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Das Streben nach Glück

von Honey Bee
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12
Akashi Seijūro Hayama Kotarō Mibuchi Reo Nebuya Eikichi
29.08.2015
16.01.2021
21
61.334
7
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13.01.2021 4.218
 
„Warum genau willst du den Alten sehen?“ hakt Kaito misstrauisch nach, während er den Wagen auf den Parkplatz lenkt und die Seitenscheibe hinabrollt, um ein Parkticket zu ziehen. Die Fahrt von Kyoto nach Osaka ist ohne große Staus verlaufen und so haben sie ihr Ziel früher als geplant erreicht. Kaito reicht seiner kleinen Schwester den Parkausweis, welche diesen in ihrem Portemonnaie verschwinden lässt und das Firmengebäude ihres Vaters nachdenklich beäugt. Der Wolkenkratzer ragt hoch in den strahlend blauen und wolkenfreien Himmel, während die Sonne sanft in der gespiegelten Fassade reflektiert. Sie ist bereits seit Jahren nicht mehr in dem Gebäude gewesen. Die Luft in dem Wolkenkratzer gibt ihr immer Kopfschmerzen.
„Ich muss unseren Alten etwas fragen“, antwortet die Schwarzhaarige auf die Frage ihres Bruders, welche das Fahrzeug in eine freie Lücke lenkt und den Motor abstellt. Seufzend schnall sich Kaito ab und dreht sich leicht zu der Jüngeren, ehe er sie aufmerksam mustert. Sie ist die Fahrt über still gewesen, ist ihren Gedanken nachgehangen und hat sich auf das Gespräch mit ihrem Vater vorbereitet. Die Schwarzhaarige wirkt angespannt und er kann es ihr nicht verübeln. Seit dem letzten Besuch ihres Vaters in Kyoto hatten sie keinen Kontakt mehr zu dem Geschäftsmann und das aus gutem Grund. Dass Kaori nun etwas fragen muss, was nicht übers Telefon geregelt werden kann, ist für Kaito nur ein Zeichen der Ernsthaftigkeit dieses Themas.
„Worum geht es?“ will er wissen und beobachtet, wie die Kleinere ergeben seufzt. Sie reibt sich kurz nervös lachend den Nacken und erwidert den Blick ihres Bruders schließlich mit gequälter Mimik.
„Es geht um Akashi“, erklärt sie knapp, doch Kaito versteht. Sie möchte ausschließen, dass der junge Mann Motive hat, mit ihr auszugehen, die ihre Väter involvieren. Er hoffte für Kaori, dass dem nicht so ist. Wenn sie den Rotschopf wirklich mag, wünscht er ihr, dass diese Beziehung oder was auch immer sich daraus entwickeln wird, funktioniert.
„Na dann komm“, fordert Kaito und Kaori öffnet nickend die Beifahrertür. Unwillkürlich spürt sie die warmen Sonnenstrahlen, die ihre kühle Haut erwärmen. Sie spürt den sanften Wind, der sich in ihrem Haar verfängt. Sie kommt gerne zurück nach Osaka, ihre alte Heimat. Doch heute hat dieser Besuch einen bitteren Beigeschmack. Schweigend verlässt Kaori neben ihrem Bruder das Parkhaus und steuert sofort das Firmengebäude an. Sie atmet einmal tief durch und blickt an dem hohen Gebäude hinauf. Zweifel keimen in ihr hoch. War dieser Besuch wirklich nötig?  Sie wollte ihren Vater nicht mit der Nase auf ein Thema stoßen, welches er weiter ausschöpfen könnte. Ihre Beziehungen gehen den Alten nichts an, auch wenn es sich dabei um den Sprössling eines Geschäftspartners handelt. Dennoch wollte sie Antworten haben. Sie will nicht über Akashi in die Geschäfte ihres Vaters gezogen werden. Sie stößt die Luft aus den Lungen und Kaito scheint den Zwiespalt seiner jüngeren Schwester zu bemerken.
„Vielleicht solltest du erst mit Akashi reden“, schlägt er vor und legt Kaori eine Hand auf die Schulter. Sein Blick trieft beinahe vor Verständnis und Kaori weiß, dass ihr Bruder sie besser versteht als jeder andere. Er weiß, wie sehr es ihr widerstrebt ihren Vater aufzusuchen und doch rechnet er es ihr hoch an. Sie nimmt ihre Beziehung mit dem Akashi ernst und möchte sicher gehen, dass eine Beziehung auf einem guten Baustein aufgebaut wird. Doch vielleicht sollte sie sich gerade deshalb nicht an ihren Vater sondern an den besagten Rotschopf selbst richten.
„Du hast vermutlich recht. Dann sind wir aber ganz umsonst hier hingekommen“, murrt sie und senkt beschämt den Kopf, was der Ältere lachend entgegnet.
„Ach quatsch. Wir gehen jetzt erst einmal frühstücken und machen uns dann einen schönen Tag in Osaka“, verkündet der Jurist und legt der Kleineren einen Arm um die Schultern, ehe er sie in Richtung Stadtzentrum schiebt. Auf Kaori’s Lippen breitet sich lediglich ein zufriedenes Grinsen aus. Sie ist dankbar ihren Bruder an ihrer Seite zu wissen. Ihr Fels in der Brandung.


Gerade als die Otori-Geschwister an einem Tisch in ihren alten Lieblingscafé in Osaka platzgenommen haben, klingelt das Telefon der Jüngeren. Sie blickt auf das Display und erkennt, dass es Akashi ist, der sie anruft. Wenn man vom Teufel spricht. Kurz hadert sie mit sich selbst, nimmt das Gespräch schließlich an.
„Guten Morgen, Akashi“, grüßt sie den jungen Mann freundlich und schenkt ihrem Bruder über den Tisch hinweg einen vielsagenden Blick. Der Schwarzhaarige mustert sie aufmerksam und erkennt, wie sie erneut das Grübeln beginnt. Am anderen Ende der Leitung ertönt die sanfte und ruhige Stimme des Point Guard, welcher ihre Begrüßung erwidert.
„Guten Morgen, Otori-san“, beginnt er und hält kurz schweigend inne, ehe er erneut die Stimme erhebt.
„Was hast du heute Abend vor?“ will er wissen und sie ist sich nicht sicher, wann sie das erste Mal so eine Frage von ihm gehört hat. Normalerweise bringt er sein Anliegen zum Ausdruck und die anderen müssen sich fügen.
„Ich bin heute mit meinem Bruder in Osaka. Morgen hätte ich jedoch Zeit“, erklärt sie und tippt nervös die Fingerspitzen ihres Daumens und Mittelfingers zusammen.
„Dann hole ich dich morgen um 18:00 Uhr ab“, verkündet der Rotschopf ernst und sie nickt kurz, ehe sie mit einem leisen Brummen bestätigt. Sollte sie ihn einfach fragen? Wenn seine Absichten falsch sind, bräuchten sie nicht den Abend miteinander verbringen. Oder bespricht man sowas lieber persönlich von Angesicht zu Angesicht? Sie blickt kurz fragend zu Kaito, welcher ihr mit einem Nicken und einer kurzen Handbewegung andeutet, das Thema einfach anzuschneiden. Erneut nickt die junge Frau bestätigend und es scheint so, als könnte Akashi ihren inneren Zwiespalt genau spüren.
„Beschäftigt dich etwas, Otori-san?“ will er nach einer langen Schweigepause wissen und sie weiß, dass sie ihn einfach mit ihren Gedanken konfrontieren sollte.
„Ich würde dich gerne etwas fragen“, beginnt sie, ohne direkt auf seine Frage einzugehen. Immerhin hatte sie noch vier Fragen nach ihrem Match offen und er sollte ihr diese Frage gewähren. Sein Schweigen interpretiert sie als stumme Zustimmung und fährt daher unbeirrt fort.
„Weißt du, dass unsere Väter Geschäftspartner sind?“ will sie schließlich wissen und kann sich die Antwort beinahe denken.
„Natürlich“, bestätigt er wie erwartet und beinahe entflieht ihr ein leichtes Seufzen. Sie reißt sich zusammen, ermahnt sich nicht zu schnell zu urteilen und weiter nachzufragen.
„Hat das eine Auswirkung auf uns? Willst du deshalb mit mir ausgehen?“ will sie wissen und krallt ihre Finger nervös in den Stoff ihrer Jeanshose, während sie auf ihrer Unterlippe kaut und auf seine Antwort wartet.
„Nein“, antwortet er schließlich klar und deutlich mit Nachdruck in der Stimme, die keinen Zweifel zulässt.
„Das hat nichts mit dir und mir zu tun“, bestätigt er zusätzlich und sie glaubt ihm. Ihre sorgenvollen Gedanken verstummen und tatsächlich breitet sich sowas wie Vorfreude in ihr aus.
„Gut. Dann sehen wir uns morgen, Akashi“, bestätigt Kaori mit leichtem Herzen, während sich ihre Lippen zu einem sanften Lächeln verziehen.
„Bis morgen, Otori-san“, verabschiedet sich auch der Rotschopf, ehe sie das Telefonat beenden. Sie fühlt sich irgendwie erleichtert und ist froh, dass sie das Thema angesprochen hat. Sie schätzt den Rotschopf nicht als Lügner ein und sie glaubte jedem seiner Worte.
„Er scheint dich also nicht als Business-Deal zu sehen, mh?“ will Kaito neckend von seiner kleinen Schwester wissen und entlockt ihr ein ehrliches Lachen, gefolgt von einem verneinenden Kopfschütteln.
„Dann ist ja gut“, erklärt der Jurist zufrieden und reicht seiner kleinen Schwester die Speisekarte. Solange sie glücklich ist, ist er es auch. Und vielleicht ist Akashi Seijuro genau die Person, die sie in ihrem Leben braucht.

Am nächsten Abend liegt Kaori rücklings in ihrem Bett und starrt an die weiße Zimmerdecke. Das Telefon hat sie locker zwischen Ohr und Schulter geklemmt, während sie den Worten des jungen Mannes lauscht.  
„Vielleicht fliegt er euch mit seinem Privatjet nach Frankreich“, vermutet ihr Kindheitsfreund. Seit geraumer Zeit äußert er überirdische Date-Szenarien für Akashi und sie, die für die Schwarzhaarige allesamt total bescheuert klingen. Doch bei der Tonlage des Größeren ist sie nicht sicher, ob er es ernst meint oder sie einfach grundlos verarschen möchte.
„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, Yudai“, entgegnet Kaori schließlich seufzend und nimmt das Telefon schließlich in die Hand, um einen kurzen Blick auf das Display zu werfen und die Uhrzeit zu überprüfen.
„Vermutlich hat er einfach irgendwo einen Tisch reserviert und wir gehen Essen“, fügt sie hinzu und vernimmt vom anderen Ende der Leitung ein spöttisches Schnauben.
„Meinst du nicht, dass er sich ein wenig mehr ins Zeug legen könnte?“ höhnt der Sportler und Kaori zweifelt wirklich am Verstand des jungen Mannes. Er hält nicht viel von übertriebenen Dates und viel weniger von dem extravaganten Leben vieler wohlhabender Menschen. Dass Akashi zu letzter Kategorie gehört, müsste Yudai klar sein. Doch woher er seinen Schluss zieht, dass der Rotschopf gleichermaßen spendabel lebt, kann sie nicht mit Sicherheit sagen.
„Ich hoffe nicht“, murrt die Otori auf Yudai’s Aussage und rappelt sich langsam auf. Wenn es nach ihr ginge, könnte Akashi einfach in seinem Schlafanzug kommen. Sie würden Pizza bestellen und irgendwelche Basketballfilme schauen. Sie hat keine Ahnung, was dieser Typ in seiner Freizeit macht, geschweige denn, was für ihn ein perfektes erstes Date wäre.
„Hör zu, ich werde dir alles im Detail berichten. Jetzt muss ich muss aber mal fertig machen“, erklärt Kaori und erhält ein missgelauntes und dennoch bestätigendes Murren von dem Angesprochenen, welcher sich just verabschiedet und das Telefonat beendet. Akashi würde sie in 20 Minuten abholen und so konnte sie noch schnell unter die Dusche springen.


Pünktlich auf die Minute klingelt es an der Haustür und wie geplant steht Kaori bereits in den Startlöchern. Da sie sich weder mit aufwendigem Make-Up noch mit zeitintensiven Frisuren beschäftigt, war sie recht schnell fertig. Die Schwarzhaarige öffnet die Tür und erkennt den jungen Mann, wie er kerzengerade vor ihr steht. Just wurde der Otori bewusst, dass sie Akashi noch nie in anderen Klamotten außer seiner Uniform und der Trainingskluft zu Gesicht bekommen hat. Ihre grauen Irden mustern sein Antlitz kurz und sie muss sagen, dass ihr sein klassischer und eleganter Stil sehr gut gefällt. Es passt zu ihm, während sie eher die sportlich adrette Schiene fährt.
„Guten Abend, Akashi“, grüßt sie den Größeren und schenkt ihm ein sanftes Lächeln. Der Angesprochene erwidert die Begrüßung und mustert sie ruhig. Auch er hat sie noch nie in Alltagskleidung gesehen und es überrascht ihn nicht, dass sie sich nicht in das kurze Schwarze geschmissen hat und es stattdessen bei einem lockeren und dennoch eleganten pfirsichfarbenen Kleid und flachen Schuhen belassen hat. Hätte er wetten müssen, hätte er auf eine Jeans getippt. Doch sie sieht umwerfend aus so wie sie vor ihm steht.
„Sollen wir?“ will er wissen und hält der Schwarzhaarigen auffordernd einen Arm hin. Sie nickt kurz überrascht, zieht die Tür hinter sich ins Schloss und hakt sich anschließend bei dem Point Guard unter. Ein feiner Schleier aus rosa-rot zieht sich über Kaori’s Wangen. Das ist ihr total peinlich. Bisher ist sie eher locker neben ihren Dates hergelaufen. War unterhaken nicht total altmodisch? Sie schielt skeptisch zu dem Rotschopf, welcher sie zu dem schwarzen Wagen führt, der vor am Gehweg geparkt ist und sie auf die Rückbank lotst, ehe er sich neben sie setzt. Das Fahrzeug setzt sich mit einem sanften Ruck in Bewegung, während eine angespannte Stille herrscht. Außer Basketball hatten sie irgendwie kein gemeinsames Gesprächsthema, wie es Kaori in diesem Moment bewusst wird. Doch sie hatte versprochen ihm eine Chance zu geben und vielleicht würden sie an diesem Abend mehr übereinander in Erfahrung bringen.
„Wohin geht es denn?“ möchte Kaori von ihrer Begleitung wissen und schenkt dem jungen Mann einen fragenden Blick, welchen er kurz erwidert, ehe sich seine Augen wieder starr nach vorne richten.
„Sagano Bambuswald“, ist seine knappe Antwort und die grauen Irden der Schwarzhaarigen spiegeln Überraschung wider. Sie legt neugierig den Kopf schief und beobachtet den Rotschopf aufmerksam. Da hat er sich tatsächlich etwas einfallen lassen, womit sie nicht gerechnet hat.
„Warum ausgerechnet dahin?“ will sie wissen, da sie einfach nicht schlau aus dem Sportler wird, der nun leicht die Augenbrauen krauszieht und sie prüfend mustert.
„Gefällt es dir nicht?“ hakt er nach und entlockt Kaori ein rasches und abwehrendes Kopfschütteln.
„Das ist es nicht. Ich finde es eine sehr schöne Idee“, versucht sie ihn zu beruhigen. Er sollte sie nicht missverstehen. Sie hat schon viel von dem Bambuswald gehört, aber hatte bisher nicht die Möglichkeit ihn zu besuchen. Akashi scheint zu verstehen, dass sie einfach nur versucht seine Gedanken zu verstehen und lenkt ein.
„Du bist noch nicht lange in Kyoto. Es ist einer der beliebtesten Plätze für junge Paare“, erklärt der Rotschopf und klingt dabei eher unbeholfen, als habe er die Informationen aus einem Reiseführer entnommen und nicht eigener Erfahrungen. Trotz allem schätzt sie die Geste und nickt dem jungen Mann verstehend und zugleich dankend zu. Die Otori kann es nicht leugnen. Sie ist wahnsinnig gespannt auf den Bambuswald.


Die Fahrt vergeht schnell, wenn auch schweigend. Es war am Ende doch eher eine entspannte Ruhe als ein bedrückendes Schweigen, was vermutlich an Kaori’s Vorfreude lag, die man ihr deutlich anmerken konnte. Akashi hatte bemerkt, wie sie ein wenig unruhig wurde und immer wieder gespannt aus dem Fenster geblickt hat, ob der Wald bereits in Sicht ist. Sie erinnert ihn an ein kleines Kind, voller Unschuld und Euphorie. Es amüsiert ihn, dass sie sich so sehr auf einen Wald aus Bambus freut, doch es bestätigt ihn in seiner Entscheidung. Trotz der rebellischen Art lauert hinter der starken Fassade der Schwarzhaarigen ihr naives Ich, welches zutiefst zerbrechlich und fragil ist. Der Teil von ihr, den er komischerweise mit aller Macht beschützen möchte. Er beobachtet sie stumm, zieht jede Mimik, jedes Augenfunkeln in sich auf und spürt, wie sein angespannter Körper neben ihr langsam relaxed. Wenn er an ihr erstes Aufeinandertreffen in der Umkleidekabine zurückdenkt, kann er sich noch genau an das Feuer in ihren Irden erinnern. Entschlossenheit, Willensstärke, Durchhaltevermögen. Diese Eigenschaften konnte er bei ihr sofort auf den ersten Blick erkennen. Als er sie hat spielen sehen, war ihm umgehen bewusst, dass sie eine Gewinnerin ist. Mit ihrer burschikosen Art steht sie sich oft selbst im Weg, doch auch Akashi weiß, dass sie ruhiger geworden ist, überlegter. Sie ist berechnend geworden, was sie unberechenbar macht. Sie ist durch und durch eine Gewinnerin und mit dem Feuer in ihren Augen, ist sie die perfekte Ergänzung in seinem Leben.


„Wir sind da“, verkündet Kaori laut und reißt ihn aus seinen Gedanken. Sie schenkt ihm wenig Achtung, als sie aus dem Fahrzeug springt und zum zweiten Mal nicht darauf wartet, dass ihr die Tür von dem Chauffeur geöffnet wird. Er tut es kommentarlos ab und beruhigt sich mit dem Gedanken, dass sie es einfach nicht gewohnt ist. Ihr kindlicher Eifer ist es, welcher für die ungehobelte Art wett macht und ihm schlussendlich doch ein sanftes Lächeln auf die Lippen zaubert. Sie steht auf dem Parkplatz, während sich die meterhohen Bambusse vor ihr in die Höhe recken. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, dreht sie sich zu ihm und winkt ihn ungeduldig zu sich.
„Komm schon, Akashi“, fordert die junge Frau und wie verflogen scheint jeder Hauch von Kühle und Rebellion zu sein. Er schüttelt kurz den Kopf und tritt langsam auf sie zu, will ihr gerade seinen Arm anbieten, als sie bestimmend seine Hand greift und ihn beinahe mit sich zieht. Überrascht blickt er auf ihre zarten Finger, welche die seinen sanft umschließen und versucht sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Sie geht so unbefangen mit ihm um, wie er es noch nie erlebt hat. Die Otori hat ihn nie so behandelt, wie es seine Mitschüler taten. Sie hat ihm immer die Stirn geboten, Blickkontakt gesucht und gehalten, ihn provoziert. So nervig es auch war, umso mehr hat es ihn beeindruckt. Sie war eben nicht wie andere Frauen. Sie war wie er, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise.
„Du bist wie ein kleines Kind, Otori-san“, ermahnt er sie und erntet widererwartend lediglich ein ehrliches Lachen aus tiefster Kehle von ihr, bevor sie ihm über ihre Schulter aus freudigen Irden entgegenblickt.
„Manchmal muss man sein inneres Kind ausleben, Akashi. Solltest du auch einmal versuchen“, grinst sie ihm entgegen, ohne einen Hauch von Bosheit oder Hohn in der Stimme. Sie meint jedes ihrer Worte ernst. Sein inneres Kind ausleben? Wann konnte er schon einmal seine Kindheit in vollen Zügen genießen? Sein Leben wurde dem stetigen Streben nach Erfolg bestimmt. Es gab in seinem Leben seit langer Zeit keinen Moment des Kindseins mehr. Doch sie, diese wilde Frau an seiner Seite, stößt in ihm eine Seite an, die er schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Eine Seite, die er irgendwie vermisst.


„Wow! Das ist der Wahnsinn“, schwärmt Kaori, während sie neben Akashi durch den Bambuswald schreitet. Der Wald ist noch viel schöner, als sie ihn sich ausgemalt hat. Sie sind beinahe allein unterwegs, treffen hin und wieder auf andere Passanten, die ebenso begeistert schienen. Der Wald wirkt idyllisch, irgendwie beruhigend, wie aus einer anderen Welt. Immer wieder blickt die Schwarzhaarige zu ihrer Begleitung, welcher sie lediglich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen beäugt. Sie hat ihn noch nie so oft schmunzeln sehen. Zumindest kein ehrliches Schmunzeln. Eines ohne Hohn. Ohne Überlegenheit. Dieses Lächeln wirkt offen und ehrlich und sie weiß nicht, ob er den Bambuswald genauso sehr genießt wie sie, oder ob ihr Verhalten ihn unbewusst amüsiert. Egal aus welchem Grund, irgendwie gefällt ihr sein Lächeln. Sein Gesicht wirkt deutlich sanfter und macht ihn nur noch attraktiver. Kaori weiß, dass sie noch immer seine Hand umschlungen hält. Doch er hat sich bisher nicht gewehrt und sie genießt das sanfte Gefühl seiner Haut an ihrer, die Wärme, die von ihm ausgeht. Komisch, wie schnell sie sich daran gewöhnt hat. Auch seine Schweigsamkeit stört sie nicht. Viel Gerede an diesem Ort wäre auch vollkommen unangebracht.
„Danke, dass du mich hier hingebracht hast“, lächelt Kaori ihn an, was der Rotschopf mit einem kurzen Nicken bedenkt. Für ihn ist es vielleicht keine große Sache, doch er hat ihre Erwartungen an dieses Date bereits weitaus übertroffen. Jedoch werden ihre Erwartungen noch einmal übertroffen, als sie an eine kleine Einbuchtung gelangen, wo auf einer Holzbank ein kleines Picknick vorbereitet wurde. Die Augen der Schwarzhaarigen weiten sich vor Überraschung, als Akashi sie sanft in Richtung Bank führt und ihr andeutet, sich zu setzen. Von Onigiri bis Dango ist sind alle ihre liebsten Leckereien dabei und Kaori fragt sie, ob er ihren Geschmack recherchiert hat, oder einfach einen ähnlichen Geschmack teilt. Vorbereitet hat der Rotschopf diese Überraschung auf jeden Fall nicht alleine und ehe sie groß über ihre Worte nachdenken kann, schießt ihre Frage einfach aus purer Verwunderung aus ihr hinaus.
„Du hast wohl auch für alles einen Mitarbeiter, was?“ Ihre Worte klingen nicht verachtend. Es ist einfach die Verwunderung, die aus ihrer Frage trieft und das ist auch Akashi bewusst.
„Ich bin es gewohnt Leute um mich herum zu haben, die mir Arbeit abnehmen. Das geht deiner Familie sicherlich ähnlich“, entgegnet der Rotschopf ruhig, und reicht ihr ein Onigiri, welches Kaori dankend entgegennimmt. Sie beißt einmal herzhaft hinein und denkt kurz über die Frage des Point Guard nach. Es stimmt schon. Ihr Vater hatte auch eine Reinigungskraft eingestellt und eine Nanny, als sie und Kaito noch klein waren. Er hat auch einen eigenen Fahrer. Doch abgesehen davon, waren sie und Kaito es gewohnt alles selbstständig zu machen.
„Nicht in diesem Ausmaß, nein“, entgegnet Kaori daher mit einem beschwichtigen Lächeln. Sie möchte nicht, dass er denkt, dass sie deshalb schlechter über ihn denkt. Auch wenn ihm etwas mehr Eigenverantwortung für alltägliche Sachen sicherlich guttun würde. Wie dem auch sei, das Essen ist köstlich und Kaori genießt die Zeit mit dem Rotschopf deutlich mehr, als sie es für möglich gehalten hat.
„Ist das dein Lieblingsessen, Akashi?“ will Kaori wissen und deutet dabei auf die unzähligen Leckereien vor sich. Der Angesprochene schüttelt jedoch kurz den Kopf.
„Ich bevorzuge Tofu Suppe nach dem Rezept meiner Mutter“, erklärt er und Kaori nickt verstehend.
„Mein Favorit ist Ramen. Wobei Onigiri die besten Snacks sind“, entgegnet sich und greift erneut nach besagtem Reisdreieck, welches rasch verschlungen wird. Wer auch immer diese Leckereien zubereitet hat, hat sich einen Orden verdient.
„Spielst du Shogi, Otori-san?“ will Akashi schließlich von ihr wissen und blickt sie eindringlich an. Die Angesprochene verschluckt sich kurz an ihrem letzten Bissen und klopft sich mit der Faust gegen den Brustkorb, ehe sie dem Rotschopf ein entschuldigendes Lächeln schenkt.
„Mein Vater hat versucht es mir beizubringen. Ich bin ein hoffnungsloser Fall“, erklärt sie und geht dabei einem klaren Nein deutlich aus dem Weg. Sie hat Shogi immer gehasst und hat ihre Zeit lieber in der Natur verbracht. Nunja, in der Natur auf dem Basketballfeld.
„Als Point Guard bist du ein Strategiespieler. Shogi müsste dir leichtfallen. Du hattest nur nicht den richtigen Lehrer“, entgegnet Akashi und Kaori bittet ihn gedanklich, dies ihrem Alten mitzuteilen. Der Geschäftsmann wäre nicht erfreut darüber, als schlechter Lehrer abgestempelt zu werden. Er war immer sehr stolz auf sein Shogi-Talent.
„Wenn du das sagst“, lacht sie verlegen und reibt sich leicht den Unterarm, was dem jungen Mann natürlich nicht verborgen bleibt. Ihr nervöser Tick ist ihm bereits aufgefallen, doch er geht nicht weiter darauf ein.
„Ich bringe es dir bei“, verspricht Akashi und sieht es bereits in Gedanken vor sich, wie sie durch ihn das Spiel begreifen wird. Er weiß, dass sie nicht dumm ist und Shogi schnell meistern wird. Doch die Otori nickt lediglich schweigend und hofft, dass er von dieser Idee abkommen würde. Sowas ist eigentlich überhaupt nicht ihr Ding. Doch sie wollte auch die Stimmung nicht verderben, welche gerade sehr angenehm ist. Zumal der Rotschopf endlich aus seinem Schneckenhaus kommt und in einer Unterhaltung mit ihr aufblüht.


Gerade als Kaori Luft holt und zu einer weiteren Frage ansetzen möchte, rollt ihr ein Ball vor die Füße. Sie blickt überrascht zu dem runden Leder und dann zurück zu dem kleinen Jungen, welcher mit kleinen Tippelschritten auf sie zugeeilt kommt.
„Ist das deiner?“ möchte die Otori wissen und nimmt den Ball in die Hände, ehe sie auf den Knirps zugeht und sich leicht vor ihm hinkniet. Der Zwerg nickt bestätigend und streckt die Hände nach dem Ball aus. Kaori mustert den Jungen in seinem übergroßen Shirt mit der Aufschrift ‚Spalding‘ und dann auf den orangenen Ball, welcher auch als Basketball durchgehen könnte. Ein Nachwuchstalent.
„Soll ich dir einen Trick zeigen?“ will die Schwarzhaarige wissen und erkennt zufrieden, wie der Knirps begeistert nickt. Mit Schwung bringt sie den Ball zum Rotieren und lässt ihn auf ihrer Fingerspitze tanzen. Bei dem Anblick werden die kleinen Kulleraugen des Jungen immer größer und er klatscht begeistert in die Hände.
„Cool!“ ruft er laut aus und entlockt somit auch Kaori ein lautes Lachen, ehe sie den Ball nimmt und dem Kleinen ihre Hand auffordernd entgegenhält.
„Das kannst du auch. Gib mir mal deinen Zeigefinger“, fordert sie und der Kleine tut wie befohlen. Behutsam umfasst die Otori den kleinen Zeigefinger des Jungen und bringt den Ball auf eben diesem zum Rotieren, wenn auch etwas wackeliger. Dass sich in der Zwischenzeit die Eltern des Jungen dazugesellt haben, ist der Schwarzhaarigen gar nicht aufgefallen. Erst als der Kleine begeistert den Ball packt und damit zu seinen Eltern sprintet, bemerkt Kaori das Ehepaar, welches sie amüsiert beäugt.
„Da hast du wohl dein neues Idol gefunden, mh?“ möchte der Vater von dem Zwerg wissen, welcher begeistert nickt und Kaori zum Abschied zuwinkt.
„Danke Tantchen“, ruft er und dribbelt davon.
„Tantchen?“ will Kaori wissen und blickt dem Jungen gespielt beleidigt hinterher, bevor sie sich leise glucksend aufrappelt und wieder Akashi zuwendet, welcher sich in der Zwischenzeit selbst erhoben hat und sie aus eisernen Augen mustert. Kurz wirkt Kaori perplex über seinen plötzlichen Stimmungswechsel und der Ernsthaftigkeit in seiner Mimik. Je wird dieses Gefühl von Überraschung abgelöst, als der Rotschopf auf sie zutritt und seine Hand ihre Wange legt.


Akashi zieht die junge Frau ein wenig näher zu sich und sucht ihren Blick nachdenklich. Wer hätte geahnt, dass so viel Sanftheit und Liebe in dieser burschikosen Person steckt? Ihre Liebe zum Basketball wurde ihm wieder einmal bewusst und er bewundert ihre Engelsgeduld, die sie bei dem Kleinen aufgebracht hat. Er sucht ihr Gesicht nach einem Zeichen ab, dass ihr seine Berührung widerstrebt. Doch die Otori wirkt abwartend und so überbrückt er den letzten Abstand und drückt ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Akashi spürt, wie sich Kaori langsam entspannt und den Kuss zögernd erwidert. Zufrieden mit der Reaktion der Kleineren, zieht er sie an der Taille enger an seinen Körper und umfasst ihr Gesicht schließlich auch mit der zweiten Hand, um den Kuss zu intensivieren. Der Rotschopf spürt, wie die junge Frau eise gegen seine Lippen seufzt und ihre Arme sich langsam hinter seinem Nacken verschränken, während ihre zarten Finger in seinem dichten Haar verschwinden. Erst als die Luft knapp wird, lösen sie sich voneinander und der Rotschopf nutzt die Chance mit seinem Daumen über ihre vollen Lippen zu gleiten.
„Du gehörst an meine Seite“, raunt er ihr entgegen und drückt ihr schließlich einen hauchzarten Kuss auf die Stirn. Eine Frau mit dem Temperament des Feuers, dem analytischem Wissen eines Genies, und der Güte eines Engels. Er hat seinen Rohdiamanten geschliffen und würde diesen wertvollen Schatz nicht so leicht hergeben. Das hat sich an diesem Tag für ihn bestätigt.
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