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Shidô-sensei

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Kōichi Shidō Rei Miyamoto
24.08.2015
30.03.2018
13
27.021
 
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24.08.2015 916
 
01 ~ Hass auf den ersten Blick

Es gibt ja so Leute, die kann man einfach nicht ausstehen. Da reicht der erste Blick um zu sagen, dass man mit dieser Person am liebsten nichts zu tun haben will. Das berühmte Bauchgefühl.

„Miyamoto-san, würde es dir sehr viel ausmachen, mir deinen Hintern nicht so entgegenzustrecken?“
Genervt wandte ich mich zur Sprecherin um. Miku Yuuki, meine verhasste Klassenkameradin. Wie mir diese arrogante Schnepfe und ihre blöden Freundinnen auf die Nerven gingen; schon seit unserem ersten Jahr an der Oberschule. Und dabei hatten wir eigentlich gar kein persönliches Problem miteinander. Die meiste Zeit ignorierten wir uns und lästerten hinter dem Rücken der jeweils anderen – nur ein Bruchteil dessen was sie Schlechtes über mich erzählten und an Beleidigungen raushauten, drang jemals an mein Ohr und wenn es erst mal so weit war, ließ sich kaum noch zurückverfolgen, dass es überhaupt von Miku stammte. Vielleicht war dieses hinterfotzige Verhalten auch der Grund für unser relativ friedliches Verhältnis. Gerne würde ich sagen, dass mich ihre Worte und Sticheleien kalt ließen, aber ich fürchte das wäre eine Lüge, die ich mir nicht einmal selbst abkaufen würde. Wenn Miku und ihre Freundinnen mich tuschelnd und grinsend beobachteten, suchte ich bei nächster Gelegenheit ängstlich den nächsten Spiegel auf. Als sie ihre Röcke gekürzt hatten, hatte ich es ebenfalls getan, um nicht hinter ihnen zurückzustehen. Aber ich unterdrückte meine Gefühle; meinen Hass auf sie und auch mich selbst, weil ich mich so abhängig von ihnen machte, und zeigte Miku mein herablassendstes Lächeln, als ich mich zu ihr umdrehte.
„Aber nicht doch“, ging ich mit zuckersüßer Stimme auf ihre Aufforderung ein. „Will dich ja nicht neidisch machen.“
„Neidisch?“, wiederholte Miku spöttisch und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Davon träumst du doch wohl!“
Was für eine Unverschämtheit! Ich brauchte mich ja nun wirklich nicht hinter dieser Zicke zu verstecken! Ich war mit mir und meinem Körper mehr als zufrieden und erfreute mich an der Schule großer Beliebtheit, weshalb ich auch nichts auf ihre Worte gab. Ich musste aber zugeben, dass auch Miku hübsch und beliebt war. Irgendwer hatte sie sogar mal als das hübscheste Mädchen der ganzen Schule bezeichnet und viele Leute schienen diese Auffassung zu teilen.
Ich wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, als Makoto, die Sportskanone schlechthin in unserer Klasse, sich ungeduldig zu Wort meldete: „Hey, Leute, legt mal ´nen Zahn zu – ihr wisst doch, dass Teshima-sensei nicht gerne wartet!“ Damit verließen sie und die meisten anderen Mädchen die Umkleide.
„Was für eine Streberin“, ätzte Miku leise und zog sich das weiße Top über, ohne mich noch weiter zu beachten. Auch ich machte mich ohne weitere Unterbrechungen fertig und folgte den anderen in die Turnhalle.

Als ich Shidô-sensei statt unseren Sportlehrer vor den herum albernden Jungs stehen sah, hätte ich schreien können.

Diese Aufgabe nahm Miku mir ab, nur dass ihr leiser Aufschrei von freudiger Überraschung und keineswegs von Entsetzen rührte. „Shidô-sensei! Haben wir jetzt mit Ihnen Unterricht?“, wollte sie wissen, als wir uns der bereits versammelten Gruppe näherten.
Shidô musterte uns eindringlich und schob seine Brille zurecht. „Das ist korrekt. Teshima-sensei ist überraschend ausgefallen und ich werde ihn vertreten.“ Während Miku und ihre Freundinnen keinen Hehl aus ihrer Begeisterung machten, versuchte ich meine Bestürzung zu verbergen. Es war als wäre mein schlimmster Alptraum wahr geworden. Ich hasste diesen Typen. Ich hasste ihn noch mehr als Miku; mehr als irgendetwas auf der Welt!

Kôichi Shidô unterrichtete Modernes Japanisch und Mathematik Analysis. Das konnte er noch nicht allzu lange tun; wenn ich schätzen müsste, hätte ich gesagt, dass der Typ gerade mal die dreißig überschritten hatte. Doch er war seit meiner Einschulung an der Fujimi Oberschule da gewesen und quälte mich bereits seit anderthalb Jahren.
Dabei rede ich weniger von mangelndem mathematischen Verständnis, sondern von ganz persönlicher Schikane durch einen der unsozialsten und respektlosesten Lehrer, den ich je kennenlernen durfte. Er unterschied deutlich zwischen Schülern, die er mochte und denen, die er nicht mochte. Solche die er mochte erfreuten sich guter Noten ohne viel dafür tun zu müssen und hier und da mal ein meist ungerechtfertigtes Lob. Vor allem mussten sie nicht befürchten, Opfer seines Spotts und öffentlicher Demütigung zu werden. So wie ich und ein Großteil der Klasse.

Zugegeben, ich war noch relativ gut dran. Zwar zählte ich nicht zu Shidôs Lieblingen, doch beschränkte er sich bei mir darauf, mich nur hin und wieder in einer winzigen Bemerkung versteckt als blöd abzustempeln, weil er mich in einem unaufmerksamen Moment erwischt hatte oder weil er Fragen stellte, die niemand, der diesen Quatsch nicht studiert hatte, beantworten konnte. Im Vergleich aber musste man sagen, dass ich immer glimpflich davonkam. Wenn ich da an die schüchterne Tomoko dachte, die wegen diesem schleimigen Arschloch schon heulend das Klassenzimmer verlassen hatte oder an Yoshikawa, der regelrechte Angstzustände bekam, wenn er nur an Shidôs Unterricht dachte...

Nun gut, ich war sportlich. Wenn es nur um Leistung gegangen wäre, hätte mir diese spontane Vertretungsstunde keine Magenschmerzen bereitet. Doch da war etwas, das mir sehr wohl Sorgen machte. Ein Unbehagen, ausgelöst von Shidôs eindringlichen Blicken. Von seiner erdrückenden Nähe, wenn er mir im Unterricht über die Schulter sah. Von seinen scheinbar zufälligen Berührungen, wenn ich etwas an die Tafel schreiben sollte. Alles in mir sträubte sich dagegen im knappen Sporthöschen vor diesem widerlichen Mann herumzuturnen.

Wie gesagt, es gibt diese Leute, die man schon auf den ersten Blick nicht ausstehen kann. Miku war zugegebenermaßen nicht so eine Person für mich gewesen.
Kôichi Shidô war so eine Person.
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