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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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15.09.2015 2.228
 
04 ~ Sexuelle Belästigung

Gedankenverloren stocherte ich in meinem Essen herum. Auch wenn ich es nur ungern zugab, so fürchtete ich doch Shidôs Zorn. Ich ging davon aus, dass er noch nie von einem seiner Schüler geschlagen worden war, was arg an seinem Stolz nagen dürfte. Im Nachhinein bereute ich es. Ich hatte nicht die Beherrschung verlieren wollen, aber in diesem Moment hatte nackte Panik von mir Besitz ergriffen und es war einfach passiert. Ich hatte überreagiert.
„Alles in Ordnung?“, wollte meine Mutter wissen und riss mich so aus meinen trübseligen Gedanken.
„Ja, sicher“, antwortete ich lächelnd, wenngleich mir bewusst war, dass sie die Lüge sofort durchschaute. Mein Vater hatte mich kurz besorgt angesehen, nahm aber einen weiteren Bissen zu sich und überließ es meiner Mutter mir auf den Zahn zu fühlen.
„Stress mit Takashi?“, riet sie mit einem verschmitzten Lächeln.
„Ach, naja...“ Sie hatte seinen Anruf nach der Schule angenommen und anhand seiner Stimme wohl schon geahnt, dass irgendetwas im Argen lag. Er hatte sich bei mir für die Sache mit Miku entschuldigt und auch dafür mich heute morgen so stehen gelassen zu haben. Ich fand seine Reue lieb und süß und hatte ihm sofort verziehen. Es gab eben nichts, was sich mit einem stundenlangen Telefonat nicht klären ließ. Aber damit war Takashi längst nicht mehr was mir Sorgen bereitete. „Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Hat sich schon wieder erledigt“, blieb ich trotzdem beim Thema, weil ich nicht wusste, wie ich die Sache mit Shidô ansprechen sollte.
„Mach dir nichts draus“, winkte meine Mutter unbeschwert ab. „Ärger mit Jungs ist in deinem Alter ganz normal. Da kommt noch eine Menge auf dich zu.“
„Du kannst dich aber ruhig noch ein paar Jahre von Jungs fernhalten“, mischte sich mein Vater ein.
„Sei nicht albern, Liebling, Rei ist schon siebzehn. Vermutlich hatte sie schon die ein oder andere Verabredung von der wir gar nichts wissen.“
Mein Vater brummte unzufrieden. „Tu mir nur einen Gefallen und stell uns nicht irgendwann ausgerechnet Takashi als festen Freund vor, sonst müsste ich ernstlich darüber nachdenken, die ich zu enterben.“ Meine Mutter lachte und verpasste ihm spielerisch einen Klaps gegen den Oberarm.
„Papa, das ist peinlich“, nuschelte ich hinter beladenen Stäbchen. „Takashi ist mein bester Freund.“
Irgendwie kamen wir von Takashi zu Nachbarn, zu Rasenmähern und ehe ich mich versah unterhielten sich meine Eltern angeregt über das Wetter und den Klimawandel. Dass ich mich wieder nicht am Gespräch beteiligte, fiel diesmal nicht auf. Ich überlegte, ob ich ihnen von meiner Beobachtung erzählen sollte. Bei Takashi hatte ich es nicht geschafft und auch jetzt war ich mir unsicher. Genau genommen hatte ich nichts gesehen. Murakamis Rock hatte sich bewegt, als Shidôs Hand in der Nähe gewesen war. Das musste nichts heißen. Natürlich bewegten sich ihre Kleider, wenn sie sich bewegte. Je länger ich über die Szene nachdachte, desto weniger überzeugt war ich von meiner anfänglichen Theorie. Seine Schülerin auf diese Weise anzufassen war doch schon ziemlich krass. Und selbst wenn es passiert sein sollte, hätte es auch ein Versehen gewesen sein können. Zwar kam es mir falsch vor Shidô in Schutz zu nehmen, aber ich wollte auf gar keinen Fall wieder überreagieren.
„Ab wann genau zählt eigentlich etwas als sexuelle Belästigung?“, warf ich in den Raum und schlagartig waren meine Eltern still. Sie sahen mich alarmiert an.
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, wollte meine Mutter wissen. Es war klar was sie dachte oder eher befürchtete, also setzte ich schnell nach:
„Keine Sorge, es geht nicht um mich.“
„Um wen geht es dann?“, hakte nun mein Vater nach. Als Polizist war er ganz in seinem Element.
„Um niemanden“, wehrte ich entschieden ab. „Aber wo man ja ständig davon hört...“ Sie wussten, dass ich es ihnen sofort erzählt hätte, wäre ich oder jemand in meinem Bekanntenkreis belästigt worden. Es entsprach einfach nicht meiner Erziehung, Geheimnisse vor meinen Eltern zu haben. Im Gegensatz zu Takashi konnte ich mit meinen Eltern über alles reden.
„Nun“, übernahm meine Mutter, die ebenfalls eine polizeiliche Karriere hinter sich hatte. „Von sexueller Belästigung ist nicht erst bei körperlichen Übergriffen die Rede. Auch verbal kann man jemanden belästigen. Geiler Hintern kann als Belästigung aufgefasst werden.“ Augenblicklich schossen mir viele flapsige Bemerkungen und Kommentare durch den Kopf, die Shidô seinen Schülern gegenüber geäußert hatte. Einmal hatte er sich über die Kürze von Mikus Rock ausgelassen... „Theoretisch könntest du als Frau damit schon Anzeige erstatten, was den meisten aber nicht bewusst ist.“
„Natürlich muss man zwischen Belästigung und Spaß unterscheiden, was nicht immer ganz einfach ist“, nahm mein Vater den Faden auf. „Bei Berührungen ist es ebenso. Die Hand auf der Schulter kann schon das Überschreiten der Grenze bedeuten.“ Ich starrte auf meinen Teller und versuchte mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. „Einfacher ist es mit dem Klaps auf den Hintern. Sexuelle Belästigung ist eine schwierige Angelegenheit. Man darf solche Vorfälle nicht herunterspielen, muss mit Anschuldigungen aber vorsichtig sein. Falsche Anschuldigungen haben schon viele unschuldige Leben zerstört. Aber sobald du das Gefühl hast, dass dir jemand zu nahe tritt, rede bitte mit uns, Rei.“
„Ja, wir sind immer für dich da.“ Sie beide sahen mich eindringlich an und ich nickte lächelnd. Natürlich würde ich mich meinen Eltern im Zweifelsfall anvertrauen. Doch konnte ich auch für Murakami sprechen? An ihrer Stelle wäre es mir unangenehm gewesen, wenn sich Fremde ungefragt eingemischt hätten, zumal ich einfach nicht mehr sicher war, was genau ich beobachtet hatte. Deshalb hielt ich den Mund und beschloss mit Murakami zu reden.

Als erstes bekam ich allerdings Miku zwischen die Finger. Wie nicht anders zu erwarten war sie alles andere als begeistert, als ich ihr die zusätzlichen Hausaufgaben von Shidô in die Hand drückte und tat gerade so, als wäre das auf meinen Mist gewachsen.
„Wenn du ein Problem damit hast, kannst du dich bei Shidô-sensei beschweren. Ich bin bloß der Bote“, sagte ich kühl.
„Aber es ist doch wohl klar, wem wir das Ganze zu verdanken haben“, entgegnete Miku genervt. Sie hatte nur kurz einen Blick auf die Arbeitsblätter geworfen und wedelte nun unwirsch damit herum. „Deiner vorlauten Klappe. Nur weil du auf soziale Retterin in der Not machen musstest, müssen wir jetzt alle leiden.“
„Ist so!“, erntete sie Zustimmung von ihren Freundinnen, die es sich nie im Leben gewagt hätten mir das ohne ihre schützende Anführerin ins Gesicht zu sagen. Ich ignorierte sie und ließ mich nicht auf einen Streit mit Miku ein. Zum Glück verlor auch sie immer schnell das Interesse an mir, regte sich zwar noch ein bisschen über den angeblich von mir verschuldeten Ärger auf, wechselte aber bald das Thema und ging dazu über mit ihren Freundinnen ihre nachmittägliche Shoppingtour zu planen. Ich sah mich im Klassenraum um. Es hatte noch nicht geläutet und es herrschte noch Chaos. Ich ging von Mitschüler zu Mitschüler, verteilte die Blätter und informierte sie über die Abgabe der Hausaufgaben und beendete meine Runde schließlich bei Murakami.
„Ach so...“, sagte ich noch, nachdem ich auch sie informiert hatte. „Kann ich dich vielleicht kurz unter vier Augen sprechen, Murakami?“ Die Klassenkameradin machte einen überraschten und dann beinahe verängstigten Eindruck, nickte aber und folgte mir auf den Gang. Im Schutz des lauten Stimmengewirrs unserer Mitschüler konnten wir uns ungestört unterhalten. Ich räusperte mich nervös. „Es ist wegen gestern...“, begann ich unsicher.
„Es tut mir leid“, flüsterte Murakami eingeschüchtert und wich meinem Blick aus. Ich hatte überrascht die Augen aufgerissen.
„Was tut dir denn leid?“, wunderte ich mich.
„Das ist meine Schuld. Die zusätzlichen Aufgaben, habe ich nicht recht?“
„Unsinn, das ist doch nicht deine Schuld“, wehrte ich ab. „Und lass dir das bloß nicht einreden. Die sollen sich nicht so anstellen, es sind bloß ein paar Aufgaben.“
„Danke, Miyamoto“, hauchte sie und für einen winzigen Moment schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Vor allem für deinen Einsatz gestern. Du hättest das nicht tun müssen, aber... ich danke dir.“
„Wegen gestern...“, nahm ich den Faden wieder auf und stockte, als ich wieder einmal mit mir rang, wie ich das unangenehme Thema zur Sprache bringen sollte. „Ich wollte dich fragen ob... also... kann es sein, dass Shidô-sensei dich belästigt hat?“
Murakami sah mich erschrocken an und ich hätte schwören können, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Hastig richtete sie den Blick wieder gen Boden und verkrampfte die Hände ineinander. „Ich weiß nicht, was du meinst...“
„Gestern, als du an der Tafel warst“, wurde ich deutlicher. „Hat Shidô-sensei dich da angefasst?“
„Natürlich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Ich wollte ihr nicht glauben. Sie log ganz offensichtlich. Schämte sie sich zu sehr, um es zuzugeben?
„Hör mal, es geht mir nicht darum, dich irgendwie fertig zu machen, ich will dir helfen“, beschwor ich sie. „Wir wissen beide, dass Shidô gerne mal über die Stränge schlägt und nicht unbedingt das Idealbild von einem Lehrer verkörpert. Ich würde dir glauben, wenn du sagst, er hätte sich dir gegenüber schon einmal nicht korrekt verhalten. Nicht unbedingt gestern, wann auch immer.“
„Er mag manchmal etwas grob sein“, gab sie kleinlaut zu, vermied es dabei aber weiterhin mir in die Augen zu sehen. „Aber er hat mich nie angefasst.“
„Bist du dir da sicher?“
„Du hast gesagt, du würdest mir glauben.“
„Ja, aber...“ Aber das tat ich nicht. In diesem Moment war ich von dem Wunsch besessen, Shidô etwas vorwerfen zu können, was ihn richtig in Schwierigkeiten brächte. Die Rache für all die Demütigungen, die seine Schüler in all den Jahren hatten erdulden müssen. Die Chance, ihn loszuwerden. „Ich hätte schwören können, dass ich gestern gesehen habe, wie er dich angefasst hat“, beharrte ich verzweifelt.
Nervös sah Murakami zu einer Gruppe Jungen hinüber, die uns grinsend und tuschelnd zu beobachten schien. „Da musst du dich getäuscht haben. Er hat mich nicht angefasst, nicht gestern oder sonst wann. Entschuldige, ich muss zurück in die Klasse.“ Fluchtartig schritt sie zurück in den Klassenraum und ließ mich stehen, als hätte sie Angst, ich würde sie nicht freiwillig gehen lassen. Ich war enttäuscht, dass sie die von mir vorgeworfene Belästigung abgestritten hatte und schämte mich im nächsten Augenblick dafür. Stattdessen hätte ich froh sein sollen, dass Murakami keine Grapscherei hatte ertragen müssen und dass Shidô sich in all seiner unverschämten Inkompetenz offensichtlich doch noch an gewisse Grenzen hielt. Und doch fiel es mir schwer das zu glauben. Selbst wenn er die Finger bei sich behielt, er machte zumindest anzügliche Kommentare, ganz zu schweigen von dem Mobbing, das er gegen die eigenen Schüler betrieb. Irgendetwas musste man doch gegen diesen Typen unternehmen können.
Ein lautes Lachen riss mich wieder aus meinen Gedanken. Noch immer hatte es nicht zum Unterrichtsbeginn geläutet und der Gang war immer noch voller Schüler, die tratschend am Fenster standen oder auf dem Weg zu ihrem Klassenzimmer waren. Auch die Gruppe Jungen, die mich und Murakami beobachtet hatten, waren noch da und allem Anschein nach redeten sie über mich. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen, konnte ihren Blicken und Gesten jedoch entnehmen, dass es nicht sehr schmeichelhaft war. Böse funkelte ich zu ihnen rüber, wovon sie sich aber nicht beeindrucken ließen. Plötzlich kam einer von ihnen zu mir rüber und grinste mich selbstgefällig an, nachdem er noch einen kurzen Blick zurück zu seinen aufgeregten und gackernden Freunden geworfen hatte.
„Hey, du bist doch Rei Miyamoto aus der D, nicht wahr?“
„Und du bist?“, fragte ich scharf, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ken Uchiyamada aus der 1B“, stellte er sich vor, ohne sein dämliches arrogantes Grinsen abzulegen. Für einen Erstklässler wirkte er ziemlich frech und respektlos. „Ich hab von dir gehört.“
„Ach, und was hast du gehört?“, wollte ich wissen. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Hatte er gesehen, wie ich einen Lehrer geschlagen hatte? Versuchte er mich zu erpressen? Aber was konnte er mir schon anhaben? Er hatte keine Beweise und konnte mir nichts.
„Nimmst du Geld dafür?“
„Wofür?“
„Für deine 'Dienste'“, erklärte er, wobei er das letzte Wort seltsam betonte und sich ein Lachen nicht verkneifen konnte. Langsam dämmerte mir worauf er hinauswollte, vor allem als er mich großzügig von oben bis unten musterte. Vor Fassungslosigkeit klappte mir die Kinnlade hinunter.
„Bitte was?!“, fuhr ich ihn an.
„Ich hab gehört, dass du es... gern machst.“
„Und wer bitte erzählt so einen Müll über mich?!“, verlangte ich aufgebracht zu wissen. Der Erstklässler trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände.
„Wow, krieg dich mal wieder ein“, sagte er mit einer Lässigkeit, die mich zusätzlich provozierte. Am liebsten hätte ich ihm eine verpasst und seinen blöden, grinsenden Freunden gleich eine mit! „Ich hab das doch bloß gehört, dann war das wohl eine falsche Information...“ Wieder ließ er den Blick über meinen Körper schweifen. „Eigentlich schade...“
„Verzieh dich!“ Er gehorchte und kehrte gackernd zu seinen Freunden zurück, als der erlösende Gongschlag ertönte und sich die Gruppe zur Treppe zurückzog. Fassungslos starrte ich den Jungen hinterher und wurde mir erst jetzt meines rasenden Herzschlags bewusst. Irgendjemand in der Schule erzählte wilde Geschichten über mich. Wie genau mochten diese Geschichten aussehen?Wer mochte schon alles davon gehört haben? Wer steckte dahinter?
„Kommst du, Miyamoto-san, der Unterricht fängt jetzt an“, ermahnte mich der eintreffende Lehrer und bedröppelt folgte ich ihm ins Klassenzimmer. Ich beobachtete Miku, die sich wie alle anderen erhob, um den Lehrer zu begrüßen, dann sittsam auf ihrem Stuhl Platz nahm und den Blick interessiert nach vorne gerichtet hielt. Wenn dieses Miststück für die üblen Gerüchte verantwortlich war, würde sie noch ihr blaues Wunder erleben!
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