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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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29.08.2015 2.109
 
02 ~ Seine Lieblinge

Matheunterricht mit Shidô war das wohl Schlimmste, was diese Schule zu bieten hatte; sogar noch schlimmer als Shidôs Japanischunterricht. Mathe war noch nie mein Lieblingsfach gewesen, ich war aber immer irgendwie durchgekommen. Manchmal mehr schlecht als recht, aber zu behaupten, mir fehle jegliches mathematisches Verständnis, war eine maßlose Übertreibung. Eine Behauptung, die Shidô aufgestellt hatte.

„Wer löst für uns diese Gleichung?“, hallte seine schmierige Stimme durchs stille Klassenzimmer, nachdem er eine Gleichung aus seinem besseren Buch, welches nicht offiziell im Unterricht verwendet wurde, an die Tafel geschrieben hatte. Nur wenige meldeten sich freiwillig, weil alle seinen Spott fürchteten. Früher hatten die Lehrer uns ermutigt, dass es vollkommen in Ordnung und sogar gewünscht war Fehler zu machen, auch an der Tafel, doch ich kannte niemanden, der sich freiwillig gerne zum Gespött der ganzen Klasse machte. Außer vielleicht die ohnehin recht albernen und unreifen Jungs. In Shidôs Unterricht hielten aber sogar die sich zurück. Die Hände, die auf seine Frage hin in die Höhe gefahren waren, gehörten zu den üblichen Verdächtigen. Miura, der Streber schlechthin, der ohnehin alles wusste und konnte. Kurokami, ein ruhiger Junge mit großen Schatten unter den Augen, als würde er nie schlafen. Ein unheimlicher, unsympathischer Zeitgenosse, der gut mit Zahlen konnte. Dann war da noch Taniuchi, ein zurückhaltendes Mädchen mit Brille und Zöpfen, das nahezu untrennbar mit ihrer besten Freundin Kawamoto verbunden zu sein schien. Sie war einer der wenigen mathematisch weniger begabten Schüler, die es sich überhaupt wagten, vor Shidô Fehler zu machen, nur um ihm näherzukommen. Sie gehörte zu seinen Lieblingen und durfte es sich erlauben, vor ihm Fehler zu machen, auf die er sie mit seiner widerlichen, geheuchelten Freundlichkeit hinwies und die er großzügig korrigierte, wenn sie sich mal wieder besonders blöd anstellte. Es war dieselbe anbiedernde Art, die auch Miku in jeder verdammten Unterrichtsstunde mit Shidô an den Tag legte. Ich konnte diese Mädchen einfach nicht verstehen. Was fanden die bloß an diesem ekelhaften Typen?
Er war ein arrogantes, selbstgefälliges Arschloch und nichts brachte ihn aus der Ruhe. Sogar bei dieser spätsommerlichen Hitze, die ich selbst bei weit geöffnetem Fenster als unerträglich empfand, stand er mit selbstzufriedenem Grinsen in seinem perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug da, ohne auch nur einer einzigen Schweißperle auf der Stirn. Schwer seufzend lehnte er sich an die Fensterbank und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist keine Quantenphysik was wir hier machen.“
Das ist keine Quantenphysik was wir hier machen. Wie ich diesen ausgelutschten Spruch, den Shidô wirklich bei jeder Gelegenheit brachte, hasste. Der Stoff mochte nicht schwer sein, aber was nutzte das, wenn der Lehrer beschissen erklärte und immer ganz besonders schwere Übungsaufgaben herauspickte, die mit ihren Besonderheiten, die es zu beachten galt, jeden, der Mathe nicht gerade studieren wollte, schnell überforderten!
Schnell schaute ich auf meine Unterlagen runter, als Shidô in meine Richtung sah, und betete, dass er mich in Ruhe ließ.
„Immer dieselben“, seufzte er theatralisch.
Würdest du nicht immer so beschissene Aufgaben stellen, würde die Beteiligung vielleicht üppiger ausfallen, dachte ich höhnisch, konnte mich aber nicht wirklich über seinen schleppenden Unterricht freuen, schließlich waren wir, die Schüler, diejenigen, die darunter litten. Wir bekamen den Tadel zu hören und die schlechten Noten rein gedrückt.
Kurokami machte Verrenkungen, als wolle er sich selbst den Arm raus reißen. Schließlich erlöste Shidô ihn und nickte zur Tafel. Eilig schlurfte Kurokami in seiner typischen gebückten Haltung nach vorne. Derartig eifrig zeigte er sich nur in Shidôs Unterricht, vor allem natürlich in Mathe. Und wie nicht anders zu erwarten, begann er problemlos die Gleichung zu lösen, sodass Shidô ihn zwischendurch sogar bremste, um auch seinen anderen Lieblingen eine Chance zu geben, etwas zur Lösung beizutragen.
„Taniuchi, kannst du erklären, wie Kurokami vorgegangen ist?“, fragte er mit öliger Stimme.
Vor lauter Aufregung verhaspelte sich Taniuchi mehrmals, als sie erläuterte was der Klassenkamerad gemacht hatte und welche bestimmten mathematischen Regeln er angewandt hatte; etwas was wir schon tausendfach durchgekaut hatten. Es waren die simpelsten Aufgaben, die er bis zum Erbrechen an der Tafel wiederholte, während wir bei den kniffligen Aufgaben plötzlich auf uns allein gestellt waren. Es war immer dasselbe.
„Gut, und wenn wir das nun auflösen, was kommt dann für X1 raus?“ Er ließ den Blick durch die Runde schweifen und rief dann Tsunoda auf, der überrascht hochschreckte. Tsunoda war ein sportlicher Typ, der mehr Muskeln als Hirnmasse besaß und im Unterricht eher durch Störungen als durch Leistung auffiel, aber auch er leckte Shidô die Füße.
„Ähm...“ Tsunoda zögerte. Vermutlich hatte er mal wieder nicht aufgepasst oder er war einfach wirklich zu dämlich ein paar Zahlen im Kopf zusammenzuzählen. „Ich hab grad nicht aufgepasst“, gab er grinsend zu, wofür er einige dümmliche Lacher seiner Freunde erntete. Shidô ließ seine lahme Entschuldigung unkommentiert und erteilte stattdessen Miku das Wort, die sich sogleich vorbeugte, als wolle sie Shidô einen Blick in ihren Ausschnitt ermöglichen.
„Sechs“, antwortete sie auf seltsam anzügliche Art und Weise und leckte sich dabei noch genüsslich über die Lippen. Shidô sah sie eindringlich an und ich fragte mich unwillkürlich, ob er beabsichtigt hatte, dass ausgerechnet diese zweideutige Zahl als Ergebnis herauskam.
„Richtig“, lobte er sie und ließ Kurokami das Ergebnis anschreiben. Ich verdrehte die Augen und begann die Aufgabe samt Lösungsweg abzuschreiben, was Shidô uns ohnehin jeden Moment auftragen würde.

Im Anschluss folgten noch ein knappes Dutzend Aufgaben, die wir wie im Beispiel vorgerechnet in Stillarbeit zu erledigen hatten. Alles was wir im Unterricht nicht schafften, durften wir zusätzlich zu den Hausaufgaben bis zur nächsten Stunde machen – als hätten wir nicht schon genug zu tun! Andere Lehrer verlangten schließlich auch Hausaufgaben, ich hatte dreimal die Woche Naginata-Training und zusätzlich arbeitete ich am Wochenende als Aushilfe in einem Café.
„Shidô-sensei!“ Mikus quengelnde Stimme zerriss die konzentrierte Stille. Ich hatte das Gefühl, dass sie alle paar Minuten nach Shidô rief, was von einigen Mädchen neidisch oder missmutig beobachtet wurde, jedoch fehlte vielen von ihnen das enthusiastische Selbstbewusstsein, das Miku an den Tag legte. Schnell war Shidô bei ihr und warf einen Blick über ihre Schulter. Seine Erklärungen und Korrekturen flüsterte er ihr regelrecht ins Ohr, so sehr rückte er ihr auf die Pelle, als er leise mit ihr sprach. Taniuchi und Kawamoto flüsterten irgendetwas, aber sie verstummten augenblicklich, als Shidô sich wieder zur Klasse umdrehte. Auch ich widmete mich hastig wieder meinen Aufgaben, um jeglichem potenziellen Ärger aus dem Weg zu gehen Die ganze Stunde über funktionierte das.

Und dann schnappte der Aal doch noch zu.

Er hielt mich auf, als ich als eine der Letzten am Ende der Stunde den Klassenraum verlassen wollte. Es ärgerte mich, weil ich es eigentlich vermied, alleine mit Shidô zu bleiben und sofort wurde mir einmal mehr bewusst, wieso.
„Miyamoto, ich hätte vorhin fast nicht gemerkt, dass du da bist“, sagte er ohne mich anzusehen, während er seine Sachen zusammenpackte. Ich blieb stehen, erwiderte jedoch nichts. „Du warst auffallend ruhig heute“, setzte er unnötigerweise nach.
„Es gab in der heutigen Stunde ja nicht gerade viel Gelegenheit, sich zu melden“, rechtfertigte ich mich und hoffte, dass ich nicht zu gereizt klang. Freundinnen, die meinen Hass auf Shidô nur allzu gut kannten, hatten mir mal geraten, mich ihm gegenüber zu zügeln und mich nicht mit ihm anzulegen. Etwas, was mir ziemlich schwerfiel.
„Du bist mit den Aufgaben zurechtgekommen?“, hakte er in geringschätzigem Tonfall, aber mit einem Lächeln, nach.
„Ja.“ So vieles hätte ich ihm nur zu gerne an den Kopf geworfen, aber ich riss mich zusammen. Er hob kurz die Augenbrauen, als nähme er mich nicht für voll, lächelte weiter sein blödes, schmieriges Lächeln und ging dicht an mir vorbei auf den belebten Flur, dass mir der aufdringliche Geruch seines Aftershaves in die Nase stieg.
„Einen schönen Tag noch, Miyamoto. Bis morgen“, verabschiedete er sich. Während ich eisern schwieg, rief Miku, die mit ihren Freundinnen noch auf dem Gang stand, ihrem Lieblingslehrer eine herzliche Verabschiedung hinterher. Sie musste mein abfälliges Schnaube, als ich den Raum verließ, gehört haben, denn zu meinem Leidwesen sprach sie mich an, als ich an ihr vorbei wollte.
„Was hast du denn noch mit Shidô-sensei zu besprechen gehabt, Miyamoto?“, wollte sie wissen.
„Das geht dich überhaupt nichts an“, sagte ich bloß.
„Wag es dich bloß nicht, Shidô-sensei zu belästigen“, drohte sie mir plötzlich hochmütig. „Nicht dass er auf billige Mädchen stehen würde...“ Mikus Freundinnen kicherten und ich drehte mich wütend zu den dreien um.
„Was ist eigentlich dein verdammtes Problem?“ Ich konzentrierte mich allein auf Miku; ihre sogenannten Freundinnen sollten ruhig merken, dass sie nichts als schmückendes Beiwerk waren. „Wenn sich hier jemand an Shidô ranschmeisst, dann bist das ja wohl du! Mehr als billig!“
„Eifersüchtig, weil er mich besser leiden kann als dich?“, stichelte Miku und brachte mich mit ihrer Frage zum Lachen.
„Du hast sie wohl nicht mehr alle! Den kannst du geschenkt haben, wenn du es so nötig hast!“
„Bitte? Ich hab es nötig?“
„Offensichtlich, wenn du immer noch hier rumhängst um deinem geliebten Lehrer auf Wiedersehen zu sagen, statt nachhause zu gehen.“
„Pass bloß auf, was du sagst!“, zischte sie säuerlich, wie ich zufrieden feststellte. Ich war gespannt was sie vorhatte. Würde sie bloß zu weiteren Beleidigungen ausholen oder mich sogar körperlich angehen? Sollte sie ihr Glück ruhig versuchen; während ich Kampfsport trainierte, war sie bloß in der Theater-AG. Doch bevor unser Streit eskalieren konnte, wurde er jäh unterbrochen.
„Hey, Rei! Hast du Schluss?“ Takashi, mein bester Freund, war zu uns getreten; die anderen Mädchen nach einem kurzen Blick ignorierend, was minimal an Mikus Stolz zu kratzen schien. Takashi war im Jahrgang unter uns und noch immer wunderte es mich, dass er sich ausgerechnet für die private Fujimi-Oberschule entschieden hatte. Er war faul und zog Ärger magisch an. Ständig geriet er in Schwierigkeiten, die er meistens selbst zu verschulden hatte. Nicht selten lieferte mein Vater, als Polizist, ihn zuhause ab. Takashis Mutter verzweifelte langsam an ihm und wartete vermutlich genau wie ich bloß darauf, dass er einmal mehr über die Stränge schlug und sich einen Schulverweis einhandelte. Und das, wo er in diesem Moment mit seinem Lächeln so harmlos und friedlich wirkte.
„Ja, wir können gehen“, antwortete ich und hakte mich unter den skeptischen Blicken Mikus und ihrer Freundinnen bei ihm unter. Miku musterte Takashi eingehend, checkte ihn von oben bis unten ab und schenkte ihm schließlich ein herausforderndes Lächeln. Typisch Mann ging er auf ihren Annäherungsversuch ein und ich zog ihn entschieden mit mir mit.
„Bis morgen, Miyamoto“, säuselte Miku noch. Ich ignorierte sie.

„Wer war denn das?“, erkundigte sich Takashi neugierig, als wir das Schulgelände verließen. Da wir quasi Nachbarn waren, hatten wir den gleichen Heimweg. Sein Interesse an Miku störte mich.
„Bloß eine nervige Klassenkameradin, die ich nicht ausstehen kann“, erzählte ich unverblümt.
„Warum?“, hakte Takashi verständnislos nach.
„Wie gesagt, sie nervt einfach. Sie ist eine totale Zicke und ein Lästermaul. Und absolut oberflächlich. Wirklich niemand, den man kennen muss.“
„Aber sie ist heiß“, meinte er.
„Ist das dein Ernst?“
„Es ist so.“
Ich seufzte. „Das ist so typisch... Sie ist heiß, scheiß drauf, dass sie keinen Charakter hat. Jungs...“
„Schon gut, das heißt ja nicht, dass ich sie gleich abschleppe“, sagte er versöhnlich und ich lächelte gnädig, schließlich wollte ich nicht mit ihm streiten.
„Diese blöde Kuh hat doch glatt behauptet, ich würde mich an Shidô ranschmeissen!“, machte ich meinem Unmut Luft, mit dem Hintergedanken, Miku etwas unattraktiver für meinen besten Freund zu machen.
„Shidô?“, wiederholte er ungläubig und verzog angewidert das Gesicht. „Ist ja ekelhaft.“
„Ja, oder? Wer auf den Typen steht muss schon unter schlimmster Geschmacksverirrung leiden. Und dann meinte der doch tatsächlich zu mir, ich hätte mich nicht besonders am Unterricht beteiligt! Ich hab seine blöden Aufgaben immerhin gemacht! Tsunoda hat überhaupt nichts gemacht und glaubst du, das hätte Shidô bemerkt? Nein, das will er natürlich nicht gesehen haben!“
„Seltsamerweise ist Shidô der einzige Lehrer, der an dir rummeckert“, stand Takashi mir bei.
„Der Typ ist kein Lehrer. Zumindest sollte er keiner sein. Und dann hat er uns noch jede Menge Hausaufgaben für morgen aufgegeben, obwohl wir morgen Japanisch und kein Mathe haben.“
„Ja, das macht er bei uns auch andauernd... Also hast du heute keine Zeit?“
Misstrauisch hob ich eine Augenbraue. „Du solltest deine Nachmittage auch mal für Hausaufgaben nutzen“, tadelte ich streng. „Wenn du nicht langsam anfängst dich anzustrengen, wirst du´s nicht ins nächste Schuljahr schaffen.“
„Ach... ich streng mich ab nächster Woche an!“
„Na sicher...“ Natürlich war mir klar, dass das eine Lüge war, dass er sicher nur zum Essen kurz zuhause vorbeischauen und den Rest des Tages keinen weiteren Gedanken an die Schule verschwenden würde. Ich dagegen konnte den fürchterlichen Gedanken, morgen wieder Shidô im Unterricht ertragen zu müssen, den ganzen restlichen Tag nicht mehr aus meinem Kopf verbannen...
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