Von Liebe, Neid und einem Haufen Verwirrung

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
06.09.2015
06.12.2019
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11.09.2015 1.857
 
Kapitel 2



Mein Vater wurde in den Medien immer als ein ziemlich attraktiver Mann dargestellt. Früher hatte ich damit irgendwie Probleme gehabt, weil ich es nicht gut fand, dass andere Frauen als meine Mutter ihn anhimmelten, aber mittlerweile war es mir egal. Ich wusste ja, dass es stimmte. Er hatte volles, dunkelblondes Haar, graugrüne Augen, die ziemlich charmant gucken konnten, war relativ groß, hatte einen tollen Körper ... zumindest soweit ich das als seine Tochter bewerten konnte. Er war halt wie so ein Bilderbuchkerl, der toll aussieht, reich ist ... nur die heile Familie traf nicht mehr so ganz zu. Aber ich musste wohl damit leben, hatte ja keine andere Wahl. Und da ich auf den Ruhm und die Beliebtheit nicht verzichten wollte, war ich bei ihm geblieben. Und zumindest in Bekanntheit stand ich ihm jetzt in nichts nach.
Ich saß immer noch auf der Couch, mein Vater beobachtete mich und Jessica mit einem schmalen Lächeln. Alles nur Show, das wusste ich. Um ihr vorzugaukeln, ihm würde ernsthaft etwas an ihr liegen. Sehr erfolgreich bis jetzt. Schließlich war ich ja seine Mustertochter gewesen. Bis Sonntag jedenfalls.
Jessica ging mit immer noch diesem Lächeln im Gesicht auf ihn zu, legte ihm ihre Hände auf die Brust und küsste ihn auf die Wange. Ich unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Sie konnte genauso gut Shows abziehen...
Mir war klar, dass ich wahrscheinlich ziemlich viel Schiss haben müsste vor der kommenden Situation, aber es heiterte mich einfach nur auf, dass er nach meiner Aktion seine süße Jessica hochkant rausschmeißen würde.
Wo wir schon mal dabei sind - die ging gerade mit schwingenden Hüften zum Küchentisch, schnappte sich die Zeitung und trug sie postwendend zu ihm. „Schau mal, mein Süßer, wir haben wohl etwas aus dem Leben deiner Tochter nicht ganz mitbekommen.“
Jetzt zog mein Dad seine Augenbrauen zusammen, wie vorhin Jessica auch, nur dass es bei ihm kein bisschen dämlich aussah - im Gegenteil. Er wirkte eher bedrohlich. Klar, er ahnte, dass es zu neunzig Prozent nichts Gutes sein konnte, wenn es in einer Klatschseite stand. Mich interessierte wirklich, was er erwartete. Er nahm die Zeitung und schon als er das Foto sah, konnte ich ein Zucken in seiner Wange erkennen. Er wurde anscheinend dezent sauer. Jetzt schon. Na super.
Nachdem er den Artikel vollständig gelesen hatte, war sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Seine Augen fixierten mich und so langsam bekam ich dann tatsächlich ein ungutes Gefühl.
„Raus.“ Im ersten Moment war ich verwirrt, dann aber merkte ich, dass dieser leise gesagte Befehl nicht mir gegolten hatte. Sondern Jessica. Wäre es nicht um mich gegangen, hätte ich sie jetzt ausgelacht. Sie begriff es nämlich nicht so schnell und sah mich abwartend, wenn auch etwas verwirrt, an.
Und mein Vater wurde ungeduldig. „Raus, verdammt noch mal!“, fauchte er in ihre Richtung. Sie zuckte leicht zusammen.
„Schatz, was-“
„Verzieh dich!“, brüllte er und so schnell hatte ich sie noch nie verschwinden sehen. Die Freude darüber hielt aber nicht lange an, denn nach ihrem Abgang kam mein Dad langsam auf mich zu. Währenddessen verdunkelte sich sein Gesichtsausdruck immer mehr, bis er schließlich direkt vor mir stand und mich mit seinen Augen anfunkelte. Und plötzlich wurde mein Kopf nach rechts gerissen.
Wie von selbst fuhr meine Hand an meine Wange; im nächsten Moment spürte ich einen unangenehmen Schmerz. Ich schluckte dumpf und musste mich zwingen, die Tränen zurückzudrängen, die sich in meinen Augen bildeten. Anschließend drehte ich meinen Kopf zurück und schaute meinem Vater erneut ins Gesicht. Scheiße. Sein gesamter Körper kündete von mühsam unterdrückter Wut: zusammengebissene Zähne, angespannte Schultern, seine rechte Hand schloss und öffnete sich immer wieder, wie um mich nicht noch einmal...
Er hatte mich geschlagen. Mein Vater hatte mich geschlagen. Diese Erkenntnis, die doch reichlich spät in meinem Kopf ankam, war irgendwie noch schlimmer, als der tatsächliche Schlag. Und der tat wirklich weh!
„Hast du verdammte Tochter jetzt erreicht, was du wolltest? Die Aufmerksamkeit von wirklich allen? Weißt du überhaupt, was das für uns bedeutet? Für mein Ansehen? Meine Geschäftschancen? Was wirft das für ein Licht auf meine Bankkette, wenn von meiner Tochter als stockbesoffener Hure geredet wird?“
„Dad...“ Das klang kläglich. Verdammt kläglich. Ich verfluchte mich selber für meine Schwäche. Die bekam außer ihm sonst auch niemand zu sehen.
„Komm mir nicht so!“ Er brüllte. Sein Glück - und meins - dass unsere Wände relativ schalldicht waren und unser Garten breit genug, um keine neugierigen Nachbarn anzulocken. Er atmete einmal tief durch, dann noch einmal. Anschließend sah er mich ausdruckslos an. „Am Samstag ist ein Empfang von Robert Ray. Diesem Schriftsteller und Basketballspieler. Ich wollte dich ursprünglich nicht mitnehmen, aber das ist jetzt wohl unausweichlich. Du trittst dort auf, und zwar als die Tochter, die du das letzte halbe Jahr warst. Ordentliches Kleid, ordentliches Benehmen. Und wehe dir, wenn nicht! Dann kannst du sehen, wie du klarkommst, wenn ich dich enterbt habe.“ Mit diesen Worten ließ er mich stehen und stürmte aus dem Haus. Keine Ahnung, was er jetzt tun würde.
Ich war viel zu erschüttert, um mich irgendwie zu bewegen. Meine Wange brannte fürchterlich. Und irgendwie fühlte es sich auch an, als wäre mein Körper plötzlich zu schwer für mich. Nur durch diesen Gedanken kam wieder Leben in mich. Ich lief aus dem Wohnzimmer, die Treppe hoch und ans Ende des Flurs, bis ich mein Zimmer erreicht hatte. Dort ging ich weiter ins angrenzende Bad, wo ich mich vor den großen Spiegel stellte.
Mir schaute eine ziemlich verschreckt aussehende Version von mir selbst entgegen. Meine Wange leuchtete rot, meine Augen waren weit aufgerissen und das sonst so helle Blau, das ich von meiner Mutter geerbt hatte, war jetzt tiefdunkel. Meine blonden Haare gingen mir in sanften Wellen bis zur Brust. Meine dunkle Röhrenjeans betonte meine langen, schlanken Beine, mein Bauch war flach, meine Taille schmal, ich hatte eine ordentliche Oberweite, ein hübsches Gesicht ...
So langsam begann sich meine Atmung zu beruhigen. Klingt verrückt? Ja. Aber es hatte mir schon das letzte Mal, also vor meiner ‚Besserung‘, geholfen, meinen Körper zu betrachten und festzustellen, dass er für viele perfekt war. Da war ich zwar nicht geschlagen worden, aber trotzdem war das Erlebnis ganz schön heftig gewesen. Ich weiß - und wusste es schon fast immer -, dass ich hübsch bin. Schön. Gut aussehend. Viele würden das arrogant betiteln. Und zumindest mit meinen achtzehn Jahren war ich extrem arrogant und herablassend.
Das Klingeln meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Ich ging ins Zimmer, nahm es von meinem Bett und nahm den Anruf entgegen, ohne aufs Display zu schauen. Wäre auch nicht nötig gewesen, die Stimme erkannte ich sofort.
„Elli! Hast du schon mit deinem Dad geredet?“
„Nein. Ich bin gar nicht dazu gekommen, irgendetwas zu sagen“, erwiderte ich betont freundlich. Lissa war am Sonntag nicht mitgekommen, war irgendwie mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in Spanien gewesen - geschäftlich. Ihr Vater schleppte meist die ganze Familie mit.
„Oh“, sagte sie jetzt. „Und?“
Ihre Scheinheiligkeit ging mir gerade gewaltig auf die Nerven. Sie sollte einfach die Klappe halten und auflegen. Aber ich hatte auch vor meinen Freunden einen Ruf zu verlieren, also versuchte ich mich an einem gelangweilt - genervten Ton. „Nichts und. Das Übliche. Ich werd’s überleben.“ Klappte ganz gut. Keinen meiner Freunde ging die Beziehung zwischen mir und meinem Vater wirklich etwas an.
„Ach, na dann ist ja gut. Sehen wir uns morgen?“
„Nee, denke nicht. Bist du Samstag bei dieser komischen Veranstaltung, von der alle reden?“ Ich konnte Lissa meistens nicht leiden, aber ohne jemanden außer meinem Vater würde ich das nicht überstehen.
„Du meinst von Robert Ray? Sorry, mein Dad will nochmal wohin, ich soll auf Mia aufpassen.“ Ich nahm ihr ihren traurigen Tonfall sogar ab. Sie war die einzige von uns, die gerne auf solche Veranstaltungen ging. Ich wahrscheinlich diejenige, die es am meisten hasste. Ich würde so sterben ... aber das musste Lissa ja nicht wissen.
„Hm, kein Problem. Dann sehen wir uns irgendwann. Hab noch zu tun.“ Ich wollte jetzt einfach meine Ruhe. Nach ihrer Verabschiedung beendete ich den Anruf sofort.

Was ich danach tat, kann ich mir immer noch nicht so richtig erklären. Selbstfolterung? Auf jeden Fall so etwas in der Art. Ich nahm mir nämlich meinen Laptop, setzte mich auf mein wunderbar riesiges Bett und gab bei Google meinen eigenen Namen ein (so viel zu „ich wollte einfach meine Ruhe“). Vor einer Woche wären noch massenhaft alte Artikel erschienen, die mindestens ein dreiviertel Jahr alt waren. In letzter Zeit war wirklich nicht viel geschehen, dass es mich in die Zeitung gebracht hätte.
Jetzt war das anders. Jetzt gab es massenhaft neue Ergebnisse, die vom letzten Sonntag berichteten. Der Artikel, der unten im Wohnzimmer lag, war nicht harmlos, kam aber an die schlimmsten Spekulationen auch nicht heran. Aus reiner Neugierde klickte ich einen Artikel an. Oh. Ganz besonders schlimm. War es nicht eigentlich verboten, so etwas zu veröffentlichen? Rufmord oder so? Laut dieser Zeitung hatte ich mit ungefähr sechs Männern an diesem Abend etwas gehabt, meine Freunde waren schlimme Besoffene und überhaupt... angeblich hatte ich meinen langjährigen Freund aufs Schlimmste betrogen.
Ich musste grinsen. Solche Idioten. Ich scrollte runter zu den Kommentaren. Zwischen den ganzen Verwünschungen an meine Person tauchten auch solche auf, die den Artikel als „schwachsinnig“ bezeichneten und mit ziemlich anschaulichen Argumenten meine Wenigkeit verteidigten. Anscheinend war diese Zeitung für ihren schlechten Ruf bekannt. Das interessierte zwar nur die wenigsten, die das lasen, aber die Leserschaft dieser Zeitung war auch nicht gerade die Mehrheit der Bevölkerung.
Und ganz soo schlimm war es nicht. Das konnte ich ab. War ja schließlich dran gewöhnt, die böse Tochter des reichen Marc Kennan zu sein. Außerdem kannte mich fast keiner dieser Leute persönlich, also konnte es mir egal sein, was sie über mich dachten.
Ich schloss den Laptop und ging in mein Ankleidezimmer. Mein Heiligtum. Es war in einem warmen Orange gehalten, mit einer großen Schrankfront und einem flauschigen cremefarbenen Teppich. Ich öffnete meinen Kleiderschrank - also wirklich den Schrank mit den Kleidern drin - und suchte nach einem Kleid, das ich am Samstag anziehen konnte, ohne meinen Vater zu verärgern. Da gab es nicht viel. Meine meisten waren kurz, so richtig „ordentliche“ hatte ich noch nie wirklich anziehen müssen.
Ich seufzte und ließ meinen Blick über die Auswahl wandern. Ich hatte dezent wenig Lust, mich vor Samstag der Öffentlichkeit zu präsentieren. Neu einkaufen passte mir da ausnahmsweise mal also nicht in den Kram. Ich wollte die Hoffnung schon aufgeben, als mein Blick auf ein schwarzes, langes Kleid fiel, das ganz hinten hing. Ich kannte es nicht. Also holte ich es heraus, um es zu betrachten. Nur um es kurz darauf mit aller Kraft in die hinterste Ecke des Schranks zu stopfen.
Es hatte meiner Mutter gehört. Sie musste es zurückgelassen haben... Warum? Und warum hing es plötzlich in meinem Kleiderschrank?
Mein Vater musste es mir zum Achtzehnten geschenkt haben, ohne dass ich etwas davon wusste. Klar. Ich hätte es ihm mit aller Verachtung vor die Füße geschleudert. Jetzt wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt.
Und hatte noch bis Samstagvormittag Zeit, mich zu entscheiden, ob ich es tatsächlich in der Ecke lassen sollte. Denn eigentlich war es verdammt hübsch.
Definitiv eine meiner Schwächen: hübsche Dinge, vor allem Kleidung, konnte ich noch nie lange ignorieren.
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