schlussfolgerungen hätte ihnen Lucas ebenfalls präsentieren können.“
Jo weiß, dass dies seine einzige Form der Beschwerde bleiben wird. Er ist also doch etwas genervt, dass sie ihn aus dem Bett geholt hat.
Nun ja...
Sie ruft, er kommt – das ist ihr Ding.

„Da sie sich mit Herrenmode besser auskennen als Lucas, konnte ich leider nicht auf sie verzichten.“

Und das wird ihre einzige Art der Entschuldigung sein. Henrys Mundwinkel zucken, er hat es also verstanden.

„Was haben sie nun, da sie keine Arbeit haben, mit ihrem Wochenende vor, Detective?“

Es ist eine ungewohnt private Frage. Er ist wohl in Plauderlaune.
Ein Polizist hebt das Absperrband für sie und sie schlüpfen darunter hindurch.
Um zu ihrem Auto zu gelangen, muss Jo diese kleine Menschenmenge hier durchqueren. Aber nichts könnte ihr den Tag verderben. Ein freier Tag.

„Hm... Da ich nicht mit so einer schnellen Aufklärung gerechnet habe, habe ich noch keine Pläne. Sie?“

Henry seufzt leise. Ein vertrauensseliger Ausdruck legt sich auf sein Gesicht und sie weiß, von wem er sprechen wird.
Nur bei ihm hat er diesen... fast väterlichen Ausdruck.

„Abraham hat zwei Karten für ein exklusives Jazzkonzert in Rudys erstanden und ich suche noch nach einer angemessenen Möglichkeit, dem zu entgehen.“

Jo lacht leise auf. Sie kann es nicht verhindern.
Jazz ist nicht wirklich Henrys Musik, das weiß sie seit ihrer Begegnung mit Pepper Evans.

„Na ja, ich könnte sie da raushauen... Wenn Abe wüsste, dass sie mit mir unterwegs sind, wird er sie bestimmt nicht dieser Folter aussetzen.“

Den liebenswürdigen Spott konnte sie nicht aus ihren Worten heraushalten, auch wenn das Angebot durchaus ernstgemeint war. Und ein klein wenig eigennützig.
Henry ist stehen geblieben und mustert sie neugierig.
Sie mag es, dass ihm die Frauen hinterherschauen. Er ist ein attraktiver Mann und mit ihm auszugehen wäre definitiv ein Abenteuer. Eines, auf das sie sich gerne einlassen würde.

„Und was schwebt ihnen vor?“

Okay, sie hätte nie gedacht, dass er ja sagt. Er muss wirklich sehr verzweifelt sein.
Nur leider muss sie jetzt improvisieren. Denn selbst Henry würde zu einem Dinner zu zweit in einem schicken Restaurant nicht ja sagen.

„Also, wir könnten...“

Henrys Blick gleitet an ihr vorbei und entdeckt etwas, was ihn erstarren lässt.
So hat sie ihn noch nie gesehen. Seine Gesichtszüge entgleisen, seine Augen weiten sich entsetzt.
Er wird mit einem Mal ganz bleich.
Jo dreht sich um, kann aber nichts Besonderes sehen. Ein paar Schaulustige haben sich versammelt, erkennt Henry jemanden?

„Henry, was ist los?“

##

Sein Herz schlägt nicht mehr. Es hat einfach aufgehört.
Er müsste tot sein. Oder steht die Zeit still?
Henry wagt es nicht zu blinzeln. Sie könnte verschwinden. Wie ein Geist oder morgendliche Nebelschwaden im ersten Sonnenlicht.
Abigail.
Er ist sich sicher, dass sie es ist. Nur sie hat diese Augen, diese Lippen.
Sie sieht ihn nicht an, ihre Aufmerksamkeit liegt auf dem Tatort. Abigail ist älter geworden, sie hat strahlend weißes Haar. Die Falten veredeln ihre Züge statt sie tatsächlich alt wirken zu lassen.
Sie ist immer noch so wunderschön...

„Henry!“

Die Berührung an seinem Arm lässt ihn zusammenzucken – und er blinzelt.
Jo betrachtet ihn besorgt.
Als er den Blick wieder hebt, ist sie fort. Abigail ist weg, als wäre sie nie da gewesen.
Henry atmet tief aus und sein Herz beginnt wieder zu schlagen. Ihm ist, als hätte er den Boden unter den Füßen verloren.
Die Zeit läuft weiter und der Nebel hat sich verzogen.

„Ja... Ja, alles in Ordnung.“

Er bemerkt, dass Jo ihn immer noch beobachtet. Unauffällig senkt er den Kopf, versucht seine Maske wieder aufzubauen.

„Ich denke, ich werde Abraham doch begleiten. Danke... für ihr Angebot, Detective!“

Damit macht er auf dem Absatz kehrt und flüchtet vor Jo.
Er dachte wirklich...
Wieso fällt er nur immer wieder darauf herein? Er sieht sie immer wieder, das ist nicht neu. Und dennoch...
Er dachte, dieses Mal wäre anders. Dieses Mal wäre sie wirklich da.
Sie hat so echt ausgesehen. Nicht wie eine Erscheinung.
Henry kann heute nicht bei Jo bleiben. Und er kann nicht zu Abe gehen.
Nach diesem Schock hat er das Bedürfnis, sich mit einem Glas Wein und Abigails Foto in die Wohnung zu setzen und Mozart zu hören. Oder vielleicht doch zur Abwechslung mal Schubert.

##*##

>Nur das Unausgesprochene ist wahr.<
Jean Anouilh
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