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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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27.09.2015 2.166
 
05 ~ Das nimmst du zurück!

„Was fällt dir ein, mich so anzumachen?!“, empörte sich Miku lautstark, als ich sie nach dem Unterricht wütend zur Rede stellte. Ich hatte sie und ihre Freundinnen an den Schließfächern einholen können, ehe sie das Gebäude verlassen hatten.
„Was mir einfällt?“, wiederholte ich. „Was mir einfällt? Du bist doch diejenige, die miese Gerüchte über mich verbreitet!“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du redest!“, spielte sie die Unschuldige; eine Rolle, die ich ihr nicht eine Sekunde abkaufte. Es war ja nun wirklich kein Geheimnis, dass sie mich nicht leiden konnte und auch wenn wir unsere Differenzen bislang relativ friedlich ausgetragen hatten, traute ich ihr so eine Nummer durchaus zu. Vielleicht hatte ich sie mit meinem Einzelgespräch mit Shidô, auf dass sie so eifersüchtig reagiert hatte, provoziert.
„Du willst also sagen, dass du nichts damit zu tun hast, dass mir die Jungs blöde Blicke hinterherwerfen, weil mich alle für eine Schlampe halten?!“ Mit jedem Wort war meine Stimme leiser, aber auch eindringlicher geworden.
Miku runzelte die Stirn und mimte die Ahnungslose wirklich gut, beinahe überzeugend. „Nein, damit hab ich nichts zu tun! Glaubst du ich hätte nichts Besseres zu tun als Geschichten über dich zu erzählen? Für wie wichtig hältst du dich eigentlich?“
„Ich glaube vor allem, dass es dir Spaß macht, mir zu schaden und meinen Ruf zu ruinieren!“
„Glaub was du willst, aber ich hab mit deinen Problemen nicht das Geringste zu tun!“
Ihre Freundinnen beobachteten den hitzigen Wortwechsel ohne sich einzumischen und ihre verwirrten Blicke irritierte mich. Sie hätten kichern, sich über Mikus Erfolg freuen und mich verspotten müssen. Stattdessen schienen sie in Mikus Gesicht zu forschen, ob ich die Wahrheit sagte oder sie tatsächlich etwas beschuldigte, was sie nicht getan hatte, denn eines stand fest – ihre Freundinnen wussten von nichts. Und das machte mich stutzig.
„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“, fragte ich, immer noch anklagend, wenngleich ich nun doch an Mikus Schuld zweifelte. Diesen Triumph wollte ich ihr allerdings nicht gönnen.
„Was weiß ich? Aber wenn irgendjemand behaupten würde, ich wäre eine Schlampe, würde ich lieber mal mein Verhalten überdenken, statt mit unhaltbaren Anschuldigungen um mich zu werfen.“ Sie reckte das Kinn und stolzierte an mir vorbei. Ich machte keine Anstalten, sie aufzuhalten. Ihre Freundinnen folgten ihr mit einem letzten kurzen Blick auf mich und waren noch nicht einmal zur Tür raus, als sie Miku auch schon aufgeregt mit Fragen löcherten.
Allem Anschein nach war es tatsächlich nicht Miku gewesen, die Lügen über mich in der Schule verbreitete. Aber wer konnte es dann gewesen sein? Es gab sicher einige Leute an der Schule, die mich aus irgendwelchen Gründen nicht mochten, aber wer würde derartig ausholen, um mir zu schaden? So sehr konnte mich doch niemand hassen; ich hatte niemanden einen Grund dazu gegeben.
Doch, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Es gab jemanden, der mich hasste und allen Grund hatte, sich an mir rächen zu wollen. Aber wie? Wie hätte Shidô, als Lehrer, so einen Unsinn verbreiten können? Er schien einen Weg gefunden zu haben und der Schaden war angerichtet. Wichtiger war zunächst die Frage, wie ich meinen Namen wieder rein waschen sollte. Und dann würde ich mich um Shidô kümmern.

Nach einigen Tagen, die mich bezüglich meines Problems nicht schlauer gemacht hatten, stellte ich jedoch fest, dass das Problem geringer war, als ich in meiner Panik zunächst befürchtet hatte. Es waren weit weniger Blicke und weniger Getuschel, als ich gedacht hatte; tatsächlich schien nur ein erlesener Kreis von Mitschülern das kuriose Gerücht um mich überhaupt aufgeschnappt zu haben. Das war zwar einerseits beruhigend, andererseits aber auch seltsam und ließ mich sogar daran zweifeln, dass Shidô hinter der Aktion steckte. Als nun sowohl der Lehrer, den ich geschlagen hatte, als auch meine ärgste Feindin an der Schule als Täter ausschieden, war ich, was die Frage von dessen Identität betraf, vollkommen aufgeschmissen. Ich konnte mir einfach nicht erklären wer es war, der es auf mich abgesehen hatte und weswegen.
Zu meiner Erleichterung verloren bald schon auch die letzten Idioten das Interesse an mir, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es bei mir doch nichts zu holen gab. Ich glaubte schon der Alptraum wäre ausgestanden.

„Hey, Miyamoto“, sprach Tsunoda mich in der Pause auf dem Gang an. Ich dachte mir nichts Böses dabei, immerhin waren wir Klassenkameraden, auch wenn es ungewöhnlich war, dass er sich an mich wandte. Wir hatten während unserer gesamten gemeinsamen Schulzeit nie direkt ein Wort gewechselt und ich konnte nicht gerade behaupten, dass mich dieser Umstand traurig stimmte. Tsunoda war vulgär und nicht der Hellste. Ich konnte mir wirklich attraktivere Gesprächspartner vorstellen. „Kann´s sein, dass du dich bei Miku neulich etwas im Ton vergriffen hast?“
Hatte er mich schon mit der bloßen Tatsache, dass er mich überhaupt ansprach, überrascht, war er nun im Begriff, mich gänzlich aus der Fassung zu bringen.
„Entschuldigung?“, erwiderte ich perplex. „Ich glaube nicht, dass dich unsere Gespräche irgendetwas angehen.“
„Pass beim nächsten Mal besser auf, wie du mit ihr redest“, meinte er bloß und war schon im Begriff, sich zum Gehen umzudrehen. Ich bemerkte Takashi, der an meine Seite getreten war und vermutlich der Grund für Tsunodas schnellen Rückzug war. Doch so einfach ließ ich mich nicht abspeisen!
„Hi, Rei“, grüßte Takashi unbekümmert und wollte schon drauf los plappern, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen und fuhr Tsunoda an, der mir schon halb den breiten Rücken zugedreht hatte.
„Drohst du mir etwa?!“ Er sprang drauf an und schenkte mir wieder seine volle Aufmerksamkeit. „Kann Miku sich nicht selbst um ihre Probleme kümmern? Muss sie ihren Gorilla vorschicken?“
„Wen nennst du hier Gorilla, du blöde Schlampe?“, knurrte Tsunoda gereizt. Ich schnappte empört nach Luft, nur um mir darauf schnell auf die Lippe zu beißen und zu hoffen, dass er mir meine Unsicherheit nicht ansah. War es bloß eine blöde Beleidigung gewesen oder hatte auch er davon gehört? Sein dreckiges Grinsen verriet mir schließlich, dass er mich nicht nur durchschaut hatte, sondern auch auch eben jenen Hintergedanken im Kopf hatte, den ich so fürchtete, noch bevor er es aussprach. „Ist ja kein Geheimnis mehr...“
„Das nimmst du sofort zurück!“, mischte Takashi sich wutentbrannt ein und trat schützend einen Schritt vor. Die Stimme der Vernunft in mir schrie, ich solle ihn beruhigen, bevor die Situation eskalierte, doch in diesem Augenblick war ich einfach nur froh und dankbar, dass er da war. Dass er sich für mich einsetzte.
Tsunoda ließ sich nicht von ihm beeindrucken. Sein Grinsen wurde breiter und er kicherte. „Nicht gewusst, dass deine kleine Freundin ein Flittchen ist? Sorry, muss ein ziemlicher Schock sein...“
„Wag es nicht, so über sie zu reden!“ Takashi war nahe an Tsunoda herangetreten und hatte ihn am Kragen gepackt. Das war der Moment, wo die Mitschüler um uns herum das Tuscheln einstellten und ihre ganze Aufmerksamkeit der Auseinandersetzung schenkten, die sich in Sekundenschnelle in einer Prügelei entladen würde. Es war außerdem der Moment, in dem ich mich endlich dazu aufraffen konnte, dazwischen zu gehen.
„Hör auf, Takashi! Du handelst dir nur Ärger ein!“, beschwor ich ihn und legte die Hände an seinen Arm, der angespannt Tsunodas Griff standhielt, welcher seinerseits versuchte, den Jüngeren von sich zu zerren.
„Der hier hat sich Ärger eingehandelt!“, zischte Takashi ohne den scharfen Blick von Tsunoda zu nehmen. Der wirkte nicht mehr so selbstgefällig, dafür aggressiv.
„Glaubst du etwa, ich hätte Schiss vor dir?!“
Ein Rucken, das durch beide Körper ging, ließ mich zurück stolpern und die Jungen hielt nichts mehr. Takashi presste Tsunoda gegen die Wand, konnte ihn aber nicht lange dort halten. Der Größere und Breitere riss ihn zu Boden und schlug dort auf ihn ein, wobei er vor allem Takashis Schulter und Rücken erwischte. Takashi rammte ihm das Knie in den Magen, schlug ihm ins Gesicht und warf sich auf ihn drauf, bis er ihn sitzend am Boden hielt und weiter austeilte. Das alles wurde von der sich um die Kämpfenden bildende Traube bejubelt und auf Handy festgehalten. Über den Lärm hinweg, war das Läuten der Schulglocke komplett untergegangen.
„Was ist hier los?!“, riss eine schneidende Stimme, die Zuschauer verschreckt auseinander. Meine Erleichterung, dass ein Lehrer einschritt, hielt nicht lange vor – es war ausgerechnet Shidô. „Auseinander!“, befahl er herrisch, drang aber nicht zu Takashi oder Tsunoda vor. In seiner Hilflosigkeit scheuchte er die anderen Schüler davon, nur ich blieb, woran Shidô sich aber nicht störte. Stattdessen versuchte er erneut, die Streithähne zu trennen. „Tsunoda und Komuro! Auseinander! Sofort!“
Tsunoda bemerkte den Lehrer als Erstes, schubste Takashi von sich und rutschte von ihm weg, um sich im sicheren Abstand aufzurappeln und vor Shidô, wenn auch verspätet, guten Willen zu zeigen. „Shidô-sensei! Der hat mich provoziert! Ich meine, der hat angefangen!“, beteuerte er mit einer widerlich geheuchelten Zurückhaltung. Auch Takashi hatte sich erhoben und rieb sich den schmerzenden Kopf, ohne einen Hauch von Reue zu zeigen.
Shidô sah aus zu Schlitzen verengten Augen abfällig zwischen den beiden hin und her. „Ich will keine Ausreden hören! Prügeleien auf dem Gang sind verboten. Wenn ihr nicht zu dumm zum Lesen seid, müsste euch das bekannt sein.“
„Aber der hat...“, versuchte Tsunoda es erneut, doch Shidô schnitt ihm das Wort ab.
„Und es ist mir ganz egal, wer angefangen hat! Ihr werdet euch auf der Stelle beim Direktor melden.“
„Aber, Shidô-sensei...“
„Auf der Stelle!“, donnerte der Lehrer, das Tsunoda zusammenzuckte. Eine dermaßen gerechte Behandlung war er von seinem Lieblingslehrer wohl nicht gewohnt und es bereitete mir eine gewisse Genugtuung, ihn so enttäuscht und verständnislos zu sehen. Um Takashi wiederum tat es mir leid, zumal ich ihn erst in diese Schwierigkeiten gebracht hatte. Er schenkte Shidô noch einen giftigen Blick, dann rauschte er an ihm vorbei. Tsunoda folgte ihm in einigem Abstand und erst sobald er sicher war, dass Shidô seine Meinung definitiv nicht mehr änderte. Dann wandte sich der Lehrer an mich.
„Es war so, dass...“, wollte auch ich einen Versuch unternehmen, Takashi in Schutz zu nehmen, wurde aber ebenso barsch zurückgewiesen, wie Tsunoda zuvor. „In die Klasse, Miyamoto! Der Unterricht hat längst angefangen!“

Sein Blick war eiskalt gewesen und unwillkürlich war in mir die Angst vor seiner Rache wieder aufgestiegen. Ich konnte nicht glauben, dass er diese Demütigung auf sich sitzen lassen würde und war nun, da ich ihn als Urheber der Gerüchte ausgeschlossen hatte, wachsamer denn je.
Erschreckenderweise schien es, als wäre Shidô ebenso wachsam wie ich.
Während des Unterrichts sah er immer wieder zu mir rüber, wie in Gedanken versunken, aber doch war ausgeschlossen, dass es sich um Zufall handelte. Er sah nicht an mir vorbei und nicht durch mich hindurch – er sah mich direkt an. Was dabei in seinem Kopf vorging, wollte ich gar nicht wissen, aber es schien ihn so sehr zu beschäftigen, dass er sogar Mikus Quengeln während der Stillarbeit ignorierte. Mir wurde mulmig zumute.
Dann rief er ausgerechnet mich an die Tafel, um eine Aufgabe zu lösen. Die Aufgabe selbst hatte mir keine Schwierigkeiten bereitet, sodass ich mir einredete, dass es so schlimm nicht werden könne, schritt aber nichtsdestotrotz mit Schweißperlen auf der Stirn zur Tafel, wo Shidô mich erwartete, ohne dass er auch nur eine Sekunde den Blick von mir genommen hätte. Als ich das Stück Kreide, das er mir entgegen hielt, ergreifen wollte, ließ er es schließlich fallen. Für die anderen sah es wahrscheinlich nach einem dummen Versehen aus, doch ich wusste es besser. Daher wusste ich auch, was er von mir erwartete. Rasch ging ich vor ihm in die Knie und hob das Stück auf, ohne mir Gedanken darüber zu machen und setzte eilig zur Lösung der Aufgabe an. Zu meiner Verwunderung verkniff er sich jeden bissigen Kommentar und beobachtete mich bloß schweigend. Ich versuchte mich allein auf meine Aufgabe zu konzentrieren und ihn komplett auszublenden, was sich als gar nicht so einfach erwies, doch irgendwie schaffte ich es, die Tortur ohne irgendwelche Zwischenfälle zu überstehen. Erst als ich auch die letzte Ziffer geschrieben hatte, sah ich Shidô wieder an, um mir seine Erlaubnis zu holen, meinen Platz wieder aufsuchen zu dürfen. Und erst jetzt schien er sich näher mit meiner Arbeit zu beschäftigen, überflog meine Rechnung kurz und verglich sie mit dem Ergebnis in seinem Buch. Schneller als ich reagieren konnte, hatte er mir die Kreide aus der Hand genommen, wobei sich unsere Finger kurz berührt hatten, und er korrigierte eine Zahl. Dabei kam er mir so nah, dass ich verlegen einen Schritt zurückwich.
„Da hast du wohl falsch gerundet“, meinte er bloß, ohne mich anzusehen. „Ansonsten war die Aufgabe richtig.“ Damit entließ er mich und ich nahm perplex wieder an meinem Pult Platz, während ich versuchte den Gedanken zu verarbeiten, dass Shidô gerade beinahe freundlich zu mir gewesen war. War das ein Trick? Wollte er mich in Sicherheit wiegen, um dann zuzuschlagen, wenn ich schon nicht mehr damit rechnete?
Auch den Rest der Stunde trafen sich unsere Blicke immer wieder. Einerseits ließ er mich in Ruhe, andererseits schien er mich fester im Visier zu haben als je zuvor. Und ich wusste einfach nicht, was ich davon halten sollte und was ich noch zu erwarten hatte.
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