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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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05.09.2015 2.321
 
03 ~ Ein Schritt zu viel

Ich war stinksauer! Wie konnte er mir das nur antun? Nach allem was ich ihm erzählt hatte, hätte er es besser wissen müssen. Aber Takashi, mein bester Freund, hatte mich verraten und hintergangen und war mit Miku ausgegangen. Am liebsten hätte ich ihm eine gescheuert!
Doch statt sich schlecht zu fühlen oder sich gar zu entschuldigen, meinte er noch, sich verteidigen zu müssen. „Du meine Güte, Rei, meinst du nicht, dass du übertreibst?“
„Ich habe dir gesagt, dass ich sie nicht ausstehen kann und dir fällt nichts Besseres ein, als dich hinter meinem Rücken mit der blöden Schnepfe zu treffen!“, warf ich ihm vor. Die Blicke der vorbeiziehenden Schüler, die wie wir auf dem Weg zur Schule waren, ignorierte ich. Vielleicht wurde ich sogar noch etwas lauter, als ich bemerkte, dass Takashi die Szene unangenehm war.
„Ja, ganz genau – ich habe mich mit ihr getroffen, weil ich sie gar nicht so übel finde. Und das kann dir egal sein.“
„Es ist mir aber nicht egal, wenn dieses hinterfotzige Biest sich an meine Freunde ran schmeisst, um sie gegen mich aufzuhetzen!“
„Ach so, klar! Sie trifft sich nur mit mir um dir eins auszuwischen“, wiederholte er in lächerlichem Tonfall und sah nun wütend aus, sodass ich beinahe Schuldgefühle bekam. Aber er musste die Wahrheit erkennen und sollte sich gar nicht erst falsche Hoffnungen machen. Nicht, dass Miku ihn überhaupt verdient hätte. Ich wollte etwas Versöhnliches sagen, aber er ließ mich nicht zu Wort kommen. „Du bist so was von ichbezogen, du solltest dich mal reden hören. Nur weil du nie auf die Idee kommen würdest mich zu daten, muss das ja nicht gleich für alle Mädchen gelten!“
„Takashi, so habe ich das doch gar nicht gemeint!“, wehrte ich ab, doch er hörte mir gar nicht mehr zu. Er hatte Klassenkameraden entdeckt und mich stehen lassen um zu ihnen aufzuschließen. Ich seufzte frustriert. Toll. Wenn Miku einen Keil zwischen Takashi und mir hatte treiben wollen, hatte sie unverschämt schnell Erfolg gehabt.

Nach dem morgendlichen Streit mit Takashi war meine Laune im Keller; und das ausgerechnet an einem dieser Tage, an denen wir Unterricht mit Shidô hatten. Wie sollte ich mich ihm gegenüber zurückhalten, wenn er gewissermaßen Schuld an der ganzen Situation war? Natürlich ahnte er davon nichts. Selbstgefällig schritt er die Tischreihen auf und ab, während wir einen Text im Buch durchkauten, den es zu analysieren galt. Auf der Grund- und Mittelschule hatte Modernes Japanisch zu meinen Lieblingsfächern gezählt, jetzt zählte ich die Minuten bis zum erlösenden Gongschlag. Es war frustrierend.
„Murakami, den nächsten Absatz.“ Stets befahl er, niemals bat er, ebenso wie er auf eine höfliche Anrede verzichtete. Er betrachtete sich nicht als Lehrer, er sah sich als Gott, der uns dummen Sterblichen seine Macht demonstrieren wollte. Vielleicht machte es ihn an. Vielleicht hatte er auch zuhause einfach nicht die Hosen an und dringend etwas zu kompensieren.
Murakami war ein Mädchen mit geringem Selbstbewusstsein. Im Nachhinein konnte ich nicht mehr sagen, ob sie schon immer so gewesen war oder ob Shidô sie in den letzten anderthalb Jahren zu dem gemacht hatte, was heute noch von ihr übrig war, aber letzteres hätte mich nicht überrascht. Er nahm sie stets besonders hart ran, als hätte er ein persönliches Problem mit ihr. Vielleicht gefiel ihm ihr Gesicht nicht, vielleicht waren es die Haare, wer wusste das bei ihm schon.
„Ich... ich weiß nicht...“, wagte sie nach einem kurzen Moment des Überlegens zu sagen.
„Was weißt du nicht?“, hakte Shidô schneidend nach. Abrupt beendete er seinen wahllosen Gang durch die Klasse und steuerte nun Murakami an, die sich auf ihrem Platz so klein wie möglich machte und versuchte, niemanden anzusehen. Die Blicke der anderen, die neugierig auf ihr ruhten, waren ihr sichtlich unangenehm. Ihr Kopf wurde dunkler.
„Ich weiß nicht, was der Absatz aussagen soll“, wurde sie deutlich.
Shidô blieb dicht vor ihr stehen und sah geringschätzig zu ihr hinunter. „Würdest du wohl mit mir, statt mit der Tischplatte sprechen?“, forderte er streng. Sie hob den Kopf und sah ihn mit ängstlichen Augen von unten an. Ja, ich konnte mir gut vorstellen, dass ihm dabei einer abging. „Du weißt also nicht, was der Absatz aussagen soll.“ Murakami nickte. „Und warum nicht? Wie lange reden wir schon über diesen Text?“
Spöttisch hoben Shidôs Lieblinge die Hände, um die Frage zu beantworten, doch er ließ Murakami nicht aus den Augen. Er hatte sie am Wickel und er würde sie vermutlich erst wieder freigeben, wenn er sie zum Weinen gebracht hatte. „Seit letzter Stunde...“, sagte sie schließlich leise.
„Wie bitte? Ich kann dich nicht verstehen, wenn du so nuschelst.“
Ich hatte sie verstanden und ich saß am anderen Ende des Raums. „Seit letzter Stunde“, wiederholte sie ein wenig lauter, was sie bereits große Überwindung kostete.
„Was seit letzter Stunde? Wir befinden uns hier im Japanisch-Unterricht, da darf ich doch wohl vollständige Sätze verlangen.“ Miku und ihre Freundinnen kicherten und Murakami senkte wieder beschämt den Blick. Shidô betrachtete sie finster, als denke er sich schon die nächste Gemeinheit für sie aus. Am liebsten wäre ich dazwischen gegangen, aber etwas hielt mich ab. Ich wollte Murakami helfen, wollte aber auch nicht ihren Platz einnehmen. Ich verfluchte mich für meine Feigheit, die ich mit dem Rat meiner Freundinnen rechtfertigte, mich nicht mit Shidô anzulegen.
„Steh auf“, verlangte er plötzlich von dem überraschten Mädchen, das zögerlich gehorchte. Er ging ihr voran zur Tafel. „Und bring dein Buch mit. Da sprechen ganz offensichtlich nicht deine Stärke ist, wirst du schreiben. Und zwar den ganzen Absatz über den du nichts weißt.“ Langsam trat Murakami nach vorne zur Tafel und ließ sich von ihm ein Stück Kreide in die Hand drücken. Gehorsam begann sie den entsprechenden Absatz auf die Tafel zu übertragen. „Und es wäre freundlich, wenn du dich einmal etwas beeilen würdest, damit wir mit dem Unterricht fortfahren können.“ Kurz stockte Murakami, dann schrieb sie fleißig weiter. Wir anderen beobachteten sie stumm und abwartend. Es dauerte nicht lange, bis die ersten protestierenden Stimmen laut wurden. Leider sprachen sie sich nicht für Murakami aus, ganz im Gegenteil.
„Boah, das ist langweilig“, ätzte Tsunoda. „Schreib mal schneller, Murakami!“
„Nur wegen der...“, konnte ich Miku flüstern hören. Ich wollte nicht mit Murakami tauschen, die dem Druck der tuschelnden Mitschüler hilflos ausgesetzt war. Es war als gäben alle nun ihr die Schuld, dass wir nichts tuend zum Warten verdonnert waren. Diejenigen, die die Schuld bei Shidô sahen, hielten sich lediglich zurück, um den Druck auf Murakami nicht noch zu verstärken. Und ich musste mir eingestehen, dass ich zu diesen Leuten zählte.
Murakami bemühte sich so schnell und fehlerfrei wie möglich zu schreiben, was unter Shidôs strengem Blick sicher keine leichte Aufgabe war. Er stand dicht neben ihr und beobachtete sie genau. Er hatte sein Buch zugeschlagen und nur einen Finger als Lesezeichen zwischen die Seiten geschoben. Und dann wurde ich plötzlich stutzig.
Alles geschah so schnell, dass ich selbst glaubte, mir etwas einzubilden, das gar nicht war. Er ließ die Hand mit dem Buch sinken. Da er unmittelbar neben Murakami stand, beinahe auf ihr drauf hing, verdeckte es ein Stück ihres Hintern, beziehungsweise ihres Oberschenkels. Für einen winzigen Augenblick bewegte sich ihr Rock minimal und ich hätte schwören können, dass sie zusammengezuckt war. Hatte er sie heimlich berührt?
Falls dem so war, versuchte Murakami sich jedenfalls nichts anmerken zu lassen, aber Shidôs durch das Buch weitestgehend verborgene Hand ließ mir keine Ruhe. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger zweifelte ich daran, dass er die Schülerin sexuell belästigte und Fassungslosigkeit machte sich in mir breit. Ich wusste, dass er ein sadistischer Kotzbrocken war, dass er regelrechtes Mobbing gegen seine eigenen Schüler betrieb und dass er manchem Mädchen Blicke zuwarf, für die er schon hinter Gittern gehörte! Aber dass er Schülerinnen tatsächlich anfasste, schockierte mich. Ich wusste, würde er mich anfassen, wäre es vorbei mit jedweder Beherrschung. Ich würde ohne zu zögern zuschlagen. Murakami hingegen tat brav, was er von ihr verlangte. Als wäre die Situation nicht schon unangenehm genug für sie, musste sie sich jetzt auch noch begrapschen lassen. Vor der ganzen Klasse. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, wie sie sich fühlen musste.
Erst als sie auch das letzte Zeichen an die Tafel geschrieben hatte, erlöste Shidô sie endlich und gestattete ihr zu ihrem Platz zurückzukehren. Irgendjemand zischte noch, dass es auch lange genug gedauert hatte. Mit gesenktem Kopf lief Murakami an den anderen vorbei und setzte sich, die Hände auf dem Tisch zu Fäusten verkrampft. Man konnte ihr ihre Konzentration regelrecht ansehen. Sie war in Gedanken sicher nicht beim Unterrichtsstoff.
Shidô betrachtete den Text an der Tafel missmutig. „Im Schreiben bist du aber auch nicht allzu geübt, oder Murakami?“, legte er noch nach. „Wenn ich nicht wüsste was da steht... Was für eine Sauklaue für ein Mädchen. Du wirst den Text zuhause noch einmal komplett abschreiben, zur Übung“, trug er ihr zusätzliche Hausaufgaben auf. Da platzte mir der Kragen.
Er blickte überrascht drein, als ich ohne zu fragen das Wort ergriff. „Es ist nicht fair, dass Murakami extra Hausaufgaben machen muss. Nicht jeder hat unbedingt eine schöne Schrift“, nahm ich die Klassenkameradin in Schutz. Alle sahen mich verwundert an, mit Ausnahme von Murakami, die stur den Kopf gesenkt hielt.
„Und nicht jeder hat eine gute Erziehung genossen“, erwiderte Shidô mit einem schmierigen Lächeln, das allein mir galt. „Ich kann mich nicht erinnern, dich nach deiner Meinung gefragt zu haben, Miyamoto.“
„Aber es ist unfair“, beharrte ich, bemüht, seinem Blick standzuhalten.
„Und dann stellst du auch noch meine Lehrmethoden infrage?“
„Entweder alle schreiben den Text ab oder keiner.“
„Du willst unbedingt zusätzliche Hausaufgaben?“ Ich versuchte die Blicke meiner Mitschüler zu ignorieren. Es war klar, dass sie mich dafür verfluchten, dass ich im Begriff war uns alle in die Scheiße zu reiten und nicht jeder würde die Gerechtigkeit, die Murakami damit zukommen würde, gutheißen. Ein bisschen bereute ich mein vorlautes Mundwerk, vor allem da Murakami sich nicht gerade dankbar zeigte. Aber ich versuchte, ihr keinen Vorwurf zu machen. Immer noch lächelte Shidô sein furchtbares Lächeln. „Miyamoto, du wirst nach der Stunde noch auf ein Wort bleiben. So, wer kann uns nun etwas zu dem Absatz erzählen?“
Seine Dreistigkeit machte mich sprachlos. Damit war das Thema für ihn fürs Erste erledigt und er beachtete mich nicht weiter. Zudem hatte er vollkommen offen gelassen, ob er nun die Zusatzarbeit von Murakami erwartete oder nicht, was bedeutete, dass sie sie aus Vorsicht erledigen würde. Am liebsten hätte ich weiter protestiert, konnte mich jedoch bremsen. Ich sollte froh sein, dass ich so glimpflich davongekommen war und den Schaden nicht größer machen als er schon war. Wer wusste schon, was ich mir nach dem Unterricht anhören durfte.

Es machte mich nervös, dass er die Tür schloss, nachdem alle anderen den Raum verlassen hatte, doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Er ist Lehrer, redete ich mir ein. Er kann es sich nicht leisten, mir etwas anzutun. Im Zweifelsfall würde immer ich als Schülerin im Recht sein. Er nahm hinter seinem Pult Platz, stützte das Kinn auf die ineinander verschränkten Finger und betrachtete mich herablassend. „Es kann nicht angehen, dass du ohne meine Erlaubnis einfach reinredest und zudem meine Lehrmethoden kritisierst“, erklärte er selbstgefällig. Ich schwieg und wartete, bis er sicher fertig war. Wollte ja nicht einfach ungefragt reinreden. Fragend hob er eine Augenbraue. „Wenn du dich entschuldigst, vergesse ich den kleinen Zwischenfall.“
Er erwartete ernsthaft eine Entschuldigung? Niemals, dachte ich. Nichts kam mir in diesem Moment schlimmer vor als die Vorstellung, ihn demütig um Verzeihung zu bitten! Vor allem da ich nichts Unrechtes getan hatte. „Ich wüsste nicht wofür“, gab ich unverblümt zurück.
„So so, du wüsstest nicht wofür“, wiederholte er. Er machte sowohl einen gereizten als auch einen amüsierten Eindruck. Auf jeden Fall wirkte er bedrohlich. „Ich bin enttäuscht, Miyamoto. Ich bin wirklich enttäuscht.“
Als ob mir das nicht am Allerwertesten vorbeigeht, dachte ich. Ich hatte nicht gerade das Gefühl, dass er je eine besonders hohe Meinung von mir gehabt hatte und es war mir auch egal. „Kann ich dann jetzt gehen? Ich habe noch Training“, wollte ich das Gespräch beenden. Zu meiner Verwunderung gab Shidô sich sogar geschlagen.
„Aber sicher, ich will dich nicht aufhalten.“ Ich nickte zum Abschied und wandte mich erleichtert zur Tür um. Erst als ich sie erreichte, hielt er mich plötzlich noch einmal auf.
„Ach, Miyamoto, eine Sache noch. Ich habe ganz vergessen diese Arbeitsblätter noch auszuteilen. Wärst du so gut das zu übernehmen und den anderen zu sagen, dass es Hausaufgabe bis zur nächsten Mathestunde ist?“
Er drückte mir den Stapel Papier in die Hände, ohne dass ich eine Chance gehabt hätte, mich zu weigern. Sofort verstand ich warum er so schnell nachgegeben hatte. Er zog eine kleine Bestrafung einer Entschuldigung vor. Und nicht nur, dass ich den Quatsch verteilen durfte und Sorge dafür trug, dass auch jeder seine Unterlagen bekam, ich durfte außerdem die schlechte Nachricht verkünden, dass wir mal wieder zusätzliche Hausaufgaben aufgedrückt bekamen. „Sicher“, ergab ich mich in mein Schicksal.
„Danke. Überaus freundlich von dir.“
Er fasste mich an der Schulter an und irgendetwas in mir setzte aus. Ich dachte an Murakami, mein Herz setzte einen Schlag aus – und ich schlug zu.
Shidô sog scharf die Luft ein und hielt sich die Wange. Er war erschrocken einen Schritt zurückgewichen. Ich war kaum weniger erschrocken als er. Ich hatte einen Lehrer geschlagen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Du kleine...!“, zischte er, konnte sich aber beherrschen.
„Ich... es tut mir leid...“, stammelte ich überfordert.
Shidô stand noch eine Weile leicht gebeugt da und starrte auf einen unbestimmten Punkt irgendwo auf dem Boden, schien fieberhaft zu überlegen, wie er mit der Situation umgehen sollte und ich fürchtete mich vor seinem Entschluss. Ich hatte einen Lehrer geschlagen. Den schlimmsten von allen. „Geh mir aus den Augen!“, spie er, ohne mich anzusehen. Das war alles. Ich gehorchte und eilte dankbar aus dem Klassenzimmer.
Wir waren beide überfordert gewesen, aber mir war klar, dass das noch Konsequenzen haben würde.
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