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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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24.11.2015 2.116
 
06 ~ Im Zweifel für den Angeklagten?

Stunden vergingen, Tage vergingen, Wochen vergingen, ohne dass es zu weiteren irgendwelcher Zwischenfälle mit Shidô-sensei gekommen wäre, zumindest was mich betraf, was mich allerdings stutzig machte, wo ich doch geglaubt hatte, er habe mich auf dem Kieker. Stattdessen beobachtete er mich bloß - das dafür genauestens, wobei mir auch nicht wohl war. Ich hatte seine Schikanen und den unerfreulichen Vorfall, bei dem ich ihm gegenüber handgreiflich geworden war, schon fast vergessen, bis Shidô eines Tages ganz unvermittelt beim nachmittäglichen Naginata-Training im Dôjô auftauchte.
Zunächst beobachtete er das Treiben eine Weile lang scheinbar ziellos und im Stillen dankte ich der strikten Kleiderordnung, die die traditionellen weiten Jacken und langen Hosenröcke vorschrieb. Ich versuchte mich von dem plötzlich aufgetauchten Lehrer nicht verunsichern zu lassen und tat einfach so, als hätte ich ihn gar nicht bemerkt. Nun ja, einfach war das nicht unbedingt, vor allem als ich aus dem Augenwinkel bemerkte, dass er auf mich zukam. Konzentriert führte ich weitere Hiebe mit meiner Naginata, die zu Zwecken der Kataübung vollstäindig aus Holz bestand, ins Leere aus, bis Shidô mich, nach einem kurzen Moment des stillen Anstarrens, direkt ansprach.
„Ich verstehe nicht viel von Naginata, aber du scheinst genau zu wissen was du tust.“
„Danke“, erwiderte ich knapp, trotz des eher zweifelhaften Kompliments. Er verstand überhaupt nichts von Naginata und hatte mich gerade für ein paar ruckartige Stoßbewegungen gelobt. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich wandte mich zu ihm um, schulterte meine Lanze und stemmte eine Hand in die Hüfte, krampfhaft darum bemüht, irgendwie freundlich und gleichzeitig minimal abweisend auf ihn zu wirken. Ich wollte ihn nicht gleich wieder verstimmen, aber er sollte sich auch nicht willkommen fühlen. „Kann ich etwas für Sie tun, Sensei?“, fragte ich. Irgendetwas musste er ja wollen.
Lässig schob er die Hände in seine Hosentaschen. „Nichts weiter, ich wollte mir nur ein bisschen die Beine vertreten.“ Und sein Weg hatte ihn ausgerechnet in unser Dôjô geführt? „Mach weiter, lass dich von mir nicht stören.“ Er störte mich aber und zwar gewaltig! Und sein Befehlston gefiel mir überhaupt nicht. Doch ich versuchte ihn so gut es ging zu ignorieren und setzte meine Übungen in einigem Abstand fort, wobei ich mich bemühte, den Lehrer auszublenden. Kurzzeitig verließ er das Dôjô, als es ihm wohl doch irgendwann zu langweilig wurde, als ich mich aber am Ende der Trainingseinheit Richtung Umkleide bewegte, tauchte er zu meinem Bedauern wieder auf.
„Ganz schön ins Schwitzen gekommen, was Miyamoto?“, grinste er anzüglich und unwillkürlich zog ich den Ausschnitt meiner Jacke enger. „Du treibst viel Sport, richtig?“ Da waren sie wieder - diese aufdringlichen Bemerkungen und Blicke, mit denen er viele Mädchen, unter anderem Miku, regelmäßig beglückte. Ich musste an die Worte und Warnungen meiner Eltern denken. Machte er mir ein harmloses Kompliment oder verfolgte er unlautere Absichten? Ganz instinktiv ging ich von Letzterem aus, weil ich ihn einfach nicht ausstehen konnte, aber tat ich ihm damit nicht vielleicht Unrecht? Während er mich darüber ausfragte, ob ich außerhalb der Schule ebenfalls irgendwelchen sportlichen Aktivitäten nachging - was ich selbst dann verneint hätte, wenn er richtig gelegen hätte - kam er mir vermeintlich unauffällig immer näher und gönnte mir keinen halben Meter Abstand mehr, bis die Versuche, vor ihm zurückzuweichen, schon lächerlich wurden und ich seine Nähe mit zusammengebissenen Zähnen ertrug. Dann hob er den Arm, um seine Brille zu richten, und streifte dabei kurz meine Brust. Ich erschrak, versuchte aber mir nichts anmerken zu lassen, während Shidô so tat, als hätte er selbst es nicht einmal bemerkt.
„Ich muss jetzt wirklich los. Bis morgen, Sensei“, verabschiedete ich mich hastig, schob mich an ihm vorbei und verdrückte mich eilig in die sichere Umkleide.

„Ich glaube, Shidô hat mich betatscht!“, berichtete ich Takashi aufgeregt, als wir uns am darauffolgenden Abend in einem Club trafen. Ich brauchte Ablenkung und Bestätigung, doch zu meiner Enttäuschung zeigte sich mein bester Freund nur kurz entsetzt, um meine Worte daraufhin erstmal in Zweifel zu ziehen.
„Ernsthaft? Was hat er denn genau gemacht?“, hakte er mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen nach.
„Er hat mich gestreift und dabei meine Brust betatscht!“, wurde ich deutlicher und kippte Takashi mit meinen erregten Gesten beinahe den Inhalt meines Glases ins Gesicht. „Nimmst du mich etwa nicht ernst?“
Er zuckte bloß die Achseln. „Sowas ist doch schnell aus Versehen passiert.“
„Aus Versehen?!“, erboste ich mich. „Als ob das ein Versehen gewesen wäre, ich bitte dich!“ Takashi sah mich zweifelnd an, versteckte sich hinter seinem Drink und warf dann einen ausgiebigen, ausweichenden Blick in die Runde. „Es geht hier nicht nur um mein persönliches Problem mit Shidô“, fuhr ich ernst fort. „Es gibt einige die behaupten, er könne die Finger nicht bei sich lassen.“
„Ja, einige behaupten auch ziemlichen Schwachsinn. Ich will Shidô ja nicht krampfhaft in Schutz nehmen...“ Aha. Tat er aber. „... aber deine Anschuldigung ist auch nicht ohne; das grenzt ja schon an Rufmord. Und dabei ist es kein Geheimnis, dass du ihn nicht leiden kannst. Da wäre ich mit solchen Behauptungen eher vorsichtig...“
„Ich hab außerdem gesehen wie er Murakami aus meiner Klasse angefasst hat“, holte ich weiter aus und ließ meinen sogenannten besten Freund nicht eine Sekunde aus den Augen. Er sollte mich endlich ernst nehmen.
„Ach ja? Und was hat er mit ihr gemacht?“, hakte Takashi spöttisch nach. Langsam wurde ich wütend.
„Er hat sie am Bein berührt.“
„Und lass mich raten... es könnte genauso gut keine Absicht gewesen sein“, leierte er unbeeindruckt.
„Was ist eigentlich dein Problem?“, fuhr ich ihn gereizt an.
„Du bist einfach...“ Er stockte und hielt stur den Blick gesenkt, als denke er angestrengt darüber nach, was er mir als nächstes an den Kopf werfen wollte. Ich wappnete mich und trank mir ungeduldig noch etwas Mut an. Takashi seufzte. „Ach, ich hab keine Lust mit dir zu streiten“, sagte er schließlich. Schlagartig verflog auch meine Wut wieder und ich war um eine versöhnliche Miene bemüht. Ausnahmsweise hatte der Idiot recht; wir waren nicht zum Streiten hier und Shidô sollte nicht der Nächste sein, der einen Keil zwischen uns trieb, wie Miku es schon kurzzeitig geschafft hatte. „Ich will dir nicht in den Rücken fallen“, beteuerte er. „Aber es stimmt doch, du kannst ihn nicht leiden. Und die letzten Wochen lagst du mir sogar noch damit in den Ohren, dass er dich in Ruhe lässt. Und jetzt auf einmal hat er dich angefasst? Du musst zugeben, dass das komisch klingt. Vielleicht war es ja doch bloß ein Versehen.“
Ich ließ mir seine Worte durch den Kopf gehen und musste mir eingestehen, dass es tatsächlich widersprüchlich klang und ich konnte mir auch keinen Reim auf Shidôs erst so friedliches und dann wieder so aufdringliches Verhalten machen. Dabei war ich mir ganz sicher, so seltsam es auch war, dass der Lehrer mich angemacht hatte. Es war nicht nur die scheinbar zufällige Berührung gewesen; sein ganzes Auftreten, wie er mich beobachtet und in die Ecke gedrängt hatte und schließlich seine Bemerkungen. Aber Takashis Worte waren nicht von der Hand zu weisen. Ich hatte keine Beweise für meine Behauptungen und solange durfte ich keine wilden Gerüchte in die Welt setzen, die im Fall seiner Unschuld Shidôs Karriere, wenn nicht gar sein Leben, zerstören konnten.

Ich brauchte also Beweise.

Ich begann Shidô intensiv zu beobachten; seinen Umgang mit den Schülern im Unterricht sowie in der unterrichtsfreien Zeit. Besonderes Augenmerk legte ich dabei auf sein Verhältnis zu Miku. Wenn ich einen Hinweis darauf finden würde, dass er einem seiner Schutzbefohlenen zu nahe trat, dann mit Sicherheit am ehesten bei solchen Schülern, die sich ihm regelrecht an den Hals warfen und dahingehend war meine verhasste Klassenkameradin geradezu ein Musterbeispiel.
„Guten Morgen, Shidô-sensei“, begrüßte sie ihn, als er das Klassenzimmer betrat, wie eine Erbschleicherin, die an das Vermögen ihres so gut wie toten, pensionierten Gatten wollte. Warum sie sich so dermaßen bei dem Lehrer einschleimte wollte mir einfach nicht in den Kopf, aber ihre Geschmacksverirrung sollte nicht mein Problem sein. Shidô schenkte ihr einen kurzen Blick und besah sich dann streng die Klasse im Ganzen, die gerade wieder Platz nahm. Kurz verweilte sein Blick auch bei mir, ehe er seine Unterlagen aus der Tasche holte und den Unterricht begann.
Es fiel mir zunehmend schwerer, mich auf meine Mission zu konzentrieren, als Shidô ausgerechnet mich auswählte, meine Hausaufgabe vorzulesen. Ich tat wie geheißen und wollte mich beeilen, um so wenig wertvolle Zeit wie möglich mit seiner Aufmerksamkeit zu verschwenden.
„Langsamer“, wies er mich schon nach den ersten drei gelesenen Sätzen an. Ich sah kurz verunsichert auf, doch er erwiderte meinen Blick nicht. Ich begann also erneut, diesmal bemüht langsamer, bis ich, ohne es zu merken, wieder in ein schnelleres Sprechtempo verfallen sein musste, denn Shidô unterbrach mich erneut. „Nicht so hastig, Miyamoto, lies etwas langsamer und betonter. Du hast eine schöne Stimme, es wäre eine Schande so durch deinen Text zu hetzen.“
Du hast eine schöne Stimme. Ein einfaches Kompliment, das man wohl niemandem böse auslegen würde, aber war es als Lehrer seiner Schülerin gegenüber nicht vollkommen unangebracht? Ich schüttelte den Gedanken ab - ich suchte stichhaltige Beweise - und setzte ein weiteres Mal zum Lesen an, diesmal darum bemüht das gewünschte Tempo beizubehalten. Shidô schien damit zufrieden. Damit. „Hm...“, machte er überlegend und ich ahnte bereits, dass jeden Moment gnadenlose Kritik auf mich niederhageln würde. „Mir scheint, du hast die Aufgabe nicht richtig verstanden, Miyamoto“, urteilte er herablassend. Meine schöne Stimme konnte anscheinend nicht mehr gegen meine Unfähigkeit aufwiegen. Er kam zu meinem Pult, blieb dicht neben mir stehen und beugte sich vor, als müsse er meinen Text noch einmal inspizieren, wo er ihn doch gerade erst gehört hatte, und ich rückte ein Stück zur Seite, als unsere Arme sich berührten. Dann nahm er meinen Aufsatz in die Hand und entführte ihn ohne zu fragen zu seinem Pult, wo er ihn geradezu achtlos fallen ließ und den nächsten Schüler aufforderte, seine Hausaufgaben vorzulesen. Natürlich meldete sich Miku eifrig, mit Rufen und Fingerschnippsen, doch Shidô erteilte stattdessen der schüchternen Taniuchi das Wort. Sie verhaspelte sich mehrfach, ohne das Shidô das angemerkt hätte und langsamer lesen musste sie auch nicht, obwohl manche Wörter in ihrem aufgeregtem Gestammel komplett untergingen. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, ob Shidô mich nun anmachen oder mobben wollte?
Ich tippte auf Letzteres, als er mir am Ende der Stunde meinen Aufsatz mit nur ein paar rot angestrichenen Rechtschreibfehlern zurückgab. Von einer Fehlinterpretation der Aufgabenstellung war plötzlich überhaupt nicht mehr die Rede. „Schreib den Text bitte fehlerfrei und zeig ihn mir dann zu Beginn der nächsten Stunde“, trug er mir noch lässig auf.
„Wie bitte?“ Fassungslos sah ich ihn an, während er geschäftig seine Unterlagen sortierte.
„War das undeutlich, Miyamoto?“, fragte er.
„Warum soll ich das wegen ein paar Fehlern komplett neu schreiben?“
„Weil man aus Fehlern lernt.“
„Die anderen müssen das auch nicht machen!“, hielt ich uneinsichtig dagegen.
„Die anderen Texte habe ich auch nicht gesehen. Mach es in Ruhe zuhause, gib es mir am Mittwoch ab und fertig.“ Er hatte seine Tasche gepackt, sah noch einmal streng auf mich hinab und schob sich dann an mir vorbei, als wolle er mich aus dem Weg schieben. Und ohne weiteren Protest zuzulassen, war er auf den Gang verschwunden.

Ich wurde einfach nicht schlau aus diesem Typen! Es schien, als könne er sich selbst nicht entscheiden, ob er mich einfach akzeptieren, mich anbaggern oder mich hassen wollte. Zumindest den Mittelteil meiner Überlegungen sparte ich aus, als ich meiner Mutter am frühen Abend mein Leid klagte. Dabei erwähnte ich auch nicht explizit, dass ich als einzige in der Klasse Extraaufgaben bekommen hatte, sondern ließ mich nur ganz allgemein darüber aus, wie unfair und unfähig als Lehrer Shidô war.
„Das ist nun mal so“, meinte meine Mutter, die mit dem Rücken zu mir in der Küche stand, um Gemüse zu schneiden. „Solche Lehrer hat man immer. Erinnerst du dich noch an Kimura-sensei aus der Grundschule? Oh man, die hatte ich auch gefressen.“
„Bei der warst du öfters zum Elternsprechtag, nicht?“, erinnerte ich mich grinsend.
„Die Frau hatte absolut keine Ahnung von Kindern und meinte einem dann noch in die Erziehung reinquatschen zu müssen. Zum Glück hatte sie an anderen Kindern einen größeren Narren gefressen als an dir.“ Sie machte eine kurze Pause und schob sich vorsichtig eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Immerhin hat mich dein Shidô-sensei noch nie vorgeladen“, fuhr sie dann amüsiert fort.
„Oh, er hätte reichlich zu tun, würde er von jedem Schüler, den er scheinbar nicht ausstehen kann, die Eltern sprechen wollen“, höhnte ich.
„Na, dann scheint ja noch alles in Ordnung zu sein. Über sowas muss man einfach drüberstehen“, sagte meine Mutter mit einem zuversichtlichen Lächeln, als sie sich zu mir umdrehte. „Nur noch anderthalb Jahre, dann hast du die Highschool hinter dir.“
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