Leben und sterben in Seattle

von Hopy1x2y
GeschichteSci-Fi / P16
"Normal" Reagan Ronald Alec Logan Cale Max Guevara
02.09.2015
18.09.2015
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„Wir schalten nun um in den Sektor X zu einem Transportunternehmen namens Jam Pony, wo sich vor einer halben Stunde eine Geiselnahme ereignet hat. Melissa, wie ist die Lage vor Ort?“
„Larry, die Lage hat sich vor wenigen Minuten weiter zugespitzt. Eine Frau ist auf eine Drohne gesprungen und hat sich mit dieser durch ein Fenster im Erdgeschoss manövriert. Unser Kameramann konnte diese dramatische Begebenheit filmen, die wir jetzt den Zuschauern zeigen können.“
„Melissa, kann man schon genauere Angaben über die Anzahl der Geiseln machen, die sich in der Hand der Geiselnehmer befinden? Haben die Geiselnehmer bereits Forderungen gestellt und kann man auch abschätzen, wie viele sich von ihnen im Gebäude aufhalten?“
„Die Polizei hat hierzu noch jeden Kommentar verweigert, Larry. Es gilt aber als sicher, dass die Geiselnehmer aus der Gruppe stammen, die man allgemein als Transgenos bezeichnet. Wir haben einige Augenzeugen befragt und diese meinten, es waren mindestens zwei nicht menschlich aussehende Kreaturen dabei. Die Wesen aus der sogenannten X5-Serie sind nach unserem Kenntnisstand oberflächlich nicht von normalen Menschen zu unterscheiden. Daher kann auch niemand angeben, ob auch Exemplare dieser Mutationen an der Geiselnahme beteiligt sind. Jedenfalls wurde eine Geisel angeschossen und es scheint auch eine schwangere Frau im Gebäude zu sein.“
„Danke Melissa. Das war ein Livebericht von Melissa Cooper über eine Geiselnahme hier in Seattle. Wir halten sie selbstverständlich auf dem Laufenden. Und nun zeigen wir ihnen noch einmal die spektakulären Szenen, als eine Frau mittels einer Polizeidrohne das Gebäude auf eher unkonventionelle Art betrat.“

„Das ist nicht fair. Ich werde angeschossen und du kommst ins Fernsehen.“
Fasziniert hatte Alec den Übertragungen im Fernsehen zugesehen, wandte sich mit einer beleidigt klingenden Stimme an Max und riss sie aus ihren Überlegungen heraus.
„Geh raus und lass dich erschießen. Ich bin sicher, dann kommst du auch ins Fernsehen!“
Max hatte im Augenblick eher wenig für Alecs Spielereien übrig.
„Sie wurden aber erwähnt, Sir.“
„Sir!“, schnaubte Max nur spöttisch und wandte sich ab.
Alec blickte auf den elf- oder zwölfjährigen Jungen, ein X6, der sich als Dalton vorgestellt hatte, und verdrehte die Augen.
„Mein Name ist Alec! Alec, nicht 'Sir'!“
„Jawohl, Sir!“
Der X6 war schon auf dem besten Weg zu salutieren, als er seinen Fauxpas bemerkte und etwas rot anlief.
„Entschuldigung, S... Alec. Entschuldigung, Alec.“
Alec legte ihm schmunzelnd eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen.
„Tief durchatmen, Dalton. Nicht nervös werden und immer daran denken, dass du nicht mehr in Manticore bist. Immer schön locker bleiben.“
Max hätte es nie zugegeben, aber insgeheim bewunderte sie Alec für seine offensichtliche Fähigkeit, Spannungen zu lösen. Bei ihr würde er sich aber die Zähne ausbeißen.
Um ihre derzeitige Anspannung zu lösen, müsste man sie schon narkotisieren – mit einer großen Dosis Beruhigungsmittel. Einer sehr großen Dosis.
Herrgott, diesmal hatten sie es geschafft. Sie waren so richtig in Schwierigkeiten.
Cece hatte aus dem ersten Stock gemeldet, dass ein Riesenaufgebot an Polizei das Gebäude vollkommen abgeriegelt hatte.
Max verwünschte sich nicht zum ersten Mal, dass sie Joshua und die Übrigen ausgerechnet zu Jam Pony dirigiert hatte. Aber ihr war einfach nichts anderes eingefallen und sie hatte gehofft, Alec könne schnell genug reagieren und die Fünfergruppe irgendwie nach Terminal City schaffen.
Tja, seufzte sie in Gedanken, der Plan war ja wohl mal so richtig schief gegangen.
Jetzt musste sie sich nicht nur um die Sicherheit der Transgenos sorgen, sondern sie musste auch irgendwie verhindern, dass ihre Freunde und Arbeitskollegen in die Schusslinie gerieten.

Nun, sagte sie zu sich nach einem Blick in die Runde, wohl eher Ex-Arbeitskollegen.
Und wenn sie die Blicke richtig einschätzte, dann wohl auch zu einem großen Teil Ex-Freunde.
Cindy war wohl die einzige 'Normalo', die vollkommen auf ihrer Seite stand. Die wusste von ihrer und Alecs Vergangenheit in Manticore und dass weder sie beide noch Joshua die Monster waren, zu denen die Medien sie hochstilisiert hatten.
Cindy kümmerte sich zurzeit um Gem, einer X5, deren Baby unbedingt jetzt auf die Welt kommen wollte.
Was Sketchy anging, so konnte er sich vielleicht mit der Existenz von den X5 und X6 abfinden, aber mit den Transhumanen war das eine ganz andere Geschichte. Er hatte sich auf eine Bank in einen entfernten Winkel zurückgezogen und Max konnte es ihm nicht verdenken.
Mit seiner berühmt-berüchtigten Unvorsichtigkeit hatte er unbedingt eine seiner überflüssigen flapsigen Bemerkungen machen müssen und diese leider ausgerechnet an Mole adressiert.
Der große echsenartige Transhumane verstand dummerweise sehr wenig Spaß und Sketchy konnte von Glück sagen, dass Max ihm – schon wieder – den Hals gerettet hatte.

Normal schien immer noch im Schockzustand zu sein, weil sein Goldjunge Alec sich auch als ein Transgeno herausgestellt hatte. Und dieser Goldjunge stand unbehaglich ob der ungemütlichen Stimmung in der Mitte des Raumes mit einem Notverband um seine linke Schulter.
Diesen Verband hatten ihm Dalton und Joyce – eine weitere X6 etwa in Daltons Alter - angelegt, die mit Gem, Joshua und Mole in einem Wagen nach Terminal City unterwegs gewesen waren. Leider war Mole ein anderer Wagen in die Quere gekommen und damit hatte der Schlamassel angefangen.
Mole und Joshua bewachten zurzeit die Front und die Rückseite des Gebäudes.
Cece – erst seit einer Woche für Normal als Kurier tätig - war wieder auf ihren Beobachtungsposten im ersten Stock zurückgekehrt.
Natürlich hatte Normal nicht gewusst, dass Cece eine X5 war. Bis vor fünf Minuten war für jeden Normalo hier in Jam Pony die Existenz von Transgenos nicht mehr als ein Gerücht gewesen.
Tja, willkommen in der Wirklichkeit, dachte Max.
Alec hatte mit Dalton scheinbar schon einen neuen Fan gefunden, denn der junge X6 wich nicht von seiner Seite.

Joyce schien ziemlich überdreht zu sein, überspielte damit wohl mehr schlecht als recht ihre Nervosität und ging Max bereits erfolgreich auf die Nerven.
Nun gehörte wahrlich nicht viel dazu, Max auf die Palme zu bringen, aber substanzloses Geschwafel zu unpassendem Zeitpunkt war ein probates Mittel, dies zu schaffen.
Joyce jedenfalls sah begeistert die Berichte im Fernsehen, erzählte jedem in ihrer Umgebung, ob er es hören wollte oder nicht, von ihrer Reise aus Wyoming bis hierhin - und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie von den Jam-Pony-Mitarbeitern bestenfalls scheue Blicke zurück erhielt.
In Manticore hatte sie bestimmt kein ganz einfaches Leben gehabt – vermutlich hatte sie aber auch ihre Ausbilder zur Verzweiflung getrieben.
Als Soldat war sie jedenfalls eindeutig eine Fehlbesetzung. Wahrscheinlich war etwas viel Papagei in ihren DNS-Cocktail geraten.

Es wurde wohl Zeit für eine kleine Ansprache, dachte Max. Vielleicht kann ich so die Situation ein wenig entkrampfen.
„Hört mir mal bitte zu!“
Schlagartig erstarb das Gemurmel, welches bisher ein beständiges Hintergrundgeräusch gewesen war. Die Blicke, die ihr zugeworfen wurden, waren eine bunte Mischung aus Furcht, Trotz, Ärger und Widerwillen – bei einigen ihrer Ex-Kollegen auch alles gleichzeitig.
Einzig bei Sketchy und Sky glaubte sie noch etwas von der alten Freundschaft zu erkennen. Vielleicht war es aber auch nur das, was sie zu sehen wünschte.
Cindy, an deren Freundschaft sie zu zweifeln keinen Grund hatte, war zu beschäftigt, um ihr mehr als einen flüchtigen Blick zuzuwerfen.

„Ich weiß“, begann sie ihre kurze Rede, „dass diese Situation für euch alle sehr unangenehm ist. Ihr könnt mir glauben, dass es nie unsere Absicht war, eine derartige Aktion durchzuziehen und euch alle in Gefahr zu bringen. Aber uns bleibt jetzt keine andere Wahl. Bitte verhaltet euch ruhig, damit wir alle diese Situation unbeschadet überstehen.“
„Schön gesagt. Ihr denkt aber doch wohl nicht, dass wir euch irgendwas glauben. Wir haben alle die Nachrichten gesehen und die Berichte gelesen, wie euresgleichen mit uns Menschen umgeht“, erwiderte einer der Angestellten.
Max warf Mole, dessen bemerkenswert dünner Geduldsfaden schon fast gerissen war, einen warnenden Blick zu. Ein wütender Transhumaner, der einen Menschen auseinandernimmt, würde kaum zur allgemeinen Beruhigung beitragen.
„Matthew, wenn du alles glaubst, was in den Medien verbreitet wird, bist du wirklich sehr naiv. Wir wollen nur, dass ihr euch ruhig verhaltet. Die Einsatzleitung wird sich mit Sicherheit in Kürze bei uns melden. Wir werden verhandeln und ein Fahrzeug fordern, mit dem wir diese gastliche Stätte wieder verlassen können. Und Normal kann euch dann wieder durch die Stadt jagen, als wäre dies alles hier nie geschehen.“

Als Max ihre Ansprache beendet hatte, nickte sie noch kurz aufmunternd und beruhigend – so hoffte sie zumindest – ihren ehemaligen Kollegen zu.
Diese standen oder saßen mittlerweile in kleinen Grüppchen zusammen und die meisten versuchten angestrengt, nicht die Aufmerksamkeit von einem ihrer Bewacher auf sich zu ziehen.
„Hättet ihr das gedacht? Alec und Max gehören tatsächlich zu diesen …Äh...Dings...Transen?“ Brian hatte die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gefressen und Greta, die neben ihm stand, stieß ihn leicht in die Seite.
„Du solltest sie besser als Transgenos bezeichnen. Das hören die wahrscheinlich etwas lieber.“ Sharon und Mitch hatten sich mittlerweile zu den beiden gesellt.
„Cece gehört also auch zu denen“, ließ Mitch verlauten. „Glaubt ihr, das noch jemand von uns dazugehört, der sich nur noch nicht zu erkennen gegeben hat?“
Greta verzog das Gesicht.
„Mich würde es nicht wundern, wenn auch Cindy eine von denen wäre. Ich traue jedenfalls niemandem mehr über den Weg.“
Sharon kicherte.
„Bei Normal können wir wohl sicher sein. Mit seiner Art hätte er bestimmt nicht lange bei denen überlebt. Diese Echse hätte ihn wohl schon gevierteilt.“
Greta lief es kalt den Rücken runter bei dem Gedanken an dieses Wesen. Welches kranke Gehirn hatte bloß so etwas 'entworfen' und dann auch tatsächlich gezüchtet?
Sie warf einen verstohlenen Blick auf Alec. Den hatte sie irgendwie sehr anziehend gefunden. Es schüttelte sie, als sie sich erinnerte, dass sie ihn fast einmal nach einem Date gefragt hatte.
Für Brian schien das alles irgendwie ein aufregendes Spiel zu sein, zumindest erweckte er den Anschein, als würde ihn hier nichts aus der Ruhe bringen. Wahrscheinlich war er nur zu dumm, um zu kapieren, in welcher Gefahr sie alle schwebten, vermutete Greta.

Alec und Max diskutierten derweil über die weitere Vorgehensweise.
„Max, glaubst du wirklich, dass sie uns einfach in ein Fahrzeug einsteigen und in den Sonnenuntergang fahren lassen? Wir werden einige Geiseln mitnehmen müssen. Und wir sollten jetzt schon überlegen, ob wir eher die uns wohl gesinnten oder eher die anderen mitnehmen werden.“
„Wir werden nicht unsere Freunde als 'Geiseln' mitnehmen. Falls die Polizei sich nicht an die Abmachungen hält, will ich nicht, dass Cindy, Sketchy oder Sky in die Schusslinie geraten. Verdammt, eigentlich will ich dann noch nicht einmal Normal im Wagen haben.“
Alec verzog das Gesicht.
„Nicht gerade beruhigend, dass du eine einfache Abwicklung auch nicht für wahrscheinlich hältst. Aber vielleicht sind unsere Überlegungen auch nur theoretischer Natur und unsere Freunde und Helfer bereiten gerade jetzt den Sturmangriff vor. Das wäre...“

Ein lautes Klingeln von Normals Telefon unterbrach Alecs Gedankengang und Max langte über den Tresen, an dem Normal normalerweise mit Kundenpäckchen und Zetteln jonglierte und seine 'faulen Gammler' kreuz und quer durch die Stadt jagte.
Max hätte nie gedacht, dass sie diese Momente tatsächlich mal vermissen würde.
„Wenn es ein Kunde ist, versuch mal ein wenig freundlich zu sein. Und lass dir die Adresse und die Telefonnummer geben. Ich rufe zurück.“
Irgendwie konnte Normal nicht aus seiner Haut.
Max schüttelte kurz genervt den Kopf, griff über den Tresen nach dem Telefon und hob den Hörer ab.
„Ja.“
„Hier ist Lieutnant Clemente. Mit wem spreche ich?“
„Sie können mich 452 nennen. Sie wissen bestimmt, dass wir hier mehr als ein Dutzend Geiseln haben. Sie wissen auch, dass wir bewaffnet sind und wir mit diesen Waffen sehr gut umgehen können. Auch wurden wir hervorragend darauf trainiert, mit solchen Situationen umzugehen. Sie sollten also keine Tricks mit uns versuchen und unsere Forderungen ernst nehmen.“
„Hören sie, wir wollen doch wohl alle unnötiges Blutvergießen vermeiden. Welche Forderungen haben sie?“
„Wir wollen einen Transportwagen, vollgetankt, und wir wollen ihn in einer Stunde hier am Vordereingang stehen haben.“
„Ich habe gehört, sie haben einen Verletzten und eine Schwangere bei sich. Wie wäre es, wenn sie die beiden freilassen würden, damit sich unsere Ärzte um sie kümmern können.“
„Um die kümmern wir uns. Schicken sie den Wagen. Wenn der Wagen angekommen ist, lassen wir die erste Hälfte unserer Geiseln gehen. Wenn wir an unserem Zielort angekommen sind, lassen wir die anderen Geiseln frei. Sind wir uns einig?“
„Ich informiere meinen Vorgesetzten. Sie hören wieder von mir. Clemente Ende.“

Max legte den Hörer auf, und als sie sich umdrehte, stand Joyce vor ihr.
„Ma'm, kann ich sie was fragen?“
„Max, ich heiße Max. Was willst du denn wissen?“
„Da war gerade eine Frau im Fernsehen, die hat gesagt, wir wären keine Menschen, weil wir keine Seele hätten. Was ist denn eine Seele?“
Max seufzte. Eine religiös angehauchte Diskussion hatte gerade noch gefehlt. Religionsunterricht hatte es irgendwie nie in den Manticore-Stundenplan geschafft.
„Hör mal, das ist ein Thema, für welches ich wirklich kein Experte bin. Aber glaubst du nicht auch, dass wir derzeit ein paar wichtigere Probleme haben, als uns um das Geschwätz von irgendwelchen Wichtigtuern zu kümmern?“
Joyce schien ein wenig enttäuscht.
„Schon gut, ich dachte nur...“
Dann hellte sich ihre Miene wieder auf.
„Ach, ich frage einfach ein paar von den Leuten hier. Und aus den Aussagen kann ich ja dann schon ein paar Erkenntnisse extrahieren. Informationen sammeln und auswerten ist mein Spezialgebiet. Naja, auch wenn das wohl nicht so viel bedeutet.“
Sie grinste und suchte schon nach den ersten Gesprächspartnern.
Ja, dachte Max, während sie sich die Schläfen massierte. Definitiv kein Soldat.
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