Der Tag an dem der Vorhang fiel

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
25.08.2015
02.10.2017
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„Und? Bietet jemand höher als vierzig Pfund? Nein? Gut...zum ersten...zum zweiten... uuuuuuuuund...verkauft! Dieses wunderschöne Gemälde geht an den Herrn in Anthrazit!“ sage ich mit verstellt tiefer Stimme und weise mit dem Auktionshämmerchen auf Louis‘ Vater, wobei der Ärmel der schwarzen Verkleidung ein wenig höher rutscht. „JA! Ich wusste dass es mir gehören würde!“ Tja, er hatte Geld, und da zählt es eben nicht, wessen Verwandter er ist. Zugegeben, der schreckliche Tand, den der sich jeden Tag aussucht, den rettet Archie regelmäßig vom Sperrmüll. Ich ziehe die Kutte ein wenig enger um mich. Hinter dem Vorhang notiert sich Crow bestimmt gerade, was heute alles verkauft wurde. Es war ein guter Tag, viele Besucher sind gekommen, wir werden ordentlich was eingenommen haben,... bis auf das, was wir für die neuen Sitzbezüge wieder ausgeben müssen. „Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind. Die Auktion ist hiermit für beendet erklärt. Auf Wiedersehen!“
Ich ziehe den Vorhang des Hinterzimmers zurück und werfe das schwere Kostüm dahinter sofort in den Staub. „OOOOH GOTT war es warm da drinnen. DAS ist ein eindeutiger Nachteil eines unterirdischen Auktionshauses...Luft...“ Ich ächze gepeinigt und wische mir den Schweiß von der Stirn, dann erst blicke ich auf. „Wie sieht’s aus?“ Crow wickelt das grauenhafte Gemälde wieder in das weiße Tuch und legt es zusammen mit dem anderen verkauften Sachen am Hintergang auf einen Stapel, der jeden Moment einzubrechen droht. „Gut. Aber sprich ein wenig leiser, in Ordnung? Manche tummeln sich noch immer da draußen, in der Hoffnung auf einen Hinweis zur Identität des schwarzen Rabens.“ Ich nicke und helfe ihm, das schwere Gemälde durch den Gang bis zur Kasse zu zerren, wo die Besucher schon begierig darauf warten, uns das Geld für die ersteigerten Antiquitäten um die Ohren zu werfen. Nun, das ist vielleicht etwas übertrieben.
„Crow?“ „Hm?“, er stolpert fast. „Kannst du an der Kasse übernehmen? Ich muss mich ein wenig erholen, fürchte ich...dafür erledige ich auch die Eintragungen ins Geschäftsbuch, ja?“ Er späht über die Kante des riesigen (und zugegeben potthässlichen) Landschaftsbildes und nickt. „Ich treffe dann später noch Rocket, wegen den Bezügen. Der kriegt das schon wieder hin, keine Sorge!“ Wir stellen das Bild ab und ich werfe ihm die Kutte zu. „Also dann,...wir sehen uns Morgen. Oder auch schon bald, wenn der blaue Löffel wieder in der Dämmerung steht...oder so ähnlich...ich frage Marilyn wegen den Parolen.“ Ich lächle ihm zu und schüttele mir den Staub aus den Haaren, dann packe ich meine Tasche und renne auf den Marktplatz zurück. Mama hat gesagt, ich solle Einkaufen gehen — sie mache Überstunden, einmal mehr. „Olivia, warte! Dein Tagesanteil von gestern! Und das Kassenbuch!“ ruft mir Crow hinterher. Ich drehe mich um und merke, wie ich erröte. Nichts überstürzen, sagt er immer zu mir, und ich würde gut dran tun, auch einmal auf ihn zu hören. “Ähm...danke. Wiedersehen, Crow.“ Ich reibe mir betreten den Hinterkopf, und erst als mich Marilyn darauf hinweist bemerke ich, dass ich es noch auf dem Marktplatz am Gemüsestand tue. „Alles klar? Du wirkst irgendwie gehetzt... fast schon nervös !“ „Ach, nichts.“ Winke ich ab, während ich meinen Korb mit Gemüse fülle. „Lass mich raten...deine Mutter macht schon wieder Überstunden, du bist die ganze Nacht allein zuhause und dein Vater ist mit Rockets Vater auf Sauftour?“ Ich sehe in eine andere Richtung. Ich hätte gerne mit  'nein' geantwortet, aber Marilyn kann Menschen und ihre Gefühle lesen wie ein Buch. Stattdessen frage ich: „Hilfst du mir noch mit dem Geschäftsbuch? Ich muss die Einträge von Crow überarbeiten und die heutige Auktion aus dem Kassenbuch übertragen.“ „Wenn ich hier fertig bin!“ Sie weist auf das Gemüse, von dem immer noch massenweise da ist. Ich nicke stumm, und mache mich auf den Weg zu unserer Wohnung am östlichen Marktplatz.


Auf dem Markt ist nicht viel los. Nun, hier ist nie wirklich „was los“.
In der Bäckerei an der Ecke zu einer winzigen Gasse kaufe ich mir ein Stück Mohnkuchen. Den habe ich mir aber auch wirklich verdient, immerhin habe ich das Geld dafür selbst erarbeitet ... Papa rafft immer alles, was ich in die Haushaltskasse werfe zusammen, und behauptet, er hätte es ganz alleine verdient, dabei mache ich schon fast die Hälfte unserer Einkünfte aus. Er arbeitet schon seit fast zwei Jahren nicht mehr, seit man ihn aus der Fabrik geworfen hat, da diese geschlossen wurde. Da Mum eh nie da ist, nimmt er das letzte Geld einfach und trägt es ins Gasthaus "zum Nebelhorn", wo er es erfolgreich wieder ausgibt.
Aber er merkt von meinen ...nun ja, ‚Geschäften‘ trotzdem nichts, da ich einen kleinen Teil des Ersparten immer beiseitelege. Obwohl ich schon ordentlich was einnehme, würde er es mir wegnehmen. An unserem Haus angekommen, trete ich so lange gegen die Haustür, bis sie aufspringt. Das ist die beste Strategie, bei den Häusern am Marktplatz, wenn man keinen Schlüssel hat und die Nachbarn interessiert es auch nicht. Die Devise dieses Viertels lautet: Es ist egal was den anderen passiert, so lange es dich selbst nicht betrifft (Tratsch und reine Information natürlich ausgenommen!). Es könnte eine wütende Meute samt Fackeln und Mistgabeln unsere Wohnung stürmen, Mrs Mallson würde währenddessen unbekümmert weiter ihre Türschwelle fegen.
Im wasserfleckigen Treppenhaus, (von dessen Wänden der Verputz in weißen Kaskaden niederregnet, wenn man dagegen stößt) tropft mir aus einer Wäscheleine Waschwasser in den Nacken. Es gibt auf dem Markt von allem zu wenig. Vor allem von vernünftigen Baustoffen und Geld. Das einzige, was wir im Überschuss haben ist Platzmangel, weshalb auch hier im Flur kreuz und quer Wäscheleinen gespannt sind (zwischen den Häusern war kein Platz mehr vermute ich). Ich schüttele mich und betrete die Wohnung. Beziehungsweise, was wir als „Wohnung“ zu bezeichnen pflegen. Sie hat nur einen einzigen Raum, neben einer winzigen Küche und Bad. Das Wohnzimmer besteht eigentlich nur aus einem Ecksofa, einer Kommode mit einem Frizzeligen, gestörten Radio darauf, und Mas und Pas Bett. Wobei Mum fast immer auf der Arbeit schläft, und Dad den meisten Platz wegnimmt.
Oder den Boden daneben vollkotzt, wenn er mal wieder zu viel getrunken hat.
Aber das ist nicht mein Reich, ausser wenn ich das Erbrochene meines Erzeugers aufwischen muss wenn er nichts mehr merkt, bis auf die Küche, denn bei uns koche ich.
Mum hat keine Zeit, und hätte mir Jasmin nicht beigebracht zu kochen, gäbe es jeden Tag nur Erdnüsse aus der Kneipe.
Ich gehe ins Bad, hänge meine Kappe an den Haken und kämme mir den Staub aus den Haaren. Mum hat sie in einem Sparsamkeitsanfall vor gut einem Monat bis zu den Schultern gekürzt, trotz meiner Proteste, aber jetzt sind sie wenigstens Pflegeleichter.
Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mein Gesicht mit dem der Mädchen aus Highyard vergleiche. Ich bin viel draußen, habe Sommersprossen und mir hängen die Haare ins Gesicht.
Geboren auf dem Markt, und vermutlich werde ich auch hier sterben.
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