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Leben und sterben in Seattle

von Hopy1x2y
Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
"Normal" Reagan Ronald Alec Logan Cale Max Guevara
02.09.2015
18.09.2015
40
131.449
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02.09.2015 2.879
 
Clemente starrte noch einige Sekunden nach Gesprächsende auf sein Telefon. Er hatte ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Geiselnahmen waren nie wirklich einfach zu bewältigen, aber in diesem Fall kam noch erschwerend hinzu, dass die Geiselnehmer definitiv nicht zu unterschätzen waren.
452 hatte einerseits sehr kühl und beherrscht geklungen, andererseits schien sie auch sehr genau zu wissen, was sie wollte und wie weit sie gehen konnte.
Clemente kannte die Geschichten über die transgenetischen Lebensformen, die in den diversen Zeitungsblättern und Fernsehberichten mit jedem Tag schauerlicher und abstruser wurden. Er war wirklich nicht so naiv anzunehmen, dass diese Berichte mehr als nur Spekulationen waren.
Wenn aber auch nur ein Bruchteil davon der Wahrheit entsprach standen ihm mehr Probleme bevor, als ihm lieb sein konnte.
Einerlei, jetzt musste er erst einmal den Transportwagen besorgen. Dies würde die Situation hoffentlich entschärfen.
Wenn erst einmal die Hälfte der Geiseln befreit war, wäre er die Hälfte seiner Probleme los.
Oder zumindest fast die Hälfte.

Das Telefon trat in Aktion und sein Vorgesetzter meldete sich:
„Wie sieht es aus Clemente?“
Captain Reilly verlor selten Zeit mit Förmlichkeiten.
„Die Lage ist soweit ruhig. Seit dem Beginn der Geiselnahme gab es keine weiteren Schüsse, so dass ich davon ausgehe, dass es keine weiteren Verwundeten gibt. Ich habe mit der Anführerin, die sich selber 452 nennt, gesprochen und was ich aus dem Gespräch entnehmen konnte war, dass sowohl der Verwundete als auch die Schwangere höchstwahrscheinlich zu den Transgenetischen gehören. Zumindest hat 452 ärztliche Versorgung abgelehnt und aus dem ersten Gespräch habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie eine weitere Eskalation vermeiden will. Daher vermute ich, dass sie die beiden freigelassen hätte, wenn sie nicht zu ihnen gehören würden.“
„Welche Forderungen stellen die Geiselnehmer?“
Etwas Ungeduld und auch Sorge schwang in der Stimme des Captains mit. Kein Zweifel, auch Cpt. Reilly war sich der Besonderheit dieser Geiselnahme durchaus bewusst.
„Bisher nur die Forderung nach einem Transportfahrzeug. Wenn das Fahrzeug eingetroffen ist, will 452 die erste Hälfte der Geiseln freilassen. Die andere Hälfte, wenn sie am Zielort angekommen sind.“
Eine kurze Pause entstand und Clemente konnte förmlich spüren, wie der Captain die verschiedenen Szenarien im Geiste durchspielte.
„Einverstanden. Clemente, ich werde Ihnen das Fahrzeug schicken. Sie entscheiden, ob und wie Sie das Fahrzeug den Geiselnehmern zur Verfügung stellen. Informieren Sie mich falls Sie Informationen bekommen, wohin 452 fahren will. Reilly Ende.“

Also gut, dachte Clemente, ein Schritt nach dem anderen.
Er wählte die Nummer von Jam Pony.
„Ja?“
„452? Clemente hier. Das Fahrzeug ist unterwegs. Es wird in ungefähr 30 Minuten hier eintreffen. Ich möchte nur klarstellen, dass ich Ihnen das Fahrzeug nicht geben werde, bevor Sie Ihren Teil der Abmachung erfüllt haben.“
„Sobald das Fahrzeug hier vor dem Vordereingang parkt, werden wir die Hälfte unserer Geiseln durch diesen Eingang gehen lassen. Und bitte, versuchen Sie keine Tricks. Dies würde die Situation unnötigerweise verkomplizieren. Ich will dies so schnell und sauber wie möglich hinter uns bringen. Wenn wir dann am Zielort angekommen sind, werden wir wie versprochen die übrigen Geiseln freilassen.“
Die Stimme klang immer noch sehr kühl und beherrscht. Clemente nahm dies als gutes Zeichen.
Zu oft hatte er es bereits mit hypernervösen Geiselnehmern zu tun gehabt, und häufig war die Situation aus irgendeinem nichtigen Grund eskaliert.
Zumindest dies würde heute nicht passieren – hoffentlich.
„So ist es vereinbart und wir werden uns daran halten“, versprach Clemente. „Wo wird das Ziel ihrer Fahrt sein?“
„Das werden Sie noch erfahren. Es ist aber nicht weit von hier. Alles weitere können wir noch erörtern, wenn das Fahrzeug hier ist. 452 Ende.“
Clemente hatte nicht wirklich erwartet, dass sie ihm den Zielort nennen würde. Aber einen Versuch war es wert gewesen. Nun hieß es abwarten und hoffen, dass niemand irgendeine Dummheit machen würde.

James Gregory Thomerson hatte das hingelegt, was man als Bilderbuchkarriere bezeichnen konnte. Mit Mitte 30 war er ein ausgesprochen junger Colonel und es deutete nichts darauf hin, dass seine Laufbahn bereits zu Ende sein könnte. Sein Weg hatte ihn bis ins Pentagon geführt.
Natürlich, dort war er zwischen den ganzen Generälen und sonstigen unnützen Wichtigtuern – wie er sie bei sich nannte – noch ein ganz kleines Licht, aber er hatte bereits die notwendigen Verbindungen geknüpft und sich durch seine rasche und häufig genug skrupellose Erfüllung seiner Aufgaben einen Namen gemacht.
So war es beinahe folgerichtig, dass nach dem Auftauchen der ersten transgenetischen Wesen ihm der Auftrag zur Eindämmung der Probleme zugeteilt worden war.
Seine Vorgesetzten im Pentagon waren zunächst sprachlos gewesen, als die ganze Wahrheit ihnen nach und nach enthüllt worden war.
Die Sprachlosigkeit war sehr schnell von kalter Wut abgelöst worden als sie merkten, dass nur ein sehr kleiner Teil überhaupt von Manticores Existenz wusste und wie hoch der Betrag war, der in geheimen Kanälen an sämtlichen Kontrollgremien vorbei für dieses Projekt verbraucht worden war.
Und dies alles für die Entwicklung von sogenannten genetisch optimierten Soldaten, die sich, wie es sich nun herausstellte, nicht einmal sicher kontrollieren ließen.
Man hatte Thomerson nicht nur eine außerordentlich schlagkräftige Truppe mit hervorragender Ausrüstung zur Verfügung gestellt, sondern auch mit einem bedeutendem Budget und noch bedeutenderen Vollmachten ausgestattet.
Mit Ausnahme einer regelrechten Kriegserklärung standen ihm ansonsten fast alle Möglichkeiten zur Verfügung. Thomerson war bereits auf dem Weg nach Seattle, wo es bestätigte Meldungen von transgenetischen Wesen gab, als ihn die Nachricht von der Geiselnahme in irgendeinem kleinen Kurierunternehmen erreichte.
Da an dieser Geiselnahme Transgenos beteiligt waren war es für ihn klar, dass er genau an dieser Stelle den ersten Schlag gegen diese Pest führen würde.
„Sir?“
Thomerson blickte von den letzten Berichten auf und sah seinen Adjutanten an. Fogerty war nur unwesentlich jünger als Thomerson und hatte es bisher erst zum Leutnant gebracht.
Und wenn es nach Thomerson ginge, würde er diesen Rang auch nie verlassen.
Der Colonel hielt nicht allzu viel von Fogerty. Dieser war nicht flexibel in seinem Denken, er hatte nicht den notwendigen Ehrgeiz, nicht die notwendige Härte.
Ihm ging eigentlich alles ab, was ihn für eine höhere Position empfehlen könnte.
Aber er war devot und loyal Thomerson gegenüber. Er wusste, wo sein Platz war und das war für Thomerson genug. Einen Adjutanten mit zu viel Ehrgeiz würde er mit Sicherheit nicht in seiner Nähe geduldet haben.
„Was gibt es, Leutnant?“
„Sir, ich erfahre gerade, dass der Einsatzleiter der Polizei bei der Geiselnahme vor Ort auf eine Forderung der Geiselnehmer eingegangen ist und ihnen die Stellung eines Transportfahrzeuges zugesichert hat. Es ist bereits dorthin unterwegs.“
Das gefiel Thomerson gar nicht. Dort, wo diese Mutanten jetzt waren, dort sollten sie mal schön bleiben.
„Wissen wir, welche Route das Fahrzeug nimmt?“
„Ja, es wird die Sektorengrenze in etwa 15 Minuten am Übergang Newport passieren.“
Thomerson wandte sich an seinen Fahrer.
„Sergeant Anders, fahren Sie uns zu diesem Übergang. Und beeilen Sie sich.“
„Ja, Sir.“
Wenn das Fahrzeug nicht ankam, würde es der Einsatzleiter mit nicht sehr glücklichen Mutanten zu tun bekommen.
Thomerson lächelte zufrieden. Es könnte heute ein richtig guter Tag werden.
„Fogerty, geben Sie mir Lt. Denerhey. Wir wollen unsere Eingreiftruppen mal ein wenig anheizen. Nach all dem Training wird es Zeit für den Ernstfall.“

In Jam Pony ahnte man noch nichts von dem neuen Problem, welches sein Antlitz in Gestalt von Thomerson erhoben hatte. Die Stimmung hatte sich mittlerweile ein wenig entspannt, nicht zuletzt dank Alec, der noch am ehesten von den Normalos bei Jam Pony akzeptiert wurde.
Jaja, dachte Max, Monty Cora, der Goldjunge.
Er schaffte es irgendwie immer, sich mit seinem Lausbubencharme durchzulavieren.
Ein wenig beneidete sie ihn um diese Fähigkeit. Naja, sie würde bei dem Versuch, ihren Charme einzusetzen, im Gegensatz zu ihm hoffnungslos abstinken.
Aber immerhin würde sie im Vergleich mit Mole wohl jede Beliebtheitswahl hier in Jam Pony gewinnen. Und im direkten Vergleich mit Normal gäbe es ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen.
Aus den Augenwinkeln sah Max, dass sich jemand vorsichtig Alec näherte. Es war dieser Spanner, der sie damals beim umziehen in dem Dreckloch, welches bei Jam Pony als Umkleide diente, beobachtet hatte.
Dafür hatte sie ihm ziemlich nachdrücklich ihr Knie in seine Weichteile gerammt.
Wie hieß er noch gleich? Jerry.
Nach dieser für ihn eher unangenehmen körperlichen Interaktion, hatte es keinen weiteren Kontakt mit ihr gegeben, aber sie hatte den dringenden Verdacht, dass sich dies gleich ändern würde.

Jerry hatte sich mittlerweile betont lässig Alec genähert.
„Hör mal, Alec. Wie lange wollt Ihr uns eigentlich noch hier festhalten. Ich habe in einer Stunde einen – äh – Arzttermin, den ich nicht versäumen darf. Vielleicht kannst du mich einfach gehen lassen. Ihr habt doch hier mehr als genug Geiseln, da braucht Ihr mich doch gar nicht.“
Alec musterte ihn von oben bis unten.
„Aber klar doch. Ich rufe jetzt sofort den Einsatzleiter an, dass du dringend zum Arzt musst, und dass er dir doch bitte ein Einsatzfahrzeug zur Verfügung stellt.“
Alecs eigentlich unüberhörbarer Sarkasmus war verschwendet.
„Toll, danke. Aber ich habe mein Fahrrad draußen stehen. Ich komme dann schon zurecht.“
„Ja klar, mache ich doch gerne. Willst du vielleicht noch ein Erfrischungsgetränk oder auch noch ein Plätzchen bevor du gehst?“
Langsam dämmerte es selbst Jerry, dass Alec ihn ein wenig auf den Arm nahm.
So richtig klar wurde ihm, dass er wohl doch noch ein wenig Zeit an seinem Arbeitsplatz würde zubringen müssen, als sich eine Hand von hinten wie eine Stahlklammer um seinen Nacken legte.
Im krassen Gegensatz dazu säuselte die zur Hand gehörige Stimme:
„Ach Jerry, wir können doch noch nicht auf deine anregende Gegenwart verzichten. Warum setzt du dich nicht wieder ganz still und leise auf die Bank dort hinten. Solltest du hier weiter stören habe ich so eine Ahnung, dass du tatsächlich einen Arztbesuch einplanen musst.“
Max zog ihn wie ein unartiges Kind von Alec fort, drehte ihn Richtung Bank und gab ihm noch einen leichten Stoß mit auf den Weg, der Jerry vorwärts stolpern ließ.
Schleunigst zog er sich wieder auf seinen alten Sitzplatz zurück, wo sein Freund Matthew bedauernd die Schultern nach oben zog.

Alec grinste wieder auf die Art und Weise, die Max problemlos die Wände hochtreiben konnte.
„Ach Mäxchen, du musst aber auch immer so grob mit den Jungs umspringen. Logan muss echt auf diese Art stehen, dass er es immer noch mit dir aushält.“
Alec hatte es wieder einmal geschafft. In Max brodelte es.
„Hör zu, Alec!“, fauchte sie. „Wenn du mich noch einmal Mäxchen nennst oder irgendwelche blöden Bemerkungen über Logan und mich machst, dann brauchst DU einen Arzt und zwar nicht wegen dem lächerlichen Kratzer an deiner Schulter.“
Alec setzte sofort seinen getroffenen Hundeblick auf.
„Aber Max, das ist kein Kratzer. Das ist ein Durchschuss.“
Max setzte zu einer Erwiderung an, winkte aber letztendlich nur genervt ab.
Sie sah zu Gem hinüber, die, selbst für einen Laien erkennbar, eine schwere Geburt erlebte. Cindy gab wohl Kommandos, während Normal kopfschüttelnd am Fuße der Treppe saß.

Es war nicht zu glauben. Ständig sagte Cindy dem Wesen/Mutanten/der Frau – was auch immer – dass es pressen sollte. Scheinbar hatte Cindy nicht nur vom Kurierdienst keine Ahnung, sondern auch nicht von Geburtshilfe.
Schließlich hielt es Normal nicht mehr auf der Treppenstufe, auf der er sich niedergelassen hatte, und blaffte Cindy an.
„Du hast keine Ahnung von dem, was du da machst, stimmt's? Du gibst völlig falsche Kommandos. Sie muss sich jetzt ausruhen, nicht mehr pressen.“
„Hast du verstanden?“, wandte er sich direkt Gem zu. „Nicht mehr pressen!“
Cindy starrte Normal ungläubig an.
„Woher willst du wissen, was bei einer Geburt zu tun ist?“
„Mein Vater hatte eine Milchfarm. Ich war bei unzähligen Geburten dabei.“
Gem starrte ihn ungläubig an und wandte ihr schweißgebadetes Gesicht Cindy zu.
„Hat der mich jetzt gerade mit einer Kuh verglichen?“
Cindy konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken.
„Schätzchen, das hat er wahrscheinlich nicht so gemeint. Aber wenn doch, so wäre das noch immer eine deutliche Verbesserung zu den Kosenamen, mit denen er uns so belegt.“
Normal war unwillkürlich rot angelaufen, was Cindy ziemlich erstaunte.
„Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich wollte nur sagen, dass ich oft bei Geburten mitgeholfen habe.“
„Dein.... Glück...“, stieß Gem zwischen zwei Schmerzwellen hervor.
Cindy machte sich einen Gedächtnisvermerk um später in ihren Kalender rot einzutragen, dass sich Normal tatsächlich entschuldigt hatte.
Das einzige Mal, dass sie dies erlebt hatte, war am Telefon gewesen, als Normal – wie sich hinterher herausgestellt hatte - in der Hand von Verbrechern gewesen war, die eine Pistole auf seinen Kopf gerichtet hatten.
Aber in einem hatte Normal recht. Sie verstand absolut nichts vom Geburtsvorgang.
Und sie tat einen Schwur, dass es für alle Zeiten auch so bleiben sollte.
Wenn dies das sogenannte Wunder der Geburt sein sollte, dem sie gerade beiwohnte, dann wollte sie mit diesem scheiß Wunder für alle Zeiten nichts mehr zu tun haben.

In der Zwischenzeit hatte Thomerson die Sektorgrenze erreicht, den das Transportfahrzeug auf dem Weg zu Jam Pony passieren sollte. Zufrieden registrierte er, dass auch eine Gruppe seiner Einsatzkräfte bereits vor Ort war. Thomerson stieg aus und schritt auf den Mann zu, den er als Vorgesetzten der Kontrollposten identifizierte.
„Sergeant!“
Mit Genugtuung registrierte er, wie der Mann reflexhaft Haltung annahm, als er die Colonel-Schwingen erblickte.
Gut, dachte Thomerson. Der Mann war augenscheinlich irgendwann einmal in der Armee gewesen. Dies würde sein Vorhaben deutlich erleichtern.
„Sergeant, ich bin Colonel Thomerson. Ich bin von Washington beauftragt worden, mich um das Transgeno-Problem in Seattle zu kümmern. Sind Sie über das Fahrzeug informiert, das hier die Sektorengrenze passieren soll, und das für die Geiselnehmer in einer Firma namens Jam Pony bestimmt ist?“
„Ja, Sir.“
Sergeant Donovan war tatsächlich noch das, was Thomerson einen 'guten Soldaten' nennen würde. Vor ihm stand ein Colonel, der ihn etwas fragte. Somit hatte er zu antworten.
Auf die Idee zu fragen was denn die Armee eine Geiselnahme anging, ohne dass sie von der zuständigen Polizeibehörde angefordert worden wäre, kam er überhaupt nicht.
„Gut Sergeant. Die Vorgehensweise hat sich geändert. Das Transportfahrzeug darf nicht passieren, ich wiederhole, es darf auf keinen Fall passieren!“
„Ja Sir. Eine Frage, Sir. Was soll ich dem Einsatzleiter melden, wenn er rückfragt, warum das Fahrzeug nicht kommt?“
Donovan stand immer noch in der militärisch strammen Haltung, was Thomerson von Sekunde zu Sekunde mehr amüsierte.
„Sie melden, dass ich mich mit Ihrem Captain in Verbindung setze und für diese Aktion die volle Verantwortung übernehme. Noch einmal. Egal, was Ihnen dieser Einsatzleiter sagt: Das Fahrzeug darf nicht passieren. Verstanden?“
„Jawohl Sir.“
Innerlich lachend drehte sich Thomerson zu seinem Wagen.
Der Sergeant muss deutsche Vorfahren haben, dachte er.
Sobald er jemanden mit einem höheren Rang sieht, befolgt er auch schon dessen Befehle, ohne die geringste Legitimation sehen zu wollen. Nun, ihm konnte das nur recht sein.
Zufrieden stieg er wieder in seinen Wagen ein und gab seinem Fahrer die Anweisung, ihn zum Hauptquartier des Seattle PD zu fahren. Vorher winkte er allerdings noch einen seiner Männer zu sich an den Wagen.
„Für alle Fälle: Falls Donovan doch das Fahrzeug passieren lassen will, dann verhindern Sie dies unter allen Umständen. Haben Sie verstanden? Unter allen Umständen!“
„Jawohl, Sir.“
Mit einem Wink gab Thomerson seinem Fahrer den Befehl zur Abfahrt.

Ungläubig starrte Clemente auf sein Telefon. Mit welcher Begründung -  und vor allem mit welchem Recht – wurde eine eindeutige Polizeiaktion sabotiert?
Wie kam dieser Sergeant dazu, einen eindeutigen Befehl des PD zu missachten? Und dann auch noch in einer solch brenzligen Situation wie einer Geiselnahme, die jederzeit eskalieren konnte.
Die Anführerin der Geiselnehmer, 452, erwartete jede Minute seinen Anruf, dass das Fahrzeug bereit stehen würde. Die zugesagten 30 Minuten waren bereits um.
Es war klar, er musste sofort Reilly informieren und nachfragen, wer diesen Mist angeordnet hatte. Aber bevor er noch wählen konnte, klingelte das Telefon.
Clemente stöhnte innerlich und betete inständig, das es nicht der Anruf sei, den er befürchtete.
Aber entweder gab es keinen Gott, oder aber er war gerade beschäftigt oder er hatte einen schrägen Sinn für Humor. Denn es war natürlich der befürchtete Anruf.
„Hier ist 452. Die 30 Minuten sind um. Wo bleibt das Fahrzeug?“
Clemente überlegte fieberhaft. Aber es gab kaum eine Antwort, die sich nicht nach einem billigen Versuch anhörte, Zeit zu gewinnen.
„Hören sie 452. Das Fahrzeug wurde an der Sektorkontrolle aufgehalten. Es kann sich dabei nur um ein Missverständnis handeln und ich wollte gerade meinen Vorgesetzten kontaktieren, um dieses Versehen aufzuklären.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es einige Sekunden lang ruhig. Als 452 sprach, konnte Clemente den Anflug von Ärger in der Stimme hören.
„Was haben Sie an dem Satz 'Und versuchen Sie keine Tricks' eigentlich nicht verstanden, Clemente? Soll ich ihn Ihnen buchstabieren? Brauchen Sie für das Fahrzeug ein unterschriebenes Antragsformular für Ihre Akten? Sie können mir nicht erzählen, dass das Fahrzeug von irgendwelchen subalternen Figuren aufgehalten wurde. Wenn Sie versuchen auf billige Art Zeit zu gewinnen, werden Sie die Konsequenzen zu verantworten haben!“
Clemente gab sich alle Mühe, so ehrlich wie möglich und gleichzeitig beruhigend zu klingen. Er wusste, dass der unblutige Ausgang dieser Geiselnahme an einem seidenen Faden hing.
„452, bitte glauben Sie mir. Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Ich werde alles tun, um das Fahrzeug so schnell wie möglich zu beschaffen. Bitte geben Sie mir die Möglichkeit, dieses Problem zu beseitigen. Wir wollen doch beide jegliches Blutvergießen vermeiden.“
„Das sagten Sie bereits. Sie sollten dann auch so handeln und nicht nur so reden. Ich gebe Ihnen 15 Minuten. 452 Ende.“
Leise fluchend wählte Clemente die Nummer seines Vorgesetzten.
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